Gemeinsam auf dem Weg

8. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Ein starkes Zeichen: Erstmals nach 499 Jahren der Trennung eröffnen Lutherischer Weltbund (LWB) und Vatikan gemeinsam das Jubiläumsjahr der Reformation.

Bewahre uns Gott, behüte uns Gott …«, singen die Menschen in der Domkirche der schwedischen Universitätsstadt Lund. Dort, wo 1947 der Lutherische Weltbund gegründet wurde, gibt es am Reformationstag erneut ein kirchenhistorisches Ereignis: 499 Jahre nach dem Thesenanschlag Martin Luthers feiern Papst Franziskus und der Präsident des Lutherischen Weltbunds, Bischof Munib Younan, einen Gottesdienst zur Eröffnung des Reformationsjubiläums. Gemeinsam beten sie, gemeinsam singen sie – und gemeinsam umarmen sie sich zum Friedensgruß.

»Wir Katholiken und Lutheraner haben begonnen, auf dem Weg der Versöhnung voranzugehen«, sagt Papst Franziskus. »Wir dürfen uns nicht mit der Spaltung und der Entfremdung abfinden, die durch die Teilung unter uns hervorgerufen wurden.« Dankbar erkenne man an, »dass die Reformation dazu beigetragen hat, die Heilige Schrift mehr ins Zentrum des Lebens der Kirche zu stellen«, sagt Franziskus. Martin Luther habe mit seiner Frage »Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?« die entscheidende Frage des menschlichen Lebens gestellt. »Als Lutheraner und Katholiken beten wir gemeinsam in dieser Kathedrale und sind uns bewusst, dass wir getrennt von Gott nichts vollbringen können.«

Brüderliche Umarmung in Lund: Munib Younan, Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land und Präsident des Lutherischen Weltbundes (l.), und Papst Franzikus am vergangenen Montag beim Friedensgruß. Foto: epd-bild/Svenska kyrkan/Mikael Ringlander

Brüderliche Umarmung in Lund: Munib Younan, Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land und Präsident des Lutherischen Weltbundes (l.), und Papst Franzikus am vergangenen Montag beim Friedensgruß. Foto: epd-bild/Svenska kyrkan/Mikael Ringlander

Einige Dutzend Kilometer entfernt, in der Arena von Malmö, hat Pastor Thomas Waack aus Eutin in Schleswig-Holstein Platz genommen. Er verfolgt den Gebetsgottesdienst in Lund zusammen mit mehr als Zehntausend Menschen über eine Großbildleinwand. »Ich hoffe, dass es weitere Signale des Aufeinanderzugehens gibt«, sagt Waack. Ähnlich sagt es die dänische Pfarrerin Helle Rosenquist, die für den Gottesdienst extra aus dem Norden Jütlands nach Lund kam: »Ich hoffe, dass die Kontakte zwischen den beiden Kirchen besser werden.«

Und das wurden sie in Lund tatsächlich. Zumindest, wenn man daran denkt, dass Martin Luther den Papst einst noch als »Antichrist« verurteilte. In Lund dagegen bekannten der Generalsekretär des Lutherischen Weltbunds, Martin Junge, und der Präsident des Päpstlichen Einheitsrates, Kardinal Kurt Koch, die Schuld, die die Kirchen mit solchen Äußerungen ebenso wie mit den Glaubenskriegen der frühen Neuzeit auf sich geladen hatten.

Und in einer gemeinsamen Erklärung verpflichten sich Katholiken und Lutheraner zu intensiverer Zusammenarbeit: »Viele Mitglieder unserer Gemeinden sehnen sich danach, gemeinsam die Eucharistie zu empfangen, als konkretes Zeichen völliger Einheit.« In den Blick genommen werden in dem Text vor allem konfessionsverschiedene Ehepaare: Man spüre den Schmerz derer, die ihr ganzes Leben teilten, aber nicht gemeinsam am Tisch des Herrn sein könnten. »Wir sehnen uns danach, diese Wunde im Leib des Herren zu heilen«, heißt es in der Erklärung. »Das ist das Ziel unserer ökumenischen Bemühungen, die wir voranbringen wollen, auch durch eine Erneuerung unseres Versprechens zum theologischen Dialog.«

Doch über manche Brücken geht Papst Franziskus auch in Lund nicht. Immer noch ist von den Protestanten nur als »kirchliche Gemeinschaften«, nicht als »Kirchen«, die Rede. »Der Papst hat deutlich vermieden, von Kirchen zu sprechen«, sagt der Landesbischof der Nordkirche, Gerhard Ulrich, Leitender Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD).

Insgesamt sei der Gottesdienst aber ein »wichtiges ökumenisches Signal« gewesen. »Mir ist wichtig, dass auch die Gemeinden in Deutschland Gottesdienste nach dem Vorbild von Lund feiern«, sagt Ulrich. »Wir dürfen nicht den Eindruck erwecken, als ob mit dem 1. November 2017 die Arbeit getan sei.« Er gehe davon aus, dass zwischen dem LWB und dem Vatikan nun Gespräche über die »Big Points« von Amtsverständnis, Kirchenverständnis und Eucharistie folgen werden.

Der Vizepräsident des Lutherischen Weltbunds, der Württemberger Landesbischof Frank-Otfried July, nannte die Erklärung von Lund ein »starkes Wegzeichen« zur Einheit. »Vielleicht kommt ja auch in der katholischen Kirche künftig der Gedanke stärker zum Tragen, dass die gemeinsame Eucharistie schon auf dem Weg zur Einheit und nicht erst am Ende des Weges gefeiert werden kann.«

Benjamin Lassiwe

Reformation in der Blechbüchse

24. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Reformation rundum: Kurz vor Beginn des Jubiläumsjahres macht die Lutherstadt Wittenberg ihrem Namen alle Ehre. Am Sonnabend eröffnet das Panorama »Luther 1517« von Yadegar Asisi.

Wie war das damals? Martin Luther, der ob des kirchlichen Ablasshandels wütende Mönch und Bibelgelehrte, zieht einen Tag vor Allerheiligen mit Hammer und Nägeln los, um an der Wittenberger Schlosskirche sein Thesenpapier anzuschlagen.

Wissenschaftler und Theologen streiten, ob es diesen Thesenanschlag wirklich gegeben hat. Neue Forschungen deuten darauf hin, dass das Papier angeklebt wurde, berichtet Jörg Bielig, Kurator des Schlosskirchen-Ensembles. Und auch Mirko Gutjahr von der Stiftung Luthergedenkstäten raunt geheimnisvoll, dass sich an diesem 31. Oktober 1517 wirklich etwas zugetragen hat, vertröstet dann doch auf einen Pressetermin im Frühjahr. Es gibt in Bezug auf den Ausgangspunkt der Reformation – oft erzählt, verfilmt, zur Legende stilisiert – weiße Flecken. Und die nutzt die Kunst, um mit Farbe zu malen. Einer, der dieses Handwerk auf besondere Weise beherrscht, ist Yadegar Asisi.

Der in Wien geborene, in Sachsen aufgewachsene und seit 1979 in West-Berlin lebende Asisi hat Malerei an der Hochschule der Künste in Berlin studiert und kam mit der Kunstform des Panoramas erstmals 1983 in Kontakt, als er für die Bundeskunsthalle in Bonn arbeitete. Vor 13 Jahren machte er in Leipzig Furore, als er ein denkmalgeschütztes ehemaliges Gasometer in ein »Panometer« verwandelte: ein 360-Grad-Kunstwerk, das in seiner Art mit dem Tübke-Rundbild aus Bad Frankenhausen nur noch wenig gemein hat.

Rundherum: 15 mal 75 Meter misst das imposante Panorama »Luther 1517 – Glaube, Wissen, Selbstbestimmung«, das Yadegar Asisi für die Lutherstadt in der eigens gebauten Rotunde, die von Wittenbergern liebevoll »Blechbüchse« genannt wird, geschaffen hat. Ausschnitt aus Panorama LUTHER 1517 von Yadegar Asisi mit Besuchern, Visualisierung © asisi

Rundherum: 15 mal 75 Meter misst das imposante Panorama »Luther 1517 – Glaube, Wissen, Selbstbestimmung«, das Yadegar Asisi für die Lutherstadt in der eigens gebauten Rotunde, die von Wittenbergern liebevoll »Blechbüchse« genannt wird, geschaffen hat. Foto: Ausschnitt aus Panorama LUTHER 1517 von Yadegar Asisi mit Besuchern, Visualisierung © asisi

Immer wieder bringt Asisi Menschheitsgeschichte auf die Leinwand. Historische Darstellungen, etwa von der Völkerschlacht bei Leipzig, der Teilung Berlins durch die Mauer oder dem zerstörten Dresden, sind sein Repertoire. Nun zeigt er in Wittenberg ein Reformationspanorama: »Luther 1517 – Glaube, Wissen, Selbstbestimmung« heißt das rund 15 mal 75 Meter große Werk. Dabei geht es in der eigens geschaffenen Rotunde, von den Wittenbergern liebevoll »Blechbüchse« genannt, nicht ausschließlich um den Thesenanschlag. Vielmehr zeigt »Luther 1517« die dreißig Jahre währende Epoche um das Ereignis herum.
Das kurfürstliche Schloss ist in voller Pracht zu sehen, der Kurfürst reitet mit seinem Gefolge zur Jagd. An der Amtsmühle leisten die Wittenberger derweil ihre Abgaben in Naturalien. Und im Schatten der Schlosskirche – ausgerechnet! – floriert der Ablasshandel. Vor der Schlosskirche steht Martin Luther und streitet mit Gelehrten und Bürgern; in der Tür Priester, sich ratlos fragend, was hier gerade passiert.

Dann hebt sich der Schatten, das Licht bricht durch: Und im Lichte sieht der Betrachter Buchdruck, die Bibel lesende Menschen, die Gründung von Mädchenschulen, die Familie Luther einträchtig beim Apfelbaumpflanzen und Unterrichten, Melanchthon und andere Wissenschaftler beim Erforschen der Welt. Das ist sie – die Selbstbestimmung –, die den Atheisten Asisi an Luther und der von ihm angestoßenen Reformation fasziniert. In einem Interview sagte er: »Luther sagt, wenn ihr das Wort Gottes erkennen und spüren wollt, müsst ihr es lesen. Es gibt niemanden, der euch das erklären kann.« Diese Erkenntnis und die Tatsache, dass etwas Banales wie das Anschlagen eines Papieres an eine Tür, etwas Großes auslösen kann, sei allgemeingültig und komme auch heute immer wieder vor in der Welt.

Doch Asisis Panorama beschwört keine schöne neue Welt durch die rosarote Brille; da ziehen Kriege am Horizont auf, da lodern die Scheiterhaufen. Imposant und bildgewaltig wie gewohnt inszeniert der Künstler die Reformations-Ära, mit einem changierenden Tag-Nacht-Rhythmus und erstmals einem Blick hinter die Häuserfassaden. Besucher können die 15 Meter hohen Stoffbahnen aus drei Ebenen betrachten, ein Podest in der Mitte der Rotunde gewährt Ein- und Überblicke aus drei und sechs Metern Höhe. Ein dreijähriges Kind soll hier ebenso entdecken und staunen wie ein studierter Theologe, verspricht Asisis Pressesprecher Karsten Grebe.

Reformation auf 360 Grad, Reformation rundum. Die Erwartungen sind groß: Asisis Pergamon-Panorama in Berlin wurde innerhalb eines Jahres von einer Million Menschen besucht.

Katja Schmidtke

www.wittenberg360.de

Preußens Pracht

25. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Wittenberger Schlosskirche ist der Gedenkort der Reformation schlechthin. Nach vierjähriger Bauzeit wird sie am 2. Oktober mit Glanz und Gloria wiedereröffnet. Dänemarks Königin fertigt eigens ein Altartuch, und die EKD bekommt ein neues, drittes Kirchengebäude.

Welch katastrophaler Zustand!« Olaf Wrosch erinnert sich gut. Bröselnder Putz, verblasste Farben, Schmutz in mehreren Schichten, feuchtes, von Salzen zerfressenes Mauerwerk bis in einen Meter Tiefe. Die 2012 begonnene, umfassende Sanierung der Wittenberger Schlosskirche war mehr als nötig, bilanziert der leitende Küster. Vier Jahre und rund 8,1 Millionen Euro später erstrahlt die wohl berühmteste Kirche Mitteldeutschlands in neuem Glanz, in alter preußischer Pracht.

Himmelwärts strebt die Architektur: Hohe und schlanke Pfeiler, ein lichtes Gewölbe und der Hochaltar verstärken diesen Eindruck. Im neugotischen Stil ist die Kirche im Kaiserreich ausgestaltet worden. Fotos: Katja Schmidtke

Himmelwärts strebt die Architektur: Hohe und schlanke Pfeiler, ein lichtes Gewölbe und der Hochaltar verstärken diesen Eindruck. Im neugotischen Stil ist die Kirche im Kaiserreich ausgestaltet worden. Fotos: Katja Schmidtke

Unter Herrschaft der Preußen war die Schlosskirche zu einem Gedenkort der Reformation umgestaltet worden, der Kaiser hatte sie 1892 eingeweiht. »Nichts wurde dem Zufall überlassen«, sagt Küster Wrosch. Das ikonografische Programm ist ganz auf die Reformation zugeschnitten. So wachen Gestalter und Unterstützer der kirchlichen Erneuerungsbewegung als Skulpturen noch heute über den Gottesdienst: zum Beispiel Johannes Bugenhagen, Wittenbergs prägender evangelischer Pfarrer und Beichtvater Luthers. Von Rosetten blicken Unterstützer ins Kirchenschiff: Europäische Reformatoren wie Zwingli und Calvin. Aber auch die Medienmacher von damals: Maler und Buchdrucker, ohne deren Handwerk sich die neuen Ideen nicht so schnell hätten verbreiten können. Jene Fürstentümer und Städte, die die Reformation unterstützen, sind in den farbigen Fenstern verewigt – nun auch wieder die preußischen Gebiete, die im 19. Jahrhundert zu Deutschland gehörten und in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus weltanschaulichen Gründen von der DDR-Regierung aus der Kirche entfernt worden waren. »Es sind teilweise die Originale, die noch in einer Quedlinburger Glasmacher-Werkstatt lagerten, wieder eingebaut worden«, weiß Oberkirchenrat Thomas Begrich, der für die EKD das Bauvorhaben am Schlosskirchenensemble begleitet.

Die DDR-Regierung hatte Einfluss auf die Kirche, weil sie sich in ihrem Eigentum befand. Das Konstrukt, dass einem Staat ein Gotteshaus gehört, geht zurück auf das Jahr 1817: Auf Geheiß König Friedrich Wilhelms III. war das Predigerseminar gegründet worden, dabei fiel die alte Universitätskirche an den Staat. Diese Rechtsverpflichtung in der Nachnachfolge der Preußen existiert noch immer, aber nicht mehr lange. »Bei der Schlosskirche handelt es sich um einen Hauptort der Reformation, hier liegen Luther und Melanchthon begraben. Es war der EKD wichtig, die Kirche vom Land Sachsen-Anhalt in ihr Eigentum zu übernehmen«, erklärt Thomas Begrich. Offiziell geschehen soll das, wenn alle Bauarbeiten am Schloss-Ensemble abgeschlossen sind, voraussichtlich Ende des Jahres.

Blick durch die Bankreihen zum Chor. Die Kirche ist hoch und lang, aber schmal. Sie hat 400 Sitzplätze.

Blick durch die Bankreihen zum Chor. Die Kirche ist hoch und lang, aber schmal. Sie hat 400 Sitzplätze.

Die EKD, betont der Oberkirchenrat, bekomme damit nichts geschenkt. Auch wenn ein Großteil der millionenschweren Sanierung von Land und Bund bezahlt wird. Die EKD gibt zum einen das Augusteum an das Land zurück und hat zum anderen rund eine Million Euro investiert, um die Kirche betriebsfähig zu machen: Licht, Mikrofon- und Videoanlage, Orgel. Jährlich werde die EKD zudem rund eine halbe Million Euro für den Unterhalt aufbringen. »Eigentlich braucht die EKD als Dachorganisation der Landeskirchen ja kein eigenes Gotteshaus«, sagt Thomas Begrich. Eigentlich. Doch mit ihrer kirchengeschichtlichen Bedeutung ist die Schlosskirche eine Ausnahme. Ebenso wie die Versöhnungskirche in Dachau oder die Christuskirche in Rom, die sich ebenfalls in EKD-Eigentum befinden. Letztere steht der dortigen evangelischen Gemeinde zur Verfügung. Übrigens: In Rom wie in Wittenberg hängt ein identisches Geläut im Glockenturm, jeden Sonntag erschallt in beiden Städten der gleiche Glockenton.

Mit der Änderung der Eigentumsverhältnisse ändert sich für die Nutzer der Schlosskirche nichts: Praktisch steht sie in Verantwortung des Predigerseminars, die Dozenten, wie etwa Direktorin Hanna Kasparick, haben einen Predigtauftrag. Ebenso stehen Kathrin Oxen, Leiterin des Zentrums für evangelische Predigtkultur, und Friedrich Kramer, Direktor der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt, auf der Kanzel. Erst seit 1949 hat die Schlosskirche eine eigene Gemeinde, heute gehören ihr rund 110 Gläubige an.

Es sind vor allem Gäste aus aller Welt, die in die Kirche drängen: Bis zu 200 000 Menschen im Jahr. Für sie entsteht in Teilen des Schlosses ein Besucherzentrum mit Ausstellung. Es soll im Oktober eröffnen, kündigte Schlossensemble-Kustos Jörg Bielig an. Ins Schloss einziehen wird zudem die Reformationsgeschichtliche Forschungsbibliothek und das Predigerseminar, das am 30. September ein Gästehaus für die Vikare auf dem Gelände eröffnet. Damit erhält das Ensemble seine Form mit vier Flügeln wieder.

Offiziell eingeweiht wird die Schlosskirche mit einem Festgottesdienst am 2. Oktober, 10 Uhr. Die dänische Königin Margarete II., Bundespräsident Joachim Gauck, EKD-Ratsvorsitzender Heinrich Bedford-Strohm und Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff werden erwartet. Die dänische Königin wird eine selbst gewebte rote Altardecke als Geschenk überreichen.

Von den rund 400 Plätzen sind 200 für geladene Gäste vorgesehen. »Doch keiner soll vor der Türe stehen«, sagt Pfarrer Jan von Campenhausen. Aus diesem Grund organisiert die Evangelische Wittenbergstiftung, dessen Direktor von Campenhausen ist, am 2. Oktober, ab 9.30 Uhr, eine Übertragung in das Einkaufszentrum Arsenal. Dies sei mehr als ein Public Viewing. »Wir feiern einen Gottesdienst«, so von Campenhausen. Für bis zu 600 Menschen sei Platz. Es ist, so der Stiftungsdirektor, auch eine Übung für die Eröffnung des Reformationsjahres am 31. Oktober in Berlin.

Katja Schmidtke

Flamme der Reformation angefacht

9. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Heidelberg: In der Stadt am Neckar konnte Martin Luther 1518 erstmals seine um-strittenen Thesen diskutieren. Später gab es vor dem Altar der Heiliggeistkirche ein handfestes Gerangel zwischen Katholiken, Lutheranern und Reformierten.

Der 26. April 1518 war für Martin Luther eine Premiere: Ein halbes Jahr nach Veröffentlichung seiner 95 Thesen hatte er zum ersten Mal außerhalb Wittenbergs die Möglichkeit, mit Akademikern darüber zu diskutieren. Bei den Heidelberger Professoren biss er allerdings mit seinen Vorstellungen über die Rechtfertigung – was also einen Menschen »gut« macht vor Gott – auf Granit.

»Wie das Mönchlein Martin zu Heidelberg die Flamme der Reformation anfacht«: Unter diesem Motto bietet die Stadt am Neckar einen unterhaltsamen und informativen Rundgang zu Luthers Besuch in Heidelberg an. Foto: Heidelberg Marketing GmbH

»Wie das Mönchlein Martin zu Heidelberg die Flamme der Reformation anfacht«: Unter diesem Motto bietet die Stadt am Neckar einen unterhaltsamen und informativen Rundgang zu Luthers Besuch in Heidelberg an. Foto: Heidelberg Marketing GmbH

Viel nachhaltiger sollte der 34-jährige Theologie-Professor Luther bei den Studenten wirken, die ihm in diesen Stunden zu Füßen saßen. Die Rechtfertigungslehre war die Basis für die Kritik am Ablasshandel, die Luther in den am 31. Oktober 1517 veröffentlichten 95 Thesen formuliert hatte.

Heidelberg gilt historisch nicht als Zentrum des lutherischen, sondern des reformierten Glaubens. Die kurpfälzischen Herrscher entschieden sich für diesen Teil der Reformation. Hier wurde 1563 der Heidelberger Katechismus verabschiedet, der stärker den Ideen von Johannes Calvin folgte als denen Luthers. Da die Reformierten Bildern gegenüber noch kritischer

waren als die Lutheraner, sind manche Kirchen Heidelbergs bis heute im Inneren sehr schlicht.
Stadtführer Reinhard Störzner bietet spezielle Luther-Touren an. Der Heidelberg-Experte hat zur Kirchengeschichte der Stadt einen sehr persönlichen Zugang – er ist Vorsitzender des Ältestenkreises der Heiliggeistkirche im Herzen der Altstadt. Er berichtet lebendig von den heftigen Auseinandersetzungen zwischen Katholiken, Lutheranern und Reformierten. So gab es wegen des Streits um das richtige Verständnis vom Abendmahl vor dem Altar der Heiliggeistkirche ein handfestes Gerangel unter den Geistlichen. Diese Kirche war zudem 230 Jahre lang, bis 1936, durch eine Mauer in zwei Teile getrennt, Katholiken und Protestanten hatten verschiedene Eingänge.

Auf dem heutigen Universitätsplatz, wo im 16. Jahrhundert das Augustinerkloster stand, wurde 1983 zum 500. Geburtstag Martin Luthers eine Gedenkplatte in den Boden gelassen. Luther hatte im Kloster übernachtet und vermutlich in der benachbarten Artistenfakultät disputiert, berichtet Störzner. Anlass war die Generalversammlung des Augustiner-Ordens, dessen Generalvikar Johann von Staupitz Luthers Beichtvater war. Der Augustiner-Mönch Luther war, teilweise zu Fuß, aus Wittenberg gekommen.

Luther lobte drei Wochen nach seinem nur einige Tage währenden Aufenthalt in einem Brief die Atmosphäre der Disputation. Die Dozenten hätten sich ihm »aufs Beste empfohlen«. Nur einer der Doktoren habe die ganze Zuhörerschaft zum Lachen gebracht mit dem Spruch: »Wenn das die Bauern hörten, würden sie Euch gewiss steinigen und totschlagen.« Gleichzeitig bedauerte Luther, dass er bei den altgedienten Professoren mit seiner Botschaft nicht landen konnte. Er äußerte die Hoffnung, dass die »wahre Theologie, von jenen eingebildeten Alten verstoßen, sich zur Jugend wende«.

Und genau das passierte: Unter den Zuhörern saßen mehrere junge Männer, die später die Reformation im Südwesten durchsetzten: Martin Bucer (Reformator in Straßburg), Johannes Brenz (Schwäbisch Hall/Stuttgart), Martin Frecht (Ulm) und Theobald Billican (Nördlingen). So hatte Luthers Auftritt am Neckar eine viel nachhaltigere Wirkung, als er wohl selbst nach seiner Disputation erwartet hätte.

Erinnerungen an den kurzen Besuch des 34-jährigen Reformators gibt es in der Stadt kaum. Neben der Peterskirche, die heute als Universitätskirche dient, steht seit 1883 eine Luther-Eiche. Ein Glasfenster weist Kirchenbesucher auf die großen Köpfe der Reformbewegung hin. Außerdem steht ebenfalls in der Altstadt die Providenzkirche, ein 1661 fertiggestellter lutherischer Kirchenbau, den Kurfürst Karl-Ludwig seiner Zweitfrau Louise von Degenfeld errichten ließ. Der Streit der Konfessionen ging manchem Heidelberger in den vergangenen Jahrhunderten auch mächtig auf die Nerven. Stadtführer Störzner zitiert dazu einen historischen Spottvers: »Die Katholiken sind voller List und Tücken. Die Calvinisten sind keine rechten Christen. Doch die größten aller Ochsen – sind die lutherischen Orthodoxen.«

Die eigentliche Renaissance erlebt der Reformator Martin Luther derzeit im Foyer der Heiliggeistkirche. Dort steht er als Playmobilfigur zum Verkauf. »Unser Bestseller«, schmunzelt Störzner.

Marcus Mockler

Beim Rundgang zu Luthers Besuch in Heidelberg wird besonderes Augenmerk auf die frühe Entwicklungsphase der Reformation gerichtet, um von da einen Bogen zu schlagen zu den Folgen und Wirkungen der Umwälzungen für Hof, Stadt und Land bis in die Gegenwart (Dauer: 2 Stunden), Anmeldung: E-Mail <guide@heidelberg.de> Telefon (0 62 21) 14 22-23/-24/-25/-26

www.heidelberg-tourismus.de

Polen: Vielleicht Lettland: Nein

22. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Frauen im geistlichen Amt: Mit der Entscheidung für Pfarrerinnen tun sich die Lutheraner Osteuropas noch schwer

In vielen Kirchen der Reformation in Europa sind Frauen im Pfarramt inzwischen selbstverständlich. Doch die Lutheraner im Osten des Kontinents tun sich damit generell noch schwer. Zwei Synoden werden dazu in den nächsten Monaten die Weichen stellen – in Polen und in Lettland.

Die Evangelisch-Augsburgische Kirche in Polen will am 2. April über die Einführung der Frauen-Ordination entscheiden. Ausgebildeten Theologinnen, die es in der Kirche gibt, ist es bislang nicht erlaubt, das heilige Abendmahl auszuteilen. Sie arbeiten als sogenannte Diakoninnen.

Seit 1984 wird das Thema in der Diaspora-Kirche mit ihren rund 75 000 Mitgliedern in dem ansonsten betont katholischen Land diskutiert. In der Kirchenleitung wird die Ordination nicht unbedingt offen abgelehnt, die Entscheidung jedoch eher verschleppt. Frauen im Amt werden als »nicht notwendig« angesehen. Auch gibt es besonders in ländlichen Regionen Vorbehalte. Nicht zuletzt wird die Frage gestellt, wer denn die Pfarrerin ersetze, sollte sie schwanger werden.

Entschiedener Gegner der Frauenordination: Erzbischof Janis Vanags. Foto: LELB

Entschiedener Gegner der Frauenordination: Erzbischof Janis Vanags. Foto: LELB

Zudem stehen die Lutheraner in dem durch und durch katholischen Land immer unter dem latenten Verdacht, keine richtigen Polen zu sein. Weibliche Geistliche würden die Lutheraner noch weiter von den Katholiken entfernen, hört man oft als Bedenken. Immerhin wurde Polen 1997 bis 2001 von Jerzy Buzek, einem lutherischen Premier, regiert. Dessen Verwandter, Janusz Buzek, ein Politiker der konservativen Regierungspartei »Recht und Gerechtigkeit«, gilt derzeit als der engagierteste Gegner der Ordination von Frauen. Er begründet dies mit der Unterordnung des weiblichen Geschlechts gegenüber dem männlichen in der Bibel. Auch fürchtet er die auf die Einführung der Frauenordination folgende Einführung von Homo-Ehen.

Doch da der derzeit leitende Bischof Jerzy Samiec selbst den Antrag auf Zulassung der Ordination stellt und sich vor allem in Warschau die Stimmung dafür öffnet, kann es gut sein, dass sich die 50-köpfige Synode für die Frauenordination entscheidet. Dazu ist allerdings eine Zwei-Drittel-Mehrheit nötig.

Ganz anders sieht es in Lettland aus. Dort soll auf der Synode der Evangelisch-Lutherischen Kirche Lettlands, die Latvijas Evangeliski Luteriska Baznica (LELB), wie sie auf Lettisch heißt, im Juni darüber abgestimmt werden, ob als Bedingung für die Ordinierung in das Pfarramt das Wort »männlich« eingeführt wird. Die Zustimmung zu diesem Passus gilt als recht sicher.

Frauen sind zu einer vorbereitenden Konferenz im Oktober erst gar nicht eingeladen worden. Dabei gibt es in Lettland seit 1975 Pfarrerinnen. Die Frauenordination begann also zu einer Zeit, als das Land noch eine Sowjetrepublik war. Die Lutheraner machen in Lettland, anders als in dem katholischen Polen und in dem ebenfalls katholischen Litauen, wo die Frauenordination auch nicht durchgesetzt ist, die größte Religionsgemeinschaft des Landes aus. Von den knapp zwei Millionen Letten gehören immerhin 580 000 offiziell der LELB an.

Doch der derzeitige Erzbischof Janis Vanags ordiniert seit seinem Amtsantritt im Jahr 1993 keine Frauen mehr. Er argumentiert mit dem Korintherbrief, nach dem die Frauen in der Gemeinde zu schweigen haben. Sollte man eine Stelle in der Bibel infrage stellen, so könnte man auch gleich die ganze Bibel infrage stellen, so sein Argument. Vanags ist geprägt durch seine Erfahrungen in der Sowjetunion. Er ist davon überzeugt, dass die liberale Theologie dem Druck eines autoritären Systems generell nicht gewachsen ist.

Zudem soll bei der kommenden Synode auch die Kirchenleitung generell verändert werden. Ähnlich wie in der anglikanischen Kirche soll es künftig ein Drei-Kammer-System geben. Was die Art der Mitbestimmung weniger synodal und dafür mehr episkopal macht: Von den drei Bischöfen der Kirche können dann zwei (Zweidrittelmehrheit) viele Entscheidungen blockieren.
Welt-Logo-12-2016Für die Pfarrerinnen in Lettland, die bis 1992 ordiniert wurden, soll sich allerdings nichts ändern. Sie dürfen bis zu ihrem Ausscheiden aus dem Dienst weiterhin tätig sein. Dennoch ist die derzeitige Atmosphäre innerhalb der Kirche belastet. Laut Alesja Lavrinowica, Redakteurin der Webseite der lettischen Theologinnen, findet keine Diskussion zu diesem Thema statt, dafür sei der »Bund der Theologinnen Lettlands« auf seiner Webseite von Seminaristen und Pastoren der Lutherischen Kirche unflätig beschimpft worden. Erzbischof Vanags, so ihr Vorwurf, würde die Kirche auf eine »sowjetische« Art und Weise leiten.

Markus Schoch, Pfarrer der unabhängigen »Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche in Lettland«, die insgesamt fünf Gemeinden umfasst, stellt zumindest eine resignative Stimmung »unter den aufgeschlosseneren Pfarrern und Gemeindegliedern« der LELB fest. »Auch aufgrund der fest gefügten hierarchischen Strukturen.«

Wenn man sich mit lauten Stellungnahmen auch noch zurückhält: Es rumort ebenso bei den Partnerkirchen von Lettlands Lutheranern in Deutschland sowie bei diversen Hilfswerken.

Jens Mattern

Disneyland für Lutheraner?

9. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Spirituelles Reisen: Tourismusverbände werben bei der Internationalen Tourismusbörse in Berlin für das Reformationsjahr

Für die Deutsche Zentrale für Tourismus (DZT) ist »Spirituelles Reisen« im Trend, nicht nur im Bezug auf das Reformationsjubiläum. Willi Wild sprach darüber mit der Geschäftsführerin der Thüringer Tourismus GmbH, Bärbel Grönegres.

Eine der bekanntesten Lutherstätten: Die Wartburg hoch über Eisenach. Foto: Harald Krille

Eine der bekanntesten Lutherstätten: Die Wartburg hoch über Eisenach. Foto: Harald Krille

Ist die Reformation erst seit der Lutherdekade ein Tourismus-Thema?
Grönegres:
Nein, nicht für uns in Thüringen. Bei uns gibt es sehenswerte und gut erhaltene Lutherstätten in vielen kleinen und großen Orten – und das ganz unabhängig von der Lutherdekade. Auf den Spuren Martin Luthers zu wandeln, wird auch nach 2017 ein Thema sein. Wir nennen das »spirituelles Reisen«. Es konzentriert sich auf Martin Luther und das Pilgern – denn Wandern gehört fest zur christlichen Tradition. Zum einen ist es gesund, zum anderen kommt man zur Ruhe und kann eigene spirituelle Erfahrungen machen. Verbunden mit der Geschichte Martin Luthers und der Reformation ist das eine interessante Kombination – auch touristisch.

Tourismus und Kirche haben es mitunter schwer miteinander. Man spricht unterschiedliche Sprachen, hat gegensätzliche Interessen. Wie bekommen Sie die unter einen Hut?
Grönegres:
Für uns ist der Markenkern sehr wichtig, das heißt: Die Aussage muss einfach sein – nachvollziehbar. Aus diesem Grund haben wir uns zu Beginn der Reformationsdekade auf ein gemeinsames Motto geeinigt: »Am Anfang war das Wort«. Denn unser zentrales Ereignis ist nun mal Luthers Thesenanschlag in Wittenberg. Natürlich kann man seitens der Kirche auch an andere Reformatoren denken. Für uns als Thüringer Tourismus GmbH aber geht es um die Reformation, die von Mitteldeutschland, von Thüringen als Wirkungsstätte Luthers ausging – und die verbreitete sich nun mal von Thüringen aus auf die ganze Welt. Darauf wollen wir uns konzentrieren!

Beinhaltet das auch die negativen Aspekte aus dem Leben Luthers?
Grönegres:
Touristische Vermarktung bedeutet nicht, plakativ zu werben. Wir stehen dafür ein, Martin Luther mit all den guten und auch schlechten Seiten kennenzulernen – wir wollen ihn nicht idealisieren. Ich finde, das ist in der neu gestalteten Ausstellung im Lutherhaus in Eisenach wunderbar gelungen. Dort geht man ganz bewusst auch auf die antisemitischen Äußerungen Luthers ein und spannt den Bogen bis ins Dritte Reich, in dem genau das instrumentalisiert wurde. Ich glaube, da sind wir auch mit den Kirchen in einem
Boot – denn auch Kirchenmitglieder, wie ich eines bin, streben nach einer umfassenden Darstellung der Reformation.

Wer heute für den Reformationstag 2017 ein Bett in und um Eisenach sucht, hat noch die freie Auswahl. Sind Sie bislang mit der Nachfrage zufrieden?
Grönegres:
Im Moment häufen sich die Anfragen von Reiseveranstaltern, die Gruppen einbuchen möchten. Aktuell werden die Pakete geschnürt und die Kataloge für 2017 aufgelegt. In diesem Rahmen stellen wir »500 Jahre Reformation« als großes Thema auf der Tourismusmesse ITB in Berlin vor.

Viele scheuen den Rummel 2017. Empfehlen Sie, bis 2018 mit dem Besuch der Lutherstätten zu warten?
Grönegres:
Wenn man an den »Kirchentagen auf dem Weg« teilnehmen möchte oder beim »Deutschen Wandertag« in Eisenach dabei sein will, dann muss man sich ins Getümmel stürzen. Möchte man eher in Ruhe die einzelnen Stätten anschauen, ist 2018 tatsächlich keine schlechte Idee.

Wittenberg und Eisenach sind die Hauptorte. Gibt es die Städte gemeinsam zu buchen?
Grönegres:
Daran wird gerade gearbeitet. Vor allem aus den USA ist die Nachfrage nach solchen Touren groß. Da wird auch kein Unterschied zwischen Thüringen und Sachsen-Anhalt gemacht: Wir alle sind Luther-Country.

Wie groß wird der Ansturm aus dem Ausland sein?
Grönegres:
Das ist schwer zu sagen. Ich denke, dass wir einen Zuwachs an Touristen in sechsstelliger Höhe erwarten können.

Kocht jeder sein eigenes Süppchen oder gibt es länderübergreifende Zusammenarbeit?
Grönegres:
Seit 2008 gibt es eine Kooperation mit Sachsen-Anhalt, vor allem für den amerikanischen Markt. Da haben wir eine gemeinsame Marketinglinie und vermarkten uns als eine Region. Ich bin mal so verwegen zu sagen: Das wird auch nach 2017 so bleiben.

Wie werben Sie in den USA für das Reformationsjahr? Disneyland für Lutheraner?
Grönegres:
(lacht) Ein Bischof der Lutherischen Kirche in Chicago hat mir mal gesagt: »Wir nennen uns zwar alle Lutheraner, aber viele wissen gar nicht mehr warum. Da ist es nur logisch, mal dorthin zu fahren, wo unsere Wurzeln sind.« In diesem Sinne kann man sagen, dass wir sehr eng mit den Kirchen in den USA zusammenarbeiten. Wenn wir uns allein auf die evangelisch-lutherischen Kirchen in den USA mit über sieben Millionen Mitgliedern konzentrieren und nur fünf Prozent davon erreichen, haben wir unsere Erwartungen schon übererfüllt.

Welche Zielgruppe wollen Sie in Deutschland für das Reformationsjubiläum begeistern?
Grönegres:
Zunächst evangelische Christen, aber auch Geschichtsinteressierte und Kulturtouristen. Die Ausstellung 2017 auf der Wartburg heißt »Luther und die Deutschen«. Was wäre Deutschland, ja sogar die deutsche Sprache ohne Luther? Das ist für viele ein Grund nach Thüringen und nach Sachsen-Anhalt zu reisen, auch wenn sie keinen Bezug zur Kirche haben. Interessanterweise sind auch viele Katholiken an Luther interessiert, das hätte ich vorher nicht gedacht.

Wie hoch sind die Ausgaben, die in den Luther-Tourismus fließen?
Grönegres:
Die sind sehr überschaubar und wir müssen sie vor allem mit den normalen Bordmitteln stemmen. Wenn wir zur ITB fahren, präsentieren wir auch nicht nur Luther, sondern ganz Thüringen. Jedes Jahr gibt es einen touristisch attraktiven Schwerpunkt für uns als Reiseland – diesmal eben Luther. Für die Bewerbung im Netz oder für die Produktion von Broschüren haben wir pro Jahr etwa Ausgaben in Höhe von 200 000 Euro.

Ehrenamtlich in der evangelischen Kirche engagiert: Bärbel Grönegres, Geschäftsführerin der TTG. Foto: Willi Wild

Ehrenamtlich in der evangelischen Kirche engagiert: Bärbel Grönegres, Geschäftsführerin der TTG. Foto: Willi Wild

Wird Luther die Massen anziehen?
Grönegres:
Ich bin zuversichtlich. Allein durch die mediale Resonanz, die das Reformationsjahr erfährt, werden viele Menschen davon hören, sehen und lesen. Für viele ist es die Gelegenheit, die – ich will mal sagen – »nicht mehr ganz neuen Länder« kennenzulernen und die Stätten zu besichtigen, von denen sie einmal im Konfirma­tionsunterricht gehört haben.

Wie wird das Reiseland Thüringen auf der ITB auftreten?
Grönegres:
Interaktiv! Wir haben eine Nachbildung der Luther-Stube bauen lassen – dort sucht man sich sein liebstes Luther-Zitat und kann sich damit fotografieren lassen. Über die Sozialen Netzwerke darf dann die ganze Welt daran teilhaben. Zudem stellen wir eine App vor, die den Luther-Weg digital illustriert und begleitet: sozusagen eine Wander-App fürs Smartphone, mit Geschichten über Luther, den Luther-Weg und einer Routenplanung.

Die Highlights 2017: Was empfehlen Sie, beziehungsweise wo gehen Sie hin?
Grönegres:
Bei drei Veranstaltungen bin ich auf jeden Fall dabei: einmal natürlich beim »Kirchentag auf dem Weg«. Zudem werde ich mir die Ausstellung »Luther und die Deutschen« ansehen und den 117. Deutschen Wandertag im August in Eisenach besuchen. Nicht zu vergessen der Reformationstag 2017 – ausnahmsweise ein Feiertag in ganz Deutschland!

Welchen persönlichen Bezug haben Sie zu Kirche und zur Reformation?
Grönegres:
Ich bin evangelische Christin. In meiner Kirchengemeinde Nohra-Ulla gehöre ich dem Gemeindekirchenrat an. Das ist zunächst meine formale Verbindung. Die Gemeinschaft und die herzliche Anteilnahme, die ich regelmäßig in der Kirchengemeinde erfahre, bedeuten mir sehr viel. Die Familien, die schon seit DDR-Zeiten treu zur Kirche stehen, sind mir ein Vorbild. Sonntags freue ich mich schon immer auf den Gottesdienst.

Und zum Schluss: Ihr liebstes Luther-Zitat?
Grönegres:
Ein Baum der grüne Blätter hat, vor dem sollst du dich verneigen.

Nachfolger für Luthers Katechismus

26. Mai 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Das Projekt »Yoube« will junge Christen im Internetzeitalter sprachfähig machen

Jungen Leuten die Inhalte des christlichen Glaubens nahebringen – das funktioniert im Web-Zeitalter anders als während der Reformation. Das Projekt »Yoube« versucht es in 27 Kapiteln.

Lange ist’s her, dass in der evangelischen Kirche ein wirkungsvoller Katechismus speziell für junge Menschen entwickelt wurde. Noch heute nehmen Konfirmanden den »Kleinen Katechismus« des Reformators Martin Luther in die Hand und buchstabieren anhand der fast 500 Jahre alten Leitsätze, was christlicher Glaube bedeutet. Das Projekt »Yoube« soll nun die klaffende Lücke füllen. Zu Pfingsten wird der neue Jugendkatechismus in Aidlingen bei Böblingen 10 000 jungen Leuten vorgestellt.

Das 160-seitige »Lehrbuch« widmet sich den Themen Orientierung, Dogmatik und Ethik. Dabei setzt es nicht nur auf das Wort, sondern auch auf eine starke Bebilderung mit Karikaturen und Kollagen. Initiator ist der promovierte Philosoph, gelernte Journalist und Verlagsleiter des Basler fontis-Verlags, Dominik Klenk. Ihm zur Seite stehen der bayerische Lutheraner und Ethikprofessor Bernd Wannenwetsch (Aberdeen/Schottland) und Roland Werner, scheidender Generalsekretär des CVJM-Gesamtverbands in Deutschland, der einen Doktortitel in Theologie und einen in Afrikanistik hält. Alle drei gehören dem theologisch konservativen Spektrum innerhalb der evangelischen Kirche an. Sie haben eine kleine Gruppe von Theologen aus der Jugendarbeit um sich geschart, um das Buch für junge Leute möglichst wirkungsvoll zu gestalten.

»Yoube«-Erfinder Klenk berichtet von einer Zusammenkunft mit 200 Pfarrern, die er fragte, mit welchen Katechismen sie arbeiteten. Die Reaktion: Ein Einziger verwendete Luthers Kleinen Katechismus; ein weiterer den reformierten Heidelberger Katechismus aus dem Jahr 1563. Für Klenk ein klares Zeichen, dass keiner der Versuche aus den vergangenen Jahrzehnten, etwas Jugendgemäßes zu entwickeln, eine nennenswerte Durchschlagskraft erreicht habe.

Klenk, Dominik; Werner, Roland und andere (Hg.): Yoube. Evangelischer Jugendkatechismus, 176 Seiten, ISBN 978-3-03848-050-1 (Textausgabe), 978-3-03848-034-1 (Designausgabe), 15,99 Euro bzw. 18,99 Euro

Klenk, Dominik; Werner, Roland und andere (Hg.): Yoube. Evangelischer Jugendkatechismus, 176 Seiten, ISBN 978-3-03848-050-1 (Textausgabe), 978-3-03848-034-1 (Designausgabe), 15,99 Euro bzw. 18,99 Euro

Die größere Wirkung erhofft sich Klenk nun auch vom Internet. Eine Online-Plattform für das Projekt wird derzeit fertiggestellt, sie soll an Pfingsten ans Netz gehen. Finanziert wird sie per »Crowdfunding« – also durch einen Aufruf im Internet, dem 246 Menschen mit einer Gesamtsumme von 25 000 Euro gefolgt sind. Der Auftritt soll es beispielsweise ermöglichen, Entwürfe für Unterrichtsstunden herunterzuladen und über die einzelnen Glaubensartikel zu diskutieren.
Dass es sich bei diesem Jugendkatechismus um eine unabhängige Initiative und keinen offiziellen Auftrag einer evangelischen Kirche handelt, erklärt Klenk mit der komplizierten Struktur des Protestantismus. Es sei sehr zeitraubend, zu einer Textfassung zu kommen, die beispielsweise von den Synoden aller 20 Landeskirchen abgesegnet würde.

Doch habe er bereits von Bischöfen, Kirchenleitungen und Pfarrern »deutliches Interesse« signalisiert bekommen. Das stimme ihn hoffnungsvoll, dass die Texte mit Konfirmanden, im Religionsunterricht und in kirchlichen Jugendgruppen verwendet werden. Die Zeiten für einen neuen Jugendkatechismus könnten ideal sein. Zumindest hat das die katholische Kirche mit dem Projekt »Youcat« erlebt, das 2011 veröffentlicht wurde und bereits in 30 Sprachen vorliegt. Doch während sich »Youcat« eng an den offiziellen Katechismus der katholischen Kirche anlehnt, wählt »Yoube« eine freie Form, um die Grundlagen des evangelischen Glaubens zusammenzufassen. Das gedruckte Buch gibt es übrigens in zwei Fassungen: einer Text- und einer etwas teureren »Designausgabe«. Während die »Designausgabe« sich laut Verlag »bildgewaltig, frech, modern« vor allem an Jugendliche wendet, richtet sich die Textausgabe eher an Erwachsene.

Marcus Mockler (epd)

www.fontis-verlag.com/yoube


Einzigartiges Freilichtmuseum

12. März 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Lutherstadt Wittenberg – langjährige Wirkungsstätte der Malerfamilie Cranach

In diesem Jahr würdigt die Lutherdekade unter dem Motto »Bild und Bibel« den 500. Geburtstag von Lucas Cranach dem Jüngeren. Die Kirchenzeitung nimmt das Cranachjahr zum Anlass, in einer Beitragsserie mit der Malerdynastie verbundene Orte vorzustellen.

Heute: Lutherstadt Wittenberg

Keine andere Stadt ist so eng mit dem Leben und Wirken der Malerfamilie Cranach verbunden wie die Lutherstadt Wittenberg. Die hier 1502 gegründete erste landesfürstliche Universität Deutschlands durch Kurfürst Friedrich III., der Weise, war ein vorausschauender, angesichts der Konkurrenz ringsum (Leipzig, Frankfurt/Oder) auch mutiger Schritt. Dass die »Leucorea« 1517 mit der Reformation zum Ausgangspunkt eines Ereignisses von weltgeschichtlicher Bedeutung werden würde, war freilich nicht vorhersehbar. Friedrich investierte, um die bis dato eher unscheinbare Stadt an der Elbe dem Status einer Residenzstadt gemäß aufzupolieren. Ein Freund Bildender Kunst, erteilte er den Besten dieser Sparte reichlich Aufträge. 1505 berief er den damals in Wien lebenden Lucas Cranach der Ältere zum Kurfürstlichen Hofmaler. Mit Martin Luther, der 1511 für immer nach Wittenberg kam, verband den elf Jahre älteren Lucas Cranach alsbald eine immerwährende enge Freundschaft.

Für Lucas Cranach sollte Wittenberg 45 Jahre lang der Hauptort seines künstlerischen Wirkens werden. Als Hofmaler im Dienst von nacheinander drei Kurfürsten schuf er mit seinem Team ein außerordentlich umfangreiches Werk, das Routinearbeiten ebenso wie Hochleistungen der Bildenden Kunst umfasst. Das damit erworbene Geld legte er äußerst geschickt in Grundstücken und Häusern an. Vom fähigen Geschäftsmann in ihm sprechen weitere Unternehmungen. So erhielt er – obwohl selbst in dem Fach nicht zu Hause – das Apothekenprivileg der Stadt, betrieb eine der erfolgreichsten Weinschenken der Stadt, engagierte sich im Gewerbe der Bierbrauer und betrieb zeitweilig eine Buchdruckerei. Bald engagierte er sich auch in der Kommunalpolitik.

Unterwegs in der Wittenberger Altstadt, bewegt sich der Gast in einem einzigartigen Freilichtmuseum. Auf der »Kulturmeile« Collegienstraße, aber auch wenige Schritte abseits von dieser, begegnen dem Besucher auf Schritt und Tritt steinerne Zeugen der Zeit, da die Familien der Reformatoren Martin Luther und Philipp Melanchthon, als auch die des Hofmalers Cranach hier lebten und wirkten. An den Bürgermeister und zeitweilig obersten Gerichtsherrn Cranach erinnert das zwischen 1523 und 1535 erbaute Rathaus am Markt.

Cranach-Hof (l.) am Markt 4 in der Lutherstadt Wittenberg. Das Haus brachte Lucas Cranach der Ältere vor 1507 teilweise und bis 1527 vollständig in seinen Besitz. Foto: epd-bild

Cranach-Hof (l.) am Markt 4 in der Lutherstadt Wittenberg. Das Haus brachte Lucas Cranach der Ältere vor 1507 teilweise und bis 1527 vollständig in seinen Besitz. Foto: epd-bild

In seiner Werkstatt (Cranach-Hof) erfuhren auch die beiden Söhne Hans und Lucas der Jüngere ihre Ausbildung. Nach dem frühen Tod von Hans Cranach rückte dessen jüngerer Bruder in der Hierarchie der Werkstatt in eine Führungsposition auf. Um alle Aufträge erledigen zu können, zeichnete sich die Werkstatt durch eine bis dahin nicht gekannte Variantenpraxis der Kunstproduktion aus.

Unser Bild von Martin Luther und seiner Zeit verdankt sich vor allem künstlerischer Arbeiten der Cranach-Werkstatt. Luther mit Doktorhut, Luther als »Junker Jörg« auf der Wartburg, Luther auf der Kanzel, Luther beim Abendmahl oder als Familienvater – die Vorstellung von Luther wird hier plastisch wie sonst nicht.

Vermutlich gab es, abgesehen von den Repräsentanten der zentralen Gewalt, von keinem anderen Menschen in der ersten Hälfte des 16. Jahrhundert mehr Bildnisse als von Martin Luther.

Heinz Stade

Landesausstellung Sachsen-Anhalt »Cranach der Jüngere 2015« in Lutherstadt Wittenberg vom 26. Juni bis 1. November. Ausstellungsorte sind die Stadtkirche St. Marien, das Augusteum und das Cranach-Haus.

www.cranach2015.de

Asyl für Prager Protestanten

5. November 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Flüchtlinge: Im Zuge der Gegenreformation flüchteten einst rund 30 000 böhmische Protestanten nach Sachsen

Die Reformation verbindet Tschechen und Deutsche bis heute. Das zeigt die 400 Jahre alte Salvatorkirche.

Keine Prag-Besichtigung ohne Jan Hus. Stets ist der tschechische Reformator dicht umlagert von Touristengruppen. Noch ist das expressive Bronzemonument, 1915 von Ladislav Šaloun (1870–1946) auf dem Altstädter Ring errichtet, halb eingerüstet. Es wird einer Schönheitskur unterzogen, denn 2015 steht ein für das Nachbarland bedeutsamer Gedenktag an: 600 Jahre Hinrichtung von Jan Hus auf dem Scheiterhaufen. Das Ereignis verbindet Tschechen und Deutsche. Hingerichtet wurde der um 1369 in Südböhmen geborene Kirchenerneuerer 1415 in Konstanz. Der Tag seiner Verbrennung, der 6. Juli, ist seit 1925 tschechischer Staatsfeiertag.

Dargestellt sind auf dem Denkmal auch seine Anhänger, die zur Zeit der katholischen Gegenreformation nach der Schlacht am Weißen Berg 1620 flüchten mussten. Um die 30 000 insgesamt. Asyl fanden viele von ihnen im benachbarten Sachsen, in Dresden. Dort wird die Tradition jener böhmischen Exulanten bis heute wachge­halten.

Abgerissen sind die Beziehungen nach Prag nie. Jetzt wurden sie erneuert. Als die Salvatorkirche, Hauptgebäude der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder (EKBB), jüngst ihr 400. Jubiläum beging, feierten auch Gäste aus Dresden mit.

Sie kamen aus der im Jahr 2000 aus einer Fusion hervorgegangenen Johanneskirchgemeinde – der Name der ersten Kirche, welche die Glaubensflüchtlinge 1650 erhielten. 1880 bauten sie sich eine neue. Die nannten sie, an ihre Prager Herkunft erinnernd, Erlöserkirche – die deutsche Übersetzung des lateinischen »Salvator«. 1945 wurde sie zerstört. Die Erlöser-Andreas-Gemeinde entstand, heute Teil der Dresdener Johanneskirchgemeinde.

Vor 400 Jahren wurde die evangelische Salvatorkirche in Prag errichtet. Im Oktober wurde mit einem Festgottesdienst des Jubiläums gedacht. Dabei waren auch Gäste aus Dresden und dem saarländischen Fischbach. Foto: Tomas Gärtner

Vor 400 Jahren wurde die evangelische Salvatorkirche in Prag errichtet. Im Oktober wurde mit einem Festgottesdienst des Jubiläums gedacht. Dabei waren auch Gäste aus Dresden und dem saarländischen Fischbach. Foto: Tomas Gärtner

Die bewahrt noch immer wertvolle Dokumente auf, darunter das »Pirnaer Wappenbuch«, gestiftet 1628 vom evangelischen Rektor der Prager Universität. Es verzeichnet Namen der Glaubensmigranten. An hohen Feiertagen bekommen Gottesdienstbesucher Wein aus Abendmahlskelchen, die noch aus Prag stammen sollen. Historiker Frank Metasch vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde hält das für eine Legende. Doch gleichviel: »Das materielle und ideelle Erbe der Prager Salvator-Gemeinde hatte enormen identitätsstiftenden Wert«, sagt er. Etliche der rund 800 Mitglieder der Prager Salvator-Gemeinde wiederum zeigten beim Jubiläum lebhaftes Interesse an diesen historischen Verbindungen.

»Die böhmischen Exulanten sind eine der Wurzeln unserer Gemeinde«, sagte Carola Ancot, Pfarrerin der Dresdner Gemeinde, während des Festgottesdienstes in Prag. »Schon zu DDR-Zeiten waren sie ein Vorbild an Glaubenszuversicht und Standhaftigkeit.« Markus Pape, seit 1990 in Prag lebender Deutscher und Mitglied im Leitungsgremium der Salvator-Gemeinde, meint: »Mit diesen historischen Beispielen können wir Kindern weitergeben, was es bedeutet, jemandem auf der Flucht zu helfen und selbst auf der Flucht geholfen zu bekommen.«

Etwas versteckt in einer kleinen Seitenstraße Prags steht die Salvatorkirche. Sie ist die Hauptkirche der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder. Foto: Tomas Gärtner

Etwas versteckt in einer kleinen Seitenstraße Prags steht die Salvatorkirche. Sie ist die Hauptkirche der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder. Foto: Tomas Gärtner

Die evangelische Salvatorkirche ist für Prag-Besucher nicht leicht zu finden. Von Wohnhäusern dicht umbaut, steht sie nördlich des Altstädter Rings an der Kostecˇná, einer kleinen Nebenstraße. Doch nun ist sie zumindest nicht mehr zu überhören. 1916 hatte sie ihre Glocken der Rüstungsindustrie opfern müssen. Zum 400. hat sie vier neue bekommen. Ein Geschenk aus dem Saarland. Zuvor hingen sie in der 1958 errichteten evangelischen Betonkirche in Quierschied. Die aber hatte die kleiner gewordene Gemeinde in Fischbach verkaufen, den Turm abbrechen müssen. Als er sie jetzt in Prag läuten hörte, kamen Pfarrer Hans-Lothar Hölscher und einigen seiner mit ihm angereisten Gemeindemitglieder Freudentränen: »So haben sie bei uns nie geklungen.«

Tomas Gärtner

»Mansfeldisch Kind«

24. Juni 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Reformation:  Museum »Luthers Elternhaus« wurde in Mansfeld eröffnet

Mit »Luthers Elternhaus« ist am 14. Juni das fünfte reformationsgeschichtliche Museum in Sachsen-Anhalt eröffnet worden. Es gibt Einblicke in die Kindheit und Jugend Martin Luthers und die Lebenswelt einer Familie um 1500.

Das Modell eines Vierseitenhofes zieht die Blicke der Besucher auf sich. Ein stattliches Wohnhaus und Wirtschaftsgebäude gruppieren sich um einen geräumigen Hof. Der Besitz der Familie Luder aus dem thüringischen Möhra, die nach einem Zwischenaufenthalt in Eisleben 1484 hierher umgesiedelt war, weist auf eine wohlhabende Familie. Die Aussage Martin Luthers (1483–1546), wie er sich ab 1517 nannte, dass sein Vater ein »armer Heuer gewest« sei, trifft am Ende des 15. Jahrhunderts nicht mehr zu. Der Bürger Hans Luder hatte es zu Wohlstand und Ansehen in Mansfeld gebracht. Davon zeugt nicht nur das Anwesen, von dessen Wohnhaus ein Drittel mit einem Renaissance-Portal erhalten blieb, die Wirtschaftsgebäude aber verschwunden sind. davon zeugen ebenso die Bodenfunde aus der Mansfelder Altstadt – wie prächtige Ofenkacheln und nicht zuletzt die von halleschen Archäologen ausgegrabene »Speisekarte« der Familie. Auf der standen nicht nur Fleisch und Fisch, sondern regelmäßig auch Singvögel. Die archäologischen Funde machen etwa die Hälfte der 227 Exponate aus, die im Museum »Luthers Elternhaus« in der heutigen Lutherstraße ausgestellt sind.

Das Modell im Museumsneubau zeigt Luthers Elternhaus vor 500 Jahren. In den Vitrinen darunter und an den Wänden ringsum sind die Funde ausgestellt, die während der Ausgrabungen 2003/04 und 2008 zutage traten. Foto: Jürgen Lukaschek

Das Modell im Museumsneubau zeigt Luthers Elternhaus vor 500 Jahren. In den Vitrinen darunter und an den Wänden ringsum sind die Funde ausgestellt, die während der Ausgrabungen 2003/04 und 2008 zutage traten. Foto: Jürgen Lukaschek

»Mansfeld steht wieder auf der Luther-Landkarte«, so Stefan Rhein, Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt. Das Museum sei weltweit der einzige Ort, an dem Luthers Kindheit und Jugend thematisiert werden. Der spätere Reformator lebte über 13 Jahre hier – und damit nach seinen 35 Jahren in Wittenberg die zweitlängste Zeitspanne seines Lebens.

Das am 14. Juni eröffnete reformationsgeschichtliche Museum besteht aus zwei Teilen. Der kubische Neubau nach einem Entwurf des Berliner Architektenbüros Anderhalten schließt eine Baulücke in einer Altbau-Häuserzeile und liegt dem originalen elterlichen Wohnhaus Martin Luthers gegenüber. Er besteht aus Stahlbeton. In die Fassade eingearbeitete Schieferstückchen sollen an die Mansfelder Schlacke, den Rückstand bei der Kupferverhüttung, erinnern. Rund 3,5 Millionen Euro kosteten die Bauarbeiten; das Ausstellungsbudget liegt bei rund 686 000 Euro. »Für Mansfeld ist die Eröffnung des Museums ein Riesenschritt nach vorn«, ist sich Bürgermeister Gustav Vogt sicher. Die Stadt, die gemeinsam mit der Stiftung Luthergedenkstätten Bauherr war, erhoffe sich davon mehr Besucher.

»Luthers Heimat sowie Kindheit und Jugend kamen in der Forschung und in der populären Kultur bislang zu kurz«, sagt Christian Philipsen, der zusammen mit Gaby Kuper Kurator der Schau ist. Ihr Motto – »Ich bin ein Mansfeldisch Kind« – stamme aus einem Brief Martin Luthers vom 7. Oktober 1545 an die Grafen von Mansfeld. Diese Worte sowie andere schriftliche Quellen und vor allem sein Handeln zeigten, dass sich Luther auch am Ende seines Lebens noch als Kind dieser Region begriffen habe.

Die Ausstellung – 600 Quadratmeter im Neubau und 80 Quadratmeter im Altbau – ist in mehrere Themenkomplexe untergliedert. Im Abschnitt »Aus gutem Haus« wird die Hauswirtschaft der Familie dargestellt, während das Kapitel »Schwere Arbeit« auf den Kupferschieferbergbau eingeht, dem die Region über Jahrhunderte ihren Wohlstand verdankte. Dem Hüttenmeister Luder und dem zeitweilig angespannten Verhältnis Martins zu seinen Eltern Hans und Margarete ist der Abschnitt »Wen der Berg ruft« gewidmet. Unter dem Thema »Meine Gnädigen Herren« informiert die Schau auch über die Mansfelder Grafen und die Beziehungen der Luthers zu ihnen. Das Kapitel »Sankt Georgs Stadt« ist Mansfeld und dem Schutzpatron, dem heiligen Georg, gewidmet. Das Kapitel »Mit Pauken und Chorälen« schließlich geht auf Martin Luthers harte Schulzeit und die Bildungsinhalte ein, zu der nicht nur das Lateinlernen, sondern auch der Chorgesang in der Pfarrkirche gehörte. Hier entwickelte der junge Martin wohl seine Liebe zur Musik.

Das Foyer des Neubaus wird von einem Panoramabild des Schlosses Mansfeld geprägt, wie es Luther seine Kinderjahre über vor Augen hatte, sowie von den einzig bekannten Gipsbüsten von Luthers Eltern aus dem Jahr 1933. Auf einem Stadtplan, den der Prediger Cyriakus Spangenberg (1528–1604) überlieferte, sind die Lutherorte Mansfelds multimedial präsentiert. Im Elternhaus Luthers liegt der Schwerpunkt auf der Geschichte der Luthermemoria im Mansfelder Land, die am 11. November 1562 mit einem Gottesdienst begannen. Mit dem jetzt eröffneten Museum bekommt die Erinnerung an das »Mansfeldisch Kind« eine neue Güte.

Angela Stoye

www.martinluther.de

Die andere Seite der Reformation

13. Mai 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Auf dem sächsischen Schloss Rochlitz werden die Frauen der Reformation geehrt

Eine Ausstellung auf Schloss Rochlitz stellt weibliche Persönlichkeiten des 16. Jahrhunderts vor. Im Fokus steht Elisabeth von Rochlitz.

Die Geschichte der Reformation in Deutschland wird bislang von Männern dominiert. Spätestens mit der aktuellen Sonderausstellung auf Schloss Rochlitz (Landkreis Mittelsachen) muss umgedacht werden. Unter dem Motto »eine STARKE FRAUENgeschichte« kann der Besucher auf dem für 18,5 Millionen Euro sanierten Schloss Lebenswege von Frauen des 16. Jahrhunderts verfolgen. Mit der am 1. Mai eröffneten Schau dürfte sich das Bild der Reformation als einem rein männlich geprägten Ereignis verändern. Bis Oktober werden rund 50 000 Besucher erwartet.

Insgesamt rund 300 Exponate zeigt die Reformationsausstellung, vor allem Gemälde und Dokumente. Foto: epd-bild

Insgesamt rund 300 Exponate zeigt die Reformationsausstellung, vor allem Gemälde und Dokumente. Foto: epd-bild

Im Fokus stehen unangepasste und lange Zeit vergessene Frauen der Reformation. Eine Ausnahme ist wohl Luthers Frau, die weithin bekannte Katharina von Bora (1499–1552). Die Ausstellung würdigt die ehemalige Nonne als Teil der reformatorischen Bewegung. Zu sehen sind etwa drei Kopien des Eherings der »Lutherin« aus Gold und Rubin von 1525 und ein Teil des Weihwasserbeckens aus dem Kloster Nimbschen bei Grimma, wo sie einst lebte.

Im Zentrum der Schau aber steht Herzogin Elisabeth von Rochlitz (1502 bis 1557), die vor Ort zwischen 1537 und 1547 wirkte und eine der einflussreichsten Frauen der reformatorischen Aufbruchszeit war. Die Tochter eines hessischen Landgrafen wurde bereits mit drei Jahren dem damals fünfjährigen Sohn Johann des sächsischen Herzogs Georg, einem Gegner der Reformation, versprochen. Im original erhaltenen Ehevertrag von 1505 sind zahlreiche Einzelheiten festgehalten. Kaum zu glauben, dass dieses Papier ihr später die persönliche Freiheit brachte. Denn Elisabeth überlebte ihren Mann und laut Vertrag durfte sie nach seinem Tod auf Schloss Rochlitz residieren. Die sogenannte Eheberedung würde heute rund zehn A4-Seiten füllen, sagt der Dresdner Historiker André Thieme. Vor allem wegen seiner Ausführlichkeit sei das Pergament so wertvoll.

Im Prolog der Ausstellung wird aber auch der zeitgenössische Protest aufgegriffen, etwa der von Femen in Paris. Nicht zuletzt erklären bewegte Comics die Errungenschaften der Reformation kurzweilig und witzig, auf eine angenehm unkonventionelle Weise. Hier wird Geschichte mit Strichmännchen verständlich erzählt. Auch Elisabeths Leben ist mit einem Comic animiert.

Insgesamt rund 300 Exponate zeigt die Reformationsausstellung auf rund 1 300 Quadratmetern. 200 Originale sind zu sehen, darunter vor allem Gemälde und Dokumente. 83 Leihgeber haben sich beteiligt.

Inhaltliche Grundlage der Präsentation sind zahlreiche überlieferte Briefe der Herzogin. Dabei stehe die Erforschung ihrer Korrespondenz erst am Anfang, sagt Thieme. Schätzungsweise 10 000 Briefe der Reformatorin, die für brisante Botschaften sogar eine Geheimschrift entwickelte, seien erhalten. Empfänger ihrer Schreiben waren etwa die mächtigsten Fürsten der damaligen Zeit.

Die wissenschaftliche Aufbereitung ist Thieme zufolge eine »Herkulesaufgabe«. Bisher seien erst etwa 200 Briefe ediert. Sie seien jedoch eine »fantastische Quelle für den höfischen Alltag und die damalige Mentalität«. Zugleich ermöglichten die Briefe eine späte Rehabilitierung der Elisabeth von Rochlitz, die 1537 in ihrem Gebiet die Reformation einführte.

Ein Höhepunkt der Ausstellung ist der Raum, wo die Reformatorin vermutlich ihre Texte verfasst hat. Neben einigen Originalen werden auch ihre einflussreichen Adressaten vorgestellt. »Die Briefe werden eine steile Karriere machen«, ist Thieme überzeugt. »Es wird keine Geschichte der Reformation mehr geben ohne die Elisabeth und ihre Briefe.«

Die Schau widmet sich auch der neuen Kunst der Reformationszeit, eine Folge veränderter Rollenbilder der Geschlechter. Die Frau als Verführerin spiele eine Rolle oder etwa die Familie als ein Ergebnis der reformatorischen Bewegung, so Kurator Dirk Welich. Auffallend für diese Zeit seien zahlreiche Darstellungen der biblischen Heldin Judith, die durch verführerische List dem assyrischen Heerführer Holofernes den Kopf abschlug und so eine ganze Stadt vor der völligen Zerstörung bewahrte. Zu sehen sind mehrere Judith-Gemälde, darunter von Lucas Cranach d. Ä. (1472 bis 1553), aber auch Darstellungen der Heldin auf Alltagsgegenständen wie Ofenkacheln oder Bierkrügen.

Katharina Rögner (epd)

Die Ausstellung »eine STARKE FRAUENgeschichte – 500 Jahre Reformation« auf Schloss Rochlitz ist vom 2. Mai bis 31. Oktober, täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Kompromiss und Familienfeier

29. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Konfirmation: Vor 475 Jahren wurde sie in Hessen erfunden – Luther war anfangs gar nicht von dem Ritual begeistert

Die Reformation stellte alle alten Gewissheiten und Traditionen der Kirche infrage. Und es entstand Neues: Vor 475 Jahren wurde in einem kleinen hessischen Städtchen die Konfirmation erfunden.

Der Einführung des neuen Rituals der Konfirmation vorausgegangen war ein heftiger Streit verschiedener reformatorischer Strömungen um die Taufe. Die Bewegung der Täufer nämlich war der Auffassung, dass nur getauft werden kann, wer zuvor auch glaubt. Ein Säugling sei zu einer Glaubensentscheidung aber nicht in der Lage, argumentierten sie. Folglich sei die Praxis der Säuglingstaufe – die auch die führenden Reformatoren nicht infrage stellten – grundfalsch. Diese und andere Forderungen der Täufer führten in vielen Regionen zu Unruhen und Verfolgungen. Denn sie meinten, sich aus Glaubensgründen der Obrigkeit widersetzen zu dürfen.

Landgraf Philipp von Hessen (1504 bis 1567) jedoch, ein bedeutender politischer Kopf der Reformation, schreckte vor einem gewaltsamen Vorgehen zurück. Er rief den elsässischen Reformator Martin Bucer (1491–1551) zu Hilfe, der auch in Täuferkreisen Anerkennung genoss.

Bucer versuchte, in der Frage der Säuglingstaufe zu vermitteln. Heraus kam folgender Kompromiss: Die Kindertaufe wurde zwar beibehalten. Die Heranwachsenden aber sollten zu einem Katechismusunterricht geschickt werden, der in einer symbolischen Handlung vor der Gemeinde gipfelte. Dadurch könnten sie nachträglich ein »Ja« zu ihrer Taufe sagen, so der Gedanke. Somit entsprach Bucer dem Anliegen der Täufer, ohne die Säuglingstaufe aufzugeben: Die Konfirmation war geboren.

In dem hessischen Städtchen Ziegenhain, heute ein Stadtteil von Schwalmstadt im Schwalm-Eder-Kreis, entstand unter der Federführung Bucers die sogenannte »Ziegenhainer Zuchtordnung«. In ihr wurde unter anderem der verbindliche Unterricht in Glaubensfragen für alle Kinder angeordnet. Positiver Nebeneffekt der neuen Ordnung: Viele lernten dadurch auch lesen und schreiben.

Bibelwort und Segenszuspruch: In der mitteldeutschen sowie in der anhaltischen Landeskirche werden in diesem Jahr wie auch im Vorjahr rund 4 450 Jugendliche konfirmiert. Foto: epd-bild

Bibelwort und Segenszuspruch: In der mitteldeutschen sowie in der anhaltischen Landeskirche werden in diesem Jahr wie auch im Vorjahr rund 4 450 Jugendliche konfirmiert. Foto: epd-bild

Der Reformator Martin Luther (1483 bis 1546) allerdings war zunächst wenig begeistert von der Konfirmation. Denn er sah in ihr eine gewisse Nähe zum katholischen Sakrament der Firmung, das er vehement ablehnte. Erst mit der Glaubensströmung des Pietismus, der die persönliche Frömmigkeit betonte, wurde die Konfirmation Allgemeingut in allen protestantischen Regionen Deutschlands. Das war ab dem späten 17. und dem frühen 18. Jahrhundert.

Nach wie vor hat die Konfirmation, in dem die meist 14-Jährigen ihren Glauben öffentlich bejahen, eine hohe Bedeutung im kirchlichen Leben. Und sie gehört zu den wichtigsten Familienfesten unter Protestanten. In den Wochen um Ostern lassen sich in Deutschland jedes Jahr rund 250 000 Mädchen und Jungen konfirmieren. In feierlichen Gottesdiensten werden sie durch Handauflegen gesegnet und erhalten einen biblischen Konfirmationsspruch, der sie ein Leben lang begleiten soll.

Der Begriff »Konfirmation« kommt aus dem Lateinischen und bedeutet »Befestigung« oder »Stärkung«. Je nach Landeskirche dauert der Konfirmandenunterricht heute knapp ein bis zwei Jahre. Er sieht eine Unterweisung in den wichtigsten Grundlagen des Glaubens vor.

Voraussetzung für die Konfirmation ist die Taufe. Inzwischen kommt es auch immer häufiger vor, dass noch ungetaufte Jugendliche am Unterricht teilnehmen und sich erst unmittelbar vor ihrer Konfirmation taufen lassen. Während früher mit der Konfirmation auch der erste Gang zum Abendmahl verbunden war, ist diese Bestimmung inzwischen gelockert worden. Vielfach nehmen heute auch schon Kinder an Abendmahlfeiern teil.

Nach der Konfirmation hat der Konfirmand das Recht, ein Patenamt zu übernehmen. In einigen Landeskirchen bekommt er auch das aktive Wahlrecht bei Kirchenvorstandswahlen zugesprochen. In der Evangelischen Kirche von Hessen-Nassau haben Jugendliche, die das 14. Lebensjahr vollendet haben und konfirmiert sind, seit Kurzem sogar das passive Wahlrecht: Sie können als Jugenddelegierte in einen Kirchenvorstand gewählt werden, wo sie allerdings nur eine beratende Stimme haben.

Christian Prüfer (epd)

Rund um die Konfirmation

Müssen die Eltern der Konfirmanden Mitglieder einer christlichen Kirche sein?
Nein. Die Eltern müssen keiner christlichen Kirche angehören.

Müssen die Jugendlichen vor der Konfirmation getauft sein?
Ja. Die Taufe ist eine wichtige Voraussetzung für die Konfirmation. Mit ihrem «Ja» bei der Konfirmation bestätigen die jungen Menschen die Taufe. Die Taufe kann auch während der Unterrichtszeit oder im Konfirmationsgottesdienst nachgeholt werden.

Können auch Erwachsene konfirmiert werden?
Ja. Getaufte Mitglieder der Kirche können nach einer entsprechenden Vorbereitungszeit konfirmiert werden. Bei der Taufe eines Erwachsenen ist die Konfirmation allerdings nicht mehr notwendig, weil der Akt der Taufe und das mit der Konfirmation verbundene Glaubensbekenntnis zusammenfallen.

Müssen Konfirmanden regelmäßig in die Kirche gehen?
Es wird erwartet, dass die Jugendlichen den Gottesdienst am Sonntagvormittag regelmäßig besuchen. Je nach Angebot können das Jugend- oder Kindergottesdienste und andere kirchliche Veranstaltungen sein.

Welche Kleidung sollten die Konfirmanden tragen?
Die Kleidung sollte den festlichen Charakter des Tages unterstreichen. Es gibt allerdings örtlich und traditionell gebundene Unterschiede. Die Kleiderfrage sollten Eltern und Kinder gemeinsam mit dem Pfarrer oder der Pfarrerin besprechen.

Was schenkt man den Jugendlichen am besten zur Konfirmation?
Eine alte Tradition ist es, Konfirmanden eine Bibel oder ein Gesangbuch zu überreichen. Vielfach wird heute Bargeld verschenkt.


Außergewöhnlich für ihre Zeit

23. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Frauen der Reformation: Felicitas von Selmnitz (1488 bis 1558)

Felicitas von Selmnitz‹ Leben als Adlige verlief zunächst in geordneten Bahnen. Sie wurde 1488 in Liederstedt in der Nähe von Allstedt an der Un­strut geboren. Ihr Vater und später ihr Mann waren Verwalter des Kurfürsten von Sachsen auf Schloss Allstedt. Nach ihrer Hochzeit mit dem Witwer Wolf von Selmnitz 1507 lebte Felicitas von Selmnitz mit ihrer Familie auf der Vitzenburg.

Vier ihrer Kinder starben frühzeitig. Da ihr Mann aufgrund seiner finanziellen Verpflichtungen als Oheim seiner Neffen die Vitzenburg verpachten musste, zog die Familie 1516 in ihr Anwesen nach Glaucha bei Halle.

Als ihr Mann 1519 auf einer Hochzeit hinterrücks erstochen und sie mit 31 Jahren Witwe wurde, kamen die gewohnten Lebensstrukturen ins Wanken.

Noch im selben Jahr floh sie mit ihren Söhnen vor der Pest und musste erleben, dass zwei daran starben. Nun war sie mit ihrem zweitgeborenen Sohn Georg allein.

Glücklicherweise half ihr Schwager Bastian von Selmnitz beim Durchsetzen ihrer Witwenansprüche – die Neffen verweigerten ihre Oheimpflichten gegenüber ihrem Sohn Georg. 1520/21 zog sie mit ihrem Sohn endgültig in ihr Anwesen nach Glaucha und schickte ihn mit 13 Jahren auf die Schreib– und Rechenschule nach Halle. Von ihm lernte sie mit 35 Jahren das Lesen und Schreiben.

Elisabeth Opitz, die Autorin des Beitrages als Felicitas von Selmnitz bei der Eröffnung des Feicitas- von-Selmnitz- Hauses Ende Januar in Halle. Foto: Burkhard Dube

Elisabeth Opitz, die Autorin des Beitrages als Felicitas von Selmnitz bei der Eröffnung des Feicitas- von-Selmnitz- Hauses Ende Januar in Halle. Foto: Burkhard Dube

Es ist anzunehmen, dass Felicitas die politische Lage sehr bewegte, waren doch ihr Schwager Bastian von Selmnitz und ihre Stieftöchter bereits 1521 zum neuen reformatorischen Glauben übergetreten. Auch hatte sie durch Thomas Müntzer, der für ein Vierteljahr als Hilfsprediger am Zisterzienserkloster in Glaucha angestellt war, viele Glaubenseinsichten gewonnen. Zu Weihnachten 1522 ließ sie sich mit ihrem Sohn durch Thomas Müntzer das Abendmahl in beiderlei Gestalt geben. Damit bekannte sie sich offiziell zum reformatorischen Glauben.

Wie glücklich mag sie dann gewesen sein, in den Besitz von Luthers Übersetzung des Neuen Testamentes – dem sogenannten Septembertestament – zu kommen und es auch noch selber lesen zu können! So musste sie wohl aus tiefstem Herzen und mit Freude all die Lesespuren hinterlassen haben, die wir heute in einigen der verbliebenen 362 Bücher aus dem Besitz ihrer Familie in der Marienbibliothek zu Halle finden können.

Als sie ihrem Neffen 1528 auf dem Sterbebett das Abendmahl in beiderlei Gestalt reichen ließ, drang Kardinal Albrecht sie, ihrem Glauben abzuschwören oder die Stadt zu verlassen. Obwohl Martin Luther in einem Brief ihr riet auszuhalten, floh sie im Frühjahr 1528 nach Wittenberg, wo sie sich sicher fühlte. Ihr Sohn immatrikulierte sich 1529 an der Universität.

Durch die Studien der reformatorischen Schriften konnte Felicitas von Selmnitz Anteil an den Disputen der Reformatoren nehmen und war eine hoch angesehene Frau in deren Freundeskreis. Sie übernahm Patenämter in den Familien Luther, Jonas, Bugenhagen und Cruciger. Buchgeschenke und Widmungen von Justus Jonas und Martin Luther geben Zeugnis davon. So können wir in der Lutherbibel die eigenhändige Widmung Luthers nachlesen: »Der Erbarn tugendsamen frawen felicitas von Selmenitz meiner Lieben gevattern.«

Im Jahr 1547 kehrte Felicitas von Selmnitz nach Halle zurück, da ihr Sohn eine Anstellung in Merseburg fand. Mit 70 Jahren starb sie am 1. Mai 1558.

Ihr Sohn erwarb auf dem Stadtgottesacker in Halle eine Grabstelle und ließ dort ein Epitaph für sie, seinen Vater und seine schon früh verstorbenen Geschwister errichten, der noch heute zu sehen ist.

Elisabeth Opitz

Blühende Alltagsfrömmigkeit des Mittelalters

8. Oktober 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Faszinierende Einblicke in den Vorabend der Reformation: die Ausstellung »Umsonst ist der Tod« in Mühlhausen

Mit einem Hieb wurde die Hand vom Körper getrennt. Bleiche Knochen, stellenweise mumifiziert, fordern noch heute, Jahrhunderte später, die Bestrafung einer Untat, die sich wohl einst bei Wippra (Kirchenkreis Eisleben-Sömmerda) ereignete.

»Das ist die Hand eines Getöteten, ein Leibzeichen.« Hartmut Kühne zeigt auf das ausgestellte Kästchen: »Vom Opfer abgenommen, war es vor einem mittelalterlichen Gericht der Beweis für den Rechtsanspruch. In ihm war der Tote sozusagen selbst vertreten.« Wurde ein Schuldspruch gefällt, habe der Mörder das Leibzeichen auch standesgemäß beerdigen müssen. Das geschah bei dieser Hand aber nicht. »Da hat man vor 500 Jahren den Täter wohl nicht gefunden«, stellt der Kirchenhistoriker fest.

Votivgabe nach Befreiung: Kurator Hartmut Kühne erläutert die Bedeutung der Ketten aus Bad Wilsnack. Foto: Matthias Hemmann

Votivgabe nach Befreiung: Kurator Hartmut Kühne erläutert die Bedeutung der Ketten aus Bad Wilsnack. Foto: Matthias Hemmann

Kühne hat als Kurator das Forschungsprojekt der drei mitteldeutschen Länder »Alltag und Frömmigkeit am Vorabend der Reformation« verantwortet. Bei Fahrten in die ländlichen Regionen Thüringens, Sachsens und Sachsen-Anhalts trug er viele Exponate zusammen, die über ein halbes Jahrtausend in den Archiven und Pfarrämtern, auch auf manchem Kirchenboden unbeachtet überdauerten. In Mühlhausen werden sie erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Sie geben der am 29. September eröffneten Ausstellung »Umsonst ist der Tod« ihren Charakter, will diese die Blicke doch nicht so sehr auf herausragende Funde lenken. Stattdessen präsentiert Hartmut Kühne eher Dinge des Alltags, wie etwa eiserne Ketten aus Bad Wilsnack. In Ketten gelegt, sah sich mancher einem ungewissen Schicksal entgegen – und erbat Hilfe an wundertätigen Orten. Wurde er befreit, suchte er den Wallfahrtsort wieder auf, um dort voller Dankbarkeit seine Ketten abzulegen.

Interessant ist auch ein sogenannter Auffahrts-Christus mit beweglichen Armen. Während der Messe am Himmelfahrtstag zur Kirchendecke hinaufgezogen, verschwand die Figur dort durch eine Öffnung, womit der versammelten Gemeinde die Himmelfahrt Jesu verdeutlich wurde.

Insgesamt basiert die Schau auf der Grundthese der neuesten Geschichtswissenschaft, dass es falsch sei, die Reformation als Folge eines Niedergangs von Kirche und Frömmigkeit anzusehen. »Den gab es nicht«, betont Thomas T. Müller, Direktor des Mühlhäuser Museums am Lindenbühl: »Leider ist bei uns im Mutterland der Reformation diese Meinung noch weit verbreitet.« Er verweist auf die Ergebnisse des Forschungsprojektes zur religiösen Praxis, zu Prozessionen, kirchlichem Alltag und Ablasswesen in den Jahren um 1500: »Man geht heute davon aus, dass es damals eine blühende Alltagsfrömmigkeit gab, aus der heraus sich die Reformation entwickeln konnte.«

Matthias Hemmann

Die Ausstellung steht unter der Schirmherrschaft der evangelischen und katholischen Bischöfe der beteiligten Länder und ist bis zum 13. April 2014 im Mühlhäuser Museum am Lindenbühl zu sehen, danach in Leipzig und Magdeburg.
Öffnungszeiten: Di–So, 10–17 Uhr

www.umsonstistdertod.de

Das alte und neue Ringen um das »Heil«

1. November 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Wie wir nach 500 Jahren Zugänge zur Reformation finden können: praktische Tipps

Wie kann das die Reformation heute jungen Menschen nahegebracht werden? Im zweiten Teil geht es um praktische Tipps und hilfreiche Bücher.

Es gibt eine Menge Möglichkeiten, junge Menschen mit den Fragen und Fakten rund um die Reformation vertraut zu machen. Wie aktuell dieses Ringen um das Richtige vor 500 Jahren noch heute ist, signalisieren sogenannte »Castingshows« wie »Deutschland sucht den Superstar«, »Starsearch«, »X-Faktor«, »Germanys Next Top Model«, »Das Supertalent«. In diesen Sendungen, die für Teenager und Kinder adaptiert werden, kommt es darauf an, von anderen positiv beurteilt zu werden. Steckt hinter der Teilnahme auch eine Heilssehnsucht, der Wunsch und das Verlangen danach, erkannt, anerkannt und angenommen zu sein und heil beziehungsweise frei von allen Schwächen zu werden?

GuA-44-2012Auch im Blick auf Gott gibt es den Wunsch, ihm imponieren zu können und ihn dabei ambivalent als gerecht und ungerecht zugleich zu erleben: Wenn Gott seiner Gerechtigkeit freien Lauf ließe, dann hätte im Licht der ­Bibel kein Mensch eine Chance. Eine Antwort auf Luthers Frage, »Wie kriege ich einen gnädigen Gott?«, lautet: Ich kann nur darauf hoffen dass Gott Gnade vor Recht gelten lässt. Durch eine solche unverdiente Zuwendung Gottes wird der glaubende Mensch von Gott selbst aus freiem Erbarmen (= gratis!) für gerecht erklärt, obwohl es der Mensch tatsächlich noch nicht ist. Zur Zeit Martin Luthers hatte »Rechtfertigung« noch nicht die Bedeutung von »Begnadigung«. Sie war vielmehr genau das Gegenteil: die Verurteilung, die Hinrichtung! Der Tod war dann das »gute Recht« und die Verschonung davon das Wunder.

Eine solche Ungerechtigkeit Gottes ist nicht einfach zu glauben oder abzunicken, sie ist vielmehr zu entdecken. Glaube bedeutet dann im doppelten Sinne des Wortes: Gott Recht geben. Basis für einen solchen Blick auf Gott ist die Bibel, deren grundlegende Bedeutung Martin Luther eindrücklich zum Ausdruck gebracht hat.

Es ist gut, wenn junge Menschen sich damit auseinandersetzen können. Besonders bewährt haben sich dabei folgende Bücher, die für junge Menschen die Reformation ansprechend zur Sprache bringen:
• »Luther und die Macht des Wortes« von Andreas Venzke besticht durch die hervorragende Erzählung, die historischen Erklärungen, den Nachschlagteil und die Zeittafel.

• Im »Netz der Falschmünzer«, einem Ratekrimi für 9- bis 12-Jährige von Renée Holler spielt Martin Luther nur eine Nebenrolle und wird dann doch als geheimnisvoller Mensch mit Weisheit und Liebe vorgestellt.

• Für Kinder ab dem Grundschulalter erzählt Frank Neumann in seinem Buch »Von Martin Luther den Kindern erzählt« sehr elementar vom Reformator. Dazu gibt es ansprechende Illustrationen von Uta Fischer.

• »Kennst du …? Martin Luther« – Mit dem Bilderbuch von Michael Landgraf werden Kindern ab dem Grundschulalter auf einfache Weise Szenen aus dem Leben des Reformators vorgestellt. Außerdem enthält das Buch Vorschläge zur kreativen Gestaltung.

• Der historische Roman »Die Luther-Verschwörung« von Christoph Born führt Jugendliche in die Welt und Herausforderungen des frühen 16. Jahrhunderts hinein. Besonders durch die kurze, klare Schilderung ­gelingt es dem Autor, Gedanken und Gefühle zu vermitteln.

• Unter dem Titel »Martin Luther. Ein Lebensweg in Wort und Bild« bietet Joachim Kummer im lesefreundlichen Layout zahlreiche feinfühlig formulierte Informationen des Autors. Der promovierte Kirchenhistoriker bereitet für junge Menschen auf, womit Martin Luther sich beschäftigt hat, wovon er geprägt wurde und wie er den Herausforderungen begegnet ist.

• Humorvoll mit historischen Zugängen hat Werner Tiki Küstenmacher
ein comic-haftes Bilderbuch rund um die Ökumene geschaffen und schildert dabei die Hintergründe für Trennungen und die Chancen des ­Gemeinsamen. »Tikis Evangelisch-Katholisch Buch« mit dem Untertitel »Zusammen sind wir unschlagbar« ist eine heitere, manchmal hintersinnige Annäherung an die Ökumene.

»Luther mal ganz anders«, lautet der Titel ­einer Publikation von Manfred Wolf. Hier versucht der Autor, ­aktuelle Ansichten, Anfragen und ­Aufregungen quasi durch die »Brille« Martin Luthers zu sehen. In einem flüssig lesbaren fiktiven Interview zeigt er, wie der Reformator manches heutzutage sehen könnte.
Reiner Andreas Neuschäfer
Der Autor ist promovierter Theologe und Pfarrer.

Hinweis: Die Bestellangaben zu den vorgestellten Büchern finden Sie auf der Internetseite »www.mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de« unter der Rubrik »Glaube und Alltag«.

Hier die im Beitrag genannten Bücher im Überblick:

• Venzke, Andreas: Luther und die Macht des Wortes, Illustriert von Klaus Puth, 112 Seiten, ISBN 978-3-401-06041, 8,99 Euro (Jugendbuch)

• Holler, Renée: Im Netz der Falschmünzer. Ein Ratekrimi um Martin Luther, Illustriert von Günther Jakobs, Loewe Verlag, 128 Seiten, ISBN 978-3-7855-4910-0, 7,90 Euro (Kinderbuch)

•  Neumann, Frank: Von Martin Luther den Kindern erzählt, Illustriert von Uta Fischer, Butzon & Bercker, 24 Seiten, ISBN 978-3-7666-1218-2, 5,00 Euro (Kindersachbuch)

• Landgraf, Michael: Kennst du …? Martin Luther. Ein Bilderbuch zum Selbstgestalten, Calwer Verlag, 24 Seiten, ISBN 978-3-7668-4220-6, 5,95 Euro

• Born, Christoph: Die Lutherverschwörung. Historischer Roman, Brunnen Verlag, 320 Seiten, ISBN 978-3-7655-1703-7, 14,99 Euro

•  Kummer, Joachim: Martin Luther: Ein Lebensweg in Wort und Bild. Die Freiheit ist des nächsten Diener, Hänssler Verlag, 100 Seiten, ISBN 978-3-7751-4527-5, 12,95 Euro

•  Küstenmacher, Werner Tiki: Tikis Evangelisch-Katholisch-Buch. Zusammen sind wir unschlagbar, Calwer Verlag, 32 Seiten (farbig illustriert), ISBN 978-3-7668-4104-9, 7,95 Euro

• Wolf, Manfred: Luther mal ganz anders, Evangelische Verlagsanstalt, 324 Seiten, 978-3-374-02714-9, 12,80 Euro

Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: Telefon (03643) 246161: Telefon (03643) 246161

Die Provokationen von damals und heute

28. Oktober 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Weder Vereinfachung noch Heldenepos: Wie wir nach 500 Jahren Zugänge zur Reformation finden können

Wie kann ein Ereignis von vor 500 Jahren – die Reformation – jungen und älteren Menschen heute nahegebracht werden? Dieser Frage gehen wir in einem zweiteiligen Beitrag nach.

Das 500. Jubiläum der Reformation im Jahr 2017 wirft seine Schatten voraus. Es handelt sich bei dem Anlass zu den heutigen Feierlichkeiten um einen folgenreichen Einschnitt der Kirchengeschichte, an den zu erinnern sich lohnen kann – nicht nur für evangelische Christen. Denn 1517 machte Martin Luther seine Überzeugung in 95 Thesen öffentlich an der Wittenberger Kirche und entfesselte damit eine Auseinandersetzung. Sie führte tatsächlich zu einem »Auseinander« und veränderte die politische und kirchliche Landkarte Europas und der Welt.

Neben dem Wagemut des Reformators, der dem Druck der Masse widerstand, war auch die Veränderung der Medienlandschaft durch den Buchdruck ein wesentlicher Faktor für das Fortschreiten der Gedanken. Endlich konnten auch Menschen ohne materielle Möglichkeiten ohne Bevormundung die Bibel lesen und sich mit ihrer Botschaft auseinandersetzen.

GuA-44-2012Wer von 1517 spricht, muss auch die Jahre davor und danach ansprechen. Beispielsweise die Biografie Martin Luthers und die Veränderung der geistlichen Großwetterlage seit Jan Hus. 1414 bis 1418 tagte die große Kirchenversammlung, das Konzil von Konstanz, als einziges Konzil nördlich der Alpen; 1415 wurde Jan Hus als Ketzer verbrannt. Es gab zugleich einen großen Bedarf an Reformen, den Wunsch nach Veränderungen und ein Ringen um Macht und Einfluss.

Ebenso sollte im Blick bleiben, dass die Reformation keine »Ein-Mann-Show« war. Vielmehr gab es etliche Mitstreiter und Mitstreiterinnen, Gegenspieler und andere Reformatoren mit bewegenden Biografien wie Ulrich Zwingli, Johannes Calvin, Johannes Bugenhagen, Martin Bucer, Heinrich Bullinger, die jeweils ganz eigene Akzente setzten. Es hat gar keine einheitliche Bewegung der Reformation gegeben. Die Einheit der Kirche bleibt bereits seit der Spaltung des Christentums in römisch-katholische Kirche und orthodoxe Kirchen im Jahr 1054 hinter der Bitte Jesu »auf dass sie alle eins seien«, zurück (Johannes, Kapitel 13).

Neben den geistlichen Motiven gab es auch »weltliche« Gründe für die Reformation. Immer ging es aber um die Bibel als Grundlage für das Leben und die Lehre. Durch die Bibel sollte es Menschen möglich sein, Gottes Willen zu erkennen und sein Wirken zu erfahren. Das eigene Lesen, die Lektüre ohne Bevormundung mündete nicht zuletzt in Initiativen für die Bildung und das Entstehen von Schulen! Neben Martin Luther erinnerte vor allem Philipp Melanchthon die Oberen jeder deutschen Stadt an dieses Ziel.

Bei der Vermittlung der Reformation sollten vor allem die daran beteiligten Personen als Menschen dargestellt werden, nicht als Helden oder Heilige – selbst wenn manches tatsächlich heldenhaft und mit Leiden verbunden war.

Und es kommt darauf an, Fakten zu erläutern und die Relevanz der damaligen Fragen für heute aufzuzeigen: Sich an Gottes Wort zu halten und seinen Willen zu tun, war damals wie heute teilweise mit Konflikten verbunden. Auch heute noch wird mitunter in Schule, Kirche und Politik versucht, Macht auf Andersdenkende und Andersglaubende auszuüben. Christenverfolgung ist nach wie vor aktuell und erreicht Dimensionen, die früher für unvorstellbar gehalten wurden.

Wer in die Vergangenheit blickt, sieht sich also nicht nur Vergangenem gegenüber, sondern Fragen, die noch im 21. Jahrhundert aktuell sind wie zum Beispiel: Wo geht es heutzutage vielleicht teuflisch zu oder wo wird das Böse, das Dämonische verharmlost? Wo redet man auch in der Kirche den Menschen nach dem Mund, anstatt sie in Glaubensdingen mündig zu machen – unter anderem durch Bibellesen?

Wo kann kultureller, geistlicher und existenzieller Armut durch Engagement für die Bildung junger Menschen begegnet werden? Schauen Pfarrer und Pfarrerinnen »dem Volk aufs Maul«, wie es Martin Luther formulierte? Werden den Menschen auch schwer eingängige Glaubensfragen zugemutet? Wird das Vertrauen in die Macht des Wortes Gottes und in das Wirken der Sakramente gestärkt?

All diese Fragen und Provokationen waren im 16. Jahrhundert nicht weniger wichtig als fünf Jahrhunderte später.

Reiner Andreas Neuschäfer

Der Autor ist promovierter Theologe und Pfarrer.

In gutem, verständlichem Deutsch geschrieben

21. Juli 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Das Buch »Martin im Sturm« erklärt auf kindgemäße Weise, was Reformation bedeutet

Müller, Andreas: Martin im Sturm. Wartburg Verlag

Müller, Andreas: Martin im Sturm. Wartburg Verlag

Nach der Erzählung »Martin sucht die Freiheit« von 2010 legt Andreas Müller nun erneut ein Kinderbuch über Martin Luther vor: »Martin im Sturm«. Die Erzählung spielt im Winter 1521/22. Der zwölfjährige Martin aus Luthers Geburtsort Möhra fährt als Gehilfe des alten Zunderkurt, der Feuerschwämme verkauft, nach Wittenberg und gerät dort in die Auseinandersetzungen zwischen Verfechtern der alten und der neuen christlichen Lehre sowie in die Streitigkeiten innerhalb von Luthers Anhängern. Luthers Predigten gegen die Bilderstürmer und der Empfang des Abendmahls unter beiderlei Gestalt sind die geistlichen Höhepunkte von Martins Aufenthalt in Wittenberg. Die Stadt erscheint ihm wie ein »aufgescheuchter Hühnerstall«, »lauter aufgeregte Menschen«. Auf kindgemäße Weise wird erklärt, was Reformation bedeutet. Der Student Lukas, dem Martin sich anschließt, geht von der Bedeutung des Wortes »Re-Formation« aus. »Wir sollen alles in der Kirche so zurückformen, wie es Jesus gewollt hat. Alles Gold und Geld muss den Armen gegeben werden, denn Jesus und seine Freunde waren arm. Und einen Papst in Rom muss es nicht geben, und Götzen brauchen wir auch nicht. ­Re­formation ist viel Arbeit und Streit und viel Neues, was aber längst in der ­Bibel geschrieben steht.«

Martin entgegnet: »Und ich dachte, Reformation heißt nur, dass man keine Angst mehr zu haben braucht, weil vor Gott alle gleich sind. Und dann dachte ich noch, dass man sich frei fühlt, wenn man keine Angst mehr hat. Ich dachte, Reformation heißt, mutig sein und fromm.«

Im Unterschied zu der früheren Erzählung liegt hier der Schwerpunkt auf dem geistigen und geistlichen Verstehen von Reformation. Die Handlung ist wieder farbig, in sich stimmig und interessant, wenngleich nicht ganz so spannend. Aber das liegt am Stoff, der sowohl dem zwölfjährigen Helden als auch den Lesern ab etwa zehn Jahren Reflexion und Interesse an Geschichte und existenziellen ­Problemen abverlangt. Aber gerade Kinder stellen ja die entscheidenden Fragen nach Tod und Leben.

Christian Badels teils farbige, teils schwarz-weiße Illustrationen werden die Kinder erfreuen. Empfehlenswert ist das Buch noch aus einem anderen Grund: Es ist in einem guten, verständlichen, dem Stoff und den Lesern angemessenen Deutsch geschrieben.

Jürgen Israel

Müller, Andreas: Martin im Sturm. Wartburg Verlag, 68 S., ISBN 978-3-86160-253-8, 14,80 Euro