Berauscht von der Bibel

21. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Zum Reformationsjubiläum gibt es auf dem Büchermarkt eine Flut von Neuerscheinungen. Noch druckfrisch ist der Luther-Roman »Evangelio« von Feridun Zaimoglu. Wer eintauchen will in die Welt vor 500 Jahren, sollte ihn lesen.

Eine schnelle Nummer war das nicht«, sagt Feridun Zaimoglu (53), Autor und Maler aus Kiel. Seit 22 Jahren schreibt er Bücher und Zeitungsartikel, ist mit vielen Preisen bedacht worden. Der Luther-Roman hat nicht nur ein Jahr intensiver Recherche gekostet, er hat eine Vorgeschichte, die in die Kindheit reicht. Mit 10 Jahren hat der aus Anatolien stammende Schriftsteller Luthers »Biblia Teutsch« gelesen entgegen dem wohlmeinenden Rat der Bibliothekarin. Verstanden habe er erwartungsgemäß nichts, gibt er bei einem Interview im Weimarer Nationaltheater zu, aber er sei von den Worten berauscht gewesen. Seitdem habe er die Bibel ohne zu übertreiben mehr als drei Dutzend Mal gelesen. Wer von uns Christen kann das von sich behaupten?

Ein Andersgläubiger schreibt einen Luther-Roman? »Mit meinen türkischen Wurzeln hat das absolut nichts zu tun.« Zaimoglu sieht sich als gläubigen Muslim, allerdings möchte er »verschont bleiben vom Wahnsinn religiöser Exzentriker aller Abteilungen«. Luther ist für ihn ein großer Mann, er liebt dessen deftige Sprache, die bei Thomas Mann beispielsweise das Gegenteil bewirkt hat: »Das spezifisch Lutherische, Cholerisch-Grobianische, das Schimpfen, Speien und Wüten, das furchtbarlich Robuste erregt meine instinktive Abneigung. Ich hätte nicht Luthers Tischgast sein mögen.« Feridun Zaimoglu seinerseits wäre es liebend gern gewesen. Er ist so tief eingetaucht in die Sprache Luthers und seiner Zeit, dass er sie am Ende unbewusst auch im Gespräch mit kopfschüttelnden Freunden gebrauchte.

Feridun Zaimoglu. Foto: Melanie Grande/DNT Weimar

Feridun Zaimoglu. Foto: Melanie Grande/DNT Weimar

Der Roman beschränkt sich auf eine kurze, aber besonders wichtige Zeit in Luthers Leben. Vom 4. Mai 1521 bis zum 1. März 1522 lebt der vogelfreie Reformator als Junker Jörg auf der Wartburg in Eisenach. Der Burgvogt Hans von Berlepsch hat ihn im Auftrag des sächsischen Kurfürsten Friedrich des Weisen in Schutzhaft genommen. Der Autor stellt dem falschen Junker den fiktiven Landsknecht Burkhard an die Seite, aus dessen Perspektive die Geschichte geschildert wird. Luther selbst als Ich-Erzähler wäre vermessen gewesen, fand Zaimoglu. »Hüt ihn gut«, war dem Katholiken Burkhard aufgetragen worden, und er tut, was er kann, um dem von Selbstzweifeln und Albträumen verfolgten, von Depressionen, Darmkrämpfen und Schlaflosigkeit geplagten Ketzer den erzwungenen Aufenthalt erträglich zu machen. Luther fühlt sich vom Teufel verfolgt. »Oft plagte mich der Satan durch seine Erscheinungen, ganz besonders auf jener Burg, in der ich eine Zeit lang gefangen gehalten wurde.« Den Mitbewohnern sind seine Anfälle unheimlich.

Als gelernter Papist ist Burkhard hin und her gerissen. »Ich achte dich, Mönch, und ich hasse dich.« Sie reden miteinander über Gott und die Welt, über Hexen und Teufel, Zauberei und Höllenangst, Folter und Mord. Beide unterscheiden sich fundamental in Glaubensdingen, Mentalität und Bildung – und kommen doch gut miteinander aus. Der Landsknecht seinerseits hat viel Schreckliches gesehen in seinem Leben, während Luther in der Klosterzelle gebetet hat. Der Leser bekommt eine Ahnung von den Ängsten der Menschen im ausgehenden Spätmittelalter, lernt ihre Albträume kennen. Die Kirche hat nicht wenig Anteil daran mit ihren Bildern von Höllenqual und Sündenpfuhl.

Martin Luther fehlt der Gedankenaustausch mit den Weggenossen. Er schreibt über 100 Briefe und 14 Schriften, die mit reitendem Boten nach Wittenberg gebracht und dort gedruckt und beantwortet werden. Er schreibt an gegen Depressionen und Dämonen. In den Roman eingestreut sind fiktive Briefe. »Ihm raucht die Hand vom Schreiben«, beobachtet Burkhard. In den letzten Wochen auf der Wartburg übersetzt Martin Luther das Neue Testament aus dem griechischen Urtext. Das ist ein Meilenstein für die Entwicklung der deutschen Sprache. Sein Bewacher erkennt aber auch die theologische Bedeutung: »Der teutsche Gott säubert uns die Angst aus der Brust. Dafür schütze ich den Ketzer.«

Christine Lässig

Zaimoglu, Feridun: Evangelio, Ein Luther-Roman, Kiepenheuer & Witsch, 345 S., ISBN 978-3-462-05010-3, 22 Euro

Für wen sind die Kirchentage gedacht?

13. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Im Mai finden in acht Städten Mitteldeutschlands die Kirchentage auf dem Weg statt. Benjamin Lassiwe sprach dazu mit dem Marketingchef des Trägervereins
für das Reformationsjubiläum, Christof Vetter.

Herr Vetter, wann sind die Kirchentage auf dem Weg eigentlich ein Erfolg?
Vetter:
Ich glaube, da muss man unterscheiden – zwischen dem inhaltlichen Erfolg und dem Zahlenerfolg. Der inhaltliche Erfolg wird dann eintreten, wenn wir es schaffen – und die Programme sehen so aus, als könnten wir das schaffen –, für die Region Mitteldeutschland Impulse zu setzen. Für die Menschen, die dort leben und für die Menschen, die dort bleiben, wenn wir wieder weg sind.

Und was ist mit dem Erfolg in Zahlen?
Vetter:
Wir haben Planzahlen, die insgesamt, für alle Kirchentage auf dem Weg, bei 80 000, der Größenordnung eines Kirchentags, liegen. Ob wir diese Planzahlen erreichen, ist eine kritische Frage, die man im Endeffekt erst danach beantworten kann.

Es wird Menschen geben, die sagen, zum Berliner Kirchentag gehe ich nicht – der ist mir zu groß. Für diese Menschen sind die Kirchentage auf dem Weg genau das Richtige. Kleiner, überschaubarer, intimer. Dazu kommen die Besucher aus der Region: Bei den letzten Kirchentagen in Dresden und in Stuttgart kamen unglaublich viele Menschen aus der unmittelbaren Umgebung.

Wofür lohnt es sich, eine Eintrittskarte zu kaufen? Viele Veranstaltungen finden doch im Freien statt?
Vetter:
Die Eintrittskarte lohnt sich zunächst mal unter dem Aspekt der Ehrlichkeit. Auch ein Kirchentag kostet Geld. Mit der Eintrittskarte trägt man sein Scherflein zum Gelingen der Veranstaltung bei. In den geschlossenen Räumen wird es, wie bei jedem anderen Kirchentag auch, Einlasskontrollen geben – die Open-Air-Veranstaltungen werden aber, wie bei jedem Kirchentag üblich, kostenfrei besuchbar sein. Wir freuen uns ja auch über Menschen, die nur eine Stunde oder eine halbe Stunde dabei sein können.

Und: Es gilt die traditionelle Kirchentagsregel – wer sich eine Eintrittskarte wirklich nicht leisten kann, kann sich beim Teilnehmendenservice melden, und dann finden wir eine Lösung.

Die Programme sind bei den Kirchentagen auf dem Weg unterschiedlich umfangreich. In Leipzig findet fast ein eigener Kirchentag statt. In kleineren Orten, wie Halle oder Dessau, wird es da nicht schwierig mit der Resonanz?
Vetter:
Ich glaube nicht, dass es in Dessau schwierig wird. Dort ist die anhaltische Landeskirche zu Hause – und diese Kirche ist wieder einmal hoch motiviert.

Illustration: Daniel Leyva, r2017

Illustration: Daniel Leyva, r2017

Und Leipzig war ja schon Gastgeber für einen normalen Kirchentag und einen Katholikentag im letzten Jahr: Dort gibt es eine besondere Tradition – und in diesem Jahr noch einen besonderen Anreiz. Menschen, die miteinander Posaune, Trompete oder Tuba spielen, und im Festgottesdienst am 28. Mai in Wittenberg spielen, können sich dort schon einmal treffen und ein Konzert geben. Das ist natürlich ein Höhepunkt, den andere Städte nicht bieten können.Aber jeder Kirchentag hat ein eigenes, regional vorbereitetes Programm – und deswegen unterscheiden sich die Programme vor Ort auch.

Was ist aus Ihrer Sicht der Höhepunkt? Worauf freuen Sie sich am meisten?
Vetter:
Der Höhepunkt ist natürlich der große Festgottesdienst in Wittenberg, wo die Besucher aus Berlin, von den Kirchentagen auf dem Weg und aus ganz Ostdeutschland zusammenkommen werden. Denn Wittenberg liegt gar nicht so weit weg, wie man immer denkt.

Von Braunschweig oder Hannover ist das eine normale Tagesreise. Da kann man früh morgens losfahren und zum Gottesdienst in Wittenberg dabei sein.

Faszinierend finde ich die öffentliche Darstellung der »Lichtgeschichte der Reformation« in Leipzig, das Theater auf der Elbe in Magdeburg, es gibt da ganz vieles …

Wer steckt denn eigentlich hinter dem Verein für das Reformationsjubiläum?
Vetter:
Das ist ganz einfach zu erklären: Hinter dem Trägerverein stecken der Deutsche Evangelische Kirchentag und der Rat der EKD. Beide haben den Verein gegründet. Heute gibt es dort knapp 100 hauptamtliche Mitarbeiter.

Manche machen gern Großveranstaltungen, andere lieben den Kirchentag und wieder andere haben Lust, bei etwas ganz Großem dabei zu sein.Und dann sind da die 180 Volunteers – die jungen Freiwilligen, die mit uns leben und arbeiten. Und die sind ganz stark dabei, die bringen ganz viele kreative Ideen mit ins Spiel.

Sprechen wir über den Festgottesdienst. Da gab es immer wieder einmal die Frage nach dem Sicherheitskonzept – wie steht es darum?
Vetter:
Da sind wir derzeit wenige Wochen vor der Fertigstellung. Es gibt einen klar definierten und mit den Behörden des Landes Sachsen-Anhalt, des Landkreises Wittenberg, der Stadt und den Bundesbehörden abgesprochenen Zeitrahmen.

Es war klar, es muss bis Ende Februar ein Organisationskonzept vorliegen. Dann wird man es mit den Behörden, mit denen man das entwickelt hat, noch einmal genau anschauen. Und dann werden wir die entscheidenden Teile, die die Menschen wirklich betreffen, auch in angemessener Form bekanntgeben und kommunizieren, sodass jeder, der vom Kirchentag auf dem Weg zum Abschlussgottesdienst kommt, der einen Tagesausflug dorthin macht oder der in Wittenberg selbst lebt, rechtzeitig erfährt, wie es für ihn ganz persönlich funktioniert.

www.r2017.org

Unterwegs auf dem Stationenweg

13. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Europäische Stationenweg zum Reformationsjubiläum knüpft ein Band zwischen 68 Orten. In dieser Ausgabe machen wir Station bei den osteuropäischen Nachbarn.

Von Böhmen über Siebenbürgen bis nach Polen – die Ideen von Martin Luther, Jan Hus und vielen anderen beeinflussen Menschen und Gesellschaften auch östlich der heutigen Grenzen Deutschlands.

Praha (Prag): Schon mehr als 100 Jahre vor Martin Luther, fingen viele Theologen der Prager Universität an, den damaligen Stand der Kirche kritisch zu betrachten. Zum einen wurde die Dekadenz des klerikalen Establish­ments an den Pranger gestellt und mehr Nähe zu den einfachen Menschen gefordert. Gottesdienste auf Tschechisch wurden eingeführt. Zum anderen äußerten Professoren und Prediger wie Jan Hus Zweifel an der Idee einer universellen Kirche, die nach dem Prinzip der Konziliarität funktioniert, und nahmen stattdessen ein Selbstbestimmungsrecht der Gemeinden in Anspruch. Zahlreiche Events und ein reiches Kulturangebot erinnerten 2015 an Hus’ Hinrichtung, und auch in diesem Jahr wird die böhmische Reformation in einem allgemein europäischen Kontext gefeiert.

Ljubljana (Laibach): Mehrere Ausstellungen über Luther und die Reformation werden ab April in der Burg sowie in der Nationalbibliothek organisiert. Am 8. Juni feiern die Slowenen den Priester Primož Trubar, der im 16. Jahrhundert das erste Buch in slowenischer Sprache schrieb. Am 30. Oktober folgt dann der Reformationstag mit offiziellen Feierlichkeiten und einem Gottesdienst in der Primož-Trubar-Kirche. Martin Luthers Biografie von Volker Leppin wird ebenfalls im Herbst ins Slowenische übersetzt.

Illustration: GKZ; Daniel Leyva, r2017; jameschipper

Illustration: GKZ; Daniel Leyva, r2017; jameschipper

Puconci (Putzendorf): Der kleine Ort im extremen Nordosten Sloweniens mag heute mit nur 6 000 Einwohnern recht unbedeutend erscheinen, doch er war historisch eine der Hochburgen der evangelischen Kultur in dieser Region. Die erste lutherische Kirche wurde hier 1784 erbaut, als der Ort Teil der K.-u.-k.-Monarchie und stark ungarisch geprägt war. Die Mehrheit der Bevölkerung ist bis heute lutherisch.

Sibiu (Hermannstadt): Vor zehn Jahren war die Stadt im Süden Siebenbürgens Europäische Kulturhauptstadt, und das von den Siebenbürger Sachsen im 17. und 18. Jahrhundert gebaute historische Zentrum wurde vollständig und stilvoll renoviert. Die Bilanz des damaligen Bürgermeisters Klaus Johannis fanden die Rumänen so gut, dass sie den Politiker 2014 zum Staatspräsidenten wählten – und damit Geschichte schrieben, denn der deutschstämmige und evangelische Johannis gehört im stark orthodox geprägten Land in doppelter Hinsicht einer Minderheit an. Hermannstadt ist gleichzeitig die Hochburg der Evangelischen Kirche AB (Abkürzung für »Augsburgischen Bekenntnisses«), die trotz der massiven Auswanderung der Siebenbürger Sachsen bis heute eine wichtige kulturelle und zivilgesellschaftliche Rolle spielt.

Debrecen: Die ostungarische Stadt gehört zu den wichtigsten regionalen Zentren des Calvinismus, gut 20 Prozent der Ungarn bekennen sich zu den Lehren der Reformierten Kirche, die in diesem Jahr ihr 450. Jubiläum feiert. Im Juni findet dementsprechend ein feierliches Treffen des Generalkonvents statt, und im Oktober wird der Reformationstag gewürdigt. Eine neue ungarische Übersetzung des Zweiten Helvetischen Bekenntnisses wird zu diesem Anlass offiziell präsentiert.

Sárvár (Kotenburg): Im Westen Ungarns stand die kleine Stadt am Anfang der Geschichte der ungarischen Reformation und wird auch das »ungarische Wittenberg« genannt. Hier wurde das erste Buch in der Landessprache gedruckt, und auch die erste ungarische Fassung des Neuen Testaments wurde hier 1541 herausgegeben. Mit nur 15 000 Einwohnern hat der Ort heute eher eine historische Bedeutung, aber für die Reformierte Kirche bleibt er ein wichtiger kultureller Bezugspunkt.

Sopron (Ödenburg): An der österreichischen Grenze gelegen, war diese Stadt im Sommer 1989 die Kulisse jener welthistorischen Ereignisse, die einige Monate danach zum Fall der Berliner Mauer führten. Zahlreiche DDR-Flüchtlinge konnten damals über Österreich nach Westdeutschland reisen, weil die ungarischen Grenzbeamten Menschlichkeit und gesunden Verstand zeigten. Ganz anders sieht es hier heute aus: Die rechtspopulistische Regierung von Viktor Orbán lässt Hunderte Schutzbedürftige an der Grenze
erfrieren. Auch die Arbeit der Kirchen, die helfen wollen, wird erschwert. Als wichtiges Zentrum der Reformation hätte Sopron Besseres verdient.

Cieszyn (Teschen): Die kleine Gemeinde im Süden Polens, nah an der heutigen Grenze zu Tschechien, war einer der insgesamt nur sechs Orte im historischen Schlesien, wo trotz offiziellen Katholizismus eine evangelische Kirche gebaut werden durfte. Dies geschah Anfang des 18. Jahrhunderts durch die »Gnade« des Kaisers Jo-
seph I., weshalb die Historiker von »schlesischen Gnadenkirchen« reden. Heute ist das damals gebaute Gotteshaus in Cieszyn das einzige, das noch als evangelische Kirche dient. Auch wenn sie im heutigen, stark katholisch geprägten Polen nur noch eine winzige Minderheit der Bevölkerung darstellen, haben die polnischen Lutheraner hier eine ihrer Diözesen.

Bardejov (Bartfeld): Im Norden der heutigen Slowakei gelegen, zog diese Stadt bereits im späten Mittelalter deutschsprachige Siedler an und wurde noch vor der Reformation dank des intensiven Handels zu einem der wirtschaftlich erfolgreichsten Orte der Region. Im Laufe der späteren Geschichte lebten hier in der Regel katholische Slowaken und Ungarn mit evangelischen Deutschen, sowie mit Juden, Ukrainern und Roma zusammen. Wie so oft in Mittel- und Osteuropa war dieses Mit- oder Nebeneinander nicht immer friedlich. Heute wird in Bardejov kein Deutsch mehr gesprochen, aber mehr als sieben Prozent der Bevölkerung bekennt sich immer noch zum evangelischen Glauben. Der Stadtkern gehört zum UNESCO-Kulturerbe.

Wroclaw (Breslau): Die viertgrößte Stadt im heutigen Polen war während der frühen Reformation die Kulisse gewaltiger religiöser und politischer Auseinandersetzungen, in denen der Konflikt zwischen Hussiten und Katholiken ausgetragen wurde und in denen es auch um die Ernennung des evangelischen Theologen Johann Heß zum Pfarrer in der Magdalenenkirche ging. Später wurde die Stadt während des Dreißigjährigen Kriegs zum Teil zerstört. Noch später bedeutete die NS-Herrschaft die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung und, in den späten 1940er-Jahren, auch das Ende einer langen deutschsprachigen, evangelisch geprägten Kulturtradition. Heute versucht die Stadt, im Geiste einer europäischen Identität wieder an diesen Multikulturalismus anzuknüpfen. Zahlreiche Events widmen sich 2017 der Reformation und ihrem Erbe.

Silviu Mihai

www.r2017.org/europaeischer-stationenweg

Mit Martin Luther in den Staaten

2. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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USA: Im öffentlichen Leben spielt das Reformationsjubiläum kaum eine Rolle. Dennoch hat Martin Luther seine Fans und so manchen großen Auftritt jenseits des Atlantiks.

Die »Morgan Library and Museum« (Morgan Bibliothek und Museum) im Herzen von Manhattan gilt in den USA als eine edle Adresse für Künstler und Kunstliebhaber. Seit Anfang Oktober begegnen Besucher dort dem deutschen Reformator Martin Luther oder zumindest seinem Abbild, einem Luther-Porträt des Malers Lucas Cranach. 500 Jahre nach Beginn der Reformation kommt Martin Luther in die USA.

Das Cranach-Porträt sowie Cranachs berühmtes »Christus und Maria«-Gemälde, beheimatet »normalerweise« in der Stiftung Schloss Friedenstein im thüringischen Gotha, sind Teile von drei Ausstellungen in den USA rund um Martin Luthers Leben und Wirken. Der Reformator ist auch zu Gast im Minneapolis Institute of Art in Minnesota und in der Pitts Theology Library der Chandler School of Theology in Atlanta in Georgia.

Niemals zuvor konnte man in den USA so viele und so kostbare Materialien zu Luther und der Reformation begutachten und bestaunen. Im »Morgan«, einer von dem Bankier John Pierpont Morgan Anfang des 20. Jahrhunderts geschaffenen Einrichtung, sieht der Besucher Schriftstücke und Handschriften aus Luthers Leben und Wirken, vom Thesenanschlag bis hin zur Bibelübersetzung auf der Wartburg und dem Schaffen in Wittenberg.

Bunte Halbinsel Manhattan: Hier im Herzen der Metropole New York hat bereits seit 7. Oktober die erste Ausstellung unter dem Slogan »Here I stand …« zum Thema Luther und die Reformation geöffnet. Weitere Expositionen sind seit 11. Oktober in Atlanta und ab 30. Oktober in Minneapolis zu sehen. Foto: sborisov – Fotolia

Bunte Halbinsel Manhattan: Hier im Herzen der Metropole New York hat bereits seit 7. Oktober die erste Ausstellung unter dem Slogan »Here I stand …« zum Thema Luther und die Reformation geöffnet. Weitere Expositionen sind seit 11. Oktober in Atlanta und ab 30. Oktober in Minneapolis zu sehen. Foto: sborisov – Fotolia

Als »Kronjuwelen« der rund einhundert Exponate gelten unter anderem ein zeitgenössischer Plakatdruck der 95 Thesen, eines der wenigen solchen Druckwerke, die noch existieren. Kurator John McQuillen sagte im Informationsdienst »Religion News Service«, Luther habe sich moderner Vervielfältigungsverfahren bedient. »Es war eine Art ›Tweeten‹ im Stil des 16. Jahrhunderts, diese kurzen Pamphlete, diese kurzen einseitigen Traktate und plakatartigen Holzschnittdrucke«, meint der Kurator.

Bei der Ausstellung in Minnesota (der Staat ist das geografische Zentrum der US-Lutheraner) geht es um den Alltagskontext der Reformation. Zahlreiche archäologische Funde aus Luthers Elternhaus und aus dem Lutherhaus in Wittenberg, darunter ein grün lackiertes Schreibset, das vielleicht gar vom Vielschreiber Luther selber benutzt wurde, sollen damalige Lebensumstände greifbar machen. Und es geht um Martin Luthers Theologie und Frömmigkeit, die bildlich verständlich gemacht werden sollen in dem monumentalen Gothaer Tafelaltar mit seinem biblischen Bilderzyklus.

Schwerpunkt in der Pitts Theological Library der protestantischen Chandler School of Theology ist Lucas Cranachs Gemälde »Gesetz und Gnade« (1536). Das Werk sei »der wichtigste Beitrag der deutschen Reformation zu der bildlichen Kunst«, sagte der Leiter der Bibliothek, M. Patrick Graham. Und es bringe Luthers Rechtfertigungslehre auf den Punkt.

Chandler ist nach eigener Darstellung geprägt von »evangelikaler Frömmigkeit, ökumenischer Offenheit und sozialem Engagement«. Bekannt ist Chandler wegen seiner Theologievorlesungen auch in Gefängnissen. Der deutsche Theologe Jürgen Moltmann hat von 1983 bis 1993 in Chandler gelehrt und wird der Einrichtung einmal sein gesamtes Archiv vermachen.

Ein kleiner Teil von Chandlers Ausstellung befasst sich auch mit Martin Luther King. Es sei in den USA relativ unbekannt, wie viel Einfluss der Bürgerrechtsführer auf den »Freiheitskampf im kommunistischen Ostdeutschland« gehabt habe, steht im Ausstellungskatalog. Besucher sehen dazu Fotos von Kings Aufenthalt in Ostberlin 1964.

Die drei Ausstellungen wurden vom Landesmuseum für Vorgeschichte Halle, der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt, dem Deutschen Historischen Museum Berlin sowie der Stiftung Schloss Friedenstein realisiert. Man wolle die Luther-Ausstellungen nutzen, »um eine möglichst große Zahl von lutherisch geprägten und geschichtlich interessierten Amerikanern für einen Besuch in Thüringen und Sachsen-Anhalt zu begeistern«, sagt Bärbel Grönegres, Geschäftsführerin der Thüringer Tourismus Gesellschaft.

In den USA nimmt der 500. Geburtstag weniger gesellschaftlichen Raum ein als in Deutschland. Und so viele Lutheraner gibt es nicht. Die meisten gehören der größten lutherischen Kirche an, der »Evangelischen Lutherischen Kirche in Amerika« (ELCA), die 3,7 Millionen Mitglieder zählt. Daneben gibt es als zweitgrößte lutherische Gemeinschaft die theologisch konservative »Lutherisch Kirche – Missouri-Synode«, zu der 2,3 Millionen Amerikaner gehören. Letztere betreibt auch eine spezielle Internetseite mit vielen Informationen rund um die Reformation sowie Hinweisen auf zahlreiche Veranstaltungen im Jubiläumsjahr.

Und auch die Vermarktung kommt nicht zu kurz: Das Concordia Publishing House bietet in einem Internetshop nicht nur die auch in Deutschland bekannte Playmobil-Figur des Reformators an. Ebenso sind Luther und seine Frau Käthe als Wackelkopfpuppen erhältlich, neben T-Shirts und Frisbee-Scheiben mit Lutherrose und vielem mehr an Nippes rund um 500 Jahre Reformation.

Konrad Ege

http://lutheranreformation.org/
www.cph.org/t-reformation.aspx?

Wenn einer wie Luther wieder da wäre …

2. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Der ehemalige Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit, Heiner Geißler (86), provoziert gern, auch wenn es um den Reformator Martin Luther geht. Mit ihm sprach Claudia Götze.

Herr Geißler, warum haben Sie sich mit Luther beschäftigt?
Geißler:
Obwohl ich katholisch bin? Aber jeder intelligente Katholik ist in seinem Innern auch protestantisch.

Wann sind Sie Luther das erste Mal begegnet?
Geißler:
Als kleiner Junge verbrachte ich die Ferien Ende der 1930er-Jahre in Oberndorf (Neckar). Dort begegnete ich dem Stadtpfarrer, und der sagte immer: Wenn es den Luther nicht gegeben hätte, dann hätten wir nur einen Glauben und eine Kirche. Ich dachte, mit Luther muss was Besonderes sein, von dem geht ein eigener Glaube aus.

Luther hat ein neues Frauenbild geschaffen und das Zölibat abgeschafft. Was hat er damals vergessen oder nicht wissen können?
Geißler:
Damals war eine frauenfeindliche Theologie die herrschende Lehre. Die Frau wurde als Tor des Teufels gesehen, durch die der Mann in Sünde fällt, als »ianua diaboli«, wie Thomas von Aquin sagte. Er hat das Zölibat abgeschafft, das Scheidungsrecht und die Frau im Priesteramt eingeführt. Ich sehe heute Parallelen zu Papst Franziskus. Für die Beendigung der Kirchenspaltung eine große Chance.

Was ist Luthers Erfolgsgeheimnis?
Geißler:
Er hat die Probleme der einfachen Menschen gesehen. Er hat die Buchdruckerkunst in seinen Dienst gestellt und eine einheitliche deutsche Sprache geschaffen.

Hat er alles richtig gemacht?
Geißler:
Natürlich nicht. Er hat in der Theologie ein Defizit hinterlassen. Er hat an die Vorherbestimmung geglaubt, die Pest in Wittenberg hat er als von Gott geschickt erklärt. Sein Gottesbild gibt keine Antwort auf die Frage nach Gerechtigkeit auf Erden. Wie beispielsweise kann es sein, dass Kinder an Krebs sterben müssen? Gibt es Gott nach Auschwitz?

Wenn Luther heute hier wäre, was würde er den Leuten sagen?
Geißler:
Für Luther war Gott der liebende und gütige Gott, der alle Menschen erlöst. Mit dem Ablass hat er ein zentrales Problem angesprochen: die Verbindung von Religion und Geld sowie Glauben und Kapital. Auch das Verhältnis von Frau und Mann hat Luther positiv beantwortet.

Heiner Geißler war Jesuitenschüler, langjähriger CDU-Generalsekretär und ist jetzt ehrenamtlicher Vorsitzender eines Gleitschirmfliegervereins und einer großen ökumenischen Sozialstation. Foto: Claudia Götze

Heiner Geißler war Jesuitenschüler, langjähriger CDU-Generalsekretär und ist jetzt ehrenamtlicher Vorsitzender eines Gleitschirmfliegervereins und einer großen ökumenischen Sozialstation. Foto: Claudia Götze

Die katholische Kirche hinkt der evangelischen Kirche 500 Jahre hinterher, was das Zölibat und die kirchlichen Ämter für Frauen angeht. Und Luther argumentiert folgerichtig, dass das gemeinsame Abendmahl unverzichtbar ist, wenn alle getaufte Christen sind.

Ökumene – wie weit sind die Kirchen mit ihr?
Geißler:
In beiden Kirchen gibt es viele, die nichts von Ökumene halten. Dennoch wird der ökumenische Gedanke bei allen Christen unabhängig von der Konfession immer stärker.

Wie könnte die Kirche wieder mehr Zulauf bekommen?
Geißler:
Jemand kann Christ sein, auch wenn er zweifelt, dass es Gott gibt. Wenn wir am Ende des Lebens sind, hat dieses Leben trotz der Zweifel an Gott einen Sinn gehabt, wenn wir nicht nur Trompete blasen und mit vertikal gerichtetem Blick nach oben beten. Es geht um den horizontalen Blick. Wir haben die Pflicht, denen zu helfen, die in Not sind.

Luther hatte aber auch dunkle Seiten …?
Geißler:
Beim Bauernkrieg und den Juden gab es schlimme Verirrungen, vor allem mit seiner Schrift gegen die Bauern, in der er die Rache an den Bauern begrüßt hat. Es wäre auch besser gewesen, er wäre gestorben, bevor er die Schrift über die Juden verfasste. Sein Hass entsprang der Enttäuschung darüber, dass die Juden seine Theologie nicht mittragen.

Was müsste anders laufen?
Geißler:
Die Kirche müsste mehr Widerstand leisten gegen die Entwicklungen auf der Erde, die nicht von christlichen Werten hergeleitet, sondern vom Kapital bestimmt werden. Wir brauchen eine globale öko-soziale Marktwirtschaft. Wir müssen Ursachen beseitigen und nicht Zäune und Mauern bauen.

Luther würde sagen, warum wehrt ihr euch nicht gegen den Absolutismus des Kapitals, so wie ich mich damals gegen den Unfehlbarkeitsanspruch der Kurie gewehrt habe. Beseitigt die Spaltung und werdet wieder eine Kirche, die Gründe von damals gelten nicht mehr.

Buchtipp
Geißler, Heiner: Was müsste Luther heute sagen? Ullstein Buchverlage, 285 S., ISBN 978-3-550-08045-6, 20 Euro

Türen auf von Nord bis Süd

31. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Mit gutem Beispiel voran: Pressefahrt der EKM zu offenen Kirchen

Nord: 2017 will die EKM eine gute Gastgeberin sein. Dazu gehört auch das Herzensprojekt der Landesbischöfin: »Offene Kirchen«.

»Unsere Kirchentür ist geöffnet«, so heißt ein kleines Schild Menschen  in der Kirche zu Flechtingen will- kommen. Nicht alle  Gemeinden,  die Pfarrerin Irene Heinecke (links) betreut, stehen  der EKM-Initiative »Offene Kirchen«  so wohlwollend gegenüber. Foto: Katja Schmidtke

»Unsere Kirchentür ist geöffnet«, so heißt ein kleines Schild Menschen in der Kirche zu Flechtingen will- kommen. Nicht alle Gemeinden, die Pfarrerin Irene Heinecke (links) betreut, stehen der EKM-Initiative »Offene Kirchen« so wohlwollend gegenüber. Foto: Katja Schmidtke

»Nein, hier ist noch nie etwas passiert. Kein Diebstahl, kein Vandalismus«, sagt Irene Heinecke. Nur einmal, erinnert sich die Pfarrerin, haben zwei Jungen Scheiben der Kirche von Flechtingen im Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt eingeworfen. Von außen. Damit, dass die Türen des Gotteshauses seit mehreren Jahren tagsüber unverschlossen sind, hatte dieser Ausdruck von Frust und Liebeskummer wahrlich nichts zu tun. Das Altarbild vom Jüngsten Gericht, die seltene Moses-Kanzel aus Stuck oder der Tetzel-Kasten – all dies sind Schätze, Hunderte Jahre alt, mit Geld nicht zu bezahlen, aber der größte Schatz der Kirche ist wohl ihre offene Tür. »Die Möglichkeit, außerhalb der Gottesdienst- und Andachtzeiten hierherzu­kommen, einen Raum zu finden für das Gebet, die Stille, auch zum Weinen, ohne Aufsicht, das ist so wichtig und wertvoll«, sagt Pfarrerin Heinecke, sie lacht, ihre Augen strahlen.

Landesbischöfin Ilse Junkermann steht neben ihr und nickt. Die Bischöfin spazierte im vergangenen Jahr während eines Reha-Aufenthalts regelmäßig zur Kirche. »Das war eine besondere geistliche Erfahrung«, erinnert sie sich.

Flechtingen, Wegenstedt, Etingen

Es sind aber nicht persönliche Empfindungen, die die Initiative der »Offenen Kirchen« für die Landesbischöfin zur Herzensangelegenheit machen. Das wohl ehrgeizigste Projekt der EKM zum Reformationsjubiläum stellt für die Theologin auch eine Umkehr dar, es ist ein Bußruf: »Verschlossene Türen bedeuten, wir sind uns selbst genug. Aber wir wollen doch für alle da sein, für alle offen sein.«

Eine Order von oben kann die Initiative nicht sein. Das wird besonders im Pfarrbereich von Irene Heinecke deutlich. Während die Flechtinger Kirche bereits seit mehr als 25 Jahren täglich von mittags bis abends geöffnet ist, hat sich der Gemeindekirchenrat des benachbarten Wegenstedts erst in diesem Frühjahr dazu entschlossen. »Wir fanden den Vorschlag der Landeskirche gut. Jeder hat das Bedürfnis nach Stille, und das nicht nur sonntags«, sagt Kirchenälteste Rosemarie Pötsch. Angst vor Vandalismus hat sie nicht. »Falls etwas passiert, steht die EKM hinter uns.«

Die Versicherung gegen Diebstahl und Vandalismus speziell für »Offene Kirchen« wird ab Januar 2017 angeboten, sie kostet 65 Euro pro Jahr und Kirchengebäude. Der Beitrag wird von der Landeskirche subventioniert, dafür sind laut Haushaltsplanung 300 000 Euro eingestellt.

In Etingen, das auch zu Irene Heineckes Pfarrbereich gehört, konnte dieses Angebot von EKM und Ecclesia-Versicherung nicht überzeugen. »Es gingen im Fall der Fälle auch ideelle Werte verloren«, meint Friedrich Widdicke vom Gemeindekirchenrat. Die Kirche zu Etingen wurde 1893 nach achtzehn Monaten Bauzeit errichtet, sie ist innen wie außen aus einem Guss, funkelnde Kron- und Altarleuchter, detailreiche Wandbemalungen –das alles habe man geerbt von den Vorfahren und wolle es in gutem Zustand weitergeben. Die Kirche für jedermann zugänglich zu machen, könne der Gemeindekirchenrat nicht verantworten. Pfarrerin Heinecke kann das nicht nachvollziehen: »Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott.«

Katja Schmidtke

Derzeit sind 140 der 4 031 Kirchen in Mitteldeutschland geöffnet, weitere 477 werden auf Ver­langen aufgeschlossen. Bis Frühjahr 2017 sollen möglichst alle Kirchen geöffnet werden; das geht auf einen Beschluss der Herbstsynode 2015 zurück. Die tatsächliche Entscheidung liegt beim Gemeindekirchenrat. Aktuell läuft eine Umfrage zur Kirchenöffnung, deren Ergebnis auf der Synode im November vorgestellt werden soll.

Derzeit sind 140 der 4 031 Kirchen in Mitteldeutschland geöffnet, weitere 477 werden auf Ver­langen aufgeschlossen. Bis Frühjahr 2017 sollen möglichst alle Kirchen geöffnet werden; das geht auf einen Beschluss der Herbstsynode 2015 zurück. Die tatsächliche Entscheidung liegt beim Gemeindekirchenrat. Aktuell läuft eine Umfrage zur Kirchenöffnung, deren Ergebnis auf der Synode im November vorgestellt werden soll.


Süd: Porta patet, cor magis – das Tor steht offen, das Herz noch mehr. Diese alte Zisterzienser-Regel könnte Wahlspruch der Initiative »Offene Kirchen« sein und ist es vielmehr seit 30 Jahren für Pfarrer i. R. Rainer Schmidt aus Mühlberg im Kirchenkreis Gotha. 1986 öffnete er mit Beschluss des Gemeindekirchenrates die St. Lukaskirche. Und das mit Erfolg. Viele Reisende, Familien, Ausflügler und Radler machten seither in der Barockkirche Station. »Kirchen sollten so geöffnet sein«, erklärt Pfarrer Schmidt, »dass die Leute hineingehen und aus dem Getriebe der Welt herauskommen können.« Er wolle diesen heiligen Ort, der auch ein künstlerisches Gesamtwerk sei, niemandem vorenthalten.

Natürlich gäbe es in der Gemeinde bis heute unterschiedliche Meinungen über die Öffnung von 8 bis 18 Uhr. Einige tragen sich immer noch mit Sicherheitsbedenken. Dafür hat Schmidt Verständnis, die bisherige Praxis habe jedoch gezeigt, dass die Menschen durch eine Öffnung des Gotteshauses mehr gewinnen als verlieren. Nur einmal sei in den vergangenen 30 Jahren etwas gestohlen worden.

Mühlberg, Kapellendorf, Weimar

Angesichts dieser Erfolgsgeschichte hofft Bischöfin Ilse Junkermann, dass noch viele weitere Gemeinden die von ihr bei der Herbstsynode im vergangenen Jahr angestoßene Frage der offenen Kirchen intensiv durchdenken und besprechen. Denn wenn die Kirche geöffnet wird, soll, wie in Mühlberg, die Gemeinde dahinterstehen. Von oben will und kann die Kirchenleitung dies nicht verordnen. »Die Initiative ist aber die Chance«, so Bischöfin Junkermann, »das Kirchengebäude als Ort der Predigt neu zu entdecken.«

(v. li.) Pfarrer i. R. Rainer Schmidt und Propst Diethard Kamm vor der St. Lukaskirche in Mühlberg (Kirchenkreis Gotha). Foto: Diana Steinbauer

(v. li.) Pfarrer i. R. Rainer Schmidt und Propst Diethard Kamm vor der St. Lukaskirche in Mühlberg (Kirchenkreis Gotha). Foto: Diana Steinbauer

Eine Entdeckung der besonderen Art ist ebenso die Dorfkirche von Kapellendorf im Kirchenkreis Apolda-Buttstädt. Als ältestes Gebäude des Ortes – erstmals urkundlich erwähnt im Jahre 800 – spielt die Kirche auch bei den Führungen in der Wasserburg Kapellendorf immer eine bedeutende Rolle. »Ich freue mich sehr, dass ich bei jeder Führung darauf hinweisen kann, dass die Kirche für jeden offen steht – unabhängig von den Öffnungszeiten der Burg«, sagt Marie Petermann, Kuratorin der Wasserburg.

Bereits seit den 1980er-Jahren schließen Vertreter der kleinen Gemeinde jeden Tag ihre Kirche für Besucher auf. Und von den 19 000 Besuchern der Wasserburg im Jahr kommen die meisten auch in der Kirche vorbei. Wie dieses Angebot geschätzt wird, davon zeugen die Eintragungen im Gästebuch. Aber es gibt auch stille Zeichen davon, wie sehr die Kirche Anlauf- und Ankerpunkt der Menschen geworden ist. »Immer wenn ich die Kirche betrete, brennen am Kerzenständer Lichter. Das zeigt mir, die offene Kirche wird angenommen und regelmäßig genutzt«, so Vikar Conrad Neubert.

Während unverschlossene Häuser und Höfe schon der Vergangenheit angehören, setzt die EKM mit der Initiative »Offene Kirchen« ein Zeichen gegen diesen Trend. Denn eine unverschlossene Kirche nehmen die Menschen als sehr positiv wahr, berichtet Hardy Rylke, Pfarrer der Jakobskirche in Weimar. Auch deren Pforten sind bereits seit vielen Jahren geöffnet. »Ich möchte den Menschen die Gelegenheit geben, das kennenzulernen, was mir zum Leben hilft und was vielleicht auch etwas für sie sein könnte«, so Rylke. Eine geöffnete Kirche zeige den Menschen, ja, ich habe wirklich Interesse an dir. Eine abgeschlossene Kirche dagegen bezeichnet Rylke als Katastrophe, denn jeder Mensch, der die Klinke herunterdrücke, verbinde mit seinem Besuch ein besonderes Bedürfnis. »Wenn wir als Kirche für alle offen sein wollen, dann muss das doch auch für die Gebäude gelten«, so Rylke.

Die Beispiele zeigen, dass das Projekt »Offene Kirchen« ehrgeizig, aber realisierbar ist. Laut Ralf-Uwe Beck, Pressesprecher der EKM, strebt die Evangelische Kirche hier einen Paradigmenwechsel an. »Heute sind die meisten Kirchen auf dem Gebiet der Landeskirche noch verschlossen. 2018 soll dies umgekehrt sein.« Und zwar auch noch lange über das Reformationsjubiläum hinaus. Propst Diethard Kamm betont: »Die Initiative ›Offene Kirchen‹ ist keine Schaufensteraktion. Wir öffnen unsere Gotteshäuser, und offen sollen sie bleiben.«

Diana Steinbauer

»Welch wunderbare Mondlichtnacht«

11. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Aus einem Missverständnis wurde eine »Schicksalsfügung«, sagt Stephan Krawczyk und erzählt, wie er dazu gekommen ist, sich mit Martin Luther zu beschäftigen. Zum Reformationsjubiläum geht der Liedermacher mit anderen Künstlern auf »Luther Lieder Tour«.

Der Anfang beruhte auf einem Missverständnis. Das Auswärtige Amt fragte beim Management von Stephan Krawczyk an, ob er auf einem Kongress in Wittenberg einen 20-minütigen Vortrag über Martin Luther halten könne. Er habe gedacht, erzählt der in Berlin lebende Liedermacher, laut lachend: »Wie kommen die auf mich?« Aber der Mensch wachse mit seinen Aufgaben. Also fuhr Kraw­czyk mit dem ausgefeilten Text gen Wittenberg. Noch heute ist er, der aus einer bildungsfernen Schicht stammt, stolz darauf. In der Lutherstadt angekommen, stellte sich heraus, dass es sich um einen Irrtum handelte. Der Poet war für ein Lied, nicht für den Festvortrag gebucht worden.

Es sagt einiges über Krawczyks gut ausbalanciertes Selbstwertgefühl, dass er diese Anekdote preisgibt und sich selbst am meisten darüber amüsiert.

Stephan Krawczyk. Foto: Nadja Klier

Stephan Krawczyk. Foto: Nadja Klier

Im vergangenen Jahr feierte der zu Silvester in Weida in Thüringen geborene Liedermacher seinen 60. Geburtstag. 36 Jahre Berufserfahrung hätten ihn angstfrei gemacht, erzählt er beiläufig, als wir unsere Fahrräder zum nahen Café in Berlin schieben, in dem wir uns unterhalten wollen. Aus dem Missverständnis in Wittenberg wurde eine »Schicksalsfügung«. »Ich hätte mich sonst nie mit Luther befasst«, sagt Krawczyk. Das wäre bedauerlich, denn einige der überzeugendsten Lieder in seinem Repertoire und auf der 2012 erschienenen CD »Erdverbunden, luftvermählt« drehen sich um den Reformator. Was interessiert den Künstler an Martin Luther? »Wenn ich ein Konzert mache und ihn mit ins Boot hole, zeige ich den Kanon eines höheren Sinnzusammenhangs, der in unserer Zeit fortwirkt. Luther sagt Gott, bei mir heißt es die Allheit, das All. Und da ist Gott auch mit drin. Ich finde es bei den Auftritten schön, wenn ein Wir entsteht, das gemeinsam klingt. Es ist Ausdruck von Sympathie und Friedensliebe. Ich denke, das wollte Luther mit seinen Thesen. Er wollte sinnerfüllte, liebevolle Gemeinsamkeit.«

Zum Reformationsjubiläum im kommenden Jahr geht Krawczyk mit fünf weiteren Künstlern auf »Luther Lieder Tour«; Start war Mitte August auf Schloss Mansfeld nahe der gleichnamigen Stadt, wo Luther seine Kindheit verbrachte. Mit Kritik am offiziellen Jubiläum hält der Sänger trotzdem nicht hinterm Berg. Es werde Luther nicht gerecht. »Es wird wie immer vermasst. Er wird in Verniedlichungen hergestellt. Es gab einen kleinen Luther, da konnte man ein Bierglas draufstellen. Und jetzt gibt es diese Playmobil-Figur. Dieser Riese im Geist wird permanent kleingemacht.« Krawczyk setzt einen Kontrapunkt mit seinem Lied »Ich, Martin Luther«: »Es muss in jeder Zeit mindestens einen geben, sei’s eine Frau, die widersteht, oder ein Mann. Ich bin geboren für die Freude, in Gott zu leben, weswegen ich hier stehe und nicht anders kann.«

Widerstand gehört zu seiner Biografie. 1985 bekam der Sänger, der erfolgreich freiberuflich in der DDR tätig war, Berufsverbot. Fortan konnte er mit seinen kritischen Liedtexten ausschließlich unter dem Dach der Kirche auftreten – wenn den Pfarrern die Sache nicht zu heiß wurde. Im Januar 1988 verhaftete die Staatssicherheit ihn und seine damalige Ehefrau Freya Klier und schob das Paar zwei Wochen später in den Westen ab. Krawczyk hat darüber gesprochen und geschrieben, etwa in den Romanen »Der Narr« (2003) und »Der Himmel fiel aus allen Wolken« (2009). Wie lebt es sich heutzutage als »Symbolfigur der DDR-Bürgerbewegung«? Wieder lacht Krawczyk. »Das ist eine Außensicht auf die Dinge. Ich kann mich nicht damit identifizieren. Ich war nie eine Symbolfigur. Andere haben mich dazu gemacht, weil sie ein Symbol brauchten. Weil sie einen Erklärungsbedarf hatten, keine anderen Worte oder sich nicht die Mühe machten, das Ganze differenziert zu betrachten.« Er winkt ab. »Wenn ich mir Gedanken machte, dass ich als Symbolfigur gelte, würde ich mich verrückt machen.«

Zurück zu Martin Luther, zu dem Menschen, der wie er für seine Überzeugungen einstand. Sein eigenes Glaubensverständnis, sagt Krawczyk, habe sich über die Jahre verändert. »Durch die Erfahrungen, die manchmal so wunderbar waren, dass ich sie mit den Mitteln der Logik nicht erklären konnte. Ich habe versucht, Zusammenhänge wiederzuerkennen, die von der Wissenschaft nach Kräften zerlegt wurden. Sich innerhalb dieser Wurzeln aufgehoben zu fühlen, war eine neue Erfahrung für mich.« Seine Lieder spiegeln diese Verfasstheit mit der »Allheit, diesem Großen und Ganzen« wider, das er als »Unterfutter« seines Selbstverständnisses bezeichnet. Als Künstler sei er gefragt, dem voranzuhelfen. Bei einem Konzert steht man dann vielleicht gedanklich in einer lauschigen Sommernacht mit auf dem Balkon, über sich das All, und spürt einer Verszeile in ihrer Zartheit nach: »Was hat sich Gott da ausgedacht, welch wunderbare Mondlichtnacht.« Im formgewandten Ausdruck von Text und Lied, ist das am Ende eine punktgenaue Landung künstlerischer Unbekümmertheit. Und damit lassen sich viele Missverständnisse aus der Welt schaffen.

Ulrike Mattern

Beten und denken mit Gymnastik

5. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Zum Abschluss unserer diesjährigen Sommerinterview-Serie traf Angela Stoye Landesbischöfin Ilse Junkermann in ihrem Magdeburger Büro. Dabei ging es um offene Kirchen, das Reformationsjubiläum und Mission.

Am Elbufer lässt Landesbischöfin Ilse Junkermann gerne die Gedanken schweifen. Foto: Viktoria Kühne

Am Elbufer lässt Landesbischöfin Ilse Junkermann gerne die Gedanken schweifen. Foto: Viktoria Kühne

Frau Junkermann, wie war Ihr Urlaub?
Junkermann:
Wunderschön. Wir waren auf Langeoog. Ich hab mich sehr gefreut, im ersten Gottesdienst am Sonntag einen unserer Pfarrer aus der Altmark zu treffen, der als Kurpastor wunderbar gepredigt hat. Mein Mann und ich waren jeden Tag am und im Meer. Ich habe viel gelesen und mit meinem Mann gespielt: Malefiz und Rummikub.

Und jetzt hat der Alltag Sie wieder – zum Beispiel mit dem Echo auf Ihren Aufruf, 2017 alle 4 000 Kirchen in der EKM zu öffnen. Was überwiegt da?
Junkermann:
Es überwiegt die Grundbereitschaft, darüber nachzudenken. Das ist mir viel wichtiger als Lob oder Kritik. Der Aufruf hat eine sehr breite Resonanz. Denn hinter der praktischen Frage der Kirchenöffnung steht die geistliche: Was verkünden unsere verschlossenen Kirchentüren? Ich finde: Zur Kirchenöffnung gehört auch das Vertrauen darauf, dass Kirchenbesucher keine Aufsicht benötigen, sondern Ruhe wollen.

Eine Kritik ist mir sehr nahegegangen. Eine Pfarrerin sagte mir: Sie sagen, wir sollen das Risiko eingehen. Gleichzeitig geht es im größten Teil der Handreichung zu offenen Kirchen aber um Sicherungsmaßnahmen.

Für mich zeigt das die Spannung zwischen Vertrauen und Befürchtungen, zwischen Sicherheitsbedürfnissen und Risiko. Aber: Welches Risiko ist Gott mit uns Menschen eingegangen?! Und wie nehmen wir das als Beispiel und sagen: Das Risiko, das wir eingehen, ist vergleichsweise gering. Es gehört zum Evangelium, im Glauben nicht Sicherheit zu finden, sondern Vertrauen.

Es gibt Gemeinden, die nach Diebstählen Probleme haben, oder?
Junkermann:
Ja. Aber unser Ziel erreicht man in kleinen Schritten. Wenn Gemeinden Aufsicht oder andere Absicherungen haben wollen, sind das solche Schritte. Ich bitte noch einmal alle Gemeinden, Vertrauen zu wagen.

Themenwechsel: Das 500. Reformationsjubiläum – was bedeutet es für Sie?
Junkermann:
Noch einmal zurück zu den offenen Kirchen, denn sie hängen mit 2017 zusammen – mit der Frage, wo wir heute zur Umkehr gerufen sind in unserem praktischen Verhalten. Das ist der Grundruf Jesu, den Luther in seinen Thesen neu zur Sprache gebracht hat: Der Ruf zu wahrer Buße und Umkehr. 2017 können wir als Riesen-Event feiern oder als Umkehr, zum Beispiel von geschlossenen zu offenen Kirchentüren. Reformation heißt auch, dass auch wir uns heute neu vom Evangelium formen lassen. Sie bedeutet nicht Reform oder Veränderung um jeden Preis.

Was unterscheidet 2017 von 1917 oder 1817?
Junkermann:
Dass es 2017 keine Heldenverehrung gibt, sondern die differenzierte Beschäftigung mit dem Menschen Martin Luther, der seiner Einsicht über das, was er in der Bibel gefunden hat, vertraut hat. Und sich nicht durch äußeren Druck hat beirren lassen. Das fasziniert viele bis heute an ihm, wie er seinem Gewissen mehr verpflichtet war als dem Kaiser oder Papst. Gleichzeitig wusste Luther, dass es das Gespräch braucht. Seine Thesen waren ja eine Aufforderung zur Disputation. Auch das brauchen wir heute sehr.

Deutlich wird 2017 auch, dass Luther ein Mensch mit Fehlern und Schwächen war: sein aufbrausendes Wesen, seine Schimpftiraden oder die Tatsache, dass er sich an eigene Einsichten nicht gehalten hat. So ist er im Blick auf das Verhältnis zu Juden oder zu den Bauern eben nicht beim Diskurs geblieben, sondern hat Gewalt befürwortet und gefördert.

Haben Sie eine Lieblingsschrift?
Junkermann:
Ja, »Von der Freiheit eines Christenmenschen«. Weil darin sehr deutlich wird, dass zur Freiheit auch Verantwortung und Bindungen gehören – im Gegensatz zu einer Vorstellung von Freiheit als Schrankenlosigkeit.

Oder ein Lieblingswort?
Junkermann:
Das habe ich als Vikarin in Horb am Neckar im Lutherjahr 1983 am Anfang des Gottesdienstes zitiert: »Die Heilige Schrift ist wie ein Kräutlein. Je länger du daran reibst, desto mehr duftet es.« Das hilft mir bis heute bei der Arbeit an meinen Predigten.

Was erhoffen Sie sich von 2017 für Impulse?
Junkermann:
Dass die Menschen hier merken, wie stolz sie sein können, in dieser Region mit ihrer reichen Geschichte zu leben. Was hier geschah, hat weltweit Bedeutung gewonnen.
Andererseits ist 2017 eine Herausforderung für uns als Kirche und die Gemeinden. Die Kirchenkreise müssen Stellen abbauen, wir Christen werden immer weniger. Dass passt schlecht mit den großen Events zusammen.

Was folgt daraus?
Junkermann:
Die EKM will 2017 ein guter Gastgeber sein. Für die Zeit danach wünsche ich mir, dass unsere Glaubenszuversicht gestärkt wird, auch wenn der Weg unserer Kirche und unserer Gemeinden schwierig ist. Wir können darauf vertrauen, dass Gott uns führt. Wir beschäftigen uns ganz viel mit Defiziten. Das ist berechtigt; das tut weh. Aber wir sollten einen Blick dafür bekommen, was uns geschenkt ist, worin wir (stein-)reich sind. Damit bin ich wieder bei den offenen Kirchen.

Ihrem Lieblingsthema?
Junkermann:
Ja, denn es ist fast unglaublich, in welchem Maß in den vergangenen 25 Jahren die Kirchen wieder aufgebaut worden sind. Diese Schätze sollten wir mit anderen teilen! Vor allem die Menschen, die sich einbringen, sind Schätze. Ich hoffe sehr, dass wir als Kirche offener werden und dass Gottes Geschichte mit uns eine lebendige Geschichte für uns ist. Dass wir nicht an festen Bildern hängen, wie Kirche und Gemeinde sein sollen, vielmehr schauen, was Gott uns jetzt an Menschen und Ressourcen schenkt.

In »Luthers Land« leben die wenigsten Christen. Missionarische Aktionen haben kaum etwas gebracht. Wie kann der Schrumpfungsprozess aufgehalten werden?
Junkermann:
Den Glauben können wir nicht machen. Es gibt dazu ein Wort von Carl Friedrich von Weizsäcker: »Rede nicht über deinen Glauben, wenn du nicht gefragt wirst. Aber lebe so, dass du gefragt wirst.« Das ist die Herausforderung: Wie lebe ich selber so, dass Menschen mich fragen. Ob der Samen auf fruchtbare Erde fällt oder unter Dornen oder auf Felsen, haben wir nicht in der Hand. Wir sind Säe-Leute. Manchmal dürfen wir ernten. Aber wir wissen nicht, wann die Ernte kommt.

Sommerlogo GuHWie gelingt es Ihnen, Privatleben und Beruf unter einen Hut zu bringen?
Junkermann:
Mit meinem grünen Filzstift. Damit kennzeichne ich im Kalender die Verabredungen mit meinem Mann. Ich bin froh, dass er als Selbstständiger flexibel sein kann. Mir persönlich hilft es sehr, wenn ich morgens eine Stunde für mich habe für das Gebet, für das Nachdenken – auch das Denken an Menschen, die es schwer haben. Das gelingt mir am besten bei Gymnastik.

Was tun Sie, wenn Sie in Magdeburg frei haben?
Junkermann:
Im Sommer sitze ich gerne auf dem Balkon. Brauche ich Bewegung, bin ich in wenigen Schritten an der Elbe. Mein Mann und ich lieben die Weite der Landschaft, sitzen aber auch gerne in einem Lokal an der Elbe.

Und wenn es regnet?
Junkermann:
Dann lese ich.

Viele Pfarrer sollen ja Krimis lieben …
Junkermann:
Die liebe ich auch. Sehr gerne lese ich zudem Gedichte und Romane. Im Urlaub zum Beispiel »Unterleuten« von Juli Zeh. Es ist unglaublich, wie sie Menschen und die Atmosphäre erfasst.

Auch amerikanische Autoren liebe ich sehr, tauche in ihren Büchern – zum Beispiel denen von Paul Auster oder T. C. Boyle – in eine andere Gesellschaft, Geschichte und Lebensart ein.

Nicht Rückblick, sondern Aufbruch

15. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Für unsere Sommerinterview-Serie traf Sabine Kuschel Margot Käßmann in einem Berliner Restaurant. Sie sprachen über das Reformationsjubiläum, Mission, Karriere und Zukunftspläne.

Frau Käßmann, Sie sind Botschafterin für das Reformationsjubiläum – was sind die Herausforderungen dieses Jobs?
Käßmann:
Der Bundestag hat gesagt, das Reformationsjubiläum ist von kulturhistorischer Bedeutung für die Bundesrepublik Deutschland, für Europa, ja, die Welt. Meine Aufgabe ist, nach außen zu vermitteln, dass das Reformationsjubiläum alle angeht. Es ist kein binnenkirchliches Ereignis, sondern auch ein säkulares. Das macht mir besonders Spaß. Ich habe zudem viele Partnerkirchen im Ausland besucht.

Es wird kein deutsch-nationales Reformationsjubiläum wie 1817 oder 1917 werden, sondern ein internationales. Einerseits, weil Gäste aus dem Ausland zu uns kommen, andererseits, weil unsere Partnerkirchen in Asien, Afrika, Lateinamerika sagen: Das ist auch unser Jubiläum. Die Partnerkirchen in aller Welt entwickeln tolle Ideen, wie sie das Jubiläumsjahr vor Ort begehen wollen.

Sportlich: Mit dem Fahrrad kam Margot Käßmann zum Interview in eines ihrer Lieblingsrestaurants in der Hauptstadt. Foto: Sabine Kuschel

Sportlich: Mit dem Fahrrad kam Margot Käßmann zum Interview in eines ihrer Lieblingsrestaurants in der Hauptstadt. Foto: Sabine Kuschel

Eine Arbeit, die Freude macht?
Käßmann:
Weil ich meine Arbeit auch mit Leidenschaft mache. Ich finde diese Form berufstätig zu sein jetzt noch schöner, als Ratsvorsitzende zu sein. Sämtliche Dienstverpflichtungen wie Sitzungen, Akteneinsicht, Dokumente redigieren, habe ich nicht mehr. Ich kann schreiben, Vorträge halten, ich predige jede Woche woanders, quer durch die Republik. Das macht mir Spaß.

Was beschäftigt Sie zurzeit am meisten?
Käßmann:
Die Konzeption der Weltausstellung. Wir werden 16 Wochen vom 20. Mai bis 4. September 2017 Wittenberg sozusagen als Ausstellungsgelände erleben. Es wird 14 Themenwochen geben, die wir jetzt inhaltlich planen. Themen sind unter anderen Europa, Ökumene, Bildung, Gerechtigkeit, Dialog der Religionen, Frieden, Spiritualität.

Worauf freuen Sie sich besonders?
Käßmann:
Auf den Reformationssommer insgesamt. Jeden Tag, den ganzen Sommer, werden Menschen nach Wittenberg kommen, um am Ende sagen zu können: Das war nicht Rückblick, sondern das war Aufbruch.

Was könnte schiefgehen?
Käßmann:
Dass es Desinteresse gibt. Die Kirchen in Ostdeutschland haben es wirklich schwer. Sie sind in einer Minderheitssituation. Es ist da eine besondere Herausforderung, überzeugend von Gott zu reden. Ich wünsche mir, dass das Reformationsjubiläum für die Kirchen in Ostdeutschland ein ermutigendes Ereignis wird.

Das Wort »Mission« hat einen schlechten Klang, auch in Deutschland. Aber mittlerweile ist die Einsicht gewachsen, wenn Christen hier nicht missionarisch wirken, stirbt der Glauben. Wie stehen Sie zur Mission?
Käßmann:
Bei einer Tagung 1998 in Simbabwe hörte ich Nelson Mandela sagen: Die Missionare haben vielleicht viele Fehler gemacht, aber sie haben uns in Südafrika den Gedanken in den Kopf gesetzt, dass wir Schwarzen genausoviel wert sind wie die Weißen. Dieser Gedanke ist nicht mehr weggegangen. Das fand ich sehr interessant.

Ich denke, es ist richtig, diesen Gedanken von der Würde jedes Menschen weiterzugeben. Es gibt einen schönen Satz: »Missionarisch sein heißt, lebe so, dass andere dich fragen, warum du so lebst.« Ich finde, die Christen sollten sich nicht scheuen, auch zu sagen, wo der Grund ihrer Haltung liegt. Sie sollten offen über ihren Glauben reden.

Und die Türen der Kirchen sollten weit geöffnet werden für die Menschen. Bei der Weltausstellung in Wittenberg haben wir beispielsweise ein Panorama von Yadegar Asisi, das schlicht spannend ist für Menschen mit und ohne Glauben. Ich wünsche mir, dass das auch eine missionarische Chance hat 2017.

Was eine Theologin in Deutschland erreichen kann, haben Sie erreicht. Wie haben Sie das geschafft?
Käßmann:
Es hat sich eines aus dem anderen ergeben. Ich hatte zweimal im Leben einen großen Vorteil durch Glück. 1974 hatte ich ein Stipendium in den USA gewonnen. Ich hatte mich fast nebenbei in der Schule beworben und konnte ein Jahr in den USA verbringen. Das war eine enorme Horizonterweiterung. Dort habe ich fließend Englisch gelernt.
Sommerlogo GuHAls ich 1983 als Jugenddelegierte der Landeskirche Kurhessen-Waldeck in Vancouver teilnahm, wurde ich als jüngstes Mitglied in den Zentralausschuss des Ökumenischen Rates der Kirchen gewählt. Da war ich bis 2002 Mitglied. Das sind fast 20 Jahre, in denen ich internationale Erfahrungen sammeln konnte, Sitzungen zu leiten hatte. Das war eine intensive Erfahrung, die für mich später in Leitungssituationen von großem Vorteil war, etwa als Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages, auch dann bei der Wahl zur Landesbischöfin. Ich wäre sicher nicht Bischöfin geworden ohne diese Vancouver-Vorgeschichte.

Und dann: Wenn ich gefragt wurde, hatte ich oft den Mut, »Ja« zu sagen. Das liegt vielleicht auch daran: meine Mutter hatte nie Zweifel, dass eine Frau alles erreichen kann.

Wittenberg ist eine kleine Stadt, in der Reformationsgeschichte geschrieben wurde. Wissen die Wittenberger um den Wert ihrer Stadt?
Käßmann:
Die Wittenberger wissen, was ihre Stadt wert ist. Wittenberg war ein Zentrum von Ideen und Gedanken, auch universitär. Die Stadt sollte nicht unterschätzt werden. Es wird jetzt viel renoviert. Es ist großartig, dass die historischen Stätten so aufgearbeitet werden. Es tut sich einiges.

Was kommt danach, nach dem großen Fest und Jubiläumsjahr?
Käßmann:
Meine Erfahrung mit Kirchentagen ist nun sehr, sehr lang. Menschen, die von Kirchentagen zurück nach Hause kommen, bringen Ideen mit; sie sind ermutigt, haben eine Tankstelle für die Seele erlebt und können dann in ihrer kleinen Gemeinde vielfach wieder Erfahrungen umsetzen.
Sonne-webEs werden viele neue Verbindungen entstehen, die dann auch Kreativität freisetzen. Wir geben das Reformationsjubiläum 2018 weiter in die Schweizer Kirchen. Sie werden ab 2019 ihren Zwingli ins Zentrum setzen. Und viele Orte werden weitermachen. Ich denke eher an Aufbruch, als an Abfeiern.

Und wie wird es für Sie persönlich weitergehen?
Käßmann:
Für das Jahr 2018 habe ich schon jetzt viele Einladungen. Bis Juni 2018 werde ich unterwegs sein. Am
3. Juni 2018 werde ich 60 und werde offiziell in Pension gehen. Von Juni bis Dezember nehme ich keine Einladungen an, um auch den Bruch zu markieren. Aber danach kann ich ja glücklicherweise weiterhin schreiben, Vorträge halten, predigen. Langweilen werde ich mich nicht.

Ich wünsche mir, mehr Zeit für die Enkelkinder zu haben. Drei habe ich schon.

Wie geht es Ihnen mit dem Älterwerden?
Käßmann:
Ich merke schon, dass ich älter werde. Neulich bin ich mit meiner jüngsten Tochter zum Joggen gegangen. Als sie 115 Stufentreppen rasant hochgelaufen ist, musste ich mich anstrengen, dass ich hinterherkomme. Ich merke das Alter auch an den Falten, aber ich fühle mich noch nicht so alt wie ich bin.

Allerdings beschäftige ich mich öfter mit der Frage, wie mein Leben im Alter aussehen soll. Willst du in deiner Wohnung bleiben? Willst du Teil einer Wohngemeinschaft sein? Ich bin sehr dankbar, dass es heute professionelle ambulante Pflege gibt. Niemand muss unbedingt in ein Pflegeheim gehen, sondern kann zu Hause bleiben. Das würde ich auch gerne.

Mein Jahrgang taucht häufiger in den Traueranzeigen auf. Ich hänge am Leben, ich will jetzt noch nicht sterben, aber wenn es so sein sollte, wäre das für mich okay. Ich habe ein volles Leben gelebt.

Ich hatte vor zehn Jahren Brustkrebs. Das hätte auch anders ausgehen können. Ich bin sehr, sehr dankbar, dass ich gesund geblieben bin.

Gibt es einen Lieblingsort, wo Sie Kraft tanken?
Käßmann:
Die Insel Usedom ist ein wunderschöner Flecken Erde. Ich habe dort ein Ferienhaus. Ich möchte dort beerdigt werden. Und hier in Berlin gibt es ein großes kulturelles Angebot, Theater, Museen, Kino. Heute Morgen, das Wetter war so schön, bin ich an den Schlachtensee gefahren, dort bin ich gern. Ich bin um den See gelaufen und dann eine halbe Stunde geschwommen. Das war großartig.

Ich mache gern Sport: Laufen, Schwimmen, Radfahren. Oder ich lege mich aufs Sofa und gucke im Fernsehen ein Fußballspiel oder den »Tatort«. Oder ich setze mich auf meinen kleinen Balkon und lese einen Krimi. Ich gehe auch gern ins Kabarett und ins Kino.

Professor Dr. Dr. h. c. Margot Käßmann wird am Donnerstag, 25. August, in Weimar als Festrednerin anlässlich des Empfangs von Kirche und Diakonie zum Herdergeburtstag erwartet. Ihr Thema: »Reformationsjubiläum 2017 – was gibt es da zu feiern?« Beginn der Veranstaltung, zu der auch die Verleihung des diesjährigen Herderförderpreises gehört, ist 17 Uhr in der Stadtkirche St. Peter und Paul.

Das unaufgeklärte Luthertum klingt nach

12. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Die Judenfeindlichkeit Luthers ist eine schwere Hypothek der Reformation. In Bachs Musik klingt sie bis heute nach, woran das Eisenacher Bachhaus mit seiner neuen Sonderausstellung erinnert.

Eisenach hält Kurs auf das Reformationsjubiläum. Mit »Luther, Bach – und die Juden« wurde Ende Juni im Bachhaus die aktuell dritte Sonderausstellung in der Stadt eröffnet, die Martin Luther in den Mittelpunkt rückt. Wobei der Ton ein auffällig anderer ist als auf der Wartburg (»Martin Luther und die deutsche Sprache«) und im Stadtschloss (»Face to Face – Martin Luther und Martin Luther King«). Kurator Dr. Jörg Hansen, der Direktor des Bachhauses, setzt der allseitigen Würdigung am Vorabend des Jubeljahres noch einmal eine unliebsame Wahrheit entgegen: den Judenfeind, welcher der Kirchenerneuerer eben auch war.

Die Ausstellung im Eisenacher Bachhaus »Luther, Bach – und die Juden«. Foto: André Nestler

Die Ausstellung im Eisenacher Bachhaus »Luther, Bach – und die Juden«. Foto: André Nestler

In mehreren Schriften hat Luther seine antijüdische Position polemisch niedergelegt. Das ist unbestritten, das brachte ihn als Leitfigur und Werbeträger für die Feierlichkeiten 2017 in die Kritik. Nun haben sich die evangelischen Kirchen zwar von diesem Teil des reformatorischen Erbes verabschiedet, aber das unaufgeklärte Luthertum des Barock klingt nach. Und das ausgerechnet in Gottes Häusern. Es klingt nach in den Passionen von Johann Sebastian Bach. Am wohl eindringlichsten ist dabei jene Passage der Matthäus-Passion, als Pilatus im Prozess gegen Jesus keine Schuld feststellen kann. Das Volk aber antwortet: »Sein Blut komme über uns und unsere Kinder«. Verantwortlich für Jesu Tod sind die Juden.

Wie geht man mit so einer bewegend vertonten Botschaft um? Man begeistert sich unbeirrt von ihr für Bachs Musik. So hielt es das jüdische Bürgertum des 19. Jahrhunderts, wie die Eisenacher Ausstellung zeigt. Ausgerechnet die ursprünglich jüdische, zum Christentum konvertierte Familie Mendelssohn ist maßgeblich verantwortlich für die Bach-Renaissance. 1829 bringt der gerade 20-jährige Felix Mendelssohn-Bartholdy in der Berliner Sing-Akademie Bachs Matthäus-

Passion erstmals nach dem Tod des Komponisten wieder zur Aufführung. Über die alte Bach-Gesellschaft und die 1900 gegründete Neue Bachgesellschaft lassen sich die Linien von Berlin über Leipzig bis nach Eisenach führen. Hier wird nicht nur die Errichtung eines Bach-Denkmals, sondern auch des Bachhauses als Museum initiiert. Noch einmal ein Jahrhundert später und mit der Erfahrung des Holocaust tut sich mancher schwerer mit der lutherischen Botschaft in Bachs Musik. Um Kommentierung wird gerungen. So lässt 1989 der damalige Leipziger Superintendent zu einer Bach-Aufführung ein erklärendes Beiblatt verteilen. Einen Schritt weiter ging vor einigen Jahren das internationale Projekt »ha’atelier«, und schlug neue Texte für die Arien der Johannes-Passion vor. Wie das klingt, lässt sich im Bachhaus anhören. Als akustischer Denkanstoß, bevor das große Jubeljahr beginnt.

Susann Winkel

Sonderausstellung »Luther, Bach – und die Juden« bis zum 6. November im Bachhaus Eisenach; geöffnet täglich von 10 bis 18 Uhr.

www.bachhaus.de

Die lutherische Welt blickt 2017 nach Namibia

22. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Namibia: In Windhoek eröffneten die Lutheraner jetzt den Endspurt zur Vollversammlung in einem Jahr

Aus deutscher Perspektive dreht sich in Sachen Reformationsjubiläum alles um Wittenberg. Doch die weltweite Konfessionsgemeinschaft der Lutheraner feiert im Südwesten des afrikanischen Kontinents.

Creation is not for sale«, singt der Gospelchor, der auf einer kleinen Bühne in den Gärten vor dem Parlament in Windhoek, Namibia, Aufstellung genommen hat. »Die Schöpfung ist nicht verkäuflich. Menschen sind nicht verkäuflich. Erlösung ist nicht verkäuflich.« Unter den hohen Bäumen des Parks haben gut 500 Menschen Platz genommen. Prominenz ist darunter, wie der stellvertretende Präsident des Landes, Nickey Yambo. Oder der frühere Bischof und heutige Minister für Armutsbekämpfung, Zephania Kameeta. Er ist es, der wenige Minuten später in einer alten Öllampe ein Feuer entzündet. »Es ist mir eine große Freude und ein Privileg, die Vorbereitungsphase für die 12. Vollversammlung des Lutherischen Weltbunds zu eröffnen«, sagt Kameeta, der zugleich Mitglied im Rat des Lutherischen Weltbundes (LWB) ist.

Globale Erinnerung an die Reformation

Vom 10. bis 17. Mai 2017 wollen Delegierte aus allen 145 Mitgliedskirchen des LWB, die immerhin für 72 Millio­nen Lutheraner stehen, in Namibia zusammenkommen. Ihr Treffen soll im Jahr des Reformationsjubiläums unter dem Motto »Befreit durch Gottes Gnade« stehen. Und die damit verbundenen Unterthemen sind die Liedzeilen des Gospelchors: Die Unverkäuflichkeit von Schöpfung, Menschheit und Erlösung.

Die »heiße Phase« der Vorbereitungen habe begonnen, erklärte der frühere Bischof Zephania Kameeta, Mitglied im Rat des LWB, und entzündete bei den Feierlichkeiten im namibischen Windhoek eine Sturmlaterne.  Foto: DNK/LWB, Florian Hübner

Die »heiße Phase« der Vorbereitungen habe begonnen, erklärte der frühere Bischof Zephania Kameeta, Mitglied im Rat des LWB, und entzündete bei den Feierlichkeiten im namibischen Windhoek eine Sturmlaterne. Foto: DNK/LWB, Florian Hübner

»Namibia wird der Ort für die globale Erinnerung an die Reformation sein«, sagt Kameeta. Dass sich die weltweiten Lutheraner dazu nicht in Wittenberg, sondern ausgerechnet in Afrika treffen, hat mehrere Gründe. Zum einen ist da die heute durchaus kritisch gesehene, jahrelange Unterstützung der namibischen Befreiungsbewegung SWAPO durch den Lutherischen Weltbund. Dessen Stipendienprogramme erleichterten nach der Erlangung der Unabhängigkeit vielen Namibiern den Einstieg in Wirtschaft und Politik. »Wir wollen dem LWB ein Schaufenster in das Land bieten, das sie unterstützt haben«, sagt der Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Namibia (ELKIN), Shekutaamba Nambala.

Das lutherischste Land in ganz Afrika

Zum anderen ist das 2,3 Millionen Einwohner zählende Namibia schlicht das am meisten lutherisch geprägte Land auf dem schwarzen Kontinent – auf dem zudem bisher nur eine einzige Vollversammlung des LWB stattgefunden hat. Rund 1,1 Millionen Einwohner gehören einer der drei lutherischen Kirchen des Landes an: der auf die finnische Mission zurückgehenden Evangelisch-Lutherischen Kirche in Namibia (ELKIN), die rund 700 000 Gemeindeglieder hat; der auf die rheinische Mission zurückgehenden Evangelisch-Lutherischen Kirche in der Republik Namibia (ELKRN), die etwas mehr als 400 000 Gemeindeglieder zählt; und der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche in Namibia (ELKIN-DELK), der rund 5 000 Gemeindeglieder angehören.

Alle drei Kirchen haben eine gemeinsame Kirchenleitung, sehen sich aber als selbstständige lutherische Kirchen an – und wollen an diesem Zustand trotz teils großem Druck aus Deutschland auch nichts ändern. »Wir reden hier nicht über eine gemeinsame Kirche«, sagt der Generalsekretär der ELKRN, Petrus Kaariseb. »Wir arbeiten aber eng zusammen.«
So kooperieren die drei Kirchen etwa bei einem gemeinsamen Programm zur Nothilfe in dem von einer Dürrewelle geplagten Land. Die beiden afrikaanssprachigen Kirchen unterhalten ein gemeinsames theologisches Seminar. In der Innenstadt von Windhoek wurde die »Inner City Congregation« gegründet, eine gemeinsame, englischsprachige Gemeinde, die allen drei Kirchen angehört. Und in der kleinen deutschsprachigen Kirche übernimmt der eigentlich zur ELKIN gehörende, frühere Generalsekretär des Namibischen Kirchenrates, Ngeno Nakamnela, seit einigen Wochen eine Vertretung in einer vakanten Gemeinde.

»Trotzdem nehme ich auch wahr, dass die Kirchen nicht wirklich der Einheit verpflichtet sind«, sagt der Diakoniepfarrer der ELKIN, Gerson Neliva. Und auch der Bischof der ELKIN-DELK, Burgert Brand, spricht davon, dass es zwischen den Kirchen zuweilen Kommunikationsprobleme gebe.

Im Hintergrund steht dabei noch immer die Zeit des Apartheidregimes. Dass der farbige Nakamnela als Vakanzvertreter an einem Pfarrkonvent der ELKIN-DELK teilnimmt, wäre vor 30 Jahren unmöglich gewesen. Und oft wird gerade der deutschsprachigen Kirche vorgeworfen, sich nicht entschieden genug gegen die Apartheid positioniert zu haben. 1984 wurde die ELKIN-DELK deswegen vom Lutherischen Weltbund suspendiert – eine Entscheidung, die der LWB als »Erziehungsmaßnahme« deklarierte.

Schweres Erbe: Kolonialzeit und Apartheidregime

»In Namibia wurde es als Rausschmiss empfunden«, sagt Brand. Auch das Verhältnis zur Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) bezeichnet der Bischof als »ambivalent«. Zwar habe die Partnerschaft mit Deutschland selbst in der Zeit der LWB-Suspendierung gehalten. Doch dass manche EKD-Vertreter von der »weißen Kirche« Namibias sprechen, und die deutschsprachigen Namibier zumindest unterschwellig für alle Gräueltaten der Geschichte Namibias verantwortlich machen, stößt in der Kirche auf Unverständnis und Empörung. Brand spricht gar von einem »eurozentristischen, paternalistischen Blick« der EKD. »Wir sind Namibier, die deutsch sprechen«, sagt Brand.

Tatsächlich setzt sich auch die ELKIN-DELK kritisch mit der Kolonialgeschichte Namibias auseinander: Über einer Gedenktafel in der Windhoeker Christuskirche, in der der Toten der Kolonialkriege gedacht wird, soll nach dem Vorbild einer Kirche aus Wilhelmshaven eine Plexiglasplatte angebracht werden, die darauf aufmerksam machen soll, dass man heute aller Toten aller Kriege gedenkt.

Und natürlich unterstützt auch die ELKIN-DELK zahlreiche Projekte zur Bekämpfung der Armut im Land – etwa das Wohnheim »Hephata« in der größten Armensiedlung Windhoeks, in Kattutura, wo Menschen mit körperlicher und geistiger Behinderung aufopferungsvoll betreut werden. »Wenn wir von ›Liebe deinen Nächsten‹ predigen, ist doch völlig klar, dass damit die Menschen in den Armutsvierteln gemeint sind«, sagt der Pastor der Küstengemeinden rund um Swakopmund, Klaus-Peter Tietz.

Herausforderung bei Finanzen und Logistik

Eine enge Kooperation findet sich auch in der Vorbereitung der Vollversammlung des LWB. Das 15-köpfige Planungsteam besteht aus Mitgliedern aller drei Kirchen. Doch der schlechte Wechselkurs des namibischen Dollars stellt die Verantwortlichen vor immer größere Herausforderungen. »Wir müssen 64 000 Euro für die Vollversammlung selber aufbringen«, sagt Hartmut Diehl, der zum Planungskomitee gehört. Als die Vorbereitungen begannen, stand der Namibia-Dollar im Verhältnis zum Euro noch bei 1:12, mittlerweile ist der an den südafrikanischen Rand gekoppelte Wechselkurs bei 1:17 angekommen.

Für die Namibier wird die Vollversammlung damit immer teurer. Zudem ist eine Vollversammlung des LWB in einer Stadt wie Windhoek, die über kein öffentliches Nahverkehrssystem verfügt, auch eine logistische Herausforderung. Doch die Namibier haben sie angenommen. »Wir wollen der Versammlung den Geist Namibias mitgeben«, sagt Emma Nangolo vom örtlichen Planungskomitee. »Und wir wollen das Lutherische in Namibia sichtbar machen.«

Benjamin Lassiwe

www.lwfassembly.org

Die starke Frau an seiner Seite

14. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Film: Dreharbeiten über »Katharina Luther« im Schloss Reinhardsbrunn

Zum 500. Reformationsjubiläum 2017 will das Fernsehen einen Film über Luthers Frau zeigen. Wir werfen einen Blick hinter die Kulissen im Schloss Reinhardsbrunn, wo derzeit gedreht wird.

Filme über Martin Luther gibt es wie Sand am See Genezareth. Die meisten von uns können sogar Passagen mitsprechen. Man könnte meinen, es reicht. Was jedoch verwundert: Einen Film über die Frau an seiner Seite, Katharina von Bora, gibt es bisher nicht. Hin und wieder taucht sie als Nebencharakter auf, ist jedoch von der Handlungsmitte weit entfernt. Doch ihre Leistungen sind ebenso groß wie wichtig. Eine starke, selbstbewusste und emanzipierte Frau des späten Mittelalters, die auf alle theologischen Fragen Luthers eine Antwort hatte. Eine Frau, beispielhaft für unsere heutigen Debatten zur Gleichstellung. In genau dieser Aktualität bewegt sich der neue Film, der aktuell in Reinhardsbrunn gedreht wird. Er will ein anderes Licht auf den Reformator und seine Frau werfen, die Distanz von 500 Jahren verringern. Er stellt bewusst Katharina von Bora in den Mittelpunkt. Es geht um ihr Denken und Fühlen, um ihre Sicht auf Martin Luther. Eine Ehegeschichte mit allen Höhen und Tiefen. Katharina war Mitte 20, als sie den 40 Jahre alten Luther kennen und lieben lernte. In dieses Szenario soll der Zuschauer geführt werden. 1524 im »Schwarzen Kloster« zu Wittenberg. Katharina ist auf Augenhöhe mit ihrem Mann, wichtigste Beraterin in allen politisch-theologischen Fragen. So schrieb Luther mit seiner Frau über sein weiteres theologisches Vorgehen, während er seinen Freund Melanchthon kontaktierte, er solle ihm ein neues Paar Socken für seine Reise zusenden. Eines sei ihm kaputtgegangen.

Devid Striesow und Karoline Schuch als Martin und Katharina Luther im Arbeitszimmer des Reformators. Foto: Felix Kalbe

Devid Striesow und Karoline Schuch als Martin und Katharina Luther im Arbeitszimmer des Reformators. Foto: Felix Kalbe

Zwar existieren noch originale Kulissen, vor allem in Wittenberg, aber mittelalterlich sind sie schon lange nicht mehr. Deshalb wurde nach einem passenden Drehort gesucht. Nach langer Suche bekam der Produzent Mario Krebs den Hinweis vom Waltershäuser Pfarrer Christfried Boelter, sich Schloss Reinhardsbrunn anzuschauen. Nachdem zu DDR Zeiten dort ein Interhotel zu finden war, steht das Schloss seit vielen Jahren leer und verkommt. An vielen Stellen wurde der Stuck abgeschlagen, Dielen entfernt. Wertvoller Goldschmuck fehlt. Ein nicht tragbarer Zustand, den das Land jetzt zu ändern versucht. Seit Februar wird im Schloss gebaut. Viele Stunden hat die Baubühne um Daniel Lange, Pierre Winkler und Sebastian Braband benötigt, um Stück für Stück die Vergangenheit in die Gegenwart zu projizieren. Und plötzlich fühlt man sich zurückversetzt in das alte Wittenberg. Man wandelt durch die Kulisse, nicht ahnend, dass alles nur aus Holz und Styropor ist. In der Küche brennt Feuer im Ofen, die Bibel, natürlich noch in Latein, liegt aufgeschlagen auf dem Pult, der Tisch im Refektorium ist für das nächste Mahl gedeckt.

Dr. Martin Treu, Geschäftsführer der Luthergesellschaft, ist als Fachberater für die Details, die den Film authentisch machen, zuständig. Spezielle Schaf- und Hühnerarten wurden eingeflogen, die Bepflanzung historisch korrekt angepasst und die krummste Karotte hat ihren Platz in der Küche gefunden.

Katharina von Bora wird von Karoline Schuch gespielt, Martin Luther von Devid Striesow. Regie führt Julia von Heinz. Karoline Schuch, gebürtige Jenenserin, betont die Vorbildrolle Ka­tharinas für viele Frauen bis heute. Striesow bemerkt ergänzend, dass man als Schauspieler keinen Respekt vor der Person Luthers haben darf, um authentisch und ehrlich zu spielen.
Das Ehepaar Luther – hautnah und privat. Das ist der Anspruch des Films. Bis zum 19. Juli soll der 105 Minuten lange Film abgedreht sein. Weitere Dreh­orte sind unter anderem Mühlhausen und Arnstadt.

Der Film ist ein Projekt der Fernseh- und Filmproduktionsgesellschaft Eikon, deren größter Gesellschafter die Evangelische Kirche in Deutschland ist. Zu sehen ist der Fernsehfilm im Frühjahr 2017 im Ersten. Wir dürfen gespannt sein.

Julia Braband

Der sprachgewaltige Reformator

3. Mai 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung:  Auf der Wartburg geht es vor dem Reformationsjubiläum um Martin Luther und die deutsche Sprache

Er war übler Grobian und einfühlsamer Poet in einer Person. Die deutsche Sprache war für Martin Luther stets Werkzeug und Waffe zugleich.

Vorsicht. Es geht nicht um »Luther und die Deutschen«. So lautet der ähnlich klingende Titel der Nationalen Sonderausstellung, zu sehen ab dem 4. Mai 2017 auf der Wartburg. Im Jahr vor dem großen Reformationsjubiläum geht es um »Luther und die deutsche Sprache«. Kuratorin Jutta Krauß benötigt für die Schau nicht die gesamte Burg, sondern nur einen Raum. Dabei bearbeitet sie ein weites Feld, ein immens weites sogar. Denn Luther hat mehr zu Papier gebracht als jene glückliche Übersetzung, für die der geächtete Reformator vom 4. Mai 1521 an auf der Wartburg einen sicheren Ort fand.

Er hat so viel Schrift hinterlassen – 127 Bände mit 80 000 Seiten umfasst die in Weimar erstellte Gesamtausgabe –, dass ihn Jutta Krauß gar nicht ganzlassen konnte. »Zerhackt« habe sie ihn, sagt sie, um die verschiedenen Facetten seiner Autorenschaft zu veranschaulichen. Der schreibende Luther wird dem Besucher als gelehrter Mönch, als übersetzender Theologe, als Lehrer, unermüdlicher Publizist, zorniger Streiter, Dichter und Privatmann vorgestellt. Die jeweiligen Zeugnisse dafür stammen aus der Lutherbibliothek der Wartburg. »Luther war ein gewaltiger Redner und ein gewaltiger Dolmetscher«, sagt Jutta Krauß. Der Schöpfer der deutschen Sprache, wie oft behauptet, sei er allerdings nicht gewesen.

Luther übersetzt die Bibel, Gemälde von Paul Thumann, 1872. Foto: Wartburg-Stiftung

Luther übersetzt die Bibel, Gemälde von Paul Thumann, 1872. Foto: Wartburg-Stiftung

Es hat ein paar Jahrhunderte gedauert, bis ausgehend vom Mittelhochdeutschen des Mittelalters über das Frühneuhochdeutsche die Sprachstufe des Neuhochdeutschen, also des heute gebräuchlichen Deutsch, erreicht war. Etwa in die Mitte dieses dreihundertjährigen Prozesses fällt Luthers Bibelübersetzung, das bekannteste Schriftwerk des Frühneuhochdeutschen. Ein »entscheidendes Etappenziel«, wie es Burghauptmann Günter Schuchardt treffend in der Begleitschrift zur Ausstellung formuliert. Und zugleich ein »reformatorisches Sprachereignis«, wie Kuratorin Jutta Krauß erklärt. Die Bibel wurde – in Luthers Deutsch übertragen – zu einem Volksbuch. Mit dem wiederum die wenigen der Schrift Mächtigen das Lesen lernten. Der Gleichklang von Bibel und Fibel ist kein Zufall.

Luthers Deutsch war dabei keineswegs ein Sonderfall, das kann die moderne Germanistik mittlerweile belegen. Es fügt sich vielmehr ein in den Sprach- und Schreibstil des Wittenberger Gelehrtenkreises und der Druckersprache jener Zeit. Was Luther darüber hinaus aber auszeichnet, das sind sein Sprachtalent und seine lebenslange Sprachneugier. Um seine Lehren zu verbreiten, musste er sich für das Volk verständlich ausdrücken. Also schaut er ihm aufs Maul. Auf seinen Reisen hörte er genau hin, erzählt Jutta Krauß. Er sammelte gebräuchliche Redewendungen und fragte auch nach, ließ sich etwa von einem Tischler die Fachbegriffe seiner Arbeit erklären.

So wuchs Luthers Wortschatz, den er zudem um einprägsame lautmalerische Neuschöpfungen erweiterte. Letztere werden in der Ausstellung in einer sich wiederholenden Abfolge an die Wand geworfen: Lückenbüßer, Lästermaul, Fallstrick, Sündenbock, Bluthund, Gottesacker, Freigeist … Die Projektion ist ein Präsentationsmittel, um das abstrakte Thema Sprache anschaulich zu machen. Daneben gibt es eine Medienstation, die gebräuchliche Wendungen der jeweiligen Herkunftsregion zuordnet. Ob sie richtig liegt, können die Besucher eingehend testen.

Den Glauben wecken, stärken, lebendig machen: Dafür eignet sich Sprache in vielfältiger Form. Als Text eines Kirchenliedes, von denen allein 37 auf Luther zurückgehen, darunter sein Bekenntnislied »Ein’ feste Burg ist unser Gott«. Aber auch als moralische Fabeldichtung. Luther übersetzte Fabeln des griechischen Dichters Äsop aus dem 6. Jahrhundert vor Christus ins Frühneuhochdeutsche. Stets mit einer Lehre am Ende. So heißt es in »Vom Wolf und Lämmlein«: »Wenn es nach dem Willen des Wolfes geht, so ist das Lamm im Unrecht.« Illustrationen zu den Fabeln sowie ein Animationsfilm aus den 1930er-Jahren zur Fabel »Vom Raben und Fuchs« richten sich vor allem an das jüngste Publikum.

Luther konnte aber auch noch ganz anders. Grob sein nämlich, zornig, cholerisch, was mit zunehmendem Alter mehr Raum einnimmt in seinen Schriften. Garstige Tiraden gegen seine Widersacher finden sich etwa auf den Flugschriften und -blättern der Reformationszeit. Beispielhaft dafür ist die Schmähschrift »Wider Hans Worst« auf Herzog Heinrich von Braunschweig-Wolfenbüttel.

Die deutsche Sprache – sie war Luther stets Werkzeug und Waffe zugleich.

Susann Winkel

Sonderausstellung »Luther und die deutsche Sprache« vom 4. Mai bis 8. Januar 2017 auf der Wartburg bei Eisenach. Vertieft wird das Thema in der 136-seitigen Begleitschrift, die im Verlag Schnell & Steiner erschienen ist. Mit der Ausstellung wird auch die neue Schaubibliothek in der Vogtei eröffnet, in der Schätze reformatorischen Schrifttums verwahrt werden.

Der Küster und sein Chef

2. Mai 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Reportage: Kirchenwächter mit Leib und Seele – Roberto Bergmann: »Ohne Leidenschaft für die Kirche, die Menschen und den Glauben geht es nicht«

An seinem ersten Arbeitstag übergab ihm der Superintendent eine Handvoll Schlüssel mit der Bemerkung: »Die passen alle – irgendwo.« So habe er sich damals seine neue Arbeitsstelle im wahrsten Sinne des Wortes »erschlossen«, erinnert sich Küster Roberto Bergmann.

Das ist jetzt 27 Jahre her. Eigentlich hat er mal Bäcker gelernt, aber die Nachtarbeit war nicht sein Ding. Da fehlten ihm einfach die sozialen Kontakte. Als seine Frau angefangen hatte, in Weimar zu studieren, ist er mitgegangen und fand in Apolda in der Kirchensteuerstelle als Sachbearbeiter Arbeit. Als die Stelle des Küsters zu besetzen war, fragte ihn der Superintendent: »Herr Bergmann, wär das nicht was für Sie?« Und ob.

Ein Jugendtraum schien in Erfüllung zu gehen. Schon in Waltersdorf, seinem Heimatort in der Sächsischen Schweiz, hatte er als Kind das Küster-Ehepaar bewundert. Sie war für die Kirche zuständig, der Mann hatte den Friedhof unter sich. »Vor dem hatte ich Spindus!« Was wohl soviel wie Respekt bedeuten soll. Wenn er den Schulweg abkürzen wollte, ist er öfter über den Friedhof gegangen. Aber wehe, wenn ihn der Küster dabei erwischt hat. Dann musste er die Füße in die Hand nehmen.

Manchmal hängt Roberto Bergmann auch in den Seilen. Die Zwiesprache mit seinem »Chef« hilft, den Blick wieder himmelwärts zu lenken. Foto: privat

Manchmal hängt Roberto Bergmann auch in den Seilen. Die Zwiesprache mit seinem »Chef« hilft, den Blick wieder himmelwärts zu lenken. Foto: privat

Die Schlüsselgewalt über die Kirche zu haben, das hatte ihn damals schon fasziniert. Und so musste man ihn in Apolda auch nicht zweimal bitten, Custos – also Wächter – für die große Lutherkirche und die Martinskirche zu sein. Mit etwas Wehmut denkt er an die ersten Jahre zurück. Damals stand der Küster noch auf der Gehaltsliste der Landeskirche Thüringens. Das sei heute leider nicht mehr so. Bergmann und seine Küsterkolleginnen und -kollegen in Mitteldeutschland haben den Eindruck, ein lästiges Anhängsel zu sein.

Mit der Bildung der EKM sind Küsterstellen weggefallen. Heute gibt es vielleicht noch etwa 40 Vollzeitstellen in der gesamten Landeskirche. Bergmann ist Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der Küster und er hat das Gefühl, dass sein Berufsstand kein ernstzunehmender Verhandlungspartner für die Kirche ist. Das Selbstbewusstsein seiner Zunft sei deshalb auch nicht sehr ausgeprägt. Küster ist im Osten kein anerkannter Lehrberuf, nur eine Tätigkeit. Das sei im Westen anders.

Olaf Wrosch, Küster an der Schlosskirche in Wittenberg, kam vor vier Jahren aus Westfalen in die Lutherstadt. Er ist stolz auf seine Ausbildung zum Küster. Er stellt aber auch fest, dass der Stellenwert des Amtes und die Wertschätzung in seiner früheren Kirchengemeinde in Soest größer waren als hier. An Dankesworten fehle es meistens nicht – auch nicht an Beteuerungen, wie wichtig die Aufgabe sei, so Bergmann. So schrieb der frühere Ratsvorsitzende der EKD, Präses Nikolaus Schneider, dem Deutschen Evangelischen Küsterbund (DEK) ins Stammbuch: »Die biblischen Vorbilder Ihres Berufs machen deutlich, dass der Küsterdienst immer ein Bestandteil der Verkündigung und damit ein im weitesten Sinne geistlicher Beruf war.« Die Realität sehen die Küster anders. Sie befürchten, dass ihr Dienst immer mehr ins Ehrenamt abgeschoben wird.

Vor vier Jahren sollte Roberto Bergmanns Stelle einer Reform zum Opfer fallen. Wenigstens eine Reduzierung sollte es werden. Aber der Küster wehrt sich. Die Arbeit sei in der vollen Stelle schon kaum zu bewältigen. Drei Kirchen hat er zu betreuen, daneben noch kirchliche Gebäude instand zu halten. 85 Prozent Betriebshandwerker, 15 Prozent Küsterdienst. Die Diakonie hat ihn schließlich übernommen. Das war eine schlimme Zeit der Unsicherheit. Früher hat man ihm mal gesagt: »Fang bei der Kirche an und du verlierst den Glauben.« Soweit ist es dann aber doch nicht gekommen. Trotz der Enttäuschung mit Gottes Bodenpersonal, zu dem er sich ja auch zählt, hat er die Freude an seiner Aufgabe nicht verloren. Wenn Menschen göttliche Ordnung fabrizieren wollen, blieben Zerwürfnisse und Verletzung nicht aus, stellt er fest. Sein Glaube habe sich in den Jahren im Kirchendienst verändert. Die Beziehung zu Gott, den er Chef nennt, ist direkter geworden. »Aus einem Bekannten wurde ein guter Freund«, stellt er fest. Wenn es ihm ganz schlecht gehe, dann schließt er sich in der Kirche ein. Wie Don Camillo hält er Zwiesprache mit seinem Gott. »So, Chef, jetzt hast du mal nur für mich Zeit!«

Das Küsteramt ist für ihn kein Beruf wie jeder andere. Da ginge es wohl allen seinen Mitstreitern gleich, meint er. Diesen Dienst könne man nicht machen ohne Leidenschaft für die Kirche, die Menschen und den Glauben. Er kenne eigentlich nur eine ehrenamtliche Küsterin, die – obwohl sie nicht konfessionell gebunden war – sich für dieses Amt interessierte. Mittlerweile habe sie sich taufen lassen, um ganz dazuzugehören. »Küster, die nur ihren Job machen, gibt es nicht. Die innere Berufung ist zu spüren.« Bergmann sieht sich nicht nur als Assistent des Pfarrers, sondern hat in seinen Vor- und Nachbereitungen der Gottesdienste immer die Gemeinde vor Augen. »Der Kantor ist für die Musik zuständig, der Pfarrer für die Predigt und die Liturgie und ich sorge für den einladenden Rahmen.« Besonderen Wert legt er dabei auf den Blumenschmuck am Altar. Im Frühling und Sommer komme es nicht selten vor, dass er auf dem Weg zum Gottesdienst anhält und aus dem, was die Natur bietet, ein farbenfrohes Potpourri zusammenstellt. Überhaupt hat er Freude am kreativen Gestalten. Oft kommen ihm im Gottesdienst Ideen für Meditationen und Andachten in der Passionszeit oder am Buß- und Bettag.

Eine Handvoll Schlüssel: Schlüsselgewalt über die Kirche zu haben, fasziniert den Apoldaer Küster auch noch nach 27 Jahren. Foto: Willi Wild

Eine Handvoll Schlüssel: Schlüsselgewalt über die Kirche zu haben, fasziniert den Apoldaer Küster auch noch nach 27 Jahren. Foto: Willi Wild

Bergmann fotografiert und experimentiert gern mit Licht. Bild, Text, Musik und Licht verbindet er dann zu einer Einheit. Auch die Glocken bezieht er da mit ein. »Die Glocken sind das Instrument des Küsters. Das ist unsere Musik«, sagt er und lacht dabei. Als Küster ist er der Erste und der Letzte in der Kirche. Es gebe deshalb wohl keine Küsterin, keinen Küster, die nicht von »meiner Kirche« spräche. Abgestumpft sei er trotz der vielen Predigten, die er höre, nicht. Er suche in jedem Gottesdienst ein Wort, einen Impuls, über den er nachdenken könne. »Nach all den Jahren weiß ich aber genau, an welcher Stelle in einer Predigt das Amen kommt.« Manchmal muss er vermitteln, sagt Bergmann, wenn die Predigt nicht bei allen Besuchern auf Zustimmung gestoßen ist. Da gehe es mitunter um seelsorgerliche Anliegen. Bergmann hat auch dafür ein offenes Ohr. Das bestätigen die Gottesdienstbesucher. »Der Roberto, das ist der gute Geist unserer Kirche«, schwärmt Apoldas Stadtführer Thomas Burkhardt.

Der Küster hat im Moment eine Großbaustelle zu betreuen. Die Lutherkirche wird aufwendig saniert. Bis zur Landesgartenschau und dem Reformationsjubiläum 2017 sind noch nicht alle Arbeiten abgeschlossen, aber er ist froh, dass der Altarraum in diesem Monat fertiggestellt werden soll. Dass die Kirche von der Denkmalbehörde als Bauwerk von nationaler Bedeutung eingestuft worden ist, macht ihn stolz. Seine innige Verbindung beschreibt er mit dem Psalmwort, dass über dem Gottesdienst zu seiner Amtseinführung vor 27 Jahren stand und ihn bis heute begleitet: »Herr, ich habe lieb die Stätte deines Hauses und den Ort, da deine Ehre wohnt.« (Psalm 26,8). Zu seinem Glück fehle ihm eigentlich nur noch der Schlüssel der katholischen Kirche, sagt Bergmann augenzwinkernd. »Dann wäre ich der erste ökumenische Küster.«

Willi Wild

Kirche ist kein Vereinsheim

15. Februar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Die EKM will zum Reformationsjubiläum eine gute Gastgeberin sein

In Psalm 61 heißt es: »Lass mich wohnen in deinem Zelte ewiglich und Zuflucht haben unter deinen Fittichen.« Zuflucht, Geborgenheit, Hilfe, Ruhe und Schutz – all das will und all das kann ein Gotteshaus bieten.

»Unsere Kirchengebäude laden jeden Menschen ein, zur Besinnung zu kommen, sich in eine Bank zu setzen, ein Gespräch mit Gott zu führen oder einfach den eigenen Gedanken nachzuhängen – falls die Kirche geöffnet ist«, erklärte Landesbischöfin Ilse Junkermann während der Herbstsynode in Erfurt.

Verlässlich geöffnete Kirchen – bald eine Selbstverständlichkeit in den Gotteshäusern der EKM? Foto: epd-bild/Rainer Oettel

Verlässlich geöffnete Kirchen – bald eine Selbstverständlichkeit in den Gotteshäusern der EKM? Foto: epd-bild/Rainer Oettel

Dieser Umstand sei Anlass für einen Bewusstseinswechsel in der Landeskirche. »Die EKM will auf das Reforma­tionsjubiläum hin eine gute Gastgeberin sein. Dazu gehören auch verlässlich geöffnete Kirchen«, ließ die Landes­bischöfin die Synodalen wissen.

Täglich geöffnete Kirchen gibt es in vielen Regionen, wie dem Eichsfeld, in Mecklenburg oder auch in Südtirol. Auf dem Gebiet der Landeskirche aber sind nur wenige der gut 4 000 Kirchen stetig geöffnet. Das hängt mit gemeindlichen Strukturen, Personalabbau, aber auch baulichen und versicherungstechnischen Vorgaben zusammen. Denn so einleuchtend der Vorschlag der Kirchenleitung auch ist: Seelsorger und Gemeindekirchenräte vor Ort sehen bei der praktischen Umsetzung durchaus Probleme und großen Gesprächsbedarf.

Viele meinen, mit dem Aufsperren der Kirchentüre sei es nicht getan. Superintendentin Angelika Greim-Harland aus Arnstadt erklärt dies so: »Es geht zuallererst um eine grundsätzliche Öffnung der Gemeinden, deren Haus und auch Symbol die Kirche ist.« Sie gibt zu bedenken, dass »an den Stellen, wo Gemeinde vor Ort nicht mehr erlebbar ist, weil sie ausgedünnt ist, weil sie die Funktionen einer Kirchengemeinde nicht mehr vollständig wahrnehmen kann, dass es dort mitunter nicht leicht ist, ein Bewusstsein für das Vorhaben der Landeskirche zu finden«. Darum plädiert Greim-Harland dafür, das Vorhaben »Offene Kirchen« an den Prozess »Gemeinde-neu-denken« zu koppeln. »Viele kleine Gemeinden sind durch große Probleme, wie etwa die Baulast, beladen. Dies ist oft erdrückend und ein Vorhaben wie das der Landeskirche verunsichert viele, und sie fragen: Was bedeutet das für uns?« Greim-Harland hat festgestellt, dass sich im Gespräch die Widerstände und Vorurteile aber gut und schnell beilegen lassen. »Wir werden das Thema im Konvent, in den Gemeindekirchenräten und beim Kirchenältestentag besprechen«, so die Superintendentin. Für sie ist ganz klar, dass es die Öffnung der Gemeinden braucht, damit Kirche wieder öffentlicher und spiritueller Raum für alle Menschen wird.

Eben für dieses Ender­gebnis möchte die Landes­kirche die Weichen stellen und wirbt darum, dass ab spätestens Frühjahr 2016 jedes Kirchengebäude tagsüber geöffnet ist. Junkermann betonte immer wieder, es sei fatal, wenn die Kirche zu einer Art Club nur für Mitglieder verkäme, mit dem Kirchgebäude als »Vereinsheim«. Kirche für andere sein, das ist Programm.

Dass ihr Vorstoß auch Risiken birgt, dessen ist sich die Landesbischöfin bewusst. Vandalismus und Diebstahl sind ein nicht wegzudiskutierendes Risiko. Und dennoch: Auch Jesus Christus sei ein großes Risiko eingegangen. Dieses habe ihn bis ans Kreuz gebracht. »Dort hat er sehr viel Vandalismus auf sich genommen, um uns mit seiner Versöhnung zu erreichen.« Ein Argument, dem kaum etwas entgegenzusetzen ist.

Diana Steinbauer

Baustelle Reformation

20. Januar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Luther 2017: Das kleine Wittenberg ist der zentrale Ort für das nationale Kulturereignis des Jahrzehnts – noch bestimmen Bagger und Kräne die Szenerie


Mit dem Thesenanschlag Martin Luthers beginnt vor 500 Jahren die Reformation. Das Erbe Luthers und der Reformation zu bewahren und zu vermitteln ist Aufgabe der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt. Mit Vorstand Stefan Rhein sprach Willi Wild.

Luther und das Reformationsjahr sind von vielen Zeitungen im Verlauf der Reformationsdekade heruntergeschrieben worden. Haben Sie noch Lust auf 2017 oder sollte das Großereignis abgesagt werden?
Rhein: (lacht) Nein, im Gegenteil, die Betriebstemperatur steigt. Staat und Kirche haben sich geeinigt, dass Wittenberg der zentrale Ort für 2017 ist: Weltausstellung, Kirchentag, große nationale Ausstellung. Wir haben wirklich Lust darauf. Es ist das nationale Kulturereignis dieses Jahrzehnts. Wir haben uns aus den Olympiaden verabschiedet. Wir machen, wenn überhaupt, nur noch Fußball und dann eben Reformationsjubiläum. Die Lutherstädte sind alle kleine Orte und deswegen ist der große Rummel schon eine enorme He­rausforderung. Ich bin erstaunt, was in der Lutherdekade bislang schon geschafft und geschaffen worden ist. Wittenberg ist heute eine andere Stadt als 2008: Augusteum fast fertig, Stadtkirche nahezu fertig, Stadtmuseum fertig. Das macht Freude, aber ich verhehle nicht: Manchmal muss auch ich tief durchatmen angesichts der großen Aufgabe.

Ein fröhlicher Katholik in Wittenberg, wie einst Martin Luther: Direktor Stefan Rhein, Vorstand der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt – Foto: Willi Wild

Ein fröhlicher Katholik in Wittenberg, wie einst Martin Luther: Direktor Stefan Rhein, Vorstand der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt – Foto: Willi Wild

Was wird denn eigentlich begangen? Worum geht es: um Luther, die Reformation, den Protestantismus oder den Jahrestag des Thesenanschlags?
Rhein: Das wurde von Anfang an kontro­vers diskutiert, bis man sich dann auf »Luther 2017 – 500 Jahre Reformation« geeinigt hat. Marketing und Touristiker sagen: Bitte nur Luther! Kirchenpolitisch und seitens der Forschung hieß es: Bloß nicht Luther, nur Reformation. Der ökumenische Anspruch ist natürlich ein biblischer. Damit feiern wir dann nicht 500 Jahre Reformation, sondern 2000 Jahre Christentum. Christentum, das durch die Etappe Reformation gegangen ist. Also, Sie merken, es ist schwierig, den präzisen Festanlass zu definieren.

Sie sprachen gerade den Luthertourismus an. Die Erwartungen waren von Anfang an sehr hoch, was die internationale Resonanz anbelangt. Halten Sie die Prognosen für realistisch?
Rhein: Es gibt schon erstaunlich hohe Buchungszahlen an vielen Orten in Mitteldeutschland, die mit der Reformation verknüpft sind. Das kleine Hotel gegenüber der Schlosskirche ist bereits seit langem schon für 2017 ausgebucht. Die Erwartungen erfüllen sich bereits für die Reformationsorte, weil viel investiert worden ist. Das wäre alles ohne das Reformationsjubiläum nicht passiert. Die reformatorische Infrastruktur ist komplett neu. Allein dafür war die Dekade wichtig.

Kommt das Reformationsgedenken überhaupt bei den Menschen in den Stammländern der Reformation an?
Rhein: Ich finde, da ist Erstaunliches passiert. Die Denkwege zu Luther von den Evangelischen Akademien in Thüringen und Sachsen-Anhalt haben viel bewirkt. Ich denke an Geschichtswettbewerbe oder das Dekaden-Thema Musik. Wie viel Schulbands haben sich mit eigenen Kompositionen oder Fassungen zu Luther-Chorälen beworben? Reformation als Bildungsbewegung in die Luther-Dekade einzupflanzen, kulturelles Wissen weiterzugeben, das ist mir ganz wichtig. Da wurden Materialien angeboten, Spiele entwickelt. Sie finden heute im Netz eine Fülle an Internet-Seiten. Für mich stand von Anfang an die Frage im Vordergrund, wie kann ich die Zivilgesellschaft für dieses Jubiläum begeistern? Als ich nach Wittenberg kam, gab es hauptsächlich Stadtbilderklärer. Heute haben wir leidenschaftliche Reformationsbotschafter auch in Eisleben oder in Mansfeld. Ich glaube, dieses Reformationsjubiläum ist eine Graswurzelbewegung geworden. Nicht immer spektakulär. Doch andererseits haben wir wöchentlich einen Pressespiegel mit bis zu 300 Zeitungsartikeln über Reformation, allein in Deutschland.

Worin unterscheidet sich dieses Reformationsjubiläum von vorangegangenen?
Rhein: Es wird viel mehr als früher ein Kulturereignis werden. Das zeichnet sich schon jetzt ab. Und, nicht nur Luther rückt in den Fokus. Diesmal soll ein Blick auf die Reformationsbewegung gerichtet werden. Als wir 2008 begonnen haben, formulierten wir es so: Es soll international sein, es soll ökumenisch sein und es soll nicht nur retrospektiv, sondern prospektiv sein. Wir wollten aber auch den Versuch unternehmen, Luther von den Wurzeln zu begreifen. Wir stellen ihn heute vielfach als den Held des Fortschritts dar und Teil unserer Geschichte. Aber es ist wichtig, ihn auch, wie das der Jenaer Theologieprofessor Volker Leppin tut, aus der spätmittelalterlichen Frömmigkeit heraus zu verstehen.

2017 geht es um 500 Jahre Thesenanschlag. Seit Jahren wird die Frage diskutiert: Hat er nun oder hat er nicht.
Rhein: Ich bin sogar sicher, dass es den Thesenanschlag gegeben hat. Das Zitat von Georg Rörer, Privatsekretär zu Lebzeiten Luthers, ist für mich ein starkes Argument. Er schreibt, dass die 95 Thesen an die Türen der Wittenberger Kirchen angeheftet worden sind. Letztlich kommt es natürlich auf den Inhalt der Thesen an. Der Glaube an den Thesenanschlag ist im Übrigen keine Einstellungsvoraussetzung bei uns (lacht). Ein Argument dafür ist die Tatsache, dass er erst sehr viel später inszeniert und monumentalisiert wurde. Ich will jedenfalls dafür werben, 2017 an den Thesenanschlag zu glauben. Egal, ob das Thesenpapier mit einem Nagel oder mit Wachs an der Schlosskirche angebracht worden ist.

Das offizielle Reformationsjahr beginnt in knapp 10 Monaten. Wie weit sind die inhaltlichen und realen Baustellen fortgeschritten?
Rhein: Da hat jeder sein Päckchen zu tragen. Wir als Stiftung Luthergedenkstätten müssen erst mal das Augusteum fertig bauen, den Ort für die nationale Sonderausstellung. Wir werden in diesem Jahr in den USA präsent sein. Mit »Here I stand!« wollen wir in New York, Minneapolis und Atlanta für Luthers Land in Mitteldeutschland werben. Zum ersten Mal werden dabei wertvolle Exponate der Reformationszeit ins Ausland gehen.

Die Vorbereitungen hier müssen natürlich auch weiter gehen. Wir wollen zum einen den jungen Luther darstellen, wie er existenziell um die reformatorische Botschaft gerungen hat. Und wir machen ja noch einen zweiten Teil, in dem wir 95 Menschen vorstellen, die auch in ihrer eigenen Existenz davon angesprochen worden sind. Wir zeigen Menschen, die sich vom 16. bis ins 21. Jahrhundert von Luther inspirieren ließen. Thomas Mann oder Wilhelm der II. und andere. Damit sind wir im Moment befasst.

Darüber hinaus müssen in Wittenberg ganz praktische Fragen geklärt werden: Parkplätze, Ausschilderungen, wie können Mitarbeiter von Gastronomie und Hotellerie geschult werden? Diese kleine Stadt bereitet sich immerhin auf die Welt­ausstellung der Reformation vor. Ich habe gestern einen Anruf aus Südkorea bekommen. Der Bischof will mit allen Pastoren nach Wittenberg kommen. 20 Prozent der Südkoreaner gehören einer protestantischen Kirche an.

Es ist auf jeden Fall ein kirchliches Ereignis. Aber es wird auch ein stark kulturelles Ereignis werden. Darauf kann man sich, glaube ich, auch freuen.

Besucher im Überblick
Insgesamt konnte die Stiftung 154417 Gäste in ihren fünf Museen begrüßen, eine Steigerung zum Vorjahr:
Luthers Geburtshaus, Eisleben 24505; Luthers Sterbehaus, Eisleben 18021; Luthers Elternhaus, Mansfeld 6545; Lutherhaus, Wittenberg 85670; Melanchthonhaus, Wittenberg 19676.
Die Landesausstellung »Cranach der Jüngere 2015« lockte über 150000 Besucher nach Wittenberg, Dessau und Wörlitz.

www.martinluther.de

»Wir müssen aufeinander achtgeben«

15. Juli 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Die Kirchentrennung seit fast 500 Jahren tut vielen Christen weh – doch es gibt auch Wege aufeinander zu

Entzweit das bevorstehende Reformationsjubiläum evangelische und katholische Christen oder kann es eine Wiederannäherung befördern? Dortohee Wanzek (»Tag des Herrn«) und Harald Krille (»Glaube + Heimat«) sprachen darüber mit Landesbischöfin Ilse Junkermann und Bischof Heiner Koch.

Wie empfinden Sie jeweils die Haltung der anderen Kirche im Blick auf 2017?
Junkermann:
Hoffentlich können wir im Reformationsjubiläum und -gedenken deutlich machen, was uns die letzten 500 Jahre auseinandergetrieben hat und wie wir uns, vor allem in der Kirchengeschichte des 20. Jahrhunderts, neu nahegekommen sind. Ich habe mich sehr gefreut, als Bischof Dr. Feige vor anderthalb Jahren sagte: »Im Zweiten Vatikanum haben wir die Reformation mit vollzogen.« Und wenn ich nach Magdeburg zum Pastoralen Zukunftsgespräch eingeladen bin und dort als erstes sehe, ein wie wichtiges Anliegen es ist, das Priestertum aller Gläubigen zu leben, dann berührt mich das sehr.

Gespräch in Dresden: Die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Ilse Junkermann (2. v.   l.), und der Bischof des Bistums Dresden-Meißen, Heiner Koch (3. v. l.), stellten sich den Fragen der Journalisten Dorothee Wanzek (l.) und Harald Krille (r.). Foto: Matthias Holluba

Gespräch in Dresden: Die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Ilse Junkermann (2. v.   l.), und der Bischof des Bistums Dresden-Meißen, Heiner Koch (3. v. l.), stellten sich den Fragen der Journalisten Dorothee Wanzek (l.) und Harald Krille (r.). Foto: Matthias Holluba

Wenn ich sehe, was im Bistum Hildesheim gelebt und gedacht wird darüber, wie Gemeinde in extremer Diasporasituation das Priestertum aller leben kann, denke ich, dass uns römisch-katholische Gemeinden längst überholt haben, indem sie sich gelöst haben von der Vorstellung, dass das Amt in jeder Beziehung eine Rolle spielen muss.

Koch: Ich habe einen eigenen Zugang zum Reformationsjubiläum erhalten, als ich gefragt wurde, ob der Katholikentag 2016 in Leipzig stattfinden könne. Mir war dieser Zeitpunkt so kurz nach meinem Amtsantritt eigentlich zu früh. Ich konnte aber verstehen, dass viel dafür sprach, mit dem 100. Deutschen Katholikentag gerade nach Leipzig zu gehen. Nachdem ich mit Verantwortlichen im Bistum gesprochen hatte, war es für mich selbstverständlich, den Dresdner Landesbischof und die Leipziger Superintendenten zu fragen, wie sie einen Katholikentag in Leipzig ein Jahr vor dem Gedenkjahr an die Reformation 2017 einschätzten. Würden Sie ihn mittragen?

Schon bei höflich vorgetragenen Bedenken hätte ich sofort alles abgeblasen, geschweige denn bei einer klaren Ablehnung. Superintendent Henker aber sagte den bemerkenswerten Satz: »Ich glaube, dass der Katholikentag 2016 gerade im Hinblick auf das Reformationsjubiläum 2017 eine große Chance ist.« Das Wichtige sei doch, gemeinsam wahrzunehmen, dass uns die Geschichte vor 1517 verbindet und der Wille, nach 2017 miteinander anders weiterzugehen als in den 500 Jahren der Trennung – wie auch immer Gott uns diesen Weg führt. Dieses Zeichen sollten wir setzen!

Mich hat es auch sehr bewegt, als Landesbischof Bohl kürzlich bei der Gedenkfeier zur Einführung der Reformation in Leipzig vor 475 Jahren den Katholikentag erwähnt hat. Die Kollekte dort wurde für den Neubau der katholischen Propsteikirche in Leipzig bestimmt. Das sind Zeichen, die schwer zu überbieten sind. Sie geben mir Freiheit und Freude, auf 2017 zuzugehen.

Junkermann: Ich bin dankbar für Bischof Feiges dreimalige Thesen zum Reformationstag. Die haben mich neu sensibilisiert für die ökumenische Herausforderung im Blick auf 2017. Ich bin sehr froh, dass wir Bischöfe auf dem Gebiet der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) uns zum mitteldeutschen Konfessionsgespräch treffen. Da können wir uns einmal nicht nur den Themen widmen, die gerade auf der Tagesordnung obenauf liegen, sondern grundlegenden Themen, die dem tieferen gegenseitigen Verständnis dienen.

Zuletzt haben wir uns mit Professoren unserer theologischen Fakultäten über das allgemeine Priestertum der Gläubigen und das besondere Amt ausgetauscht. Froh bin ich auch über das Konzept, wie wir als EKM das Reformationsjubiläum begehen wollen, nämlich regional differenziert.

Was heißt das konkret?
Junkermann:
Das Wesentliche soll nicht bei einem großen Luther-Festival, sondern vor Ort passieren. Wir wollen die regionale Reformationsgeschichte erforschen, und zwar mit den Christen aller Konfessionen sowie mit Menschen anderer Religion und ohne Religion: Wie ist die Reformation in unserer Region verlaufen? Welche wechselseitigen Verletzungen gab es? Was hat die Menschen damals überhaupt bewegt? … Ich hoffe, wir kommen dabei über Glaubensfragen ins Gespräch.

Auch unter Gemeindegliedern gibt es da oft eine Scheu. Wenn wir erstmal über die Glaubensfragen von vor 500 Jahren sprechen, kommen wir vielleicht auch auf die heutigen: Was von den damaligen Themen bewegt uns noch? Was hat sich geändert? Mir ist es ein Anliegen, dass wir zu diesem Jubiläum nicht die alten Feindbilder reproduzieren und auch nicht die Schwarz-Weiß-Bilder: Dort ist das finstere Mittelalter, hier die leuchtende Reformation. Da sehe ich evangelischerseits durchaus Gefahr. Auch dem Grundlagentext der EKD zum Reformationsjubiläum wurde Entsprechendes vorgeworfen, und es ist gut, dass darüber diskutiert wird. An sechs Orten Mitteldeutschlands wollen wir einen »Kirchentag auf dem Weg« feiern.

Auf dem EKM-Gebiet sind dabei von Anfang an Vertreter der katholischen Bistümer mit im Planungsteam. Wir haben hier gemeinsame Verantwortung. Was uns trennt, darf nicht so bestimmend sein, dass es uns hindert, das Gedenken miteinander zu gestalten. Das schützt uns auch wechselseitig davor, mehr über- als miteinander zu sprechen.

Evangelischerseits ist die Suchbewegung noch nicht abgeschlossen, wie wir einerseits die Freude über die Reformation ausdrücken können, über die Wiederentdeckung des Evangeliums zum Beispiel oder des Priestertums aller Gläubigen, andererseits aber auch innehalten und darauf schauen, wo wir Fehlwege gegangen sind und wo es Fragen zu überdenken gilt, etwa die Frage nach unserem Kirchenverständnis, das erst seit 100 Jahren ohne äußere Anlehnung an die staatliche Ordnung auskommt.

Ich hoffe, es gelingt uns, differenziert zu feiern, auch bei den großen Events.

Manchmal scheint es, dass evangelischerseits, auch wenn noch ein paar Wünsche offen sind, die Zufriedenheit mit dem Status quo überwiegt. Von Katholiken ist dagegen der Wunsch nach einer sichtbaren Einheit lauter hörbar …
Koch:
Eine Kirchentrennung, die nicht mehr wehtut, wäre kastastrophal. In der Apostelgeschichte und im Korintherbrief können wir lesen, wie sehr Paulus unter den kirchlichen Trennungen gelitten hat in einer Zeit zahlreicher Kirchenspaltungen. Es gibt das Gebot der Einheit, und dem müssen wir zumindest dadurch folgen, dass wir um Einheit ringen, gerade auch in theologische Differenzen.

Junkermann: Auch ich denke, wir dürfen uns nicht mit dem Status quo abfinden. An vielen Orten läuft Ökumene selbstverständlich und gut, es gibt aber auch Punkte, wo das Trennende wirklich schmerzt. Es schmerzt mich, wenn ich sehe, dass Bischof Dr. Feige bei unserer Ordinationsfeier nicht am Abendmahl teilnehmen kann; und es schmerzt, wenn ich sehe, dass Ministerpräsident Kretzschmann bei der Einführung des badischen Landesbischofs neben seinem Erzbischof sitzt und dann zum Abendmahl geht. Da spüre ich den Schmerz, der in der katholischen Kirche besteht: Wie kann vermittelt werden, was uns trennt?

Zum 85. Geburtstag von Altbischof Nowak bin ich zur Eucharistieausteilung gegangen und habe um einen Segen gebeten. Auf solche Weise können wir die mögliche Gemeinschaft auch liturgisch miteinander leben. Mich schmerzt auch die Nicht-Zulassung der Frau zum Amt in der römisch-katholischen Kirche.

Ein Schmerz, der jetzt gerade gelindert wird, ist die alte Kränkung durch Papst Benedikt XVI, seine Aussage über die Kirchen der Reformation, sie seien »nicht Kirche im eigentlichen Sinne«. Das sitzt tief, deshalb ist es mir wichtig, die Signale von Papst Franziskus zu hören und auch seinen seelsorgerlichen Ansatz in manchen moralisch-ethischen Fragen zu erleben.

Wir dürfen uns nicht abfinden mit den Trennungen und auch nicht flach darüber hinweggehen nach dem Motto »Wir machen jetzt einfach mal …«

Koch: Dabei sollten wir zu verstehen versuchen, wie unsere Worte auf den anderen wirken.

Ich weiß, wie manche evangelische Christen die Worte Papst Benedikts über das Kirchenverständnis empfunden haben. Er wollte das katholische sakramentale Kirchenverständnis verdeutlichen und zum Ausdruck bringen, dass dieses Verständnis von der evangelischen Kirche nicht geteilt wird. Seine aufklärerisch gemeinten Worte aber haben manche als Abweisung empfunden.

Wir müssen aufeinander achtgeben, wobei mir allerdings am meisten Sorge eine theologische Flachheit auch der Verantwortlichen in theologischen Differenzfragen macht.

Ich finde es manchmal erschreckend, dass viele gar nicht benennen können, worin die theologischen Unterschiede zwischen den Kirchen bestehen und was sie bedeuten. Wenn ich sie aber nicht kenne, kenne ich weder den Reichtum des anderen noch den Weg, der vielleicht zu einem Miteinander führt.

Es ist eine gemeinsame ökumenische Aufgabe, wirklich in die Tiefe zu gehen. Dies gilt vor allem auch in spiritueller Hinsicht.

Besteht nicht aber Gefahr, dass Papiere von hoher geistlicher Tiefe im Volk nicht ankommen?
Koch:
Ja. Aber Papiere haben unterschiedliche Adressaten. Pfarrer, Theologen, sind dafür ausgebildet, differenzierte Papiere zu verstehen und sie qualifiziert ins Gespräch zu bringen, auch in die Predigt, in Religionsunterricht und Katechese.

Ich wünsche mir, dass wir 2017 in den Gemeinden und im religiösen Gespräch miteinander eine neue Tiefe erreichen.

Junkermann: Auch die neuen Medien können da dienlich sein. Die Homepage »www.2017gemeinsam.de« zum Papier von Lutherischem Weltbund und katholischer Glaubenskongregation »Vom Konflikt zur Gemeinschaft« halte ich für ein gutes Beispiel, dem ich noch mehr Verbreitung wünsche. Da laufen fundierte Diskussionen, an denen sich auch Laien beteiligen.

Seitenblick auf Land und Kirche in der DDR

8. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt:  Der renommierte Kirchenhistoriker Peter Maser gehört dem wissenschaftlichen Beirat zur Lutherdekade an

Das Spezialgebiet des Wissenschaftlers Peter Maser ist neben der christlichen Archäologie die Kirche in der DDR. Nicht zuletzt aus eigener bitterer Erfahrung.

Sein Leben wäre einen Roman wert oder eine Autobiografie. Peter Maser hat viel zu erzählen. Seine Erlebnisse und Erfahrungen spiegeln auf besondere Weise die geschichtlichen und politischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts wider. Der 70-jährige Wissenschaftler erforscht Geschichte und ist selbst Teil von ihr.

Peter Maser wünscht sich, dass das Reformationsjubiläum 2017 ein gesamtgesellschaftliches Ereignis wird und nicht in »Luther-Verdruss« endet. Foto: Torsten Biel

Peter Maser wünscht sich, dass das Reformationsjubiläum 2017 ein gesamtgesellschaftliches Ereignis wird und nicht in »Luther-Verdruss« endet. Foto: Torsten Biel

Im August 1943 in Berlin geboren, zählt Maser seit vielen Jahren zu den anerkannten Kirchenhistorikern des Landes. Sein Spezialgebiet ist neben der christlichen Archäologie die Kirche in der DDR. Obwohl seit 1977 in der BRD wohnend. »Ich warf immer einen Seitenblick auf das Land und seine Kirche«, sagt Maser. Vor wenigen Jahren kehrte er zurück an die Stätte seiner Kindheit, die sein weiteres Leben maßgeblich beeinflusst hatte.

Peter Maser wuchs im Kurort Bad Kösen nahe Naumburg auf. In den Wirren der letzten Kriegsmonate ging er als kleines Kind während der großen Flucht aus den Ostgebieten gen Westen verloren. Seine Mutter war mit ihm in den Osten geflohen, um sich vor den verheerenden Bombenangriffen auf Berlin zu schützen. Als Kriegsfindelkind nahm ihn die Pfarrersfamilie Bertheau auf. »Diese Zeit hat mich sehr geprägt. Ich hatte ein sehr enges Verhältnis zu meiner Pflegefamilie«, blickt der gebürtige Berliner zurück. An seine Geburtsstadt hat er indes kaum noch Erinnerungen.

Auf der Landesschule Pforta bekam er als Jugendlicher den Konflikt zwischen Staat und Kirche zum ersten Mal deutlich zu spüren. Schon nach zwei Jahren verließ er die Schule. Sein schwerwiegender Fehler: Als sogenannter Kulturbeauftragter hatte er den Besuch des Weihnachtsoratoriums im Naumburger Dom organisiert.

In der Domstadt besuchte er anschließend das kirchliche Proseminar, nachfolgend nahm er ein Theologiestudium an der Universität Halle auf. Seine wissenschaftliche Karriere in der DDR schien nahezu geebnet. Er wurde wissenschaftlicher Mitarbeiter und promovierte. Als Doktorvater wusste Maser den bekannten Ikonenforscher Konrad Onasch an seiner Seite.

Doch die Staatssicherheit hatte schon früh ein Auge auf den Theologen geworfen. »Ich wurde gleichzeitig von sechs Stasi-Spitzeln überwacht«, erzählt Maser. Von politischer Seite wurden seine wissenschaftlichen Ambitionen blockiert. Er stellte einen Ausreiseantrag. Seine Arbeit verlor er daraufhin. Gemeinsam mit seiner

Frau Malwine, ebenfalls eine Theologin, und den beiden Kindern Jakob und Rebekka, übersiedelte Maser in den Westen. Dort wurde er Mitarbeiter des Kirchenamtes der Evangelischen Kirche Deutschlands und lehrte bis zu seiner Emeritierung 2008 an der Universität Münster. In den 90er Jahren wirkte Maser in der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages zur Aufarbeitung der Folgen der SED-Diktatur. Mit diesem Amt erhielt er Einsicht in besondere Akten und Archive. Seine folgenden Recherchen bereiteten selbst ihm so manche Überraschungen – mit Blick auf das angespannte Verhältnis zwischen Staat, Partei und Kirche in der DDR.

»Ich war sehr überrascht, wie stark durchsetzt die Kirche von Mitarbeitern der Staatssicherheit war, wie viel die Stasi wirklich gewusst hat«, bemerkt der Wissenschaftler. Auch die besondere Rolle der Kirche bei politischen Geschäften zwischen DDR und BRD versetzte ihn in Erstaunen. Nicht minder, dass die Kirche in den 50er Jahren wegen des politischen Druckes der Partei nahezu vor ihrem Ende stand und erst auf einen Wink aus Moskau hin die SED-Staatsführung von ihrem Kurs abließ.

Seit dem vergangenen Jahr gehört Peter Maser dem 24-köpfigen wissenschaftlichen Beirat der Lutherdekade an, der neben dem Kuratorium und dem Lenkungsausschuss als weiteres Gremium die Vorbereitung von Veranstaltungen und Ausstellungen begleitet. Sein Wissen über das Luther-Gedenkjahr 1983 in der DDR ist in sein Buch »Mit Luther in Butter?« geflossen. Das erste Material dafür sammelte der Autor in den 80er Jahren.

Das mehr als 570-seitige Werk widmet sich der Struktur und Rolle der Kirche in der DDR und beleuchtet mit Hilfe zahlreicher Quellen die Geschehnisse rund um das Jubiläumsjahr 1983. Damals wurden weit vor der friedlichen Revolution schon erste Anzeichen einer Krise in der DDR deutlich. Vor allem aufgrund der aufkommenden Friedens-, Umwelt- und Bürgerrechtsgruppen, die nicht zuletzt bei den Feierlichkeiten und Kirchentagen jenes Jahres wichtige Kontakte untereinander knüpfen konnten.

Beim Jubiläum 2017 sollte nicht Luther, sondern vielmehr die Reformation, ihre Auswirkungen auf Europa und die Geschichte der Nationalstaaten, vor allem auch jener Osteuropas, im Mittelpunkt stehen, meint Maser. »Ich hoffe, ich kann diese Perspektive einbauen und dazu beitragen, dass die Themen aufgearbeitet werden.« Sein Wunsch: 2017 sollte als gesamtgesellschaftliches Ereignis die ganze Bevölkerung einbeziehen und von ihr wahrgenommen werden, ohne dass die Feierlichkeiten einen Event-Charakter annehmen und einen Luther-Verdruss, wie es ihn nach dem 1983er-Gedenkjahr gegeben hatte, bescheren.

Constanze Matthes

Buchtipp:
Maser, Peter: »Mit Luther alles in Butter?« Das Lutherjahr 1983 im Spiegel ausgewählter Akten, Metropol-Verlag, 576 S., ISBN 978-3-86331-158-2, 29,90 Euro

»Ich schätze Luthers leidenschaftlichen Glauben«

25. Oktober 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Was der neue »Chefökumeniker« der Deutschen Bischofskonferenz im Blick auf das Reformationsjubiläum erwartet


In der katholischen Kirche Deutschlands ist er für Ökumene zuständig: der neue Vorsitzende der Ökumene-Kommission der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Gerhard Feige aus Magdeburg. Benjamin Lassiwe sprach mit ihm über den katholischen Blick auf 2017 und die Ökumene.

Herr Bischof Feige, freuen Sie sich auf 2017?
Feige: Ich gehe dem Jahr immer noch mit gemischten Gefühlen entgegen, weil ich nicht weiß, wie es sich gestalten wird und wie weit sich die Beziehungen zwischen evangelischer und katholischer Kirche bis dahin positiv verändert haben – oder eben auch nicht.

Was muss denn aus Ihrer Sicht bis 2017 passieren?
Feige: Ich hoffe, dass wir noch zu einigen gemeinsamen Vorstellungen hinsichtlich des Reformationsgedenkens kommen. Sie merken, ich benutze den Begriff »Gedenken« – das fängt schon beim Namen an. Im Protestantismus spricht man ja eher vom »Jubiläum«. Aber von der evangelischen Seite möchte ich schon konkretere Vorstellungen hören, was man da beabsichtigt. Und dann können wir Katholiken für uns klären: Wie gehen wir damit um? Mich bewegt zum Beispiel die Frage, ob es noch gelingt, die Vorgeschichte und die Wirkungsgeschichte der Reformation gemeinsamer zu erfassen. Oder ob es da eben bei sehr unterschiedlichen Sichtweisen bleibt.

Und wie steht es mit Martin Luther? Was schätzt ein katholischer Bischof an dem Reformator?
Feige: Seinen leidenschaftlichen Glauben und seine Ausrichtung auf Jesus Christus. Das ist ja etwas, worauf auch der Papst bei seinem Besuch in Erfurt hingewiesen hat: Anlässlich des Reformationsgedenkens sollten wir uns wieder mehr auf Christus beziehen. Wir sollten alles dafür tun, dass es uns gelingt, unseren Glauben noch überzeugender zu leben und zu verkünden.

Gerhard Feige ist seit 2005 Bischof des Bistums Magdeburg. Seit Langem im ökumenischen Gespräch engagiert, wurde er vor wenigen Wochen zum Nachfolger des nach Rom versetzten Regensburger Oberhirten Gerhard Ludwig Müller als Vorsitzender der Ökumenekommission der Deutschen Bischofskonferenz gewählt. – Foto: picture-alliance

Gerhard Feige ist seit 2005 Bischof des Bistums Magdeburg. Seit Langem im ökumenischen Gespräch engagiert, wurde er vor wenigen Wochen zum Nachfolger des nach Rom versetzten Regensburger Oberhirten Gerhard Ludwig Müller als Vorsitzender der Ökumenekommission der Deutschen Bischofskonferenz gewählt. – Foto: picture-alliance

Bezieht sich die Ökumene heute denn auf den gelebten Glauben – oder sind die Diskussionen über Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Christen nicht zum Selbstzweck geworden?
Feige: Es gibt sehr verschiedene Ebenen, auf denen Ökumene geschieht oder auch nicht geschieht. Und alle diese Ebenen sind wichtig, und es ist auch wichtig, dass zwischen ihnen eine Vernetzung erfolgt. Es gibt die Ebene der Basis in den Gemeinden, es gibt eine Ebene der Theologen, die Vordenker sein sollen, und es gibt die Ebene der Kirchenleitungen. Auf allen diesen Ebenen muss man sich heute bewegen, meine ich.

Der hannoversche Landesbischof Ralf Meister hat in einem Interview erklärt, die Ökumene sollte nicht auf die Bischöfe warten. Was hält ein katholischer Bischof davon?
Feige: Das sehe ich durchaus anders. Es gibt ganz konkrete Beispiele, wo man sagen kann, dass ökumenische Fortschritte von den leitenden Geistlichen der Kirchen ausgingen. Das gilt zum Beispiel für das Verhältnis von katholischer Kirche und Orthodoxie. Da ist die Initiative eindeutig von Päpsten und Patriarchen ausgegangen. Und wir erleben es heute noch, dass die Fortschritte, die erreicht worden sind, vielerorts an der Basis nicht ins Bewusstsein gedrungen sind.

Im Protestantismus gab es ja immer mal wieder einzelne Stimmen, die den Papst als Sprecher der Christenheit vorgeschlagen haben. Dies wurde von der eigenen Fraktion brüsk zurückgewiesen. Ist das Papstamt ein Problem für die Ökumene?
Feige: Schon Papst Johannes Paul II. hat ja dazu eingeladen, in der Ökumene über die Rolle des Papstes nachzudenken. Schließlich gilt es zu unterscheiden: Es gibt einen inhaltlichen Kern des Amtes, und es gibt eine äußere Form. Die äußere Form hat sich im Laufe der Zeit durchaus verändert. Und da kann es interessant und konstruktiv sein, darüber zu diskutieren. Beim inhaltlichen Kern ist das etwas anders: Hier haben wir ein spannendes Thema, aber vielleicht auch einen Graben zwischen den Konfessionen, der nicht einfach überbrückt werden kann.

Wo sehen Sie die Schwierigkeiten im protestantisch-katholischen Verhältnis?
Feige: Im Kirchenverständnis und im Amtsverständnis haben sich in letzter Zeit doch wieder einige Probleme gezeigt, die sich als belastend erweisen. Ein Beispiel dafür sind die Prädikanten, die in manchen Landeskirchen neuerdings auch zur Einsetzung des Abendmahls beauftragt werden. Da vermissen wir ein eindeutiges Bekenntnis zur Ordination. Denn als katholische Kirche haben wir seit alters her ein sakramentales Amtsverständnis: Bei uns geht es nicht, dass Menschen zur Leitung der Eucharistiefeier nur beauftragt werden. Da unterscheiden wir uns doch wesentlich vom funktionalen Amtsverständnis der Protestanten.

Wortgottesdienstleiter werden auch bei Ihnen nur beauftragt …
Feige: Das stimmt. Zur Leitung einer Wort-Gottes-Feier werden auch bei uns Gemeindeglieder lediglich beauftragt. Aber sie leiten eben nicht die Eucharistiefeier – das darf nur der geweihte Priester.

Ein Thema in der Ökumene sind auch immer wieder die konfessionsverschiedenen Paare.
Feige: Bei den Paaren, die in einer konfessionsverbindenden Ehe leben, zeigt sich die Abendmahlsproblematik am schmerzlichsten. Das wird aber weltkirchlich – aus katholischer Perspektive – nicht überall so wahrgenommen wie zum Beispiel bei uns in Deutschland. Für die katholische Kirche ist die Kommunion der höchste und letzte Ausdruck ihrer Einheit. Und solange diese nicht gegeben ist, können wir andere Christen nicht generell dazu einladen oder zulassen.

Das heißt, auch nationale Sonderregelungen gehen nicht?
Feige: Doch, grundsätzlich ermöglicht das Kirchenrecht so etwas. Es gibt einzelne Bischofskonferenzen, die das auch anwenden. In England darf zum Beispiel das nichtkatholische Elternteil bei der Erstkommunion des eigenen Kindes oder in anderen eng begrenzten Ausnahmefällen an der Kommunion teilnehmen, an normalen Sonntagen aber nicht. So etwas halten wir als Deutsche Bischofskonferenz für wenig hilfreich. Es wäre in den Gemeinden nicht vermittelbar, dass eine Teilnahme an der Kommunion nur bei bestimmten Anlässen möglich sein soll. Und darum ist es bei uns auch nicht zu so einer kasuistischen Reglung gekommen, wie es in England beispielsweise der Fall ist.

Wird in der Bischofskonferenz über dieses Thema weiterberaten?
Feige: Ich habe den Vorsitz der Ökumene-Kommission jetzt neu übernommen. Und ich werde sondieren, ob und wie wir hier vielleicht weiterkommen könnten.

Papst Benedikt XVI. hat ein »Jahr des Glaubens« ausgerufen. Welche Bedeutung hat das für die Ökumene?
Feige: Zunächst hat man da weitgehend innerkatholisch darüber nachgedacht. Ich sehe im Jahr des Glaubens eine mögliche Aktualisierung dessen, was das Zweite Vatikanische Konzil gewollt hat. Und da der Glaube uns mit den anderen Christen verbindet – wir sprechen ja das eine Glaubensbekenntnis, wir haben gegenseitig hier in Magdeburg unsere Taufe anerkannt –, wäre es mir ein Anliegen, dass wir das Thema im Jahr des Glaubens auch ökumenisch vertiefen. So ist in diesem Sinne beispielsweise beabsichtigt, dass das Johann-Adam-Möhler-Institut in Paderborn und das Konfessionskundliche Institut in Bensheim ein Buch herausgeben, das unter dem Titel »Was glauben wir als Christen« vor allem das beschreibt, was uns gemeinsam ist.

Das »Jahr des Glaubens« wurde von den römischen Behörden mit einem Ablass verbunden. Welche Bedeutung hat das für Katholiken hierzulande?
Feige: Für die meisten in unserer Region – so meine ich – wohl keine.

Wenn Sie als katholischer Ökumeniker auf die evangelische Kirche blicken – man lernt ja gerne auch aus der Außenperspektive …
Feige: Ich kann da nur meine Beobachtungen schildern: Ich nehme wahr, dass sich auch die evangelische Kirche in einem spannenden Umbruch befindet, dass es verschiedene Versuche gibt, auf die Herausforderungen unserer Zeit und unserer Gesellschaft zu reagieren. Bischof Huber hat da ja einiges initiiert und versucht. Und auch jetzt bekomme ich mit, dass auf der Ebene der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) vieles in Bewegung ist. Da möchte ich keine öffentlichen Ratschläge geben – aber ich sehe, dass wir in manchem voneinander lernen können. Das ist mir zum Beispiel in einer Arbeitsgruppe recht deutlich geworden, die sich in der EKM mit einer neuen Visitationsordnung beschäftigt. Ich war dazu eingeladen worden, sollte von meinen Erfahrungen mit Visitationen berichten und habe zugleich von den Überlegungen der anderen profitiert.

Was ist denn Ihr Traum von 2017?
Feige: Mein Traum von 2017 ist, dass wir 2016 gewissermaßen unser Gedächtnis gereinigt und ein »Healing of Memories« vollzogen haben. Bis dahin – so hoffe ich – nehmen wir uns bestimmt positiver wahr, kritisieren uns weniger gegenseitig und haben vielmehr unsere Stärken im Blick. Und außerdem pflegt dann die katholische Seite einen unverkrampfteren Umgang mit Martin Luther, und die evangelische Seite ist sich seiner katholischen Verwurzelung bewusster geworden.

»… dann hätten wir der Menschheit einen großen Dienst getan«

16. Februar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Die Ökumene nach dem Papstbesuch und das Reformationsjubiläum 2017 – im Gespräch mit Bischof Gerhard Ludwig Müller

Am 24. Februar jährt sich zum 475. Mal die Unterzeichnung der Schmalkaldischen Artikel. Sie gehören bis heute zu den grundlegenden lutherischen Bekenntnisschriften.
Harald Krille sprach aus diesem Anlass mit dem Vorsitzenden der Ökumenekommission der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Gerhard Ludwig Müller.

Herr Bischof Müller, ich zitiere aus den Schmalkaldischen Artikeln: »Denn so wenig wir den Teufel selber als einen Herrn oder Gott anbeten können, so wenig können wir auch seinen Apostel, den Papst oder Endchristen, in seiner Herrschaft als Haupt oder Herrn ertragen.« Und kurz später fährt Luther fort: »Darum dürfen wir hier nicht seine Füße küssen und sagen, ihr seid mein gnädiger Herr, sondern wie in Sacharja der Engel zum Teufel sprach, Gott strafe dich Satan.« Wenn Sie das heute hören, was löst das bei Ihnen aus?

Müller: Ja, das ist eine offizielle lutherische Bekenntnisschrift. Diese Formulierung reicht allerdings sehr weit in die Zeit heftigster Auseinandersetzungen zurück. Wir wissen, dass Luther sehr ungerecht werden konnte und in allem und jedem, das ihm und seiner Meinung ­widersprach, den Teufel persönlich am Werk sah.

Aber wir leben heute im ökumenischen Zeitalter und sollten uns auf das ursprüngliche Kernanliegen Luthers konzentrieren, das uns verbindet: die Frage nach dem persönlichen, gnädigen Gott. Der Papst hat dies im Erfurter Augustinerkloster aufgegriffen. Und in den Schmalkaldischen Artikeln ist in den ersten Abschnitten Gott sei Dank auch davon die Rede, dass wir in den hohen Artikeln der göttlichen Majestät – also etwa in der Trinitätslehre, der Christologie, der Menschwerdung Gottes – eins sind.

Gerhard Ludwig Müller ist seit 2002 Bischof der Diözese Regensburg. Zuvor war Müller, der 1977 mit einer Arbeit über den evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer promovierte, Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte in München. Müller ist Vorsitzender der Ökumenekommission, stellvertretender Vorsitzender der ­Glaubenskommission und Mitglied der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz. Foto: Harald Krille

Gerhard Ludwig Müller ist seit 2002 Bischof der Diözese Regensburg. Zuvor war Müller, der 1977 mit einer Arbeit über den evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer promovierte, Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte in München. Müller ist Vorsitzender der Ökumenekommission, stellvertretender Vorsitzender der ­Glaubenskommission und Mitglied der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz. Foto: Harald Krille

Immerhin haben Sie im vergangenen Jahr gefordert, dass die Lutheraner sich für diese Antichrist-Vorwürfe an den Papst entschuldigen sollten …

Müller: Ich hab das etwas ironisch gemeint vor allem im Hinblick auf die Forderungen, die katholische Kirche solle die Exkommunikation Luthers endlich aufheben. Abgesehen davon, dass das kirchenrechtlich gar nicht geht, weil die Exkommunikation eine Beugestrafe ist und sich nur auf Lebende bezieht: Ich bin mit vielen der Meinung, dass man das Verhältnis katholisch-evangelisch nicht nur einseitig aus der Sichtweise des 16. Jahrhunderts sehen kann, wo dann nur wir auf der Anklagebank sitzen.

Man sollte zumindest sehen, dass es auch bei Luther problematische Seiten gab. »Ec­clesia semper reformanda« – die Kirche, die sich immer wieder selbst in Christus erneuert – bezieht sich auch darauf, dass wir immer neu Maß nehmen müssen an der Nachfolge Jesu Christi und jeder im täglichen Vaterunser beten muss: »Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir ­vergeben unseren Schuldigern.«

Warum brauchen wir eine Einheit? Wir könnten es doch auch mit dem Alten Fritz halten – jeder soll nach seiner Façon selig werden – und am Ende sehen wir, wie Gott darüber urteilt.

Müller: Der Alte Fritz gilt in militärischen Dingen als Experte, aber in Glaubensfragen ist er ein schlechter Ratgeber. Wir sind der gemeinsamen Wahrheit verpflichtet, so wie sie uns nach unserem gemeinsamen Verständnis aus der Offenbarung Gottes heraus zukommt. Natürlich kann es und soll es Verschiedenheiten geben. Das Pfingstereignis zeigt, dass jeder das Evangelium in seiner Sprache, sozusagen seiner »Kultur« hörte. Aber sie waren trotzdem »ein Herz und eine Seele«.

Sie waren geeint in der Lehre der Apostel, im Brotbrechen, im Gebet, in der Gemeinschaft. Und so muss es eben auch in der Kirche deutlich werden: ein Herr, ein Gott, ein Glaube, eine Taufe. In den wesentlichen Fragen des Bekenntnisses und des sakramentalen Lebens muss es nach unserem ­Verständnis eine Einheit geben. Da geht es nicht nur um das Verständnis von ­Eucharistie beziehungsweise Abendmahl.

Wenn für uns beispielsweise die Ehe ein Sakrament ist, für die Evangelischen aber nicht, dann kann das eigentlich nicht unvermittelt nebeneinanderstehen. Doch wie es der Papst in der ­Predigt über Johannes 17 in Erfurt sagte: Die Einheit mit Gott und Gemeinschaft im Glauben, Bekennen und Beten ist letztlich der Wille Christi.

Von diesem »ein Herz und eine Seele« scheinen wir weit entfernt. Nach dem Papstbesuch hat sich unter den Protestanten Enttäuschung breitgemacht. Haben Sie Verständnis dafür?

Müller: Nein, eigentlich nicht. Sicher muss man sagen, dass auch Äußerungen über die Medien dazu beigetragen ­haben, unrealistische Erwartungen zu wecken, die dann zwangsläufig nur enttäuscht werden können. Aber von kirchenleitenden und theologisch gebildeten Persönlichkeiten darf man schon erwarten, dass sie die Tiefe des ­Ereignisses erspüren und die Erfurter ­Begegnung in dem Kloster, in dem Luther zu seinen für ihn fundamentalen Einsichten kam, als die ökumenische Sensation des Jahrhunderts, ja überhaupt der letzten 500 Jahre begreifen.

Sie arbeiten auch in der Kommission Weltkirche mit. Ist das ökumenische Gespräch in Deutschland Vorreiter oder hinkt es eher hinterher?

Müller:Deutschland ist das Ursprungsland der Reformation und damit auch der Kirchenspaltung und wir haben eine starke theologische Tradition. Aber die deutschen Kirchen der Reformation sind manchmal nicht auf dem Stand, auf dem die Weltökumene sich befindet. Zum Beispiel sind uns die Lutheraner Skandinaviens in vielen Dingen viel näher und der ökumenische Prozess ist dort weiter vorangeschritten. Denken Sie nur an die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre 1999 in Augsburg: Es waren 160 deutsche evangelische Theologieprofessoren, die ein Jahr zuvor dagegen opponierten …

Gehen wir noch weiter voran oder haben wir eine ökumenische »Eiszeit«?

Müller: Solche globale Einschätzungen sind schwierig. Es gibt immer die schöne bunte Mischung. Da gibt es einen liberalen Katholizismus, der den Glauben auf eine Kulturerscheinung reduziert, dem die Realpräsenz in der Eucharistie nicht so wichtig ist wie ein klangvolles Hochamt mit Weihrauch. Und es gibt die ­liberalen Evangelischen, für die sich der Protestantismus auf das »gegen den Papst und Rom« und überhaupt »gegen Autoritäten sein« reduziert. Da wird Ökumene überflüssig.

Ökumene ist für uns nur interessant mit evangelischen Christen, die mit uns die Grundüberzeugung teilen, dass die Offenbarung Gottes in Christus nicht ein Mythos ist, nicht eine schöne literarische Fiktion aus dem ersten Jahrhundert, aus der man vielleicht noch ein paar moralische Lehren und Prinzipien ziehen kann. Und da sind wir in den letzten Jahren durchaus auch zu einem tieferen gegenseitigen Verständnis gekommen.

Wie sehen Sie im Blick auf die Ökumene das Reformationsjubiläum 2017?

Müller: Ich hoffe, dass dieses Reforma­tionsjubiläum ökumenisch genutzt wird und nicht nur aus Negativfolien aufgebaut wird. Nach dem Motto: Die katholische Kirche hat alles verdorben, doch dann kam Luther als Lichtgestalt wie der Phönix aus der Asche. Wenn man ökumenisch die Kirchengeschichte der letzten 500 Jahre betrachtet, wird man sagen müssen, es gab auf beiden Seiten viel Licht, aber auch viel Schatten. Nur Licht gibt es allein bei Jesus Christus, unserem gemeinsamen Herrn und Heiland.

Wie könnte das Reformationsgedenken denn praktisch gemeinsam begangen werden – einfach mitfeiern kommt für die katholische Seite ja kaum infrage?

Müller: Nein, wir können schwer das feiern, was zur Spaltung der ­Kirche führte. Aber wir könnten vielleicht gemeinsam in einen Prozess der »Healing of Memories« – Heilung der Erinnerungen – einsteigen. Wir könnten uns gegenseitig von unseren Verletzungen erzählen, die eigenen Quellen etwas kritischer lesen, unsere Schuld voreinander bekennen und uns der Tragik der Spaltung der Christenheit bewusst werden, die Luther eigentlich gar nicht wollte.

Dann könnten wir das Jahr 2017 nutzen, um das ursprüngliche Anliegen Luthers, die Gottesfrage, und ein gemeinsames Bekenntnis zu Jesus Christus als wahren Gott und wahren Menschen, als Messias aus den Juden und als Heiland der Heiden in den Mittelpunkt zu stellen. Wenn wir das hinbekämen, nämlich ein großes gemeinsames Christusbekenntnis mit den Christen der ganzen Welt, dann hätten wir der Menschheit einen großen Dienst getan!

Hintergrund:

Die Schmalkaldischen Artikel
Im Februar 1537 stellte Luther auf der Bundesversammlung des 1530 gegründeten Schmalkaldischen Bundes die im Auftrag des sächsischen Kurfürsten verfassten Schmalkaldischen Artikel vor. Sie sollten den Glaubensgenossen zur Vorbereitung auf ein vom Papst ­ursprünglich nach Mantua einberufenes Konzil dienen. Nicht zuletzt aus Angst, nach seinem Tod könnten die Anhänger der Reformation seine Lehren verwässern und dem Papst gegenüber Entgegenkommen zeigen, fasste Luther die Schrift in großer Schärfe ab.

Seine schroffen und jeden Kompromiss ausschließenden Formulierungen führten dazu, dass die führenden protestantischen Theologen die Artikel am 24. Februar 1537 in der südwestthüringischen Kleinstadt teilweise nur unter Vorbehalt unterzeichneten und die Mitglieder des Bundes sie als nicht geeignet für das Konzil erachteten. Dennoch wurden die Schmalkaldischen Artikel 1544 in die Reihe der bis heute gültigen Bekenntnisschriften der lutherischen Kirchen aufgenommen.

(GKZ)