Konservativ sein heißt, die richtigen Fragen zu stellen

22. Oktober 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

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Diskussion: Wer Gutes bewahren will, ist ein Konservativer – doch wie kann das in Gesellschaft und Politik praktisch aussehen?

Nicht erst seit dem Buch des früheren hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch geht die Diskussion um den Inhalt dieses Begriffes »konservativ« durch die Gesellschaft.

In der Regel bezieht sich das ­conservare, das Bewahren auf ­traditionelle Wertsysteme und ­Lebensformen. Diese sind im mitteleuropäischen Kontext ursprünglich christlich und/oder national geprägt. Damit verknüpft ist meist eine Betonung der Eigenverantwortlichkeit und insbesondere die Betonung des Rechts auf Privateigentum. Darüber hinaus spielen die Sekundärtugenden eine starke Rolle, wie etwa Ordnung, Fleiß, Höflichkeit etc. In der Haltung zum Staat gibt es zwei Strömungen: Zum einen die eher »republikanische«, die auf eine homogene Kultur und Werteordnung orientiert ist, und eine eher »liberale«, die vor allem die Rechte des Individuums im Blick hat, und deshalb gegenüber staatlich verordneter Vergemeinschaftung skeptisch ist.

»Einwecken« ist ein ­probates ­Mittel zur Konservierung von  Obst und  Gemüse. Zur Bewahrung gesellschaft- licher und ­politischer Werte ist es  allerdings ­weniger ­geeignet … Foto: picture- alliance/bsip/ Kovaleff

»Einwecken« ist ein ­probates ­Mittel zur Konservierung von Obst und Gemüse. Zur Bewahrung gesellschaft- licher und ­politischer Werte ist es allerdings ­weniger ­geeignet … Foto: picture- alliance/bsip/ Kovaleff

Im Gegensatz zu früheren Erscheinungsformen ist der Konservatismus heute unhintergehbar an eine universale Rechtsordnung gebunden. Die Orientierung an den Menschenrechten und am liberalen Rechtsstaat sind Begrenzungen für traditionale Gemeinschaftswerte oder eine nationale Verengung des Wertekanons. Die Würde aller Menschen zu bewahren, ist damit unhintergehbare Grundorientierung des politischen Konservatismus, der sich damit nicht einfach auf nationale Positionen zurückziehen kann – und wo er es versucht, ­gerät dies wenig überzeugend.

Wichtig ist die zugegebenermaßen nicht ganz neue Einsicht, dass der Konservatismus die Werte, die er propagiert, durch die Wirtschaftspolitik, die er macht, strukturell untergräbt. Die Betonung des individuellen Besitzes und der selbstverantworteten Lebensführung geht meist einher mit ­einem marktliberalen Wirtschaftsverständnis. Die enorme Dynamik des modernen Kapitalismus in den letzten 150 Jahren untergräbt die traditionellen Lebensformen, die vom Konser­vatismus bewahrt werden wollen. Um es an einem Beispiel deutlich zu machen: In der Regel haben Konservative eine positive Bewertung der Familie als zentraler gesellschaftlicher Institution; zugleich unterstützen sie eine Wirtschaftspolitik, die über Flexibi­lisierung der Arbeitszeiten etc. das ­Familienleben erschweren.

Das Ringen um konservatives Profil steht deshalb gegenwärtig vor enormen Herausforderungen, da die traditionellen Werteordnungen und Lebensformen auch im christlichen und bürgerlichen Milieu nicht mehr unhinterfragt gelten und verlässlich tradiert werden. Sie unterliegen einem zunehmenden Wandel, der durch die ökonomisch und technologisch bedingte strukturelle Umwandlung der Gesellschaft verursacht wird. Weder das klassische Familienbild noch die traditionelle Geschlechterordnung sind heute noch vorherrschend. Auch die viel zitierte »deutsche Kultur« ist mehr eine mytholo­gische Größe, wenn sie nicht gleich mit Oktoberfest und Musikantenstadel in eins gesetzt wird.

Wenn keine positive Definition der konservativen Werte mehr möglich ist steht der politische Konservatismus in der Gefahr, einem populären Ressentiment gegen alles Fremde zu erliegen und dies mit konservativen Positionen zu verwechseln. Wenn ein vermeintlicher Patriotismus in Fremdenfeindlichkeit umschlägt, wenn liberale Rechtsstaatlichkeit einem dumpfen regionalen Patriotismus und einem diffusen Gleichheits- und Harmoniebedürfnis weicht, das gelegentlich noch kritische Untertöne gegen die parlamentarische Demokratie erklingen lässt, vom Ruf nach dem »starken Mann« oder inzwischen auch der »starken Frau« ganz zu schweigen, dann befindet man sich längst nicht mehr auf dem Terrain des konservativen Diskurses, sondern hat die Linie zur Ideologie der Neuen Rechten beziehungsweise zum Rechtspopulismus längst überschritten.

Die Hauptgefahr für den Konservatismus im Osten Deutschlands besteht meines Erachtens derzeit darin, dass oftmals die intellektuelle Kapazität – man könnte auch sagen »Bildung« – fehlt, um diese Differenz überhaupt analytisch verstehen zu können.

Vielleicht müsste ein im liberalen Rechtsstaat beheimateter Konservatismus im Moment gar nicht auf alles schon die richtigen Antworten haben, sondern es würde genügen, wenn er auf angemessenem Niveau die richtigen Fragen stellte: Wie können angesichts des gesellschaftlichen Wandels verlässliche Bindungen und verantwortungsvolle Beziehungen entstehen und unterstützt werden (egal in welcher Lebensform die Menschen ­leben)? Ist es vielleicht nicht sinnvoller die Chancengleichheit durch frühe Förderung zu erhöhen, statt Ergebnisgleichheit durch immense staatliche Bürokratien und Transfers erzielen zu wollen? Was könnte es heute heißen, die Eigenverantwortung zu stärken, ohne gleich den Sozialstaat prinzipiell infrage zu stellen? Wie kann die Schöpfung bewahrt werden, hier bei uns und weltweit, und zugleich ein angemessener Lebensstil für alle ermöglicht werden?

Egal wie man diese Fragen im Einzelnen beantwortet, die grundlegende Kategorie, um alle diese »konserva­tiven« Fragen zu bearbeiten ist: umfassende Bildung. Durch Bildung die eigene und eigenverantwortliche Lebensgestaltung im umfassenden Sin­ne zu ermöglichen, wäre der absolute Primat für eine Politik, die sich konservativ zu sein beansprucht.

Dr. Michael Haspel, ist Pfarrer und Direktor der Evangelischen Akademie Thüringen in Neudietendorf.