Wenn das Fundament zum Zankapfel wird

6. August 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

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Theologie: Die Bibel ist Grundlage des Glaubens – doch um ihr richtiges Verständnis gibt es oft genug Streit

Spätestens bei konkreten ­ethischen oder theologischen Fragen zeigt sich, dass das Bibelverständnis oft höchst unterschiedlich ist.

Foto: Harald Krille

Foto: Harald Krille

Über Fragen des Verständnisses der Bibel und ihre angemessene Auslegung ist in der Geschichte der Kirche immer wieder ­gestritten worden. Auch heute wird kontrovers darüber diskutiert. Mit der Bibel wird die Frauenordination begründet und abgelehnt. Mit Bezugnahme auf die Heilige Schrift wird eine hierarchisch aufgebaute Verfassung der Kirche gefordert und ebenso als »unbiblisch« beurteilt. Der Kanon der Heiligen Schrift scheint eine Vielfalt von Deutungsmöglichkeiten zuzulassen. Die Bibel ist insofern nicht nur gemeinsames Fundament der christlichen Kirchen. Sie ist auch Zankapfel. Sie verbindet die Christen und trennt sie. Im Verständnis und in der Auslegung der Bibel können gravierende Unterschiede bestehen.Kann man dem Streit um die rechte Auslegung der Bibel entfliehen, indem man die Bibel gleichsam mit ins Glaubensbekenntnis aufnimmt und sagt: »Wir glauben an die Bibel als das von Gott gegebene ›irrtumslose‹ und ›unfehlbare‹ Wort Gottes«? Lassen sich auf diese Weise Autoritäts- und Machtfragen jenseits von langwie­rigen Diskussionsprozessen beantworten? Vertreterinnen und Vertreter einer »wortwörtlichen« Auslegung der Heiligen Schrift sehen es so. Sie glauben, dass durch ihr Bekenntnis zur ­Bibel der Streit um ihre angemessene Auslegung beendet werden kann. Das ist meines Erachtens jedoch nicht ­zutreffend: Bei der Annahme ihrer »absoluten Unfehlbarkeit« hört der Streit um ihre wahre Auslegung keineswegs auf. Auch zwischen evange­likal geprägten Gruppen und Ausbildungsstätten werden im Blick auf das Bibelverständnis durchaus verschiedene und teilweise widerstreitende Anschauungen vertreten: etwa zur Frauenordination oder zum The­ma Schöpfung und Evolution, zum Verhältnis von Glaube und Heilung. Wie kann ein angemessenes Verständnis der Schrift aussehen, in dem die Freiheit und die Bindung eines Christenmenschen gegenüber der Schrift gleichermaßen Berücksichtigung finden?

Nach evangelischem Verständnis ist das Zeugnis der Bibel für kirchliches Handeln und Lehren grundlegend. Deshalb betonten die Reformatoren, dass die Schrift einzige und ausschließliche Quelle der Verkündigung des Evangeliums ist (sola scriptura – allein die Schrift). Evangelische Identitätsbildung geschieht stets neu durch den Umgang mit der Heiligen Schrift und in der Gemeinschaft der Christen. Wenn evangelikal geprägte Christinnen und Christen betonen, dass alle Ausdrucksformen kirchlichen Lebens, christlichen Zeugnisses und kirchlichen Dienstes unter die Norm der Heiligen Schrift zu stellen seien, so vertreten sie ein urevange­lisches Anliegen.

Die Orientierungskraft der Bibel ist allerdings nicht etwas, über das wir verfügen könnten, etwa durch ein Verbalinspirationsdogma. Zwar ist von Inspiration zu reden. Die biblischen Texte selbst tun es. Gottes Geist schaltet die menschliche Begrenztheit der Zeugen dabei jedoch nicht aus. Gottes heilvolle Nähe in seinem Wort gibt es nur in gebrochenen und vorläufigen Formen. Die Bibel ist weder in den zentralen reformatorischen noch in den altkirchlichen Bekenntnissen ­Gegenstand des Heilsglaubens. In der Bibel lässt sich Gott durch Menschen bezeugen. Er spricht durch die manchmal fehlerhafte Grammatik menschlicher Sprache. Die »Raumzeitlichkeit« der göttlichen Selbstmitteilung nötigt dazu, die Bibel auch in historischer Perspektive zu betrachten. Es gibt kein beweisbares, kein sichtbares Wort Gottes. Das göttliche Wort gibt es nicht pur. Es verbirgt sich im unzulänglichen Menschenwort und lässt sich darin zugleich finden. Wo solche Spannungen geleugnet werden, wird Gewissheit zur falschen Sicherheit. Die Wahrheit des Glaubens an den dreieinigen Gott lässt sich jedoch der Anfechtung nicht entziehen.

Die Bibel wird vor allem dann richtig gelesen, wenn sie von ihrer Mitte her, dem Evangelium, gelesen wird. Diese Mitte ist Gott selbst, der Jesus Christus in die Welt gesandt hat und uns in seinem Heiligen Geist nahekommt. Ihre Mitte ist die Botschaft von der Rechtfertigung des Sünders, der Vergebung empfängt »aus Gnade, um Christi willen durch den Glauben« (Augsburgisches Bekenntnis, Art. 4). Vom Evangelium als ihrer Mitte eröffnet sich die Möglichkeit, »Teile von geringerer und größerer Wichtigkeit« (Adolf Schlatter) zu unterscheiden. Alle Bemühungen um das richtige Verständnis der Schrift und ihre an-
gemessene Auslegung sind freilich vergeblich, wenn sie nicht aus der Kenntnis und Wertschätzung der Bibel kommen, einem erwartungsvollen Hören auf sie im Alltag des Lebens.

Reinhard Hempelmann

Der Theologe Dr. Reinhard Hempelmann ist Leiter der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) in Berlin.

Schneisen im Wirrwarr der Weltanschauungen

17. Juni 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Interview: Reinhard Hempelmann zu den Geistesströmungen in Gesellschaft und Kirche

Seit 50 Jahren analysiert und dokumentiert die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) die religiösen und weltanschaulichen Strömungen der Gegenwart. Benjamin Lassiwe sprach mit ihrem Leiter, dem Theologen Reinhard Hempelmann.

Reinhard Hempelmann

Reinhard Hempelmann

Herr Dr. Hempelmann, was hat die EZW in den letzten 50 Jahren getan?
Hempelmann:
Die EZW hat in den letzten 50 Jahren kontinuierlich Zeitströmungen und religiös-weltanschauliche Entwicklungen beobachtet, beschrieben und gedeutet. Sie hat ihre Ergebnisse im Materialdienst, in zahlreichen EZW-Texten und in Büchern dokumentiert. Dadurch wurde die EZW zu einem Dienstleister für Kirchen, Gemeinden, ebenso für die säkulare Öffentlichkeit. Der Ausgangspunkt unserer Arbeit war dabei ­immer ein ganz konkreter und ist es bis heute geblieben: Die Beantwortung von Fragen, die die EZW jeden Tag per Post, per Telefon, heute oft auch per E-Mail ­erreichen.

Was für Fragen werden heute an die EZW gestellt?
Hempelmann:
Die Fragerichtungen sind so vielfältig wie die verschiedenen Referatsbereiche, die ganz unterschiedliche Themenschwerpunkte haben. Menschen erkundigen sich nach nicht-christlichen Religionen in Deutschland, sie fragen nach Pfingstkirchen und ihrer Glaubwürdigkeit, nach Anbietern auf dem Coaching-Markt und esoterischen Heilungspraktiken. Gefragt wird auch nach Chancen und Grenzen des Dialoges mit den Zeugen Jehovas, mit der Neuapostolischen Kirche, mit der anthroposophisch beeinflussten Christengemeinschaft. Kann die Neuapostolische Kirche Mitglied einer örtlichen »Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen« werden? Gibt es begründete Grenzen der christlichen Ökumene, und wo liegen diese? Mit ­solchen Fragen wenden sich Einzelpersonen und Gemeinden an die EZW – und wir versuchen, darauf einzugehen und eine Antwort zu geben.

Gibt es Beobachtungen, die Ihnen derzeit besonders Sorgen machen?
Hempelmann:
Gesellschaftliche Milieus driften auseinander und werfen die Frage nach dem Zusammenhalt der Gesellschaft auf. Auch kirchliche Milieus differenzieren sich aus. So gibt es ganz unterschiedliche Perspektiven und Visionen im Blick auf das, was Kirche heute heißen könnte und sollte. Innerhalb der evangelischen Landeskirchen gibt es – ­etwas vereinfachend gesprochen – eine volkskirchlich-liberale Vision von Kirche, eine missionarisch-evangelistische, eine charismatische und eine ökumenisch-konziliare Vision von Kirche. Darum entwickeln sich dann Milieus, deren Kommunikationsbereitschaft schwieriger zu werden scheint. Das heißt: Die Milieus gehen immer weiter auseinander und lassen die Frage des Umgangs mit Vielfalt und den Chancen und Grenzen des innerkirchlichen Pluralismus virulent werden. Was ist legitime Vielfalt und wie viel Profil ist notwendig, damit der Pluralismus nicht zur Beliebigkeit wird? Unsere Kirchen stehen hier vor großen Herausforderungen.

Sie sprachen bereits von den Grenzen der christlichen Ökumene. Was hat die EZW damit zu tun?
Hempelmann:
Vorrangiges Thema der EZW ist nicht die christliche Ökumene, sondern der Dialog der Religionen und Weltanschauungen und die christliche Apologetik. Es gibt Religionsgemeinschaften, bei denen der Wunsch besteht, sich der christlichen Ökumene anzunähern. Andere betonen pointiert, dass sie eine christliche Religionsgemeinschaft sind. Die Religionsgemeinschaft der Mormonen versteht sich selbst als christlich, interpretiert die christliche Tradition aber in einer sehr spezifischen Weise. Sie versteht das Buch Mormon als göttliche Offenbarung und stellt es neben die Bibel. Unter anderen Kirchen gibt es jedoch einen Konsens darüber, dass damit eine fundamentale Differenz zum allgemeinen christlichen Selbstverständnis gegeben ist. Der Kanon der Bibel ist nicht ergänzungsbedürftig. Das gemeinsame Hören auf die Bibel ist für die Ökumene grundlegend. Und dann gibt es Religionsgemeinschaften, die der Ökumene gegenüber viele Jahre distanziert und ablehnend waren, und mittlerweile jedoch Offenheit für andere christliche Kirchen gewonnen haben.

Zum Beispiel?
Hempelmann:
Ich zähle dazu Teile der Pfingstbewegung, ebenso Teile des Adventismus. Teile der Pfingstbewegung lassen sich heute in das vielgestaltige Spektrum einer evangelikal geprägten Freikirchlichkeit einordnen. Die Sieben-Tags-Adventisten haben einen Gaststatus in der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen inne und sind ebenso Gastmitglied in der Vereinigung Evangelischer Freikirchen. Sie stellen die gemeinsamen Glaubensüberzeugungen aller Christen in den Vordergrund ihrer Glaubensauffassung. Die für den Adventismus typische Gestalt der Endzeiterwartung und die Praxis der Sabbatheiligung spielen eine Rolle, werden aber nicht in den Vordergrund gestellt. Gleichzeitig zeigt sich: Die im Adventismus vorgenommene Betonung des alttestamentlichen Gesetzes für die Lebensführung ist eine nach wie vor strittige Frage.

Vor 20 Jahren hat man prophezeit, der Osten Deutschlands werde wieder christlich werden. Gleichzeitig haben Sektenexperten davor gewarnt, dass immer mehr Gurus und selbst ernannte Propheten in Ostdeutschland auf Anhängerfang gehen. Wie sieht es heute aus?
Hempelmann:
Es hat selbstverständlich den Versuch von Guru-Bewegungen, Sondergemeinschaften und Sekten gegeben, in Ostdeutschland die eigene Präsenz zu verstärken. Dieser Versuch ist meines Erachtens gescheitert. Die Skepsis und Distanz gegenüber allem Religiösen und Weltanschaulichen ist so groß, dass die Mission solcher Gruppen ähnlich wie die Mission der Kirche erfolglos blieb. Wir haben in Ostdeutschland eine andere Religionskultur als im Westen.

Wirkt sich das auch auf die Arbeit der EZW aus? Gibt es eine Zusammenarbeit mit staatlichen Institutionen in Ostdeutschland?
Hempelmann:
Die rechtlichen Rahmenbedingungen sind in Ost- und Westdeutschland gleich. Wir arbeiten mit staatlichen Informationsstellen zusammen. Da für den Staat das Prinzip der Neutralität und der Nichtidentifikation mit einer Religion oder Weltanschauung gilt, muss er im Blick auf Bewertungen Zurückhaltung üben. Selbstverständlich sind wir bereit, Informationen, die wir zu einer Religionsgemeinschaft haben, zur Verfügung zu stellen.

Wie oft wurden Sie denn deswegen schon verklagt?
Hempelmann:
Informationen sind nichts, für das man verklagt werden kann. Verklagt wird man, wenn man Stellung bezieht und Kritik übt. Als EZW ist unser vorrangiges Interesse die Information. Aber wir scheuen uns auch nicht, unsere Meinung zu sagen. Wir tun dies aus der Perspektive eines christlichen Verständnisses von Mensch und Welt. Es gibt auch religiösen Missbrauch, über den geredet werden muss, auch öffentlich. Es gibt vereinnahmende Formen von Religion. Man muss da nicht nur an Scientology oder das Universelle Leben denken. Nicht immer lassen sich Konflikte vermeiden. Die Unterscheidung der Geister gewinnt eben auch Gestalt im kritischen Widerspruch gegenüber verletzenden und krankmachenden Formen von Religiosität.