»Jesus, der Hirsebrei des Lebens«

16. Februar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

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Interview: Wie die Bibel in fremde Sprachen übertragen wird

Die christliche Organisation Wycliff setzt sich dafür ein, dass Menschen, deren Sprache noch nicht verschriftlicht ist, die Bibel kennenlernen. Silke Sauer, Pressereferentin bei Wycliff, war 13 Jahre im Tschad. Über ihre Erfahrungen, die Bibel in fremde Sprachen zu übersetzen, sprach mit ihr Sabine Kuschel.

Frau Sauer, seit dem gescheiterten Turmbau zu Babel gibt es keine einheitliche Sprache mehr. Wer Menschen in fremden Ländern Gottes Wort sagen will, muss es in der entsprechenden Sprache tun. Wie geht das in Regionen, in denen es keine Schriftsprache gibt?

Silke Sauer. Foto: privat

Silke Sauer. Foto: privat

Sauer: Wir arbeiten eng mit einheimischen Mitarbeitern zusammen, bilden sie zu Übersetzern aus und übersetzen dann gemeinsam mit ihnen. Die einheimischen Mitarbeiter bringen die Sprachkenntnis und die Kenntnis ihrer Kultur ein. Sie können beurteilen, wie die Bibelverse von ihren Landsleuten verstanden, vielleicht auch missverstanden werden. Wir bringen unser Wissen über Übersetzungswissenschaft, über Theologie, auch die Kenntnis der Ursprachen Griechisch und Hebräisch ein.

Oft stehen wir vor Herausforderungen, weil viele biblische Begriffe in bestimmten Regionen unbekannt sind.

Zum Beispiel?
Sauer:
Brot – ein zentraler Begriff in der Bibel. In manchen Gegenden essen die Menschen nicht täglich Brot. Die reichen Leute essen es manchmal in der Stadt. Wenn Brot ein Luxusartikel ist, wird die Aussage Jesu »Ich bin das Brot der Welt« von vornherein falsch verstanden.

Wie übersetzen Sie stattdessen?
Sauer:
Wir würden wahrscheinlich das Wort Brot durch das dortige Grundnahrungsmittel ersetzen, das ist Hirse. Also in dem Fall würde Jesus sagen: Ich bin der Hirsebrei des Lebens. Das entspricht der Grundaussage des biblischen Textes. Allerdings, wenn Jesus beim Abendmahl das Brot bricht, kann ich nicht sagen, Jesus hat den Hirsebrei auseinandergenommen. Bei diesem historischen Ereignis muss ich natürlich Brot schreiben. Bei Alltagsbegriffen, die in anderen Kulturen unbekannt sind, muss man überlegen, wie man sie übersetzt. Ein anderes noch schwierigeres Problem sind abstrakte Begriffe wie Barmherzigkeit, Opfer, für die es keine Begriffe gibt. Oder wenn es einen Begriff gibt, muss man schauen, wie er gefüllt ist. Was verstehen die Leute unter Barmherzigkeit, unter Liebe oder Gnade? Ist es das, was auch die Bibel darunter versteht? Manche dieser Worte werden nicht mit einem einzelnen Wort ausgedrückt, sondern mit einem ganzen Satz. Die einheimischen Übersetzer müssen überlegen, welche Situationen gibt es in unserem Alltag beispielsweise für Hoffnung, und wie sagen wir das. Denn ganz selten haben sie für bestimmte Begriffe eine Übersetzung parat. Das ist mühsam, bevor sie dafür Sätze, bildliche Umschreibungen gefunden haben. Sie müssen erst einmal dahinterkommen, wonach sie suchen müssen.

Wie kommt die Bibel in den Ländern, in denen Wycliff aktiv ist, an?
Sauer:
Bei den San Gula, wo wir gearbeitet haben, waren die Menschen nominell Muslime. Es waren keine streng gläubigen Muslime, aber manche biblischen Geschichten oder Personen kannten sie aus dem Koran, wie zum Beispiel den Josef, den David und den Abraham. Sie fanden es spannend, die biblischen Geschichten zu hören, weil diese im Koran nicht wirklich erzählt, sondern nur erwähnt werden.

Parallel zur Bibelübersetzung haben wir biblische Geschichtenerzähler ausgebildet und mit ihnen sehr gute Erfahrungen gemacht. Geschichten erzählen gehört zu deren Kultur. Zunächst haben wir Einheimischen verschiedener Sprachgruppen ausgewählte biblische Geschichten erzählt. Sie haben diese dann mündlich in ihre eigenen Sprachen übersetzt, auswendig gelernt und in ihren Dörfern wieder erzählt. Das war der absolute Renner. Dabei haben die Übersetzer zum ersten Mal erlebt, dass Menschen zum Glauben gekommen sind. Weil sie diesen erzählten Geschichten mehr Glauben geschenkt haben als den geschriebenen Texten. Bis dahin, dass Muslime zu uns gekommen sind und gesagt haben, sie wollten auch biblische Geschichtenerzähler werden.

Wycliff
Die christliche Organisation Wycliff ist international tätig. Sie setzt sich dafür ein, dass Menschen aus unbeachteten Volksgruppen eine geeignete Schrift für ihre Sprache entwickeln können, eine theologisch und sprachwissenschaftlich fundierte Bibelübersetzung bekommen und Schulunterricht in der Mutter-sprache erteilt wird. Viele der 150 Mitarbeiter sind in afrikanischen Ländern, vor allem im Tschad, in Tansania und Äthiopien, tätig. Daneben arbeitet die Organisation auch in Asien und im pazifischen Raum. Nach eigenen Angaben gibt es noch 1 778 Sprachen, in die die Bibel noch nicht übersetzt ist. Die Organisation ist auch in Ländern aktiv, in denen die Religionsfreiheit eingeschränkt ist.