Gemeinde vor Ort nach Luther

27. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Die aktuellen Reformbestrebungen der Kirche drängen weg von einer Gewichtung der Kirchengemeinden vor Ort. Im Sinne des Reformators?

Wie gestaltet sich evangelische Kirche künftig? Die aktuellen Reformbestrebungen in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) haben meist eine auffällige Tendenz: Sie drängen weg von der gewohnten Gewichtung der Kirchengemeinden vor Ort.

Schon vor über einem halben Jahrhundert hat der Lutheraner Hugo Schnell an den biblisch begründeten Sachverhalt erinnert: »Die Kirche darf in keinem Augenblick vergessen, dass sie sich aus den Gemeinden aufbaut, dass sie in ihnen und aus ihnen lebt.« Dieses Votum entspricht im Wesentlichen der Sicht Martin Luthers.

Der Reformator hatte »Kirche« definiert als die »geistliche Versammlung der Seelen in einem Glauben«, also als das Volk der Gläubigen, als Versammlung jener Menschen, die das Evangelium hören und Christus folgen wollen. Dabei hat Luther immer wieder unterstrichen, dass Christus selbst das Haupt der Kirche sei. Den Leib der Kirche bildet für ihn konkret die christliche Versammlung, der »Haufen« im Sinne des Beisammenseins und Zusammengehörens. Es ist Gottes Liebe, die uns »in seine heilige Gemeinde führt und in den Schoß der Kirche legt, durch welche er uns predigt und zu Christus bringt.«

Kritisch stand Luther dem amtskirchlich ausgeprägten Selbstverständnis seiner römisch-katholischen Mutterkirche gegenüber. Sie definiert sich bis heute vor allem vom Kultus her und insofern im Ganzen als Organisation, die als Leib Christi, ja in ihrer Sichtbarkeit als heiliger Teil Christi selbst verstanden werden will. Für Luther hingegen ist Christus als Haupt der Kirche auch Haupt jeder Einzelgemeinde, ja durch den Heiligen Geist mit jedem Glaubenden in mystischer Liebesverbindung zu einem »Kuchen« zusammengebacken – wobei derselbe Geist wiederum den Getauften in den Leib Christi als Ganzen integriert.

Erleuchtet: Anlässlich des Reformationsjubiläums hatte der Künstler Ingo Bracke das Lutherdenkmal in Wittenberg mit einer Lichtperformance zum Leuchten gebracht. Erhellend ist auch, wie der Reformator die Kirchengemeinde vor Ort definiert hat. Foto: epd-bild

Erleuchtet: Anlässlich des Reformationsjubiläums hatte der Künstler Ingo Bracke das Lutherdenkmal in Wittenberg mit einer Lichtperformance zum Leuchten gebracht. Erhellend ist auch, wie der Reformator die Kirchengemeinde vor Ort definiert hat. Foto: epd-bild

Selbstverständlich kannte der Reformator auch die überregionale Ebene von Kirche. Doch er wusste um die notwendige Dimension des Konkreten, des Überschaubaren für die Vollzüge von praktischer Liebe in der Gemeinschaft vor Ort. In dieser Hinsicht rang er lebenslang mit zweierlei Konzepten von Gemeinde. Das eine, eher ideale war das einer »Bekenntnisgemeinde«; das andere, mehr an den realen Verhältnissen orientierte war das volkskirchliche Modell.

Zur »Bekenntnisgemeinde« gehö­ren nach Ansicht des Reformators Menschen, die ernsthaft Christen sein wollen. Diese Art Kerngemeinde sollte sich über den wöchentlichen Sonntagsgottesdienst hinaus in Häusern zu Gebet, Bibellektüre, Taufe und Abendmahl versammeln. Diakonische Liebestätigkeit wäre in diesem Zusammenhang vor Ort zu realisieren. Treffen könnte sich diese Sonder- oder Kerngemeinde in Privathäusern oder einem kirchlichen Haus unter Leitung des Pfarrers.

Gleichwohl ist es nach Luther nicht möglich, ganze volkskirchliche Gemeinden als lebendige Gemeinden darzustellen. Er weiß um das Risiko, dass Christen in den skizzierten »Sondergemeinden« eine ambivalente Wirkung zu entfalten drohen: Sie könnten der Botschaft von der geschenkten Rechtfertigung der Gottlosen entgegenstehen.

Deshalb sah er von der Entwicklung besonderer Gemeinden oder Gemeindezirkel ab, auch um der Gefahr des Sektierertums zu wehren.

Mit Blick auf Jesu Warnung vor falschen Propheten in Schafskleidern mahnt der Reformator, zwischen rechter und falscher Kirche zu unterscheiden – wobei er solche Unterscheidung der Geister durchaus auch für innerhalb ein und derselben Kirche angebracht hält.

Sollte das nicht auch heute gelten – im Zeitalter neuer Kirchenreformen? Wo entwickeln sich Verbesserungen im Sinne Luthers, und wo laufen die Dinge in eine Richtung, die von der Betonung des Miteinanders in der Gemeinde wegführen? Gisela Kittel und ihre Mitautoren riefen 2016 in dem Buch »Kirche der Reformation? Erfahrungen mit dem Reformprozess und die Notwendigkeit der Umkehr« in Erinnerung: »Nach etwa zwanzig Jahren Strukturumbau der Evangelischen Kirche zeigen sich die angerichteten Schäden unübersehbar. Sie sind vor allem in jenen Landeskirchen und Kirchenkreisen zu spüren, die im sogenannten ›Reformprozess‹ kühn voranschritten.« Eine bedenkliche Verschiebung im evangelischen Kirchenverständnis habe sich ereignet. Weil die christliche Kirche weithin nicht mehr als die Versammlung der Glaubenden gesehen werde, die auf das Wort ihres Herrn hört, sondern eher als soziale Organisation, sei die Selbsterhaltung des Apparates an die erste Stelle der Vorsorge gerückt: »So schreitet die Institution ›Kirche‹ über engagierte und bisher ihren Gemeinden treu verbundene Gemeindeglieder hinweg.«

Namentlich Gerhard Wegner, Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD, kritisiert die neueren Entwicklungen, die quer durch Deutschland das Schwergewicht der Ressourcen auf die mittleren Kirchenebenen legen und damit riskieren, dass den Gemeinden selbst immer weniger Bedeutung zukommt. Die neueste Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der EKD habe erkennbar die Bedeutung der Kirchengemeinden wiederentdeckt: »So fühlen sich 45 Prozent der Kirchenmitglieder ihrer Ortsgemeinde sehr und ziemlich verbunden und ebenso etwa 44 Prozent der evangelischen Kirche insgesamt.« Damit erweise sich die Kirchengemeinde nach wie vor als »die mit Abstand wichtigste Drehscheibe von Kirchenmitgliedschaft. Die seit vielen Jahrzehnten gepflegte Vorstellung von der Existenz einer großen Gruppe von Evangelischen, die sich der evangelischen Kirche als solcher verbunden fühlen, aber zu den Kirchengemeinden aufgrund ihrer randständiger Existenz Abstand halten würden, ist mit diesen Zahlen widerlegt.« Durch die Präsenz der Kirche als Ortsgemeinde gewinne die evangelische Kirche einen Großteil ihrer Sichtbarkeit in der Fläche.

Es gilt also neu auf die der Kirche stärker Verbundenen zu achten: Sie zeigen in allen religiösen und kirchlichen Dimensionen höhere Werte auf. Sie erweisen sich laut Wegner sogar als die insgesamt gegenüber Neuerungen in der Kirche eher Aufgeschlossenen. Eine besonders große Bedeutung hätten Kirchengemeinden zudem hinsichtlich der Gewinnung und Aktivierung von Ehrenamtlichen; auf deren Kosten gehe es, sobald man Kirchengemeinden fusioniere. Es gibt also gute Argumente zu Gunsten einer Kirchenreform in genau anderer Richtung, als das derzeit oft der Fall ist. Eine konsequente Neugewichtung von Gemeinden vor Ort ist angesagt – ganz im Sinne der Reformatoren.

Werner Thiede

Buchtipp: Thiede, Werner: Evangelische Kirche – Schiff ohne Kompass? WBG Verlag, 280 S., ISBN 978-3-534-26893-1, 29,95 Euro


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Mit Christus ein Kuchen werden

25. September 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Glaubenskurs: Martin Luthers Abendmahlsverständnis – Fleisch gewordenes Evangelium

Martin Luthers Abendmahlsverständnis wird wegen seiner Fokussierung auf die Vergebung der Sünden häufig kritisiert. Zusammen mit der vorgeschalteten Beichte sei es verantwortlich für das Missverständnis des Abendmahls als »traurige Unterhaltung« (Immanuel Kant) und der damit verbundenen Distanz vieler Kirchenmitglieder zum Abendmahlsempfang. Tatsächlich ist Luther überzeugt, dass sich im Abendmahl die Vergebung der Sünden erfahren lässt – nicht auf dem Weg des Hörens wie bei der Predigt, sondern auf sinnliche Weise in Form von Sehen, Riechen, Tasten und Schmecken. Das Abendmahl ist Fleisch gewordenes Evangelium. Es schenkt Versöhnung mit Gott dadurch, dass Jesus Christus jeden Menschen, so wie er ist – als wirklichen Sünder – an seinen Tisch einlädt.
Logo-CredoIm Kleinen Katechismus schreibt der Reformator: »Was nützt denn solch Essen und Trinken? Das zeigen uns diese Worte: Für euch gegeben und vergossen zur Vergebung der Sünden; nämlich, dass uns im Sakrament Vergebung der Sünden, Leben und Seligkeit durch solche Worte gegeben wird; denn wo Vergebung der Sünden ist, da ist auch Leben und Seligkeit.« Damit ist klar: Auch für Luther geht es beim Abendmahl nicht bloß um die Vergebung der Sünden. Diese ist jedoch das Nadelöhr, um die anderen Aspekte – Leben und Seligkeit – zu erfahren. Das Abendmahl ist für Luther ein geistliches Lebensmittel. Es will in den Belastungen des Alltags Kraft zum Leben vermitteln und Horizonte der Hoffnung eröffnen. Dazu gehört die Aussicht auf die endgültige Überwindung der Nöte und Sorgen in Gottes neuer Welt, wobei diese Hoffnung die Erwartung einschließt, dass bereits in dieser Welt Veränderungen zum Guten möglich sind. Dadurch, dass die Kommunizierenden Leib und Blut Jesu Christi zu sich nehmen, erhalten sie Teil an seinem ewigen göttlichen Leben und an den Kräften der unsichtbaren Welt. Luther entdeckte den Charakter des Abendmahls als Gemeinschaftsmahl wieder. Es lässt die Feiernden erfahren, dass sie nicht allein sind, sondern zusammen mit Schwestern und Brüdern den Weg des Glaubens gehen. Das gemeinsame Essen und Trinken verbindet stärker als das bloße Miteinander-Reden!

Martin Luther legte die Grundlage für ein mystisches Verständnis des Abendmahls im Luthertum. In ihm vollzieht sich die Vereinigung von Braut und Bräutigam, d. h. des Gläubigen mit Christus. Beide werden »ein Kuchen, ein Brot, ein Leib, ein Trank und alles gemein«. Die Initiative für die innige Vereinigung mit Christus ging von dessen Liebe zum Menschen aus. Die Liebe Christi im Abendmahl zu erfahren, entzündet im Menschen seinerseits die Liebe zum Nächsten: »Denn wenn die Liebe nicht täglich wächst und den Menschen so verwandelt, dass er an seinem Mitmenschen Anteil nimmt, da bleibt das Sakrament für ihn ohne wirkliche Bedeutung.« Luther bestand Zeit seines Lebens entsprechend der mystischen Tradition auf der Realpräsenz Jesu Christi im Abendmahl. Er ist in, mit, unter Brot und Wein mit seinem Leib und Blut leibhaftig gegenwärtig. Die Realpräsenz ist für den Reformator unaufgebbar. Denn sie lässt die Kommunizierenden auf sinnliche Weise – unabhängig von gedanklichen Einsichten, Gefühlen und Stimmungen – die Nähe Gottes erfahren.

Luther schreibt im Großen Katechismus, dass das Abendmahl nur bei häufigem Empfang seine spirituelle Kraft entfalten kann. Es war deshalb ein großer Fortschritt, dass es in der evangelischen Kirche seit den 1970er-Jahren nicht länger bloß dreimal im Jahr, sondern in den meisten Gemeinden wenigstens einmal im Monat im Hauptgottesdienst gefeiert wird.

Peter Zimmerling

Der Autor ist Professor für Praktische Theologie mit Schwerpunkt Seelsorge und Spiritualität an der Universität Leipzig.

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Luther und der Hammer

18. September 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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In Gotha ist bei Erschließungsarbeiten am Nachlass des Theologen und Bibliotheksdirektors Ernst Salomon Cyprian eine Federzeichnung entdeckt worden, die einer der ersten Belege für die Visualisierung des Thesenanschlags Martin Luthers mit dem Hammer ist. Die Zeichnung wurde nach einem anlässlich des Reformationsjubiläums 1717 im dänischen Aalborg ausgestellten Schaubildes angefertigt. Das teilte die Universität Erfurt mit, zu der die Gothaer Forschungsbibliothek gehört.

Dass der Reformator am 31. Oktober 1517 mit einem Hammer seine 95. Ablassthesen an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg schlägt, ist ein Bild, dass 500 Jahre Reformationsgeschichte überdauerte. In der Forschung ist diese Zuspitzung auf den Hammer jedoch umstritten, da dieses Bild bisher als eine Prägung des 19. Jahrhunderts galt. Jedoch wurde nie untersucht, wann und wo das populäre Motiv »Luther mit dem Hammer« tatsächlich entstand.

Gemeinsam mit anderen Objekten lässt der Fund den Schluss zu, dass der historisch nicht verbürgte Thesenanschlag mit dem Hammer zwar mit deutlichem Abstand zur Reformationszeit, aber schon weit vor dem 19. Jahrhundert erstmals dargestellt wurde.

Mirjiam Petermann

Klingende Zukunft

7. September 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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30 Jahre Handglockenchor Gotha

Wieder einmal: Luther. Zu seinem 500. Geburtstag, den 1983 auch die DDR-Staatsführung groß feierte, rückten Augustinerkloster und -kirche Gotha in den Fokus. Mehrfach hatte hier der Reformator gepredigt. Das faszinierte bei seinem Besuch den amerikanischen Pastor Larry Hoffsis aus Ohio ebenso wie die Historie der Gebäude. Er wollte unbedingt mit seiner Gemeinde eine Partnerschaft mit der Augustinergemeinde begründen. Ein nicht zu erfüllender Wunsch in jenen Jahren. »Wenn was ging, dann auf kultureller oder sportlicher Ebene«, sagt Kirchenmusikerin Elke Eichhorn.

1985 reiste der Handglockenchor aus Dayton (Ohio) nach Thüringen und gastierte auch in Gotha. »Was wir da hörten, war so ungewöhnlich wie einmalig«, erinnert sich die Musikerin. Wenig später fragte der Landeskirchenmusikdirektor sie rundheraus, ob sie sich zutraue, einen Handglockenchor zu leiten. Warum nicht mal tun, was völlig unbekannt ist, entschied Elke Eichhorn. Dann dauerte es noch zwei Jahre, ehe alle Formalitäten erledigt waren und Larry Hoffsis mit seiner Frau Cindy einen Satz Handglocken als Geschenk der Epiphany Lutheran Church an die Augustinergemeinde übergeben konnte.

Foto: Tino Sieland

Foto: Tino Sieland

Ein Geschenk, das nachhaltig ist. Damit wurde eine dreißigjährige Geschichte begründet. Vom 8. bis 10. September feiert der Chor sein 30-jähriges Bestehen.

»Nach einem Schnellkurs konnten wir in langsamem Tempo drei, vier Lieder spielen«, so Elke Eichhorn. Aber der Anfang war gemacht. 1988 reiste sie zu einem Workshop für Handglockenspieler und -chorleiter in die USA.

Unter den jungen Handglockenspielern vor 30 Jahren war auch der achtjährige Sohn der Kirchenmusikdirektorin. Matthias Eichhorns Begeisterung für diese Musik ist seitdem ungebrochen. 2005 hat er von seiner Mutter die Leitung des Handglockenchors übernommen. »Als Jazzmusiker hat er weitere Klangfarben in unsere Musik gebracht«, freut sich die Mutter, die natürlich weiterhin im Ensemble aktiv ist.

Die Liste der Konzerte ist lang. Zu Hause in der Augustinerkirche erspielte er in Benefizkonzerten Geld für den Orgelneubau. Mit der Wiedervereinigung weitete sich auch der Radius der Aufführungsreisen. Eine erste CD bringt der Chor 1995 auf den Markt, die vierte erscheint pünktlich in diesen Tagen zum Jubiläum.

Nachwuchssorgen, sagt Elke Eichhorn, hat der Handglockenchor nicht. Und das zeigt, mit seinen 30 Jahren ist er erstaunlich jung. Und blickt in eine klingende Zukunft.

Klaus-Dieter Simmen

Programm zum Festwochenende:

8. September, 18 Uhr Auftaktabend,

9. September, 18 Uhr Festkonzert in der Augustinerkirche,

10. September, 10 Uhr Festgottesdienst in der Margarethenkirche

www.hgcg.de

»Gott sei mit euch auf dem Wege«

30. Juli 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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117. Deutscher Wandertag: Interview mit der Präsidentin des Thüringer Wanderverbandes Christine Lieberknecht

Die Wartburgregion erwartet mehr als 30 000 Wanderer aus ganz Deutschland. Der 117. Deutsche Wandertag steht unter dem Motto: Wandern auf Luthers Spuren. Schirmherrin ist die ehemalige Thüringer Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht. Mirjam Petermann schilderte sie ihre Sicht auf das Großereignis.

Schirmherrin, ohne Schirm: Die Theologin und einstige Ministerpräsidentin Thüringens, Christine Lieberknecht, beim Wandern auf der Saalfelder Höhe. Foto: privat

Schirmherrin, ohne Schirm: Die Theologin und einstige Ministerpräsidentin Thüringens, Christine Lieberknecht, beim Wandern auf der Saalfelder Höhe. Foto: privat

Frau Lieberknecht, worauf freuen Sie sich beim 117. Deutschen Wandertag persönlich am meisten?
Lieberknecht:
Eisenach ist deutsche Wanderhauptstadt. Besonders freue ich mich auf die 12 000 aktiven Teilnehmer am großen Festumzug, die alle Wanderregionen von Nordelbien bis zum Schwäbischen Albverein in ihrer ganzen Vielfalt vertreten.

Wie kam es dazu, dass Eisenach und die Wartburgregion vom Deutschen Wanderverband in diesem Jahr als Gastgeber des Wandertages ausgewählt wurden?
Lieberknecht:
Der Deutsche Wanderverband möchte in wichtigen Fragen unserer Zeit Zeichen setzen; auch in diesem Reformationsjahr 2017. Wo könnte das für Wanderer unmittelbarer werden als am Fuße der Wartburg, da, wo Natur- und Kulturgeschichte eine wunderbare Einheit bilden? Dort, wo die UNESCO der Wartburg die weltweite Anerkennung als Weltkulturerbe verliehen und die umgebende Landschaft des Hainichs als Weltnaturerbe ausgezeichnet hat. Damit waren Eisenach und der ausrichtende Rennsteigverein für 2017 durch keine andere Wanderregion zu toppen.

Über 30 000 Wanderer werden in Eisenach erwartet, um auf Luthers Spuren zu wandern. Welche Spuren werden sie dort finden?
Lieberknecht:
Zunächst einmal: historische Spuren allenthalben. 95 verschiedene Wanderrouten wurden ins Programm aufgenommen: mit dem Lutherstammort Möhra, der Reformationsstadt Schmalkalden, dem Entführungsweg Luthers von 1521, dem Erlebnisweg Wartburg usw. Über 270 Wanderführer wurden durch die Thüringer Wanderakademie dafür ausgebildet, den Geschichten der landschaftlichen Besonderheiten, von Gedenk- oder Grenzsteinen am Wegesrand oder historischen Bauten nachzugehen und ihre Kenntnisse den Wanderern zu vermitteln.

Wie wir wissen, hatte der Reformator nicht nur löbliche Seiten. Der »alte« Luther wünschte so ziemlich alle in die Hölle, die nicht seiner Meinung waren. Auch das wird den Wanderern zum Beispiel anhand des großen Gemäldes von 1617 in der Eisenacher Georgenkirche erzählt werden. Und es gibt die großen Ausstellungen auf der Wartburg, der Brandenburg und der Wilhelmsburg.

Wo werden die Wanderer Spuren des Reformators hinsichtlich seines Glaubens und seiner Theologie finden?
Lieberknecht:
Die Botschaft vom Wort Gottes braucht es, dass man davon »singet und saget, klinget und prediget, schreibet und lieset, malet und zeichnet«, hat Martin Luther einmal gesagt. Ein hochmoderner multimedialer Ansatz! Und genau so wird es sein: musikalisch mit dem Bekenntnis von Bachs »Soli Deo Gloria«, die Bildpredigten in den offenen Kirchen, die ökumenischen Gottesdienste in Eisenach und Bad Liebenstein. Auch wird es darauf ankommen, was die Eisenacher und Thüringer für sich selbst mit der Reformation verbinden. Ich bin gespannt.

Obwohl Sie auch Pfarrerin sind, fehlen beispielsweise in Ihrem Grußwort im Programmheft christliche Bezüge. Warum?
Lieberknecht:
Für mich ist mein Glauben existenziell. Der Wanderverband allerdings ist religiös unabhängig. Viele Mitglieder haben keine kirchliche Bindung, außerdem gibt es auch jüdische, muslimische oder buddhistische Mitglieder. Unsere zentrale Resolution vom letzten Wandertag 2016 heißt »Flüchtlinge willkommen«. Dass wir Wanderer bei der großen Integrationsaufgabe unseren Beitrag leisten, ist für mich gelebter christlicher Glaube.

Sie grüßen mit »Frisch auf« im Programmheft. Gottes Segen wäre doch auch nicht schlecht gewesen?
Lieberknecht:
Als Wanderer sagen wir »Frisch auf!«. Das ist Tradition. Ganz sicher wird für den Wandertag auch gebetet. Mein Lieblingssegen für die Wanderer aus Tobit 5, Vers 23 hat es leider nicht in die aktuelle Lutherbibel geschafft: »Gott sei mit euch auf dem Wege, und sein Engel geleite euch!« Diesen Segen wünsche ich ausdrücklich allen Wanderern.

In einer Reaktion auf meinen Kommentar (Nr. 29, S. 1) schreiben Sie, dass man von Ihnen als weltlicher Schirmherrin eines weltlichen Ereignisses kein frömmeres Grußwort erwarten könne als von der geistlichen Landesbischöfin in den Programmen zum Kirchentag. Wie meinen Sie das?
Lieberknecht:
Landesbischöfin Junkermann schrieb zum Kirchentag: »Seien Sie uns herzlich willkommen!« Bei mir heißt es, ich »grüße Sie mit einem herzlichen ›Frisch auf!‹«. Und den Lesern von »Glaube + Heimat« rufe ich zu: Seien auch Sie in Eisenach dabei!

www.wandertag-2017.de

Angebote der Kirchen zum 117. Wandertag – 27. bis 30. Juli
•    Do. bis Sa., 11 Uhr, Georgenkirche Eisenach: Eisenacher Marktkonzerte
•    Do. und Fr., 12 Uhr, Georgenkirche Eisenach: Mittagsgebet
•    Do. und Fr., 19 Uhr, Annenkirche Eisenach: Abendandacht
•    Do., 19.30 Uhr, Nikolaikirche Eisenach: »Allein auf Gottes Wort« – Kurrende der Kirchlichen Hochschule Naumburg, Leitung: Michael Greßler
•    Fr., 18 Uhr, Georgenkirche Eisenach: Sonderkonzert zum 267. Todestag von Johann Sebastian Bach
•    Sa., 10 bis 18 Uhr, Lutherhaus Eisenach: Werbestand von »Glaube + Heimat« mit Sonderpostkartenaktion
•    So., 9 Uhr, Elisabethplan unterhalb der Wartburg Eisenach: Ökumenischer Gottesdienst (regulärer Busverkehr ab Eisenach bis zum Elisabethplan; ab 10 Uhr Busshuttle zurück zur Werner-Assmann-Halle Eisenach)
•    So., 10 Uhr, Kurpark an der Wandelhalle Bad Liebenstein: Ökumenischer Open-Air-Gottesdienst
•    So., 10 Uhr, Georgenkirche Eisenach: Kantaten-Gottesdienst »Kyrie« aus der Messe in h-Moll von J. S. Bach und »Da pacem, Domine« von Arvo Pärt; Ensemble Consart, Leitung: Andreas Reuter
•    So., 16 Uhr, Georgenkirche Eisenach: Kammermusik an Bachs Taufstein – Mitteldeutsche Barock-Compagney


Der düstere Prophet mit Charisma

23. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Johannes Calvin: Wo Martin Luther keinen Einfluss hatte, wurde Calvin als großer Reformator geehrt

Es ist ein merkwürdiges Phänomen: Dieser Johannes Calvin, zunächst Jurist und dann erst Seelsorger, hielt eine um die andere düstere Predigt über die abgrundtiefe menschliche Sündhaftigkeit und über einen zornigen Gott – aber gerade dadurch zog er die Massen magisch an. Johannes Calvin ist für die Schweiz und Frankreich und später auch für die USA, Kanada, Australien das gewesen, was Martin Luther für Deutschland und die skandinavischen Länder war. Ein charismatischer Reformator mit einer Ausstrahlung weit über den Tod hinaus.

Geboren wurde Jehan Cauvin, wie er eigentlich hieß, 1509 im nordfranzösischen Noyon in der Picardie, als Sohn eines bischöflichen Sekretärs und Finanzbeamten. Die Mutter starb früh. Der Vater bestimmte ihn und zwei seiner Brüder für die geistliche Laufbahn. Plötzlich kommandierte der Vater, nicht Theologie solle er studieren, sondern Jura, damit lasse sich mehr Geld verdienen. Johannes gehorchte, vertiefte sich in die Logik und Präzision juristischer Beweisführungen. Und dann gehorchte er nicht mehr. Er lernte die aufmüpfigen Ideen des deutschen Kirchenreformers Martin Luther kennen, war Feuer und Flamme – und entdeckte sein Talent, andere mitzureißen.

Das Verhängnis nahte, als Calvins Freund Nicolas Cop zum Rektor der Pariser Universität gewählt wurde. Gemeinsam mit Calvin schrieb er eine provokante Antrittsrede voll reformatorischer Parolen und Visionen. Der König höchstpersönlich befahl die Verhaftung der beiden. Calvin tauchte zunächst unter und floh später in die Schweiz. Und vollendete hier im Exil als Sechsundzwanzigjähriger seine »Institutio Christianae Religionis«, auf Deutsch »Unterricht in der christlichen Religion«.

Sandsteinstatue des französischen Reformators Johannes Calvin (1509–1564) im Berliner Dom. Foto: epd-bild

Sandsteinstatue des französischen Reformators Johannes Calvin (1509–1564) im Berliner Dom. Foto: epd-bild

Wie Luther und seine Gesinnungsgenossen drüben in Deutschland verlangt Calvin eine geistige und geistliche Reform der Kirche. Die Bibel und das vertrauensvolle Gebet statt des halb heidnischen Reliquienkults und des Geschäfts mit Ablässen. Die Kirche als unsichtbare Gemeinschaft der Freunde Gottes statt eines hierarchisch gegliederten Machtapparats.

Die Motive und die Ziele teilt Calvin tatsächlich mit all den religiösen Aufbruchsbewegungen seiner Zeit. Aber härter, illusionsloser als alle anderen vertritt er die Ansicht, dass es letztlich überhaupt nicht auf die Anstrengungen, die Gebete, das fromme Handeln des Menschen ankommt, sondern einzig und allein auf den Willen Gottes. Ob ein Mensch scheitert oder nach dem Tod in die Seligkeit eingeht, ist seit Ewigkeit vorherbestimmt. Das ist Calvins Antwort auf das Problem, warum der eine glaubt und der andere sich nicht um Gott schert. Dass sein Gott so willkürlich über das ewige Glück und Unglück seiner Menschen entscheiden kann, das entzückt Calvin – offenbart das doch die absolute Macht und Majestät dieses Gottes, und nur darauf kommt es ihm an.

Sogar eine frühe demokratische Tendenz steckt in dieser harten Disziplin dem Evangelium gegenüber, denn aus der privaten Moral des einzelnen Christenmenschen wird flugs eine gesellschaftliche. Und auch gekrönte Häupter müssen sich plötzlich fragen lassen, wie sie mit ihrer von Gott verliehenen Macht umgehen. Wie ein Prophet aus dem alten Israel verkündet Calvin den Tyrannen ihren Sturz – nicht unbedingt durch eine Volkserhebung, sondern durch einen dynamischen Robin Hood, der sich zum Retter der Ausgebeuteten macht. Später wird er für eine Kontrolle der Regierung durch Volksvertreter plädieren beziehungsweise für eine von den Klügsten und Anständigsten geführte Republik, wie er es in Genf vorexerziert.

In Genf kommt er 1536 auf der Flucht aus Frankreich an. Eigentlich ist er nur auf der Durchreise nach Straßburg. Doch in Genf geht es drunter und drüber. Immer wieder haben sich die Bürger der reichen Handelsstadt gegen die Herrschaft der Herzöge von Savoyen und der von diesen protegierten Bischöfe aufgelehnt. Schließlich verjagen sie den Bischof und nehmen aus Trotz den evangelischen Glauben an. Calvin bleibt, als Pastor, ohne je die Priesterweihe erhalten zu haben. Er wirft sich voll in die Konflikte, predigt, schreibt Briefe, führt Verhandlungen, macht Wahlkampf für den Stadtrat, taktiert, intrigiert, lockt Gesinnungsgenossen aus Frankreich nach Genf – und arbeitet an einem Sittenregiment, mit Überwachungsmaßnahmen, Kontrollorganen und saftigen Sanktionen.

Wallfahrten und Rosenkranzbeten steht genauso unter Strafe wie eine zu auffällige Frisur, Würfelspiel und Tanzen. Und die Strafen sind hart: nicht etwa eine symbolische Geldbuße, sondern Pranger, Gefängnis, Ausweisung – bei Ehebruch, Gotteslästerung und Götzendienst sogar die Hinrichtung. In einem einzigen Jahr schleppt man vierzehn vermeintliche Hexen zum Scheiterhaufen. Was freilich alles nicht Calvins Erfindung ist. Ähnliche moralische Reglements gab es in Genf schon vor seiner Zeit und es gibt sie in vielen Städten.

Nach 22 Monaten schickt der Rat Calvin in die Verbannung, aus ziemlich nichtigen Gründen. Calvin lebt jetzt im weltläufigeren Straßburg. Er heiratet eine arme Witwe, die schon mehrere Kinder hat. Als sie nach neun Jahren stirbt, spricht er sehr freundlich über sie und bleibt bis zu seinem Tod allein. Drei Jahre nach seiner Verbannung holen die Stadtväter Johannes Calvin zurück nach Genf.

Die Kirchenleitung ist, mit durchaus demokratischen Ansätzen, in Pfarrer, Lehrer, Diakone und »Älteste« gegliedert. Die Ältesten kommen aus dem Rat der Stadt und sollen garantieren, dass geistliche und weltliche Obrigkeit an einem Strang ziehen und das private und öffentliche Leben der Einwohnerschaft lückenlos überwachen. Am Sonntag müssen alle am Gottesdienst teilnehmen. Wirtshäuser, Theater sind verboten, zu üppige Gastmähler und auffallende Kleidung natürlich auch. Die Ältesten besuchen einmal pro Jahr jeden Genfer Haushalt und notieren unbarmherzig jede Abweichung von den Anordnungen. Frauen, die ihr Haar modisch hochfrisieren, werden verwarnt, und Familienväter, die ihren Kindern Vornamen aus dem verpönten katholischen Heiligenkalender geben, wandern ins Gefängnis. Doch diese harten Bestimmungen wurden nicht von einem Diktator Calvin, sondern von der Stadtregierung erlassen und von den Bürgern akzeptiert – von den meisten jedenfalls.

Die Kehrseite der Medaille ist eine wirksame Armenfürsorge – und ein hervorragendes Bildungswesen. Calvin gründet Schulen und eine Akademie, die sich ohne Scheuklappen mit den aktuellen Denkströmungen auseinandersetzt, er holt Latein- und Griechischlehrer und Theologen aus ganz Europa nach Genf und schickt dafür gut ausgebildete Missionare nach Frankreich, Holland, England, Schottland. Ausländische Besucher sind begeistert. Sogar Papst Pius IV. muss grimmig einräumen: »Die Stärke dieses Ketzers bestand darin, dass Geld nie die leiseste Anziehungskraft für ihn hatte. Hätte ich solche Diener, reichte meine Herrschaft von Meer zu Meer.«

Johannes Calvin, der düstere Prophet, schmächtig, ausgezehrt, blasses Gesicht mit langem dünnem Bart, durchdringende, kalte Augen, dieser finstere Asket muss ein unwiderstehliches Charisma gehabt haben.

Calvin wurde immer kränker, er sah aus wie ein Skelett, aber in seinen eingesunkenen Augenhöhlen brannte immer noch ein Feuer. Bis zuletzt hielt er Bußpredigten, selbst wenn er sich auf einem Stuhl in die Kathedrale tragen lassen musste. Am 27. Mai 1564 starb er 55-jährig, nachdem er alle Anwesenden um Verzeihung für seine Zornesausbrüche gebeten hatte.

Überall dort, wo der als typisch deutsch geltende Martin Luther keinen Einfluss gewann, verehren sie heute Johannes Calvin als den großen Reformator und Erneuerer der Christenheit. Bis zu hundert Millionen Menschen gehören einer reformierten Kirche an. Seine autoritäre Moral und seine rigorose Lehre von der Vorherbestimmung sind längst geglättet und humanisiert, der barmherzige Gott des Evangeliums hat sich auch in Calvins Kirche durchgesetzt. Geblieben ist seine Überzeugung, dass Christus der einzige Herr jeder Kreatur ist und sich von daher jede Herrschaft von Menschen über Menschen verbietet.

Christian Feldmann

Ein Gefängnis wird zum Ort der Freiheit

22. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Internationale Gegenwartskunst trifft auf Martin Luther, den Avantgardisten seiner Zeit. Ein Rundgang durch die Ausstellung »Luther und die Avantgarde«.

Ein ehemaliges Gefängnis wird zu einem Ort der Freiheit, der künstlerischen Auseinandersetzung mit der geistigen Freiheit. Am 19. Mai öffnet das Alte Gefängnis in Lutherstadt Wittenberg seine Türen für die Besucher und präsentiert bis 17. September in der Ausstellung »Luther und die Avantgarde« zeitgenössische Kunst. Der Reformator steht nicht als historische Person im Vordergrund. Er dient als Denkmodell, als Ideengeber und wird als Avantgardist seiner Zeit verstanden. Luther habe die Religion und die Sprache revolutioniert und die Welt verändert, so Kuratorin Dan Xu. Die Ausstellung im Alten Gefängnis in Wittenberg frage nach der aktuellen Bedeutung der Reformation und
zeige dabei die Perspektive der Kunst.

Wandmalerei des chinesischen Künstlers Sun Xun: Ihn interessiert, wie geschichtliche Ereignisse reflektiert werden. Foto: Sun Xun

Wandmalerei des chinesischen Künstlers Sun Xun: Ihn interessiert, wie geschichtliche Ereignisse reflektiert werden. Foto: Sun Xun

70 Künstlerinnen und Künstler aus fünf Kontinenten setzen sich wie einst Martin Luther mit gesellschaftlichen Themen auseinander. Der Ausstellungsort, das Alte Gefängnis in Wittenberg mit seiner rustikalen Atmosphäre, ist außergewöhnlich. Die ehemalige Haftanstalt wurde eigens für die Ausstellung öffentlich zugänglich gemacht. Jeder Künstler gestaltete eine der auf drei Etagen befindlichen Zellen. Zu sehen sind Gemälde, Skulpturen, Installationen, Wandmalereien, Fotografien, Filme und Videos.

Mehrere Künstler nehmen Luthers Bibelübersetzung zum Anlass, sich der Sprache zuzuwenden. Die Wände im Treppenaufgang zieren chinesische Schriftzeichen. Es sind Schriftzeichen, die in China verboten wurden und deshalb verloren gingen. Etwa zwei Drittel der traditionellen Schriftzeichen seien aus dem Schrift- und Sprachgebrauch verschwunden. Die chinesische Künstlerin Jia wolle zeigen, wie mit dem Verlust der Schriftzeichen zugleich Kultur und Tradition in ihrem Land verloren gegangen sei. Der Text aus diesen Schriftzeichen, der sich den Treppenaufgang des Gefängnisses hinaufzieht, ist ästhetisch ansprechend, er sei jedoch bedeutungslos, so Kuratorin Xu.

Ein Roboter schreibt in handschriftlicher Kalligrafie die gesamte Bibel ab, eine Arbeit, die früher Mönche erledigten.

Xu Bing, ein chinesischer Künstler, beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Sprache und Schrift. Er schuf eine Sammlung von Büchern mit Schriftzeichen, ähnlich den chinesischen, die jedoch keine lesbare Bedeutung haben. Im Gegensatz dazu enthält sein »Book from the ground« Bildschriftzeichen, Emojis, die jeder Mensch interpretieren kann. Das 2014 veröffentlichte Buch ist als erstes belletristische Werk nur mit Emojis als Schriftzeichen geschrieben. Für die Ausstellung in Wittenberg übersetzte Xu Bing die Bibel in eine Symbolsprache.

Sun Xun, ebenfalls ein chinesischer Künstler, wuchs in der Zeit unmittelbar nach der chinesischen Kulturrevolution auf. Wie Kuratorin Dan Xu sagt, beeinflussen diese Erfahrungen seine Arbeit. Ihn interessiere, wie geschichtliche Ereignisse von den Menschen wahrgenommen und von den Medien dargestellt werden. Mit Luther habe er sich aus der Distanz heraus beschäftigt und gehe der Frage nach, was die heutige Lutherbibel mit der von damals zu tun habe.

Thema der tschechischen Künstlerin Eva Kotátková ist die Anatomie des menschlichen Körpers. In ihren Arbeiten geht es darum, wie Regeln, Erziehung, Konventionen und Kon­trollmechanismen auf den Menschen wirken. In Wittenberg präsentiert sie Folterinstrumente, unter anderem eine zur Foltermaschine umgebaute Druckmaschine.

»Licht ins Dunkel bringen« ist das Thema der Arbeit von Monica Bonvicini, einer Lichtinstallation.

Neben den genannten präsentieren auch bekannte Künstler wie Ai Weiwei, Stephan Balkenhol und Günther Uecker ihre Werke. Zum Teil wurden die Arbeiten eigens für die Ausstellung angefertigt, einige entstanden vor Ort oder wurden gezielt ausgewählt. Die künstlerischen Reflexionen kreisen um Themen wie Freiheit und deren Gefährdung, Demagogie und Widerstand, Verantwortung und Toleranz.

Sabine Kuschel

Reformation ohne Luther

4. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Schweiz: Über das Reforma­tionsjahr bei den Eidgenossen und die Rolle der Reformatoren dort sprach Markus Wetterauer mit Gottfried Locher, dem Ratspräsidenten des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes, zu dem 2,4 Millionen Protestanten gehören.

Sie sind am 31. Oktober, am Reformationstag, geboren. Ist das eine Freude oder Last für Sie als Theologe?
Locher:
Es ist eine Freude! In der Schweiz ist der 31. Oktober nicht so zentral wie hier. Bei uns wird Reformationssonntag gefeiert, nicht Reformationstag. Ich habe erst im Verlauf des Studiums herausgefunden, welche Bedeutung mein Geburtstag hat.

Wie wichtig ist das Reformations-Jubiläum in der Schweiz?
Locher:
Es ist schön, dass Sie vom Reformations-Jubiläum und nicht einfach vom Lutherjahr sprechen. Bei uns ist 2017 nicht so entscheidend wie hier in Deutschland. Bei uns war die Reformation kantonal, also nicht in der ganzen Eidgenossenschaft gleichzeitig, deshalb haben wir einen Termin gefunden, der allen passt – und das ist eben 2017.

Blick in das Reformationsmuseum im Kreuzgang des Großmünsters in Zürich, einem der Fixpunkte der weltweiten Reformation. Am 1. Januar 1519 trat Ulrich Zwingli hier seine Stelle als Pfarrer an. Foto: epd-bild

Blick in das Reformationsmuseum im Kreuzgang des Großmünsters in Zürich, einem der Fixpunkte der weltweiten Reformation. Am 1. Januar 1519 trat Ulrich Zwingli hier seine Stelle als Pfarrer an. Foto: epd-bild

In Mitteldeutschland ist Luther omnipräsent. Wie ist das in der Schweiz?
Locher:
Luther ist der wichtige Reformator auch für die Schweiz. Aber dann hat sich die Schweizer Reformation auch mit eigenen Persönlichkeiten entwickelt. In Zürich mit Huldrych Zwingli, dann mit Heinrich Bullinger, und in Genf mit Johannes Calvin und anderen.

Fangen wir mit Zwingli (1484–1531) an. Was war für ihn wichtig?
Locher:
Es waren dieselben Ideen der Kirchenerneuerung wie in Deutschland. Es ging auch hier darum, Glauben so neu zu fassen, dass er verständlich und zugänglich für die Menschen wird. »Solus christus« war für Zwingli ganz entscheidend: den Blick frei zu bekommen auf Jesus Christus.

Dann gibt es aber Eigenheiten. Zwingli legte viel Gewicht auf soziale Erneuerung. Er war eine politische Figur. Er wollte, dass das Söldnerwesen in Zürich beendet wird. Er wollte die Bildung verstärken. Zwinglis Kirchenerneuerung war eine Erneuerung der ganzen Gesellschaft, und hier unterscheidet er sich ein bisschen vom Augustinermönch, der viel stärker den Glauben im Mittelpunkt hatte.

Calvin (1509–1564) hat dann noch mal andere Schwerpunkte gesetzt.
Locher:
Die sicher etwas vereinfachende Formel gilt noch: Luther hat den Glauben erneuert, Zwingli hat die Gesellschaft erneuert und Calvin hat die Theologie erneuert.
Calvin war der systematische Denker. Ich lese immer noch mit viel Gewinn Calvins »Institutio«. Ich glaube auch, dass Calvin als Reformator der zweiten Generation anders als Luther und Zwingli versucht hat, Brücken zu schlagen. Calvins Sakramentenlehre beispielsweise versucht, die Gräben in der Abendmahlsfrage zu überwinden.

Was ist denn übrig geblieben von den Ideen der beiden heute in der Schweiz – nach fast 500 Jahren?
Locher:
Die Schweiz, wie wir sie heute kennen, wäre nicht so ohne die Reformation. Es gibt bis heute katholisch geprägte Kantone und reformiert geprägte Kantone. Aufs Ganze gesehen waren die reformierten Orte die fortschrittlichen, es waren die Stadt-Kantone, die der Reformation besonders zugetan waren. Das hat dann auch einen Graben geschaffen zwischen progressiven, auch wirtschaftlich erfolgreichen Orten – eher reformiert geprägt – und katholischen, eher ländlichen Gebieten.

Calvin hat ja vor allem in Genf gewirkt, Zwingli überwiegend in Zürich. Hat das die Regionen geprägt?
Locher:
Die Liturgie beispielsweise ist auf calvinischer Seite, also in den französisch-sprachigen Kantonen, näher am Lutherischen. Es ist weniger reduziert. Wenn Sie in einen reformierten Gottesdienst gehen und es nicht gewohnt sind, dann fragen Sie sich: Wo ist die Liturgie? Die Predigt spielt oft eine alles dominierende Rolle. Im Kanton Bern, wo ich herkomme, spricht man noch heute davon, dass man nicht in den Gottesdienst geht, sondern man geht »z’ Prädig«, also man geht »die Predigt hören«.

Kritisch wird hier in Deutschland das Verhältnis von Luther zu den Juden gesehen. War das bei den Schweizer Reformatoren ähnlich?
Locher:
Bei uns ist ein anderes Thema im Mittelpunkt, nämlich der Umgang der Reformierten mit den Täufern. Insbesondere in Zürich, wo sie in der Limmat ertränkt wurden – mit dem Segen der Reformatoren. Da haben schon große Buß-Akte stattgefunden. Das ist weitgehend aufgearbeitet.

Wie ist das Verhältnis zwischen den Konfessionen im Reformationsjahr in der Schweiz?
Locher:
Ich glaube, es würde dem Anliegen der Reformatoren diametral widersprechen, wenn wir hier Konfessionsgrenzen zelebrieren würden. Wir haben drei große Elemente zusammen mit der katholischen Kirche. Erstens haben wir einen gemeinsamen Schweizer Pavillon an der Weltausstellung Reformation in Wittenberg. Zweitens haben wir eine große Nationale Feier in Zug. Wir feiern nicht nur 500 Jahre Reformation, sondern auch 600 Jahre Niklaus von Flüe. Er ist der auch über die Konfessionsgrenzen hinaus verehrte Heilige. Und drittens haben wir einen Festgottesdienst im Juni mit den Spitzen der Konfessionen.

Was ist für Sie persönlich der Kern, das Entscheidende der Reformation?
Locher:
Es ist für mich »solus christus«. Wie sagen wir das in einer Form, dass es nicht einfach frömmlerisch klingt? Oder dass es zwar nett ist, theologisch richtig, aber niemanden bewegt? Was heißt es denn heute: den Blick auf Christus frei bekommen? Was heißt es, in der Nachfolge zu sein? Die Herausforderung ist heute formal nicht dieselbe wie in der Reformationszeit, aber inhaltlich: die Menschen für Christus zu begeistern in einer Form, dass sie zeitgemäß ist.

Ganzjährig blühend

13. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Lutherrose: Merkzeichen der Theologie des Reformators

Symbole haben es in sich. Je populärer ein Markenzeichen, je offensichtlicher die Reaktion beim Anblick. Der angebissene Apfel auf dem Deckel eines Notebooks vermag ehrfürchtiges Staunen, neidisches Begehren oder hilfloses Versagen bewirken. Was passiert bei Betrachtung einer Lutherrose? Trotz ihres weltweiten Verbreitungsgebietes schränkt sich ihr Bekanntheitsgrad ein. Wer etwas damit anfangen kann, weiß: Jetzt wird’s ernst. Hinter diesem Signum steht eine Botschaft, die Himmel und Erde umschließt. Es geht um das Leben. Wie kann es sinnvoll gelingen? Wer hat das Sagen und was kommt am Ende? Martin Luther versteht sein Signum als »Merkzeichen« seiner Theologie. Zugleich sieht er seinen Glauben darin zusammengefasst. So möge dieses Zeichen Menschen bewegen wie der Stern den Autofreund.

Nachdem Luther vom Nürnberger Ratsherrn Lazarus Spengler einen Siegelentwurf erhalten hatte, der sich am Vorbild des »Löwen und Papageienfensters« im Erfurter Augustinerkloster orientierte, ergänzt und präzisiert er ihn. Das Evangelium und seine Auswirkung müssen sichtbar auf den Punkt gebracht werden. Ein berühmt gewordener Brief Luthers vom 8. Juli des Jahres 1530 enthält dann quasi den verbalen Aufguss des Dargestellten. Eine Illustration. Denn das Zeichen soll eigentlich für sich sprechen. Es bedürfe keiner Gebrauchsanweisung, meint sein Eigner. Die Zeiten ändern sich.

Im Zentrum des Blütenstandes ruht das Kreuz. Schwarz. Der gehängte Gottessohn wird den Christen zum Aufhänger ihres geretteten Lebens. Weil einer unschuldig die Schuld aller anderen mit dem Tode bezahlte, haben alle anderen das unverdiente Glück, mit unverlierbarem Leben davonzukommen. Verstehen kann man das nicht. Nur glauben. Darum ist und bleibt seliger Glaube reine Herzenssache. Dass wir darauf vertrauen, was von Gott ausgeht. Das Kreuz liegt ins Herz gebettet. Rot zeigt die Leidenschaft an.
Glaube-Alltag-10-2017Diese Mitte wird von fünf voll geöffneten Blütenblättern umgeben. Strahlend weiß. Wie Taufkleider. Was für ein Kontrast. Luther bekennt: »Weiß ist die Farbe der Geister und aller Engel Farbe.« Freude, Trost und Friede wollen sich hell leuchtend erheben, gleich der glänzenden Mittagssonne. Glaube bleibt Vertrauenssache. So wie sich die Lutherrosenblüte ihrem Betrachter öffnet, begegnet ihm Gottes Liebe. Darum geht dieses herrliche Blühen im blauen Himmel auf. Dass seine unendliche Weite, die uns auf Erden berührt, zeige, wohin wir gehören. Des Herrn sind wir, der Himmel und Erde gemacht hat. Ihm verdanken wir, den Tod nicht fürchten zu müssen. Das Ganze nun wird von einem goldenen Ring umschlossen. Martin Luther erklärt: »Um ein solch Feld einen goldenen Ring, dass solche Seligkeit im Himmel währet und kein Ende hat und auch köstlich ist über alle Freude und Güter …«

Kurprinz Johann Friedrich überreichte auf der Veste Coburg dem Festgehaltenen und im Reich Geächteten diesen Siegelring. Ein Goldrand umschließt den kostbaren Schatz. Gott hat den Gekreuzigten dem Menschen ins Herz gelegt. Das daraus folgende Privileg gleicht dem Gold, das »… das edelste, köstlichste Erz ist«. Der Bergmannssohn weiß, welchen Vergleich er hier bemüht.

Man trifft in zahlreichen Kirchen auf dieses Zeichen des befreiten Menschen. Die Lutherrose blüht in Glasfenstern, entfaltet sich in Deckengewölben, auch in manchen Stadtwappen. In einigen Wochen wird vom Bundesfinanzministerium eine Goldmünze mit der Lutherrose darauf herausgegeben. Im Jubiläumsjahr steigt ihre Präsenz. Vielleicht besitzen Sie eine Tasse mit diesem »Merkzeichen« darauf. Sie könnten es auch auf einem Brieföffner oder Schlüsselanhänger finden. Sogar als Einkaufschip. Ehe aber Aufregung darüber entstehen könnte, ob solche Vermarktung angemessen sei oder nicht, mag uns die Botschaft dieses Zeichens aus der Ruhe bringen. Du bist der geliebte Mensch. Um Christi Willen. Symbole haben es in sich.

Karsten Loderstädt

Der Reformator widersteht der Macht

14. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Lutherstädte: Martin Luthers Auftritt vor dem Wormser Reichstag wurde zum Wendepunkt der Kirchengeschichte. Denn hier misslang der Versuch, die Reformation im Keim zu ersticken. Wer sich in der Stadt auf Luthers Spuren begeben will, braucht heute etwas Fantasie.

Im Wormser Heylshofpark können Besucher vom kommenden Jahr an buchstäblich in die Fußstapfen des Reformators treten. Zwei große bronzene Schuhe sollen genau dort montiert werden, wo der Wittenberger Theologieprofessor Martin Luther (1483–1546) sich 1521 während des Wormser Reichstags weigerte, seiner Lehre abzuschwören. Doch so bedeutend sein gerade einmal zehntägiger Aufenthalt in Worms für die Geschichte der Reformation auch gewesen sein mag – authentische Lutherstätten kann die Stadt kaum bieten.

Das Lutherdenkmal in Worms ist das weltweit größte Denkmal des Reformators. Martin Luther steht in der Mitte einer Skulpturengruppe. Der Dresdner Bildhauer Ernst Rietschel schuf das Reformationsdenkmal, erlebte die feierliche Enthüllung seines Monuments am 25. Juni 1868 jedoch nicht mehr. Foto: epd-bild

Das Lutherdenkmal in Worms ist das weltweit größte Denkmal des Reformators. Martin Luther steht in der Mitte einer Skulpturengruppe. Der Dresdner Bildhauer Ernst Rietschel schuf das Reformationsdenkmal, erlebte die feierliche Enthüllung seines Monuments am 25. Juni 1868 jedoch nicht mehr. Foto: epd-bild

»Nach dem Zweiten Weltkrieg war Worms die Lutherstadt schlechthin im Westen, denn die anderen waren ja nicht zugänglich«, erzählt der städtische Kulturkoordinator Volker Gallé. Weil Eisenach und Wittenberg hinter dem Eisernen Vorhang lagen, wurde die 80 000-Einwohner-Stadt in Rheinland-Pfalz zum Schauplatz vieler zentraler westdeutscher Gedenkveranstaltungen und Kirchenkonferenzen.

»Wenn so viel Teufel zu Worms wären als Ziegel auf den Dächern, so wollt’ ich hinein«, soll Luther die Warnungen vor einer Reise nach Worms zerstreut haben. Seine Anhänger hatten in dem zugesicherten freien Geleit eine List gewittert. Angeblich soll der 37-Jährige vor der historischen Rede sogar in seiner Herberge, dem Johanniterhof, knapp einem Giftanschlag entgangen sein. Gästeführerin Gisela Neumeister erzählt Touristen auf den Reformationsführungen zumindest die Legende über das Weinglas, das gerade noch rechtzeitig zersprungen sein soll, als Luther daran nippen wollte.

Im Frühjahr 1521 war Luther wegen seiner Thesen bereits von der Kirche exkommuniziert. Allerdings hatte er die Unterstützung einer Reihe deutscher Fürsten, die ihm die Gelegenheit einer letzten Verteidigungsrede vor dem Wormser Reichstag und Kaiser Karl V. verschafften. Und auch auf seiner von heftigen Bauchkrämpfen begleiteten Reise wurde er begeistert von Anhängern begrüßt.

Der Auftritt des als »großer Ketzermeister« verschrienen Luthers in Mönchskutte verlief jedoch anders als von Kaiser und Kirche erwartet: Der Reformator erklärte, er könne seine Ansichten nicht gegen das eigene Gewissen widerrufen. Durch die Bibel fühle er sich bestätigt. Der Ausruf »Hier stehe ich und kann nicht anders« fiel dabei nicht, was die historische Bedeutung der Rede jedoch nicht schmälerte. Überliefert ist: »Gott helf mir! Amen.«

Das ließen sich Fürsten und Kaiser nicht gefallen. Mit dem Wormser Edikt verbot Karl V. nicht nur die Schriften Luthers, er untersagte auch dessen Unterstützung und erklärte ihn für vogelfrei. Als das Edikt jedoch im Mai veröffentlicht wurde, befand sich Luther schon in Sicherheit auf der Wartburg bei Eisenach.

Ein flüchtiger Rundgang auf Luthers Spuren durch die in vielen Kriegen zerstörte Stadt am Rhein ernüchtert: Wo einst der Johanniterhof stand, ragt seelenlose Nachkriegsarchitektur in die Höhe. Neben dem Woolworth-Kaufhaus erinnert lediglich eine Gedenkplakette an den berühmten Gast. Der Wormser Bischofspalast, Ort des Reichtags, wurde im 17. Jahrhundert zerstört. Eine private Stiftung hat einen Park angelegt. Insbesondere ausländische Besucher ziehe es dennoch magisch an den Originalschauplatz, sagt Gästeführerin Neumeister: »Das ist für viele Leute das Highlight.«

Unter dem Mangel an Luther-Sehenswürdigkeiten litten die Bürger der mehrheitlich protestantischen Stadt schon im 19. Jahrhundert. So entstand mit Spenden aus dem In- und Ausland 1868 das weltgrößte Lutherdenkmal. Der überlebensgroße Reformator steht auf einem Sockel im Zentrum einer Skulpturengruppe zwischen Weggefährten wie Philipp Melanchthon und Philipp dem Großmütigen sowie Vordenkern der Kirchenreform wie Jan Hus und Petrus Waldus. Der Rundgang führt auch zu der kleinen evangelischen Magnuskirche, in der früh im Sinne Luthers gepredigt wurde.

Obwohl sich Worms seit der Wiedervereinigung im Marketing stärker der Nibelungensage und dem bedeutenden jüdischen Erbe zuwandte, rechnet man für 2017 mit einem kleinen Besucherboom. Zum 500. Jahrestag des Thesenanschlags werde die Stadt die eigene Reformationsgeschichte inszenieren, kündigt Kulturkoordinator Gallé an. Neben den übergroßen Bronzeschuhen ist ein »Bildungs- und Erlebnisparcours« geplant. Und am Schauplatz des Reichstags werden Lautsprecher von Bäumen herab die Passanten mit Gewissensfragen beschallen.

Karsten Packeiser (epd)

Der Reformator war ein Luder

7. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Wer sich mit dem Reformator beschäftigt, weiß: Martin Luther wurde einst als Martin Luder geboren. Mit 35 Jahren änderte er seinen Namen. Warum, das wollte Willi Wild von dem Namenskundler Professor Jürgen Udolph wissen.

Herr Professor Udolph, was gab es für Gründe, zu Luthers Zeiten den Nachnamen zu ändern?
Udolph:
Am meisten hat man den Namen geändert, um etwas schicker zu klingen. Die normale Namensänderung war die, dass man seinen Namen ins Lateinische oder Griechische übertrug. Das konnten natürlich nur die Leute machen, die auch ein bisschen Ahnung hatten davon. Schulmann Neander, nach dem das Neandertal in Düsseldorf benannt ist, hieß Neumann. Er konnte etwas Griechisch: neos – neu, antros – Mann. Oder Melanchthon. Der hieß eigentlich Schwarzert. Aus schwarz und Erde hat er Melanchthon gemacht.

Bei Luther waren es aber offenbar andere Gründe?
Udolph:
Martin Luther wurde als Martin Luder geboren. Luder ist ein Name, der in Thüringen entstanden ist. Er ist eigentlich niederdeutscher Herkunft. Luther änderte seinen Namen in Wittenberg mit 35 Jahren. Das Volk in Wittenberg sprach niederdeutsch. Als Professor an der Universität gehörte er zur Oberschicht und die sprach hochdeutsch.

Warum hat er Luder zu Luther geändert?
Udolph:
Luder klang zu der Zeit absolut negativ. Ich habe ein früh-neuhochdeutsches Wörterbuch. Luder hat darin folgende Bedeutung: Verlockung, betrügerischer Anschlag, Fallstrick, Hinterhalt, liederliche Lebensführung, der Üppigkeit, dem Wohlleben, schwelgen, schlemmen, verfallenes Lotterleben. Im Luder liegen bedeutet: Sich dem Lotterleben, speziell dem Suff, der Trunkenheit ergeben.

In seinem Buch beschäftigt sich Jürgen Udolph mit der Frage, warum der Reformator seinen Namen änderte. Foto: Willi Wild

In seinem Buch beschäftigt sich Jürgen Udolph mit der Frage, warum der Reformator seinen Namen änderte. Foto: Willi Wild

Er schreibt Luder bis Herbst 1517. Und dann kommt der wichtige Brief an seinen kirchlichen Vorgesetzten von Brandenburg, in dem er am 31. Oktober seine 95 Thesen an ihn in einem langen Brief erläutert, und auch mit Luther unterschreibt. Die Theologen glauben, dass das der Auslöser für seinen Namen gewesen ist. Er habe sich theologisch neu orientiert.

Welche Bedeutung hat der Name Luder oder Luther?
Udolph:
Er besteht aus zwei Teilen. Im ersten Teil steckt das Wort Laut drin, im Sinne von bekannt, berühmt. Und im zweiten steckt Haria drin, das ist das Heer, die Kriegerschar. Das ist ein ganz typischer altgermanischer Vorname, aus zwei Teilen gebildet. Er hat zu tun mit Lothar. Das ist auch eine andere Form. Und Luder ist die niederdeutsche Form wegen des »d«.

Das ist wie bei dem fränkischen Fußballer Lothar »Lodda« Matthäus?
Udolph:
Durchaus. Mundartig Lodda, hochdeutsch Lothar. Das entspricht etwa niederdeutsch Dochter – hochdeutsch Tochter.

Warum Luther dann mit »th«?
Udolph:
Das haben wir ja auch in Matthäus oder Thor. Damit sollten die Wörter einen höheren Stellenwert bekommen. Es galt als schicker.

Was hat es nun mit Eleutherius auf sich?
Udolph:
Eleutherius ist eine theologisch begründete Namensänderung. Griechisch: Eleutherios, das heißt frei. In Eleutherius kommt die Freiheit des Christenmenschen zum Ausdruck. Freigeworden von Gottes Zorn.

In welchem Zusammenhang hat er diesen Namen verwendet?
Udolph:
Nur in einem ganz begrenzten Kreis. In Briefen an etwa sechs bis sieben engere Freunde und Bekannte hat er mit diesem Namen unterschrieben. Diesen Namen hat er nie unter ein offizielles Schriftstück gesetzt. Eleutherius spielte demnach nicht die Rolle, die von der Forschung bisher angenommen wurde.

Buchtipp:
Udolph, Jürgen: Martinus Luder – Eleutherius – Martin Luther. Warum änderte Martin Luther seinen Namen? Universitätsverlag Winter, 150 S., ISBN 978-3-8253-6640-7, 26 Euro

Das Marburger Religionsgespräch

23. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Lutherstädte: 1529 kam der bekannteste Mann Europas an die Lahn: Martin Luther nahm auf dringenden Wunsch des hessischen Landgrafen Philipp am Marburger Religionsgespräch teil. Aber eine Einigung scheiterte. Dieser Beitrag ist Teil einer Porträt-Serie über Lutherstädte.

Es war der 30. September 1529. Ein wichtiger Termin stand an: Der Reformator sollte seinen Kontrahenten Ulrich (Huldrych) Zwingli treffen, auf dringenden Wunsch des hessischen Landgrafen Philipp. »Man weiß: Luther ist aus seiner Kutsche ausgestiegen«, erzählt Christoph Becker. »Die Marburger haben sich die Augen ausgeguckt. Denn Luther war der bekannteste Mann Europas.«

Christoph Becker, Pferdeschwanz und Hut, ist Historiker und Schriftsteller, er schreibt historische Krimis. Jetzt begleitet er zwei Jahre lang für die Stadt Marburg das Reformationsjubiläum 2017. Er hat ein Buch über die Stadt und die Reformation geschrieben, mit vielen Anekdoten aus dem Alltag. Marburg rechnet mit vielen Besuchern. Am 31. Oktober 1517, vor 500 Jahren, veröffentlichte Luther in Wittenberg seine 95 Thesen – der Tag symbolisiert den Beginn der Reformation, in der Marburg eine zentrale Rolle spielte.
Luther ging an diesem Septembertag 1529 den steilen Weg hinauf in die Stadt, über den Marktplatz, zu einem Eckhaus, an dem heute ein Schild hängt: »Hier wohnte Dr. Martin Luther 1529.« Becker lacht. »Man könnte drunter schreiben: für vier Stunden.« Denn der Reformator zog sich in dem Gasthaus nur um und eilte weiter, hoch ins Schloss, wo ihn der Landgraf erwartete. Und sein Kontrahent Zwingli.

Bis zum 4. Oktober blieben die Reformatoren auf dem Schloss. Versammelt war die theologische Elite der Zeit: Luther, der mit Philipp Melanchthon aus Wittenberg angereist war, Zwingli aus Zürich und Martin Bucer aus Straßburg, Justus Jonas aus Sachsen, weitere Theologen, weltliche Ratsherren und Militärs. Luther und Zwingli trennte ein heftiger Streit um die Auslegung des Abendmahls: Für Luther war Christus real gegenwärtig in Brot und Wein, für Zwingli bedeuteten Brot und Wein symbolisch den Leib und das Blut Christi. »Luther wollte gar nicht nach Marburg kommen«, sagt Historiker Becker. »Er fürchtete, dass er verlieren konnte.« Aber Landgraf Philipp, eine politische Kraft hinter der Reformation, bestand auf dem Treffen. »Philipp war durch und durch Machtmensch«, sagt Becker. »Er war der zweite Landesfürst, der in seinem Land die Reformation eingeführt hat.« Und er hatte 1527 die erste protestantische Universität der Welt gegründet.

Auf dem Schloss ging es sehr laut zu. Die Kontrahenten wohnten teilweise im selben Zimmer. Die Diskussionen in der Fürstenwohnung wurden auf Deutsch und auf Latein geführt, es gab eine Redeordnung, Treffen unter vier Augen, ein Abschlussgespräch.

Philipp zwang die Reformatoren, sich in so vielen Punkten wie möglich zu einigen. Doch eine Einigung scheiterte am Ego Luthers. »Er hat auf stur gestellt«, sagt Becker. Es gab zwar eine Abschlusserklärung mit 15 Artikeln, doch in der entscheidenden Abendmahlsfrage blieben die Differenzen.

Stiegen führen hoch zum Schloss, Fachwerkhäuschen schmiegen sich an den Berg. Auf dem Marktplatz sitzen Touristen beim Kaffee in der Sonne, sie sprechen deutsch, englisch, holländisch. 1529 lebten nur 3 500 Menschen in der Stadt. In den Hinterhöfen waren die Schweineställe, Fäkalien wurden über die Gosse entsorgt oder den Schweinen verfüttert. »Hier wollen wir eine ›Stinkstation‹ aufbauen«, sagt Becker und deutet auf eine dunkle Ecke hinter der lutherischen Pfarrkirche. Der Plan für das Marburger Jahr zum Reformationsjubiläum steht. »Wir wollen das 16. Jahrhundert lebendig werden lassen«, erklärt Kulturamtsleiter Richard Laufner.

Am Fronleichnams-Wochenende im Juni 2017 ist eine Zeitreise geplant. In der »Stinkstation« soll es so riechen wie damals. Ein Schauspieler trägt Tischreden Luthers vor, es gibt eine Armenspeisung, ein Pfarrer braut Bier. Das ganze Jahr über sind in Zusammenarbeit mit Universität und Kirchen Ausstellungen, Tagungen und ein Lutherstück im Landestheater vorgesehen.

Luther reiste am 5. Oktober aus Marburg ab. Das – im Grunde ergebnislose – Religionsgespräch ist noch heute bekannt. »Es hat was Folkloristisches«, findet Becker. Religionsgeschichtlich war es ein entscheidender Schritt zur Trennung zwischen lutherischen und reformierten Protestanten.

Stefanie Walter (epd)

Die starke Frau an seiner Seite

14. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Film: Dreharbeiten über »Katharina Luther« im Schloss Reinhardsbrunn

Zum 500. Reformationsjubiläum 2017 will das Fernsehen einen Film über Luthers Frau zeigen. Wir werfen einen Blick hinter die Kulissen im Schloss Reinhardsbrunn, wo derzeit gedreht wird.

Filme über Martin Luther gibt es wie Sand am See Genezareth. Die meisten von uns können sogar Passagen mitsprechen. Man könnte meinen, es reicht. Was jedoch verwundert: Einen Film über die Frau an seiner Seite, Katharina von Bora, gibt es bisher nicht. Hin und wieder taucht sie als Nebencharakter auf, ist jedoch von der Handlungsmitte weit entfernt. Doch ihre Leistungen sind ebenso groß wie wichtig. Eine starke, selbstbewusste und emanzipierte Frau des späten Mittelalters, die auf alle theologischen Fragen Luthers eine Antwort hatte. Eine Frau, beispielhaft für unsere heutigen Debatten zur Gleichstellung. In genau dieser Aktualität bewegt sich der neue Film, der aktuell in Reinhardsbrunn gedreht wird. Er will ein anderes Licht auf den Reformator und seine Frau werfen, die Distanz von 500 Jahren verringern. Er stellt bewusst Katharina von Bora in den Mittelpunkt. Es geht um ihr Denken und Fühlen, um ihre Sicht auf Martin Luther. Eine Ehegeschichte mit allen Höhen und Tiefen. Katharina war Mitte 20, als sie den 40 Jahre alten Luther kennen und lieben lernte. In dieses Szenario soll der Zuschauer geführt werden. 1524 im »Schwarzen Kloster« zu Wittenberg. Katharina ist auf Augenhöhe mit ihrem Mann, wichtigste Beraterin in allen politisch-theologischen Fragen. So schrieb Luther mit seiner Frau über sein weiteres theologisches Vorgehen, während er seinen Freund Melanchthon kontaktierte, er solle ihm ein neues Paar Socken für seine Reise zusenden. Eines sei ihm kaputtgegangen.

Devid Striesow und Karoline Schuch als Martin und Katharina Luther im Arbeitszimmer des Reformators. Foto: Felix Kalbe

Devid Striesow und Karoline Schuch als Martin und Katharina Luther im Arbeitszimmer des Reformators. Foto: Felix Kalbe

Zwar existieren noch originale Kulissen, vor allem in Wittenberg, aber mittelalterlich sind sie schon lange nicht mehr. Deshalb wurde nach einem passenden Drehort gesucht. Nach langer Suche bekam der Produzent Mario Krebs den Hinweis vom Waltershäuser Pfarrer Christfried Boelter, sich Schloss Reinhardsbrunn anzuschauen. Nachdem zu DDR Zeiten dort ein Interhotel zu finden war, steht das Schloss seit vielen Jahren leer und verkommt. An vielen Stellen wurde der Stuck abgeschlagen, Dielen entfernt. Wertvoller Goldschmuck fehlt. Ein nicht tragbarer Zustand, den das Land jetzt zu ändern versucht. Seit Februar wird im Schloss gebaut. Viele Stunden hat die Baubühne um Daniel Lange, Pierre Winkler und Sebastian Braband benötigt, um Stück für Stück die Vergangenheit in die Gegenwart zu projizieren. Und plötzlich fühlt man sich zurückversetzt in das alte Wittenberg. Man wandelt durch die Kulisse, nicht ahnend, dass alles nur aus Holz und Styropor ist. In der Küche brennt Feuer im Ofen, die Bibel, natürlich noch in Latein, liegt aufgeschlagen auf dem Pult, der Tisch im Refektorium ist für das nächste Mahl gedeckt.

Dr. Martin Treu, Geschäftsführer der Luthergesellschaft, ist als Fachberater für die Details, die den Film authentisch machen, zuständig. Spezielle Schaf- und Hühnerarten wurden eingeflogen, die Bepflanzung historisch korrekt angepasst und die krummste Karotte hat ihren Platz in der Küche gefunden.

Katharina von Bora wird von Karoline Schuch gespielt, Martin Luther von Devid Striesow. Regie führt Julia von Heinz. Karoline Schuch, gebürtige Jenenserin, betont die Vorbildrolle Ka­tharinas für viele Frauen bis heute. Striesow bemerkt ergänzend, dass man als Schauspieler keinen Respekt vor der Person Luthers haben darf, um authentisch und ehrlich zu spielen.
Das Ehepaar Luther – hautnah und privat. Das ist der Anspruch des Films. Bis zum 19. Juli soll der 105 Minuten lange Film abgedreht sein. Weitere Dreh­orte sind unter anderem Mühlhausen und Arnstadt.

Der Film ist ein Projekt der Fernseh- und Filmproduktionsgesellschaft Eikon, deren größter Gesellschafter die Evangelische Kirche in Deutschland ist. Zu sehen ist der Fernsehfilm im Frühjahr 2017 im Ersten. Wir dürfen gespannt sein.

Julia Braband

Afrikaner, die deutsch sprechen

24. Mai 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Vorgestellt: Die Deutsche Evangelisch-Lutherische Kirche in Namibia gehört zu den Gastgebern der LWB-Vollversammlung

Zum Erbe der deutschen Kolonialzeit im heutigen Namibia gehört auch die Existenz einer deutschen lutherischen Kirche im Gastgeberland der nächsten Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes.

Wer die namibianische Nationalstraße B 2 von Windhoek zur Atlantikküste nimmt, wird 300 Kilometer lang Zeuge verschwindenden Lebens. Aus Bäumen werden Sträucher, dann Gräser und Flechten, am Ende bleiben Steine und Sand. Bis am Horizont erste Palmen und Häuser erscheinen, goldene Dünen und ein Streifen blaues Meer: Swakopmund.

Nach der Stille der Wüste zuerst auf Martin Luther zu stoßen – das hat schon surrealen Erlebniswert. Er hat 1897 die Arbeit eingestellt, steht seither hier »und kann nicht anders«. »Martin Luther« ist Opfer des Versuches, ein Dampflokomobil als Transportfahrzeug in der Namib-Wüste einzusetzen. In feuchtfröhlicher Runde kam dem Bevollmächtigten der Deutschen Kolonial-Gesellschaft, Max Rhode, nach dem technischen Debakel Luthers berühmtester Satz in den Sinn. Geboren war ein Denkmal, das mittlerweile den Schutz eines kleinen Museums genießt.

Freilich hat der Reformator im südwestlichen Afrika nicht nur diese Spuren hinterlassen. Finnische und rheinische Missionare brachten Ende des 19. Jahrhunderts den evangelischen Glauben nach Namibia, das ab 1884 deutsches Schutzgebiet war und bis zum Ende des Ersten Weltkriegs eine deutsche Kolonie. Jahrzehnte unter südafrikanischer Besatzung folgten, bis 1990 die Unabhängigkeit ausgerufen wurde. Heute gibt es hier über eine Million Lutheraner in drei lutherischen Kirchen. Die kleinste von ihnen hat rund 5 000 Mitglieder und feiert bis heute in 14 Gemeinden überwiegend deutschsprachige Gottesdienste. Die Kirchen, in denen sie stattfinden, könnten auch in Deutschland stehen. Und doch sind die Menschen, die sie besuchen, tief im trockenen namibischen Boden verwurzelt.

Eine Kirche, wie sie auch in Deutschland stehen könnte: die Christuskirche in der namibischen Hauptstadt Windhoek. An der Stelle des früheren deutschen Reiterdenkmals steht heute die Sam-Nujoma-Statue als Denkmal für den ersten Präsidenten des unabhängigen Namibias. Fotos: Johannes Killyen

Eine Kirche, wie sie auch in Deutschland stehen könnte: die Christuskirche in der namibischen Hauptstadt Windhoek. An der Stelle des früheren deutschen Reiterdenkmals steht heute die Sam-Nujoma-Statue als Denkmal für den ersten Präsidenten des unabhängigen Namibias. Fotos: Johannes Killyen

»Wir sprechen deutsch, aber wir sind Afrikaner«, sagt Burgert Brand, seit gut einem Jahr Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Namibia (ELKIN-DELK). Gerade in Deutschland werde das immer wieder verkannt, aber auch in Namibia selbst. »Meine Familie lebt väterlicherseits seit dem 17. Jahrhundert in Afrika. Wenn Landsleute mich vor allem als Deutschen sehen, frage ich dann: Wie lange soll ich noch hier leben, um ein richtiger Afrikaner zu sein?« Das klingt verzweifelt, ist es aber nicht. Burgert Brand ist die Ruhe selbst, ein Mann Gottes und ein Mann der Tat, herzlich und zäh. Noch seine Eltern waren Farmer.

Heute lebt er nach einer langen Zeit in Südafrika mit seiner Frau Ute in der namibischen Hauptstadt Windhoek, wie viele Menschen hier hinter einer hohen Mauer mit Elektrozaun – notgedrungen. Es passt nicht zu ihm. »Wir müssen uns als evangelische Kirche öffnen, wir müssen zu den Menschen gehen«, sagt Brand. Im Armenviertel Katutura unterhält die lutherische Kirche ein kleines Heim für geistig behinderte Menschen. Ein entscheidender Punkt ist auch die sprachliche Vielfalt. Deutsch überwiegt als Muttersprache bei den Gemeindegliedern, doch englische und afrikaanse Gottesdienste werden zunehmend attraktiv und passen auch gut zu einem multikulturellen Land.
Welt-2-21-2016Gerade in Windhoek ist die deutsche Tradition und Vergangenheit aber mehr als deutlich präsent. Auf einem Hügel mitten in der Stadt thront die 1910 erbaute Christuskirche, die zentrale Kirche der deutschsprachigen Gemeinde. Gleich daneben erhebt sich monumental das Nationalmuseum, das viele Windhoeker freundlich als »Kaffeemaschine« bezeichnen. Ein »Reiterdenkmal« zur Erinnerung an die Deutsche Schutztruppe wurde 2013 in einen Innenhof verbannt, denn noch sind die Wunden der Vergangenheit nicht geschlossen: Die Aneignung weiter Flächen durch Deutsche und der Mord an rund 100 000 Angehörigen der Herero und Nama durch deutsche Soldaten zwischen 1904 und 1908.

Gerade in den letzten Jahren gab es mehrere Zeichen der Versöhnung, bilaterale Besuche von Politikern etwa und die Rückgabe von Totenschädeln, die in die Berliner Charité gebracht worden waren. Die Verhandlungen, gerade um den Begriff »Völkermord«, sind jedoch nicht abgeschlossen.

Zur Versöhnung in Namibia selbst gehört nicht zuletzt der Austausch zwischen den lutherischen Schwesterkirchen mit einer großen Mehrheit von schwarzen Mitgliedern. »Jede Versöhnung beginnt mit Begegnung«, sagt Burgert Brand. Ganz im Zentrum der Begegnung werden die Lutheraner in Namibia nächstes Jahr stehen, wenn vom 10. bis 17. Mai 2017 die Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes zu Gast ist.

Johannes Killyen

www.elcin-gelc.org/

»Nächstes Jahr in Jerusalem!«

15. Mai 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Hintergrund: Der jüdische Traum von der »Alija« wurde mit der Staatsgründung am 14. Mai 1948 Wirklichkeit

Seit der Zerstörung des salomonischen Tempels im 6. Jahrhundert vor Christus lebte die Mehrheit des jüdischen Volkes außerhalb des Landes Israel. Seither ist »Alija« – die Rückkehr in das Land Israel – das Sehnen, das Juden weltweit verbindet.

Das hebräische Wort »Alija« bedeutet wörtlich »Hinaufsteigen«. Ins Land Israel und insbesondere in sein Zentrum, Jerusalem, geht man immer hinauf. Im Gegenzug ist das Verlassen des Heiligen Landes immer ein Abstieg. So heißt es schon von Abram in 1. Mose 12, Vers 10: »Abram ging hinab nach Ägypten …« Seine Rückkehr wird zu Beginn des folgenden Kapitels beschrieben: »Und Abram zog herauf aus Ägypten« (1. Mose 13,1). Die hebräische Bibel ist, genau wie das moderne Hebräisch, konsequent in diesem Sprachgebrauch.

Sehnsuchtsort Jerusalem: Ein orthodoxes jüdisches Paar blickt in Richtung auf die Altstadt und den Ölberg. Foto: Harald Krille

Sehnsuchtsort Jerusalem: Ein orthodoxes jüdisches Paar blickt in Richtung auf die Altstadt und den Ölberg. Foto: Harald Krille

»An den Wasserströmen Babylons saßen wir und weinten, wenn wir an Zion dachten«, klagte der Psalmist (Psalm 137,1). »Wenn ich dich, Jerusalem, vergesse, wird meine rechte Hand absterben. Meine Zunge soll an meinem Gaumen kleben, wenn ich nicht gedenke, wenn ich Jerusalem nicht erhebe über den Gipfel meiner Freuden«, sagt bis heute jeder Bräutigam nach dem Treueversprechen an seine Braut und zertritt im Gedenken an das zerstörte Jerusalem ein Glas.

Rom wollte jede jüdische Verbindung beenden

Im Jahr 70 nach Christus wurde der Tempel, der von einigen Rückkehrern aus Babylon gebaut und von Herodes dem Großen prachtvoll renoviert worden war, dem Erdboden gleichgemacht. Nach dem zweiten jüdischen Krieg im Jahr 135 verbot der römische Kaiser Hadrian Juden den Zugang nach Jerusalem. Judäa wurde in Palästina, Sichem in Neapolis (heute Nablus) und Jerusalem in Aelia Capitolina umbenannt. Jede jüdische Verbindung zum verheißenen Land und seinen heiligen Städten sollte unmöglich gemacht werden.

Doch die Sehnsucht blieb. Nach jedem Essen haben Juden durch die Jahrtausende hindurch gebetet: »Erbarme dich doch Herr, unser Gott, über dein Volk Israel, über Jerusalem, deine Stadt, über Zion, den Wohnort deiner Herrlichkeit.« Das Passahfest beginnt mit dem Sederabend, zu dessen Abschluss man einander verspricht: »Nächstes Jahr in Jerusalem!«

An die Hoffnung auf »Alija« klammerten sich Juden, als Rabbi Mosche ben Nachman, kurz »Ramban« genannt, Mitte des 13. Jahrhunderts in Jerusalem nur noch zwei Juden, aber keine Synagoge und keine Thorarolle vorfand. Es gab keine Hoffnung mehr, die man als Jude hätte noch verlieren können, stellt Nachmanides in der Zeit zwischen dem 6. und 7. Kreuzzug fest.

Der Reformator hatte nur Spott für die Juden übrig

Am Ziel der Heimkehr hielt das Volk Israel fest, auch als Martin Luther im 16. Jahrhundert darüber spottete: »So lasst sie noch hinfaren jns land und gen Jerusalem, Tempel bawen, Priesterthum, Fuerstenthum und Mosen mit seinem gesetze auffrichten und also sie selbs widerumb Jueden werden und das Land besitzen.« Sarkastisch fügte der deutsche Reformator noch hinzu: »Wenn das geschehen ist, so sollen sie uns bald auff den ferssen nach sehen daher komen und auch Jueden werden« (WA 50.323,36-324,8).

Würden Lutheraner die Worte des Reformators ernst nehmen, müssten sie sich heute, 500 Jahre nach Anschlag der 95 Thesen an der Schlosskirche zu Wittenberg, beim nächsten Rabbiner zur Beschneidung melden. Im Jahr 2017 lebt die größte jüdische Gemeinde weltweit wieder im Land Israel. Seit zweieinhalb Jahrtausenden haben nicht so viele Juden im Land Israel gewohnt.

»Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir« (Psalm 130,1) – das ist die richtige Gebetshaltung, erklärt ein orthodoxer Jude und verweist darauf, dass viele Synagogen deshalb so gebaut sind, dass man einige Stufen hinabsteigen muss, um dann tatsächlich »aus der Tiefe« rufen zu können. Vor allem aber ist dieses »Lied des Hinaufgehens«, so die Überschrift von Psalm 130, ein Schrei nach Erlösung aus der Zerstreuung.

Der Gott Israels hat den Schrei seines Volkes gehört. Seit dem absoluten Tiefpunkt Jerusalems zur Zeit von Rabbi Mose Nachmanides und dem Bau der nach ihm benannten »Ramban-Synagoge« begann ein ständiger Strom von Juden in das Land Israel hinaufzuziehen. 1483 traf Rabbi Elia aus Ferrara in Jerusalem ein, 1579 120 Neueinwanderer aus Damaskus, 1700 Juda der Fromme mit 1 000 seiner Anhänger. 1721 kommt Rabbi Jesaja Horowitz. Im 18. Jahrhundert werden in Jerusalem 19 Talmudschulen von Juden aus Italien, Konstantinopel, Amsterdam und Aleppo gegründet. 1760 trifft Rabbi Schalom Scharabi aus dem Jemen in Jerusalem ein und 1771 gründet Rabbi Menachem Mendel aus Vitebsk mit 300 Anhängern eine chassidische Siedlung.

Im 19. Jahrhundert setzte sich dieser Trend fort. Antisemitische Ausbrüche verstärkten ihn. Als beispielsweise 1840 die Juden von Damaskus beschuldigt werden, den Priester Toma und seinen moslemischen Diener ermordet zu haben, um ihr Blut für die Mazzot (ungesäuerten Brote) am Passahfest zu verwenden, drängt der in Sarajevo geborene Rabbi Juda Alkalai sein Volk zur Alija. 1881 lösen Pogrome in Russland und Rumänien die so genannte »Erste Alija« aus. 40 000 Juden machen sich auf den Weg nach Palästina.

Während um Jerusalem herum erste jüdische Siedlungen entstehen – Mischkenot Schaananim (1860), Mea Schearim (1873), Machane Jehuda (1887) – setzen sich jüdische Bittsteller vor dem Berliner Kongress (1878) für die Errichtung eines jüdischen Staates in Palästina ein. Fürst Otto von Bismarck erklärt sie für wahnsinnig. Trotzdem formiert sich der Zionismus als säkulare politische Bewegung in Europa. Anfang September 1897 schreibt der österreichische Journalist Theodor Herzl unmittelbar nach dem ersten Zionistenkongress in sein Tagebuch: »Fasse ich den Baseler Kongress in ein Wort zusammen – das ich mich hüten werde, öffentlich auszusprechen – so ist es dieses: in Basel habe ich den Judenstaat gegründet. Wenn ich das heute laut sagte, würde mir ein universelles Gelächter antworten. Vielleicht in fünf Jahren, jedenfalls in fünfzig wird es jeder einsehen.«

Herzls Idee des Judenstaates gewinnt an Fahrt

Gegen immense Widerstände setzt sich die Bewegung fort. Unermüdlich bearbeitet Herzl die Mächtigen seiner Zeit, bittet den deutschen Kaiser um ein Protektorat über den jüdischen Staat und muss sich von Papst Pius X. im Januar 1904 in Rom sagen lassen: »Die Juden haben unseren Herrn nicht anerkannt, also können wir das jüdische Volk nicht anerkennen.«

1899 vertreibt der Pascha von Damaskus die Juden aus einer Siedlung auf den Golanhöhen. Im April 1909 wird die erste jüdische Stadt im Land Israel gegründet: Tel Aviv. Im Dezember desselben Jahres der erste Kibbuz: Degania am Südende des Sees Genezareth. Im März 1917 vertreiben die Türken alle Juden aus Haifa und Tel Aviv. Im November 1917 erklärt die britische Regierung in der so genannten »Balfour Declaration« ihre Unterstützung für eine jüdische Heimstätte in Palästina.

Am 24. Juli 1922 beauftragt der Völkerbund in San Remo die britische Regierung im Rahmen des Palästina-Mandats ausdrücklich damit, die Alija und die Besiedlung des Landes durch das jüdische Volk zu fördern. Zwischen 1919 und 1924 kommen 35 000 idealistische Pioniere mit »Zertifikaten« der britischen Regierung ins Mandatsgebiet Palästina. Von 1924 bis 1931 treiben polnische Wirtschaftssanktionen viele jüdische Angehörige aus kleinbürgerlichen Schichten »hinauf nach Zion«. Zwischen 1929 und 1939 fliehen eine Viertelmillion Juden vor den Nazis aus Deutschland nach Palästina.

Trotz gebrochener Zusagen: Eine Zuflucht für Juden

Diese großen jüdischen Einwanderungswellen erregten den Widerstand von Teilen der arabischen Bevölkerung. Extremistische Führer wie der Großmufti und Hitler-Freund Hadsch Amin el-Husseini gewannen die Oberhand und hetzten ihre Anhänger immer wieder zu blutigen Aufständen auf, etwa 1929 und 1936. Die britische Regierung reagierte auf die arabische Gewalt mit einer Einschränkung und teilweise massiven Behinderung der jüdischen Einwanderung, was einen klaren Verstoß gegen das Völkerbundmandat darstellte. Hunderte verzweifelter Holocaustüberlebende verlieren im Kampf gegen England ihr Leben, bevor am 14. Mai 1948 der Staat Israel proklamiert wird.

Die »raison d’être« des jüdischen Staates Israel ist, bedrängten Juden aus aller Welt Zuflucht zu bieten. Der junge Staat wurde von einer Welle der Immigration überschwemmt, sodass sich allein in den Jahren von 1948 bis 1951 die jüdische Bevölkerung in Israel verdoppelte. Die ersten Einwanderer kamen nicht nur als Holocaustüberlebende aus Europa: Ungefähr eine Million Juden mussten in diesem Zeitraum ihre Heimat in arabischen Ländern verlassen, weil ihnen das Leben dort unmöglich gemacht wurde. Die meisten flohen nach Israel.

In den fast sieben Jahrzehnten seines Bestehens bewältigte der Staat Israel mehrere große Einwanderungswellen, sodass heute mehr als sechs Millionen Juden im »Land ihrer Väter« leben. Erst in den vergangenen Jahren zogen Zigtausende von Juden aus Frankreich und der Ukraine nach Israel.

Johannes Gerloff

Der sprachgewaltige Reformator

3. Mai 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung:  Auf der Wartburg geht es vor dem Reformationsjubiläum um Martin Luther und die deutsche Sprache

Er war übler Grobian und einfühlsamer Poet in einer Person. Die deutsche Sprache war für Martin Luther stets Werkzeug und Waffe zugleich.

Vorsicht. Es geht nicht um »Luther und die Deutschen«. So lautet der ähnlich klingende Titel der Nationalen Sonderausstellung, zu sehen ab dem 4. Mai 2017 auf der Wartburg. Im Jahr vor dem großen Reformationsjubiläum geht es um »Luther und die deutsche Sprache«. Kuratorin Jutta Krauß benötigt für die Schau nicht die gesamte Burg, sondern nur einen Raum. Dabei bearbeitet sie ein weites Feld, ein immens weites sogar. Denn Luther hat mehr zu Papier gebracht als jene glückliche Übersetzung, für die der geächtete Reformator vom 4. Mai 1521 an auf der Wartburg einen sicheren Ort fand.

Er hat so viel Schrift hinterlassen – 127 Bände mit 80 000 Seiten umfasst die in Weimar erstellte Gesamtausgabe –, dass ihn Jutta Krauß gar nicht ganzlassen konnte. »Zerhackt« habe sie ihn, sagt sie, um die verschiedenen Facetten seiner Autorenschaft zu veranschaulichen. Der schreibende Luther wird dem Besucher als gelehrter Mönch, als übersetzender Theologe, als Lehrer, unermüdlicher Publizist, zorniger Streiter, Dichter und Privatmann vorgestellt. Die jeweiligen Zeugnisse dafür stammen aus der Lutherbibliothek der Wartburg. »Luther war ein gewaltiger Redner und ein gewaltiger Dolmetscher«, sagt Jutta Krauß. Der Schöpfer der deutschen Sprache, wie oft behauptet, sei er allerdings nicht gewesen.

Luther übersetzt die Bibel, Gemälde von Paul Thumann, 1872. Foto: Wartburg-Stiftung

Luther übersetzt die Bibel, Gemälde von Paul Thumann, 1872. Foto: Wartburg-Stiftung

Es hat ein paar Jahrhunderte gedauert, bis ausgehend vom Mittelhochdeutschen des Mittelalters über das Frühneuhochdeutsche die Sprachstufe des Neuhochdeutschen, also des heute gebräuchlichen Deutsch, erreicht war. Etwa in die Mitte dieses dreihundertjährigen Prozesses fällt Luthers Bibelübersetzung, das bekannteste Schriftwerk des Frühneuhochdeutschen. Ein »entscheidendes Etappenziel«, wie es Burghauptmann Günter Schuchardt treffend in der Begleitschrift zur Ausstellung formuliert. Und zugleich ein »reformatorisches Sprachereignis«, wie Kuratorin Jutta Krauß erklärt. Die Bibel wurde – in Luthers Deutsch übertragen – zu einem Volksbuch. Mit dem wiederum die wenigen der Schrift Mächtigen das Lesen lernten. Der Gleichklang von Bibel und Fibel ist kein Zufall.

Luthers Deutsch war dabei keineswegs ein Sonderfall, das kann die moderne Germanistik mittlerweile belegen. Es fügt sich vielmehr ein in den Sprach- und Schreibstil des Wittenberger Gelehrtenkreises und der Druckersprache jener Zeit. Was Luther darüber hinaus aber auszeichnet, das sind sein Sprachtalent und seine lebenslange Sprachneugier. Um seine Lehren zu verbreiten, musste er sich für das Volk verständlich ausdrücken. Also schaut er ihm aufs Maul. Auf seinen Reisen hörte er genau hin, erzählt Jutta Krauß. Er sammelte gebräuchliche Redewendungen und fragte auch nach, ließ sich etwa von einem Tischler die Fachbegriffe seiner Arbeit erklären.

So wuchs Luthers Wortschatz, den er zudem um einprägsame lautmalerische Neuschöpfungen erweiterte. Letztere werden in der Ausstellung in einer sich wiederholenden Abfolge an die Wand geworfen: Lückenbüßer, Lästermaul, Fallstrick, Sündenbock, Bluthund, Gottesacker, Freigeist … Die Projektion ist ein Präsentationsmittel, um das abstrakte Thema Sprache anschaulich zu machen. Daneben gibt es eine Medienstation, die gebräuchliche Wendungen der jeweiligen Herkunftsregion zuordnet. Ob sie richtig liegt, können die Besucher eingehend testen.

Den Glauben wecken, stärken, lebendig machen: Dafür eignet sich Sprache in vielfältiger Form. Als Text eines Kirchenliedes, von denen allein 37 auf Luther zurückgehen, darunter sein Bekenntnislied »Ein’ feste Burg ist unser Gott«. Aber auch als moralische Fabeldichtung. Luther übersetzte Fabeln des griechischen Dichters Äsop aus dem 6. Jahrhundert vor Christus ins Frühneuhochdeutsche. Stets mit einer Lehre am Ende. So heißt es in »Vom Wolf und Lämmlein«: »Wenn es nach dem Willen des Wolfes geht, so ist das Lamm im Unrecht.« Illustrationen zu den Fabeln sowie ein Animationsfilm aus den 1930er-Jahren zur Fabel »Vom Raben und Fuchs« richten sich vor allem an das jüngste Publikum.

Luther konnte aber auch noch ganz anders. Grob sein nämlich, zornig, cholerisch, was mit zunehmendem Alter mehr Raum einnimmt in seinen Schriften. Garstige Tiraden gegen seine Widersacher finden sich etwa auf den Flugschriften und -blättern der Reformationszeit. Beispielhaft dafür ist die Schmähschrift »Wider Hans Worst« auf Herzog Heinrich von Braunschweig-Wolfenbüttel.

Die deutsche Sprache – sie war Luther stets Werkzeug und Waffe zugleich.

Susann Winkel

Sonderausstellung »Luther und die deutsche Sprache« vom 4. Mai bis 8. Januar 2017 auf der Wartburg bei Eisenach. Vertieft wird das Thema in der 136-seitigen Begleitschrift, die im Verlag Schnell & Steiner erschienen ist. Mit der Ausstellung wird auch die neue Schaubibliothek in der Vogtei eröffnet, in der Schätze reformatorischen Schrifttums verwahrt werden.

Luther 2017: Schämen statt feiern?

10. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Streitpunkt: Der abgrundtiefe Antijudaismus liegt wie ein schwerer Schatten über dem Lebenswerk des Wittenberger Reformators

Seine Ausführungen über die Juden sind wirklich schwer zu ertragen. Die Synode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) wird sich in dieser Woche damit befassen. Denn ein Papier der Kreissynode von Erfurt fordert, dass sich die EKM öffentlich von judenfeindlichen Äußerungen Luthers distanziere. Die Kirchenzeitung bat zwei Theologen um ihre Meinung.

Ja – Teja Begrich ist Pfarrer in Mühlhausen und Beauftragter der EKM für den christlich-jüdischen Dialog.

eja Begrich

eja Begrich

Wir feiern: Unser Jubiläum. Unsere Kirche. Ein großes Fest. Und natürlich feiern wir den Primus inter Pares – den Ersten unter den gleich großen Reformatoren ganz besonders. Also Martin Luther!

Wir sind nicht nur die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland, wir sind auch eine lutherische Kirche. Theologisch und geografisch: von Möhra nach Eisleben über Mansfeld, Magdeburg und Eisenach, später nach Erfurt und Wittenberg und zum Lebensende wieder zurück nach Eisleben. Luthers Leben spielte sich fast ausschließlich auf dem Gebiet der heutigen Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland ab. Wir leben und glauben also am historischen Ort! Und natürlich sind wir ohne Zweifel darüber froh, dass Martin Luther, unser Reformator, die Bibel als frohe und heilmachende Botschaft wiederentdeckt hat.

Doch auch für Martin Luther gilt die Erfahrung der Natur: »Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten«, oder lutherisch gesprochen: Der Mensch ist immer Sünder und Gerechter zugleich. Und Luther mühte sich mächtig darum, dass sich diese Erkenntnis »fürchterlich praktisch« entfaltete. Deshalb müssen wir auf Luthers längsten Schatten und größte Sünde blicken: sein Verhältnis zu den Juden!

Gerne wurde zwischen einem jungen, judenfreundlichen, und einem alten, judenfeindlichen Luther unterschieden. Dies kann man jedoch höchstens als verzweifelten Versuch einer evangelischen »Heiligsprechung« Martin Luthers interpretieren. Seine Schriften sprechen eine andere und deutlichere Sprache: Nur der getaufte Jude ist ein guter Jude. Und wir müssen eingestehen, dass Luther an einem Gespräch mit Juden nie interessiert war. Für das, was er über und zu den Juden schrieb, können wir unseren Reformator nicht entschuldigen. Das ist und bleibt eklig auch mit jeder historischen Kontextualisierung. Seine Schrift »Von den Juden und ihren Lügen« von 1543 ist so ziemlich das Widerwärtigste, was wir uns vorstellen können. Dort wiederholt er gebetsmühlenartig, wie man mit Juden verfahren solle: »Erstlich, dass man ihre Synagoge oder Schule mit Feuer anstecke und, was nicht verbrennen will, mit Erde überhäufe, dass kein Mensch einen Stein davon sehe ewiglich … Zum anderen, dass man auch ihre Häuser zerbreche und zerstöre … Zum dritten, dass man ihnen nehme alle ihre Betbüchlein … Zum Vierten, dass man ihren Rabbinern bei Leib und Leben verbiete zu lehren …«, und endet: »Drum immer weg mit ihnen!«

Luthers Ablehnung der Juden ist jedoch nicht nur theologisch begründet. Als er am 28. Januar 1546 durch Rißdorf kurz vor Eisleben fuhr, machte er die dort lebenden Juden für seinen erlittenen Herzanfall verantwortlich. In seinem Judenhass schien er sich mit seiner Frau Katharina einig, so schrieb er über eben jenen Herzanfall: »Aber wenn Du wärest dagewesen, so hättest Du gesagt, es wäre der Juden oder ihres Gottes Schuld gewesen.« Wie so oft, verrät das Personalpronomen die Gesinnung! Ist »ihr« Gott nicht der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs und der Vater Jesu Christi?

Dennoch und auch angesichts des jüdischen Flüchtlingslagers vor den Toren Eislebens hat Luther beim Grafen Albrecht von Mansfeld darauf gedrungen und von der Kanzel gepredigt, dass auch diese geflohenen und vertriebenen Juden preisgegeben werden. Damit war auch die letzte Lutherstadt »judenfrei«. Und damit wird klar: Es ist nicht nur eine Freude, evangelisch und lutherisch zu sein. Auch nicht bei einem Fest!

Nein – Uwe Siemon-Netto ist Journalist und promovierter Theologe. Der gebürtige Leipziger lebt und arbeitet heute in Kalifornien.

Uwe Siemon-Netto

Uwe Siemon-Netto

Luthers Stimme schallt aus 80?000 Seiten der Weimarer Ausgabe seines Gesamtwerkes. »In dieser Stimme hören wir seltene Resonanzen der Stimme Gottes«, schrieb der amerikanische Historiker Mark A. Noll.

Luther war ein überdimensionaler, aber auch fehlbarer Mensch mit lichten und dunklen Seiten. Er sagte grandiose Wahrheiten, die wir in unserem, aus dem Leim geratenen Zeitalter dringend brauchen. Er gab aber im Alter auch Verwerfliches von sich. Das macht nur einen Bruchteil der 80?000 Seiten aus, soll aber heute ebenso wenig verschwiegen werden wie schon zu Luthers Lebzeiten, als sich selbst seine Freunde wie Andreas Osiander (1498–1552) von seinen ausschließlich theologisch motivierten Aussagen gegen die Juden distanzierten.
Statt nun am Vorabend des 500-jährigen Reformationsjubiläums das unersetzlich Wertvolle an Luthers Lehre zu betonen, suhlen sich Publizisten und Theologen fast nur im überdimensional Verwerflichen, wobei sie Luther oft geschichtsklitternd als den Wegbereiter Hitlers verleumden. Diese Leute müssen sich Fragen gefallen lassen:

Wenn der Holocaust in Luthers Lehre wurzelte, wieso wurde er dann nicht im einheitlich lutherischen Skandinavien verbrochen, sondern im gemischt katholisch-lutherisch-calvinistisch geprägten Deutschland?

Wie erklären sich Luthers Kritiker, dass sich im Zweiten Weltkrieg nicht nur deutsche Regimegegner wie die Lutheraner Dietrich Bonhoeffer und Hermann Sasse auf ihn beriefen, sondern vor allem auch skandinavische Widerstandsführer, darunter der mutige Bischof von Oslo, Eyvind Berggrav?

Überhaupt: Wieso ignorieren deutsche Theologen heute Luthers eiserne Lehre vom Widerstand gegen Despoten, eine Doktrin, die Männern wie Bonhoeffer und Berggrav Kraft gab?
Wieso übersehen sie, dass die ärgsten Bösewichte des Dritten Reiches ehemalige Katholiken waren, namentlich Hitler, Himmler, Goebbels und Julius Streicher, der den evangelischen Kirchen sogar vorwarf, Luthers judenfeindliche Schriften jahrhundertelang unterschlagen zu haben?

Warum verschweigen sie die Erkenntnis des Holocaust-Forschers Simon Wiesenthal, dass 75 Prozent der Kommandanten von Vernichtungslagern Österreicher waren, also mutmaßlich Ex-Katholiken?

Nicht dass jetzt die Schuld am Holocaust der katholischen Kirche untergeschoben werden sollte; auch das wäre ein schwachsinniges Klischee. Vielmehr war’s doch wohl so, wie der evangelische Theologe und NS-Gegner Helmut Thielicke 1945 schrieb, nämlich dass »ein Schuldverhältnis über der Welt brütet, über ihren Kontinenten und Meeren«. So ist es auch heute. Umso verwerflicher erscheint es mir, dass zum Reformationsjubiläum nicht nachdrücklich an den Schatz erinnert wird, den Luther unserer verwirrten Zeit hinterlassen hat und von dem der große britische Theologe Gordon Rupp bereits unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg schrieb, dass er uns von Hitler heilen könne.

Dieser Schatz besteht einmal aus Luthers Wegweiser zu einem gnädigen Gott, der uns von Sünde, Tod und Teufel befreit: Nur der Glauben an Christi Erlösungswerk am Kreuz kann dies bewirken. Zum anderen weist er uns den einzigen Ausweg aus der weltumspannenden Ichsucht, an der unsere Zivilisation zu zerbrechen droht. Und hier bietet sich nur Luthers Lehre an, wonach Gott jeden Einzelnen beruft, in allen Alltagswerken dem Nächsten zu dienen – dem Nächsten, dem Anderen, und nicht sich selbst.

Was nun das düstere Vermächtnis von Luthers judenfeindlichen Schriften anbelangt, sollten wir ganz einfach sein letztes geschriebenes Wort zitieren: »Wir sind Bettler, das ist wahr.«

Dokumentiert: Wie ein Bischof mit Martin Luther die Politik der Nazis unterstützte
Der Thüringer evangelisch-lutherische Landesbischof und vormalige Lauschaer Pfarrer Martin Sasse schrieb im Vorwort zu seiner Schrift »Martin Luther und die Juden – Weg mit ihnen!« im Jahre 1938: »Am 10. November 1938, an Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen. Vom deutschen Volk wird … die Macht der Juden auf wirtschaftlichem Gebiet im neuen Deutschland endgültig gebrochen und damit der gottgesegnete Kampf des Führers zur völligen Befreiung unseres Volkes gekrönt. In dieser Stunde muss die Stimme des Mannes gehört werden, der als der Deutschen Prophet im 16. Jahrhundert einst als Freund der Juden begann, der, getrieben von seinem Gewissen, getrieben von den Erfahrungen und der Wirklichkeit, der größte Antisemit seiner Zeit geworden ist, der Warner seines Volkes wider die Juden.«

Alle Wege führen nach Rom – doch wo ist der Lutherplatz?

16. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Er fand Rom widerlich. Luther hatte bei seinem Rombesuch an vieles gedacht, sicher nicht, dass nach ihm in der Ewigen Stadt einmal ein Platz benannt werden würde. Vermutlich hätte er sich das verbeten. Rom war für ihn »eine Bestie«. Jetzt ist es doch geschehen, im Herbst des vergangenen Jahres, 507 Jahre nach der Rom-Reise des Reformators! Die Anregung kam von der evangelisch-lutherischen Gemeinde. Der Stadtrat hat »Ja« gesagt. Für den Pfarrer der evangelischen Christuskirche in Rom, Jens-Martin Kruse, »ein Ausdruck gelebter Ökumene«. Er hätte sich auch eine Treppe an der Augustinerkirche Santa Maria dell’popolo, wo Luther möglicherweise übernachtet hat, vorstellen können. Aber so sei es auch gut.

Endlich seinen Platz gefunden: Luther in Rom. Foto: Willi Wild

Endlich seinen Platz gefunden: Luther in Rom. Foto: Willi Wild

Ich mache mich also auf die Suche. Kruse gibt mir noch den Tipp, Richtung Kolosseum, am Colle Oppio (dt. Opium-Hügel). Der Taxifahrer schaut mich ratlos an. Nach mehrmaliger Wiederholung schreibe ich ihm die Adresse auf: Piazza Martin Lutero. Auf der Straßenkarte ist der Ort nicht verzeichnet. Plötzlich hat er etwas gefunden, allerdings handelt es sich um eine Piazza Martin Lutero in Gubbio, oberhalb von Perugia. Rom: Fehlanzeige. Der freundliche Taxifahrer steigt aus und fragt seine ortskundigen Kollegen am Fuße des Petersplatzes. Achselzucken und Kopfschütteln. Nichtsdestotrotz bitte ich ihn, mich Richtung Kolosseum zu fahren. Er lässt mich raus, an der Via Luigi Cremona, in Sichtweite des Kolosseums. Zu meiner Freude treffe ich gleich zwei hilfsbereite Polizisten, die gerade dabei sind, die Ausweise einer kleinen Menschenansammlung am Opium-Hügel zu kontrollieren. Piazza Martin Lutero geben sie in ihr Dienst-Smartphone ein und deuten auf die Spitze des Colle Oppio.

Ich bedanke mich und laufe schnellen Schrittes nach oben, denn es dämmert bereits. Die Kamera im Anschlag, um den Moment festzuhalten. Vorbei an der Via deli Orte di Mecenate, über die Via Carlo Saviotti. An einem Spielplatz erklären mir zwei junge Frauen gestenreich, dass der Platz nicht hier, sondern außerhalb des Parks am Osteingang zu finden sei. Wer Martin Luther war, wussten sie nicht. Sie nicken aber anerkennend, als ich ihnen erkläre, dass sich heute eine weltweite Kirche nach ihm benennt. Die Sonne geht unter und im Laternenschein erreiche ich den besagten Eingang. Von Luther keine Spur. Drei »mittelalterliche« Römer mit einem ausgewachsenen Golden Retriever kreuzen meinen Weg. Ja, Martin Lutero ist ihnen ein Begriff, aber von dem Platz im Colle-Oppio-Park haben sie noch nichts gehört. Ich wünschte mir, der Hund könnte eine Fährte aufnehmen. Ich bin kurz davor aufzugeben. Auf der Viale della Domus Aurea springen mich zwei Straßenköter an. Ich nehme die Beine in die Hand. Als sie von mir ablassen, bleibe ich stehen. Mein Blick geht nach oben. Ich traue meinen Augen kaum. Da stehe ich und kann nicht anders, ich bin ergriffen: »Piazza Martin Lutero« steht auf dem Schild und darunter »Teologo Tedesco della Riforma (1483–1546)«.

Etwa sieben Kilometer vom Petersdom entfernt versteckt sich der kleine Platz des großen Reformators. Außer dem Schild erinnert nichts an Martin Lutero. In der Mitte ein Springbrunnen: Ein Plätzchen zum Ausruhen und Luftholen in der hektischen Metropole. Vielleicht hätte dieser Ort mit Volksnähe dem Signor Lutero doch gefallen.

Willi Wild

Es gibt sie doch – die Fastnacht in der evangelischen Kirche!

8. Februar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Merkwürdige Ereignisse: Die Enthüllungsredaktion auf Spurensuche im Landeskirchenamt

Haben Sie, liebe Leserin, lieber Leser, schon einmal etwas von einem kirchlichen Aschermittwoch oder generell von Fastnacht in der Kirche gehört? Nein? Woran mag das wohl liegen?! Vielleicht an der Tatsache, dass das Feiern der Fastnacht unter Steinigung in der evangelischen Kirche verboten ist? Durch das Fröhnen der Sünde während der fünften Jahreszeit geht die protestantische Arbeitsethik den Bach herunter. Unsere Vorstellungen von Fastnacht sind jedoch geprägt von Unproduktivität in Verbindung mit Alkohol und exzessiven Feiern, die dadurch gekrönt werden, dass sich Pfarrer sogar als der Teufel persönlich maskieren. Dies war auch die Meinung des großen Reformators Martin Luther höchst persönlich. »Verlacht den Feind und sucht Euch jemand, mit dem Ihr plaudern könnt […] oder trinkt mehr, oder scherzt, treibt Kurzweil oder sonst etwas Heiteres. Man muss bisweilen mehr trinken, spielen, Kurzweil treiben und dabei sogar irgendeine Sünde riskieren […]«, teilte Martin Luther unserer Redaktion in einem früheren Exklusivinterview mit.

Doch warum widerspricht die Kirche heute so vehement ihrem einstigen Gründervater? Wie kam es zu dem plötzlichen Sinneswandel, der bereits kurz nach seinem Tod einsetzte? Und ist Martin Luther wirklich tot? Ihre Enthüllungsredaktion ist im Landeskirchenamt auf Spurensuche gegangen. Was uns dort begegnete, ließ unseren Glauben in seinen Grundfesten erschüttern: Während des Besuches unserer vertraulichen Quelle am 11. 11. 2015 wurden wir gegen 11.10 Uhr zum Aufbruch gedrängt. Vor der Glasfassade des Amtes stehend, schlug die Turmuhr 11.11 Uhr. Im Inneren des Gebäudes wurde es unruhig und Mitarbeiter eilten von Büro zu Büro. Bunte Girlanden wurden aufgehangen, Pfannkuchen verteilt und plötzlich traten kostümierte Gestalten auf die Flure. Das ganze Amt – ein Haufen voller Narren. Bis heute meinen wir, es wäre Landesbischöfin Junkermann selbst gewesen, die als Papst verkleidet einen gigantischen Umzug anführte.

»Glaube + Einfalt« inkognito mit dem Original. Foto: Anonymus

»Glaube + Einfalt« inkognito mit dem Original. Foto: Anonymus

Auf verstärkte Nachfragen unserer Redaktion zu diesen merkwürdigen Ereignissen, erfolgte bis heute bedauerlicherweise keine Antwort. So bleibt uns nur übrig, Vermutungen anzustellen. Unsere schlüssigste Theorie lautet daher wie folgt: Es liegt ein klarer Fall von Wasser predigen und Wein trinken vor. Denn die Amtskirche sah – und sieht bis heute – in der Fastnachtsfeier eine Gefahr für den Otto-Normal-Gläubigen, der sich dem Suff und der Völlerei hingibt und anschließend nicht angemessen fastet. Im Landeskirchenamt muss sich jedoch der Versuchung hingegeben werden, um der bevorstehenden Passionszeit einen angemessenen Respekt zu zollen und die Unfehlbarkeit des Amts zu wahren. Dies kann jedoch einzig unter der allmächtigen theologischen Anleitung der Bischöfin geschehen, um die Sünden der Kirchenbeamten nicht auf Fegefeuerjahre anzurechnen.

Doch, um noch einmal Luther zu zitieren: »Eine Fastnachtsfeier gilt erst als gelungen, wenn Bierkrüge durch die Wirtshäuser fliegen und auf den Köpfen der Gäste des Nebentisches zerspringen.«

Nach den Ereignissen, die wir im Landeskirchenamt verfolgt haben, stellten wir uns die Frage, ob wir diese Erkenntnisse veröffentlichen können. Schließlich sind dies intime Details aus der Amtskirche. Außerdem fragen wir uns, was dies für das Feiern der Fastnacht in der evangelischen Kirche bedeutet und überlegten so in unserer Redaktion, wie wir mit dem Brauch der Fastnachtsfeier umgehen sollen und was wir Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, mit auf den Weg geben können. Folgenden Entschluss haben wir gefasst: Was das Landeskirchenamt kann, das können wir schon lange! Also veranstalteten wir in unserer Redaktion eine Fastnachtsfeier, ganz im Sinne des Reformators und feierten ausgelassen und feuchtfröhlich. Denn warum veranstaltet die Evangelischen Kirche eine Aktion namens »7 Wochen ohne …«? Warum sollten wir überhaupt fasten, wenn wir nicht wenigstens ausgiebig vorher gefeiert haben? Gewiss nicht, weil mit dem Aschermittwoch die Passionszeit beginnt.

Denn Jesus hat vor seinem Tod nicht gefastet. Also feiern Sie ausgiebig, außerhalb des Gottesdienstes darf auch mal gelacht werden und viel Spaß beim Verkleiden! In diesem Sinne: Ein dreifach gedonnertes HELAU! Bleiben Sie fromm.

Ihre Fastnachtsredaktion in Zusammenarbeit mit Ihrer Enthüllungsredaktion.

Nicht wiederzuerkennen

15. Juli 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Bibel: Ein Porträt Cranachs zeigt, wie Luther als »Junker Jörg« aussah

In diesem Jahr würdigt die Lutherdekade unter dem Motto »Bild und Bibel« den 500. Geburtstag von Lucas Cranach dem Jüngeren.
Die Kirchenzeitung nimmt das Cranachjahr zum Anlass, in einer Beitragsserie mit der Malerdynastie verbundene Orte vorzustellen. Diesmal Eisenach.

Die über 1 000 Jahre alte Wartburg war Zentrum hoch mittelalterlichen Dichtens und Minnesangs, wurde zum Wohn- und Wirkungsort der heiligen Elisabeth, und sah mit dem Wartburgfest der deutschen Burschenschaften den Morgen einer freiheitlich-demokratischen Nation heraufdämmern. Vor allem aber wurde sie zur »Lutherburg«.

Holzschnitt von Lucas Cranach dem Älteren mit Luther als Junker Jörg.  Foto: Wartburg Stiftung Eisenach

Holzschnitt von Lucas Cranach dem Älteren mit Luther als Junker Jörg. Foto: Wartburg Stiftung Eisenach

Lucas Cranach der Ältere, der zur Zeit von Luthers »Gefangenschaft« auf der Burg schon mit diesem befreundet war, erfuhr als Einziger vorab von jenem Ereignis, das schließlich zu Luthers fast 300 Tage währenden Aufenthalt auf der Wartburg führen sollte. »Lieber Gevatter Lukas … ich laß mich eintun und verbergen, weiß selbst noch nicht wo…«, heißt es in einem Schreiben, das Luther an den Maler richtete. Wenige Tage später war auch das Versteck klar.

Nach einem vorgetäuschten Überfall im heutigen »Luthergrund« nahe Steinach am Rennsteig, war Luther, der sich auf der Rückreise vom Reichstag in Worms befand, in der Nacht des 4. Mai 1521 in Begleitung mehrerer Reiter auf die sichere Obhut gewährende kurfürstlich-sächsische Wartburg gekommen.

»Mit Mühe habe ich erreicht, diesen Brief zu schicken. So sehr fürchtet man, es könne auf irgendeinem Wege bekannt werden, wo ich bin. Deshalb sorgt auch Ihr dafür, falls Ihr glaubt, dass dies zur Ehre Gottes geschieht, dass zweifelhaft bleibt, ob Freunde oder Feinde mich verwahren und schweigt! Es ist auch nicht nötig, dass außer Dir und Amsdorf jemand weiß, wo ich bin, nur: dass ich noch lebe«, schreibt der »Gefangene« noch in der ersten Woche seiner Ankunft an Melanchthon nach Wittenberg. Und Freund Spalatin erfährt: »Ich lasse mir Haare und Bart wachsen. Du würdest mich schwerlich erkennen, da ich mich selber schon nicht mehr wiedererkenne.«

Es wurde ruhig um den Reformator. Mitten in seiner Hauptarbeit auf der Burg, der Übersetzung des Neuen Testaments, wagte er sich inkognito im Dezember 1521 für wenige Tage nach Wittenberg. Sich ausgebend als »Junker Jörg«, war der mit vollem Haupt- und Barthaar Reisende wohl kaum als Luther zu erkennen. So sah ihn in Wittenberg auch Cranach. Das nach der Begegnung entstandene Bildnis vom »Junker Jörg« erlangte Weltruhm. Zwischen 1520 und 1546 entstanden insgesamt sieben verschiedene grafische und gemalte Porträttypen Martin Luthers in der Cranach-Werkstatt. Alle diese Bildnisse dienten propagandistisch-dokumentarischen und somit werbend-lehrhaften Zwecken. Das Porträt Luthers machte so den Botschafter des reformatorischen Programms sichtbar und entwickelte sich quasi nebenher als lückenlose Illustration seines biografischen Werdegangs. In den Kunstsammlungen der Wartburg werden mehrere Cranach-Meisterwerke aufbewahrt, darunter auch beeindruckende Bildnisse der Eltern Martin Luthers. Dieser Schatz verdankt sich mit Hans Lucas von Cranach auch einem direkten Nachkommen der Malerfamilie. Dieser war von 1895 bis zu seinem Tod im Jahr 1929 Burghauptmann der Wartburg.

Heinz Stade

Die Ausstellung »Die Lutherporträts der Cranach-Werkstatt« auf der Wartburg in Eisenach ist noch bis 19. Juli zu sehen

So viel Melanchthon wie nie

26. Februar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Das restaurierte und erweiterte Wohnhaus des Reformators wurde wiedereröffnet

Wittenberg bekam am 15. Februar eine Attraktion zurück. Die ­Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt eröffnete das restaurierte Wohnhaus des Humanisten und Reformators Philipp Melanchthon (1497 bis 1560), das zum Weltkulturerbe der UNESCO gehört. Zudem erhielt der Renaissancebau von 1536, den die Universität dem Gelehrten schenkte, um ihn dauerhaft an die Stadt zu binden, einen Neubau. Dieser auf dem Nachbargrundstück errichtete Kubus mit der grauen Klinkerfassade hat sich zum Stein des Anstoßes entwickelt. Stiftungsdirektor Stefan Rhein sah sich mit dem Zorn der Bürger konfrontiert, den kurz vor der Eröffnung noch Friedrich Schorlemmer in Worte fasste. In einem Zeitungsartikel hatte er vollendete oder geplante Neubauten in der Lutherstadt kritisiert und im Zusammenhang mit dem Erweiterungsbau des Melanchthonhauses von »Hässlichkeit« gesprochen. Rhein hatte erwidert, dass die Stiftung über Neugestaltungen nicht allein entscheide. Sie wolle sich der Diskussion über Ästhetik stellen. Zugleich müsse aber immer unterstrichen werden, dass Wittenberg eine Stadt des 21. Jahrhunderts sei.

Den einen gefällt er, den anderen nicht: Der kubistische Neubau neben dem originalen Melanchthonhaus aus der ­Renaissance ist in Wittenberg Stadtgespräch. Foto: Alexander Baumbach

Den einen gefällt er, den anderen nicht: Der kubistische Neubau neben dem originalen Melanchthonhaus aus der ­Renaissance ist in Wittenberg Stadtgespräch. Foto: Alexander Baumbach

Der dreigeschossige Neubau nach einem Entwurf des Büros Dietzsch & Weber Architekten aus Halle grenzt auf einer Seite an die alte Wittenberger Universität Leucorea. Seine Formen beziehen sich auf das Melanchthon-Wohnhaus und greifen zum Beispiel mit den rauen Klinkern historisches Baumaterial auf. Die Ausstellungsfläche hat sich durch ihn auf 600 Quadratmeter nahezu verdoppelt. Zudem nimmt der Neubau einen Vortragsraum, Garderobe, Kasse, Sanitärräume, Haustechnik und einen Fahrstuhl auf. Die barrierefreie Erkundung nahezu des gesamten Hauses ist erstmals möglich. Die neue Dauerausstellung trägt den Titel »Philipp Melanchthon: Leben – Werk – Wirkung«. Das wichtigste Exponat ist das Wohnhaus selber, das über die Jahrhunderte nahezu unverändert erhalten blieb. Jetzt kann es bis unter das Dach erkundet werden. Dank der Bauforschung können einzelne Räume einer Nutzung zugeordnet werden: die Küche, das angrenzende Esszimmer mit Blick auf den Garten, das wappenverzierte Wohnzimmer der Studenten, die bei Familie Melanchthon Kost und Logis bekamen, ihre kalte Schlafkammer nebenan, und die gute Stube des Hauses. Weil vom originalen Haushalt der Gelehrtenfamilie bis auf die Steinplatte des Gartentisches nichts erhalten blieb, wurde dieser Raum im 19. Jahrhundert mit schweren Eichenmöbeln im altdeutschen Stil ausgestattet, die restauriert sind. Die weiteren Räume des Altbaus hat das Berliner Designerbüro Iglhaut+von Grote mit einigen Möbeln und Figuren so gestaltet, dass sie die Funktion andeuten. Kinder dürfen eigens für sie aufgestellte Truhen und Laden aufschließen, Spielzeug herausnehmen oder der Tochter Magdalena Melanchthon zuhören. Sie berichtet zum Beispiel vom Sprachgewirr mit den Worten ihres Vaters: »Heute sind an meinem Tisch elf Sprachen gesprochen worden.«

Über das geistige Erbe Melanch­thons, des »Lehrers Deutschlands«, des »Vaters der Ökumene« oder des »Außenministers der Reformation«, informieren die Räume im Anbau. Die Kuratoren Martin Trau und Jutta Strehle haben aus Melanchthons Lebenswerk von rund 2000 Büchern und Schriften sowie rund 9500 Briefen einige ausgewählt. Im Raum »Melanchthons Schätze« etwa begegnet der Besucher im Dämmerlicht empfindlichen Originalen: frühe Drucke oder Handschriften, die von Wittenberg aus in die Welt strahlten. Zwar bleibt Melanchthon, was seine bildhafte Darstellung betrifft, weit hinter Martin Luther zurück. Doch zeugen die in Wittenberg ausgestellten Gemälde, Grafiken, Büsten und Medaillen von dem Respekt, der dem Gelehrten über Jahrhunderte entgegengebracht wurde.

Restaurierung und Neubau haben rund 4,8 Millionen Euro gekostet. Das Geld kam von der Europäischen Union, vom Bund, vom Land Sachsen-Anhalt und der Lutherstadt Wittenberg. Zudem flossen Eigenmittel der Stiftung Luthergedenkstätten und Geld aus dem Förderprogramm »Reformationsjubiläum 2017« des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien in das Projekt ein. »So viel Melanchthon war nie«, sagte ­Stiftungsdirektor Stefan Rhein vor der Eröffnung am 15. Februar. Davon ­können sich Besucher ab jetzt täglich, außer montags, und im Sommer an allen sieben Wochentagen, ein Bild machen.

Angela Stoye

Ein Lutheraner in Rom

10. Juni 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Händel-Festspiele widmen sich dem Verhältnis des Komponisten zu den Konfessionen

An Luther kommt in diesem Jahr keines der Musikfestivals vorbei. Auch die Händel-Festspiele in Halle machen da keine Ausnahme und erweisen dem Reformator gegenwärtig die Ehre. »Händel und die Konfessionen« lautet das Motto des traditionsreichen Musikfestivals, das seit dem 31. Mai in Halle läuft und noch bis zum 10. Juni andauert. Passend zum Schwerpunktjahr »Reformation und Musik« innerhalb der Lutherdekade wollen die Festspiele dabei auf die ­unterschiedlichen Strömungen eingehen, denen Händel in seiner Zeit begegnete.

So viele kleine Händel. Parallel zu den großen Festspielen gibt es in Halle auch Kinderhändelfestspiele. Zum Auftakt am 4. Juni beteiligten sich 250 Jungen und Mädchen in barocken Kostümen. Foto: Thomas Meinicke

So viele kleine Händel. Parallel zu den großen Festspielen gibt es in Halle auch Kinderhändelfestspiele. Zum Auftakt am 4. Juni beteiligten sich 250 Jungen und Mädchen in barocken Kostümen. Foto: Thomas Meinicke

Für Clemens Birnbaum, Intendant der Händel-Festspiele, ist das Motto dabei eine logische Konsequenz. »Im Gegensatz zu Johann Sebastian Bach und Georg Philipp Telemann, die durchgehend in einem protestantisch geprägten Umfeld gearbeitet haben«, zähle Händel zu den wenigen Komponisten des 18. Jahrhunderts, die für verschiedene Konfessionen tätig waren, unterstreicht der Direktor der Stiftung Händel-Haus. Er selbst stammte aus einem streng lutherischen Elternhaus, genoss eine Kantorenausbildung, spielte im calvinistischen Dom in Halle die Orgel und komponierte in seiner italienischen Zeit diverse Werke für die römisch-katholische Kirche. In England wandte sich der begnadete Komponist dann der Musiktradition der anglikanischen Kirche zu.

Deutlich wird seine Offenheit und religiöse Toleranz in dem thematischen Konzert unter dem Motto »Der ökumenische Musiker – ein Lutheraner in Rom«. Zwar habe es zu Händels Zeit keine Ökumene in unserem Sinne gegeben, räumt Erik Dremel, Dozent an der Theologischen Fakultät in Halle, in seinem Einführungsvortrag ein. Doch eine gelebte Ökumene, »eine Begegnung von Menschen verschiedener Konfessionen auf Augenhöhe«, gab es schon. Dafür steht in besonderer Weise seine Zeit in Italien. Händel hat in den Jahren 1707 bis 1710 kein Problem damit, katholische Kirchenmusik zu schreiben. Zu seinen Förderern gehören hier die Kardinäle Pamphilij, Ottoboni und Colonna. Beispielhaft erklingen am 2. Juni in ­einem Konzert im Händel-Haus drei geistliche Werke aus seiner Feder: »Laudate Puer Dominum«, das noch aus seiner Hamburger Zeit stammt, sowie das »Salve Regina«, eine marianische Antiphon, und die Kantate »Gloria«.

Der überzeugende Auftritt des Bozen Baroque-Orchesters unter der Leitung von Claudio Astronio mit der Sopranistin Gemma Bertagnoli ist ein Teil der Veranstaltungsreihe »Nach Luther«, die den Händel-Festspielen in diesem Jahr ihr besonderes Gepräge geben. Neben einem Konzert, das sich Händels Lehrer, dem wichtigen protestantischen Kirchenmusiker Friedrich Wilhelm Zachow, zuwendet, erklingt im Rahmen dieser Reihe auch Händels einzige deutschsprachige Passionsmusik, die »Brockes-Passion«. Insgesamt elf Aufführungen und eine Sonderausstellung widmen sich sowohl dem Schwerpunktthema »Händel und die Konfessionen« als auch dem Veranstaltungsreigen »Nach Luther«. Dabei werden eine Reihe von Kompositionen an authentischen ­Orten der Reformation zur Aufführung gebracht. So zählen Exkursionen nach Wittenberg und Eisleben und Konzerte im Lutherhaus oder der Andreaskirche zum Programm.

Für die Schirmherrin der diesjährigen Händel-Festspiele, die EKD-Lutherbotschafterin Margot Käßmann, ist eine solche Schwerpunktsetzung folgerichtig. Händels Lebensweg sei stark von der Reformation geprägt ­gewesen. Zudem hätten in seinem Schaffen zentrale biblische Texte immer eine große Rolle gespielt, sagt sie zum Auftakt. Das kann Erik Dremel von der Theologischen Fakultät nur unterstreichen. Händel sei Zeit seines Lebens ein stolzer Lutheraner geblieben, der seine Bibel »selbst fleißig gelesen hat«. Um in Rom weiter Karriere zu machen, hätte Händel konvertieren müssen. Das habe er bewusst nicht getan, auch nicht in seiner langen Londoner Zeit, wo er wiederum Kirchenmusik für die anglikanische Kirche schrieb. »Seine lutherische Herkunft und seine Heimat«, ist Dremel überzeugt, »hat er nie verleugnet.«

Martin Hanusch

www.haendelfestspiele.halle.de