Die eingebildete Hässlichkeit

26. März 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Forschung: Bielefelder Wissenschaftler wollen die psychische Störung »Dysmorphophobie« ergründen

Sie selbst finden sich unansehnlich, obwohl ­andere an ihnen keinen ­Makel ­erkennen. Menschen mit Dysmorphophobie ­mögen ihr Spiegelbild nicht. Bis zu zwei Prozent der Bevölkerung ­leiden an dieser Störung.

Wissenschaftler erstellen mit Hilfe von Kameras und Computern Analysen der Blickbewegungen beim Betrachten eines fremden Gesichtes. Foto: epd-bild

Wissenschaftler erstellen mit Hilfe von Kameras und Computern Analysen der Blickbewegungen beim Betrachten eines fremden Gesichtes. Foto: epd-bild

Im Spiegel lauert ein grässliches Monster: »Ich habe nur sehr, sehr selten ‘ne so hässliche Kreatur wie mich gesehen«, schreibt ein Internet-Nutzer unter dem Namen »Raumschiff«. Ein weiterer Schreiber ergänzt: »Immer wenn ich mich sehe, werde ich total depressiv.« Er habe eine riesige, breite Nase, dazu kleine Augen, ein fettes Kinn und dünne Haare, führt er in einem Selbsthilfe-Internet-Forum zum Thema »eingebildete Hässlichkeit« aus. Und ein Mädchen, das sich Feney nennt, gesteht: »Ich hasse mein Spiegelbild einfach.«

Bis zu zwei Prozent der Bevölkerung leiden Schätzungen zufolge an der psychischen Störung »Dysmorphophobie« (etwa: »Angst vor Missgestaltung«). Die Erforschung der »eingebildeten Hässlichkeit« steckt jedoch noch weitgehend in den Kinderschuhen. In einem bundesweit einmaligen Projekt an der Universität Bielefeld wollen Psychologinnen nun herausfinden, ob Menschen mit einer solchen Störung andere Sehgewohnheiten haben. Mitte des Jahres sollen die ersten Zwischenergebnisse vorliegen.

»Menschen mit Dysmorphophobie sehen an sich einen Makel, der für ­andere nicht zu sehen ist«, schildert Psychologin Anja Grocholewski die Symptome. Kennzeichen der Krankheit ist eine so übertriebene Beschäftigung mit der vermeintlichen Entstellung, dass für nichts anderes mehr Raum bleibt. Manchmal können Erkrankte bis zu acht Stunden damit zubringen, sich im Spiegel zu betrachten oder ihre vermeintlichen Deformierungen mit Schminke, weiten Pullis und Hosen oder einer Sonnenbrille zu »tarnen«.

Im Extremfall wagen sie es nicht mehr, ihre Wohnung zu verlassen – aus Angst vor abschätzigen Blicken. Nicht selten müssen sie dann Schule oder Job aufgeben. Da auch nach einer Schönheits-Operation die eingebildete Riesennase nicht schrumpft, werden manche süchtig nach weiteren Schnitten. Jeder vierte von ihnen, so schätzt man, denkt daran, sich umzubringen. Betroffen sind gleichermaßen Frauen wie Männer, Junge wie Alte. Einige Psychologen sehen auch in den vielen Gesichtsoperationen des im vergangenen Jahr gestorbenen Popstars Michael Jackson einen Hinweis auf diese Krankheit.

In dem Bielefelder Forschungsprojekt blicken die Probanden durch eine Apparatur, die an ein Gerät beim Optiker zur Ermittlung der Sehstärke erinnert. Anstelle von Buchstaben sehen die Freiwilligen verschiedene Gesichter – auch ihr eigenes. Das Gerät zeichnet die Blickbewegungen auf. Hinter einer Trennwand beobachtet Grocholewski zusammen mit ihrer Kollegin, der Psychologieprofessorin Nina Heinrichs, auf einem Bildschirm, wie sich der Blick über die gerade ­gezeigten Gesichter bewegt.

Rund 40 Freiwillige nehmen bislang an dem Projekt »Augenblicke« teil. »Einige brauchen mehrere Anläufe, bis sie dann tatsächlich zu uns gelangen«, erzählt Grocholewski. Viele kommen erst im Dunkeln, weil sie sich bei Tageslicht nicht auf die Straße wagen. Dass sich die Probanden doch durchringen, liegt nach Eindruck Grocholewskis daran, dass sie bei einem Vorgespräch eine Diagnose erhalten. »Viele möchten wissen, wie es weitergehen kann«.

Die Krankheit wurde zwar bereits 1886 von dem Turiner Neurologen Enrico Morselli als »Dysmorphophobie« beschrieben. Dass sie aber bis heute nur wenig bekannt ist, liegt daran, dass sich die Betroffenen aus Scham kaum jemanden anvertrauen. Oft landen sie als Patienten bei Dermatologen, Zahnärzten, vor allem aber in der plastischen Chirurgie, wie der Neurologe Volker Faust von der Arbeitsgemeinschaft Psychosoziale Gesundheit beklagt. Weil sie da nur selten als seelisch gestört erkannt und behandelt würden, gingen das Leiden und der eingeleitete Teufelskreis weiter.

Bei der Suche nach den Auslösern tappen die Experten noch weitgehend im Dunkeln. Einige Betroffene wurden als Kind wegen einer starken Akne oder eines zu großen oder zu kleinen Busens gehänselt. »Später ist die Akne weg, aber das Gefühl bleibt«, erklärt Grocholewski. Das allein führe aber noch nicht zu einem Ausbruch der Krankheit. Dazu müssten auch ein besonderes ästhetisches Empfinden und ein Hang zum Perfektionismus kommen, vermutet sie.

Bislang gibt es laut Grocholewski kein Patentrezept für eine Heilung. In Verhaltenstherapien lasse sich jedoch lernen, mit der Störung zu leben. ­Einem steigenden Erwartungsdruck durch TV-Castingshows für Superstars und Supermodels die Schuld zuzusprechen, hält Grocholewski für zu einfach. Nur besonders verletzliche Menschen seien anfällig. »Wer das nicht ist, wird auch nach der 100. Sendung von ›Germany’s Next Topmodel‹ keine Dysmorphophobie bekommen oder zu einer Schönheits-OP gehen«.

Von Holger Spierig (epd)