Liebe überwindet Distanz

8. Juli 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

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Vater unser im Himmel – Der große, ferne Gott kommt uns nahe

Immer wieder waren die Jünger beeindruckt davon, wie vertraut Jesus mit Gott sprach und sie sehnten sich danach, Gott auch so nahe zu erfahren. Deshalb baten sie ihn: »Herr, lehre uns beten« (Lk. 11,1). Und eine der ersten Fragen bei unserem Beten ist vielleicht: »Wie rede ich Gott denn richtig an? Sage ich »Gott« oder »Herr« oder »Allmächtiger«? Doch Jesus ermutigte die Jünger in dem wohl bekanntesten Gebet: »Wenn ihr betet, so sprecht: »Vater!« Und ich kann mir vorstellen, wie erstaunt sie auf diesen Vorschlag waren. Vor Jesus gab es keinen, der je so mit Gott gesprochen hätte. Ein halbwegs frommer Jude wäre damals nie auf die Idee gekommen, den »Herrn der Heerscharen«, den »Heiligen« mit » Vater« anzusprechen. Die Menschen damals vermieden sogar den Namen Gottes (JHWE), um ihn nicht zu entehren. Oft schien er so fern und nun sollten sie ihn Vater nennen?

Der verlorene Sohn. Fenster in der St.-Georgs-Kirche in Hattingen. Foto: Dieter Schütz – pixelio.de

Der verlorene Sohn. Fenster in der St.-Georgs-Kirche in Hattingen. Foto: Dieter Schütz – pixelio.de

Doch Jesus machte deutlich, mit seinem Sterben und Auferstehen wird wieder etwas hergestellt, was uns verloren gegangen war. Der große, ferne Gott wird zum Vater im Himmel. Das gilt, auch wenn wir das nicht immer so spüren. Wir dürfen wie Kinder zu ihm kommen und vertraut mit ihm reden. Mit dieser Anrede wird Gott nicht unheiliger, sondern sie zeigt, wie sehr er uns liebt. Jesus ermutigte seine Jünger sogar zum Kosenamen »Abba, lieber Vater«.

Und von dieser großen Liebe Gottes zu uns, erzählte Jesus in dem bekannten Gleichnis »Vom verlorenen Sohn«. Wir könnten es auch »das Gleichnis von den verlorenen Söhnen« oder auch »das Gleichnis vom Vaterherzen Gottes« nennen (Lukas 15,11 ff).

In Lukas 15,20 bekommen wir einen Einblick in das Vaterherz Gottes, als der jüngere Sohn, der sich in seinen eigenen Wegen verrannt hatte, weil er meinte bei seinem Vater zu kurz zu kommen, doch wieder zu diesem sich aufmachte.

»Als er aber noch fern war, sah ihn sein Vater und hatte Erbarmen und er lief, und fiel ihm um den Hals und küsste ihn.« Mit diesem Empfang hatte der Sohn sicher nicht gerechnet.

Doch mit diesem Gleichnis zeigt Jesus uns die Liebe des Vaters für alle, die aufrichtig zu ihm kommen. Diese Vaterliebe galt auch seinem älteren Sohn. Der ging seiner Pflicht nach und arbeitete wie gewohnt auf dem Feld.

Als er abends nach Hause kam, das große Fest sah und von den Ereignissen des Tages hörte, stieg die blanke Wut in ihm hoch. Zornig weigerte er sich, an dem Fest teilzunehmen. Und wieder überrascht die Reaktion des Vaters. Er ging zum älteren Sohn hinaus, redete ihm zu und lud ihn persönlich zum Fest ein. Er wollte ihn genauso beim Fest haben wie den jüngeren. Für ihn war sein Herz in gleicherweise geöffnet. Obwohl der Sohn voller Anklage und Bitterkeit gegenüber dem Vater war, sprach dieser ihn liebevoll mit »Sohn« an. Wahrscheinlich hätte er ihn gerne ebenso in die Arme geschlossen.

Doch der ältere Sohn ließ nun den Frust und die Bitterkeit raus, der sich in den ganzen letzten Jahren in seinem Herzen angestaut hatte und sagte im Prinzip: »Ich habe jahrelang für dich gearbeitet und habe dabei nie Freude erlebt.« Damit benannte er das Grundproblem seines Lebens. Im tiefsten seines Herzens war er nicht Sohn, er war Knecht. Er hatte keine innere Beziehung zu dem Vater, sondern er bemühte sich, es dem Vater durch Leistung und Pflichterfüllung recht zu machen. Er war zwar im Hause des Vaters, aber er war nicht zu Hause bei ihm.

Wie schnell vergessen auch wir in unserem Alltag, wie sehr uns Gott der Vater liebt und wir meinen, dass wir uns Gottes Liebe erst verdienen
müssen.

Und so ist auch der Satz entscheidend, den der Vater zu dem älteren Sohn sagt (Lukas 15,31): »Er aber sprach zu ihm: Mein Sohn, du bist allezeit bei mir und alles, was mein ist, das ist dein.«

Dem Sohn stand alles zur Verfügung und er hatte die Geborgenheit durch den Vater. Doch das erkannte er nicht. Sein falsches Bild vom Vater hinderte ihn daran, in der Liebe seines Vaters zu leben.

In unserem Glauben bekennen wir, dass die Arme von Jesus am Kreuz weit ausgebreitet waren für alle, die sich nach Wiederherstellung, Versöhnung und einer tiefen Beziehung zu Gott als himmlischen Vater sehnen. Sie erinnern an die einladenden Arme des Vaters. Durch das Kreuz, wo wir alles ablegen dürfen, was uns beschwert, führt Jesus uns zurück zum Vater. Zurück nach Hause und wir dürfen geliebte und angenommene Söhne und Töchter unseres Vaters im Himmel sein. Dafür sind wir geschaffen. Auch für uns sind Gottes Arme weit ausgebreitet, um uns zu empfangen – egal welchem der beiden Söhne wir ähneln. Und je mehr wir uns für die Liebe des Vaters öffnen, desto mehr lernen wir ihn wirklich kennen und seine Liebe beginnt in uns zu wachsen.

Rebekka Mittmann

Die Autorin ist Predigerin im Thüringer Gemeinschaftsbund, zurzeit in Elternzeit

Vertiefende Literatur
Lanz, Manfred: Leben in der Liebe des Vaters. Eine Entdeckungsreise zum Vaterherzen Gottes, SCM R. Brockhaus, 128 S., ISBN 978-3-417-26320-6, 9,95 Euro