»Ich werde sein, der ich sein werde«

8. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Auf Leserwunsch widmet sich unsere Kirchenzeitung den schönen Namen Gottes, die im Koran vorkommen. Der folgende Beitrag erläutert Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den islamischen und christlichen Namen für Gott.

Im zweiten Buch Mose wird berichtet, wie Gott dem Mose seinen geheimnisvollen Namen nennt. Luther übersetzte die hebräische Formulierung mit »Ich werde sein, der ich sein werde«. Klar, das ist kein unbefangener Vorname wie Paul oder Elvira, sondern der Name Gottes ist eine Beschreibung des Wesens Gottes. Gott bestätigt mit diesem Namen, dass er immer und ewig für uns da ist und sein wird.

In nahezu allen Religionen haben die Götter Namen. Man denke an Vishnu, Zeus, Athene, Wotan, Freya usw. Auch diese Namen verraten etwas über das Wesen des jeweiligen Gottes.
Der Islam kennt 99 Namen Gottes, die auch als die schönen Namen Gottes bezeichnet werden. Fast alle diese Namen finden sich im Koran, lediglich fünfzehn stammen aus weiteren Überlieferungen. Im Koran heißt es: »Gott hat die schönen Namen. Darum rufet ihn an mit ihnen.« (Sure 7,180) Der 100. Name Gottes gilt als unaussprechlich.

Zu den bekanntesten Namen Gottes im Islam gehören »der Herrscher«, »der Allmächtige«, »der Allwissende«, »der Glorreiche«, »der Wohltätige« und »der Lebensspendende«. Viele dieser Namen Gottes sind uns Christen nicht fremd. Aber es fehlt in der islamischen Tradition ein Name Gottes, der für uns von größter Wichtigkeit ist: Im Islam kann Gott nicht Vater genannt werden. Eine solche Anrede steht nach muslimischer Überzeugung im Widerspruch zu Gottes Jenseitigkeit und Transzendenz. Christen jedoch können Gott als »Vater«, als »lieben Vater«, als »unseren Vater« anreden. Jesus hat das selber oft getan – zum Beispiel im Garten Gethsemane. Wir können dies nun auch. Mehr noch: Wir werden sogar von Jesus zu dieser vertrauensvollen Anrede im »Vaterunser« aufgefordert.

Die Rede von Gott als Vater ist in der Heiligen Schrift und in der jüdischen Tradition immer mit Eigenschaften wie Nähe, Fürsorge, Barmherzigkeit und Liebe verbunden. Der Prophet Hosea beschreibt Gott mit Bildern, die einem fürsorglichen Elternteil entsprechen. (Hosea 11) Für Christen ist Gott der, der sich liebend zuwendet. Eben wie ein Vater oder ein väterlicher Freund. So heißt es im zweiten Buch Mose: »Der Herr aber redete mit Mose von Angesicht zu Angesicht, wie ein Mann mit seinem Freunde redet.« (2. Mose 33.11)

Für Muslime ist Allah in erster Linie der absolute Herrscher, nach dessen Gesetzen sich jedes Geschöpf und jede Gemeinschaft zu richten hat. So zeigen die unterschiedlichen Namen Gottes, dass es sowohl Gemeinsamkeiten zwischen dem christlichen und dem islamischen Gottesbild gibt, aber auch wichtige Unterschiede.

Andreas Fincke

Behutsam bewegt sich etwas

19. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Achava-Festspiele: Im Mittelpunkt stand das Gespräch zwischen verschiedenen Kulturen und Religionen

Barmherzigkeit und Nächstenliebe: das sind die Aushängeschilder von Jesus von Nazareth und der ihm nachfolgenden Christenheit. Für den Islam nehmen Außenstehende meist das Gegenteil an. Laut einer Statistik halten 57 Prozent der Deutschen den Islam für bedrohlich. Gewalt, Terroranschläge, die Einschränkung persönlicher Freiheit und Meinungsäußerung: all das wird oft mit dem Islam gleichgesetzt.

Mouhanad Khorchide zeichnet ein ganz anderes Bild des Islam. Der Professor für islamische Religionspädagogik an der westfälischen Wilhelms-Universität Münster hat in seinem Buch »Islam ist Barmherzigkeit. Grundzüge einer modernen Religion« seine Vision von einem Islam des 21. Jahrhunderts skizziert. Im Rahmen der Erfurter Religionsgespräche beim Achava Festival in Erfurt stellte Khorchide seine Thesen vor.

»Eine Religion, die den Anspruch hat im 21. Jahrhundert zu gelten, auch wenn sie im 7. Jahrhundert entstanden ist, muss sich erneuern«, stellte Khorchide ganz klar fest. Der Islam, so der Professor, der im Libanon geboren wurde, habe die gleichen Probleme wie andere Religionen. Oft erreiche man mit den religiösen Inhalten die Jugend kaum noch. »Es gibt viele Kultur-Muslime, die den Islam als kulturelle Identität verstehen, aber wenig bis gar nicht gläubig sind«, so Khorchide. Er sieht hier ein ganz klares Versagen der Religion, das große und bedrohliche Auswirkungen hat.

Khorchide plädierte beim Gespräch in der Erfurter Peterskirche dafür, den Koran historisch-kritisch zu untersuchen, so, wie es auch christliche und jüdische Theologen mit ihren heiligen Schriften praktizieren. Man müsse ein heiliges Buch immer auch im historischen Kontext lesen und in die neue Zeit übersetzen. Kein Jude oder Christ würde Stellen im Alten Testament, die Gewalt zum Thema hätten, unreflektiert ins Heute übertragen.

Konzert mit der israelischen Sängerin Ester Rada. Foto: Achava-Festspiele

Konzert mit der israelischen Sängerin Ester Rada. Foto: Achava-Festspiele

Den Text kritisch anschauen und mancherorts entschärfen, dieser Anspruch hat Khorchide viel Kritik und sogar Morddrohungen eingebracht. Viele werfen ihm vor, beliebig Stellen aus dem Koran zu verwenden und damit ein völlig anderes, ja weichgespültes Bild des Buches zu zeichnen. Diesem Vorwurf trat Khorchide beim Religionsgespräch entschieden entgegen. »Ich versuche vehement, Schlüssel und Kriterien zu schaffen. Ich möchte Antworten finden auf die Fragen ›Was will Gott? Warum erschafft er die Menschen?‹ Vor diesem Hintergrund muss man den Koran lesen. Das ist Exegese.«

Das Gottesbild eines ungerechten strafenden Gottes lehnt Khorchide kategorisch ab. »Glaube ist keine Überschrift«, so der Wissenschaftler und gläubige Muslim. »Glaube ist etwas, das man durch sein Handeln bezeugt.«

Doch wie zukunftsfähig ist eine Religion, die sich schwertut in ihrer Erneuerung, die mit Kritik schlecht umgehen kann und aus den verschiedensten Strömungen besteht? Der Islam könne in der Zukunft nur bestehen, wenn er sich erneuere und eine klare Trennung von Politik, Gewalt und Glaubensinhalten vollziehe, erklärte Khorchide.

Vor dem Hintergrund der Anfeindungen und Bedrohungen, denen er selbst ausgesetzt ist, und angesichts der Ereignisse in der Welt, trat die Frage auf, wie reell so eine Reform des Islam sei. Mouhanad Khorchide weiß, dass sich nur ganz langsam ein Wandel einstellen kann. Er aber spüre, dass sich behutsam etwas bewege. Die Erneuerung werde, so glaubt er, von Europa und den hier lebenden Muslimen ausgehen, die in ihrer Religionsausübung und in ihrer Meinungsfreiheit nicht eingeschränkt seien. Der Bedrohung des IS kann er nur eine positive Seite abgewinnen: Sein Terror habe dazu geführt, dass sich viele Menschen vom politischen Islam ab- und einer Reform zuwenden. Khorchide weiß, wie schwer seine Bemühungen sind, doch er steht auch an diesem Abend in der Erfurter Peterskirche unermüdlich für sie ein: für interreligiösen Dialog, Erneuerung, Freiheit und Demokratie, auch für und mit Muslimen.

Diana Steinbauer

Seelsorge in allen Facetten

9. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Österreichs Bundesheer ist traditionell multireligiös organisiert. Das gilt auch für die Militärseelsorge.

Die Armee in der Donau-Monarchie war immer ein Schmelztigel für Soldaten verschiedenster Herkunft und unterschiedlichen Glaubens«, meint der Leiter des »Institutes für Religion und Frieden« und zuständiger Militärpfarrer für Oberösterreich, Militärkurat Stefan Gugerel. Das »Institut für Religion und Frieden« ist eine Einrichtung des katholischen Militärordinariats der Republik Österreich. Es wurde 1997 gegründet, um eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit sicherheitspolitischen Veränderungen im Hinblick auf die katholische Soziallehre zu fördern. Ganz ökumenisch im selben Gebäude der Wiener Stiftskaserne in der Mariahilferstrasse arbeitet die evangelische Militärseelsorge. Geleitet wird sie von Militärsuperintendent Karl-Reinhart Trauner. Das Pendant zum katholischen Institut ist das evangelische »Institut für militärethische Studien«, kurz IMS.

Angehörige des österreichischen Bundesheeres sind regelmäßig Teilnehmer der internationalen Soldatenwallfahrt  in das französische Lourdes. Foto: Bundesheer/Karlovits

Angehörige des österreichischen Bundesheeres sind regelmäßig Teilnehmer der internationalen Soldatenwallfahrt in das französische Lourdes. Foto: Bundesheer/Karlovits

Mit angewandter Militärethik wollen beide Einrichtungen das Bildungsangebot für das Österreichische Bundesheer bereichern. Im Blickpunkt stehen die Grundwehrdiener und die Berufssoldaten und Offiziere. Seelsorgliche Praxis bedeutet hier, dass die Militärseelsorger zu den in Österreich Angelobungen genannten Vereidigungen eine kurze Ansprache halten und ein Gebet sprechen. Seit einiger Zeit finden diese Angelobungen auch interkonfessionell und sogar interreligiös statt. Dazu gibt es auch einen orthodoxen und seit 2015 einen muslimischen Geistlichen.

Karl-Reinhart Trauner resümiert die Situation im schönsten Wienerisch: »Es woar a bisserl in den vergangenen Jahren verlorengegangen, dass mer so verschiedene Herkünfte erlebt hat, oaber jetzt koan mer alle Facetten beim Bundesheer erleben.«

Für die Grundwehrdienstleistenden wird ein konfessioneller lebenskundlicher Unterricht angeboten. Die Aufgaben des österreichischen Bundesheeres bewegen sich zwischen Auslands- und Assistenzeinsatz. Assistenzeinsätze bedeuten Hilfeleistung bei Elementar­ereignissen und Unglücksfällen sowie Unterstützung zur Aufrechterhaltung der Ordnung und Sicherheit im Inneren.

Vater Alexander Lapin leitet die orthodoxe Militärseelsorge im österreichischen Bundesheer. Foto: Bundesheer

Vater Alexander Lapin leitet die orthodoxe Militärseelsorge im österreichischen Bundesheer. Foto: Bundesheer

Momentan sind also auch Soldaten an den Grenzen eingesetzt, um Flüchtlinge zu betreuen. Die Kernaufgabe der Militärseelsorge ist, in jedem Fall dort zu sein, wo Soldaten sind, das heißt, auch im Auslandseinsatz oder aktuell beim Grenzschutz. Militärsuperintendent Trauner sieht im Moment viel Gesprächsbedarf in der Flüchtlingsfrage: »Da mües mer nachbereiten, woas der Einzelne so erlebt hat.« So erlebten Grundwehrdiener manchmal, dass das Essen oder die Kleidung wieder weggeworfen wird. Hinzu kommt gelegentlich auch viel Aggressivität. Die Militärseelsorger bemühen sich in Gesprächen deshalb um eine entspannte Situation. Grundsätzlich dauert der Grundwehrdienst in Österreich sechs Monate.

In der Geschichte der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, die einst viele Völker vereinte, spielte die Integration anderer Religionen in der Armee schon früh eine Rolle. Bereits 1874 wurde der Rabbiner Alexander Kisch zum ersten Feldrabbiner ernannt. Derzeit erfolgt die religiöse Betreuung der jüdischen Soldaten im Auftrag des Oberrabbiners.

Schlüsselübergabe: 2015 wurde Imam Abdulmedzid Sijamhodzi als muslimischer Militärgeistlicher eingeführt und erhielt symbolisch den Schlüssel zum Gebetsraum. Foto: Bundesheer/Karlovits

Schlüsselübergabe: 2015 wurde Imam Abdulmedzid Sijamhodzi als muslimischer Militärgeistlicher eingeführt und erhielt symbolisch den Schlüssel zum Gebetsraum. Foto: Bundesheer/Karlovits

1881 wurden in der k.u.k. Armee spezielle Vorschriften für die Wahrung der religiösen Bedürfnisse und Gebräuche der muslimischen, bosnischen Wehrpflichtigen erlassen. Bereits 1882 kam es zur Einrichtung einer islamischen Militärseelsorge und sogar zum Bau einer eigenen Militärmoschee. Das römisch-katholische Militärordinariat Österreich wird von Bischof Werner Freistetter geleitet. Zu ihm gehören derzeit 19 hauptamtliche Seelsorger. Schon seit 1969 existiert die Arbeitsgemeinschaft Katholischer Soldaten, kurz AKS, deren Mitglieder die Militärseelsorger unterstützen.

Die evangelische Militärseelsorge ist im Bundesheer mit sechs evangelischen Militärgeistlichen unter der Leitung von Militärsuperintendent Karl-Reinhart Trauner im Einsatz, darüber hinaus gibt es in allen Bundesländern Pfarrer im Nebenamt sowie eine Arbeitsgemeinschaft Evangelischer Soldaten (AGES).

Thomas Janda

Segenswünsche zum Ramadan

19. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Muslime in aller Welt begehen derzeit den Fastenmonat Ramadan. Für Vertreter aus Gesellschaft, Politik und Kirchen ist es üblich geworden, zu Beginn der Fastenzeit Grußbotschaften zu übermitteln. Am 6. Juni 2016 postete die tagesschau-Redaktion auf Facebook: »Heute beginnt der Ramadan. Wir wünschen allen Musliminnen und Muslimen einen gesegneten Fastenmonat.« Was halten evangelische Theologen davon?

Andreas Fincke

Andreas Fincke

Ja

Andreas Fincke, früher Referent der Ev. Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, heute Hochschulpfarrer in Erfurt.

Für fromme Muslime ist der Ramadan eine Zeit der Entsagung von körperlichen Bedürfnissen und der Besinnung auf den Koran und auf Gott, der hier Allah genannt wird. Seit einigen Jahren übermitteln hochrangige Politiker den Muslimen in Deutschland ihre guten Wünsche zum Ramadan. Auch die Kirchen wünschen immer häufiger einen »gesegneten Ramadan«.

Manchen gefällt das nicht. Sie fragen, ob wir hier eine schleichende Islamisierung des Abendlands erleben. Schließlich gehöre der Ramadan nicht zu Deutschland. Zu unserer Kultur, so mahnen einige, gehören andere Fastenzeiten.

Doch so einfach ist das nicht. Zu unserer Kultur gehören seit Jahrhunderten viele Einflüsse aus dem Morgenland. Der nicht wegzudenkende Kaffee ist dabei wohl das bekannteste Erbe Arabiens. Also abwarten und Kaffee trinken?

Keinesfalls. Denn mit Beginn des diesjährigen Ramadans haben in Tel Aviv palästinensische Attentäter wahllos Spaziergänger erschossen. Zeitnah kündigten radikale Gruppen weitere Anschläge auf Israelis während des Fastenmonats an. Und in Düsseldorf soll es bei einer Brandstiftung in einem Flüchtlingsheim ebenfalls einen klaren Bezug zum Ramadan geben.
Für Millionen frommer Muslime ist der Fastenmonat Ramadan eine Zeit der Besinnung und der spirituellen Neuausrichtung. Es ist gut, wenn wir ihnen dazu Gottes Segen wünschen. Denn Gott wünscht ein gutes Miteinander, Vergebung und Barmherzigkeit. Und er wünscht einen respektvollen Umgang mit Frauen, den eigenen Töchtern und Andersgläubigen. Dazu finden sich im Koran zahlreiche Hinweise. Leider gibt es auch andere Stellen in der Heiligen Schrift der Muslime. Aber man kann ja den Ramadan zum Anlass nehmen, gewaltverherrlichende Stellen im Koran neu zu gewichten. Das geht – die christlichen Kirchen sind diesen Weg auch gegangen.

Möge Gott geben, dass fromme Muslime im Ramadan eine Zeit spiritueller Erbauung finden. Möge Gott helfen, dass man sich in islamistischen Kreisen neu auf Gott, auf Allah und den Kern des Korans besinnt. Dazu wünschen wir gern einen gesegneten Ramadan!

Ulrich Neuenhausen

Ulrich Neuenhausen

Nein

Ulrich Neuenhausen ist Leiter des Arbeitskreises Islam der Deutschen Evangelischen Allianz.


Erst einmal ist es biblisches Gebot, Menschen zu segnen, unabhängig davon, ob sie gut oder böse sind, richtig oder falsch liegen, sympathisch oder unsympathisch wirken. So sagt es unter anderen Petrus in seinem ersten Brief, Kapitel 3, Vers 9: Vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern im Gegenteil segnet, weil ihr dazu berufen worden seid, dass ihr Segen erbt! Christen begegnen jedem Menschen mit Wohlwollen und wünschen sich von Herzen, dass jeder Mensch Gottes Güte in seinem Leben und Herzen erfährt.

Der für Muslime ausgesprochene Segen im Fastenmonat Ramadan kann allerdings auch missverständlich sein. Wenn damit Fasten als eine fromme Übung bestätigt wird, die Gott gefällt und ihn den Menschen gegenüber gnädig stimmt, dann ist damit das Evangelium selbst in Frage gestellt. Gottes Gnade leuchtet uns in Jesus Christus auf, und nicht in frommen Übungen. Gerade hier liegt ja der entscheidende Unterschied zwischen Islam und christlichem Glauben: Die Mitte des Evangeliums ist eine Person, Jesus Christus, die von Gott gekommen, gestorben und auferstanden und dann wieder zu Gott aufgefahren ist. Es gibt keine Vergebung von Schuld, keine Versöhnung mit Gott ohne diesen Jesus, wie ihn die Bibel verkündigt.

Wenn mein Segnen für Muslime bedeutet, dass ihre frommen Übungen Allah gnädig stimmen, Kompensation von Sünde bewirken und so das Leben im Paradies näherbringen, dann ist es ein falscher Segen. Ich kann nicht muslimische Rituale »ab-segnen«, als wären sie ein alternativer Weg zum Glauben an Jesus Christus. Deshalb möchte ich nur dann Segen wünschen, wenn ich vorher klären kann, was mein Gegenüber darunter versteht.

Während des Ramadans fasten gläubige Muslime ab Morgendämmerung bis hin zum Moment des Sonnenuntergangs. Je nach Jahr dauert der Fastenmonat 29 oder auch 30 Tage. Im Jahr 2016 hat er am 6. Juni begonnen und endet am 5. Juli. Foto: wikipedia

Während des Ramadans fasten gläubige Muslime ab Morgendämmerung bis hin zum Moment des Sonnenuntergangs. Je nach Jahr dauert der Fastenmonat 29 oder auch 30 Tage. Im Jahr 2016 hat er am 6. Juni begonnen und endet am 5. Juli. Foto: wikipedia

Gebet allein sichert keine Arbeitsplätze

3. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow im Gespräch mit der Kirchenzeitung »Glaube+Heimat«

Es ist für viele noch immer schwer vorstellbar: Ein Vertreter der Linkspartei führt die Landesregierung. Er verzichtete bei seiner Einführung auf den Gottesbezug im Amtseid, bezeichnet sich dennoch als gläubiger Christ. Trotzdem ist er nicht immer im Gleichklang mit den Vorstellungen seiner Kirche. Dietlind Steinhöfel und Harald Krille sprachen mit Bodo Ramelow.

G+H: Herr Ministerpräsident, viele unserer Leser haben Probleme, Ihr christliches Bekenntnis und die Zugehörigkeit zu einer Partei mit atheistischer Tradition zu vereinbaren.
Ramelow:
Bevor ich dieser Partei beigetreten bin, habe ich sie einer Prüfung unterzogen, um zu klären, inwieweit Atheismus ein Grundsatz dieser Partei sei. Und die Partei Die Linke oder damals noch die PDS ist durchaus keine atheistische Partei, sondern eine grundsätzlich weltanschaulich neutrale Partei. Und ich erinnere daran: Schon im März 1990, also noch in der DDR-Zeit, hat der Parteivorstand der SED-PDS in einem seiner ersten Beschlüsse die Bitte um Entschuldigung gegenüber den Christinnen und Christen in der DDR ausgesprochen.

Keine Foto-Dekoration: Die Bibel und das Herrnhuter Losungsheft sind immer auf Bodo Ramelows Schreibtisch. Das verbindet ihn mit seiner Vorgängerin und politischen Konkurrentin Christine Lieberknecht. Fotos: Harald Krille

Keine Foto-Dekoration: Die Bibel und das Herrnhuter Losungsheft sind immer auf Bodo Ramelows Schreibtisch. Das verbindet ihn mit seiner Vorgängerin und politischen Konkurrentin Christine Lieberknecht. Fotos: Harald Krille

G+H: Aber es gibt durchaus religionsfeindliche Töne aus den Reihen der Linken.
Ramelow:
Also wenn man über religionsfeindliche Tendenzen reden möchte, dann gibt es die durchaus auch in anderen Parteien. Ich kann nur sagen, sicher ist die Linke eine durchaus muntere und diskussionsfreudige Partei in Sachen Religion. Aber es gab und gibt eine starke Arbeitsgemeinschaft der Christinnen und Christen bei der Partei Die Linke und bereits vorher bei der PDS. Die Arbeitsgemeinschaft ist auch seit Jahren auf dem Evangelischen Kirchentag mit einem Strand vertreten.

G+H: Nun hat aber gerade Ihr Verzicht auf die religiöse Bekräftigungsformel bei Ihrer Amtseinführung viele unserer Leser sehr verstört. Was hat Sie dazu bewogen?
Ramelow:
Das war eine tiefgehende, vor meinem Gewissen zu verantwortende Entscheidung, die ich nicht erst vor meiner Vereidigung als Ministerpräsident getroffen habe. Schon viele Jahre vorher habe ich mich dafür entschieden, den Staat und meinen Glauben voneinander zu trennen. Und das bedeutet für mich: Wenn ich ein staatliches Amt übernehme, werde ich die mir vorgeschriebene Eidesformel wählen und mich zu den Gesetzen unseres Staates und der Gleichrangigkeit und Akzeptanz jedes Menschen bekennen. Ich werde mich immer auch zu meinem persönlichen Glauben bekennen und ihn verteidigen, aber ich werde das nicht mit meinem staatlichen Amt verbinden.

Der zweite Grund: Ich bin mit sehr vielen Muslimen und Juden befreundet. Und sowohl Juden als auch die Muslime waren während meiner Vereidigung auf der Tribüne. Und dann steht doch die Frage, welcher Gott in der Bekräftigungsformel gemeint ist? In der abendländischen Tradierung meint es den christlichen Gott, was ich aber für eine Verkürzung halte. Ich sehe den Gottesbegriff durchaus universeller.

G+H: Die institutionelle Trennung von Staat und Kirche ist unbestritten. Doch besteht für Christen nicht gerade die Herausforderung, bewusst als glaubende Menschen das Leben, die Gesellschaft und auch die Politik zu gestalten?
Ramelow:
Das tue ich ja. Nebenbei: Es haben noch nie so viele Menschen auch mit mir über meinen Glauben geredet, wie nach dem Verzicht auf die religiöse Eidesformel. Und ich sage auch ausdrücklich: Es war meine persönliche Entscheidung und ich respektiere jeden Menschen, der die Eidesformel mit dem Gottesbezug wählt.

G+H: Manche sehen in Ihrem Verzicht ein Einknicken vor den religionskritischen Kräften Ihrer Partei.
Ramelow:
Das ist eine ehrabschneidende Behauptung! Weil es mir die Ehre nimmt, dass ich selber eine Gewissensentscheidung getroffen habe.

G+H: Welchen Einfluss hat ihr persönlicher Glaube auf ihr Handeln als Politiker und Ministerpräsident?
Ramelow:
Mein Glaube gibt mir zunächst mal meine innere Festigkeit, verbunden mit einem Grundvertrauen. Wenn es freilich darum geht, bei der Kali und Salz AG eine feindliche Übernahme zu verhindern und 2200 Arbeitsplätze in Thüringen zu sichern, dann bekomme ich das nicht mit Gebet geregelt. Das geht nur, indem ich gemeinsam mit den Betriebsräten und den Anteilseignern eine sehr klare politische Linie entwickle. Aber in all dem lässt mich der Wertekanon unseres Glaubens ein Stück weit gelassener sein. Zudem habe ich schon zu oft in meinem Leben an der Grenze zwischen Leben und Tod gestanden. Spätestens da steht ja die Frage, ob du ein Gottvertrauen hast oder ob du verzweifelst. Das Gutenberg-Massaker hier in Erfurt war so ein Punkt, wo ich sage, der Glaube und die offenen Kirchen in Erfurt haben uns in dieser Situation gestärkt in der städtischen Gemeinschaft, auch wenn die Mehrheit der Bevölkerung atheistisch oder laizistisch oder wie wohl die meisten einfach nur glaubensfern ist.

G+H: Zu Beginn der Sitzungswochen gibt es im Landtag die ökumenischen Andachten. Nehmen Sie als Ministerpräsident daran teil?
Ramelow:
Schon seit 1999 nehme ich daran teil und das tue ich auch als Ministerpräsident weiter. Das war am Anfang etwas spannungsgeladen, weil mancher kurioserweise dachte, ein Linker kann doch mit Gott und Glauben und Christentum nichts am Hut haben.

G+H: Da sitzen Sie dann auch mit ihrer Vorgängerin und politischen Konkurrentin Christine Lieberknecht zusammen. Beeinflusst das Ihr Verhältnis?
Ramelow:
Ich denke, wer miteinander betet, geht miteinander vielleicht etwas nachdenklicher um. Nach dem Amtsantritt von Christine Lieberknecht 2009 gab es einen entscheidenden Punkt, der in Thüringen viel verändert hat. Unmittelbar danach hat sie mich eingeladen, dass wir nach Pößneck fahren und gemeinsam Gesicht zeigen gegenüber den Neonazis. Die wollten damals das dortige Schützenhaus zu einer neuen Wallfahrtsstätte machen. Da hat Christine Lieberknecht mich angerufen und hat gesagt, morgen ist eine Demo in Pößneck, lass uns da gemeinsam hinfahren. Am Ende waren alle Fraktionsvorsitzenden dort, aber von ihr ging die Initiative aus.

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow

Und als 2011 das Atomkraftwerk von Fukushima explodierte, hat sie noch in der Nacht mit mir telefoniert. Und dann hat sie eine Regierungserklärung vorbereitet und die Linksfraktion hat sie bestärkt, darin bestimmte Aussagen öffentlich zu treffen. Das sind Dinge, die hat es außerhalb von Thüringen so nie gegeben. Und die werden außerhalb nie wahrgenommen. Deswegen ist es für mich selbstverständlich, mit Christine Lieberknecht auch im Gottesdienst zu sitzen. Manche finden das komisch, aber als Christ finde ich es eher komisch, dass man das komisch finden kann.

G+H: Wie sehen sie grundsätzlich das Verhältnis zwischen Staat und der Institution Kirche? Im Blick auf die Kritik der katholischen Kirche an der Besetzung einer Professorenstelle in Bayern haben sie kürzlich deutlich Ihren Protest formuliert.
Ramelow:
Da bleibe ich auch dabei. Was geht den katholischen Klerus ein Soziologieprofessor an einer staatlichen Hochschule an? Nach meinem Dafürhalten nichts. Etwas anderes wäre es bei einer katholischen Schule oder einer evangelischen Schule. Da entscheidet selbstverständlich der Schulträger, wer dort Lehrer ist und wer nicht. Mir geht es um die saubere Trennung. Auf der anderen Seite bereiten wir gerade im Blick auf das Reformationsjubiläum die “Kirchentage auf dem Weg” vor, die wir erheblich aus dem Etat des Landes unterstützen. Und mit Verlaub, das kann man Ihren Lesern auch mal sagen, schon seit zwei Landtagswahlen steht die Vorbereitung für das Lutherjubiläum im Wahlprogramm der Linkspartei in Thüringen.

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow

G+H: Im Blick auf das kirchliche Arbeitsrecht haben Sie aber dezidierten Dissens zur Haltung der Kirchen.
Ramelow:
Ich erzähle Ihnen mal ein konkretes Beispiel: Im Unstrut-Hainich-Kreis haben Diakonie und Caritas das Hainich-Klinikum übernommen. Dazu gehört auch eine Abteilung für den Maßregelvollzug, also eine hoheitliche Aufgabe. Und da wird dann das kirchliche Arbeitsrecht eingeführt, nach dem nur noch derjenige die Belange der Mitarbeiter vertreten darf, der zu einer christlichen Kirche gehört. Und wen trifft es? Den bisherigen Personalratsvorsitzenden, ein ehemaliges CDU-Mitglied, der heute zu meiner Partei gehört und Sprecher unserer Landesarbeitsgemeinschaft Laizismus ist. Der darf nicht mehr kandidieren, fliegt raus aus der Mitbestimmung. Da sage ich ganz entschieden: Ich halte das kirchliche Arbeitsrecht jenseits des Verkündigungsbereiches für nicht mehr zeitgemäß. Und das sage ich als Gläubiger, nicht als Ministerpräsident. Es wird immer dann schwierig, wenn unsere Kirche als Trägerin in staatliche Aufgaben hineingeht und das auf einmal überlagert wird mit den Regeln unserer Glaubensgemeinschaft. Darüber wünsche ich mir eine offene Debatte.

G+H: Wir hätten noch ein Reizwort in der Staat-Kirche-Debatte: die Staatsleistungen.
Ramelow:
Da bin ich ganz tiefenentspannt. Wer ins Grundgesetz schaut, findet darin die übernommenen Paragrafen aus der Reichsverfassung von 1919. Und da steht ganz klar, dass diese Staatsleistungen durch eine entsprechende gesetzliche Regelung final abgelöst werden sollen. Und die einzige Partei, die das bisher immer wieder thematisiert hat, ist meine Partei. Auch dies ist keine Ausdruck von Partei-Atheismus, sondern es geht um einen Verfassungsauftrag. Das vergessen die meisten. Vor jeder Initiative meiner Partei habe ich darüber auch mit unseren Bischöfen in Thüringen gesprochen. Dabei hatten wir immer Einigkeit darin, dass es eine Frage der Ablöseformel ist.

G+H: Zunehmend wird die Meinung propagiert, dass durch die seit Jahren andauernden Zahlungen die staatlichen Enteignungen im Zuge der Säkularisierung von 1803 mittlerweile abgezahlt seinen.
Ramelow:
Das höre ich immer wieder aus ganz verschiedenen Lagern. Da kann ich immer nur sagen, die Linke im Bundestag ist die einzige Fraktion, die dazu einen gesetzeskonformen Regelantrag vorgelegt hat. Denn es geht um eine Ewigkeitsgarantie, nicht um eine Schuld, die man irgendwann abgezinst hat. Wenn, dann kann man darüber diskutieren, ob der fünffache, der zehnfache oder der fünfzehnfache Jahresbetrag als dauerhafte Ablösung angemessen ist. Dazwischen ist irgendwo die Spannbreite, die man verfassungsgerecht ermitteln und belegen muss.

G+H: Ein weiteres Thema, das unsere Leser bewegt, ist die Frage des Betreuungsgeldes bzw. des in Thüringen nun wieder abgeschafften Landeselterngeldes.
Ramelow:
Ja, weil das Elterngeld nur bezahlt wurde für die Familien, die ihre Kinder nicht in die Kita bringen und das Geld dafür letztlich dem Ausbau der Kindertagesstätten vorenthalten wurde. Im Gegenzug stiegen dann die Kindergartengebühren. Da wollen wir gegensteuern und dafür sorgen, dass die Kitas ausreichend finanziert werden. Es geht auch nicht darum, einen Zwang zur staatlichen Betreuung von Kinder auszuüben. Jeder kann frei entscheiden, das Angebot anzunehmen oder nicht. Das Problem ist dabei allerdings, dass der Bund bedauerlicher Weise viele Dinge der Kindererziehung über Steuerfreibeträge so geregelt hat, dass Familien mit geringem Einkommen davon nicht profitieren können. Entschuldigung, aber da darf ich sagen, dass im Bund eine Partei regiert, die vorne mit “C” beginnt …

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow

G+H: Ein Fragekomplex unserer Leser betrifft das Stichwort »Gerechtigkeit für Opfer der SED-Diktatur«. Beispielsweise für Schüler, denen wegen ihres Engagements in der Jungen Gemeinde bestimmte Berufsausbildungen oder ein Studium verwehrt wurden und die nunmehr geringere Renten erhalten.
Ramelow:
Ja, diese Fälle sind mir alle bekannt. Und Ja, wir werden in dieser Angelegenheit immer wieder beim Bund vorstellig. Unserer jetzige Finanzministerin Heike Taubert (SPD) hat sich beispielsweise ganz stark dafür eingesetzt, dass es den Entschädigungsfonds für Opfer von Jugendwerkhöfen gibt. Wenn sie da nicht schon in der letzten Legislatur als Sozialministerin dafür gekämpft hätte, wäre das alles in den Entschädigungstopf für Opfer der westdeutschen Jugendeinrichtungen der 1950er-Jahre gegangen. Genauso drücken und schieben wir immer wieder in der Frage des Rentensystems. Da wurde bei der Überleitung vieles nicht berücksichtigt. Zum einen ist die Ausgleichsrente für SED-Opfer viel zu niedrig, zum anderen gibt es weitere benachteiligte Gruppen – denken sie nur an die Absicherung für geschiedene DDR-Frauen oder mithelfende Ehefrauen in Familienbetrieben. Da ist bis heute nichts geregelt.

G+H: Zum Abschluss – was wünschen Sie sich als Ministerpräsident für Ihre Kirche und von Ihrer Kirche?
Ramelow:
Ich wünsche mir für die Kirche, dass sie nicht aus den ökonomischen Zwängen die Türen zu viel und zu oft zumacht. Wir brauchen mehr offene Türen, wie es einst unser leider schon verstorbener Bruder Christian Führer in Leipzig vorgemacht hat. Wer aus der DDR-Kirche mit der Kerze in der Hand auf die Straße rausgegangen ist, der musste mehr Mut aufbringen als alle Westdeutschen jemals in den letzten 50 Jahren. Doch das war nur möglich mit Kirchen, die trotz Stasi-Durchseuchung immer noch genügend Räume gefunden und geöffnet haben. Und das alte Signet »Schwerter zu Pflugscharen« hat bis heute nichts von seiner Aktualität verloren.

Und dann würde ich mir von meiner Kirche noch ein Stück weit mehr Ökumene wünschen. Das sind wir, glaube ich, in Vorbereitung des Reformationsjubiläums allen Christen schuldig. Weil klar ist, dass Luther keine neue Kirche wollte, sondern eine Reform der Kirche.

»Und führe uns nicht in Versuchung«

18. Februar 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Glaubenskurs zur sechsten Bitte des Vaterunsers

Nach der Taufe folgt die Versuchung. In drei Versuchungen wird Jesus geführt: Steine zu Brot zu machen, seine Gottessohnschaft mit einem Zeichen zu erweisen und alle Macht der Welt zu erhalten. Jesus weist die caritative, die missionarische und die machtpolitische Versuchung je mit einem Schriftzitat von sich. Aber auch der Versucher erweist sich als schriftkundig. Die Schrift ist nicht nur in der Versuchung mehrdeutig.

Die Versuchung Jesu von dem italienischen Maler Duccio di Buoninsegna (um 1255 bis 1319). Foto: Archiv

Die Versuchung Jesu von dem italienischen Maler Duccio di Buoninsegna (um 1255 bis 1319). Foto: Archiv

In der Nachfolge Jesu, auf dem geistlichen Weg gibt es Versuchungen. Was bringt uns von dem Weg ab? Und warum sollen wir beten. »und führe uns nicht in Versuchung«?

Luther erklärt im kleinen Katechismus: »Gott versucht zwar niemand, aber wir bitten in diesem Gebet, dass uns Gott behüte und erhalte, damit uns der Teufel, die Welt und unser Fleisch nicht betrüge und verführe in Missglauben, Verzweiflung und andere große Schande und Laster und wenn wir damit angefochten würden, dass wir doch endlich gewinnen und den Sieg behalten.« Auch der Jakobusbrief ist sich sicher: »Sondern ein jeder, der versucht wird, wird von seinen eigenen Begierden gereizt und gelockt. Danach, wenn die Begierde empfangen hat, gebiert sie die Sünde; die Sünde aber, wenn sie vollendet ist, gebiert den Tod.« (Jak 1,14-15) Die Begierde des Einzelnen als Ursache der Versuchung und Sünde zu verstehen, hat seit Augustin eine lange Tradition. In sieben verschiedenen Charakteren tritt die Begierde auf und führt zu (Tod-)Sünden, so die alte Lehre, als da sind Hochmut, Geiz, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid und Faulheit.

Die Begierde wurde dann in christlicher Männertheologie oft zur sexuellen Begierde und da war es nicht mehr weit, die Versuchung mit weiblicher Versuchung gleichzusetzen. Jesus denkt anders. Ihm geht es um die bessere Gerechtigkeit und er schützt Frauen und Männer vor dem gierigen Blick und dem bösen Wort.

Doch geht es hier überhaupt um die Versuchung des Einzelnen? Es fällt auf, das Vaterunser heißt nicht Vatermeiner, wie der Hallenser sagen würde. Hier leuchtet eine gemeinschaftliche Dimension auf. Wenn wir in diesem Jahr 70 Jahre zurückdenken, an das Ende der nationalsozialistischen Herrschaft und an die Versuchung, in die unsere Kirchen geführt wurden, dann bekommt die Bitte: »und führe uns nicht in Versuchung« einen anderen Klang.

Was sind die Versuchungen, in die wir heute und morgen als Gemeinschaft geführt werden können? Ist es zuerst die Versuchung des Gottes Mammon? Ist es die Versuchung des Richtens über andere, die Überhöhung des Eigenen? Ist es die Bereitschaft, Gewalt mit Gegengewalt zu beantworten und Böses mit Bösem zu vergelten? Ist es die Versuchung, unseren Lebensstil nicht zu ändern? Ist es die Furcht vor den Fremden und die Herzlosigkeit gegenüber Flüchtlingen? Vielleicht ist es auch die Versuchung, sich mit einer Welt abzufinden, die in den Sünden der Moderne gefangen ist, so wie Mahatma Gandhi sie beschrieben hat: Reichtum ohne Arbeit, Genuss ohne Gewissen, Wissen ohne Charakter, Geschäft ohne Moral, Wissenschaft ohne Menschlichkeit, Religion ohne Opferbereitschaft, Politik ohne Prinzipien.

Wachet und betet, auf dass ihr nicht in Versuchung fallt. So fordert Jesus seine Jünger auf. Bonhoeffer hat von Beten und Tun des Gerechten gesprochen, als einziger Möglichkeit in der Gegenwart zu bestehen.

Wie können wir mit Jesus der caritativen, der missionarischen und der machtpolitischen Versuchung widerstehen? Lasst uns gemeinsam wachen und achtsam sein und mit dem Vaterunser beten, dass wir nicht in Versuchung geführt werden.

Friedrich Kramer

Der Autor ist Direktor der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt.

Wenn Gesichter sprechen

4. Februar 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Bibel: Nader Setareh liebt die uralte erdgebundene Kunst des Keramikreliefs

Im Rahmen des Themenjahres »Bild und Bibel« stellen wir zeitgenössische bildende Künstler vor, die sich mit dem christlichen Glauben auseinandersetzen. Heute ein Besuch bei dem Eisenacher Keramikkünstler Nader Setareh.

Gesichter haben es ihm besonders angetan. Wenn Nader Setareh den feuchten Ton zwischen den Fingern spürt, schließt er die Augen. Nun beginnen seine Hände die Umrisse eines Antlitzes zu formen. Wenn er dann die Augen öffnet, sieht er in ein Gesicht. Ein Gesicht, dass zu ihm spricht, wie er sagt. »Ich nehme dann Verbindung mit ihm auf.« Und wenn zu den Lippen auch noch die Augen geformt sind und das neue Gegenüber ihn nicht nur anspricht, sondern auch anschaut, ist das der schönste Moment in der Arbeit des Keramikkünstlers: »Dann läuft mir oft eine Gänsehaut über den Rücken.«

In Kuwait geboren und im Iran aufgewachsen: Nader Setareh aus Eisenach vor seinem Keramikrelief »Käthe«, in dem er sich mit der »Lutherin« auseinandersetzt. Foto: Harald Krille

In Kuwait geboren und im Iran aufgewachsen: Nader Setareh aus Eisenach vor seinem Keramikrelief »Käthe«, in dem er sich mit der »Lutherin« auseinandersetzt. Foto: Harald Krille

So ging es dem seit 2010 in Eisenach lebenden Setareh etwa bei der Gestaltung des Wandreliefs zur heiligen Elisabeth, oder auch bei seiner Darstellung der »Käthe«, Luthers Frau. Die künstlerische Arbeit ist für ihn zugleich eine Art Therapie. Denn sein Leben verlief alles andere als glatt, so manche traumatische Erfahrung prägt den sensiblen Mann. Geboren 1957 in Kuwait wächst er anschließend in Teheran, der Hauptstadt des Iran, auf. Dort nimmt er ein Kunst- und Designstudium an der Universität auf. Bis nach der sogenannten »islamischen Revolution« die Herrschaft der Ayatollahs beginnt. Nater Setareh emigriert nach Deutschland, vollendet in Köln sein Studium, entwirft später Designermode und Seidenapplikationen für deutsche Versandhäuser, ist auf den großen Modemessen zu Hause.

2003 wird ihm eine Besuchsreise in den Iran zum Verhängnis. Weil er an einer kleinen Demonstration von Studenten teilnimmt, verhaftet ihn die Geheimpolizei. Wenig sagt er über seinen Weg durch die berüchtigten Gefängnisse des islamischen Regimes. Aber man ahnt die Dimension des Terrors, wenn er mit traurigem Blick sagt: »Ich habe so viele junge Menschen sterben gesehen.« Als er psychisch schwer angeschlagen endlich aus dem Gefängnis kommt, aber im Iran festsitzt, helfen ihm Freunde in Teheran zu einer neuen künstlerischen Betätigung – und zum Broterwerb. Setareh beginnt mit der Arbeit als Keramiker, gestaltet große farbige Wandreliefs. »Die Arbeit mit Lehm und Ton und die Gestaltung von Reliefs hat schließlich im Nahen Osten eine jahrtausendelange Tradition«, sagt er stolz.

»Die künstlerische Arbeit ist für ihn zugleich eine Art Therapie«

Gebrochen hat der als Muslim geborene und aufgewachsene Setareh allerdings mit seiner früheren Religion. »Ich habe erkannt, was Islam wirklich bedeutet: so viel Brutalität, so viele unschuldig Hingerichtete …« Für die so gern vertretene These, dass die Islamisten des Nahen Ostens nicht den »wahren Islam« verkörpern, hat er nur ein müdes Lächeln übrig. Jeder könne es selbst überprüfen: Die Terrorgruppe »Islamischer Staat« könne sich mit all ihrer Brutalität exakt auf den Koran berufen. »Jeder vernünftige Mensch soll einfach einmal das Leben Mohammeds und das Leben Jesu vergleichen.« »Bekenntnis oder Tod«, habe es von Anfang an bei Mohammed geheißen. »Wenn Islam ›Frieden‹ bedeutet, warum dann immer wieder das Schwert?«, fragt Setareh und fügt hinzu: »Es stimmt, auch Christen haben Gewalt angewendet, aber sie haben damit immer den Geboten Jesu entgegengehandelt.«

Was Nader Setareh, der neben seinen plastischen Werken auch lyrische Texte verfasst, heute beschwert, ist die relative Einsamkeit in Eisenach. Er wünschte sich mehr Kontakte zu anderen Künstlern. Und Ausstellungsmöglichkeiten, gern auch in Kirchen. Dort, in der Ruhe bei Gott, fühle er sich mit seinen Werken immer besonders wohl. Denn: »Die Kirche ist für mich die wahre Moschee.«

Harald Krille

Kontakt: Atelier Seta Ceramic, Schmelzer­straße 1, 99817 Eisenach, Telefon (0 36 91) 6 58 02 54

Das ist echt nicht von dieser Welt …

9. September 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Ein Sozialarbeiter lädt ein, das unsichtbare Reich Gottes unter uns zu entdecken

So was ist nicht von dieser Welt …«, singt Xavier Naidoo und meint die Liebe, die ihn – existenziell – am Leben hält. »Mein Reich ist nicht von dieser Welt«, bestätigt auch Jesus Christus in einem Dialog mit Pontius Pilatus, einem Vertreter der Weltmacht. Aber den Vertretern der Religionsmacht antwortet Jesus auf die Frage, wann denn Gottes Reich kommt, dass es nicht sichtbar berechnend und doch schon »mitten unter euch« sei. (Lukas 17, 20+21)

»Ich versuche zu verstehn, was andre in dir sehn, warum sie Kriege anfangen und in deinem Namen Morde begehn.« Diese Textzeile Xavier Naidoos klingt bei den »Söhnen Mannheims« sehr heutig: »2 000 Jahre nach dir liegt hier alles in Scherben.« Unsre Erfahrungen im Sommer 2014 mit mehreren Völkerkriegen und Morden an Christen und anderen nicht »Rechtgläubigen« lassen das Reich Gottes weit weg erscheinen und zunehmend gar in Verruf geraten!

Gerhard Schönherr ist Kirchen-Bezirks-Sozialarbeiter der Diakonie Stadtmission Chemnitz e. V. Foto: Stadtmission

Gerhard Schönherr ist Kirchen-Bezirks-Sozialarbeiter der Diakonie Stadtmission Chemnitz e. V. Foto: Stadtmission

Präzisieren wir doch ebenfalls: Es geht um das Reich des Gottes, der der Vater Jesu Christi ist! Gott ist die Liebe. (1. Johannes 4,16) Und Liebe ist, wie die Wirkmächtigkeit des Gottesreiches, nicht sichtbar berechnend. Daher auch fragen »die Gerechten« beim Weltgericht (Matthäus 25, 37-39), wann sie denn den Sohn Gottes hungrig und durstig gesehen und folglich gespeist und getränkt hätten, wann sie ihm als Fremden Asyl gewährt, ihn bekleidet oder auf dem Krankenlager und im Gefängnis besucht haben sollen.

Mitten in den Reaktionen auf soziale Notlagen in der uns umgebenden Welt gibt es mittelbare Interaktionen mit Christus selbst. So bricht sein Reich an – mitten unter uns. In der Welt und doch aus einer anderen, der zukünftigen Welt. Was noch Vision ist, wird gegenwärtig zur Motivation unseres Handelns. So ist dieses nie vergebens und wächst aufgrund seiner innewohnenden Christusbegegnung über moralisches »Gutmenschentum« hinaus. Es ist ein neu gedachter Humanismus: Die Würde des Menschen ist, dass Jesus Christus uns in diesem entgegentritt.

Und das ist eine – aus eigener Erfahrung – befreiende Erleichterung im oft widerwärtigen sozialen Handeln, weil unser Tun Gott unmittelbar berührt! Erleichterung, nicht Berechnung – geht es doch um den Menschen, den oft fernen Nächsten.

Vor 25 Jahren ging ein Reich zu Ende. Trotz anderslautender Losungen stand darin nie der Mensch im Mittelpunkt. Und er steht auch heute nicht dort, wenn theologisch ausgegrenzt wird. Der Mensch im Mittelpunkt? Gott bewahre! »Herr, Herr, haben wir nicht in deinem Namen geweissagt?« Mag ja sein, aber »ich habe euch noch nie gekannt«. (Matthäus 7, 22+23) Denn sie haben ihn nicht erkannt – nicht in einem von den alle vier Sekunden an Hunger und vermeidbaren Krankheiten sterbenden afrikanischen Kindern, nicht in einem der ostdeutschen Langzeitarbeitslosen, nicht in einem an Aids Erkrankten, nicht in einem Gesetzesbrecher – und sei es das Betäubungsmittelgesetz.

Daher nochmals Xavier Naidoo: »Alles, was zählt, ist die Verbindung zu dir und es wäre mein Ende, wenn ich diese Verbindung verlier.« Vielleicht lassen Sie sich in und mit Christus verbinden durch ein Patenkind in Afrika (z. B. über »World Vision«), durch Aktionen für weltweite Gerechtigkeit (z. B. Micha-Initiative) oder für Langzeitarbeitslose in Deutschland (z. B. Initiative PRO Arbeit). Oder Sie fragen die Diakoniebeauftragten in Ihren Kirchenvorständen einmal nach Besuchsdienstmöglichkeiten.

In Sachsen ist beispielsweise diesen Sonntag der »Tag der Diakonie«. Die Kollekte dient dem »Kirchlichen Hilfsfonds für Menschen in Not«. So können unterschiedliche Menschen mit ihren großen Nöten bald für sich in ihrer kleinen Welt die Erfüllung der zweiten Bitte des Vaterunsers erfahren: Gottes Reich kommt zu ihnen. Und zu Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, kommt dann Jesus

Christus.Gerhard Schönherr

Der Kirche stirbt die Mitte aus

17. März 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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EKD legt fünfte Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung liegt vor

Der evangelischen Kirche schmilzt die Mitte weg: Immer mehr Kirchenmitglieder sind entweder hoch engagiert oder völlig desinteressiert. Das ist ein Ergebnis der fünften Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die deren Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider am Donnerstag der vergangenen Woche in Berlin vorstellte.

»Während Religion im Alltag der Befragten häufig keine oder zumindest keine profilierte Rolle spielt, verhalten sie sich an bestimmten, zum Beispiel biografisch bedeutsamen Punkten der Kirche gegenüber sehr engagiert«, heißt es in der Studie. Will heißen: Kirchliche Amtshandlungen an den Wendepunkten des Lebens stehen durchaus hoch im Kurs. Für die Studie wurden 2016 evangelische Kirchenmitglieder, 565 aus einer evangelischen Landeskirche ausgetretene Konfessionslose und 446 Konfessionslose, die noch nie einer Religion angehört haben, befragt.

Der Untersuchung zufolge fühlen sich 15 Prozent der Kirchenmitglieder ihrer Kirche »sehr verbunden«. 1992 waren das noch elf Prozent. »Überhaupt nicht verbunden« fühlten sich dagegen 14 Prozent der Kirchenmitglieder. 1992 waren das noch neun Prozent. »Wir müssen ganz nüchtern konstatieren, dass es eine zunehmende Indifferenz bei Kirchenmitgliedern gibt«, sagte Schneider.

Wer kommt wann und warum in die Kirche? Dieser und ähnlichen Fragen geht die zum fünften Mal vorgelegte  Mitgliederuntersuchung der Evangelische Kirche in Deutschland nach. Foto: epd-bild

Wer kommt wann und warum in die Kirche? Dieser und ähnlichen Fragen geht die zum fünften Mal vorgelegte Mitgliederuntersuchung der Evangelische Kirche in Deutschland nach. Foto: epd-bild

Zwar bewertete es Schneider als Erfolg, dass 75 Prozent der Kirchenmitglieder einen evangelischen Pfarrer wenigstens dem Namen nach kannten. Doch umgekehrt sagt die Untersuchung eben auch: 25 Prozent der Kirchensteuerzahler wissen nicht einmal, wie ihr Pfarrer heißt. Insgesamt macht die Studie Abschmelzungsprozesse deutlich, die den Verantwortlichen in den Landeskirchen massive Sorgenfalten in die Stirn treiben müssen. So wird ersichtlich, dass die Mitgliedschaft in der Kirche längst keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Konfessionslosigkeit ist im Westen wie im Osten mittlerweile »mindestens genauso normal wie Kirchenmitgliedschaft, wenn nicht normaler«.

Dazu passt ein weiterer Trend: Der Wechsel der Religion ins Private. Denn über Gott und den Glauben, das Sterben und den Sinn des Lebens reden die meisten Befragten nur mit wenigen Bezugspersonen aus ihrem engen Lebensumfeld: Auf die Frage, mit wem man über religiöse Themen spreche, antworteten 78 Prozent der befragten Kirchenmitglieder »mit dem Ehepartner«, 53 Prozent »mit der Familie« und nur 21 Prozent »mit kirchlichen Mitarbeitenden«. Der Ehepartner und die Familie gehören zur Religion also dazu. Der Pfarrer hingegen eher nicht.

Deutlich wird auch, wo die Stärke der evangelischen Kirche ist: Am meisten verbunden sind die Mitglieder mit ihrer Kirche über Gottesdienste und Kasualien, also Taufen, Trauungen, Bestattungen und ähnliches. Öffentliche Äußerungen der Kirchen werden wahrgenommen, wenn es sich dabei um Themen an der Grenze zwischen Leben und Tod, etwa bei Sterbehilfe oder Bioethik handelt.

Nur wenige Hochverbundene halten es dagegen für wichtig, dass sich die Kirche zu politischen Grundsatzfragen äußert. Menschen, die der Kirche nur wenig verbunden sind, lehnen dies sogar stark ab. Hier wird die Kirche überlegen müssen, ob bischöfliche und synodale Äußerungen zu jedem beliebigen Thema überhaupt dem Willen der Mitglieder entsprechen, in deren Namen man sich schließlich an die Öffentlichkeit wendet.

Ein offenkundiger Fehlschlag scheinen bislang auch alle Versuche gewesen zu sein, die eigenen Mitglieder über das Internet oder die sozialen Netzwerke zu erreichen. Mehrere Millionen Euro investierte die EKD in den letzten Jahren in Portale wie »evangelisch.de« – aber nur drei Prozent der Kirchenmitglieder informieren sich häufig auf diesem Weg über ihre Kirche oder kirchliche Themen; zwölf Prozent tun dies gelegentlich.

Dagegen lesen immerhin neun Prozent der evangelischen Kirchenmitglieder im Westen des Landes und acht Prozent im Osten regelmäßig eine der wöchentlich erscheinenden Kirchengebietszeitung. 19 Prozent geben an, dies gelegentlich zu tun.

Benjamin Lassiwe

Der erste zusammenfassende Band über die V. EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft »Engagement und Indifferenz – Kirchenmitgliedschaft als soziale Praxis« hat 132 Seiten inklusive zahlreicher Abbildungen. Die Broschüre kann unter <versand@ekd.de> bestellt werden.

Sie steht zudem kostenlos im Internet zum Herunterladen bereit:

www.ekd.de/kmu

Mit Bibel, Kreuz und Ikonen

3. März 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Ukraine: Die teilweise zerstrittenen Kirchen der Ukraine rückten in den Tagen der Gewalt enger zueinander

Immer wieder waren in den vergangenen Wochen auf den Bildern der Proteste und Straßenkämpfe in der Ukraine Priester und Pfarrer zu sehen. Ein Hintergrundbeitrag zur Rolle der Kirchen in dem zerrissenem Land.

Mit großer Achtung sehe ich die jungen Leute, die für unsere Zukunft kämpfen, unsere Geistlichen sind heute mit ihnen auf dem Majdan«, sagte Wlodomir Wojtoschiun, Erzbischof der Ukrainischen Griechisch-katholischen Kirche am Donnerstag der vergangenen Woche gegenüber einer polnischen Zeitung. An diesem Tag hatte es über 70 Tote gegeben, zumeist Demonstranten, die von Scharfschützen der Regierung erschossen wurden.

Orthodoxe Priester und Christen stellten sich in den ukrainischen Städten immer wieder trennend und zur Gewaltlosigkeit aufrufend zwischen die Demonstranten und die Sicherheitskräfte. Kirche wurden zu Rückzugsorten und zu Lazaretten für Verwundete. Foto: picture alliance/Pochuyev Mikhail

Orthodoxe Priester und Christen stellten sich in den ukrainischen Städten immer wieder trennend und zur Gewaltlosigkeit aufrufend zwischen die Demonstranten und die Sicherheitskräfte. Kirche wurden zu Rückzugsorten und zu Lazaretten für Verwundete. Foto: picture alliance/Pochuyev Mikhail

Immer wieder zeigten in den vergangenen Tagen und Wochen Fernsehaufnahmen Geistliche, die den Demonstranten auf dem Kiewer »Majdan Nesaleschnosti«, dem Platz der Unabhängigkeit im Zentrum der Stadt ihren Segen gaben oder gar selbst sich bei den Kämpfern an den Barrikaden einreihten. Doch wie sieht die Kirchenlandschaft in der Ukraine überhaupt aus – und wer steht auf welcher Seite?

Die Ukrainische Griechisch-katholische Kirche ergreift am dezidiertesten Partei für die Majdan-Protestanten. Sie ist Teil der römisch-katholischen Kirche, hat aber ihren orthodoxen Ritus beibehalten. Ihr gehören von den rund 45,5 Millionen Einwohnern der Ukraine mehr als fünf Millionen Menschen an. Allerdings ist sie allein im Westen des Landes einflussreich. Und gerade die westukrainischen Studenten starteten Ende November die Proteste als Janukowitsch das Handelsabkommen mit der EU in Vilnius nicht unterschrieben hatte.

Das Engagement der Ukrainischen Griechisch-katholischen Kirche ging der Janukowitsch-Regierung zu weit – das Kulturministerium drohte der Kirche, die in der Sowjetzeit im Verbotenen operieren musste, mit einem erneuten Verbot. Auch Wladimir Putin warnte vor ihr und griff in Brüssel Äußerungen eines einzelnen Geistlichen auf, um der Kirche Antisemitismus vorzuwerfen. Problematisch ist freilich, dass dieser Kirche die Mitglieder der nationalistischen Partei Swoboda (Freiheit) angehören. Dennoch konnte die Griechisch-katholische-Kirche Mitte Januar mit Unterstützung der anderen Kirchen zu ökumenischen Gebeten aufrufen.

Bis auf die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche Moskauer Patriarchats, die von der Anzahl der Anhänger zweitgrößte Religionsgemeinschaft, unterstützten alle anderen Kirchen die Protestierenden auf dem Majdan. Dennoch ist diese russlandnahe und auch russischsprachige Kirche keine »Staatskirche« wie sie der abgesetzte Präsident Wiktor Janukowitsch gerne gehabt hätte. Der aktuelle Patriarch Wolodymyr pflegt zur Macht in Kiew ein eher distanzierteres Verhältnis. So unterschrieb er ein Schreiben, das ein Assoziierungsabkommen mit der EU befürwortet – worauf der Moskauer Patriarch Kyrill I. ihn mit einer zünftigen Strafpredigt bedachte.

Bilder von drei Priestern dieser Kirche gingen um die Welt, als diese mit Ikonen und Kreuzen zwischen den Demonstranten und der Miliz standen und so zwischen dem 21. und 22. Januar die Auseinandersetzung stoppen konnten. Das russische Fernsehen zeigt allerdings bevorzugt Priester dieser Kirche, die sich über die Demonstranten ereifern. Am Ende des Konflikts waren auch mehr Geistliche zu sehen, die zu den Milizeinheiten hielten. Moskau wird sicher versuchen, hier weiter Einfluss auszuüben.

In der Ablehnung der Gewalt konnten sich alle Kirchen nochmals am 20. Februar unter dem Allukrainischen Rat der Kirchen zu einer gemeinsamen Erklärung zusammenfinden. Dies ist zugleich ein wichtiges Zeichen der Annäherung der ukrainischen Kirchen. Denn es gibt in der Ukraine noch zwei weitere orthodoxe Kirchen, die sich von der Moskauer abgespalten haben und miteinander um den Anspruch der »Nationalkirche« konkurrieren. Im derzeitigen Konflikt eine eher marginale Rolle spielte dabei die kleinere Ukrainische Autonome Orthodoxe Kirche, die seit 1921 existiert.

Die Ukrainisch-orthodoxe Kirche – Kiewer Patriarchat hat demgegenüber die größere Mitgliederschaft. Sie verselbstständigte sich 1991 anlässlich der Unabhängigkeit der Ukraine. Ihr Patriarch Filaret forderte Janukowitsch explizit zum Rücktritt auf, er sah in den Demonstrationen auf dem Majdan »den Volkswillen verkörpert«. Als Reaktion auf die Schüsse stellte diese Kirche sogar die Fürbitten für die Regierung ein. Was Zeichen für einen deutlichen Bruch ist, denn in den orthodoxen (National-)Kirchen ist eine Trennung zwischen Kirche und Staat nicht vorgesehen.

Wie erwähnt erheben alle drei Kirchen den Anspruch, die alleinige orthodoxe Kirche der Ukraine zu sein. Diese offene Frage und auch gegenseitige Ansprüche auf Besitztümer werden, trotz mancher Annäherungen in der derzeitigen Krise, nicht so schnell aus der Welt zu schaffen sein.

Auch die römisch-katholische Kirche, ihre etwa eine Million Anhänger sind vornehmlich polnischstämmig, war auf dem Majdan vertreten. Wichtig war jedoch vor allem ihr Kirchengebäude: In der geräumigen St.-Alexander-Kirche wurde in den Tagen der Gewalt ein Feldlazarett eingerichtet.

Und nicht zuletzt spielte auch die St.-Katharinen-Kirche der Deutschen Evangelisch Lutherischen Kirche der Ukraine eine wichtige Rolle. Unter der Leitung des engagierten Pfarrers Ralf Haska diente sie als Ruhepol und Zufluchtsort für Protestler wie Milizen. Hier wurden Getränke und Essen ausgegeben sowie ebenfalls Verwundete gepflegt.

Es bleibt zu wünschen, dass die gelebte Ökumene und die christliche Nächstenliebe der vergangenen Wochen noch lange in Erinnerung bleibt. Denn einfach wird die kommende Zeit für die Ukraine und ihre Kirchen nicht.

Jens Mattern

Die deutsche Gemeinde in Kiew

Die Sankt-Katharinen-Kirche der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Gemeinde in Kiew (www.katharina.kiev.ua) liegt nur 200 Meter vom Präsidentenpalast und dem Zentrum der Proteste entfernt. Gemeinsam mit den Gemeindegliedern stellte sich Pfarrer Ralf Haska immer wieder der ausufernden Gewalt auf beiden Seiten entgegen und öffnete die Kirche als Zufluchtsort für Demonstranten wie Polizisten. Seit Wochen wurden ohne Ansehen der Person Essen und heiße Getränke ausgegeben, Schlafmöglichkeiten und Decken bereitgestellt, die Versorgung von Verletzten organisiert. Dieser diakonische Dienst stellte die kleine Gemeinde mit ihren rund 300 Mitgliedern vor enorme finanzielle Probleme.

Spendenmöglichkeit: Deutsche Ev.-Luth. Gemeinde Kiew, Konto 51 860 80, BLZ 520 604 10, Evangelische Kreditgenossenschaft eG


Pluralität anstatt christlicher Prägung

15. September 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Bundestagswahl: Was die Wahlprogramme der Parteien zum Verhältnis von Staat und Kirche sagen

Nicht ganz einträchtig saßen sie auf dem Podium beieinander. Zwei Wochen vor der Bundestagswahl hatte die Evangelische Akademie ­Berlin Vertreter aller fünf
im Bundestag vertretenen ­Parteien eingeladen.

Dinge, die einst selbstverständlich waren, sind es heute nicht mehr. Die Christdemokraten müssen in eigenen Veranstaltungsreihen über das C in ihrem Parteinamen philosophieren; und in der einst von Gustav Heinemann, Johannes Rau und den Wende-Pfarrern in der DDR geprägten SPD bildet sich ein Arbeitskreis von Konfessionslosen und Atheisten. Ebenso wie bei den Grünen – auch wenn deren Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt Kirchentagspräsidentin in Dresden war und ihr Amt als Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland derzeit nur ruhen lässt. »Sich explizit auf Religion zu berufen ist in dieser Republik nicht mehr gang und gäbe«, sagte der Historiker Thomas Großbölting zu Beginn der Veranstaltung in Berlin.

Bild: VRD/Fotolia

Bild: VRD/Fotolia

Doch in den Programmen der Parteien zur Bundestagswahl tauchen die Kirchen durchaus an prominenter Stelle auf. Vor allem das kirchliche Arbeitsrecht zieht sich wie ein roter Faden durch. Es wird wohl in der nächsten Legislaturperiode noch für heiße Debatten sorgen. Denn einzig CDU und CSU bekennen sich in ihrem Wahlprogramm »zur christlichen Prägung unseres Landes« und wollen den Status der Kirchen uneingeschränkt erhalten. »Zahlreiche Leistungen kirchlicher Einrichtungen für unser Gemeinwesen sind nur möglich, weil die Kirchen in erheblichem Umfang eigene Mittel beisteuern und Kirchenmitglieder sich ehrenamtlich engagieren«, heißt es im Programm der CDU. Dennoch unterstütze auch der Staat die entsprechenden Aktivitäten der Kirchen umfangreich. »Dabei achtet er die kirchliche Prägung der entsprechenden Einrichtungen, die auch im kirchlichen Arbeitsrecht zum Ausdruck kommt.«

Dagegen setzt sich die SPD in ihrem »Regierungsprogramm 2013 – 2017« dafür ein, dass in kirchlichen Einrichtungen ein Streikrecht möglich wird. »Gleiche Arbeitnehmerrechte für Beschäftigte bei Kirchen sind vereinbar mit dem kirchlichen Selbstverwaltungsrecht«, heißt es. Die kirchenpolitische Sprecherin der SPD, Kerstin Griese, sprach sich in Berlin zudem für die Schaffung eines muslimischen Wohlfahrtsverbands aus. »Das wäre ein Zeichen von Pluralität, und es stände den Kirchen gut an, so ein Projekt partnerschaftlich zu unterstützen.« Die Kirchen und die in ihnen Engagierten sieht die SPD jedenfalls weiter als »wichtige Partner« auf dem Weg in eine bessere Zukunft.

Bei den Liberalen wiederum steht die Gleichbehandlung von Kirchen, Religionen und Weltanschauungsgemeinschaften durch einen neutralen Staat im Wahlprogramm. »Staat und Religionsgemeinschaften arbeiten nach dem Kooperationsprinzip zusammen«, wird betont. »Staat und Kirchen, Religionsgemeinschaften und Weltanschauungsgemeinschaften sind je eigenständig und zugleich im Sinne des Gemeinwohls aufeinander bezogen.«

Zum kirchlichen Arbeitsrecht trifft die FDP in ihrem »Bürgerprogramm« keine Aussage, wohl aber zu einer Erhöhung der staatlichen Mittel für kirchliche Entwicklungshilfsorganisationen, die man als einen politischen Erfolg bezeichnet. Und der kirchenpolitische Sprecher Pascal Kober betonte, dass man auch am Einzug der Kirchensteuer durch den Staat weiter festhalten wolle.

Im Wahlprogramm von Bündnis 90/Die Grünen wird explizit die Abschaffung des kirchlichen Arbeitsrechts »jenseits der Verkündigung« gefordert. »Wir wollen, dass die kirchlichen MitarbeiterInnen außerhalb der Verkündigungsbereiche die gleichen Rechte bekommen wie andere ArbeitnehmerInnen auch«, heißt es dort. »Dazu gehört das Recht zur Bildung von Betriebsräten und das Grundrecht auf Koalitionsfreiheit einschließlich der Streikfreiheit.« Und das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG), das unter anderem ein Verbot der Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer Sexualität enthält, »werden wir mit dem Ziel ändern, dass seine Bestimmungen wie in anderen Tendenzbetrieben auch auf Beschäftigungsverhältnisse in kirchlichen Einrichtungen Anwendung finden«. Was im Klartext bedeutet, dass eine Kirchengemeinde künftig gezwungen werden könnte, einen transsexuellen Organisten zu beschäftigen. Zudem wollen die Grünen einen Prozess zur Ablösung der altrechtlichen Staatsleistungen an die Kirchen anstoßen und mehr Religionsgemeinschaften den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts zugestehen. Denn eines der wichtigsten Ziele der ­Grünen ist eine Abschaffung von Diskriminierungen: Der Begriff »Religion« taucht im Wahlprogramm jedenfalls fast immer nur in einem Zusammenhang auf, der beschreibt, dass niemand wegen seiner Religion benachteiligt werden dürfe.

Deutlich kirchenkritischer präsentiert sich die Linkspartei. Wie Grüne und SPD ist man offen gegen das ­geltende kirchliche Arbeitsrecht – das Betriebsverfassungsgesetz müsse »uneingeschränkt für alle Kirchenbeschäftigten« gelten. Kirchliche Einrichtungen, die öffentliche Zuschüsse empfangen, müssen für alle als Beschäftigte sowie Nutzer zugänglich sein. Was bedeutet, dass auch Muslimen oder Atheisten alle Karrierewege offen­stehen müssen. Daneben setzt sich die Linkspartei für eine Abschaffung der Kirchensteuer und die Ablösung der Staatsleistungen an die Kirchen ein. Ihre Bundestagsabgeordnete Sabine Leidig sprach sich sogar für eine flächendeckende Ablösung des staatlichen Schulfachs Religion durch einen Philosophieunterricht aus – freilich ohne zu berücksichtigen, dass Bildungspolitik zunächst Ländersache ist.

Benjamin Lassiwe

Bob Dylan: Der »krächzende Rabe« wird 70

23. Mai 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Mehr als 500 eigene Songs, viele davon Hits, und immer wieder die Fragen nach Heil und Unheil, Sünde und Erlösung.
Die Anfänge: Gemeinsam mit Joan Baez singt Bob Dylan bei einem Auftritt im Rahmen des »March on Washington« am 28. August 1963 das Lied »We Shall Overcome«.	 (Foto: epd-bild/akg-images)

Die Anfänge: Gemeinsam mit Joan Baez singt Bob Dylan bei einem Auftritt im Rahmen des »March on Washington« am 28. August 1963 das Lied »We Shall Overcome«. (Foto: epd-bild/akg-images)


Als Folk- und Protestsänger wurde er bekannt, doch ließ er sich nie in Schubladen sperren. Bis heute gehört Bob Dylan zu den ganz ­Großen der Musikwelt.

Sein 33. Studioalbum war für viele Kritiker eine Überraschung: Nach drei eher illusionslos-melancholischen Meisterwerken in den zehn Jahren zuvor, die jedes Mal als sein Vermächtnis gefeiert wurden, hatte Bob Dylan im April 2009 ein ­Album herausgebracht, das von einer bisweilen geradezu heiteren und beschwingten Stimmung geprägt war. »Together Through Life«, hieß diese CD, die in zahlreichen Ländern die Nummer eins in den Verkaufslisten ­erreichte – in Großbritannien stand ­Dylan damit zum ersten Mal wieder seit 1970 an der Spitze.

»Gemeinsam durchs Leben« – der Titel des Albums ist wie eine Überschrift über den Weg Dylans mit seinen Fans. In nunmehr fünf Jahrzehnten hat er wie kein anderer die Geschichte der populären Musik geprägt, und auch heute noch gibt er rund 100 Konzerte pro Jahr; vor Kurzem zum ersten Mal in China und Vietnam.

Seine Anhänger haben ihm, über kurz oder lang, all seine Wandlungen und Häutungen verziehen oder sie mitvollzogen – zum Unverständnis der Umwelt, für die Dylan lediglich ein »krächzender Rabe« ist, »der seit 50 Jahren dasselbe Lied singt«.

Mich begleitet Dylan seit über 30 Jahren durchs Leben.

1979 habe ich mir, als 15-Jähriger, die erste Platte von ihm gekauft: »Slow Train Coming«. ­Eigentlich war in der streng pietistischen Gemeinde, in der ich groß geworden war, Rockmusik strengstens verboten: Sie war »vom Teufel«, und im Schlagzeug und in den E-Gitarren wirkten »die Dämonen«. Dennoch – oder vielleicht deswegen – waren christliche Rock- und Pop-Bands wie die legendären Damaris Joy Helden der EC- und CVJM-Jugend. Beeinflusst waren diese Bands von den Pionieren des christlichen Rocks aus den USA wie Keith Green und Larry Norman, die sich die Frage stellten: »Why should the devil have all the good music? – Warum sollte der Teufel all die gute Musik haben?«

Natürlich hatte ich Bob Dylan trotz Verbots gekannt: Ich hatte – mehr oder weniger heimlich – bei einem Klassenkameraden seine Platten gehört.

Umso größer war meine Freude, als ich im Herbst 1979 auf der Titelseite eines christlichen Musikblättchens ein Porträt Bob Dylans entdeckte.

Bob Dylan, die Ikone der Protestbewegung, war Christ geworden, er hatte sich bekehrt!

Er war nun einer von uns!

Es gab für mich kein Halten mehr: Ich begab mich umgehend in den nächsten Plattenladen und holte mir die empfohlene »Slow Train Coming.«

Welche Erschütterungen Dylan’s Bekehrung zum Christentum – nicht nur in der Musikwelt – hervorgerufen hatte, konnte ich damals nicht ahnen. Es war für die meisten unfassbar – und ist es für viele Wegbegleiter Dylans bis heute: Da wirft jemand ein Kreuz auf die Konzertbühne und Dylan beginnt, in der evange­likalen Vineyard-Gemeinde in Kalifornien Bibelkurse zu besuchen, er bekehrt sich und schließt sich den wiedergeborenen Christen an.

Dylan wurde fortan als »Bibel-Cowboy« verspottet oder – wie im Nachrichtenmagazin »Der Spiegel« – als »seltsamer Prediger«, dessen »frömmelnd-reaktionäre« Texte von »schlichter ­Bibelstunden-Einfalt« seien.

Dylans fromme Zeit hielt allerdings nicht lange an.

Bereits vier Jahre später, 1983, veröffentlichte er ein Album, das den programmatischen Titel trug: »Infidels – Ungläubige«.

Auch Dylans schärfste Kritiker sehen ihm inzwischen die »Born-Again-Phase« nach: als Episode in seinem wahrlich nicht widerspruchsfreien Wirken. Dylan selbst hat sich in allen Phasen seiner Karriere jeglichen Vereinnahmungen rigoros entzogen und stattdessen einst vorgeschlagen, lieber einen Groschen in die Parkuhr zu stecken als irgendwelchen Führern zu folgen.

Gleichwohl sind Religion und Gott ein entscheidendes Thema im Werk des »Rock-Messias«.

Betrachtet man die über 500 Songs, die der Kandidat für den Literatur-Nobelpreis geschrieben hat, ist nicht zu übersehen: Von seinen Anfängen als junger Folk- und Protestsänger Anfang der 1960er Jahre bis zu seinem Spätwerk sind Gericht und Gnade, Sünde und Erlösung, Heil und Unheil, Himmel und Hölle Dylans zentrale Stoffe.

Abraham und der Erzengel Gabriel, David und Goliath, Jesus und der Teufel, Verführer und Verführte bevölkern seine Songwelt. Von der Sintflut zur Bergpredigt, vom Garten Eden bis zum Garten Gethsemane, von Armagedon bis Jerusalem – Dylan ist an allen Orten der biblischen Überlieferungen zu Hause.

Dylans Religion ist eine, die über das Leiden und die Sünde Bescheid weiß und in der ein bekennender Sünder der wahre Heilige ist.

Am 24. Mai feiert der rastlose Pilger und Prophet, der 1941 als Robert Allen Zimmerman oder – so sein jüdischer Name – Shabtai Zisel ben Avraham in Duluth/Minnesota geboren wurde, seinen 70. Geburtstag.

Uwe von Seltmann

Hinweis: Bob Dylan tritt am 25. Juni in Mainz und am 26. Juni in Hamburg auf.