Gott ist da, er lässt dich nicht allein

24. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Weihnachten lässt sich nicht ignorieren. Überall ist es präsent, auch auf unserem kleinen Markt vor meiner Lieblingsbibliothek: »Madame, nur ein Euro, dass ist geschenkt!«, strahlt mich der junge, dunkelhäutige Verkäufer an.

Foto:  Harald Krille

Foto: Harald Krille

Kleinigkeiten zu Weihnachten: Klebeband, Tischschmuck, bunte Karten. Ach, ja, Tannenzapfen für den Weihnachtsbaum wie zu Omas Zeiten. Ich habe keinen Weihnachtsbaum, trotzdem kaufe ich, weil die Dinge mich an das Weihnachten meiner Kindheit erinnern. Und so leuchtet für nur ein Euro die Vergangenheit in mir auf.
Alle Jahre wieder die gleichen Rituale: Wohnung herrichten, Märchen schauen. Wenn sich dann die Fenster der gegenüberliegenden Plattenbauten ins Weihnachtslicht tauchen, zünde auch ich meine Kerzen an, höre leise Musik, öffne bei duftendem Kaffee meine gesammelte Weihnachtspost und fühle mich verbunden mit den Menschen, die anderswo ihr Weihnachten feiern.

Nur in diesem Jahr bekam ich nichts so richtig in die Reihe. Meine Wohnung wollte sich nicht schmücken lassen, die Rituale hatten ihre Kraft verloren und Weihnachtsharmonie stellte sich nicht ein.
So war mir ein Anruf, ob ich mit in die Kirche fahren möchte, sehr willkommen. Meistens fällt es mir schwer die Wohnung zu verlassen, wenn ich mich einmal gemütlich eingerichtet habe. So aber dachte ich: Vielleicht ist Weihnachten diesmal für mich vor der Tür.

In den großen Kirchen ist Heiligabend kaum Platz, zu viel Gedränge, zu wenig Raum für Andacht. Also ­entschieden wir uns für eine kleine Gemeinde mitten in Berlin. Die kleine Kirche steht zwischen Berliner Altbauten – Mietshäuser mit Problemfamilien. Sie sah aus wie ein Zweifamilienhaus, dessen Tür weit ­geöffnet und hell beleuchtet ist. Der Innenraum strahlte Wärme und Geborgenheit aus, erinnerte an die gute Stube mit dem großen Weihnachtsbaum und dem Weihnachtsstern.

Der Gottesdienst begann und ich sang voller Freude die mir vertrauten Lieder, lauschte dem Chor, summte leise mit. Ich sehnte mich nach Ruhe. Mein Blick ging zum Weihnachtsstern, zu den großen mit Lichtern geschmückten Fenstern. Diese gaben die Sicht zum Berliner Innenhof frei: Beleuchtete Küchen, hinter denen vermutlich die letzten Handgriffe für das Abendbrot getan werden, Treppenhäuser im Halbdunkel, die sich ab und zu erhellten.

Plötzlich in diese Andacht hinein drei Kanonenböller, mitten hinein in den Hofschacht. Sichtbar erschrocken sangen alle tapfer weiter, die Blicke fest auf den nun wieder im Dunkeln liegenden Hofschacht gerichtet. Mein Herz klopfte, ich hatte Angst, wollte am liebsten aufstehen und weglaufen. Und noch einmal knallte es dumpf. Der Pfarrer war zur Predigt ans Pult getreten. Man konnte auch in seinem Gesicht Beunruhigung erkennen. Ein Mädchen in einem Rollstuhl, körperlich und geistig behindert, wurde vom Vater hinausgefahren.

Ich dachte verzagt: Wo ist mein Glaube, wenn plötzlich die Harmonie gestört ist? Davongeflogen wie ein erschreckter Vogel??

Noch immer schaute ich ängstlich zur Fensterfront. Was ist das für ein Glaube, der in Gefahr davonfliegt? In meine Zweifel hinein hörte ich die leicht verunsicherte Stimme des Pfarrers: »Auch wenn dein Glaube dich längst verlassen hat und du weit weg von Gott zu sein scheinst, er ist da! Er lässt dich nicht allein.« Ich staunte. Die Worte klangen für mich wie eine Antwort von Gott. Langsam wurde ich ruhiger. Auf der Rückfahrt sprachen wir darüber, wie erschrocken alle über das laute Knallen waren. Anschließend besuchte ich eine ­ältere Dame in unserem Haus. Sie lebt ebenso allein. Wir aßen zusammen Abendbrot und sangen Weihnachtslieder aus ihrer Erinnerung.

Als ich am anderen Morgen, dem ersten Weihnachtsfeiertag, erwachte, hatte ich das Gefühl, Weihnachten sei nun doch auch bei mir eingekehrt. Wieder fielen mir die Worte des Predigers ein: »Auch wenn dein Glaube dich längst verlassen hat und du weit weg von Gott zu sein scheinst. Er ist da! Er lässt dich nicht allein.«

Margarete Noack