Im Wettstreit um die Macht

16. Juni 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Präsentation:  Brandenburgs erste Landesausstellung stellt 200 Jahre preußisch-sächsischer Geschichte vor

Die Schau in Doberlug-Kirchhain erzählt von der schwierigen Nachbarschaft zwischen Preußen und Sachsen. Sie soll Gelegenheit bieten, auf ein wichtiges Stück Geschichte zurückzublicken – mit teils überraschenden Erkenntnissen.

Wallende Lockenperücken, prächtige Rüstungen, rechts Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg, links Johann Georg II. von Sachsen – Hand in Hand malte Johann Fink in einem großen Ölbild die beiden Nachbarn um 1660. Auch die Hofkünstler beider Herrscher arbeiteten mitunter Hand in Hand. Das zeigt ein Prunkgefäß aus vergoldetem Silber und Perlmutt, ein Nautiluspokal, entworfen von dem Dresdner Balthasar Permoser, den der Berliner Goldschmied Bernhard Quippe 1707 ausführte.

Doch das Band zwischen Preußen und Sachsen war keine reine Liebesbeziehung, sondern bedeutete immer auch Rivalität. Unter dem Titel »Preußen und Sachsen – Szenen einer Nachbarschaft« erzählt die erste Brandenburgische Landesausstellung auf 800 Quadratmetern Fläche von Höhen und Tiefen dieser Nachbarschaft. »Uns ging es darum, eine Beziehungsgeschichte zu zeigen«, erklärt Ausstellungskuratorin Anne-Katrin Ziesak. In sieben Kapiteln, »Szenen« genannt, beleuchtet die Ausstellung das Verhältnis zueinander.

Nachbarn und Rivalen: Johann Georg II. von Sachsen und Friedrich Wilhelm von Brandenburg auf einem Gemälde von Johann Fink/Fincke. Foto: Elke Estel / Hans-Peter Klut

Nachbarn und Rivalen: Johann Georg II. von Sachsen und Friedrich Wilhelm von Brandenburg auf einem Gemälde von Johann Fink/Fincke. Foto: Elke Estel / Hans-Peter Klut

Den Auftakt macht ein Grenzstein aus dem 16. Jahrhundert im Prolog. Erst ab 1635, mit dem Zugewinn der Lausitz, kommt Sachsen über eine längere Grenze mit Brandenburg in Berührung. In dieser Zeit wird auch Doberlug sächsisch. Die erste Szene »Partner und Rivalen« thematisiert Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Nachbarn um diese Zeit. Die reiche Messe- und Handelsstadt Leipzig etwa belegt die Vormachtstellung Sachsens gegenüber dem armen Nachbarn im Norden. Beide Herrscher eint jedoch ihr Streben nach der Königskrone.

Zu sehen ist die prunkvolle Krone des sächsischen Kurfürsten, der König von Polen wird, die preußische Krone, die sich der Brandenburger Friedrich III. 1701 in Königsberg aufs Haupt setzte, ist nur als Replik des verlorenen Originals ausgestellt. Die konfessionellen Folgen und den Umgang mit Minderheiten in den Urländern der Reformation beleuchtet das Kapitel »Glaubenssache«: Während die Untertanen lutherisch blieben, gehörte der brandenburgische Herrscher ab 1613 den Reformierten an, der sächsische Kurfürst musste mit Erhalt der polnischen Krone zum katholischen Glauben konvertieren.

Unter dem Titel »Glanz und Gloria« räumt die Ausstellung zugleich mit gängigen Klischees auf: Beide Herrscher bauten zur Sicherung ihrer Macht starke Armeen auf und verfolgten parallele Repräsentationsstrategien, etwa indem sie wertvolle Kunstsammlungen anlegten. Dabei konnte Sachsen auch von Preußen profitieren, wie eine ostasiatische Deckelvase von 1700 zeigt: Friedrich Wilhelm I., der wertvolle ostasiatische Porzellane sammelte, hatte sie seinem Kollegen nach Sachsen geschickt im Austausch für Soldaten. Sie erhielten fortan den Spitznamen »Porzellandragoner«. Das Bild des von den Preußen eroberten brennenden Dresden im Siebenjährigen Krieg markiert den Tiefpunkt der Nachbarschaft, der Stamm einer Jägereiche mit eingeschnitztem Wappen und den Namen der Teilnehmer einer letzten Jagd 1763 den Untergang der augusteischen Epoche in Sachsen, an der sich Preußen lange orientiert hatte.

Zu den außergewöhnlichen Exponaten zählen restaurierte Bahnen einer im Rokokostil reichbemalten Wandtapete aus dem nahegelegenen Schloss Ahlsdorf, die erstmals ausgestellt sind. Sie verweisen auf den künstlerischen Reichtum der Grenzregion um 1770. Ein eigenes Kapitel widmet sich dem Austausch zwischen Gelehrten und Künstlern in der Zeit der Aufklärung. So verbündete sich der Berliner Verleger Friedrich Nicolai mit seinem Leipziger Kollegen Philipp Erasmus Reich im Kampf gegen die Konkurrenz durch Raubdrucke.

Der Ausstellungsrundgang endet mit dem Untergang Napoleons und dem Wiener Kongress. Sachsen als Bündnispartner der Franzosen gehörte zu den Verlierern und musste große Gebiete wie die Niederlausitz an Preußen abtreten. Ein Prunkstück im letzten Kapitel stammt aus dem Besitz des französischen Chefunterhändlers Tallyrand: der Verhandlungstisch, an dem die Schlussakte des Wiener Kongresses unterzeichnet wurde.

Brandenburgs erste Landesausstellung im restaurierten Schloss Doberlug zeigt abwechslungsreich und pointiert, wie Macht und Politik, aber auch Kunst und Wissenschaften die nachbarschaftlichen Verbindungen zwischen Sachsen und Preußen über 200 Jahre prägten.

Sigrid Hoff  (epd)

Die Ausstellung ist bis 2. November dienstags bis freitags von 9 bis 18 Uhr sowie an Wochenenden und Feiertagen von 10 bis 18 Uhr im Schloss Doberlug zu sehen.

www.brandenburgische-landesausstellung.de

www.hbpg.de

»… das Herz rühren«

10. März 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Vor 300 Jahren wurde der Komponist Carl Philipp Emanuel Bach geboren

Wer heute »Bach« sagt, meint seinen Vater. Doch zu Lebzeiten war Carl Philipp Emanuel Bach sogar berühmter als Johann Sebastian. Der Sohn war Hofcembalist in Berlin und Musikdirektor in Hamburg. Vor 300 Jahren wurde er in Weimar geboren.

Carl Philipp Emanuel Bach, Büste im Schauspielhaus Berlin. Foto: Wikipedia

Carl Philipp Emanuel Bach, Büste im Schauspielhaus Berlin. Foto: Wikipedia

Die Musik war ihm in die Wiege gelegt. Am 8. März 1714 wurde Carl Philipp Emanuel Bach in Weimar geboren, als zweitältester Sohn Johann Sebastian Bachs. Bereits mit elf Jahren konnte er die Cembalo-Musik des Vaters fließend vom Blatt spielen. In dessen Fußstapfen stieg er aber zunächst nicht: Auf Wunsch des Vaters begann Carl Philipp Emanuel 1731 ein Jura-Studium, zunächst in Leipzig, dann in Frankfurt/Oder.

Doch schon sein Studium finanzierte der 20-Jährige mit Musik. Er gab Cembalo-Unterricht, dirigierte und komponierte. Und hatte wenig Lust auf ein Advokatenleben: Mit 24 wurde er vom damaligen preußischen Kronprinzen Friedrich als Cembalist ins mecklenburgische Ruppin berufen. Und als der Prinz 1740 König wurde, folgte ihm der junge Bach als fest angestellter Konzertcembalist an die Hofkapelle in Berlin.

In Berlin entstanden ab 1740 die sechs Preußischen Sonaten, ab 1742 die sechs Württembergischen Sonaten. Sie gelten als die wichtigsten Zeugnisse der neuen Stilrichtung »Empfindsamkeit«: »Mich deucht, die Musik müsse vornehmlich das Herz rühren, und dahin bringt es ein Clavierspieler nie durch blosses Poltern und Trommeln, wenigsten bey mir nicht«, schrieb Carl Philipp Emanuel Bach. Und: »Aus der Seele muss man spielen und nicht wie ein abgerichteter Vogel.«

In den 28 Jahren seines Hofdienstes in Berlin wurde »CPE Bach« zu einem der bekanntesten »Clavieristen« Europas. Er schrieb mehr als 100 Sonaten und Solowerke, darunter das »Magnificat« (1749), mehrere Sinfonien und Konzerte sowie etliche weltliche Kantaten und Liederbücher. 1753 erschien sein Buch »Versuch über die wahre Art das Klavier zu spielen, mit Exempeln und 18 Probestücken in sechs Sonaten erläutert«. Es avancierte zu einem der wichtigsten Dokumente über das musikalische Denken im 18. Jahrhundert.

Die Zeitgenossen rühmten ihn. »Er ist der Vater, wir die Bub’n«, urteilte Wolfgang Amadeus Mozart: »Wer von uns was Rechtes kann, hat von ihm gelernt.«

Trotz wachsender Berühmtheit vermisste Carl Philipp Emanuel in Berlin zunehmend die Wertschätzung des Königs. Nach dem Tod seines Vaters bewarb er sich 1750 vergeblich um dessen Nachfolge als Thomaskantor in Leipzig. Als mit dem Ausbruch des Siebenjährigen Krieges (1756–1763) das höfische Leben in Berlin nahezu zum Erliegen kam, begann Bach, seinen Wirkungskreis zu vergrößern. Er unternahm Reisen zu Freunden in Hamburg, Bückeburg und Eisenach, gab Konzerte in Gotha und Kassel.

1767 starb in Hamburg sein Patenonkel Georg Philipp Telemann, von dem er den zweiten Vornamen hatte. Telemann hatte Bach die Nachfolge gesichert: Am Ostersonntag 1768 übernahm Carl Philipp Emanuel das Amt als Kantor der Gelehrtenschule Johanneum und städtischer Musikdirektor an den fünf Hauptkirchen. Hier gehörten 200 Konzerte zum jährlichen Pensum, vor allem an den vielen kirchlichen Feiertagen.

Doch in der bürgerlich geprägten Kaufmannsstadt wurden auch Festmusiken zu Jubiläen, Amtseinführungen und Feiern jeder Art erwartet – eine immense Arbeitsbelastung. An den Orgeln der Hauptkirchen wurde Carl Philipp Emanuel daher nicht so oft gesehen, und auch an der Lateinschule des Johanneums konnte er sich vertreten lassen. Den gewaltigen Rest bewältigte er dadurch, dass er nicht selten vorhandenes Material neu zusammensetzte, eigenes und fremdes. Auf diese Weise bot er dem Publikum ein breites Musik-Spektrum.

Viele seiner Stücke waren auch kommerziell erfolgreich und machten ihn weithin bekannt.

Doch Bach hatte das Pech, zwischen den Epochen zu stehen – er war das Musikgenie im Übergang vom Barock zur Klassik. Als man Mitte des 19. Jahrhunderts die große Musik seines Vaters wieder zu entdecken begann, geriet der Sohn zunehmend in Vergessenheit.

Carl Philipp Emanuel Bach starb am 14. Dezember 1788 in Hamburg, sein Grab befindet sich noch heute in der Krypta der Hauptkirche St. Michaelis (»Michel«). In dem Nachruf einer Tageszeitung stand damals, er sei »eine der größten Zierden der Tonkunst« gewesen, dessen Kompositionen »immer neu, unerschöpflich, groß und kraftvoll bleiben werden«.

Klaus Merhof (epd)

Falscher Mythos

23. Oktober 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Erinnert: Vor 200 Jahren tobte die »Völkerschlacht bei Leipzig«

Die Schlacht vor den Toren Leipzigs im Jahr 1813 gilt vielen als nationale Erhebung gegen die Unterdrückung Napoleons. Mit der historischen Realität hat dies aber nicht viel zu tun.

Es war eine Schlacht von gigantischen Dimensionen. Französische, russische, österreichische und schwedische Uniformen wechselten einander ab. Mehr als eine halbe Million Soldaten nahmen an dem Kampf teil, der später »Völkerschlacht bei Leipzig« heißen sollte. Bis zum ­Beginn des Ersten Weltkrieges blieb sie die gewaltigste militärische Auseinandersetzung der europäischen Geschichte.

Für die Deutschen hat die Schlacht zwischen dem 16. und 19. Oktober 1813 eine besondere Bedeutung. In den Jahren der französischen Fremdherrschaft war zuvor etwas erwacht, das es vorher so nicht gegeben hatte: das deutsche Nationalbewusstsein. Dass alle Deutschen in einem Staat zusammenleben sollten, war ein Gedanke, den bis dahin noch niemand gedacht hatte. Die Leipziger Völkerschlacht wurde im Nachhinein zum Symbol für den gemeinsamen Freiheitskampf gegen Napoleon gemacht, zu einem der Grundsteine des jungen deutschen Nationalgefühls. Die Kriegsherren der Schlacht selbst waren jedoch von solchen Ideen weit entfernt.

Umstrittene Erinnerung an das martialische Blutvergießen: Ein sogenannter Gefechtsdarsteller posiert vor dem ­renovierten Völkerschlachtdenkmal. Foto: Steschum – Fotolia.com

Umstrittene Erinnerung an das martialische Blutvergießen: Ein sogenannter Gefechtsdarsteller posiert vor dem ­renovierten Völkerschlachtdenkmal. Foto: Steschum – Fotolia.com

Nach der katastrophalen Niederlage Napoleons im Russlandfeldzug 1812 hatte das Bündnissystem, mit dem der Korse die politische Landkarte Europas neu geordnet hatte, erste Risse bekommen. Preußen und Österreich waren – halb freiwillig, halb gezwungen – Verbündete Napoleons gewesen. Nun aber schlossen sie mit Russland einen Waffenstillstand, Preußen erklärte Frankreich nur wenig später sogar den Krieg. König Friedrich Wilhelm III. rief sein Volk zum Widerstand gegen die französischen Besatzer auf.

Noch allerdings hielt die Mehrzahl der kleinen Rheinbund-Staaten zum Kaiser der Franzosen, insbesondere Bayern und Sachsen. Napoleon hatte damit auch nach dem Untergang der »Grande Armée« in Russland noch genug Soldaten – denn die Rheinbund-Staaten mussten Truppenkontingente stellen.

Im August gab dann auch die Großmacht Österreich ihre Neutralität auf und trat in den Krieg gegen Napoleon ein. Zuvor waren schon Schweden, Spanien und Portugal übergelaufen. Frankreich war damit weitgehend ­isoliert. Aber immer noch stand ­Na­poleons gewaltige Armee in Sachsen. Bei Leipzig trafen sie und die Verbände der Verbündeten aufeinander.

Am 16. Oktober, als die Schlacht begann, waren beide Seiten noch etwa gleich stark. Die Armee der Verbündeten gegen Napoleon war aber sehr ­zersplittert. Der Kaiser der Franzosen ging forsch gegen seine Gegner vor. Es sah zunächst recht gut aus für den Korsen. In Leipzig ließ er schon die Siegesglocken läuten. Während der Nacht aber strömten lange Reihen von Soldaten als Verstärkung zu den Linien der Preußen, Österreicher, Russen und Schweden. Am Morgen des 17. Oktober war ihre vereinigte Armee doppelt so stark wie die Kräfte Napoleons, der keine Verstärkung bekommen konnte. Für den Kaiser der Franzosen kam es sogar noch schlimmer: Tausende seiner eigenen Leute gingen von den Fahnen und liefen zum Gegner über. Vor allem Truppen der Rheinbund-Staaten wechselten die Seiten.

Die Lage wurde aussichtslos für Napoleon. Am Abend des 18. Oktober befahl er den Rückzug. Der wurde noch einmal sehr blutig: Der französische Kaiser schickte polnische und deutsche Rheinbund-Verbände, um seinen Abzug zu decken. Nachdem eine wichtige Brücke über die Elster gesprengt worden war, war diesen Soldaten der Rückweg abgeschnitten.

Schnell nahm die Erinnerung an die Völkerschlacht eine bedeutende Stellung in der deutschen Geschichte ein: Bei den Festen der jungen deutschen Nationalismus- und Liberalismus-Bewegung auf der Wartburg und am Hambacher Schloss 1832 spielte sie eine zentrale Rolle. Das Gedenken an die Schlacht gab ihnen und damit auch allen Deutschen eine gemeinsame Identität – nicht jedoch die Schlacht selbst. Dieser Mythos ist falsch.

Später kippte das Andenken ins Völkisch-Nationalistische, jeder nutzte es für seine politischen Zwecke. Genau 100 Jahre nach der Schlacht ließ Kaiser Wilhelm II. am 18. Oktober 1913 bei Leipzig ein Denkmal einweihen – als Symbol des angeblichen Kampfes aller Deutschen gegen den französischen »Erbfeind«. Dass rund um Leipzig vor allem Deutsche gegen Deutsche gekämpft hatten, fiel dabei unter den Tisch.

Die siegreichen Fürsten und Könige hatten nach 1813 alles andere im Sinn als eine deutsche Einheit. Nachdem sie Napoleon endgültig besiegt hatten, teilten sie die deutschen Länder wieder wie gehabt unter sich auf – ohne Einheit, ohne Freiheit, ohne Bürgerrechte.

Nils Sandrisser (epd)

Das Leipziger Gemetzel und sein umstrittenes Gedenken


Die Völkerschlacht bei Leipzig dauerte vom 16. bis zum 19. Oktober 1813. Zwischen 60000 und 100000 Menschen starben. Bei den riesigen Abmessungen des Schlachtfelds und der enormen Zahl der Toten war es unmöglich, sie alle genau zu zählen. Nach der Schlacht ging das Sterben weiter: Allein die Franzosen hatten rund 23000 Verletzte in den Leipziger Lazaretten zurückgelassen, von denen viele in den Tagen danach starben. Die hygienischen Verhältnisse waren unvorstellbar schlecht, eine Typhus-Epidemie raffte nicht nur die geschwächten Verletzten dahin, sondern auch viele Leipziger Zivilisten.

Die Stadt erinnert vom 16. bis 20. Oktober mit einem ­Friedensgebet, Diskussionen und einem Festakt an das ­Ereignis. Hinzu kommen die Darbietungen von rund 6000 »Freizeitsoldaten«, sogenannten Gefechtsdarstellern, die Teile des Gemetzels rund um Leipzig nachspielen. Ein von ihnen ursprünglich geplanter »Feldgottesdienst« wurde ­allerdings – obwohl historisch durchaus »korrekt« – ­ab­gesagt, weil sich kein Leipziger Pfarrer dafür hergeben wollte. »Ich finde diese Gefechtsdarstellungen unmöglich, man kann Krieg nicht spielen«, sagte Leipzigs Superintendent Martin Henker im Vorfeld.
(GKZ/epd)

Flöte spielender Kriegsherr

21. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Jubiläum: Vor 300 Jahren wurde Friedrich der Große, der König von Preußen geboren, er gilt als Repräsentant des aufgeklärten Absolutismus

Berlin und Brandenburg ­feiern 2012 den 300. Geburtstag Friedrich des Großen.
Der preußische König ging als Inbegriff eines aufgeklärten Monarchen in die Geschichte ein. Doch der ­Herrscher­alltag sah anders aus.

Seine Taufe war die letzte, die im Berliner Stadtschloss mit barockem Pomp gefeiert wurde. Als Friedrich II. vor 300 Jahren am 24. Januar 1712 geboren wurde, da wollte sich sein Großvater und erster preußischer König eine solche »Solennität« (Feierlichkeit) noch nicht nehmen lassen. Der Täufling wurde bei dem Zeremoniell nicht nur mit dem Segen Gottes versehen, sondern gleich auch mit dem Orden vom Schwarzen Adler dekoriert, dem höchsten preußischen Orden.

Mit Thomas Mann, Adolf Hitler und Erich Honecker könnte die Schar seiner späteren Verehrer unterschiedlicher nicht sein, von den Preußen-Enthusiasten heutiger Tage ganz zu schweigen. Hingegen verbannte Helmut Schmidt eine Friedrich-Büste aus seinem Büro, als er 1969 Verteidigungsminister wurde. Mit dem »Alexander dem Großen im Taschenformat« wollte der Sozialdemokrat nichts zu tun haben.

Schon Zeitgenosse Friedrich Schiller mochte »diesen Charakter nicht lieb gewinnen«. Nicht erst mit einem Zeitabstand von zwei Jahrhunderten konnten die Widersprüche zwischen Schein und Sein, zwischen politischem Anspruch und Wirklichkeit ins Auge stechen. Kein anderer Monarch hatte sich bis dato so zu den Ideen der Aufklärung bekannt, sich gar als Flöte spielender »Philosoph auf dem Thron« verstanden und Freundschaften zu Intellektuellen geknüpft – wie Friedrich zu Voltaire.

1781, acht Jahre vor der Französischen Revolution, schreibt der damals schon mehr als vier Jahrzehnte regierende preußische König, »dass alle Monarchien durch den Reichtum verderbt worden sind«. Die Gesetze seien dazu da, »die Schwachen vor der Bedrückung durch die Starken zu schützen«. Schon zuvor hatte Friedrich erklärt, der Fürst sei »nur der erste Diener des Staates«.

Bereits vier Tage nach seiner Thronbesteigung hatte er die Folter abgeschafft, nur nicht für Hochverrat. Weitere zwei Tage später hob Friedrich auch die Zensur auf. Ein halbes Jahr danach, als er ohne Kriegserklärung Schlesien überfiel, führte er sie jedoch wieder ein.
Durch die Annexion soll sein Land zur Großmacht aufsteigen, was Friedrich auf friedlichem Wege nicht erreichen kann. Das Preußen des Jahres 1740 ist dafür zu schwach, ein rückständiger Flickenteppich.

Im Keller des Berliner Schlosses liegt allerdings ein Staatsschatz von acht Millionen Goldtalern, und die Armee ist von seinem Vater Friedrich Wilhelm I. gut ausgebildet. In jungen Jahren hatte der »Soldatenkönig« selbst den Kronprinz zum Spiel mit Zinnsoldaten und Pistolen gezwungen. Wenn sich Friedrich beim Abfeuern von Kanonen als »hasenfüßiges Kind« zeigte, verachtete der Vater ihn. Dieser Drill führte dann auch zur ­Auflehnung gegen den Vater und zu der Tragödie um die Fluchtpläne mit Freund Hans Hermann von Katte, für die dieser hingerichtet wurde.

Im fünfjährigen Schlesien-Krieg zeigt der neue König dann keine Abneigung mehr gegenüber dem Militär. Beim Triumphzug durch Berlin rufen ihn Claqueure zu »Friedrich dem Großen« aus. Es folgen Reformen nach innen. Der König kümmert sich persönlich um die Bauern, macht den Oderbruch urbar. Es entsteht der Mythos vom fürsorglichen Landesherren. Die Leibeigenschaft schafft Friedrich aber nicht ab. Knechte wie auch Juden dürfen nicht »nach ihrer Façon« leben.

Nach den jüngst veröffentlichten »Schatullrechnungen« war es auch mit einer angeblichen Sparsamkeit nicht so weit her. Seine berühmten Windspiel-Hunde, neben denen er unbedingt begraben werden wollte, waren ihm pro Jahr 20 Taler wert – es war das Jahresgehalt seiner Klofrau. Und um auch im Januar sein Lieblingsobst verspeisen zu können, gab er für Kirschen 396 Taler aus.

Es sind nicht die einzigen Kosten, die dem Staat entstehen. Friedrichs »Siebenjähriger Krieg« (1756–1763) gegen Österreich, Russland und Frankreich wird nicht nur zum finanziellen Desaster.

Ganze Landstriche werden verwüstet, mit einer Million Toten verliert das Land proportional mehr Einwohner als Deutschland im Zweiten Weltkrieg. Nur der frühe Tod der russischen Zarin rettet Friedrich. Um die zerrütteten Staatsfinanzen in Ordnung zu bringen, reduziert er sogar heimlich den Edelmetallanteil. Der Monarch wird zum Falschmünzer.

Der Krieg bringt Friedrich an den Rand der Selbsttötung. Fast hätte er zu den 18 giftigen Opiumpillen gegriffen, die er ständig um den Hals trägt. Doch der Tod ereilt ihn erst mehr als zwei Jahrzehnte später. Friedrich, schwerkrank und unter wachsender Atemnot leidend, stirbt in einer Augustnacht 1786 in einem Sessel des von ihm erbauten Lieblingsschlosses Sanssouci in Potsdam. Seine Gemahlin, mit der er keine Kinder hatte und die er auch schon mal als »Kuh« angesprochen haben soll, hatte er ein halbes Jahr zuvor das letzte Mal gesehen.

Nicht nur in ihren Augen dürfte Friedrich »das alte Ekel« gewesen sein. Die Trauer nach seinem Tod hielt sich offenbar in engen Grenzen: »Alle Welt beglückwünschte sich«, ­notierte einer seiner letzten Besucher, der französische Marquis de Mirabeau. »Kein Bedauern wird laut.«

Jürgen Heilig, (epd)