Gott hat die Ewigkeit ins Herz gelegt

2. September 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Beerdigung eines Goldfisches – Wie ein Pfarrer mit einem besonderen Kinderwunsch umging

Es klingelt. Ich öffne die Tür. Heulend kommt Yvette hereingestürzt. »Sie sind doch Pfarrer – können Sie auch einen Fisch beerdigen?«, schluchzt sie. »Na, setz dich erst mal. Und dann erzähl mir – was ist passiert?«, sage ich und warte ab bis Yvette sich ein bisschen beruhigt. Sie ist ungefähr zwölf Jahre alt, wohnt mit ihren Eltern eine Etage unter uns in ­einem Neubauwohnblock. Ihr Vater ist Polizist, die Mutter arbeitet auch bei der Polizei. Beide, Vater und Mutter, kennen weiter nichts als die Ideologie des DDR-Sozialismus. Sie sind aber tolerant genug, um zuzulassen, dass Yvette öfters mal zu uns kommt, wenn sie ein Problem hat.

Es ist das Jahr 1986, und Yvette hat ein Problem. Sie hat einen Goldfisch, den sie liebt. Arthur heißt er. Er schwimmt in einer großen Kugelvase.

Nun schwimmt er plötzlich nicht mehr. Er ist tot.

Yvette rennt zu ihrer Mutter und klagt ihr Leid. Die Mutter sagt: »Ach hab dich nicht so! Wir schmeißen den Fisch ins Klo und spülen ihn runter, und damit ist’s erledigt.« Yvette ist im Herzen getroffen. »Nein, dass kannst du doch nicht machen«, widerspricht sie ihrer Mutter.

Glaube-Alltag-35-2013Nun sitzt sie tief betrübt da und ­erzählt mir alles. Alles über Arthur und vieles über ihre Eltern und ihren großen Bruder. »Der hat mich bloß ausgelacht«, jammert sie. »Können Sie meinen Arthur beerdigen?« Das ist ihre große Bitte. Von Religion oder Kirche hat sie auf Grund ihrer Erziehung keinen blassen Schimmer. Oder vielleicht doch, so, wie es Prediger Salomo in Kapitel 3, Vers 11 beschreibt: »Gott hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.« Hat sie doch eine Ahnung? Nachdem sie sich ausgesprochen hat, tritt ein Schweigen ein. Yvette schaut mich erwartungsvoll an. Ich überlege: Keinesfalls darf ich Yvette enttäuschen. Es geht nicht nur um den Fisch, es geht um Yvette. Sie braucht Trost, damit sie nicht Schaden nimmt an ihrer Seele. Und Arthur, der Goldfisch, ist dabei jetzt sehr wichtig. Was kann ich machen?

Endlich sage ich: »Also pass auf, Yvette! Wir wollen es so machen: Du bastelst aus Pappe ein kleines Kästchen, wo Arthur hineinpasst. Dann werden wir das Kästchen unter einen Rosenstrauch tun, der neben der Kirche steht. Ist dir das recht?«

Erleichtert schaut sie mich an. »Ja«, sagt sie, »so machen wir das.« »Gut«, sage ich. »Morgen Nachmittag gehen wir zusammen mit Arthur zur Kirche hin. Bring auch ein Schäufelchen mit!« Yvettes Tränen sind nun versiegt, sie geht.

Am nächsten Tag. Warmer heller Sonnenschein. Yvette und ich gehen zur Kirche. Ach was, wir schreiten! Es ist fast so feierlich wie bei einer Prozession. Yvette trägt ihren Arthur in ­einer Schachtel auf beiden Händen vor sich her. Der Weg dauert ungefähr zehn Minuten – normalerweise. Ich habe das Gefühl, dass wir viel länger unterwegs sind. Wir kommen zu dem Rosenstrauch. Ich bitte Yvette, mit dem Schäufelchen, dass sie nicht vergessen hat, unter dem Strauch eine kleine Grube auszuheben. Als sie tief genug ist, legt Yvette die Schachtel ganz behutsam hinein. Sie schaut mich an. Ich muss jetzt etwas sagen. Es muss nichts Frommes, Biblisches, Kirchliches sein, aber es muss überzeugend, glaubwürdig sein. Ich sage: »Yvette, hier ist dein Arthur gut aufgehoben. Nun kann ihm niemand mehr etwas zuleide tun. Ist nun alles gut?« Sichtlich erleichtert und dankbar schaut sie mich an und nickt nur mit dem Kopf. Weiterer Worte bedarf es nicht.

Auch ich bin erleichtert. Ich will nicht verschweigen, dass ich das wohltuende Gefühl habe, etwas Richtiges und Hilfreiches getan zu haben – und das ist kein alltägliches Gefühl.
Auf dem Heimweg reden wir nicht viel, aber unser Schritt ist nicht mehr so feierlich, sondern eher etwas heiter.

Einen Tag später stelle ich fest, dass an dem kleinen Fisch-Grab unter dem Rosenstrauch ein kleines Kreuz steht, schlicht zusammengebunden aus zwei kleinen Zweigen. Ich weiß, das hat sich Yvette ausgedacht. Ich spreche mit meinem engsten Mitarbeiter über das alles und bitte ihn dringlich, nicht an diesem kleinen Grabmal zu rühren. Nach ein paar Wochen haben Wind und Wetter das ihrige getan, und nun ist die Geschichte zu Ende – fast zu Ende.

Wenige Jahre später geht die DDR zugrunde und mit ihr die gottvergessene Ideologie des Marxismus-Leninismus. Yvette besucht ein Gymnasium und nimmt am Religionsunterricht teil. Ganz aus eigenem Antrieb strebt sie danach, getauft zu werden. Ihre Eltern haben es ihr untersagt. Aber als Yvette 18 Jahre alt ist, setzt sie ihren Willen durch. Die Taufe findet statt an einem Ostermorgen um sechs Uhr.

Hans-Peter Steinhäuser

Der Autor ist Pfarrer i. R. in Gera

Norwegen: Von der Butterkrise in die Rindfleischkrise

14. März 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Kua mi, jeg takker deg / deilig melk du gir til meg. / Hver en dag jeg til mitt brød, / drikker melka di så søt: Meine Kuh ich danke dir, gute Milch die gibst du mir. Jeden Tag zu meinem Brot, trink deine Milch ich süß und gut.

In vielen norwegischen Kinder­gärten wird dieses »religionsneutrale Tischgebet« gesungen. Auch wenn Norwegen sich immer noch als ein Bauernland versteht: Über die Hälfte der bald fünf Millionen Norweger wohnt in Orten mit wenigstens 20000 Einwohnern und weit weniger als eine halbe Million wohnt in Orten mit weniger als 2000 Einwohnern. Unter ihnen sind auch die meisten der etwa 50000 Bauern und Fischer. Auch wenn der Abstand zu den Bauern immer größer wird: Norwegen versorgt sich immer noch zu großen Teilen selbst mit landwirtschaftlichen Produkten und ist in diesem Bereich auch nicht der EU angeschlossen.

Doch auch die Norweger sind inzwischen an volle Supermarktregale gewöhnt und kaufen ihre Lebens­mittel dort. Auch der Abstand zum Schöpfer dieses wunderbaren Landes wird leider auf Betreiben einiger politisch aktiver Atheisten immer größer. In einem mit »Lebenskunde-Ethik-Religion« (LER) verwandten Fach darf Christentum in der Schule nur noch im gleichen Umfang wie andere Religionen unterrichtet werden. Einen konfessionellen Religionsunterricht gibt es nicht.

Michael ­Hoffmann ­berichtet für ­unsere ­Kirchenzeitung aus Norwegen.

Michael ­Hoffmann ­berichtet für ­unsere ­Kirchenzeitung aus Norwegen.

Seit dem Herbst 2011 wurden wir dann daran erinnert, dass der Erntedank vielleicht doch keine so unnütze Einrichtung ist. Die Bauern dürfen, um Überproduktion zu vermeiden, nur eine bestimmte Menge Milch verkaufen und halten dementsprechend auch nicht mehr Kühe. Durch starke Niederschläge und Überflutungen im Sommer gab es nun weniger Milch und Milch von geringerer Qualität.

Gleichzeitig begannen viele Norweger noch mit einer »Low-Carb-Diät«. So leerten sich die Butterregale. Bald gab es Hamsterkäufe und schließlich nur noch zwei Pfund Butter pro Person. Kurz vor der Adventszeit waren die ­Regale dann ganz leer. Als Notmaßnahme beschloss die Regierung, den Import einiger Tonnen irischer, belgischer, französischer und deutscher Butter zu genehmigen. Die Weihnachtsbäckerei war gerettet.

Inzwischen gibt es auch wieder norwegische Butter in den Regalen. Doch nun klopft bereits die nächste Krise an die Pforten: die Rindfleischkrise. Die Kühe treten halt weder ihre Milch noch ihr Fleisch so ganz freiwillig an die Menschen ab. Ich bin jedenfalls froh, dass im Kindergarten meines Sohnes ein anderes Tischgebet gesungen wird:

Å du som metter liten fugl / Velsign vår mat å Gud: Oh du, der du den kleinen Vogel sättigst, Segne unser Essen oh Gott.

Michael Hoffmann