Luther bei den Katholiken

6. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Chile: 12 000 Kilometer von Wittenberg entfernt wird nicht nur das Reformationsjubiläum groß gefeiert. Der 31. Oktober ist sogar seit mehreren Jahren staatlicher Feiertag.

Es mag verwundern, dass der Reformationstag in einem sehr katholisch geprägten Land wie Chile im Feiertagskalender steht. Und in der ersten Verfassung des Landes aus dem Jahr 1812 wird auch betont, dass Chile katholisch ist »und für immer sein wird«. Doch wenige Jahrzehnte später brachten deutsche Siedler nicht nur ihre Hoffnungen von einem besseren Leben mit nach Chile, sondern auch Luthers Kleinen Katechismus, ihre Gesangbücher und ihren Glauben.

Heute gibt es zwei lutherische Kirchen im Land »am anderen Ende der Welt«. Das ist allerdings nicht Ausdruck der großen Zahl ihrer Mitglieder, sondern einer Spaltung, die in den 1970er- Jahren stattfand. Die unterschiedliche Bewertung der Präsidenten Augusto Pinochet und des von ihm durch einen Militärputsch gewaltsam abgesetzten Salvador Allende spaltete damals das ganze Land und leider auch die lutherischen Christinnen und Christen.

Das große Ziel, im 500. Jahr die beiden Kirchen wieder zu vereinigen oder wenigstens unter einem gemeinsamen strukturellen Dach zusammenzuführen, ist trotz intensiver Bemühungen im Mai gescheitert. Alte Wunden und neue Ängste verhindern immer noch, dass man gemeinsam Zeugnis gibt – vom lutherischen Glauben, aber auch davon, dass Versöhnung möglich ist.

Lutherrose für die Pfarrerin: Nicole Oehler bekommt ein selbst gestaltetes Geschenk von den Schülerinnen des Colegio Belén O’Higgins. Foto: Versöhnungsgemeinde Santiago de Chile

Lutherrose für die Pfarrerin: Nicole Oehler bekommt ein selbst gestaltetes Geschenk von den Schülerinnen des Colegio Belén O’Higgins. Foto: Versöhnungsgemeinde Santiago de Chile

Unsere Gemeinde trägt die Versöhnung im Namen und wir sind traurig, dass es nicht gelungen ist, diesen Schritt aufeinander zuzugehen. Wir haben uns aber trotzdem nicht davon abhalten lassen, zahlreiche Aktionen zum Reformationsjubiläum gemeinsam mit der anderen Kirche zu veranstalten: Filme und Vorträge, Diskussionsreihen und Ausstellungen standen dabei auf dem Programm. Außerdem haben wir als Versöhnungsgemeinde versucht, nicht nur Geschichte und Theologie Luthers und seiner Mitstreiterinnen und Mitstreiter lebendig werden zu lassen, sondern vor allem auch mit dem Leben heute zu verknüpfen.

So fand zum Beispiel ein großes Luther-Essen in unserer Kirche »Zum Guten Hirten« statt. Mit gutem Essen, Wein, Bier, dem chilenischen Nationalgetränk Pisco Sour und vielen Infos rund um die Reformation. Wir haben dabei unseren Glauben diskutiert und an den Tischen unter anderem Werbekampagnen entwickelt – zum Beispiel mit der Fragestellung: »Warum ist es gut, heute in Chile lutherisch zu sein?«

In unserem Sozialprojekt, einer Schule für 400 Kinder im armen Süden der chilenischen Hauptstadt Santiago, fanden vor zwei Wochen Projekttage statt. Hier stand eines der »4 solus« im Mittelpunkt: die Schrift. Jede Klasse bearbeitete ein Thema rund um die Bibel und Martin Luthers Entdeckungen in ihr. Tolle Werke sind dabei entstanden, die an einem Ausstellungstag der Schulöffentlichkeit und weiteren Interessierten präsentiert wurden.

Foto: Aus dem Fotoalbum der Versöhnungsgemeinde in Santiago de Chile: Banner an der Kirche – »Wir feiern 500 Jahre Reformation!«

Foto: Aus dem Fotoalbum der Versöhnungsgemeinde in Santiago de Chile: Banner an der Kirche – »Wir feiern 500 Jahre Reformation!«

Ausgerechnet in diesem Jubiläumsjahr wurde der nationale Feiertag in Chile auf den 27. Oktober vorverlegt. Das macht deutlich, dass er hier eben der »Tag der evangelischen und protestantischen Kirchen« (»Día Nacional de las Iglesias Evangélicas y Protestantes«) und nicht der Reformationstag ist. Denn damit sind weniger wir Lutheraner, die Reformierten oder Methodisten gemeint, sondern die hier in den letzten Jahren stark gewachsenen Freikirchen (evangélicos). Zu ihnen gehören knapp 20 Prozent der Bevölkerung, dagegen nur einige Zehntausend zu den lutherischen Gemeinden.

Nichtsdestotrotz hat es sich Staatspräsidentin Michelle Bachelet nicht nehmen lassen, am »echten« Reformationstag am 31. Oktober zu uns in die Kirche zu kommen, wo beide lutherische Kirchen gemeinsam (!) an Luther erinnern. Bereits am vergangenen Sonntag hat unsere Gemeinde einen Reformationsgottesdienst in deutscher Sprache unter dem Motto »Ein feste Burg ist unser Gott« gefeiert.

Pfarrer Johannes Merkel

Der Autor wuchs in Moritzburg auf und hat in Leipzig Theologie studiert. Seit 2014 sind er und seine Frau Nicole Oehler, Pfarrer in Chile.

www.lareconciliacion.cl/de

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Lesen macht die Seele heil

1. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Buchmarkt nahm vor 500 Jahren seinen enormen Aufschwung – auch dank der Reformation. Noch immer steckt Luther in der deutschen Lesekultur.


Allen Krisen des Buches zum Trotz: Deutschland hat auch 2017 noch den zweitgrößten Buchmarkt der Welt, und im 500. Jahr des Reformationsjubiläums gibt es hier noch immer eine Lesekultur, die ihresgleichen sucht. Zwölf Bücher erwarb im Schnitt jeder Deutsche im vergangenen Jahr, laut Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Dabei ist es Theologen und Kulturforschern zufolge kein Zufall, dass das Leseland zugleich dasjenige der Reformation ist.

Als eine der »großen kulturellen Errungenschaften des Protestantismus« bezeichnet es der Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Johann Hinrich Claussen, das »Lesen fast zu einer religiösen Tätigkeit« gemacht zu haben. Aus lutherischer Sicht gehört dies zum Glaubensleben dazu wie der Kirchengang: Dass ein Mensch sich selber bildet, indem er sich zurückzieht, ein Buch liest, den Text auf sich wirken lässt und ihn laut Claussen »in sich hineinbildet«. Dieses Bildungsverständnis hat die Deutschen seiner Meinung nach stark und letztlich konfessionsübergreifend geprägt.

Bildung: Dass Kinder lesen lernen, ist eine der großen Errungenschaften des Protestantismus. Foto: Konstantin Yuganov – fotolia.com

Bildung: Dass Kinder lesen lernen, ist eine der großen Errungenschaften des Protestantismus. Foto: Konstantin Yuganov – fotolia.com

Martin Luther (1483–1546) hatte die Alphabethisierung vorangetrieben, um den Gläubigen das Lesen der Bibel zu ermöglichen. Durch die Lektüre sollten sie sich – unabhängig von kirchlichen Autoritäten – selbst ein Bild vom gnädigen Gott machen. Das war das vornehmste Ziel. Die Bibel sei alles, was ein frommer Christ brauche, schrieb der Wittenberger Theologieprofessor. Der Reformator, der 1517 seine 95 Thesen zur Erneuerung der Kirche veröffentlicht und dadurch unbeabsichtigt deren Spaltung ausgelöst hatte, las selber begeistert im »Buch der Bücher«. Er las immer wieder, hatte geradezu ekstatische Leseerlebnisse. Ihm ging es vor allem darum, nicht möglichst viel, sondern das Richtige zu lesen. Das aber mit großer Intensität.

Eine Bücherflut beklagte er schon damals, als der Buchdruck – nicht zuletzt wegen der aufrüttelnden theologischen Dispute der Zeit – einen ungeheueren Aufschwung nahm. In seiner Schrift »An den christlichen Adel deutscher Nation« appellierte Luther 1520 an die Obrigkeit, die Schulbildung für das Volk voranzubringen, aber auch auf die Qualität die Bücher achten.

Zunächst erschienen Bibeln, Gebetsbücher und Erbauungsliteratur, die in Schulen und Hauskreisen gelesen wurden. Im 18. Jahrhundert rief die Entstehung des weltlichen Romans zugleich die Kritik auf den Plan: Theologen, für die Lesen und Glauben eng verbunden war, betrachteten die neue Unterhaltungsliteratur und die mit ihr verbundene »Lesesucht« mit Sorge.

Was dem Einzelnen als Tipp angesichts der Informations- und Bücherflut helfen mag, wird der Buchhandel nicht gerne hören. Heute hat die Branche, die ihren Aufschwung der Reformation vor 500 Jahren verdankt, tatsächlich zu kämpfen. In fünf Jahren (bis 2016) brach laut »Frankfurter Allgemeine Zeitung« der Umsatz gedruckter Bücher um 13 Prozent ein, E-Books konnten den Verlust nicht auffangen.

Die heutige von Digitalisierung, Smartphone und E-Mails bestimmte Kultur sei dem Lesen abträglich, sagt auch Claussen. Lesen bedeute, sich für eine längere Zeit zurückzuziehen aus dem »öffentlichen Dauergequassel«. Das werde heute immer schwieriger, weil man dauernd erreichbar sein müsse. Der Hamburger Theologe plädiert dafür, sich die Auszeit dennoch zu nehmen, gut lutherisch weniger und intensiver zu lesen. Dabei vor allem den eigenen »Lese­spuren« zu folgen statt algorithmisch vorgeschlagener Titel und Bestseller-Empfehlungen.

Dass das Lesen dem Seelenheil dient, sieht auch Claussen so. »Der Glaube kommt durch das Wort.« Und das könne man nicht nur hören, sondern auch lesen. Lesen heiße bei Luther immer auch deuten, es auf das eigene Leben beziehen, sagt Claussen. Und das sei die Grundbewegung des Glaubens, eine Botschaft nicht nur zu schlucken, sondern sie sich »kreativ anzueignen«.

Renate Kortheuer-Schüring (epd)

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»Marseillaise der Reformation«

1. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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»Ein feste Burg ist unser Gott«: Religiöses Trostlied und Schlachtengesang

Menschen singen es seit bald 500 Jahren, aber nicht immer war der Gesang rühmlich: Martin Luthers Lied »Ein feste Burg« haben verschiedene Gruppierungen für sich vereinnahmt, auch die Nationalsozialisten.

Einmal im Jahr, da singen sie alle! Selbst die Männer schmettern mit, wenn am Reformationstag »Ein feste Burg« gesungen wird – obwohl die Melodie gleich in den höchsten Tönen beginnt.

Liegt es am Text, der Gott mit einem trutzigen, Schutz bietenden Bauwerk gleichsetzt, oder an der Melodie, die in kräftigen gleichmäßigen Viertelnoten einherschreitet? Vermutlich ist es diese Kombination, die das Lied zur »Marseillaise der Reformation« (Heinrich Heine) gemacht hat.

Martin Luther ließ sein Lied 1529 drucken. Vorlage war der Psalm 46, ein vertrauensvoller Text, der die Stadt Gottes beschreibt, die trotz des drohenden Weltuntergangs »fein lustig bleiben soll mit ihren Brünnlein«. Keine Trutzburg – da ist etwas in Bewegung, im Fluss. Vertont ist dieser Text mit einer typischen Renaissance-Melodie mit tänzerischem Schwung, die den Inhalt der ersten Strophe nachzeichnet.

Feldpostkarte aus dem Ersten Weltkrieg mit dem Schriftzug des Choraltitels »Ein feste Burg ist unser Gott« von Martin Luther. Aus dem Glaubenslied wurde in Bismarcks Kaiserreich ein vaterländischer Kampfgesang. Das Lied fand in Druckschriften des Ersten Weltkrieges inflationäre Verwendung. Foto: epd-bild

Feldpostkarte aus dem Ersten Weltkrieg mit dem Schriftzug des Choraltitels »Ein feste Burg ist unser Gott« von Martin Luther. Aus dem Glaubenslied wurde in Bismarcks Kaiserreich ein vaterländischer Kampfgesang. Das Lied fand in Druckschriften des Ersten Weltkrieges inflationäre Verwendung. Foto: epd-bild

Im zweiten Teil gerät der Rhythmus ins Wackeln, wenn »der alt böse Feind« vorgestellt wird. Dieser marschiert im Gleichschritt, wenn er »es jetzt mit Ernst meint« und »groß’ Macht und viel List« einsetzt. Seine »grausame Rüstung« bringt ihn aber rhythmisch wieder ins Straucheln. Die Macht des bösen Feindes wird durch den Melodieverlauf ironisch gebrochen.

Psalmlieder gehören in Luthers Gottesdienstpraxis zu den ersten Gesängen, die der Gemeinde neben den Katechismusliedern anvertraut werden. Dabei geht Luther sehr frei mit der biblischen Vorlage um, ergänzt sie christologisch und führt neue Bezüge ein.

So hat Luther mit dem »alt bösen Feind« ein Gegenbild zu Gott vorgestellt, das nicht aus dem Psalm stammt. Allerdings bleibt dieses Bild unklar – wer oder was ist damit gemeint? Diese Unbestimmtheit hat es vielen Generationen leicht gemacht, ihre je eigenen Bedeutungen einzutragen. War es zunächst der Teufel, der für Luther eine reale Bedrohung war, wurden es später die Gegner der lutherischen Lehre oder im Kriegsgeschehen die politischen Feinde.

Mittlerweile war die ehemals stark rhythmische Melodie durch den Gruppengesang erstarrt, die Gemeinden hatten sie sich in gleichmäßigen Notenwerten zurechtgesungen. 1738 wird sie erstmalig im geraden Vierteltakt gedruckt. Dann ist es nicht mehr weit bis zur Marschmusik.

Im Psalm 46 wird Gott gepriesen, der den Kriegen ein Ende macht und Kriegsgerät zerstört.

Bald übernahmen die Menschen die Kriegsführung und nutzten das »Feste-Burg-Lied« als Schlachtengesang. Wo Luther auf die Kraft des Wortes zur Überwindung des Gegners vertraute: »ein Wörtlein kann ihn fällen«, wurden im Dreißigjährigen Krieg Söldner mit diesem Lied in den Kampf geschickt. Gemeinsames lautes Singen stärkt den Einzelnen und die Gruppe – und die »Feste Burg« spielt dabei nicht nur rühmliche Rollen. Der Choral wird zum erhebenden Feiergesang der Reformationsjubiläen. Im 18. Jahrhundert kommen nationalistische Töne dazu. In der Liedersammlung »Des Knaben Wunderhorn« wird der Choral als »Kriegslied des Glaubens« geführt und von Studentenverbindungen, Turnervereinigungen und anderen Männerbünden kraftvoll zelebriert. 1871 verarbeitet Richard Wagner den Choral in seinem »Kaisermarsch«, im Ersten Weltkrieg wird das Lied zum nationalen Kriegsgesang gegen die »altbösen Feinde« Frankreich und England, im Nazideutschland geht es nicht mehr um Christus: »der rechte Mann« heißt Hitler und »das (deutsche) Reich muss uns doch bleiben«.

Gleichzeitig hat Luthers Lied aber auch bedrohten Christinnen und Christen Trost gespendet, zur Stärkung verfolgter Gemeinden beigetragen und sich weltweit im Protestantismus verbreitet.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert wird das Lied, wie schon im Barock, liturgisch wieder dem Sonntag Invokavit, dem Beginn der Passionszeit, zugeordnet, um der triumphalistischen Verwendungstradition entgegenzuwirken. Im Evangelischen Gesangbuch sind beide Melodien abgedruckt – ich wünsche mir, dass viel öfter die erste, originale Melodie in einem flüssigen Tempo gesungen wird. Das muss in unseren Gemeinden sicher ein bisschen geübt werden – aber dann fängt die »Feste Burg« an zu swingen!

Christa Kirschbaum

Die Autorin ist Landeskirchenmusikdirektorin der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau

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Quintessenz: Es geht doch!

30. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Premiere: Zum ersten Mal standen sie gemeinsam Rede und Antwort, die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Ilse Junkermann, und Anhalts Kirchenpräsident Joachim Liebig. Im Gespräch mit Katja Schmidtke und Willi Wild ziehen sie eine Bilanz des Reformationsjubiläums.

Gute Nachbarschaft: Landesbischöfin Ilse Junkermann und Kirchenpräsident Joachim Liebig bilanzieren in Magdeburg das Reformationsjahr. Foto: Katja Schmidtke

Gute Nachbarschaft: Landesbischöfin Ilse Junkermann und Kirchenpräsident Joachim Liebig bilanzieren in Magdeburg das Reformationsjahr. Foto: Katja Schmidtke

Sind Sie froh, dass es nun endlich vorbei ist?
Junkermann:
Ich bin froh, dass es so gut gelaufen ist. Und dass wir so einen starken Doppelpunkt setzen für die vielen Jubiläen, die jetzt noch kommen. Aber ich bin auch froh, dass sich die großen Anstrengungen mit den Veranstaltungen gelohnt haben. Vieles ist gut gelungen. Wo es nicht gelungen ist, haben wir wichtige Erfahrungen gemacht.
Liebig: Für die Mitarbeitenden bin ich froh, dass das jetzt zu Ende geht, denn das war eine starke Belastung. Natürlich zugleich verbunden mit unerwarteten Erfahrungen. Ich erinnere an die Pfadfinderinnen und Pfadfinder und andere, die Urlaub genommen haben für die Kirchentage auf dem Weg, oder um in Wittenberg im Sommer dabei zu sein.

Wir wissen, dass so ein Enthusiasmus auch einen Spannungsbogen hat, und dieser Spannungsbogen geht jetzt zu Ende. Eines kann man sicherlich sagen: In diesem Jahr, und im Rahmen der Dekade, sind die Themen der Reformation bundesweit und darüber hinaus in den Blick gerückt worden. Ich hatte nicht erwartet, dass die Kirchengemeinden bundesweit das Thema so stark aufgreifen. Wir hatten gehofft, die kommen alle zu uns. Aber die waren so enthusiastisch, dass sie dann von Flensburg bis Berchtesgaden selbst ihren Luther entdeckt haben.

Was war Ihr persönlicher Höhepunkt in diesem Jahr?
Liebig:
Ein eindrücklicher Höhepunkt war für mich der Kirchentag auf dem Weg in Dessau mit dem Anhaltmahl auf dem Marktplatz und Tausenden von Menschen, die Gastgeber und Gäste waren. Bis heute werde ich gefragt: Wann macht ihr das wieder? Da sind wildfremde Menschen miteinander ins Gespräch gekommen, die sich gar nicht mehr trennen wollten. Das wird mir dauerhaft in Erinnerung bleiben mit der Quintessenz: Es geht doch!
Junkermann: Mir fallen verschiedene Höhepunkte ein. Die ökumenischen Gottesdienste, der Pilgerweg der Versöhnung durch Wittenberg im November 2015. Da haben wir uns klargemacht, wie viele Scherben wir angerichtet haben. Den ökumenischen Gottesdienst, den wir Himmelfahrt 2017 in Magdeburg am Elbufer gefeiert haben, in aller Öffentlichkeit, mit vielen neugierigen Nichtchristen. Anschließend haben die Gemeinden die Tische gedeckt. Und auch hier konnten sich Menschen begegnen. Das war bei den Kirchentagen auf dem Weg auch die Erfahrung in Halle, Weimar oder Erfurt. Dort, wo Kirchengemeinden als Gastgeber auf öffentliche Plätze gegangen sind und zum zwanglosen Gespräch bei Kaffee und Kuchen oder Herzhaftem und Wein eingeladen haben, war die Resonanz sehr gut.

Beeindruckt war ich auch vom Konfi- Camp vor den Toren Wittenbergs. Ich habe 1 500 Jugendliche begeistert und laut erlebt, die dann bei der anschließenden Andacht ganz konzentriert und ruhig mitgefeiert haben. Die Camps kamen bei den Jugendlichen so gut an, dass wir uns entschlossen haben, sie in den nächsten drei Jahren fortzuführen.

Was ist gefloppt, was hätte man besser weggelassen?
Junkermann:
Ich kann keine wirkliche Pleite benennen. Die absoluten Besucherzahlen bei den Kirchentagen auf dem Weg waren geringer als prognostiziert. Ich habe selbst erlebt, dass bei einer Podiumsdiskussion anfänglich nur eine Besucherin da war. Später wurden es dann noch 18, das war auch noch sehr übersichtlich, aber intensiv.Das ist für mich eine sehr wichtige Lernerfahrung. Die Menschen haben es satt, anderen bei der Diskussion zuzuhören. Sie wollen selbst beteiligt werden. Das traditionelle Kirchentagskonzept geht heute – zumindest bei uns – nicht mehr auf. Es geht nicht mehr um Masse, sondern um intensive Gespräche in kleineren Gruppen.
Liebig: Ich frage mich, woran liegt das eigentlich, dass in den Medien bundesweit pauschal über das Reformationsjahr geurteilt wird? Ich sehe hier ein Missverständnis. Kirchentag hat hier bei uns in Mitteldeutschland einen anderen Klang als in Frankfurt oder in Hamburg. Kirchentage waren immer Orte eines intensiven Bekenntnisses zu Zeiten des Kirchenbundes der DDR. Wer zum Kirchentag ging oder gar da öffentlich auftrat, musste gewärtig sein, das wird möglicherweise Konsequenzen haben.

Das heißt, Kirchentag ist nicht immer einfach ein »Happening« gewesen, was es auch im Westen nicht war. Aber im Grunde als Gattung eine problemfreie Form, von der dann die Vorstellung bestand, solche Kirchentagsformate nicht nur an einem langen Wochenende von Himmelfahrt bis Sonntag zu machen, sondern über den ganzen Sommer hinzuziehen. Und so kamen prognostizierte Zahlen letztlich auch zustande.

Nun hat sich gezeigt, dieses Format trägt nicht über so lange Zeit. Der Deutsche Evangelische Kirchentag wird sich fragen müssen, welche Formate sind zukünftig unter Beachtung der Erfahrungen in diesem Jahr erfolgreich.
Junkermann: Eins möchte ich auch ganz klar benennen: Es hat bei den Menschen hier großes Befremden ausgelöst, dass man für kirchliche Veranstaltungen Eintritt zahlen muss. 26 Euro für die Tageskarte, das war auch ein Faktor, warum so wenig gekommen sind. Es wäre sinnvoller gewesen, Spendenkörbchen durch die Reihen gehen zu lassen.
Liebig: Da ist das ursprüngliche westdeutsche Kirchentagsformat in unzulässiger Weise einfach übertragen worden. Zwei unterschiedliche Kulturen stießen und stoßen aufeinander.

Wo war die ostdeutsche Stimme bei den Planungen oder wurde sie einfach nicht wahrgenommen?
Junkermann:
Der Vorschlag zu regionalen Kirchentagen kam von uns in der EKM. Bei der gemeinsamen Auswertung mit den Beteiligten der mitteldeutschen Landeskirchen fiel immer wieder ein Stichwort: Ignoranz. Wir haben im Vorfeld darauf hingewiesen, dass die Planungen und Vorschläge des Vereins r2017 vielfach nicht mit unseren Erfahrungen gedeckt sind. Bei manchem haben wir überraschend gelernt, wie gut es ist, groß zu denken und zu planen, bei anderem hat sich unsere Erfahrung – leider – bestätigt. Aber: Für uns alle war das ein neues Format, so mit dem großen Festgottesdienst verbunden.
Liebig: Es gab und gibt einen großen Unterschied zwischen den volkskirchlich geprägten Gebieten in der EKD und einer Minderheitensituation, wie wir sie hier bei uns haben. Ja, es gibt Solidarität unter den Landeskirchen, wie sie beispielsweise durch den Finanzausgleich deutlich wird. Aber es schwingt immer auch mit: Wann ist es denn nun endlich bei euch so wie bei uns? Und da sage ich jetzt nach nunmehr 10 Jahren im Amt: Es wird nie so sein wie bei euch.

»Jeder bringt was mit«: Unter diesem Motto trafen sich die Menschen beim Kirchentag auf dem Weg in Erfurt zum interkulturellen Tischmahl auf dem Domplatz. Foto: Diana Steinbauer

»Jeder bringt was mit«: Unter diesem Motto trafen sich die Menschen beim Kirchentag auf dem Weg in Erfurt zum interkulturellen Tischmahl auf dem Domplatz. Foto: Diana Steinbauer

Der Ausgangspunkt im Osten war ganz anders. Wir werden gemeinschaftlich auf eine neue Situation zugehen, die wir noch gar nicht ganz genau beschreiben können. Diese Minderheitssituation wird also dauerhaft erstmal bleiben, wenn der Herr nicht eine Erweckung durch Mitteldeutschland wandern lässt, was immer möglich ist. Und es wird nicht so bleiben in den westlichen Gliedkirchen. In Hamburg war schon Ende der 1970er-Jahre nur eine Minderheit Mitglied einer Kirche. Die urbanen Zentren des Westens haben durchaus vergleichbare Situationen zu unseren. Aber das ist noch ein Tabu. Ich finde, dieses »ihr da drüben, wir hier« sollten wir hinter uns lassen.

Am Ende wird abgerechnet. Rechnen Sie mit Nachforderungen?
Junkermann:
Die Abrechnung der Kirchentage auf dem Weg ist im nächsten Frühjahr zu erwarten. Als Mitträger und Veranstalter sind wir natürlich in der Pflicht. Wir stehlen uns nicht aus der gemeinsamen Verantwortung. Ich fände es auch nicht angemessen, wenn wir uns zurückziehen: »Na, wir wussten es immer.«
Liebig: In der Summe ist das beträchtlich, was da geflossen ist. Viele fragen sich, ob dieses Geld nicht besser anderweitig verwendet worden wäre. Meine Antwort ist ganz klar: Nein! Ohne den Deutschen Evangelischen Kirchentag oder den Durchführungsverein r2017 hätten wir uns an diese Formate nicht herangewagt. Sie wären völlig undenkbar gewesen.
Wir wissen jetzt, wie es ist, als Minderheitskirche in die Mehrheitsöffentlichkeit hinauszugehen. Was funktioniert und was funktioniert nicht? Das mussten wir irgendwann auch mal wissen. Und jetzt wissen wir’s.
Junkermann: Ich bin überzeugt, dass es nicht am Geld hängt. Geld ist nur ein Indikator dafür, wo unsere Probleme sind. Es ist ein Irrglaube, zu denken, kirchliches Leben hinge an der Finanzierbarkeit. Kirchliches Leben hängt am Glauben. Und darüber sprachfähig zu sein, das ist die Aufgabe über das Reformationsjahr hinaus.
Liebig: Ich wage auch zu behaupten, dass an keiner Stelle jemandem etwas weggenommen oder vorenthalten wurde. Wir haben derzeit die komfortable Situation, dass die Einnahmen nicht rückläufig sind. Das Geld für das Reformationsjahr stand tatsächlich zur Verfügung.

Wie ist das Jubiläumsjahr in den Kirchengemeinden aufgenommen worden?
Junkermann:
In sehr vielen Orten und Kirchengemeinden hat man sich mit dem Reformator und der Reformation beschäftigt. Ich kann gar nicht alle aufzählen. Regionale Bezüge zur Reformation wurden hergestellt. Es gab vielerorts ganze Festwochen, die gemeinsam mit Vereinen und der politischen Gemeinde organisiert worden sind. Das finde ich sehr ermutigend.
Liebig: Ein Beispiel ist für mich das Zerbster Prozessionsspiel. Das ist ausschließlich von Ehrenamtlichen gemacht worden. Vom Bürgermeister, der nicht Kirchenmitglied ist, bis hin zu allen anderen Vereinen war der ganze Ort mit vielen Ortsteilen eingebunden. Die Veranstaltungen waren drei Abende ausverkauft. 400 Ehrenamtliche haben sich mit Kirche, Glauben und Reformation beschäftigt.

Reformation geht weiter. Was bleibt von diesem Jahr?
Junkermann:
Ich denke da vor allem an unsere Initiative »Offene Kirchen«. Ja, es geht langsam voran. Aber es ist auch gut so, weil die Kirchenältesten Zeit brauchen, sich damit auseinanderzusetzen. Wer den Schritt wagt, stellt mit Erstaunen fest, dass eine offene Kirche oft von Einheimischen und gar nicht so sehr von Touristen genutzt wird. Das ist ein gutes Zeichen. Und da wollen wir dranbleiben.
Liebig: Das sehe ich ähnlich. Wir müssen uns als Kirche öffnen und zu den Menschen gehen. Dass das funktioniert, haben die öffentlichen Veranstaltungen auf den Marktplätzen in diesem Jahr gezeigt.

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Tetzel – Ablass – Fegefeuer

24. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Ausstellung »Tetzel – Ablass – Fegefeuer« in Jüterbog nimmt die Frömmigkeit und Ablasspraxis am Vorabend der Reformation in den Blick. Der Ablassprediger Johann Tetzel wird dabei von einer verzerrenden Überlieferung befreit.

Ausstellungen zum Reformationsjubiläum gibt es an beinahe allen Stätten, die mit den konfessionellen Umwälzungen des 16. Jahrhunderts verbunden sind. Dabei scheint mancherorts der Andenkenvertrieb bis hin zum Lutherkitsch die Beschäftigung mit dem Ereignis vor 500 Jahren zu überlagern. Die Jüterboger Ausstellung hebt sich von derlei Rummel wohltuend ab. Im Mönchenkloster, ehemals Heimat des bedeutenden Franziskanerkonvents, und der Nikolaikirche, im April 1517 Predigtort Tetzels, wird die spätmittelalterliche Frömmigkeit sowie die Theologie und Praxis der Ablassverkündigungen dargestellt. Der historisch greifbare Johann Tetzel wird ebenso vermittelt wie die Entstehungsgeschichte der Legenden, die diesen Dominikaner bis heute entstellen.

Die Ausstellung wie auch der lohnende Begleitband setzen die Entwicklung der kirchlichen Bußpraxis von der öffentlichen zur privaten Beichte und die im Hochmittelalter entstandene Vorstellung vom Fegefeuer voraus. Anders als in der traditionellen Überlieferung der Reformationsgeschichte war nicht der Petersablass zum Bau des Petersdoms in Rom der Auslöser der Ablassbewegung, gegen die sich Luther auflehnte.

Ansteigende Rampe zum Kreuz: Die Ausstellung in Jüterbog macht auch durch ihre äußere Konzeption die Frömmigkeit im Vorfeld der Reformation erfahrbar. Foto: Thomas Marin

Ansteigende Rampe zum Kreuz: Die Ausstellung in Jüterbog macht auch durch ihre äußere Konzeption die Frömmigkeit im Vorfeld der Reformation erfahrbar. Foto: Thomas Marin

Nachdem in Rom bereits im Jahr 1300 das erste Heilige Jahr begangen wurde, propagierte zweihundert Jahre später Kardinal Raimund Peraudi als päpstlicher Ablasskommissar den Jubiläumsablass in Deutschland und Nordeuropa. Zuvor hatte es bereits Ablasskampagnen gegeben, deren Erlös vor allem der Abwehr der Türken im Mittelmeerraum diente.

Tetzel, der dem Leipziger Dominikanerkonvent angehörte und über eine gediegene theologische und juristische Bildung verfügte, war ab 1502 als Ablasskommissar tätig. Vor der Ablassverkündigung hatte ein solcher Kommissar die nötigen Vorbereitungen zu treffen. Dazu gehörten Verhandlungen mit den jeweiligen Obrigkeiten über deren Anteil an den Einnahmen und die Abrechnung der Gelder. Kern derartiger Kampagnen war aber immer das religiöse Bedürfnis der Gläubigen nach Befreiung von den Folgen der eigenen Verfehlungen.

Bußpredigt und Beichte gehörten ebenso zum Gesamtkonzept eines solchen lokalen Jubiläumsablasses wie der Besuch festgelegter Pilgerkirchen nach dem Vorbild der römischen Hauptkirchen. Das finanzielle Opfer, quittiert durch die später berüchtigten Ablassbriefe, war nach dem Einkommen der Gläubigen in Tarife gestaffelt.

Übertreibungen in Predigt wie Organisation hat es dabei zweifellos gegeben, wobei der Hintergrund für Luthers Widerspruch weniger in der nur wenige Kilometer von Wittenberg entfernten Jüterboger Ablasskampagne von 1517, als in seinem theologischen Konzept von der Rechtfertigung allein aus Gnade und Glauben zu finden ist.

Der in Pirna geborene Johann Tetzel war Luthers Gegenspieler, nicht zuletzt durch Gegenthesen, die er 1518 mit dem Rektor der Universität Frankfurt an der Oder, Konrad Wimpina, verfasste. Das große Gegenbild zum Reformator entstand aber erst nach Tetzels Tod durch Legendenbildungen, die sich bis zur Dämonisierung Tetzels steigerten. Hatte der Reformator dem Dominikaner noch kurz vor seinem Tod einen Trostbrief geschrieben, wurde er in Luthers letzten Lebensjahren zunehmend negativ ausgeschmückt. Ein Jahrhundert nach der Reformation war aus Johann Tetzel ein dummer und gewissenloser Schreihals, Betrüger und Ehebrecher geworden.

Die Jüterboger Ausstellung gibt einen spannenden Einblick in die Mentalität und Frömmigkeit der Reformationszeit. Der Begleitband ordnet die Ablasspraxis und die Person Tetzels in die Kirchen- und Landesgeschichte ein, zeigt die Nutzung von Kunst und Drucktechnik für die seelsorglichen wie wirtschaftlichen Wirkungen der Ablasskampagnen auf und wirft mit diversen neuen Forschungsergebnissen ein spannendes Licht auf Leben und Legende Johann Tetzels.

Thomas Marin

Bis 26. November im Mönchenkloster und in der Nikolaikirche in Jüterbog, täglich 10 bis 18 Uhr (Fr. u. Sa. bis 19 Uhr), Eintritt 7 Euro

H. Kühne, E. Bünz, P. Wiegand: »Johann Tetzel und der Ablass«, Lukas-Verlag, 427 S., ISBN 978-3-86732-262-1, 29,80 Euro

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Lebendigkeit statt Perfektion

14. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Impulse nach innen: Auch den Kirchengemeinden im Norden machen Mitgliederschwund und Einsparungen zu schaffen. Trotzdem soll kirchliches Leben aufrechterhalten werden. Mit dem Regionalbischof des Sprengels Stendal-Magdeburg, Propst Christoph Hackbeil, sprach Angela Stoye.

Herr Hackbeil, stellen Sie sich vor, Sie wären Tourismusmanager. Wo würden Sie die Menschen in Ihrem großen Sprengel hinschicken?
Hackbeil:
Auf die »Straße der Romanik«, denn die ist wirklich eine gute Idee – mit einer Einschränkung: Die großen Kirchen wurden jüngst noch mehr hervorgehoben. Ich würde dazu noch ein paar wunderbare kleine Kirchen empfehlen wie Melkow und Wust bei Jerichow. Nördlich des Huy liegt zum Beispiel Deersheim mit zwei romanischen Kirchen. Auch ein Abstecher nach Calbe an der Saale mit der Kirche in Gottesgnaden lohnt sich.

Da haben Sie eine Vorlage geliefert: Kleine Dorfkirchen sind oft verschlossen. Das kommt bei Besuchern nicht gut an …
Hackbeil:
Auch ich wünsche mir, dass mehr Kirchen zuverlässig geöffnet werden. Und der Prozess hin zu mehr offenen Kirchentüren ist in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) in Gang. Die Gemeinden werden informiert und geschult. Da sind die Kirchenkreise dran. Aber das Kirchenöffnen geht – wie vieles – nicht von heute auf morgen.

Das Ziel, im 500. Jubiläumsjahr der Reformation alle 4 000 Kirchen der EKM zu öffnen, wird nicht erreicht …
Hackbeil:
Das ist leider so. Ich sehe das Problem von zwei Seiten: erstens von Seiten der Touristen. Für sie ist eine offene Kirche ein Zeichen von Gastfreundschaft, eine verschlossene nicht.

Zweitens: Eine Kirche, die kaum noch benutzt wird, wird auch im eigenen Ort kaum noch wahrgenommen. Sehr wichtig ist deshalb, dass die Kirche für die Menschen ihres Ortes offen ist.

Zum Beispiel: Eine kleine Dorfkirche, die von einem Friedhof umgeben ist, kann sonnabends aufgeschlossen werden, wenn viele Menschen zur Grabpflege kommen. Auch Andachten können in dieser Zeit gehalten werden. Das regelmäßige Aufschließen ist deshalb auch ein wichtiger Impuls nach innen. Im Übrigen produzieren wir mit dem Starren auf Zahlen unnötigen Verdruss. Dem Landeskirchenrat liegt etwas daran, dass Bewegung in die Sache kommt.

Für mich hat es den Anschein, als ob man mehr auf »Leuchttürme« setzt denn auf Angebote in der Fläche.
Hackbeil:
Wir haben auch »Leuchttürme« auf dem Lande, wie ehemalige Klöster – Arendsee, Drübeck oder Neuendorf bei Gardelegen –, von denen die Menschen heute noch sagen, dass sie beim Betreten eine besondere Atmosphäre spüren. Kloster Jerichow beispielsweise ist offen und es gibt den Sommer über tägliche Andachten. Aber auch kleinere Orte bieten Besonderes, etwa die Schlosskirche in Erxleben, wo sich ein rühriger Verein nicht nur um den Gebäudeerhalt kümmert, sondern auch die Geschichte hebt. Oder der Ort Gnadau, eine Gründung der Herrnhuter Brüdergemeine, in dem der Glaube Gestalt angenommen hat.

Die Zahl der Kirchenmitglieder sinkt, die Zahl der Mitarbeiter auch. Überall muss gespart werden. Wie sollen Haupt- und Ehrenamtliche alle Aufgaben in der Fläche bewältigen?
Hackbeil:
Die Pfarrer und die anderen kirchlichen Mitarbeiter stehen vor einer Riesenaufgabe. Dabei sind die Pfarrstellen in der Altmark mit teils 20 Dörfern und mehr noch einmal eine besondere Herausforderung. Wenn Pfarrer in einigen Jahren in den Ruhestand gehen, wissen sie, dass ihre Stelle nicht mehr besetzt wird. Auf diesen Abschied hin zu leben, ist nicht leicht.

Ich ziehe den Hut davor, wie viele Pfarrer, Gemeindepädagogen und Kirchenmusiker unverdrossen weiter ihren Dienst tun. Daher denke ich: Das kann nicht nur an den Zahlen liegen, sondern auch am Betriebsklima.

Woraus schließen Sie das?
Hackbeil:
Ich habe vor Kurzem die Ergebnisse einer Studie gelesen, die in zwei Landeskirchen zur gesundheitlichen Situation von Pfarrerinnen und Pfarrern gemacht wurden. Da zeigte sich: Die Sorge vor Burnout und Depressionen wurde auf dem Land weniger dort gesehen, wo alle Mitarbeiter gut zusammenarbeiteten. Ich sehe die Tendenz zu verbindlicher regionaler Zusammenarbeit als unumkehrbar an, sodass sich drei, vier, fünf Mitarbeiter als regionales Team verstehen und sich mit Mut den veränderten Verhältnissen stellen. Das schließt auch die Ehrenamtlichen mit ein.

Stichwort Ehrenamt: Werden die Aufgaben, die nicht mehr bezahlt werden können, vermehrt auf sie abgewälzt, also Ehrenamtliche als Lückenbüßer?
Hackbeil:
Das höre ich manchmal. Aber ich erlebe auch anderes. Immer dort, wo Ehrenamtliche das Gemeindeleben selber gestalten, sind sie ganz anders motiviert und halten auch die Leute zusammen. Mit großer Hochachtung erlebe ich Menschen im Prädikantendienst.

Umso ärgerlicher finde ich es, dass die Verwaltung oft noch immer so gestaltet ist, dass sie – trotz gegenteiliger Aussagen – ehrenamtliches Engagement oft erschwert statt erleichtert: lange Wege, mehrfache Wege, Wartezeiten und so weiter. Das entmutigt. Da hat die EKM ein selbstgemachtes Problem, das nur durch besseren Service zu lösen ist.

Um dann was in Zukunft besser zu können?
Hackbeil:
Sich auf die geistlichen Aufgaben zu konzentrieren. Denn eine Kirchengemeinde ist etwas anderes als ein Verein. Ich sehe das Öffnen der Kirchen nicht als technischen Vorgang an, sondern als geistlichen.

Dazu gehört auch, dass zum Beispiel der Altar mit Blumen geschmückt wird oder dass Gesangbücher gleich am Eingang bereitliegen. Kurz: ein Wachsein dafür, wie große theologische Fragen in kleinen praktischen Bezügen gedacht werden können.
So ein Beispiel habe ich nach Pfingsten in Hagenau, einer kleinen Kirche bei Osterburg erlebt. Da habe ich gespürt: Hier wirken Älteste, die alles im Blick haben. Obwohl es dort nur selten Gottesdienste gibt: Wenn, dann ist es ein richtiges Fest, ein Höhepunkt im Dorfleben.

Stichwort Regionalisierung. Wann werden die Gemeindeglieder wirklich selbstverständlich zum Gottesdienst in das Nachbardorf fahren?
Hackbeil:
Wenn die erste Frau zur katholischen Priesterin geweiht wird … – will sagen: Unter dem Sparzwang dürfen wir nicht den Eindruck erwecken, alle Probleme müssen mit dem neuen Stellenplan bis 2019 gelöst sein. In manchen Kirchenkreisen war das schon vor Jahrzehnten dran, zum Beispiel ab den 1970er-Jahren im damaligen Kirchenkreis Merseburg. Woanders kommt die Regionalisierung erst jetzt an die Reihe. Prozesse sind dran, wann sie dran sind.

Von seiner kleinen Wohnung im Plattenbauviertel Stendal-Süd aus sieht Christoph Hackbeil die Kirchen der Altstadt. In diesem Jahr ist das Panorama leider oft vom Regen getrübt. Der Propst hat seine Wohnung in Stendal absichtlich nicht in einem Pfarrhaus, sondern in einem Stadtviertel gewählt, das von Leerstand und Rückbau geprägt ist. Foto: Angela Stoye

Von seiner kleinen Wohnung im Plattenbauviertel Stendal-Süd aus sieht Christoph Hackbeil die Kirchen der Altstadt. In diesem Jahr ist das Panorama leider oft vom Regen getrübt. Der Propst hat seine Wohnung in Stendal absichtlich nicht in einem Pfarrhaus, sondern in einem Stadtviertel gewählt, das von Leerstand und Rückbau geprägt ist. Foto: Angela Stoye

Wichtig ist, das Miteinander von haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern zu fördern. Wichtig ist, den Menschen Mut zu machen, über den eigenen Tellerrand hinauszusehen. Geduld zu haben und sich nicht darüber zu beklagen, wo etwas nicht ist, sondern schauen, wo etwas wächst.

Bei den Menschen, die wollen, dass alles wieder so ist wie vor 50 Jahren, ist doch vor allem der Wunsch nach Gemeinschaft sehr groß. Wir sollten ihnen die Gelegenheit in neuen Formen der Gemeinschaft geben, verbunden mit einer spürbaren geistlichen Mitte.

Wie kann das geschehen?
Hackbeil:
Durch das Gebet – in traditioneller Form und in neuem Gewand. In der EKM gibt es seit Oktober 2015 den Gebetskalender. Etwa 80 Menschen bekommen – jede Woche aktualisiert – Mails mit Gebetsanliegen. Einzelpersonen machen hier genauso mit wie die Kommunitäten. Für diese gewachsene Gemeinschaft bin ich sehr dankbar. Aber an den Gebeten könnten sich noch mehr beteiligen.

Zweitens das Abendmahl: Ich finde, wenn in kleinen Kirchen nur noch wenige Male im Jahr Gottesdienst gefeiert wird, sollte immer auch ein Abendmahl dazugehören. Leider ist dem nicht so. Aber unter dem Gemeinschaftsaspekt gesehen, könnten sich Pfarrer und Gemeinden bei weniger Gottesdiensten sogar darauf verständigen, diese immer mit Abendmahl zu feiern. Denn wir sind nicht nur unter das Wort Gottes gerufen, sondern auch an den Tisch Jesu geladen!

Und wir können nicht ein gemeinsames Abendmahl von evangelischen und katholischen Christen fordern, wenn wir das Sakrament in unseren Kirchen nicht mehr als tragende Praxis erleben!

Heißt das, dass die weniger werdenden Mitarbeiter noch mehr tun sollen?
Hackbeil:
Nein. Die hohe Belastung der Mitarbeiter macht mir Sorgen. Viele laden sich schon jetzt zu viel auf. Ich habe große Achtung vor dieser Einstellung, aber wir müssen alle darüber nachdenken, wie es anders gehen kann. Leider habe ich kein Rezept, das hat keiner. Aber dass Zeit zur gemeinsamen Suche bleibt, gehört zur geistlichen Klärung. Ich finde es gut, dass die Landeskirche für Pfarrerinnen und Pfarrer Möglichkeiten des Ausgleichs und zum Auftanken schafft, etwa durch Studiensemester, Sabbatzeiten, Aufenthalte im Kloster und anderes.

Geht der Trend nicht doch hin zum Gottesdienst vom Fließband?
Hackbeil:
Ich habe als Dorfpfarrer auch drei Mal am Sonntag Gottesdienste halten müssen und war von Mal zu Mal müder. In meiner Anfangszeit als Propst habe ich gemeint, in meinen Predigten besonders viel Staatstragendes unterbringen zu müssen. Alle Themen, die unsere Kirche jetzt bewegen, in zehn Minuten! Dabei habe ich mich ziemlich verspannt. Erst eine Fortbildung, ein Predigt-Coaching, hat mir geholfen. Da habe ich das Gegenteil gelernt. Weniger ist oft mehr.

Das klingt nach noch mehr Arbeit statt Entlastung.
Hackbeil:
Nein. Denn es muss nicht alles perfekt sein. Alle streben nach Perfektion, aber die Lebendigkeit ist der wesentliche Aspekt, den man nicht über Bord werfen darf. Vier Mal oder öfter eine Predigt vorzulesen ist für mich keine Lösung. Ein bisschen Sicherheit durch das Manuskript ist gut. Aber ein Pfarrer, eine Pfarrerin sollte – im lutherischen Sinne – sich dessen fröhlich gewiss sein, was zu tun ist. Zeigen, wo mich das Wort der Schrift berührt hat.

Propst Hackbeil, der Sommerurlaub an der Ostsee und im Harz liegt hinter Ihnen. Was bringt die nächste Zeit für Sie persönlich?
Hackbeil:
Nach Fortbildungen in »Führen und Leiten« und in klinischer Seelsorge befinde ich mich in einer Ausbildung zum geistlichen Begleiter. Denn der Austausch über den geistlichen Kern unseres Tuns ist doch das Wichtigste überhaupt.

Christoph Hackbeil, Jahrgang 1956, ist seit Januar 2009 Propst des Sprengels Stendal-Magdeburg und Inhaber der ersten Pfarrstelle am Stendaler Dom. Seine Wahl war die erste Propstwahl in der EKM.

Propst Hackbeil stammt aus Leipzig, wo er die Thomasschule besuchte und im Thomanerchor sang. Nach dem Theologiestudium in Leipzig war er drei Jahre Studieninspektor am Reformierten Konvikt in Halle. Danach wechselten er und seine Frau Ulrike, ebenfalls Pfarrerin, in die Altmark nach Mieste und Gardelegen. Von 2000 bis zu seinem Amtsantritt als Regionalbischof war Christoph Hackbeil Superintendent des Kirchenkreises Halberstadt.

Das Ehepaar Hackbeil hat drei erwachsene Söhne und vier Enkel. (G+H)

Mein Sehnsuchtsort ist das Meer

6. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Volkskirche: Viele Menschen bekennen sich in der Region um Meiningen und Suhl zur evangelischen Kirche. Pröpstin Kristina Kühnbaum-Schmidt ist dort Regionalbischöfin. Mit ihr sprach Diana Steinbauer.

Im Juli hat das größte Rechtsrock-Konzert deutschlandweit im thüringischen Themar für großes Aufsehen gesorgt. Wie sehen Sie die Funktion der Kirchengemeinden vor Ort?
Kühnbaum-Schmidt:
Zunächst einmal hat mich beeindruckt, wie sich die Zivilgesellschaft in Themar über Wochen und Monate klar und eindeutig gegen dieses Konzert positioniert hat. Dass es nach diversen Gerichtsverfahren schließlich als politische Versammlung genehmigt wurde, war zu akzeptieren und zu respektieren. Gedanklich nachvollziehen konnten das viele Menschen in der Region nicht – auch ich nicht.

Kristina Kühnbaum-Schmidt an ihrem Urlaubsort. Foto: privat

Kristina Kühnbaum-Schmidt an ihrem Urlaubsort. Foto: privat

Die Kirchengemeinde in Themar und der Kirchenkreis Hildburghausen haben sich im Vorfeld und während des Konzertes absolut klar und gewaltfrei gegen den Hass und die Hetze, die von dieser Veranstaltung ausgingen, gewandt. Wie richtig und notwendig das war, haben die Berichte zu dem Konzert bestätigt.

Die Einladung der Kirchengemeinde zu einem ökumenischen Friedensgebet am Vorabend des Konzertes hat auch den Menschen, die sich am Veranstaltungstag selbst vielleicht nicht nach Themar gewagt haben, ermöglicht, ihrem Protest und ihrer Bitte um Frieden Ausdruck zu verleihen.

Ich habe großen Respekt vor dem entschiedenen, klaren und selbstverständlichem Engagement der Kirchengemeinde und ihrer Pfarrerin Frau Polster. Gemeinsam mit einem breiten Bündnis sind sie für Demokratie, Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe eingetreten und haben einen Auftrag der Kirche, sich für Frieden einzusetzen, eindrücklich wahrgenommen.

Wie verleben Sie diese Sommertage in Meiningen?
Kühnbaum-Schmidt:
Im vergangenen Jahr haben wir den Sommerurlaub zu Hause in Meiningen verbracht. Das habe ich sehr genossen. Die Stadt bietet viele kulturelle Möglichkeiten, vom Parkgeflüster über das Sommerfestival, Konzertmöglichkeiten oder den Meininger Orgelsommer.

An der Werra spazieren zu gehen oder die schönen Grünanlagen zu genießen, dazu nehme ich mir auch sonst manchmal Zeit. In diesem Jahr allerdings nicht so viel. Das hat auch mit der Zahl 2017 zu tun.

Apropos Reformationsjubiläum: Die Kirchentage auf dem Weg und andere Veranstaltungen zu 500 Jahren Reformation haben viele Menschen bewegt. Auch Nichtchristen?
Kühnbaum-Schmidt:
Die vielen Veranstaltungen – regional und überregio­nal –, in denen wir dieses besondere Ereignis feiern, waren und sind eine Möglichkeit, wie Kirche und Glaube auch für Nichtchristen überhaupt einmal wieder in den Bereich des Möglichen kommen. Ansonsten sind es oft ethische Fragen, aber auch persönliche Begegnungen, die die Frage nach Gott und christlichem Glauben aufwerfen.

Bei den Kirchentagen auf dem Weg war das ja schön zu sehen. Die Veranstaltungen, die draußen angeboten wurden und niedrigschwellig waren, wo es persönliche Begegnungen gab, wo Menschen gemeinsam gegessen haben, feiern und erzählen konnten, Musik erlebt haben, die hatten großen Zulauf. Offensichtlich wurden sie wahrgenommen als willkommene Gemeinschaftserlebnisse ohne große Schwelle.

Wie können die Schwellen und Barrieren abgebaut werden?
Kühnbaum-Schmidt:
Offen zu sein für andere ist wichtig. Ich denke, wir sollten aber auch die Frage klären, wie wir uns als Gemeinschaft zu denen verhalten, die uns, warum auch immer, fernstehen.Wir werden uns in den nächsten Jahren also intensiver mit der Frage nach der Kirchenmitgliedschaft beschäftigen müssen. Gibt es nur die Alternative des Ja oder Nein? Viele Menschen engagieren sich in christlichen Verbänden oder bei Vereinen und diakonischen Einrichtungen, in der Flüchtlingshilfe, einem Kirchbauverein oder Kirchenchor. Nicht immer gehören sie auch formell zur Kirchengemeinde.

Wie können wir ihnen das Gefühl geben, wirklich dazuzugehören? Also nicht sagen, ihr dürft gerne mittun, aber es gibt für euch keine Möglichkeit, auch Rechte wahrzunehmen.

Das würde aber die Kirchenlandschaft wie wir sie kennen, wesentlich verändern. Eine Art neue »Reformation«?
Kühnbaum-Schmidt:
Jedenfalls gehört es für mich ganz klar zum Thema »Die Reformation geht weiter«. Aber das ist kein leichtes Feld. Denn ich verstehe auch, dass Menschen, die zur Kirche gehören, getauft sind und Kirchensteuer bezahlen, fragen: Ist das für die Frage der Kirchenmitgliedschaft denn bedeutungslos? Wenn alle gleich sind, welchen Sinn hat dann die Kirchenmitgliedschaft?

Wir werden also diskutieren müssen: Welche Unterschiede sind nötig und welche sind vielleicht auch nicht nötig? Wie weit können und wollen wir gehen? Gemeinschaft heißt ja nicht, jeder macht sein Ding und dann gucken wir mal, ob und wie das zusammenpasst. Sondern Gemeinschaft – auch in der Kirche – braucht Verbindlichkeit in der Verantwortung füreinander.

Welche Themen beschäftigen Sie darüber hinaus hier vor Ort?
Kühnbaum-Schmidt:
Wir stellen uns im Propstsprengel den gleichen Herausforderungen wie die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM)insgesamt. Dennoch muss ich sagen, dass es im Vergleich in unserem Propstsprengel einen relativ hohen prozentualen Anteil von Kirchenmitgliedern an der Gesamtbevölkerung gibt. Das lässt uns in manchen Bereichen ein bisschen entspannter sein.

Das heißt aber auch, dass es an die Hauptamtlichen im Verkündigungsdienst eine hohe Erwartungshaltung gibt. Eine kirchliche Beerdigung, eine Hochzeit, eine Aussegnung im Sterbefall, die Präsenz – beispielsweise bei der Kirmes und anderen öffentlichen Anlässen – gehört hier selbstverständlicher zum Gemeindeleben dazu als in manch anderen Bereichen der EKM. Dass sie gebraucht werden, bekommen die Pfarrerinnen und Pfarrer, aber auch alle anderen Mitarbeitenden, hier ganz deutlich zu spüren.

Veränderungen, wie zum Beispiel größere Pfarrbereiche oder andere Zusammenlegungen, sind deshalb eine besondere Herausforderung für alle, die das zu schultern haben.

Wie fangen Sie das auf?
Kühnbaum-Schmidt:
Mein Eindruck ist, dass nicht unbedingt die Arbeitsbelastungen allein als anstrengend erlebt werden. Bedrückend ist für viele, dass sie ihre Selbstbestimmung als immer kleiner werdend erleben. Die Freiheit des Dienstes macht zum Beispiel im Pfarramt einen großen Teil der Arbeitszufriedenheit aus.

Genau diese Freiheit ist ja auch Zeichen der Professionalität. Also die Freude und Herausforderung, den Dienst in hoher Eigenverantwortung strukturieren zu können, Schwerpunkte zu setzen und dabei auf die jeweilige Situation vor Ort einzugehen.

Wenn der Eindruck entsteht, dass man in diesen Kernbereichen der eigenen Professionalität zunehmend fremdbestimmt ist, dann ist die Gefahr der Demotivation, der Überforderung oder auch des Burn-outs größer.

Wie können Sie helfen, damit es nicht so weit kommt?
Kühnbaum-Schmidt:
Zunächst einmal bin ich persönlich ansprechbar und aufmerksam. Ich bin regelmäßig in den Konventen, mindestens einmal im Jahr in jedem Hauptkonvent. Wenn es möglich ist, fahre ich auch mit zu Klausurtagungen. Da habe ich einen sehr intensiven Kontakt zu den einzelnen Personen, ihren Fragen und Sorgen.

Natürlich stehe ich auch sonst für Gespräche, Beratung und Besuche zur Verfügung. Ich denke aber auch, dass wir über die sich hier stellenden Fragen nicht nur als sich individuell stellende Fragen nachdenken müssen, sondern auch strukturell. Also beispielsweise dazu, was Pfarramt heute bedeutet. Und ich bin deshalb sehr froh, dass das Personaldezernat an dieser Thematik ganz dicht und konzentriert arbeitet.

Wo kommen Sie zur Ruhe?
Kühnbaum-Schmidt:
Sehnsuchtsort für mich persönlich ist immer das Meer. Sei es Nord- oder Ostsee. In diesem Jahr fahren wir wieder an die Ostsee. Schon der Weg dorthin – dieses Mal zum Mönchgut auf Rügen – bringt für mich den ersten Abstand.

Und was genießen Sie im Ostseeurlaub besonders?
Kühnbaum-Schmidt:
Strandspaziergänge, im Meer baden, Fahrradfahren, Lesen. Und ich genieße es sehr, wenn ich mit meinem Mann ganz klassisch und auch ein bisschen kitschig den Sonnenuntergang am Strand erleben kann. Wenn wir dort an einem lauen Sommerabend noch ein Glas Wein zusammen trinken, dann ist das ein perfekter Tag. Da bin ich furchtbar romantisch.

Bleibt denn das Handy auch zu Hause?
Kühnbaum-Schmidt:
Das Handy kommt mit. Aber ich vertraue darauf, dass es genug Gegenden gibt, wo man kaum Empfang hat.

Kristina Kühnbaum-Schmidt stammt aus Sickte bei Braunschweig. Nach ihrem Theologiestudium hat sie als Vikarin und Pfarrerin in Braunschweig gearbeitet. Die Landessynode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) wählte sie im November 2012 zur Regional­bischöfin des Propstsprengels Meiningen-Suhl.
Seit Mai 2013 ist sie Pröpstin der sieben Südthüringer Kirchenkreise der EKM und damit die einzige Frau in dieser Position. Außerdem ist sie Mitglied der Kirchenleitung der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) und Sprecherin beim Wort zum Tag »Augenblick mal« im MDR.
Kristina Kühnbaum-Schmidt ist verheiratet und hat eine Tochter.

Wir sind »intensiv evangelisch«

31. Juli 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Die 122. Allianzkonferenz in Bad Blankenburg ist die erste für Ekkehart Vetter als Vorsitzender der Deutschen Evangelischen Allianz (DEA). Willi Wild sprach mit ihm über Einheit, Konflikte, Reformation und Thüringer Bratwurst.

Herr Vetter, Sie stehen einem Verband vor, der als Mitbegründer der Pfingstbewegung in Deutschland gilt, und man bezeichnet den Mülheimer Verband auch als einen Zusammenschluss evangelikal-charismatischer Gemeinden, was bedeutet das?
Vetter:
Der Begriff »evangelikal« ist umstritten, je nachdem, was man damit verbindet. »Evangelikal« kommt von Evangelium. Die Bundeskanzlerin hat einmal gesagt, das seien Menschen, die intensiv evangelisch sind. Das ist zwar keine theologische Definition, aber durchaus zutreffend. Also Menschen, denen es um das Evangelium geht, um das Wort Gottes.

Charismatisch kommt vom griechischen Charisma und meint Gnadengabe. Da geht es um Menschen, die besonders nach dem Heiligen Geist fragen und um geistliche Erlebnisse mit dem Heiligen Geist bitten. Beides zusammen ergibt dann diese evangelikal-charismatische Mischung. Der Mülheimer Verband ist übrigens eine Freikirche, die anderen Freikirchen evangelischen Bekenntnisses sehr ähnlich ist.

Bislang war die Allianzkonferenz in Bad Blankenburg keine charismatisch geprägte Veranstaltung, sondern ein klassisches Glaubensfest. Wollen Sie das ändern?
Vetter:
Wir sind als Evangelische Allianz zusammen unterwegs und haben gemeinsame geistliche Ziele. Die unterschiedliche Prägung und Glaubensstile stehen nicht im Vordergrund. Als Konferenzgemeinde sollten wir nicht auf vielleicht unterschiedliche Prägungen schauen, sondern wo wir gemeinsam hinwollen.

Wer oder was ist die Evangelische Allianz überhaupt?
Vetter:
Sie ist 1846 in England gegründet worden, und die deutschen Teilnehmer an dieser Gründungskonferenz haben sich darauf verständigt, diese Bewegung auch nach Deutschland zu bringen. Heute handelt es sich um eine globale Bewegung. Früher nannte man das einen Bruder- oder Geschwisterbund von evangelischen Christen. Heute sprechen wir von einem Netzwerk evangelisch gesinnter, dem Evangelium verpflichteter Christen.

»Evangelisch« in unserem Namen ist eben keine konfessionelle, sondern eine inhaltliche Aussage. Darum sind wir natürlich auch ökumenisch. Auch katholische Christen fühlen sich hier und da der Allianz zugehörig. Wir haben eine gemeinsame Glaubensbasis.

Wozu braucht es diese Allianz, wenn im Prinzip unter Christen Glaubenskonsens herrscht?
Vetter:
Die Evangelische Allianz hat fünf Ziele: Wir wollen die Einheit unter Christen fördern. Wir wollen Bibelbewegung und Gebetsbewegung sein. Wir wollen Mission und Evangelisation in unserem Land fördern. Und wir wollen gesellschaftspolitische Verantwortung wahrnehmen und öffentlich für die biblische Ethik einstehen, von der wir überzeugt sind, dass sie nicht nur für Christen verbindlich ist, sondern auch für das Miteinander in einer Gesellschaft hervorragende Grundsätze liefert.

Um die Einheit innerhalb der Leitung der Evangelischen Allianz stand es in der jüngeren Vergangenheit nicht zum Besten. Bei den Themen Umgang mit Homosexualität oder Bibeltreue gab es deutlich Dissens und sogar eine Abspaltung. Wie wollen Sie hier wieder die Einheit herstellen?
Vetter:
Sie haben noch ein paar andere kontroverse Themen vergessen: Der Klassiker ist das Thema Taufe, überhaupt das Sakramentsverständnis, das Gemeindeverständnis.

Wir sind uns in der Allianz längst nicht in allen Fragen einig. Darum geht es aber auch gar nicht. Wir wollen gemeinsame Ziele fördern. Über strittige Fragen diskutieren wir miteinander und suchen nach gemeinsamen Positionen.

Die Evangelische Allianz ist keine Kirche. Wir wollen Gemeinsamkeiten betonen, ohne die unterschiedlichen Prägungen zu verleugnen. Abspaltungen von der Allianz gab es übrigens keine.

Ekkehart Vetter auf der Terrasse des Allianzhauses in Bad Blankenburg. Foto: Willi Wild

Ekkehart Vetter auf der Terrasse des Allianzhauses in Bad Blankenburg. Foto: Willi Wild

Die Allianz-Gebetswoche ist die zentrale Veranstaltung, zu der unterschiedliche Gruppen, Gemeinden und Kirchen zusammenkommen. Welche Bedeutung hat das Gebet in unserer aufgeklärten Welt?
Vetter:
Ich weiß, dass ganz viele Menschen beten. Oft fehlt der Zugang zu den kirchlichen Formen. Hier brauchen wir größere Flexibilität. Es gibt in der Bevölkerung eine Sehnsucht nach Kontakt mit Gott. Ich habe mal eine Anhalterin mitgenommen. Als ich sie fragte, ob sie bete, sagte sie: Na klar, jeden Morgen und jeden Abend. Zu Kirche hatte sie praktisch keinen Bezug.

Wir sollten uns um Formen bemühen, die für Menschen zugänglich sind. Das Gebet ist eine Lebensäußerung von uns Christen. Auch Skeptiker und Zweifler wenden sich an Gott mit ihren Fragen.

Ist Meditation die attraktivere Alternative zum Gebet?
Vetter:
Es gibt sicher Schnittmengen. Man kann gut biblische Texte, Psalmen meditieren. Psalmen sind uralte Gebete. Gebete können auch gesungen werden. Ich denke an Taizé-Gesänge oder die Lieder der charismatischen Bewegung.

Gebete in den unterschiedlichen Formen sind eine Herzensangelegenheit. Nehmen Sie die Gospelmusik. Da wird zigmal die gleiche Liedzeile wiederholt. Aber viele freuen sich, wenn der Chor vorne steht. Wir brauchen mehr Emotionen im Glauben. In anderen Ländern scheint das den Menschen schon in die Wiege gelegt.

In Kirche und Medien werden die Evangelikalen oft in eine politisch rechte Ecke gesteckt. Wie gehen Sie damit um?
Vetter:
Ich denke, da muss man differenzieren. Rechtspopulistische oder gar rechtsradikale, fremdenfeindliche Äußerung passen nicht zu einer wertkonservativen, evangelikalen Lebenshaltung. Beispielsweise haben wir bereits vor der großen Flüchtlingswelle die Schrift »Fremde willkommen« verabschiedet. Wir orientieren uns an der Bibel und dort ist eindeutig die Rede von Fremdenliebe und nicht Fremdenhass. Das ist unser Maßstab.

Wie stehen Sie zur AfD?
Vetter:
Die Evangelische Allianz ist ein Netzwerk. Wir fragen keine politische Gesinnung ab und sind nicht dazu da, politische Parteien als Ganzes zu werten. Wer sich auf der Basis des Evangeliums bewegt, ist herzlich willkommen. Wer Werte außerhalb biblischer Normen vertritt, wird von uns Widerspruch, aber gern auch Dialog angeboten bekommen, unabhängig von Parteienzugehörigkeit.

Meine Stimme bekommt die AfD nicht. Es gibt aus dem AfD-Kontext viel zu viele hochproblematische Äußerungen zu unterschiedlichen Themen.

Welches Verhältnis haben Sie als Vertreter einer Freikirche zur Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)?
Vetter:
Die Evangelische Allianz ist seit jeher eine Gemeinschaft von Christen, die verschiedenen Kirchen und Werken angehören. Aber das ist für uns nicht entscheidend. Maßgeblich ist die Bereitschaft, gemeinsam geistliche Anliegen zu bewegen.

Ihr Vorgänger Michael Diener hatte es als Mitglied des Rates der EKD sicher leichter.
Vetter:
Er gehört ja nach wie vor zum Hauptvorstand der Evangelischen Allianz und hat nach wie vor viele Möglichkeiten, unsere Themen und Inhalte an verschiedenen Stellen einzubringen. Er war ja nicht Mitglied des Rates der EKD und hat dann die ehrenamtliche Leitungsaufgabe bei uns angenommen, sondern es war umgekehrt. Und wegen der damit verbundenen Fülle von Aufgaben hat er dann bei uns sein Leitungsamt niedergelegt.

Ich glaube, dass das Miteinander der Christen unabhängig von den Funktionen klappen muss.

Das Thema der Allianzkonferenz ist »reform.aktion«, in Anlehnung an 500 Jahre Reformation. Was haben Sie als Freikirchler mit Luther am Hut?
Vetter:
Na, wir sind auf dem Boden der Reformation. Wir sind Kinder und Enkelkinder der Reformation. Dabei bitte ich auch zu bedenken: Bei aller Wertschätzung von Martin Luther – er war ja nicht der einzige Reformator. Reformatorisch ist nicht einfach gleich lutherisch. Da gab es und gibt es eine viel größere konfessionelle reformatorische Breite.

Freikirchler gestalten ihre Theologie und Praxis oft eher in einer reformierten Tradition. Aber die vier Soli der Reformation – solus Christus, sola scriptura, sola gratia, sola fide – sind in den Freikirchen ebenso bestimmend und prägend. Es geht uns an der Stelle weniger um Reformation, sondern um die geistlichen Inhalte.

Bei der Allianzkonferenz geht es inhaltlich um Texte aus dem Römerbrief. Was ist Ihnen dabei wichtig?
Vetter:
Das Motto »reform.aktion« klingt vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig, aber es umschreibt den Schwerpunkt: Was wird denn konkret aus den in Römer 1–8 aufgezeigten theologischen Grundlagen in unserem persönlichen Leben, aber auch in der Haltung zu Israel, in der Einstellung zu unserem Staat oder im Blick auf das Miteinander der Christen?

Ist die Evangelische Allianz reformbedürftig?
Vetter:
Sicher. Wir sind alle immer reformationsbedürftig. Wir müssen uns mehr um junge Leute bemühen. Das gilt sicher für die Konferenz, aber auch weit darüber hinaus, nämlich für die circa 1000 Orte in Deutschland, wo sich Christen unter der Überschrift »Evangelische Allianz« treffen. Wir müssen uns auch über die Zukunft der Allianzkonferenz und ihre Ausrichtung Gedanken machen. Geistliches Leben lässt sich nicht einfach vererben.

Hundert Jahre lang ist das Konzept aufgegangen. Ist die Allianzkonferenz ein Auslaufmodell?
Vetter:
Das intensive Arbeiten an und mit der Bibel ist und bleibt ein wesentliches Markenzeichen der Allianz. Es kann nicht zur Debatte stehen. Aber das befreit uns natürlich nicht davon, immer wieder neu zu überlegen, wie und in welcher Form wir das in Zukunft tun wollen und können und Menschen damit angesteckt werden.

Inwieweit kennen Sie sich als gebürtiger Norddeutscher mit den Gepflogenheiten im Thüringer Wald in Bad Blankenburg aus?
Vetter:
Thüringer Bratwurst ist ein Muss. Ich habe familiäre Bindungen in den Osten, allerdings eher nach Sachsen. Bereits zu DDR-Zeiten war ich regelmäßig im Großraum Chemnitz, damals noch Karl-Marx-Stadt. Durch meine häufigen Aufenthalte im Evangelischen Allianzhaus bin ich mit den regionalen Besonderheiten im Thüringer Wald vertraut.

Gehört im Reformationsjahr dazu: Ihr Lieblings-Luther-Zitat?
Vetter:
»Das Wort Gottes ist wie ein Kräutlein, je mehr du es reibst, desto mehr duftet es.«

Was haben Sie sich für Ihre Amtszeit vorgenommen?
Vetter:
Ich will meinen Beitrag leisten, die Einheit der Christen voranzutreiben, aus mindestens zwei Gründen: Erstens hat Jesus dafür gebetet! Wenn es ihm ein so starkes Anliegen war, dann muss es für mich auch ein sehr wichtiges sein. Und zum Zweiten können wir Christen die Herausforderungen in unserer Zeit nur gemeinsam schultern.

Ekkehart Vetter studierte Evangelische Theologie in Hamburg und war ab 1983 zunächst Vikar und dann Pfarrer in Stade. 1993 wurde er Hauptpfarrer der Christus-Gemeinde in Mülheim an der Ruhr, die zum Mülheimer Verband Freichristlich-Evangelischer Gemeinden gehört, dessen Präses er seit 2003 ist. Zwischen 2011 und 2014 war Vetter im Vorstand der Vereinigung Evangelischer Freikirchen. Vetter gehört seit 2004 dem Vorstand der DEA an, seit 2012 war er deren 2. Vorsitzender. 2017 trat er die Nachfolge von Michael Diener im Amt des Vorsitzenden an. Vetter ist der erste Allianzvorsitzende aus der pfingstkirchlich-charismatischen Bewegung. Er ist seit 1978 mit seiner Frau Sabine verheiratet. Das Paar hat sechs Kinder und elf Enkel. (G+H)

Haushalten und Mund halten

10. Juli 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Gender: Die Reformation wurde wesentlich vom Engagement religiöser Laien getragen. Auch Frauen bekamen am Beginn des 16. Jahrhunderts neue Möglichkeiten. Leider nur für kurze Zeit.

Ein Zeitgenosse urteilte über Elisabeth von Sachsen (1502–1557): »Die hertzogin von Rochlitz treibt viel unnutz gewesch.« Der Satz kann exemplarisch dafür stehen, wie das Handeln der Frauen zu Beginn der Frühen Neuzeit gesehen wurde, die sich über das hinwegsetzten, was die Gesellschaft für sie vorsah: haushalten und Mund halten.

Die verwitwete Elisabeth erlaubte ab 1537 in ihrem Wittum Rochlitz Priesterehe und evangelisches Abendmahl, während im albertinischen Sachsen erst nach dem Tod des altgläubigen Herzogs Georg 1539 die Reformation eingeführt wurde. Lange Zeit sei Elisabeth fast vergessen worden, so der Dresdner Historiker und Theologe Jens Klinger. Zurzeit werde ihre über 2 000 Briefe zählende Korrespondenz ediert und ihr Leben weiter erforscht. In ihrem Wittum habe sie auf reformatorische Bestrebungen aufbauen können, die es dort ab 1523 gab, so Klinger. Zudem sei sie von ihrem Bruder, dem mächtigen Landgrafen Philipp von Hessen, unterstützt worden. Jedoch habe Elisabeth in Konfessionsfragen eine eigene Meinung besessen, die sie auch deutlich vertrat.

Das Frauenmuseum in Bonn widmet sich bis 31. Oktober der weiblichen Seite der Reformation. Die Ausstellung »Katharina von Bora – von der Pfarrfrau zur Bischöfin« zeichnet den Weg zur Gleichberechtigung in der evangelischen Kirche nach. – Foto: epd-bild

Das Frauenmuseum in Bonn widmet sich bis 31. Oktober der weiblichen Seite der Reformation. Die Ausstellung »Katharina von Bora – von der Pfarrfrau zur Bischöfin« zeichnet den Weg zur Gleichberechtigung in der evangelischen Kirche nach. – Foto: epd-bild

So wie Elisabeth ging es vielen Frauen. Sie wurden angefeindet und später vergessen. Trotz der starken gesellschaftlichen Veränderungen in der Frühen Neuzeit blieben die Möglichkeiten von Frauen begrenzt. Erst Jahrhunderte später sollte sich das ändern.

Je mehr aber die Reformation zur Institution wurde, desto mehr wurden Akteurinnen wieder an den Rand gedrängt, so die Historikerin und Geschlechterforscherin Eva Labouvie bei der Eröffnung einer Tagung unter dem Thema »Glaube und Geschlecht – Gender Reformation« an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Zudem sei die Aufwertung der Ehe durch Martin Luther mit der Abwertung anderer Lebensformen einhergegangen und mit einer Verhäuslichung des weiblichen Lebens mit ihren bis heute spürbaren Folgen. Auch die Auflösung der Klöster sei als ambivalent anzusehen.

Maria Jepsen, vor 25 Jahren zur ersten lutherischen Bischöfin der Welt gewählt, erinnerte daran, dass die Kirchenleitung und das Lehren über Jahrhunderte in Männerhand gelegen haben. »Frauen hatten zu schweigen und sich unterzuordnen«, so die Theologin. Nicht nur die Frauen der Reformationszeit, auch die der frühen Kirche seien vergessen worden. Aber man müsse »nur graben und dann wird man Schätze im Acker finden«. Die Reformation sei eben eine Reformation gewesen und keine Revolution. Veränderungen der patriarchalischen Ordnung habe es erst nach der Aufklärung gegeben. Die Frauenbewegung des 19. und 20. Jahrhunderts habe dann auch die Kirchen verändert. Heute müsse man aufpassen, dass nicht wieder der Pragmatismus siegt, dass offene und versteckte Diskriminierung nicht fortgesetzt würde, so die Theologin Jepsen.

Heide Wunder ist eine der ersten Historikerinnen in Deutschland, die die Geschlechtergeschichte erforschte. »Die Folgen der Reformation für die Geschlechtergeschichte sind gravierend, aber umstritten«, sagte sie, denn die Reformation habe die Rechtsperson des Ehemannes gestärkt. Aus der behaupteten Inferiorität des weiblichen Geschlechts folgte die Unterordnung unter den Mann. Für Luther sei die Ehe zwar nicht mehr heilig, sondern ein »weltlich Ding« gewesen, zugleich habe er aber die Ehe als Lebensform aufgewertet. Zwar hatte die Frau als Hausmutter eines christlichen Haushaltes auch Teil an der Macht, war aber trotzdem dem Mann zum Gehorsam verpflichtet und sollte auch Züchtigungen klaglos hinnehmen. In evangelischen wie katholischen Ehen wollten die Frauen jedoch Bildung und ein »tätiges Leben in der Welt«, so die Hochschullehrerin im Ruhestand.

Dorothee Kommer, Pfarrerin aus Haigerloch in Württemberg, stellte Frauen als Verfasserinnen reformatorischer Flugschriften vor. 19 Schriften sind bekannt. Viele davon schrieb die bayrische adelige Argula von Grumbach (um 1492–1568). Sie und Ursula Weyda (1504–1565) aus Altenburg seien die ersten namentlich bekannten Autorinnen von Flugschriften gewesen. Dafür seien sie Anfeindungen ausgesetzt gewesen. Dennoch: »Frauen traten in die Öffentlichkeit und durchbrachen damit die Rollenbilder ihrer Zeit«, so Dorothee Kommer.

Lyndal Roper, Historikerin aus Oxford, verwies auf die in den Tischreden Martin Luthers überlieferten Scherze, die oft auf Kosten von Frauen gingen. Diese würden ihren Leistungen nicht gerecht – auch nicht denen seiner Frau Katharina. Es bestehe ein krasser Widerspruch von Luthers Theologie, in der die prinzipielle Gleichheit zwischen Frau und Mann herrsche, sowie schriftlichen Zeugnissen der Reformatoren über Frauen.

Anne Conrad, Historikerin und katholische Theologin aus Saarbrücken, nahm die Folgen der Klosteraustritte von Frauen und Männern in den Blick. »Der Austritt aus dem Kloster war eine existenzielle Gewissensentscheidung«, so Conrad. »Kritik und gesellschaftliche Ausgrenzung waren oft die Folgen.« Ein Gewinn sei der Austritt aus dem Kloster wohl für solche Frauen und Männer gewesen, die dorthin gezwungen worden waren. Die reformierte Theologin Marie Dentière (1495–1561) schrieb, dass sie erst durch den Austritt aus dem Kloster »zum hellen Licht der Wahrheit gelangt« sei. Ob andere ehemalige Nonnen und Mönche das auch so gesehen haben, lässt es zumindest für einige fraglich erscheinen.

Angela Stoye

Christenlehre für Iraner

20. Juni 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Flüchtlingsgeschichte: Sie wirkt bei vielen reformierten Gemeinden bis heute nach

Ausgerechnet im Dom zu Halle, dem Schmuckkästchen von Luthers Gegner Kardinal Albrecht, haben die Reformierten im 17. Jahrhundert ihre Heimat gefunden. Die Geschichte der evangelisch-reformierten Gemeinde ist eine Geschichte von Flucht und Vertreibung. Nachdem die Hugenotten von Frankreich auch nach Halle geflohen waren, überließ ihnen der »Große Kurfürst« Friedrich Wilhelm von Brandenburg 1688 den Dom »zur ewigen Nutzung«. Heute, fast 330 Jahre später, nimmt die Gemeinde selbst Flüchtlinge auf – aus dem Iran und Afghanistan.

»Die Ernsthaftigkeit, mit der diese jungen Menschen ihrer Taufe begegnen, berührt mich und viele andere in unserer Gemeinde«, sagt Jutta Noetzel, Pfarrerin der Domgemeinde und Senior des reformierten Kirchenkreises der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Viele Täuflinge empfinden die Aufnahme in die christliche Gemeinschaft als Start in ein neues Leben. Zum Teil hatten sie sich im Iran bereits einer christlichen Hauskirche angeschlossen. Manche sind auf der Flucht konvertiert. Andere haben sich in Deutschland dazu entschlossen. Auf die Konversion steht im Iran die Todesstrafe. Oft ist sie zudem mit Verwerfungen in den Familien verbunden.

Das Bekenntnis ist ein Ja zum Christentum, aber auch ein Nein zu einer religiös-fundierten Ideologie, eine Absage an das totalitäre und brutale Regime im Iran. Die Bergpredigt, besonders die Seligpreisungen, seien für viele der Iraner wichtige Texte.

Vor allem bei Geflüchteten, die sich in Deutschland taufen lassen, hinterfragt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) die Motivation. In etlichen Fällen wird sie als »selbst verschuldeter Nachfluchtgrund« eingestuft. Zu den »Glaubensprüfungen« des Bamf sagt Jutta Noetzel: »Es ist eine pfarramtliche Aufgabe, die Taufe zu verantworten.«

Seit etwa zwei Jahren ist die Domgemeinde Anlaufstelle für christliche Flüchtlinge. Das war nicht forciert. Es ergab sich. Diakonische Aufgaben waren selten und sind bis heute zweitrangig, der Taufwunsch stand stets im Vordergrund. Mittlerweile bietet die Gemeinde »Christenlehre für Iraner« an. Jeden Donnerstag treffen sie sich mit Pfarrerin Noetzel, um mithilfe des Übersetzers Vahid Shahidifar über den christlichen Glauben zu sprechen und die Bibel zu lesen.

Flüchtlingsherberge: Jutta Noetzel vor dem Dom in Halle. Bereits 1688 überließ Friedrich Wilhelm von Brandenburg das Gotteshaus den reformierten Glaubensflüchtlingen aus Frankreich. Foto: Katja Schmidtke

Flüchtlingsherberge: Jutta Noetzel vor dem Dom in Halle. Bereits 1688 überließ Friedrich Wilhelm von Brandenburg das Gotteshaus den reformierten Glaubensflüchtlingen aus Frankreich. Foto: Katja Schmidtke

Dabei kommen bestimmte Themen immer wieder zur Sprache, etwa die Frage nach der Gottessohnschaft Jesu und der Zusammenhang von Altem und Neuem Testament. Der Iran lehnt Israel ab, es gibt dort einen scharfen Antisemitismus. »In dieser Kultur sind sie groß geworden. Wir machen deutlich, dass wir Antisemitismus radikal ablehnen. So steht es auch in unserer Kirchenverfassung.« Vor allem komme es auf eine persönliche Haltung zum Glauben an und darauf, Pluralität zu akzeptieren. Eine feste Gruppe von bis zu 20 Leuten komme regelmäßig – auch in die Gottesdienste. Um sie zu integrieren, wird eine der Lesungen auf Farsi gehalten. Auch ein Handzettel zum Gottesdienstablauf ist in Vorbereitung.

In der 250 Menschen zählenden Domgemeinde sei aufgrund der eigenen Flüchtlingsgeschichte die Akzeptanz groß, erzählt Pfarrerin Noetzel. Die jungen Flüchtlinge brechen radikal die Altersstruktur auf. Das Gemeindeleben sei offener und lebendiger geworden. Am Heiligabend gab es ein gemeinsames Essen: Gans, nach persischem Rezept.

Katja Schmidtke

Die unsichtbare Kraft, die Leben schafft

12. Juni 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Heilige Geist, die dritte Person der göttlichen Trinität

Sie treibt Windmühlen, trägt Flugzeuge, polstert Matratzen und lässt Räder rollen. Sie dringt in unsere Lungen und versorgt unser Blut mit Sauerstoff. Ohne sie ist Leben nicht möglich. Und doch ist sie – scheinbar – nichts: die Luft.

Ein Element, das nicht zu fassen ist. Nicht sichtbar, nicht hörbar, nicht fühlbar. Erst wenn es auf Widerstand trifft, wird deutlich: Da ist etwas. Eine Masse, in der ausreichend Kraft steckt, um Propeller anzutreiben, Wasserflächen aufzupeitschen oder große Kirchenorgeln zum Brausen zu bringen. Eine gewaltige Energie – und dabei so geheimnisvoll.

Kein Wunder, dass die ersten Christinnen und Christen dieses Phänomen als Bild herangezogen haben für eine Kraft, die ähnlich unfassbar ist: den Heiligen Geist. Von dem hatten sie nach Jesu Himmelfahrt zunächst auch nichts gespürt. Traurig und ratlos hatten sie beieinandergesessen. Und dann kam er ganz plötzlich, wie ein Gewittersturm. Wirbelte Freude, Zuversicht, Begeisterung durch den Raum und trieb die Jüngerinnen und Jünger nach draußen. So gewaltig war diese Kraft, dass sie nicht mehr schweigen konnten davon, was es heißt, zu diesem Gott, zu diesem Jesus zu gehören. Eine verrückte Erfahrung. Nicht zu fassen. Und so ist es geblieben bis heute.

Durch all die Jahrhunderte, die die Kirche jetzt alt ist, gab es diese Erfahrung immer wieder, für einzelne Gläubige wie auch für Gemeinden oder ganze Kirchen: Erst herrscht Ruhe. Man hat es sich bequem gemacht in seinem Glauben, seinen Formen, seinen Traditionen. Alles ist gut – aber um Neues auszuprobieren, fehlt der Antrieb. Von Begeisterung keine Spur.

Bis von irgendwo der Geist im Sturm kommt und die dicke Luft durcheinanderwirbelt, Menschen nach draußen treibt, ihnen neue Fantasie, Hoffnung und Mut schenkt. Plötzlich ist die Energie wieder da. Totgeglaubtes erwacht zu neuem Leben. Türen werden aufgerissen, Fremde hereingebeten, es wird gebetet und gefeiert.

Manche dieser Aufbrüche geschehen im Kleinen und werden nur von wenigen wahrgenommen; andere sind zu Meilensteinen geworden: die Reformation, die Gründung des Ökumenischen Rates der Kirchen, die Kirchentags-Bewegung. Zuvor Undenkbares wurde gedacht, Grenzen wurden überwunden, Frieden wurde möglich, weil Christinnen und Christen sich vom Geist bewegen ließen.

Warum der Geist kommt? Und wann? Das wissen wir nicht. Wir können ihn nicht herbeizwingen, höchstens herbeibitten. Aber vieles spricht dafür, dass es beim Geist ähnlich ist wie bei der Luft: Die spürt man kaum, wenn man stillhält. Sobald man sich aber in Bewegung setzt, nimmt man sie wahr.

Wer den Heiligen Geist erfahren will, sollte also losgehen. Vielleicht in Richtung der nächsten Kirche, des nächsten Gemeindefestes, des nächsten Kirchentags. Dabei alle Sinne wachhalten. Wer weiß, was passiert.

Anke von Legat

Große Bühne für die Reformation

22. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Drei, zwei, eins und … los! Jetzt heißt es »Bühne frei« für die Weltausstellung Reformation in Wittenberg.

Noch in der letzten Woche brauchte man viel Vorstellungskraft, um zu erahnen, was hinter den Bauzäunen entsteht. Aus Holz und Stahl und Lehm wuchsen in der Lutherstadt Pavillons und Bühnen. Für mehr als 100 Veranstaltungen pro Woche sollen sie vom 20. Mai bis 10. September Platz bieten für Gottesdienste und Podiumsdiskussionen, Workshops, Klassik- und Popkonzerte. Zum Startschuss der Weltausstellung anlässlich des 500. Reformationsjubiläums will die Wittenberger Altstadt von sieben Themengebieten umgeben sein, den »Toren der Freiheit«.

Eine Freiluftausstellung entlang der Altstadtgrenzen Wittenbergs lenkt ab dem 20. Mai den Blick auf die historischen Ereignisse und ihre Folgen bis in die Gegenwart. Bei der Weltausstellung Reformation dienen sieben »Tore der Freiheit« bis Mitte September als Präsentationsfläche für mehr als 80 Aussteller. Kirchen und Organisationen aus aller Welt fragen dabei nach den Herausforderungen unserer Zeit und laden zum Informieren, Mitdiskutieren und Feiern ein. Illu: r2017/G+H

Eine Freiluftausstellung entlang der Altstadtgrenzen Wittenbergs lenkt ab dem 20. Mai den Blick auf die historischen Ereignisse und ihre Folgen bis in die Gegenwart. Bei der Weltausstellung Reformation dienen sieben »Tore der Freiheit« bis Mitte September als Präsentationsfläche für mehr als 80 Aussteller. Kirchen und Organisationen aus aller Welt fragen dabei nach den Herausforderungen unserer Zeit und laden zum Informieren, Mitdiskutieren und Feiern ein. Illu: r2017/G+H

Wer am Hauptbahnhof mit dem Rundgang durch die ehemaligen Wallanlagen um die Lutherstadt startet, kann sich von der größten erklimmbaren Bibel der Welt aus einen Überblick verschaffen. Die Treppe im Turminneren bringt die Gäste im Zickzack dem Himmel näher und soll ihnen einen Perspektivwechsel ermöglichen. Auch der Platz für den Truck des Europäischen Stationenweges ist im Willkommensbereich vorgesehen. Er zeigt Reformationsgeschichten, die er aus verschiedenen Ländern mit nach Wittenberg bringt.

Daneben schicken alle Stationen der vergangenen Monate Städtebanner nach Sachsen-Anhalt. Von ihnen wird der Fußweg vom Bahnhof in die Innenstadt flankiert.

Zu den Themen Spiritualität, Jugend, Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung, Globalisierung, Kultur sowie Ökumene und Religion haben Institutionen aus Politik und Gesellschaft verschiedene Orte zum Innehalten, Lernen und zum Austausch geschaffen, zum Beispiel das »House of One« als interreligiöses Begegnungszentrum oder die Stege am Bunkerberg neben dem Lutherhaus zur Selbsterfahrung und Meditation.

Auch Landeskirchen aus dem Verbund der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) tragen mit eigenen Projekten zur Weltausstellung bei. So lassen die Bayern im Torraum Ökumene einen Garten entstehen, der aus jedem Jahrhundert seit Martin Luther einen Reformator der bayerischen Kirchengeschichte vorstellt. Hannover schafft einen »Erlebnis-Raum«, in dem sich Besucher mit der Bedeutung der Taufe auseinandersetzen und an ihr eigenes Christwerden erinnern lassen können.

Einen weiteren Erlebnisraum bietet die Landeskirche Hessen und Nassau rund um das Thema »Segen«. Neben ihrer preisgekrönten »LichtKirche«, die für Trauungen und Taufen gebucht werden kann, soll im Torraum Globalisierung der Segens-Roboter »BlessU-2« zur Diskussion anregen.

Dienstags ist Ruhetag auf der Welt­ausstellung, was aber keine Langeweile bedeutet. Vier Besuchermagnete der Lutherstadt werden durchgehend geöffnet sein: das Riesenrad »Zwischen Himmel und Erde« in den südlichen Wallanlagen dreht sich für Aussichts- und Gesprächssuchende gleichermaßen, denn auf Wunsch steigt ein Seelsorger mit in die Gondel. Yadegar Asisis Panorama »Luther 1517« lädt zu einem Rundgang durch das damalige Wittenberg ein. Und auch die beiden Kunstausstellungen (»Luther! 95 Schätze – 95 Menschen« mit der Mitmachausstellung »Der Mönch war’s!« sowie »Luther und die Avantgarde«) am Ost- und Westende der Altstadt haben Dauerbetrieb.

Christina Özlem Geisler (epd)

Intellektueller Kopf der Reformation

16. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Ohne Philipp Melanchthon gäbe es die evangelische Kirche nicht

Wittenberg, 29. August 1518. Der größte Hörsaal der Universität ist überfüllt. Die Studenten warten auf ein Wunderkind, das ihr neuer Professor sein soll. Erst 21 Jahre ist er alt, dieser Philipp Melanchthon (1497–1560), und schon zum Lehrstuhlinhaber für griechische Sprache ernannt. Ein sagenhafter Ruf eilt ihm voraus. Ein kleines Männchen erklimmt den Katheder, schüchtern und mit hängenden Schultern. Leise, stockend beginnt der knabenhafte Professor zu reden, einen Sprachfehler hat er auch.

Was er zu sagen hat, reißt die Hörer mit. »Zu den Quellen«. Zurück zum Urtext der Bibel. Das ist – bereits in der allerersten Vorlesung – das Programm für eine Revolution des ganzen Bildungswesens. Auch Melanchthons vierzehn Jahre älterer Kollege Martin Luther, in Wittenberg Professor für biblische Theologie, ist fasziniert.

Das war der Beginn einer nicht gerade überschwänglichen, aber beständigen Freundschaft. Die beiden Männer waren in ihrer Persönlichkeit denkbar verschieden: Luther der stürmische Kraftmensch, der gern mit dem Kopf durch die Wand wollte, hitzig, reizbar, cholerisch, in seinen Attacken oft maßlos übertreibend. Melanchthon vorsichtig, stets auf Ausgleich bedacht, klug abwägend, aber auch ängstlich und risikoscheu. Bei der Motivation aber war dieselbe: die leidenschaftliche Sehnsucht nach einer geläuterten, zum Ursprung zurückgeführten Kirche, und die Liebe zur Bibel, die wieder zum alleinigen Maßstab christlicher Lehre werden sollte.

Philipp Melanchthon ist jener messerscharfe Denker gewesen, der die luthersche Vision mit humanistischer Gelehrsamkeit verbunden und damit den reformatorischen Ideen ihre solide gedankliche Basis gegeben hat.

Melanchthon war es, der Luther zu seiner Bibelübersetzung anregte. Es war Melanchthon, der die reformatorische Theologie in geschliffenen wissenschaftlichen Abhandlungen verteidigte, bei Religionsgesprächen und auf Reichstagen als Wortführer der Protestanten auftrat und die ersten Bekenntnisschriften verfasste. Die Reformation hatte ja erst begonnen, die alte römische Kirche und die neue protestantische Bewegung waren noch nicht getrennt, und es gab intensive Diskussionen über die richtige Lehre.

1521 landete er einen theologischen Bestseller. Das waren seine »Loci communes«, auf Deutsch könnte man »Theologische Grundbegriffe« sagen. Das beherrschende Thema in dieser griffigen, systematischen Zusammenfassung reformatorischer Theologie: Der Glaube allein macht selig. Melanchthon hatte unzweifelhaft seinen eigenen Kopf. Doch gerade weil er nicht einfach der unkritische Parteigänger einer bestimmten Richtung war, konnte er bei den vom Kaiser und von Rom veranstalteten Religionsgesprächen als idealer Vermittler dienen.

Das Denkmal des Reformators Philipp Melanchthon auf dem Marktplatz der Lutherstadt Wittenberg. Foto: epd-bild

Das Denkmal des Reformators Philipp Melanchthon auf dem Marktplatz der Lutherstadt Wittenberg. Foto: epd-bild

Einen ersten Höhepunkt erreichten die zähen Verhandlungen auf dem Reichstag von Augsburg 1530: Kaiser Karl V. wollte hier endlich einen Ausgleich zwischen den Religionsparteien herbeiführen. Alle Kräfte im Reich sollten einig sein, denn die Türken standen vor den Toren. Mit einem von ihm redigierten Kompromisspapier gelang es Melanchthon, zumindest die verschiedenen Fraktionen der Reformation unter einen Hut zu bringen. Dieses »Augsburger Bekenntnis«, lateinisch »Confessio Augustana«, sollte zeigen, dass die Protestanten keine wilden Rebellen waren, sondern auf dem Boden der kirchlichen Tradition standen – treu dem Evangelium und dem
unverfälschten Glauben der Väter.

Melanchthon stellte klar: Die reformatorische Lehre ist die gute, alte Lehre der Kirche abzüglich der in Rom eingerissenen Missstände. Damit war auch Luther völlig einverstanden; er mokierte sich allerdings etwas über Melanchthons behutsam-versöhnlerischen Ton – »ich kann so sanft und leise nicht treten!« Hatte »Magister Philippus« doch im Bemühen, die Römer nicht zu verprellen, auf die Erörterung solcher Reizthemen, wie der Stellung des Papstes und der Mittlerfunktion des Priesters, verzichtet. Das Gemeinsame war ihm stets wichtiger als das Trennende.

Melanchthon beschränkte sich nicht auf Verteidigungsschriften und theologische Summen. Die organisatorische Gestalt des deutschen Protestantismus mit Kirchenverfassung und Disziplin ist ohne ihn nicht denkbar. Und er setzte die tiefgreifendste Bildungsreform aller Zeiten in Deutschland in Gang, getreu seinem stolzen Motto: »Bildung ist mehr als Troja erobern!«

Denn mit Bildung, Wissen und Verstand lasse sich der Mensch veredeln und so die Welt verbessern. Deshalb beteiligte er sich unter anderem an der Gründung hoffnungsvoller neuer Universitäten in Jena, Marburg, Königsberg.

Doch der Einigungsprozess scheiterte erneut, weniger an theologischen Differenzen, sondern an Nebensächlichkeiten, Besitz- und Machtfragen. Die politischen Fronten verhärteten sich: Kaiser Karl V. träumte von einem Konzil, das die Lutheraner wieder in den Schoß der römischen Kirche zurückführen und ihm ein lästiges Problem vom Hals schaffen würde. Die protestantischen Fürsten wiederum fürchteten, der Kaiser werde die Einheit gewaltsam wiederherzustellen suchen, und gründeten ein Militärbündnis, den Schmalkaldischen Bund, zur Verteidigung ihrer Sache. Mittendrin Philipp Melanchthon, der immer wieder wesentliche Stücke einer Einigung zustandebrachte, aber eben nie den kompletten Friedensschluss; den hätte die Politik mit allen Mitteln torpediert.

Die zunehmende Kritik aus den eigenen Reihen stärkte Melanchthons Position nicht gerade. Dabei rackerte er sich für seine Kirche ab wie kein anderer, als Verhandlungsführer, als rühriges Mitglied zahlreicher Kommissionen und Gesprächskreise, als Autor und akademischer Lehrer, mit einer seltenen Besessenheit. Täglich hielt er drei bis vier Vorlesungen, doppelt so viele wie seine Kollegen. Ein einziges Mal fiel eines seiner Seminare aus: am Tag seiner Hochzeit mit der Kaufmannstochter Katharina Krapp.

Natürlich hatte Martin Luther die Beziehung eingefädelt; Melanchthon hatte schlicht keine Zeit zur Brautschau. Und wertete seinen Hochzeitstag später mürrisch als »Tag der Trübsale«. Immerhin gingen vier Kinder aus der sonderbaren Beziehung hervor. Philipp Melanchthon stand um zwei oder drei Uhr morgens auf, schrieb Briefe und arbeitete an seinen Vorlesungen. Nach einer Andacht mit Ehefrau und Dienstboten um sieben Uhr eilte er zur Hochschule. Er ging früh schlafen – nicht ohne noch ein Glas Rheinwein getrunken zu haben. Das scheint das einzige Zugeständnis des Asketen an die lustvollen Seiten des Lebens gewesen zu sein.

Als Melanchthon unter der dauernden Überlastung zusammenbrach und mit dem Tod rang, saß Luther stundenlang an seinem Bett und bestürmte den Himmel. Melanchthon wurde tatsächlich wieder gesund und wollte 1545 am Trienter Konzil teilnehmen, musste aber wegen kriegerischer Wirren umkehren. Das Konzil brachte die ernüchternde Erkenntnis, dass die Einheit endgültig verspielt war. »Gegenreformation« statt Dialog. Daheim in Wittenberg, seine Frau war gestorben und auch Luther überlebte die Konzilseröffnung nur um wenige Monate, kämpfte Melanchthon mit Schlaflosigkeit und Augenschwäche – und freute sich, obwohl er erst 48 Jahre alt war, auf den Tod, der ihn von der »Wut der Theologen«, wie er sagte, befreien würde.

Doch der Erlöser kam erst 15 Jahre später, am 19. April 1560. Auf Melanchthons Schreibtisch fand man einen Zettel, auf dem er notiert hatte: »Du kommst zum Licht. Du wirst Gott schauen und den Sohn sehen. Du wirst die wunderbaren Geheimnisse erfahren, die du in diesem Leben nicht begreifen konntest: warum wir so geschaffen sind und nicht anders und was es damit auf sich hat, dass wir Christus als Gott und Mensch zugleich bekennen.«

Christian Feldmann

Der linke Flügel der Reformation

3. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Opposition: Radikale Reformation ist der Sammelbegriff für die Gruppierungen, die sich neben den lutherischen und zwinglianischen Bewegungen entwickelt haben: Schwärmer, Wiedertäufer oder Nichttrinitarier (die die Dreieinigkeit Gottes nicht anerkennen).

Die Männer kannten sich in der Bibel aus. Dabei waren sie einfache Leute, vor allem ihr Sprecher Nikolaus Storch, ein Tuchmacher. Sie predigten, dass man an ihren Lippen hing. Sie sagten, dass man das Wort Gottes nicht nur hören, sondern tun müsse. Deshalb galt es, alles abzulegen, was nicht aus Gottes Wort zu begründen sei. Zum Beispiel die Kindertaufe. Drei von ihnen waren aus Zwickau gekommen. Dort hatten sie den Pfarrer Thomas Müntzer überzeugt. Jetzt, 1521 in Wittenberg, gewannen sie den jungen Professor Andreas Bodenstein für sich. Sogar Philipp Melanchthon, der Kopf der reformatorischen Bewegung, war von ihnen beindruckt. Luther war verschwunden. Bodenstein ließ Heiligenbilder verbrennen, er zog kein Messgewand mehr an, feierte Gottesdienst auf Deutsch und reichte der Gemeinde in der Eucharistie auch den Kelch. Die Besucher protestierten. Er ließ sich nicht beirren.

Der Theologe und Organisator der Täuferbewegung Menno Simons. Foto: epd-bild

Der Theologe und Organisator der Täuferbewegung Menno Simons. Foto: epd-bild

Auf einmal, im März 1522, war Luther wieder da. In acht Predigten wies er Bodenstein in die Schranken und die frommen Prediger auch. Er verspottete sie als »Zwickauer Propheten«. Nach einer Woche war die Ordnung wieder hergestellt. Melanchthon bereute seine Offenheit für die Zwickauer und meinte fortan, dass man Ketzer wie sie mit dem Tod bestrafen müsse.

Luthers Urteil hat die Sicht auf die Dissidenten der Reformation und ihre Nachfolger über Jahrhunderte geprägt. Erst 1941 hat der amerikanische Theologe Ronald Herbert Bainton einen neutralen Begriff dafür gefunden: der linke Flügel der Reformation. Der mennonitische Theologe Heinold Fast hat ihn ins Deutsche eingeführt.

Zu den Ursprüngen des Christentums zurück

Zum linken Flügel der Reformation werden meist drei Gruppen gezählt: Spiritualisten wie die Männer aus Zwickau, Antitrinitarier, die das Dogma der Dreieinigkeit ablehnen, und die Täufer. Alle drei wollten zu den Ursprüngen des Christentums zurückkehren. Und alle drei, so verschieden sie sonst waren, lehnten die Kindertaufe ab, denn sie ist aus dem Neuen Testament nicht zu begründen. Dieses Nein brachte ihnen Konflikte auch mit der weltlichen Obrigkeit ein. Denn die Taufe war Reichsrecht. Wer sie ablehnte, spaltete die Einheit von Staat und Kirche.

Zu den Spiritualisten gehörte auch Thomas Müntzer, der »Mystiker der Revolution«. Schon als Pfarrer von Zwickau hatte er sich für soziale Gerechtigkeit eingesetzt und ging mit der Obrigkeit hart ins Gericht. Dafür musste er gehen. 1524 brach Müntzer mit Luther. Er veröffentlichte eine Schrift mit dem Titel: »Wider das geistlose sanftlebige Fleisch zu Wittenberg«. Die Theologie der Reformation, meinte er, sei nicht konsequent, schließe Kompromisse und stütze ja doch nur die Herrschaft der Gottlosen.

Thomas Müntzers unbekannte Seite

Als Pfarrer in Mühlhausen schlug er sich auf die Seite der Bauern, die sich gegen die Fürstenherrschaft erhoben. Luther dagegen hatte zwar Verständnis für den Unmut der Bauern, aber er lehnte Gewalt in den Händen der Untertanen ab. Deshalb empfahl er den Fürsten die Niederschlagung des Aufstandes. In der Schlacht bei Frankenhausen im Mai 1525 kamen rund 5 000 Bauern auf dem Schlachtfeld ums Leben. Auch Müntzer wurde gefangen genommen, gefoltert und vor den Toren von Mühlhausen enthauptet. Die DDR machte ihn deshalb zur Ikone der frühbürgerlichen Revolution. Der Fünfmarkschein trug Müntzers Bild.

»Verteidigung des orthodoxen Glaubens von der heiligen Dreieinigkeit gegen die ungeheuerlichen Irrtümer des Spaniers Michel Servet« von Johannes Calvin (1509–1564). Der Streit endet für Servet auf dem Scheiterhaufen. Foto: epd-bild

»Verteidigung des orthodoxen Glaubens von der heiligen Dreieinigkeit gegen die ungeheuerlichen Irrtümer des Spaniers Michel Servet« von Johannes Calvin (1509–1564). Der Streit endet für Servet auf dem Scheiterhaufen. Foto: epd-bild

Seine andere Seite ist kaum bekannt: Er hat als einer der ersten Reformatoren den Gottesdienst erneuert. Schon vor Luther übersetzte er 1523 die lateinische Messe ins Deutsche. Noch Jahrzehnte nach seinem Tod wurde in Thüringen nach seiner Reform Gottesdienst gefeiert. Nur durfte niemand mehr seinen Namen nennen. Und erst bei der letzten Gesangbuchreform 1993 wurde eines seiner Lieder, die Nummer 3, neu aufgenommen: »Gott, heilger Schöpfer aller Stern,/erleucht uns, die wir sind so fern,/dass wir erkennen Jesus Christ,/der für uns Mensch geworden ist.«

Der Sündenfall der Reformation

Zu den bekannten Antitrinitariern gehörte der spanische Arzt Michel Servet. Heute gilt sein Schicksal als Sündenfall der Reformation: Auf Betreiben Johannes Calvins wurde er 1553 wegen seines Glaubens lebendig verbrannt. Servet wollte zurück zur ursprünglichen Religion der ersten Christen. Jesus und seine Jünger, meinte er, seien nie vom Monotheismus des Judentums abgewichen. Das Dogma von der Trinität war in Servets Augen ein Abfall, ein Kompromissprodukt des von Kaiser Konstantin befohlenen Konzils von Nicäa im Jahr 325. Melanchthon befürwortete Servets Hinrichtung. Nach dem Druck der Reformationszeit sind die Antitrinitarier für Jahrhunderte verstummt. Ihre neuzeitlichen Vertreter sind etwa Zeugen Jehovas, die Mormonen und die liberalen Quäker.

Das Täufertum ist an verschiedenen Orten gleichzeitig entstanden. 1525 wurden in Zürich die ersten Täufer zum Tod verurteilt. Doch da gab es schon täuferische Kreise in ganz Süddeutschland und auch in den Niederlanden. Sie beeindruckten den katholischen Priester Menno Simons im friesischen Witmarsum. Er wurde zum Theologen und Organisator der Täuferbewegung. Und er sagt aller Gewalt ab und meint, dass Christen wehrlos sein müssen. 1544 nennt ein Polizeiprotokoll die Täufer zum ersten Mal »Mennoniten«. Doch Menno Simons muss vorsichtig sein. Der Kaiser hat ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt. Er reist nach Köln, aber muss bald wieder nach Norddeutschland zurückkehren.

Von der Täuferbewegung bis heute
1614 wird zum letzten Mal ein Täufer hingerichtet. Doch noch lange werden die religiösen Dissidenten diskriminiert und vertrieben. Erst unter dem Einfluss der Aufklärung wächst ein Freiraum auch für sie heran. Im 19. Jahrhundert gewährt Preußen Versammlungsfreiheit. Zum ersten Mal können Mennoniten in ihrer Heimat unbehelligt zusammenkommen – zusammen mit neuen Täuferkreisen. Sie kommen aus England, etwa die Baptisten, oder wie die Freien evangelischen Gemeinden aus Frankreich und der Schweiz. Aber Mennoniten sind die einzige täuferische Kirche, die auf die Reformationszeit zurückgeht. Heute leben etwa 40 000 Mennoniten in Deutschland.

1919, nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg, macht die junge Weimarer Demokratie Ernst mit der Trennung von Staat und Kirche. Sie schafft die Basis dafür, dass heute Volks- und Freikirchen in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen zusammenarbeiten. An die Geschichte erinnert nur noch, dass die Freikirchen in Deutschland nie auf große Zahlen gekommen sind.

Wolfgang Thielmann

Die Mennoniten
Die Mennoniten sind eine evangelische Freikirche, die aus dem pazifistischen Flügel der Täuferbewegung des 16. Jahrhunderts entstand. Rund 40 000 Mennoniten gibt es in Deutschland. Die Protestanten, die sich nach dem niederländischen Theologen Menno Simons (1496–1561) benannt haben, lehnen Waffendienst und Eid konsequent ab. Sie fordern eine vom Staat unabhängige Kirche, die sich in allen Fragen des Glaubens und Lebens am Modell der neutestamentlichen Gemeinde orientiert.

www.mennoniten.de



Pfarrerinnen und Pfarrern in den Kleiderschrank geschaut

13. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Liturgische Kleidung: Deutschland ist »eine schwarze Insel im farbigen Meer der Welt« – Geschichte und Bedeutung von Talaren, Alben, Chorhemden und Stolen

In einer Gruppe von Geistlichen verschiedener Konfessionen und Herkunftsländer wird ein evangelischer, deutscher Pfarrer in der Regel schnell erkannt: am schwarzen Talar mit weißem Beffchen. »Deutschland ist eine schwarze Insel im farbigen Meer der Welt«, konstatiert Frank Schmidt, Leiter des Kunstdienstes der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens. »Für viele sind Geistliche in bunter Kleidung etwas Exotisches oder sie werden in erster Linie mit dem Katholizismus in Verbindung gebracht«, so der Kunsthistoriker und Theologe.

Weltweit betrachtet ist der schwarze Talar als gottesdienstliche Kleidung die Ausnahme. Er gilt auch nicht als liturgisches Gewand, sondern war im Ursprung ein Gelehrtengewand; seine Einführung geht auf den preußischen König Friedrich Wilhelm III. zurück. Er verfügte im November 1811, dass Rabbiner, Richter und die Pfarrer der lutherischen und reformierten Gemeinden den schwarzen Talar als Diensttracht zu tragen hatten. Als Beamte des preußischen Staates mussten sie dem Folge leisten. Ausschlaggebend für den Erlass waren fehlende Vorschriften seitens des lutherischen Christentums. Für Luther selbst zählte liturgische Kleidung zu den äußeren Dingen; nützliche, aber für das Heil nicht notwendige Dinge. Im Gegensatz zu Zwingli oder Calvin schaffte er Messgewänder im Gottesdienst nicht ab.

Infolge der Reformation wurde ein sehr individueller Umgang mit liturgischer Kleidung gepflegt, teilweise wurde sie gänzlich abgeschafft. »Fälschlicherweise dachten reformierte Gemeinden, sie müssten sich an gar keine Regeln mehr halten«, erklärt Frank Schmidt. Die Aufklärung und der Pietismus sowie die damit einhergehende Rationalisierung fundierten die Daseinsberechtigung des Talars.

Foto: Mirjam Petermann

Foto: Mirjam Petermann

Dazu gehörte primär das Grundgewand, die Albe. Sie entwickelte sich aus dem römischen Alltagsgewand, der Tunika. Nach der Verdrängung des römischen Stils und dem Einzug der germanischen Hosenmode wurde die alte Kleidungsform weiterhin für Gottesdienste genutzt. Eine symbolische oder gar theologische Bedeutung hatten die Gewänder ursprünglich nicht. Die Albe wird jedoch als Taufkleid mit Christus in Verbindung gebracht. Eine jahreszeitlich bedingte Form der Albe ist das Chorhemd. Es ist weiter geschnitten, um über der warmen Winterkleidung getragen werden zu können.

Weiterhin gehört zur gottesdienstlichen Kleidung die etwa 10 Zentimeter breite und 250 Zentimeter lange Stola, in ihrem Ursprung ein Schweißtuch. Sie symbolisiert das Joch, das Jesus allen, die mühselig und beladen sind, anbietet. Aufgrund seiner besonderen Deutung wird die Stola je nach theologischer Deutung und kirchlicher Zulassung auch als ökumenische Insignie der Ordination verstanden und kann folglich nur von ordinierten Personen getragen werden. Für Lektorinnen und Lektoren kann der Gemeindekirchenrat beschließen, einen Lektorentalar zu tragen.

Nach einer ersten Rückkehr zur liturgischen Kleidung nach dem Ersten Weltkrieg wird seit den 1980er-Jahren vor allem für die Verwendung der liturgischen Gewänder in den liturgischen Farben je nach Kirchenjahreszeit plädiert. Die Ordnung der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) sieht zwar den schwarzen Talar mit weißem Beffchen als Dienstkleidung für Pfarrer vor, kennt aber auch die Möglichkeit der weißen Mantelalbe, auch heller Talar genannt, und des Chorhemds über dem schwarzen Talar – jeweils mit einer Stola in den Farben des Kirchenjahres – als legitime gottesdienstliche Kleidung.

Kritiker sehen darin jedoch die Übernahme eines Priesteramtsverständnisses, was der evangelischen Ämterlehre widerspräche. Sicherlich auch aus diesem Konflikt heraus entwickelte sich ein aktueller Trend: eine Stola über dem schwarzen Talar. Laut Ordnung der EKM ist das zulässig, aber auch hier gibt es Widerspruch: Die Stola als liturgische Insignie und der Talar als Standesinsignie seien nicht miteinander kompatibel. Außerdem fehle dafür eine historische Grundlage, so Frank Schmidt. Denn: »Farbiges gehört auf Weißes.«

Mirjam Petermann

Der Farbkanon

Grün: Farbe des Wachstums, des Heils und der Hoffnung ist die am häufigsten verwendete liturgische Farbe des Kirchenjahres, vor allem in der Trinitatiszeit.
Farbe der Vollkommenheit, symbolisiert Reinheit und Klarheit und ist damit auch Farbe Christi; gehört z. B. zum Weihnachtsfestkreis wie zum Fest der Auferstehung.
Schwarz: Symbolisiert Trauer und ist Karfreitag und -samstag sowie Trauertagen vorbehalten.
Rot: Verweist auf das Leben und den menschlichen Leib, ist auch die Farbe des Leibes Christi, der Kirche für besondere Feste der Kirche, wie zum Reformationstag und Missionsfesten, Konfirmationen und Ordinationen, für die Gedächtnistage an die Zeugen des Glaubens.
Violett: Steht für den Himmel und das Reich Gottes, symbolisiert die Kommunikation zwischen Mensch und Gott in der Erwartung auf Gottes Heil; Verwendung für Fastenzeiten und -tage, als besondere Zeiten der Besinnung der Glaubenden auf ihrem Weg zu Gott.

Gemeinsam auf dem Weg

8. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Ein starkes Zeichen: Erstmals nach 499 Jahren der Trennung eröffnen Lutherischer Weltbund (LWB) und Vatikan gemeinsam das Jubiläumsjahr der Reformation.

Bewahre uns Gott, behüte uns Gott …«, singen die Menschen in der Domkirche der schwedischen Universitätsstadt Lund. Dort, wo 1947 der Lutherische Weltbund gegründet wurde, gibt es am Reformationstag erneut ein kirchenhistorisches Ereignis: 499 Jahre nach dem Thesenanschlag Martin Luthers feiern Papst Franziskus und der Präsident des Lutherischen Weltbunds, Bischof Munib Younan, einen Gottesdienst zur Eröffnung des Reformationsjubiläums. Gemeinsam beten sie, gemeinsam singen sie – und gemeinsam umarmen sie sich zum Friedensgruß.

»Wir Katholiken und Lutheraner haben begonnen, auf dem Weg der Versöhnung voranzugehen«, sagt Papst Franziskus. »Wir dürfen uns nicht mit der Spaltung und der Entfremdung abfinden, die durch die Teilung unter uns hervorgerufen wurden.« Dankbar erkenne man an, »dass die Reformation dazu beigetragen hat, die Heilige Schrift mehr ins Zentrum des Lebens der Kirche zu stellen«, sagt Franziskus. Martin Luther habe mit seiner Frage »Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?« die entscheidende Frage des menschlichen Lebens gestellt. »Als Lutheraner und Katholiken beten wir gemeinsam in dieser Kathedrale und sind uns bewusst, dass wir getrennt von Gott nichts vollbringen können.«

Brüderliche Umarmung in Lund: Munib Younan, Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land und Präsident des Lutherischen Weltbundes (l.), und Papst Franzikus am vergangenen Montag beim Friedensgruß. Foto: epd-bild/Svenska kyrkan/Mikael Ringlander

Brüderliche Umarmung in Lund: Munib Younan, Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land und Präsident des Lutherischen Weltbundes (l.), und Papst Franzikus am vergangenen Montag beim Friedensgruß. Foto: epd-bild/Svenska kyrkan/Mikael Ringlander

Einige Dutzend Kilometer entfernt, in der Arena von Malmö, hat Pastor Thomas Waack aus Eutin in Schleswig-Holstein Platz genommen. Er verfolgt den Gebetsgottesdienst in Lund zusammen mit mehr als Zehntausend Menschen über eine Großbildleinwand. »Ich hoffe, dass es weitere Signale des Aufeinanderzugehens gibt«, sagt Waack. Ähnlich sagt es die dänische Pfarrerin Helle Rosenquist, die für den Gottesdienst extra aus dem Norden Jütlands nach Lund kam: »Ich hoffe, dass die Kontakte zwischen den beiden Kirchen besser werden.«

Und das wurden sie in Lund tatsächlich. Zumindest, wenn man daran denkt, dass Martin Luther den Papst einst noch als »Antichrist« verurteilte. In Lund dagegen bekannten der Generalsekretär des Lutherischen Weltbunds, Martin Junge, und der Präsident des Päpstlichen Einheitsrates, Kardinal Kurt Koch, die Schuld, die die Kirchen mit solchen Äußerungen ebenso wie mit den Glaubenskriegen der frühen Neuzeit auf sich geladen hatten.

Und in einer gemeinsamen Erklärung verpflichten sich Katholiken und Lutheraner zu intensiverer Zusammenarbeit: »Viele Mitglieder unserer Gemeinden sehnen sich danach, gemeinsam die Eucharistie zu empfangen, als konkretes Zeichen völliger Einheit.« In den Blick genommen werden in dem Text vor allem konfessionsverschiedene Ehepaare: Man spüre den Schmerz derer, die ihr ganzes Leben teilten, aber nicht gemeinsam am Tisch des Herrn sein könnten. »Wir sehnen uns danach, diese Wunde im Leib des Herren zu heilen«, heißt es in der Erklärung. »Das ist das Ziel unserer ökumenischen Bemühungen, die wir voranbringen wollen, auch durch eine Erneuerung unseres Versprechens zum theologischen Dialog.«

Doch über manche Brücken geht Papst Franziskus auch in Lund nicht. Immer noch ist von den Protestanten nur als »kirchliche Gemeinschaften«, nicht als »Kirchen«, die Rede. »Der Papst hat deutlich vermieden, von Kirchen zu sprechen«, sagt der Landesbischof der Nordkirche, Gerhard Ulrich, Leitender Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD).

Insgesamt sei der Gottesdienst aber ein »wichtiges ökumenisches Signal« gewesen. »Mir ist wichtig, dass auch die Gemeinden in Deutschland Gottesdienste nach dem Vorbild von Lund feiern«, sagt Ulrich. »Wir dürfen nicht den Eindruck erwecken, als ob mit dem 1. November 2017 die Arbeit getan sei.« Er gehe davon aus, dass zwischen dem LWB und dem Vatikan nun Gespräche über die »Big Points« von Amtsverständnis, Kirchenverständnis und Eucharistie folgen werden.

Der Vizepräsident des Lutherischen Weltbunds, der Württemberger Landesbischof Frank-Otfried July, nannte die Erklärung von Lund ein »starkes Wegzeichen« zur Einheit. »Vielleicht kommt ja auch in der katholischen Kirche künftig der Gedanke stärker zum Tragen, dass die gemeinsame Eucharistie schon auf dem Weg zur Einheit und nicht erst am Ende des Weges gefeiert werden kann.«

Benjamin Lassiwe

Reformation in der Blechbüchse

24. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Reformation rundum: Kurz vor Beginn des Jubiläumsjahres macht die Lutherstadt Wittenberg ihrem Namen alle Ehre. Am Sonnabend eröffnet das Panorama »Luther 1517« von Yadegar Asisi.

Wie war das damals? Martin Luther, der ob des kirchlichen Ablasshandels wütende Mönch und Bibelgelehrte, zieht einen Tag vor Allerheiligen mit Hammer und Nägeln los, um an der Wittenberger Schlosskirche sein Thesenpapier anzuschlagen.

Wissenschaftler und Theologen streiten, ob es diesen Thesenanschlag wirklich gegeben hat. Neue Forschungen deuten darauf hin, dass das Papier angeklebt wurde, berichtet Jörg Bielig, Kurator des Schlosskirchen-Ensembles. Und auch Mirko Gutjahr von der Stiftung Luthergedenkstäten raunt geheimnisvoll, dass sich an diesem 31. Oktober 1517 wirklich etwas zugetragen hat, vertröstet dann doch auf einen Pressetermin im Frühjahr. Es gibt in Bezug auf den Ausgangspunkt der Reformation – oft erzählt, verfilmt, zur Legende stilisiert – weiße Flecken. Und die nutzt die Kunst, um mit Farbe zu malen. Einer, der dieses Handwerk auf besondere Weise beherrscht, ist Yadegar Asisi.

Der in Wien geborene, in Sachsen aufgewachsene und seit 1979 in West-Berlin lebende Asisi hat Malerei an der Hochschule der Künste in Berlin studiert und kam mit der Kunstform des Panoramas erstmals 1983 in Kontakt, als er für die Bundeskunsthalle in Bonn arbeitete. Vor 13 Jahren machte er in Leipzig Furore, als er ein denkmalgeschütztes ehemaliges Gasometer in ein »Panometer« verwandelte: ein 360-Grad-Kunstwerk, das in seiner Art mit dem Tübke-Rundbild aus Bad Frankenhausen nur noch wenig gemein hat.

Rundherum: 15 mal 75 Meter misst das imposante Panorama »Luther 1517 – Glaube, Wissen, Selbstbestimmung«, das Yadegar Asisi für die Lutherstadt in der eigens gebauten Rotunde, die von Wittenbergern liebevoll »Blechbüchse« genannt wird, geschaffen hat. Ausschnitt aus Panorama LUTHER 1517 von Yadegar Asisi mit Besuchern, Visualisierung © asisi

Rundherum: 15 mal 75 Meter misst das imposante Panorama »Luther 1517 – Glaube, Wissen, Selbstbestimmung«, das Yadegar Asisi für die Lutherstadt in der eigens gebauten Rotunde, die von Wittenbergern liebevoll »Blechbüchse« genannt wird, geschaffen hat. Foto: Ausschnitt aus Panorama LUTHER 1517 von Yadegar Asisi mit Besuchern, Visualisierung © asisi

Immer wieder bringt Asisi Menschheitsgeschichte auf die Leinwand. Historische Darstellungen, etwa von der Völkerschlacht bei Leipzig, der Teilung Berlins durch die Mauer oder dem zerstörten Dresden, sind sein Repertoire. Nun zeigt er in Wittenberg ein Reformationspanorama: »Luther 1517 – Glaube, Wissen, Selbstbestimmung« heißt das rund 15 mal 75 Meter große Werk. Dabei geht es in der eigens geschaffenen Rotunde, von den Wittenbergern liebevoll »Blechbüchse« genannt, nicht ausschließlich um den Thesenanschlag. Vielmehr zeigt »Luther 1517« die dreißig Jahre währende Epoche um das Ereignis herum.
Das kurfürstliche Schloss ist in voller Pracht zu sehen, der Kurfürst reitet mit seinem Gefolge zur Jagd. An der Amtsmühle leisten die Wittenberger derweil ihre Abgaben in Naturalien. Und im Schatten der Schlosskirche – ausgerechnet! – floriert der Ablasshandel. Vor der Schlosskirche steht Martin Luther und streitet mit Gelehrten und Bürgern; in der Tür Priester, sich ratlos fragend, was hier gerade passiert.

Dann hebt sich der Schatten, das Licht bricht durch: Und im Lichte sieht der Betrachter Buchdruck, die Bibel lesende Menschen, die Gründung von Mädchenschulen, die Familie Luther einträchtig beim Apfelbaumpflanzen und Unterrichten, Melanchthon und andere Wissenschaftler beim Erforschen der Welt. Das ist sie – die Selbstbestimmung –, die den Atheisten Asisi an Luther und der von ihm angestoßenen Reformation fasziniert. In einem Interview sagte er: »Luther sagt, wenn ihr das Wort Gottes erkennen und spüren wollt, müsst ihr es lesen. Es gibt niemanden, der euch das erklären kann.« Diese Erkenntnis und die Tatsache, dass etwas Banales wie das Anschlagen eines Papieres an eine Tür, etwas Großes auslösen kann, sei allgemeingültig und komme auch heute immer wieder vor in der Welt.

Doch Asisis Panorama beschwört keine schöne neue Welt durch die rosarote Brille; da ziehen Kriege am Horizont auf, da lodern die Scheiterhaufen. Imposant und bildgewaltig wie gewohnt inszeniert der Künstler die Reformations-Ära, mit einem changierenden Tag-Nacht-Rhythmus und erstmals einem Blick hinter die Häuserfassaden. Besucher können die 15 Meter hohen Stoffbahnen aus drei Ebenen betrachten, ein Podest in der Mitte der Rotunde gewährt Ein- und Überblicke aus drei und sechs Metern Höhe. Ein dreijähriges Kind soll hier ebenso entdecken und staunen wie ein studierter Theologe, verspricht Asisis Pressesprecher Karsten Grebe.

Reformation auf 360 Grad, Reformation rundum. Die Erwartungen sind groß: Asisis Pergamon-Panorama in Berlin wurde innerhalb eines Jahres von einer Million Menschen besucht.

Katja Schmidtke

www.wittenberg360.de

Preußens Pracht

25. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Wittenberger Schlosskirche ist der Gedenkort der Reformation schlechthin. Nach vierjähriger Bauzeit wird sie am 2. Oktober mit Glanz und Gloria wiedereröffnet. Dänemarks Königin fertigt eigens ein Altartuch, und die EKD bekommt ein neues, drittes Kirchengebäude.

Welch katastrophaler Zustand!« Olaf Wrosch erinnert sich gut. Bröselnder Putz, verblasste Farben, Schmutz in mehreren Schichten, feuchtes, von Salzen zerfressenes Mauerwerk bis in einen Meter Tiefe. Die 2012 begonnene, umfassende Sanierung der Wittenberger Schlosskirche war mehr als nötig, bilanziert der leitende Küster. Vier Jahre und rund 8,1 Millionen Euro später erstrahlt die wohl berühmteste Kirche Mitteldeutschlands in neuem Glanz, in alter preußischer Pracht.

Himmelwärts strebt die Architektur: Hohe und schlanke Pfeiler, ein lichtes Gewölbe und der Hochaltar verstärken diesen Eindruck. Im neugotischen Stil ist die Kirche im Kaiserreich ausgestaltet worden. Fotos: Katja Schmidtke

Himmelwärts strebt die Architektur: Hohe und schlanke Pfeiler, ein lichtes Gewölbe und der Hochaltar verstärken diesen Eindruck. Im neugotischen Stil ist die Kirche im Kaiserreich ausgestaltet worden. Fotos: Katja Schmidtke

Unter Herrschaft der Preußen war die Schlosskirche zu einem Gedenkort der Reformation umgestaltet worden, der Kaiser hatte sie 1892 eingeweiht. »Nichts wurde dem Zufall überlassen«, sagt Küster Wrosch. Das ikonografische Programm ist ganz auf die Reformation zugeschnitten. So wachen Gestalter und Unterstützer der kirchlichen Erneuerungsbewegung als Skulpturen noch heute über den Gottesdienst: zum Beispiel Johannes Bugenhagen, Wittenbergs prägender evangelischer Pfarrer und Beichtvater Luthers. Von Rosetten blicken Unterstützer ins Kirchenschiff: Europäische Reformatoren wie Zwingli und Calvin. Aber auch die Medienmacher von damals: Maler und Buchdrucker, ohne deren Handwerk sich die neuen Ideen nicht so schnell hätten verbreiten können. Jene Fürstentümer und Städte, die die Reformation unterstützen, sind in den farbigen Fenstern verewigt – nun auch wieder die preußischen Gebiete, die im 19. Jahrhundert zu Deutschland gehörten und in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus weltanschaulichen Gründen von der DDR-Regierung aus der Kirche entfernt worden waren. »Es sind teilweise die Originale, die noch in einer Quedlinburger Glasmacher-Werkstatt lagerten, wieder eingebaut worden«, weiß Oberkirchenrat Thomas Begrich, der für die EKD das Bauvorhaben am Schlosskirchenensemble begleitet.

Die DDR-Regierung hatte Einfluss auf die Kirche, weil sie sich in ihrem Eigentum befand. Das Konstrukt, dass einem Staat ein Gotteshaus gehört, geht zurück auf das Jahr 1817: Auf Geheiß König Friedrich Wilhelms III. war das Predigerseminar gegründet worden, dabei fiel die alte Universitätskirche an den Staat. Diese Rechtsverpflichtung in der Nachnachfolge der Preußen existiert noch immer, aber nicht mehr lange. »Bei der Schlosskirche handelt es sich um einen Hauptort der Reformation, hier liegen Luther und Melanchthon begraben. Es war der EKD wichtig, die Kirche vom Land Sachsen-Anhalt in ihr Eigentum zu übernehmen«, erklärt Thomas Begrich. Offiziell geschehen soll das, wenn alle Bauarbeiten am Schloss-Ensemble abgeschlossen sind, voraussichtlich Ende des Jahres.

Blick durch die Bankreihen zum Chor. Die Kirche ist hoch und lang, aber schmal. Sie hat 400 Sitzplätze.

Blick durch die Bankreihen zum Chor. Die Kirche ist hoch und lang, aber schmal. Sie hat 400 Sitzplätze.

Die EKD, betont der Oberkirchenrat, bekomme damit nichts geschenkt. Auch wenn ein Großteil der millionenschweren Sanierung von Land und Bund bezahlt wird. Die EKD gibt zum einen das Augusteum an das Land zurück und hat zum anderen rund eine Million Euro investiert, um die Kirche betriebsfähig zu machen: Licht, Mikrofon- und Videoanlage, Orgel. Jährlich werde die EKD zudem rund eine halbe Million Euro für den Unterhalt aufbringen. »Eigentlich braucht die EKD als Dachorganisation der Landeskirchen ja kein eigenes Gotteshaus«, sagt Thomas Begrich. Eigentlich. Doch mit ihrer kirchengeschichtlichen Bedeutung ist die Schlosskirche eine Ausnahme. Ebenso wie die Versöhnungskirche in Dachau oder die Christuskirche in Rom, die sich ebenfalls in EKD-Eigentum befinden. Letztere steht der dortigen evangelischen Gemeinde zur Verfügung. Übrigens: In Rom wie in Wittenberg hängt ein identisches Geläut im Glockenturm, jeden Sonntag erschallt in beiden Städten der gleiche Glockenton.

Mit der Änderung der Eigentumsverhältnisse ändert sich für die Nutzer der Schlosskirche nichts: Praktisch steht sie in Verantwortung des Predigerseminars, die Dozenten, wie etwa Direktorin Hanna Kasparick, haben einen Predigtauftrag. Ebenso stehen Kathrin Oxen, Leiterin des Zentrums für evangelische Predigtkultur, und Friedrich Kramer, Direktor der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt, auf der Kanzel. Erst seit 1949 hat die Schlosskirche eine eigene Gemeinde, heute gehören ihr rund 110 Gläubige an.

Es sind vor allem Gäste aus aller Welt, die in die Kirche drängen: Bis zu 200 000 Menschen im Jahr. Für sie entsteht in Teilen des Schlosses ein Besucherzentrum mit Ausstellung. Es soll im Oktober eröffnen, kündigte Schlossensemble-Kustos Jörg Bielig an. Ins Schloss einziehen wird zudem die Reformationsgeschichtliche Forschungsbibliothek und das Predigerseminar, das am 30. September ein Gästehaus für die Vikare auf dem Gelände eröffnet. Damit erhält das Ensemble seine Form mit vier Flügeln wieder.

Offiziell eingeweiht wird die Schlosskirche mit einem Festgottesdienst am 2. Oktober, 10 Uhr. Die dänische Königin Margarete II., Bundespräsident Joachim Gauck, EKD-Ratsvorsitzender Heinrich Bedford-Strohm und Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff werden erwartet. Die dänische Königin wird eine selbst gewebte rote Altardecke als Geschenk überreichen.

Von den rund 400 Plätzen sind 200 für geladene Gäste vorgesehen. »Doch keiner soll vor der Türe stehen«, sagt Pfarrer Jan von Campenhausen. Aus diesem Grund organisiert die Evangelische Wittenbergstiftung, dessen Direktor von Campenhausen ist, am 2. Oktober, ab 9.30 Uhr, eine Übertragung in das Einkaufszentrum Arsenal. Dies sei mehr als ein Public Viewing. »Wir feiern einen Gottesdienst«, so von Campenhausen. Für bis zu 600 Menschen sei Platz. Es ist, so der Stiftungsdirektor, auch eine Übung für die Eröffnung des Reformationsjahres am 31. Oktober in Berlin.

Katja Schmidtke

Flamme der Reformation angefacht

9. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Heidelberg: In der Stadt am Neckar konnte Martin Luther 1518 erstmals seine um-strittenen Thesen diskutieren. Später gab es vor dem Altar der Heiliggeistkirche ein handfestes Gerangel zwischen Katholiken, Lutheranern und Reformierten.

Der 26. April 1518 war für Martin Luther eine Premiere: Ein halbes Jahr nach Veröffentlichung seiner 95 Thesen hatte er zum ersten Mal außerhalb Wittenbergs die Möglichkeit, mit Akademikern darüber zu diskutieren. Bei den Heidelberger Professoren biss er allerdings mit seinen Vorstellungen über die Rechtfertigung – was also einen Menschen »gut« macht vor Gott – auf Granit.

»Wie das Mönchlein Martin zu Heidelberg die Flamme der Reformation anfacht«: Unter diesem Motto bietet die Stadt am Neckar einen unterhaltsamen und informativen Rundgang zu Luthers Besuch in Heidelberg an. Foto: Heidelberg Marketing GmbH

»Wie das Mönchlein Martin zu Heidelberg die Flamme der Reformation anfacht«: Unter diesem Motto bietet die Stadt am Neckar einen unterhaltsamen und informativen Rundgang zu Luthers Besuch in Heidelberg an. Foto: Heidelberg Marketing GmbH

Viel nachhaltiger sollte der 34-jährige Theologie-Professor Luther bei den Studenten wirken, die ihm in diesen Stunden zu Füßen saßen. Die Rechtfertigungslehre war die Basis für die Kritik am Ablasshandel, die Luther in den am 31. Oktober 1517 veröffentlichten 95 Thesen formuliert hatte.

Heidelberg gilt historisch nicht als Zentrum des lutherischen, sondern des reformierten Glaubens. Die kurpfälzischen Herrscher entschieden sich für diesen Teil der Reformation. Hier wurde 1563 der Heidelberger Katechismus verabschiedet, der stärker den Ideen von Johannes Calvin folgte als denen Luthers. Da die Reformierten Bildern gegenüber noch kritischer

waren als die Lutheraner, sind manche Kirchen Heidelbergs bis heute im Inneren sehr schlicht.
Stadtführer Reinhard Störzner bietet spezielle Luther-Touren an. Der Heidelberg-Experte hat zur Kirchengeschichte der Stadt einen sehr persönlichen Zugang – er ist Vorsitzender des Ältestenkreises der Heiliggeistkirche im Herzen der Altstadt. Er berichtet lebendig von den heftigen Auseinandersetzungen zwischen Katholiken, Lutheranern und Reformierten. So gab es wegen des Streits um das richtige Verständnis vom Abendmahl vor dem Altar der Heiliggeistkirche ein handfestes Gerangel unter den Geistlichen. Diese Kirche war zudem 230 Jahre lang, bis 1936, durch eine Mauer in zwei Teile getrennt, Katholiken und Protestanten hatten verschiedene Eingänge.

Auf dem heutigen Universitätsplatz, wo im 16. Jahrhundert das Augustinerkloster stand, wurde 1983 zum 500. Geburtstag Martin Luthers eine Gedenkplatte in den Boden gelassen. Luther hatte im Kloster übernachtet und vermutlich in der benachbarten Artistenfakultät disputiert, berichtet Störzner. Anlass war die Generalversammlung des Augustiner-Ordens, dessen Generalvikar Johann von Staupitz Luthers Beichtvater war. Der Augustiner-Mönch Luther war, teilweise zu Fuß, aus Wittenberg gekommen.

Luther lobte drei Wochen nach seinem nur einige Tage währenden Aufenthalt in einem Brief die Atmosphäre der Disputation. Die Dozenten hätten sich ihm »aufs Beste empfohlen«. Nur einer der Doktoren habe die ganze Zuhörerschaft zum Lachen gebracht mit dem Spruch: »Wenn das die Bauern hörten, würden sie Euch gewiss steinigen und totschlagen.« Gleichzeitig bedauerte Luther, dass er bei den altgedienten Professoren mit seiner Botschaft nicht landen konnte. Er äußerte die Hoffnung, dass die »wahre Theologie, von jenen eingebildeten Alten verstoßen, sich zur Jugend wende«.

Und genau das passierte: Unter den Zuhörern saßen mehrere junge Männer, die später die Reformation im Südwesten durchsetzten: Martin Bucer (Reformator in Straßburg), Johannes Brenz (Schwäbisch Hall/Stuttgart), Martin Frecht (Ulm) und Theobald Billican (Nördlingen). So hatte Luthers Auftritt am Neckar eine viel nachhaltigere Wirkung, als er wohl selbst nach seiner Disputation erwartet hätte.

Erinnerungen an den kurzen Besuch des 34-jährigen Reformators gibt es in der Stadt kaum. Neben der Peterskirche, die heute als Universitätskirche dient, steht seit 1883 eine Luther-Eiche. Ein Glasfenster weist Kirchenbesucher auf die großen Köpfe der Reformbewegung hin. Außerdem steht ebenfalls in der Altstadt die Providenzkirche, ein 1661 fertiggestellter lutherischer Kirchenbau, den Kurfürst Karl-Ludwig seiner Zweitfrau Louise von Degenfeld errichten ließ. Der Streit der Konfessionen ging manchem Heidelberger in den vergangenen Jahrhunderten auch mächtig auf die Nerven. Stadtführer Störzner zitiert dazu einen historischen Spottvers: »Die Katholiken sind voller List und Tücken. Die Calvinisten sind keine rechten Christen. Doch die größten aller Ochsen – sind die lutherischen Orthodoxen.«

Die eigentliche Renaissance erlebt der Reformator Martin Luther derzeit im Foyer der Heiliggeistkirche. Dort steht er als Playmobilfigur zum Verkauf. »Unser Bestseller«, schmunzelt Störzner.

Marcus Mockler

Beim Rundgang zu Luthers Besuch in Heidelberg wird besonderes Augenmerk auf die frühe Entwicklungsphase der Reformation gerichtet, um von da einen Bogen zu schlagen zu den Folgen und Wirkungen der Umwälzungen für Hof, Stadt und Land bis in die Gegenwart (Dauer: 2 Stunden), Anmeldung: E-Mail <guide@heidelberg.de> Telefon (0 62 21) 14 22-23/-24/-25/-26

www.heidelberg-tourismus.de

Polen: Vielleicht Lettland: Nein

22. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Frauen im geistlichen Amt: Mit der Entscheidung für Pfarrerinnen tun sich die Lutheraner Osteuropas noch schwer

In vielen Kirchen der Reformation in Europa sind Frauen im Pfarramt inzwischen selbstverständlich. Doch die Lutheraner im Osten des Kontinents tun sich damit generell noch schwer. Zwei Synoden werden dazu in den nächsten Monaten die Weichen stellen – in Polen und in Lettland.

Die Evangelisch-Augsburgische Kirche in Polen will am 2. April über die Einführung der Frauen-Ordination entscheiden. Ausgebildeten Theologinnen, die es in der Kirche gibt, ist es bislang nicht erlaubt, das heilige Abendmahl auszuteilen. Sie arbeiten als sogenannte Diakoninnen.

Seit 1984 wird das Thema in der Diaspora-Kirche mit ihren rund 75 000 Mitgliedern in dem ansonsten betont katholischen Land diskutiert. In der Kirchenleitung wird die Ordination nicht unbedingt offen abgelehnt, die Entscheidung jedoch eher verschleppt. Frauen im Amt werden als »nicht notwendig« angesehen. Auch gibt es besonders in ländlichen Regionen Vorbehalte. Nicht zuletzt wird die Frage gestellt, wer denn die Pfarrerin ersetze, sollte sie schwanger werden.

Entschiedener Gegner der Frauenordination: Erzbischof Janis Vanags. Foto: LELB

Entschiedener Gegner der Frauenordination: Erzbischof Janis Vanags. Foto: LELB

Zudem stehen die Lutheraner in dem durch und durch katholischen Land immer unter dem latenten Verdacht, keine richtigen Polen zu sein. Weibliche Geistliche würden die Lutheraner noch weiter von den Katholiken entfernen, hört man oft als Bedenken. Immerhin wurde Polen 1997 bis 2001 von Jerzy Buzek, einem lutherischen Premier, regiert. Dessen Verwandter, Janusz Buzek, ein Politiker der konservativen Regierungspartei »Recht und Gerechtigkeit«, gilt derzeit als der engagierteste Gegner der Ordination von Frauen. Er begründet dies mit der Unterordnung des weiblichen Geschlechts gegenüber dem männlichen in der Bibel. Auch fürchtet er die auf die Einführung der Frauenordination folgende Einführung von Homo-Ehen.

Doch da der derzeit leitende Bischof Jerzy Samiec selbst den Antrag auf Zulassung der Ordination stellt und sich vor allem in Warschau die Stimmung dafür öffnet, kann es gut sein, dass sich die 50-köpfige Synode für die Frauenordination entscheidet. Dazu ist allerdings eine Zwei-Drittel-Mehrheit nötig.

Ganz anders sieht es in Lettland aus. Dort soll auf der Synode der Evangelisch-Lutherischen Kirche Lettlands, die Latvijas Evangeliski Luteriska Baznica (LELB), wie sie auf Lettisch heißt, im Juni darüber abgestimmt werden, ob als Bedingung für die Ordinierung in das Pfarramt das Wort »männlich« eingeführt wird. Die Zustimmung zu diesem Passus gilt als recht sicher.

Frauen sind zu einer vorbereitenden Konferenz im Oktober erst gar nicht eingeladen worden. Dabei gibt es in Lettland seit 1975 Pfarrerinnen. Die Frauenordination begann also zu einer Zeit, als das Land noch eine Sowjetrepublik war. Die Lutheraner machen in Lettland, anders als in dem katholischen Polen und in dem ebenfalls katholischen Litauen, wo die Frauenordination auch nicht durchgesetzt ist, die größte Religionsgemeinschaft des Landes aus. Von den knapp zwei Millionen Letten gehören immerhin 580 000 offiziell der LELB an.

Doch der derzeitige Erzbischof Janis Vanags ordiniert seit seinem Amtsantritt im Jahr 1993 keine Frauen mehr. Er argumentiert mit dem Korintherbrief, nach dem die Frauen in der Gemeinde zu schweigen haben. Sollte man eine Stelle in der Bibel infrage stellen, so könnte man auch gleich die ganze Bibel infrage stellen, so sein Argument. Vanags ist geprägt durch seine Erfahrungen in der Sowjetunion. Er ist davon überzeugt, dass die liberale Theologie dem Druck eines autoritären Systems generell nicht gewachsen ist.

Zudem soll bei der kommenden Synode auch die Kirchenleitung generell verändert werden. Ähnlich wie in der anglikanischen Kirche soll es künftig ein Drei-Kammer-System geben. Was die Art der Mitbestimmung weniger synodal und dafür mehr episkopal macht: Von den drei Bischöfen der Kirche können dann zwei (Zweidrittelmehrheit) viele Entscheidungen blockieren.
Welt-Logo-12-2016Für die Pfarrerinnen in Lettland, die bis 1992 ordiniert wurden, soll sich allerdings nichts ändern. Sie dürfen bis zu ihrem Ausscheiden aus dem Dienst weiterhin tätig sein. Dennoch ist die derzeitige Atmosphäre innerhalb der Kirche belastet. Laut Alesja Lavrinowica, Redakteurin der Webseite der lettischen Theologinnen, findet keine Diskussion zu diesem Thema statt, dafür sei der »Bund der Theologinnen Lettlands« auf seiner Webseite von Seminaristen und Pastoren der Lutherischen Kirche unflätig beschimpft worden. Erzbischof Vanags, so ihr Vorwurf, würde die Kirche auf eine »sowjetische« Art und Weise leiten.

Markus Schoch, Pfarrer der unabhängigen »Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche in Lettland«, die insgesamt fünf Gemeinden umfasst, stellt zumindest eine resignative Stimmung »unter den aufgeschlosseneren Pfarrern und Gemeindegliedern« der LELB fest. »Auch aufgrund der fest gefügten hierarchischen Strukturen.«

Wenn man sich mit lauten Stellungnahmen auch noch zurückhält: Es rumort ebenso bei den Partnerkirchen von Lettlands Lutheranern in Deutschland sowie bei diversen Hilfswerken.

Jens Mattern

Disneyland für Lutheraner?

9. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Spirituelles Reisen: Tourismusverbände werben bei der Internationalen Tourismusbörse in Berlin für das Reformationsjahr

Für die Deutsche Zentrale für Tourismus (DZT) ist »Spirituelles Reisen« im Trend, nicht nur im Bezug auf das Reformationsjubiläum. Willi Wild sprach darüber mit der Geschäftsführerin der Thüringer Tourismus GmbH, Bärbel Grönegres.

Eine der bekanntesten Lutherstätten: Die Wartburg hoch über Eisenach. Foto: Harald Krille

Eine der bekanntesten Lutherstätten: Die Wartburg hoch über Eisenach. Foto: Harald Krille

Ist die Reformation erst seit der Lutherdekade ein Tourismus-Thema?
Grönegres:
Nein, nicht für uns in Thüringen. Bei uns gibt es sehenswerte und gut erhaltene Lutherstätten in vielen kleinen und großen Orten – und das ganz unabhängig von der Lutherdekade. Auf den Spuren Martin Luthers zu wandeln, wird auch nach 2017 ein Thema sein. Wir nennen das »spirituelles Reisen«. Es konzentriert sich auf Martin Luther und das Pilgern – denn Wandern gehört fest zur christlichen Tradition. Zum einen ist es gesund, zum anderen kommt man zur Ruhe und kann eigene spirituelle Erfahrungen machen. Verbunden mit der Geschichte Martin Luthers und der Reformation ist das eine interessante Kombination – auch touristisch.

Tourismus und Kirche haben es mitunter schwer miteinander. Man spricht unterschiedliche Sprachen, hat gegensätzliche Interessen. Wie bekommen Sie die unter einen Hut?
Grönegres:
Für uns ist der Markenkern sehr wichtig, das heißt: Die Aussage muss einfach sein – nachvollziehbar. Aus diesem Grund haben wir uns zu Beginn der Reformationsdekade auf ein gemeinsames Motto geeinigt: »Am Anfang war das Wort«. Denn unser zentrales Ereignis ist nun mal Luthers Thesenanschlag in Wittenberg. Natürlich kann man seitens der Kirche auch an andere Reformatoren denken. Für uns als Thüringer Tourismus GmbH aber geht es um die Reformation, die von Mitteldeutschland, von Thüringen als Wirkungsstätte Luthers ausging – und die verbreitete sich nun mal von Thüringen aus auf die ganze Welt. Darauf wollen wir uns konzentrieren!

Beinhaltet das auch die negativen Aspekte aus dem Leben Luthers?
Grönegres:
Touristische Vermarktung bedeutet nicht, plakativ zu werben. Wir stehen dafür ein, Martin Luther mit all den guten und auch schlechten Seiten kennenzulernen – wir wollen ihn nicht idealisieren. Ich finde, das ist in der neu gestalteten Ausstellung im Lutherhaus in Eisenach wunderbar gelungen. Dort geht man ganz bewusst auch auf die antisemitischen Äußerungen Luthers ein und spannt den Bogen bis ins Dritte Reich, in dem genau das instrumentalisiert wurde. Ich glaube, da sind wir auch mit den Kirchen in einem
Boot – denn auch Kirchenmitglieder, wie ich eines bin, streben nach einer umfassenden Darstellung der Reformation.

Wer heute für den Reformationstag 2017 ein Bett in und um Eisenach sucht, hat noch die freie Auswahl. Sind Sie bislang mit der Nachfrage zufrieden?
Grönegres:
Im Moment häufen sich die Anfragen von Reiseveranstaltern, die Gruppen einbuchen möchten. Aktuell werden die Pakete geschnürt und die Kataloge für 2017 aufgelegt. In diesem Rahmen stellen wir »500 Jahre Reformation« als großes Thema auf der Tourismusmesse ITB in Berlin vor.

Viele scheuen den Rummel 2017. Empfehlen Sie, bis 2018 mit dem Besuch der Lutherstätten zu warten?
Grönegres:
Wenn man an den »Kirchentagen auf dem Weg« teilnehmen möchte oder beim »Deutschen Wandertag« in Eisenach dabei sein will, dann muss man sich ins Getümmel stürzen. Möchte man eher in Ruhe die einzelnen Stätten anschauen, ist 2018 tatsächlich keine schlechte Idee.

Wittenberg und Eisenach sind die Hauptorte. Gibt es die Städte gemeinsam zu buchen?
Grönegres:
Daran wird gerade gearbeitet. Vor allem aus den USA ist die Nachfrage nach solchen Touren groß. Da wird auch kein Unterschied zwischen Thüringen und Sachsen-Anhalt gemacht: Wir alle sind Luther-Country.

Wie groß wird der Ansturm aus dem Ausland sein?
Grönegres:
Das ist schwer zu sagen. Ich denke, dass wir einen Zuwachs an Touristen in sechsstelliger Höhe erwarten können.

Kocht jeder sein eigenes Süppchen oder gibt es länderübergreifende Zusammenarbeit?
Grönegres:
Seit 2008 gibt es eine Kooperation mit Sachsen-Anhalt, vor allem für den amerikanischen Markt. Da haben wir eine gemeinsame Marketinglinie und vermarkten uns als eine Region. Ich bin mal so verwegen zu sagen: Das wird auch nach 2017 so bleiben.

Wie werben Sie in den USA für das Reformationsjahr? Disneyland für Lutheraner?
Grönegres:
(lacht) Ein Bischof der Lutherischen Kirche in Chicago hat mir mal gesagt: »Wir nennen uns zwar alle Lutheraner, aber viele wissen gar nicht mehr warum. Da ist es nur logisch, mal dorthin zu fahren, wo unsere Wurzeln sind.« In diesem Sinne kann man sagen, dass wir sehr eng mit den Kirchen in den USA zusammenarbeiten. Wenn wir uns allein auf die evangelisch-lutherischen Kirchen in den USA mit über sieben Millionen Mitgliedern konzentrieren und nur fünf Prozent davon erreichen, haben wir unsere Erwartungen schon übererfüllt.

Welche Zielgruppe wollen Sie in Deutschland für das Reformationsjubiläum begeistern?
Grönegres:
Zunächst evangelische Christen, aber auch Geschichtsinteressierte und Kulturtouristen. Die Ausstellung 2017 auf der Wartburg heißt »Luther und die Deutschen«. Was wäre Deutschland, ja sogar die deutsche Sprache ohne Luther? Das ist für viele ein Grund nach Thüringen und nach Sachsen-Anhalt zu reisen, auch wenn sie keinen Bezug zur Kirche haben. Interessanterweise sind auch viele Katholiken an Luther interessiert, das hätte ich vorher nicht gedacht.

Wie hoch sind die Ausgaben, die in den Luther-Tourismus fließen?
Grönegres:
Die sind sehr überschaubar und wir müssen sie vor allem mit den normalen Bordmitteln stemmen. Wenn wir zur ITB fahren, präsentieren wir auch nicht nur Luther, sondern ganz Thüringen. Jedes Jahr gibt es einen touristisch attraktiven Schwerpunkt für uns als Reiseland – diesmal eben Luther. Für die Bewerbung im Netz oder für die Produktion von Broschüren haben wir pro Jahr etwa Ausgaben in Höhe von 200 000 Euro.

Ehrenamtlich in der evangelischen Kirche engagiert: Bärbel Grönegres, Geschäftsführerin der TTG. Foto: Willi Wild

Ehrenamtlich in der evangelischen Kirche engagiert: Bärbel Grönegres, Geschäftsführerin der TTG. Foto: Willi Wild

Wird Luther die Massen anziehen?
Grönegres:
Ich bin zuversichtlich. Allein durch die mediale Resonanz, die das Reformationsjahr erfährt, werden viele Menschen davon hören, sehen und lesen. Für viele ist es die Gelegenheit, die – ich will mal sagen – »nicht mehr ganz neuen Länder« kennenzulernen und die Stätten zu besichtigen, von denen sie einmal im Konfirma­tionsunterricht gehört haben.

Wie wird das Reiseland Thüringen auf der ITB auftreten?
Grönegres:
Interaktiv! Wir haben eine Nachbildung der Luther-Stube bauen lassen – dort sucht man sich sein liebstes Luther-Zitat und kann sich damit fotografieren lassen. Über die Sozialen Netzwerke darf dann die ganze Welt daran teilhaben. Zudem stellen wir eine App vor, die den Luther-Weg digital illustriert und begleitet: sozusagen eine Wander-App fürs Smartphone, mit Geschichten über Luther, den Luther-Weg und einer Routenplanung.

Die Highlights 2017: Was empfehlen Sie, beziehungsweise wo gehen Sie hin?
Grönegres:
Bei drei Veranstaltungen bin ich auf jeden Fall dabei: einmal natürlich beim »Kirchentag auf dem Weg«. Zudem werde ich mir die Ausstellung »Luther und die Deutschen« ansehen und den 117. Deutschen Wandertag im August in Eisenach besuchen. Nicht zu vergessen der Reformationstag 2017 – ausnahmsweise ein Feiertag in ganz Deutschland!

Welchen persönlichen Bezug haben Sie zu Kirche und zur Reformation?
Grönegres:
Ich bin evangelische Christin. In meiner Kirchengemeinde Nohra-Ulla gehöre ich dem Gemeindekirchenrat an. Das ist zunächst meine formale Verbindung. Die Gemeinschaft und die herzliche Anteilnahme, die ich regelmäßig in der Kirchengemeinde erfahre, bedeuten mir sehr viel. Die Familien, die schon seit DDR-Zeiten treu zur Kirche stehen, sind mir ein Vorbild. Sonntags freue ich mich schon immer auf den Gottesdienst.

Und zum Schluss: Ihr liebstes Luther-Zitat?
Grönegres:
Ein Baum der grüne Blätter hat, vor dem sollst du dich verneigen.

Nachfolger für Luthers Katechismus

26. Mai 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Das Projekt »Yoube« will junge Christen im Internetzeitalter sprachfähig machen

Jungen Leuten die Inhalte des christlichen Glaubens nahebringen – das funktioniert im Web-Zeitalter anders als während der Reformation. Das Projekt »Yoube« versucht es in 27 Kapiteln.

Lange ist’s her, dass in der evangelischen Kirche ein wirkungsvoller Katechismus speziell für junge Menschen entwickelt wurde. Noch heute nehmen Konfirmanden den »Kleinen Katechismus« des Reformators Martin Luther in die Hand und buchstabieren anhand der fast 500 Jahre alten Leitsätze, was christlicher Glaube bedeutet. Das Projekt »Yoube« soll nun die klaffende Lücke füllen. Zu Pfingsten wird der neue Jugendkatechismus in Aidlingen bei Böblingen 10 000 jungen Leuten vorgestellt.

Das 160-seitige »Lehrbuch« widmet sich den Themen Orientierung, Dogmatik und Ethik. Dabei setzt es nicht nur auf das Wort, sondern auch auf eine starke Bebilderung mit Karikaturen und Kollagen. Initiator ist der promovierte Philosoph, gelernte Journalist und Verlagsleiter des Basler fontis-Verlags, Dominik Klenk. Ihm zur Seite stehen der bayerische Lutheraner und Ethikprofessor Bernd Wannenwetsch (Aberdeen/Schottland) und Roland Werner, scheidender Generalsekretär des CVJM-Gesamtverbands in Deutschland, der einen Doktortitel in Theologie und einen in Afrikanistik hält. Alle drei gehören dem theologisch konservativen Spektrum innerhalb der evangelischen Kirche an. Sie haben eine kleine Gruppe von Theologen aus der Jugendarbeit um sich geschart, um das Buch für junge Leute möglichst wirkungsvoll zu gestalten.

»Yoube«-Erfinder Klenk berichtet von einer Zusammenkunft mit 200 Pfarrern, die er fragte, mit welchen Katechismen sie arbeiteten. Die Reaktion: Ein Einziger verwendete Luthers Kleinen Katechismus; ein weiterer den reformierten Heidelberger Katechismus aus dem Jahr 1563. Für Klenk ein klares Zeichen, dass keiner der Versuche aus den vergangenen Jahrzehnten, etwas Jugendgemäßes zu entwickeln, eine nennenswerte Durchschlagskraft erreicht habe.

Klenk, Dominik; Werner, Roland und andere (Hg.): Yoube. Evangelischer Jugendkatechismus, 176 Seiten, ISBN 978-3-03848-050-1 (Textausgabe), 978-3-03848-034-1 (Designausgabe), 15,99 Euro bzw. 18,99 Euro

Klenk, Dominik; Werner, Roland und andere (Hg.): Yoube. Evangelischer Jugendkatechismus, 176 Seiten, ISBN 978-3-03848-050-1 (Textausgabe), 978-3-03848-034-1 (Designausgabe), 15,99 Euro bzw. 18,99 Euro

Die größere Wirkung erhofft sich Klenk nun auch vom Internet. Eine Online-Plattform für das Projekt wird derzeit fertiggestellt, sie soll an Pfingsten ans Netz gehen. Finanziert wird sie per »Crowdfunding« – also durch einen Aufruf im Internet, dem 246 Menschen mit einer Gesamtsumme von 25 000 Euro gefolgt sind. Der Auftritt soll es beispielsweise ermöglichen, Entwürfe für Unterrichtsstunden herunterzuladen und über die einzelnen Glaubensartikel zu diskutieren.
Dass es sich bei diesem Jugendkatechismus um eine unabhängige Initiative und keinen offiziellen Auftrag einer evangelischen Kirche handelt, erklärt Klenk mit der komplizierten Struktur des Protestantismus. Es sei sehr zeitraubend, zu einer Textfassung zu kommen, die beispielsweise von den Synoden aller 20 Landeskirchen abgesegnet würde.

Doch habe er bereits von Bischöfen, Kirchenleitungen und Pfarrern »deutliches Interesse« signalisiert bekommen. Das stimme ihn hoffnungsvoll, dass die Texte mit Konfirmanden, im Religionsunterricht und in kirchlichen Jugendgruppen verwendet werden. Die Zeiten für einen neuen Jugendkatechismus könnten ideal sein. Zumindest hat das die katholische Kirche mit dem Projekt »Youcat« erlebt, das 2011 veröffentlicht wurde und bereits in 30 Sprachen vorliegt. Doch während sich »Youcat« eng an den offiziellen Katechismus der katholischen Kirche anlehnt, wählt »Yoube« eine freie Form, um die Grundlagen des evangelischen Glaubens zusammenzufassen. Das gedruckte Buch gibt es übrigens in zwei Fassungen: einer Text- und einer etwas teureren »Designausgabe«. Während die »Designausgabe« sich laut Verlag »bildgewaltig, frech, modern« vor allem an Jugendliche wendet, richtet sich die Textausgabe eher an Erwachsene.

Marcus Mockler (epd)

www.fontis-verlag.com/yoube


Einzigartiges Freilichtmuseum

12. März 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Lutherstadt Wittenberg – langjährige Wirkungsstätte der Malerfamilie Cranach

In diesem Jahr würdigt die Lutherdekade unter dem Motto »Bild und Bibel« den 500. Geburtstag von Lucas Cranach dem Jüngeren. Die Kirchenzeitung nimmt das Cranachjahr zum Anlass, in einer Beitragsserie mit der Malerdynastie verbundene Orte vorzustellen.

Heute: Lutherstadt Wittenberg

Keine andere Stadt ist so eng mit dem Leben und Wirken der Malerfamilie Cranach verbunden wie die Lutherstadt Wittenberg. Die hier 1502 gegründete erste landesfürstliche Universität Deutschlands durch Kurfürst Friedrich III., der Weise, war ein vorausschauender, angesichts der Konkurrenz ringsum (Leipzig, Frankfurt/Oder) auch mutiger Schritt. Dass die »Leucorea« 1517 mit der Reformation zum Ausgangspunkt eines Ereignisses von weltgeschichtlicher Bedeutung werden würde, war freilich nicht vorhersehbar. Friedrich investierte, um die bis dato eher unscheinbare Stadt an der Elbe dem Status einer Residenzstadt gemäß aufzupolieren. Ein Freund Bildender Kunst, erteilte er den Besten dieser Sparte reichlich Aufträge. 1505 berief er den damals in Wien lebenden Lucas Cranach der Ältere zum Kurfürstlichen Hofmaler. Mit Martin Luther, der 1511 für immer nach Wittenberg kam, verband den elf Jahre älteren Lucas Cranach alsbald eine immerwährende enge Freundschaft.

Für Lucas Cranach sollte Wittenberg 45 Jahre lang der Hauptort seines künstlerischen Wirkens werden. Als Hofmaler im Dienst von nacheinander drei Kurfürsten schuf er mit seinem Team ein außerordentlich umfangreiches Werk, das Routinearbeiten ebenso wie Hochleistungen der Bildenden Kunst umfasst. Das damit erworbene Geld legte er äußerst geschickt in Grundstücken und Häusern an. Vom fähigen Geschäftsmann in ihm sprechen weitere Unternehmungen. So erhielt er – obwohl selbst in dem Fach nicht zu Hause – das Apothekenprivileg der Stadt, betrieb eine der erfolgreichsten Weinschenken der Stadt, engagierte sich im Gewerbe der Bierbrauer und betrieb zeitweilig eine Buchdruckerei. Bald engagierte er sich auch in der Kommunalpolitik.

Unterwegs in der Wittenberger Altstadt, bewegt sich der Gast in einem einzigartigen Freilichtmuseum. Auf der »Kulturmeile« Collegienstraße, aber auch wenige Schritte abseits von dieser, begegnen dem Besucher auf Schritt und Tritt steinerne Zeugen der Zeit, da die Familien der Reformatoren Martin Luther und Philipp Melanchthon, als auch die des Hofmalers Cranach hier lebten und wirkten. An den Bürgermeister und zeitweilig obersten Gerichtsherrn Cranach erinnert das zwischen 1523 und 1535 erbaute Rathaus am Markt.

Cranach-Hof (l.) am Markt 4 in der Lutherstadt Wittenberg. Das Haus brachte Lucas Cranach der Ältere vor 1507 teilweise und bis 1527 vollständig in seinen Besitz. Foto: epd-bild

Cranach-Hof (l.) am Markt 4 in der Lutherstadt Wittenberg. Das Haus brachte Lucas Cranach der Ältere vor 1507 teilweise und bis 1527 vollständig in seinen Besitz. Foto: epd-bild

In seiner Werkstatt (Cranach-Hof) erfuhren auch die beiden Söhne Hans und Lucas der Jüngere ihre Ausbildung. Nach dem frühen Tod von Hans Cranach rückte dessen jüngerer Bruder in der Hierarchie der Werkstatt in eine Führungsposition auf. Um alle Aufträge erledigen zu können, zeichnete sich die Werkstatt durch eine bis dahin nicht gekannte Variantenpraxis der Kunstproduktion aus.

Unser Bild von Martin Luther und seiner Zeit verdankt sich vor allem künstlerischer Arbeiten der Cranach-Werkstatt. Luther mit Doktorhut, Luther als »Junker Jörg« auf der Wartburg, Luther auf der Kanzel, Luther beim Abendmahl oder als Familienvater – die Vorstellung von Luther wird hier plastisch wie sonst nicht.

Vermutlich gab es, abgesehen von den Repräsentanten der zentralen Gewalt, von keinem anderen Menschen in der ersten Hälfte des 16. Jahrhundert mehr Bildnisse als von Martin Luther.

Heinz Stade

Landesausstellung Sachsen-Anhalt »Cranach der Jüngere 2015« in Lutherstadt Wittenberg vom 26. Juni bis 1. November. Ausstellungsorte sind die Stadtkirche St. Marien, das Augusteum und das Cranach-Haus.

www.cranach2015.de

Asyl für Prager Protestanten

5. November 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Flüchtlinge: Im Zuge der Gegenreformation flüchteten einst rund 30 000 böhmische Protestanten nach Sachsen

Die Reformation verbindet Tschechen und Deutsche bis heute. Das zeigt die 400 Jahre alte Salvatorkirche.

Keine Prag-Besichtigung ohne Jan Hus. Stets ist der tschechische Reformator dicht umlagert von Touristengruppen. Noch ist das expressive Bronzemonument, 1915 von Ladislav Šaloun (1870–1946) auf dem Altstädter Ring errichtet, halb eingerüstet. Es wird einer Schönheitskur unterzogen, denn 2015 steht ein für das Nachbarland bedeutsamer Gedenktag an: 600 Jahre Hinrichtung von Jan Hus auf dem Scheiterhaufen. Das Ereignis verbindet Tschechen und Deutsche. Hingerichtet wurde der um 1369 in Südböhmen geborene Kirchenerneuerer 1415 in Konstanz. Der Tag seiner Verbrennung, der 6. Juli, ist seit 1925 tschechischer Staatsfeiertag.

Dargestellt sind auf dem Denkmal auch seine Anhänger, die zur Zeit der katholischen Gegenreformation nach der Schlacht am Weißen Berg 1620 flüchten mussten. Um die 30 000 insgesamt. Asyl fanden viele von ihnen im benachbarten Sachsen, in Dresden. Dort wird die Tradition jener böhmischen Exulanten bis heute wachge­halten.

Abgerissen sind die Beziehungen nach Prag nie. Jetzt wurden sie erneuert. Als die Salvatorkirche, Hauptgebäude der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder (EKBB), jüngst ihr 400. Jubiläum beging, feierten auch Gäste aus Dresden mit.

Sie kamen aus der im Jahr 2000 aus einer Fusion hervorgegangenen Johanneskirchgemeinde – der Name der ersten Kirche, welche die Glaubensflüchtlinge 1650 erhielten. 1880 bauten sie sich eine neue. Die nannten sie, an ihre Prager Herkunft erinnernd, Erlöserkirche – die deutsche Übersetzung des lateinischen »Salvator«. 1945 wurde sie zerstört. Die Erlöser-Andreas-Gemeinde entstand, heute Teil der Dresdener Johanneskirchgemeinde.

Vor 400 Jahren wurde die evangelische Salvatorkirche in Prag errichtet. Im Oktober wurde mit einem Festgottesdienst des Jubiläums gedacht. Dabei waren auch Gäste aus Dresden und dem saarländischen Fischbach. Foto: Tomas Gärtner

Vor 400 Jahren wurde die evangelische Salvatorkirche in Prag errichtet. Im Oktober wurde mit einem Festgottesdienst des Jubiläums gedacht. Dabei waren auch Gäste aus Dresden und dem saarländischen Fischbach. Foto: Tomas Gärtner

Die bewahrt noch immer wertvolle Dokumente auf, darunter das »Pirnaer Wappenbuch«, gestiftet 1628 vom evangelischen Rektor der Prager Universität. Es verzeichnet Namen der Glaubensmigranten. An hohen Feiertagen bekommen Gottesdienstbesucher Wein aus Abendmahlskelchen, die noch aus Prag stammen sollen. Historiker Frank Metasch vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde hält das für eine Legende. Doch gleichviel: »Das materielle und ideelle Erbe der Prager Salvator-Gemeinde hatte enormen identitätsstiftenden Wert«, sagt er. Etliche der rund 800 Mitglieder der Prager Salvator-Gemeinde wiederum zeigten beim Jubiläum lebhaftes Interesse an diesen historischen Verbindungen.

»Die böhmischen Exulanten sind eine der Wurzeln unserer Gemeinde«, sagte Carola Ancot, Pfarrerin der Dresdner Gemeinde, während des Festgottesdienstes in Prag. »Schon zu DDR-Zeiten waren sie ein Vorbild an Glaubenszuversicht und Standhaftigkeit.« Markus Pape, seit 1990 in Prag lebender Deutscher und Mitglied im Leitungsgremium der Salvator-Gemeinde, meint: »Mit diesen historischen Beispielen können wir Kindern weitergeben, was es bedeutet, jemandem auf der Flucht zu helfen und selbst auf der Flucht geholfen zu bekommen.«

Etwas versteckt in einer kleinen Seitenstraße Prags steht die Salvatorkirche. Sie ist die Hauptkirche der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder. Foto: Tomas Gärtner

Etwas versteckt in einer kleinen Seitenstraße Prags steht die Salvatorkirche. Sie ist die Hauptkirche der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder. Foto: Tomas Gärtner

Die evangelische Salvatorkirche ist für Prag-Besucher nicht leicht zu finden. Von Wohnhäusern dicht umbaut, steht sie nördlich des Altstädter Rings an der Kostecˇná, einer kleinen Nebenstraße. Doch nun ist sie zumindest nicht mehr zu überhören. 1916 hatte sie ihre Glocken der Rüstungsindustrie opfern müssen. Zum 400. hat sie vier neue bekommen. Ein Geschenk aus dem Saarland. Zuvor hingen sie in der 1958 errichteten evangelischen Betonkirche in Quierschied. Die aber hatte die kleiner gewordene Gemeinde in Fischbach verkaufen, den Turm abbrechen müssen. Als er sie jetzt in Prag läuten hörte, kamen Pfarrer Hans-Lothar Hölscher und einigen seiner mit ihm angereisten Gemeindemitglieder Freudentränen: »So haben sie bei uns nie geklungen.«

Tomas Gärtner

»Mansfeldisch Kind«

24. Juni 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Reformation:  Museum »Luthers Elternhaus« wurde in Mansfeld eröffnet

Mit »Luthers Elternhaus« ist am 14. Juni das fünfte reformationsgeschichtliche Museum in Sachsen-Anhalt eröffnet worden. Es gibt Einblicke in die Kindheit und Jugend Martin Luthers und die Lebenswelt einer Familie um 1500.

Das Modell eines Vierseitenhofes zieht die Blicke der Besucher auf sich. Ein stattliches Wohnhaus und Wirtschaftsgebäude gruppieren sich um einen geräumigen Hof. Der Besitz der Familie Luder aus dem thüringischen Möhra, die nach einem Zwischenaufenthalt in Eisleben 1484 hierher umgesiedelt war, weist auf eine wohlhabende Familie. Die Aussage Martin Luthers (1483–1546), wie er sich ab 1517 nannte, dass sein Vater ein »armer Heuer gewest« sei, trifft am Ende des 15. Jahrhunderts nicht mehr zu. Der Bürger Hans Luder hatte es zu Wohlstand und Ansehen in Mansfeld gebracht. Davon zeugt nicht nur das Anwesen, von dessen Wohnhaus ein Drittel mit einem Renaissance-Portal erhalten blieb, die Wirtschaftsgebäude aber verschwunden sind. davon zeugen ebenso die Bodenfunde aus der Mansfelder Altstadt – wie prächtige Ofenkacheln und nicht zuletzt die von halleschen Archäologen ausgegrabene »Speisekarte« der Familie. Auf der standen nicht nur Fleisch und Fisch, sondern regelmäßig auch Singvögel. Die archäologischen Funde machen etwa die Hälfte der 227 Exponate aus, die im Museum »Luthers Elternhaus« in der heutigen Lutherstraße ausgestellt sind.

Das Modell im Museumsneubau zeigt Luthers Elternhaus vor 500 Jahren. In den Vitrinen darunter und an den Wänden ringsum sind die Funde ausgestellt, die während der Ausgrabungen 2003/04 und 2008 zutage traten. Foto: Jürgen Lukaschek

Das Modell im Museumsneubau zeigt Luthers Elternhaus vor 500 Jahren. In den Vitrinen darunter und an den Wänden ringsum sind die Funde ausgestellt, die während der Ausgrabungen 2003/04 und 2008 zutage traten. Foto: Jürgen Lukaschek

»Mansfeld steht wieder auf der Luther-Landkarte«, so Stefan Rhein, Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt. Das Museum sei weltweit der einzige Ort, an dem Luthers Kindheit und Jugend thematisiert werden. Der spätere Reformator lebte über 13 Jahre hier – und damit nach seinen 35 Jahren in Wittenberg die zweitlängste Zeitspanne seines Lebens.

Das am 14. Juni eröffnete reformationsgeschichtliche Museum besteht aus zwei Teilen. Der kubische Neubau nach einem Entwurf des Berliner Architektenbüros Anderhalten schließt eine Baulücke in einer Altbau-Häuserzeile und liegt dem originalen elterlichen Wohnhaus Martin Luthers gegenüber. Er besteht aus Stahlbeton. In die Fassade eingearbeitete Schieferstückchen sollen an die Mansfelder Schlacke, den Rückstand bei der Kupferverhüttung, erinnern. Rund 3,5 Millionen Euro kosteten die Bauarbeiten; das Ausstellungsbudget liegt bei rund 686 000 Euro. »Für Mansfeld ist die Eröffnung des Museums ein Riesenschritt nach vorn«, ist sich Bürgermeister Gustav Vogt sicher. Die Stadt, die gemeinsam mit der Stiftung Luthergedenkstätten Bauherr war, erhoffe sich davon mehr Besucher.

»Luthers Heimat sowie Kindheit und Jugend kamen in der Forschung und in der populären Kultur bislang zu kurz«, sagt Christian Philipsen, der zusammen mit Gaby Kuper Kurator der Schau ist. Ihr Motto – »Ich bin ein Mansfeldisch Kind« – stamme aus einem Brief Martin Luthers vom 7. Oktober 1545 an die Grafen von Mansfeld. Diese Worte sowie andere schriftliche Quellen und vor allem sein Handeln zeigten, dass sich Luther auch am Ende seines Lebens noch als Kind dieser Region begriffen habe.

Die Ausstellung – 600 Quadratmeter im Neubau und 80 Quadratmeter im Altbau – ist in mehrere Themenkomplexe untergliedert. Im Abschnitt »Aus gutem Haus« wird die Hauswirtschaft der Familie dargestellt, während das Kapitel »Schwere Arbeit« auf den Kupferschieferbergbau eingeht, dem die Region über Jahrhunderte ihren Wohlstand verdankte. Dem Hüttenmeister Luder und dem zeitweilig angespannten Verhältnis Martins zu seinen Eltern Hans und Margarete ist der Abschnitt »Wen der Berg ruft« gewidmet. Unter dem Thema »Meine Gnädigen Herren« informiert die Schau auch über die Mansfelder Grafen und die Beziehungen der Luthers zu ihnen. Das Kapitel »Sankt Georgs Stadt« ist Mansfeld und dem Schutzpatron, dem heiligen Georg, gewidmet. Das Kapitel »Mit Pauken und Chorälen« schließlich geht auf Martin Luthers harte Schulzeit und die Bildungsinhalte ein, zu der nicht nur das Lateinlernen, sondern auch der Chorgesang in der Pfarrkirche gehörte. Hier entwickelte der junge Martin wohl seine Liebe zur Musik.

Das Foyer des Neubaus wird von einem Panoramabild des Schlosses Mansfeld geprägt, wie es Luther seine Kinderjahre über vor Augen hatte, sowie von den einzig bekannten Gipsbüsten von Luthers Eltern aus dem Jahr 1933. Auf einem Stadtplan, den der Prediger Cyriakus Spangenberg (1528–1604) überlieferte, sind die Lutherorte Mansfelds multimedial präsentiert. Im Elternhaus Luthers liegt der Schwerpunkt auf der Geschichte der Luthermemoria im Mansfelder Land, die am 11. November 1562 mit einem Gottesdienst begannen. Mit dem jetzt eröffneten Museum bekommt die Erinnerung an das »Mansfeldisch Kind« eine neue Güte.

Angela Stoye

www.martinluther.de

Die andere Seite der Reformation

13. Mai 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Auf dem sächsischen Schloss Rochlitz werden die Frauen der Reformation geehrt

Eine Ausstellung auf Schloss Rochlitz stellt weibliche Persönlichkeiten des 16. Jahrhunderts vor. Im Fokus steht Elisabeth von Rochlitz.

Die Geschichte der Reformation in Deutschland wird bislang von Männern dominiert. Spätestens mit der aktuellen Sonderausstellung auf Schloss Rochlitz (Landkreis Mittelsachen) muss umgedacht werden. Unter dem Motto »eine STARKE FRAUENgeschichte« kann der Besucher auf dem für 18,5 Millionen Euro sanierten Schloss Lebenswege von Frauen des 16. Jahrhunderts verfolgen. Mit der am 1. Mai eröffneten Schau dürfte sich das Bild der Reformation als einem rein männlich geprägten Ereignis verändern. Bis Oktober werden rund 50 000 Besucher erwartet.

Insgesamt rund 300 Exponate zeigt die Reformationsausstellung, vor allem Gemälde und Dokumente. Foto: epd-bild

Insgesamt rund 300 Exponate zeigt die Reformationsausstellung, vor allem Gemälde und Dokumente. Foto: epd-bild

Im Fokus stehen unangepasste und lange Zeit vergessene Frauen der Reformation. Eine Ausnahme ist wohl Luthers Frau, die weithin bekannte Katharina von Bora (1499–1552). Die Ausstellung würdigt die ehemalige Nonne als Teil der reformatorischen Bewegung. Zu sehen sind etwa drei Kopien des Eherings der »Lutherin« aus Gold und Rubin von 1525 und ein Teil des Weihwasserbeckens aus dem Kloster Nimbschen bei Grimma, wo sie einst lebte.

Im Zentrum der Schau aber steht Herzogin Elisabeth von Rochlitz (1502 bis 1557), die vor Ort zwischen 1537 und 1547 wirkte und eine der einflussreichsten Frauen der reformatorischen Aufbruchszeit war. Die Tochter eines hessischen Landgrafen wurde bereits mit drei Jahren dem damals fünfjährigen Sohn Johann des sächsischen Herzogs Georg, einem Gegner der Reformation, versprochen. Im original erhaltenen Ehevertrag von 1505 sind zahlreiche Einzelheiten festgehalten. Kaum zu glauben, dass dieses Papier ihr später die persönliche Freiheit brachte. Denn Elisabeth überlebte ihren Mann und laut Vertrag durfte sie nach seinem Tod auf Schloss Rochlitz residieren. Die sogenannte Eheberedung würde heute rund zehn A4-Seiten füllen, sagt der Dresdner Historiker André Thieme. Vor allem wegen seiner Ausführlichkeit sei das Pergament so wertvoll.

Im Prolog der Ausstellung wird aber auch der zeitgenössische Protest aufgegriffen, etwa der von Femen in Paris. Nicht zuletzt erklären bewegte Comics die Errungenschaften der Reformation kurzweilig und witzig, auf eine angenehm unkonventionelle Weise. Hier wird Geschichte mit Strichmännchen verständlich erzählt. Auch Elisabeths Leben ist mit einem Comic animiert.

Insgesamt rund 300 Exponate zeigt die Reformationsausstellung auf rund 1 300 Quadratmetern. 200 Originale sind zu sehen, darunter vor allem Gemälde und Dokumente. 83 Leihgeber haben sich beteiligt.

Inhaltliche Grundlage der Präsentation sind zahlreiche überlieferte Briefe der Herzogin. Dabei stehe die Erforschung ihrer Korrespondenz erst am Anfang, sagt Thieme. Schätzungsweise 10 000 Briefe der Reformatorin, die für brisante Botschaften sogar eine Geheimschrift entwickelte, seien erhalten. Empfänger ihrer Schreiben waren etwa die mächtigsten Fürsten der damaligen Zeit.

Die wissenschaftliche Aufbereitung ist Thieme zufolge eine »Herkulesaufgabe«. Bisher seien erst etwa 200 Briefe ediert. Sie seien jedoch eine »fantastische Quelle für den höfischen Alltag und die damalige Mentalität«. Zugleich ermöglichten die Briefe eine späte Rehabilitierung der Elisabeth von Rochlitz, die 1537 in ihrem Gebiet die Reformation einführte.

Ein Höhepunkt der Ausstellung ist der Raum, wo die Reformatorin vermutlich ihre Texte verfasst hat. Neben einigen Originalen werden auch ihre einflussreichen Adressaten vorgestellt. »Die Briefe werden eine steile Karriere machen«, ist Thieme überzeugt. »Es wird keine Geschichte der Reformation mehr geben ohne die Elisabeth und ihre Briefe.«

Die Schau widmet sich auch der neuen Kunst der Reformationszeit, eine Folge veränderter Rollenbilder der Geschlechter. Die Frau als Verführerin spiele eine Rolle oder etwa die Familie als ein Ergebnis der reformatorischen Bewegung, so Kurator Dirk Welich. Auffallend für diese Zeit seien zahlreiche Darstellungen der biblischen Heldin Judith, die durch verführerische List dem assyrischen Heerführer Holofernes den Kopf abschlug und so eine ganze Stadt vor der völligen Zerstörung bewahrte. Zu sehen sind mehrere Judith-Gemälde, darunter von Lucas Cranach d. Ä. (1472 bis 1553), aber auch Darstellungen der Heldin auf Alltagsgegenständen wie Ofenkacheln oder Bierkrügen.

Katharina Rögner (epd)

Die Ausstellung »eine STARKE FRAUENgeschichte – 500 Jahre Reformation« auf Schloss Rochlitz ist vom 2. Mai bis 31. Oktober, täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Kompromiss und Familienfeier

29. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Konfirmation: Vor 475 Jahren wurde sie in Hessen erfunden – Luther war anfangs gar nicht von dem Ritual begeistert

Die Reformation stellte alle alten Gewissheiten und Traditionen der Kirche infrage. Und es entstand Neues: Vor 475 Jahren wurde in einem kleinen hessischen Städtchen die Konfirmation erfunden.

Der Einführung des neuen Rituals der Konfirmation vorausgegangen war ein heftiger Streit verschiedener reformatorischer Strömungen um die Taufe. Die Bewegung der Täufer nämlich war der Auffassung, dass nur getauft werden kann, wer zuvor auch glaubt. Ein Säugling sei zu einer Glaubensentscheidung aber nicht in der Lage, argumentierten sie. Folglich sei die Praxis der Säuglingstaufe – die auch die führenden Reformatoren nicht infrage stellten – grundfalsch. Diese und andere Forderungen der Täufer führten in vielen Regionen zu Unruhen und Verfolgungen. Denn sie meinten, sich aus Glaubensgründen der Obrigkeit widersetzen zu dürfen.

Landgraf Philipp von Hessen (1504 bis 1567) jedoch, ein bedeutender politischer Kopf der Reformation, schreckte vor einem gewaltsamen Vorgehen zurück. Er rief den elsässischen Reformator Martin Bucer (1491–1551) zu Hilfe, der auch in Täuferkreisen Anerkennung genoss.

Bucer versuchte, in der Frage der Säuglingstaufe zu vermitteln. Heraus kam folgender Kompromiss: Die Kindertaufe wurde zwar beibehalten. Die Heranwachsenden aber sollten zu einem Katechismusunterricht geschickt werden, der in einer symbolischen Handlung vor der Gemeinde gipfelte. Dadurch könnten sie nachträglich ein »Ja« zu ihrer Taufe sagen, so der Gedanke. Somit entsprach Bucer dem Anliegen der Täufer, ohne die Säuglingstaufe aufzugeben: Die Konfirmation war geboren.

In dem hessischen Städtchen Ziegenhain, heute ein Stadtteil von Schwalmstadt im Schwalm-Eder-Kreis, entstand unter der Federführung Bucers die sogenannte »Ziegenhainer Zuchtordnung«. In ihr wurde unter anderem der verbindliche Unterricht in Glaubensfragen für alle Kinder angeordnet. Positiver Nebeneffekt der neuen Ordnung: Viele lernten dadurch auch lesen und schreiben.

Bibelwort und Segenszuspruch: In der mitteldeutschen sowie in der anhaltischen Landeskirche werden in diesem Jahr wie auch im Vorjahr rund 4 450 Jugendliche konfirmiert. Foto: epd-bild

Bibelwort und Segenszuspruch: In der mitteldeutschen sowie in der anhaltischen Landeskirche werden in diesem Jahr wie auch im Vorjahr rund 4 450 Jugendliche konfirmiert. Foto: epd-bild

Der Reformator Martin Luther (1483 bis 1546) allerdings war zunächst wenig begeistert von der Konfirmation. Denn er sah in ihr eine gewisse Nähe zum katholischen Sakrament der Firmung, das er vehement ablehnte. Erst mit der Glaubensströmung des Pietismus, der die persönliche Frömmigkeit betonte, wurde die Konfirmation Allgemeingut in allen protestantischen Regionen Deutschlands. Das war ab dem späten 17. und dem frühen 18. Jahrhundert.

Nach wie vor hat die Konfirmation, in dem die meist 14-Jährigen ihren Glauben öffentlich bejahen, eine hohe Bedeutung im kirchlichen Leben. Und sie gehört zu den wichtigsten Familienfesten unter Protestanten. In den Wochen um Ostern lassen sich in Deutschland jedes Jahr rund 250 000 Mädchen und Jungen konfirmieren. In feierlichen Gottesdiensten werden sie durch Handauflegen gesegnet und erhalten einen biblischen Konfirmationsspruch, der sie ein Leben lang begleiten soll.

Der Begriff »Konfirmation« kommt aus dem Lateinischen und bedeutet »Befestigung« oder »Stärkung«. Je nach Landeskirche dauert der Konfirmandenunterricht heute knapp ein bis zwei Jahre. Er sieht eine Unterweisung in den wichtigsten Grundlagen des Glaubens vor.

Voraussetzung für die Konfirmation ist die Taufe. Inzwischen kommt es auch immer häufiger vor, dass noch ungetaufte Jugendliche am Unterricht teilnehmen und sich erst unmittelbar vor ihrer Konfirmation taufen lassen. Während früher mit der Konfirmation auch der erste Gang zum Abendmahl verbunden war, ist diese Bestimmung inzwischen gelockert worden. Vielfach nehmen heute auch schon Kinder an Abendmahlfeiern teil.

Nach der Konfirmation hat der Konfirmand das Recht, ein Patenamt zu übernehmen. In einigen Landeskirchen bekommt er auch das aktive Wahlrecht bei Kirchenvorstandswahlen zugesprochen. In der Evangelischen Kirche von Hessen-Nassau haben Jugendliche, die das 14. Lebensjahr vollendet haben und konfirmiert sind, seit Kurzem sogar das passive Wahlrecht: Sie können als Jugenddelegierte in einen Kirchenvorstand gewählt werden, wo sie allerdings nur eine beratende Stimme haben.

Christian Prüfer (epd)

Rund um die Konfirmation

Müssen die Eltern der Konfirmanden Mitglieder einer christlichen Kirche sein?
Nein. Die Eltern müssen keiner christlichen Kirche angehören.

Müssen die Jugendlichen vor der Konfirmation getauft sein?
Ja. Die Taufe ist eine wichtige Voraussetzung für die Konfirmation. Mit ihrem «Ja» bei der Konfirmation bestätigen die jungen Menschen die Taufe. Die Taufe kann auch während der Unterrichtszeit oder im Konfirmationsgottesdienst nachgeholt werden.

Können auch Erwachsene konfirmiert werden?
Ja. Getaufte Mitglieder der Kirche können nach einer entsprechenden Vorbereitungszeit konfirmiert werden. Bei der Taufe eines Erwachsenen ist die Konfirmation allerdings nicht mehr notwendig, weil der Akt der Taufe und das mit der Konfirmation verbundene Glaubensbekenntnis zusammenfallen.

Müssen Konfirmanden regelmäßig in die Kirche gehen?
Es wird erwartet, dass die Jugendlichen den Gottesdienst am Sonntagvormittag regelmäßig besuchen. Je nach Angebot können das Jugend- oder Kindergottesdienste und andere kirchliche Veranstaltungen sein.

Welche Kleidung sollten die Konfirmanden tragen?
Die Kleidung sollte den festlichen Charakter des Tages unterstreichen. Es gibt allerdings örtlich und traditionell gebundene Unterschiede. Die Kleiderfrage sollten Eltern und Kinder gemeinsam mit dem Pfarrer oder der Pfarrerin besprechen.

Was schenkt man den Jugendlichen am besten zur Konfirmation?
Eine alte Tradition ist es, Konfirmanden eine Bibel oder ein Gesangbuch zu überreichen. Vielfach wird heute Bargeld verschenkt.


Außergewöhnlich für ihre Zeit

23. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Frauen der Reformation: Felicitas von Selmnitz (1488 bis 1558)

Felicitas von Selmnitz‹ Leben als Adlige verlief zunächst in geordneten Bahnen. Sie wurde 1488 in Liederstedt in der Nähe von Allstedt an der Un­strut geboren. Ihr Vater und später ihr Mann waren Verwalter des Kurfürsten von Sachsen auf Schloss Allstedt. Nach ihrer Hochzeit mit dem Witwer Wolf von Selmnitz 1507 lebte Felicitas von Selmnitz mit ihrer Familie auf der Vitzenburg.

Vier ihrer Kinder starben frühzeitig. Da ihr Mann aufgrund seiner finanziellen Verpflichtungen als Oheim seiner Neffen die Vitzenburg verpachten musste, zog die Familie 1516 in ihr Anwesen nach Glaucha bei Halle.

Als ihr Mann 1519 auf einer Hochzeit hinterrücks erstochen und sie mit 31 Jahren Witwe wurde, kamen die gewohnten Lebensstrukturen ins Wanken.

Noch im selben Jahr floh sie mit ihren Söhnen vor der Pest und musste erleben, dass zwei daran starben. Nun war sie mit ihrem zweitgeborenen Sohn Georg allein.

Glücklicherweise half ihr Schwager Bastian von Selmnitz beim Durchsetzen ihrer Witwenansprüche – die Neffen verweigerten ihre Oheimpflichten gegenüber ihrem Sohn Georg. 1520/21 zog sie mit ihrem Sohn endgültig in ihr Anwesen nach Glaucha und schickte ihn mit 13 Jahren auf die Schreib– und Rechenschule nach Halle. Von ihm lernte sie mit 35 Jahren das Lesen und Schreiben.

Elisabeth Opitz, die Autorin des Beitrages als Felicitas von Selmnitz bei der Eröffnung des Feicitas- von-Selmnitz- Hauses Ende Januar in Halle. Foto: Burkhard Dube

Elisabeth Opitz, die Autorin des Beitrages als Felicitas von Selmnitz bei der Eröffnung des Feicitas- von-Selmnitz- Hauses Ende Januar in Halle. Foto: Burkhard Dube

Es ist anzunehmen, dass Felicitas die politische Lage sehr bewegte, waren doch ihr Schwager Bastian von Selmnitz und ihre Stieftöchter bereits 1521 zum neuen reformatorischen Glauben übergetreten. Auch hatte sie durch Thomas Müntzer, der für ein Vierteljahr als Hilfsprediger am Zisterzienserkloster in Glaucha angestellt war, viele Glaubenseinsichten gewonnen. Zu Weihnachten 1522 ließ sie sich mit ihrem Sohn durch Thomas Müntzer das Abendmahl in beiderlei Gestalt geben. Damit bekannte sie sich offiziell zum reformatorischen Glauben.

Wie glücklich mag sie dann gewesen sein, in den Besitz von Luthers Übersetzung des Neuen Testamentes – dem sogenannten Septembertestament – zu kommen und es auch noch selber lesen zu können! So musste sie wohl aus tiefstem Herzen und mit Freude all die Lesespuren hinterlassen haben, die wir heute in einigen der verbliebenen 362 Bücher aus dem Besitz ihrer Familie in der Marienbibliothek zu Halle finden können.

Als sie ihrem Neffen 1528 auf dem Sterbebett das Abendmahl in beiderlei Gestalt reichen ließ, drang Kardinal Albrecht sie, ihrem Glauben abzuschwören oder die Stadt zu verlassen. Obwohl Martin Luther in einem Brief ihr riet auszuhalten, floh sie im Frühjahr 1528 nach Wittenberg, wo sie sich sicher fühlte. Ihr Sohn immatrikulierte sich 1529 an der Universität.

Durch die Studien der reformatorischen Schriften konnte Felicitas von Selmnitz Anteil an den Disputen der Reformatoren nehmen und war eine hoch angesehene Frau in deren Freundeskreis. Sie übernahm Patenämter in den Familien Luther, Jonas, Bugenhagen und Cruciger. Buchgeschenke und Widmungen von Justus Jonas und Martin Luther geben Zeugnis davon. So können wir in der Lutherbibel die eigenhändige Widmung Luthers nachlesen: »Der Erbarn tugendsamen frawen felicitas von Selmenitz meiner Lieben gevattern.«

Im Jahr 1547 kehrte Felicitas von Selmnitz nach Halle zurück, da ihr Sohn eine Anstellung in Merseburg fand. Mit 70 Jahren starb sie am 1. Mai 1558.

Ihr Sohn erwarb auf dem Stadtgottesacker in Halle eine Grabstelle und ließ dort ein Epitaph für sie, seinen Vater und seine schon früh verstorbenen Geschwister errichten, der noch heute zu sehen ist.

Elisabeth Opitz

Blühende Alltagsfrömmigkeit des Mittelalters

8. Oktober 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Faszinierende Einblicke in den Vorabend der Reformation: die Ausstellung »Umsonst ist der Tod« in Mühlhausen

Mit einem Hieb wurde die Hand vom Körper getrennt. Bleiche Knochen, stellenweise mumifiziert, fordern noch heute, Jahrhunderte später, die Bestrafung einer Untat, die sich wohl einst bei Wippra (Kirchenkreis Eisleben-Sömmerda) ereignete.

»Das ist die Hand eines Getöteten, ein Leibzeichen.« Hartmut Kühne zeigt auf das ausgestellte Kästchen: »Vom Opfer abgenommen, war es vor einem mittelalterlichen Gericht der Beweis für den Rechtsanspruch. In ihm war der Tote sozusagen selbst vertreten.« Wurde ein Schuldspruch gefällt, habe der Mörder das Leibzeichen auch standesgemäß beerdigen müssen. Das geschah bei dieser Hand aber nicht. »Da hat man vor 500 Jahren den Täter wohl nicht gefunden«, stellt der Kirchenhistoriker fest.

Votivgabe nach Befreiung: Kurator Hartmut Kühne erläutert die Bedeutung der Ketten aus Bad Wilsnack. Foto: Matthias Hemmann

Votivgabe nach Befreiung: Kurator Hartmut Kühne erläutert die Bedeutung der Ketten aus Bad Wilsnack. Foto: Matthias Hemmann

Kühne hat als Kurator das Forschungsprojekt der drei mitteldeutschen Länder »Alltag und Frömmigkeit am Vorabend der Reformation« verantwortet. Bei Fahrten in die ländlichen Regionen Thüringens, Sachsens und Sachsen-Anhalts trug er viele Exponate zusammen, die über ein halbes Jahrtausend in den Archiven und Pfarrämtern, auch auf manchem Kirchenboden unbeachtet überdauerten. In Mühlhausen werden sie erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Sie geben der am 29. September eröffneten Ausstellung »Umsonst ist der Tod« ihren Charakter, will diese die Blicke doch nicht so sehr auf herausragende Funde lenken. Stattdessen präsentiert Hartmut Kühne eher Dinge des Alltags, wie etwa eiserne Ketten aus Bad Wilsnack. In Ketten gelegt, sah sich mancher einem ungewissen Schicksal entgegen – und erbat Hilfe an wundertätigen Orten. Wurde er befreit, suchte er den Wallfahrtsort wieder auf, um dort voller Dankbarkeit seine Ketten abzulegen.

Interessant ist auch ein sogenannter Auffahrts-Christus mit beweglichen Armen. Während der Messe am Himmelfahrtstag zur Kirchendecke hinaufgezogen, verschwand die Figur dort durch eine Öffnung, womit der versammelten Gemeinde die Himmelfahrt Jesu verdeutlich wurde.

Insgesamt basiert die Schau auf der Grundthese der neuesten Geschichtswissenschaft, dass es falsch sei, die Reformation als Folge eines Niedergangs von Kirche und Frömmigkeit anzusehen. »Den gab es nicht«, betont Thomas T. Müller, Direktor des Mühlhäuser Museums am Lindenbühl: »Leider ist bei uns im Mutterland der Reformation diese Meinung noch weit verbreitet.« Er verweist auf die Ergebnisse des Forschungsprojektes zur religiösen Praxis, zu Prozessionen, kirchlichem Alltag und Ablasswesen in den Jahren um 1500: »Man geht heute davon aus, dass es damals eine blühende Alltagsfrömmigkeit gab, aus der heraus sich die Reformation entwickeln konnte.«

Matthias Hemmann

Die Ausstellung steht unter der Schirmherrschaft der evangelischen und katholischen Bischöfe der beteiligten Länder und ist bis zum 13. April 2014 im Mühlhäuser Museum am Lindenbühl zu sehen, danach in Leipzig und Magdeburg.
Öffnungszeiten: Di–So, 10–17 Uhr

www.umsonstistdertod.de

Das alte und neue Ringen um das »Heil«

1. November 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Wie wir nach 500 Jahren Zugänge zur Reformation finden können: praktische Tipps

Wie kann das die Reformation heute jungen Menschen nahegebracht werden? Im zweiten Teil geht es um praktische Tipps und hilfreiche Bücher.

Es gibt eine Menge Möglichkeiten, junge Menschen mit den Fragen und Fakten rund um die Reformation vertraut zu machen. Wie aktuell dieses Ringen um das Richtige vor 500 Jahren noch heute ist, signalisieren sogenannte »Castingshows« wie »Deutschland sucht den Superstar«, »Starsearch«, »X-Faktor«, »Germanys Next Top Model«, »Das Supertalent«. In diesen Sendungen, die für Teenager und Kinder adaptiert werden, kommt es darauf an, von anderen positiv beurteilt zu werden. Steckt hinter der Teilnahme auch eine Heilssehnsucht, der Wunsch und das Verlangen danach, erkannt, anerkannt und angenommen zu sein und heil beziehungsweise frei von allen Schwächen zu werden?

GuA-44-2012Auch im Blick auf Gott gibt es den Wunsch, ihm imponieren zu können und ihn dabei ambivalent als gerecht und ungerecht zugleich zu erleben: Wenn Gott seiner Gerechtigkeit freien Lauf ließe, dann hätte im Licht der ­Bibel kein Mensch eine Chance. Eine Antwort auf Luthers Frage, »Wie kriege ich einen gnädigen Gott?«, lautet: Ich kann nur darauf hoffen dass Gott Gnade vor Recht gelten lässt. Durch eine solche unverdiente Zuwendung Gottes wird der glaubende Mensch von Gott selbst aus freiem Erbarmen (= gratis!) für gerecht erklärt, obwohl es der Mensch tatsächlich noch nicht ist. Zur Zeit Martin Luthers hatte »Rechtfertigung« noch nicht die Bedeutung von »Begnadigung«. Sie war vielmehr genau das Gegenteil: die Verurteilung, die Hinrichtung! Der Tod war dann das »gute Recht« und die Verschonung davon das Wunder.

Eine solche Ungerechtigkeit Gottes ist nicht einfach zu glauben oder abzunicken, sie ist vielmehr zu entdecken. Glaube bedeutet dann im doppelten Sinne des Wortes: Gott Recht geben. Basis für einen solchen Blick auf Gott ist die Bibel, deren grundlegende Bedeutung Martin Luther eindrücklich zum Ausdruck gebracht hat.

Es ist gut, wenn junge Menschen sich damit auseinandersetzen können. Besonders bewährt haben sich dabei folgende Bücher, die für junge Menschen die Reformation ansprechend zur Sprache bringen:
• »Luther und die Macht des Wortes« von Andreas Venzke besticht durch die hervorragende Erzählung, die historischen Erklärungen, den Nachschlagteil und die Zeittafel.

• Im »Netz der Falschmünzer«, einem Ratekrimi für 9- bis 12-Jährige von Renée Holler spielt Martin Luther nur eine Nebenrolle und wird dann doch als geheimnisvoller Mensch mit Weisheit und Liebe vorgestellt.

• Für Kinder ab dem Grundschulalter erzählt Frank Neumann in seinem Buch »Von Martin Luther den Kindern erzählt« sehr elementar vom Reformator. Dazu gibt es ansprechende Illustrationen von Uta Fischer.

• »Kennst du …? Martin Luther« – Mit dem Bilderbuch von Michael Landgraf werden Kindern ab dem Grundschulalter auf einfache Weise Szenen aus dem Leben des Reformators vorgestellt. Außerdem enthält das Buch Vorschläge zur kreativen Gestaltung.

• Der historische Roman »Die Luther-Verschwörung« von Christoph Born führt Jugendliche in die Welt und Herausforderungen des frühen 16. Jahrhunderts hinein. Besonders durch die kurze, klare Schilderung ­gelingt es dem Autor, Gedanken und Gefühle zu vermitteln.

• Unter dem Titel »Martin Luther. Ein Lebensweg in Wort und Bild« bietet Joachim Kummer im lesefreundlichen Layout zahlreiche feinfühlig formulierte Informationen des Autors. Der promovierte Kirchenhistoriker bereitet für junge Menschen auf, womit Martin Luther sich beschäftigt hat, wovon er geprägt wurde und wie er den Herausforderungen begegnet ist.

• Humorvoll mit historischen Zugängen hat Werner Tiki Küstenmacher
ein comic-haftes Bilderbuch rund um die Ökumene geschaffen und schildert dabei die Hintergründe für Trennungen und die Chancen des ­Gemeinsamen. »Tikis Evangelisch-Katholisch Buch« mit dem Untertitel »Zusammen sind wir unschlagbar« ist eine heitere, manchmal hintersinnige Annäherung an die Ökumene.

»Luther mal ganz anders«, lautet der Titel ­einer Publikation von Manfred Wolf. Hier versucht der Autor, ­aktuelle Ansichten, Anfragen und ­Aufregungen quasi durch die »Brille« Martin Luthers zu sehen. In einem flüssig lesbaren fiktiven Interview zeigt er, wie der Reformator manches heutzutage sehen könnte.
Reiner Andreas Neuschäfer
Der Autor ist promovierter Theologe und Pfarrer.

Hinweis: Die Bestellangaben zu den vorgestellten Büchern finden Sie auf der Internetseite »www.mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de« unter der Rubrik »Glaube und Alltag«.

Hier die im Beitrag genannten Bücher im Überblick:

• Venzke, Andreas: Luther und die Macht des Wortes, Illustriert von Klaus Puth, 112 Seiten, ISBN 978-3-401-06041, 8,99 Euro (Jugendbuch)

• Holler, Renée: Im Netz der Falschmünzer. Ein Ratekrimi um Martin Luther, Illustriert von Günther Jakobs, Loewe Verlag, 128 Seiten, ISBN 978-3-7855-4910-0, 7,90 Euro (Kinderbuch)

•  Neumann, Frank: Von Martin Luther den Kindern erzählt, Illustriert von Uta Fischer, Butzon & Bercker, 24 Seiten, ISBN 978-3-7666-1218-2, 5,00 Euro (Kindersachbuch)

• Landgraf, Michael: Kennst du …? Martin Luther. Ein Bilderbuch zum Selbstgestalten, Calwer Verlag, 24 Seiten, ISBN 978-3-7668-4220-6, 5,95 Euro

• Born, Christoph: Die Lutherverschwörung. Historischer Roman, Brunnen Verlag, 320 Seiten, ISBN 978-3-7655-1703-7, 14,99 Euro

•  Kummer, Joachim: Martin Luther: Ein Lebensweg in Wort und Bild. Die Freiheit ist des nächsten Diener, Hänssler Verlag, 100 Seiten, ISBN 978-3-7751-4527-5, 12,95 Euro

•  Küstenmacher, Werner Tiki: Tikis Evangelisch-Katholisch-Buch. Zusammen sind wir unschlagbar, Calwer Verlag, 32 Seiten (farbig illustriert), ISBN 978-3-7668-4104-9, 7,95 Euro

• Wolf, Manfred: Luther mal ganz anders, Evangelische Verlagsanstalt, 324 Seiten, 978-3-374-02714-9, 12,80 Euro

Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: Telefon (03643) 246161: Telefon (03643) 246161

Die Provokationen von damals und heute

28. Oktober 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Weder Vereinfachung noch Heldenepos: Wie wir nach 500 Jahren Zugänge zur Reformation finden können

Wie kann ein Ereignis von vor 500 Jahren – die Reformation – jungen und älteren Menschen heute nahegebracht werden? Dieser Frage gehen wir in einem zweiteiligen Beitrag nach.

Das 500. Jubiläum der Reformation im Jahr 2017 wirft seine Schatten voraus. Es handelt sich bei dem Anlass zu den heutigen Feierlichkeiten um einen folgenreichen Einschnitt der Kirchengeschichte, an den zu erinnern sich lohnen kann – nicht nur für evangelische Christen. Denn 1517 machte Martin Luther seine Überzeugung in 95 Thesen öffentlich an der Wittenberger Kirche und entfesselte damit eine Auseinandersetzung. Sie führte tatsächlich zu einem »Auseinander« und veränderte die politische und kirchliche Landkarte Europas und der Welt.

Neben dem Wagemut des Reformators, der dem Druck der Masse widerstand, war auch die Veränderung der Medienlandschaft durch den Buchdruck ein wesentlicher Faktor für das Fortschreiten der Gedanken. Endlich konnten auch Menschen ohne materielle Möglichkeiten ohne Bevormundung die Bibel lesen und sich mit ihrer Botschaft auseinandersetzen.

GuA-44-2012Wer von 1517 spricht, muss auch die Jahre davor und danach ansprechen. Beispielsweise die Biografie Martin Luthers und die Veränderung der geistlichen Großwetterlage seit Jan Hus. 1414 bis 1418 tagte die große Kirchenversammlung, das Konzil von Konstanz, als einziges Konzil nördlich der Alpen; 1415 wurde Jan Hus als Ketzer verbrannt. Es gab zugleich einen großen Bedarf an Reformen, den Wunsch nach Veränderungen und ein Ringen um Macht und Einfluss.

Ebenso sollte im Blick bleiben, dass die Reformation keine »Ein-Mann-Show« war. Vielmehr gab es etliche Mitstreiter und Mitstreiterinnen, Gegenspieler und andere Reformatoren mit bewegenden Biografien wie Ulrich Zwingli, Johannes Calvin, Johannes Bugenhagen, Martin Bucer, Heinrich Bullinger, die jeweils ganz eigene Akzente setzten. Es hat gar keine einheitliche Bewegung der Reformation gegeben. Die Einheit der Kirche bleibt bereits seit der Spaltung des Christentums in römisch-katholische Kirche und orthodoxe Kirchen im Jahr 1054 hinter der Bitte Jesu »auf dass sie alle eins seien«, zurück (Johannes, Kapitel 13).

Neben den geistlichen Motiven gab es auch »weltliche« Gründe für die Reformation. Immer ging es aber um die Bibel als Grundlage für das Leben und die Lehre. Durch die Bibel sollte es Menschen möglich sein, Gottes Willen zu erkennen und sein Wirken zu erfahren. Das eigene Lesen, die Lektüre ohne Bevormundung mündete nicht zuletzt in Initiativen für die Bildung und das Entstehen von Schulen! Neben Martin Luther erinnerte vor allem Philipp Melanchthon die Oberen jeder deutschen Stadt an dieses Ziel.

Bei der Vermittlung der Reformation sollten vor allem die daran beteiligten Personen als Menschen dargestellt werden, nicht als Helden oder Heilige – selbst wenn manches tatsächlich heldenhaft und mit Leiden verbunden war.

Und es kommt darauf an, Fakten zu erläutern und die Relevanz der damaligen Fragen für heute aufzuzeigen: Sich an Gottes Wort zu halten und seinen Willen zu tun, war damals wie heute teilweise mit Konflikten verbunden. Auch heute noch wird mitunter in Schule, Kirche und Politik versucht, Macht auf Andersdenkende und Andersglaubende auszuüben. Christenverfolgung ist nach wie vor aktuell und erreicht Dimensionen, die früher für unvorstellbar gehalten wurden.

Wer in die Vergangenheit blickt, sieht sich also nicht nur Vergangenem gegenüber, sondern Fragen, die noch im 21. Jahrhundert aktuell sind wie zum Beispiel: Wo geht es heutzutage vielleicht teuflisch zu oder wo wird das Böse, das Dämonische verharmlost? Wo redet man auch in der Kirche den Menschen nach dem Mund, anstatt sie in Glaubensdingen mündig zu machen – unter anderem durch Bibellesen?

Wo kann kultureller, geistlicher und existenzieller Armut durch Engagement für die Bildung junger Menschen begegnet werden? Schauen Pfarrer und Pfarrerinnen »dem Volk aufs Maul«, wie es Martin Luther formulierte? Werden den Menschen auch schwer eingängige Glaubensfragen zugemutet? Wird das Vertrauen in die Macht des Wortes Gottes und in das Wirken der Sakramente gestärkt?

All diese Fragen und Provokationen waren im 16. Jahrhundert nicht weniger wichtig als fünf Jahrhunderte später.

Reiner Andreas Neuschäfer

Der Autor ist promovierter Theologe und Pfarrer.

In gutem, verständlichem Deutsch geschrieben

21. Juli 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Das Buch »Martin im Sturm« erklärt auf kindgemäße Weise, was Reformation bedeutet

Müller, Andreas: Martin im Sturm. Wartburg Verlag

Müller, Andreas: Martin im Sturm. Wartburg Verlag

Nach der Erzählung »Martin sucht die Freiheit« von 2010 legt Andreas Müller nun erneut ein Kinderbuch über Martin Luther vor: »Martin im Sturm«. Die Erzählung spielt im Winter 1521/22. Der zwölfjährige Martin aus Luthers Geburtsort Möhra fährt als Gehilfe des alten Zunderkurt, der Feuerschwämme verkauft, nach Wittenberg und gerät dort in die Auseinandersetzungen zwischen Verfechtern der alten und der neuen christlichen Lehre sowie in die Streitigkeiten innerhalb von Luthers Anhängern. Luthers Predigten gegen die Bilderstürmer und der Empfang des Abendmahls unter beiderlei Gestalt sind die geistlichen Höhepunkte von Martins Aufenthalt in Wittenberg. Die Stadt erscheint ihm wie ein »aufgescheuchter Hühnerstall«, »lauter aufgeregte Menschen«. Auf kindgemäße Weise wird erklärt, was Reformation bedeutet. Der Student Lukas, dem Martin sich anschließt, geht von der Bedeutung des Wortes »Re-Formation« aus. »Wir sollen alles in der Kirche so zurückformen, wie es Jesus gewollt hat. Alles Gold und Geld muss den Armen gegeben werden, denn Jesus und seine Freunde waren arm. Und einen Papst in Rom muss es nicht geben, und Götzen brauchen wir auch nicht. ­Re­formation ist viel Arbeit und Streit und viel Neues, was aber längst in der ­Bibel geschrieben steht.«

Martin entgegnet: »Und ich dachte, Reformation heißt nur, dass man keine Angst mehr zu haben braucht, weil vor Gott alle gleich sind. Und dann dachte ich noch, dass man sich frei fühlt, wenn man keine Angst mehr hat. Ich dachte, Reformation heißt, mutig sein und fromm.«

Im Unterschied zu der früheren Erzählung liegt hier der Schwerpunkt auf dem geistigen und geistlichen Verstehen von Reformation. Die Handlung ist wieder farbig, in sich stimmig und interessant, wenngleich nicht ganz so spannend. Aber das liegt am Stoff, der sowohl dem zwölfjährigen Helden als auch den Lesern ab etwa zehn Jahren Reflexion und Interesse an Geschichte und existenziellen ­Problemen abverlangt. Aber gerade Kinder stellen ja die entscheidenden Fragen nach Tod und Leben.

Christian Badels teils farbige, teils schwarz-weiße Illustrationen werden die Kinder erfreuen. Empfehlenswert ist das Buch noch aus einem anderen Grund: Es ist in einem guten, verständlichen, dem Stoff und den Lesern angemessenen Deutsch geschrieben.

Jürgen Israel

Müller, Andreas: Martin im Sturm. Wartburg Verlag, 68 S., ISBN 978-3-86160-253-8, 14,80 Euro