Die neue Lust am Predigen

9. Juli 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Predigtkultur: Zur »Runderneuerung« nach Wittenberg – wie sich ein gestandener Pfarrer neue Anregungen für seine Kanzelreden holt.

Das Zentrum für evangelische Predigtkultur in ­Wittenberg beschäftigt sich nicht nur theoretisch mit der Predigt. Es bietet auch Einzelcoachings für Pfarrer an.

Frohe Heiterkeit statt Anspannung: Kommunikationstrainer Felix Ritter (l.) legt sich voll ins Zeug, um Pfarrer Uwe Vetters Ausstrahlung beim Predigen zu verbessern. Foto: Maxie Thielemann

Frohe Heiterkeit statt Anspannung: Kommunikationstrainer Felix Ritter (l.) legt sich voll ins Zeug, um Pfarrer Uwe Vetters Ausstrahlung beim Predigen zu verbessern. Foto: Maxie Thielemann

Große Gesten sind nicht Uwe Vetters Art. Lieber stellt sich der Pfarrer hinter als vor das Rednerpult. Kerzengerade, mit geschlossenen Füßen und skeptischem Blick steht er, liest seine Predigt. Die ist schön formuliert, mit Humor geschrieben, nah am Leben orientiert. Und doch will der Funke nicht auf den Zuhörer überspringen. Uwe Vetter empfindet das so: »Wir Pfarrer sind Aushängeschilder und wenn man sich da ein gewisses Schamgefühl bewahrt, dann muss man in die Fortbildung.« Mit ernster Miene setzt er nach: »Es gibt keine Alternative.«

Uwe Vetter ist extra aus Düsseldorf nach Wittenberg gereist, ins Zentrum für Evangelische Predigtkultur. Das Rednerpult steht dort im dritten Stock des alten Rathauses im Büro von ­Alexander Deeg. Deeg ist Leiter des im vergangenen Jahr eröffneten Predigtzentrums der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Das Angebot des eintägigen ­Predigtcoachings »Cura homiletica« ist ganz neu. Uwe Vetter ist einer der ersten Teilnehmer.

Seit sieben Jahren predigt Vetter in der Düsseldorfer Citykirche. Der 53-Jährige hat ein anspruchsvolles Publikum, denn in die Kirche mitten in der Düsseldorfer Innenstadt kommen vor allem Menschen, die mit Religion eher wenig zu tun haben. Von einer guten Predigt ließen sie sich überzeugen, meint Uwe Vetter. Seine Schlussfolgerung: Wenn er seine Gottesdienstgemeinde vergrößern will, müssen seine geistlichen Reden besser werden.

»Noch viel besser kann man sie fast gar nicht machen«, findet Alexander Deeg, der als Vorbereitung auf das Coaching zwei Predigten von Vetter gelesen hat. Er ist begeistert von dem Schreibstil, von der Dramaturgie und dem feinen Witz und lässt sich erklären, wie Vetter beim Schreiben vorgeht. Gemeinsam sitzen sie mit Deegs Kollegen, dem Dramaturg Dietrich Sagert, bei Kaffee und Kuchen. Der Zeitplan ist großzügig. Das Coaching – der Begriff kommt ursprünglich aus dem Sport und bedeutet so viel wie trainieren, betreuen – ist vielmehr gegen­seitiger Austausch und Erkenntnisgewinn als einseitige Lehre. Man wolle selber dazulernen, betont Alexander Deeg und »bloß keine Routine«.

Denn schließlich soll das Predigen Spaß machen. Deeg nennt es »die Lust am Predigen steigern«. Und das sei gar nicht immer so einfach, »denn bei vielen Pfarrerinnen und Pfarrern ist angesichts der großen Belastung im Pfarramt die Lust gar nicht immer so riesengroß.« Das weiß der studierte Theologe aus eigener Kanzel-Erfahrung. Dennoch glaubt er, dass die evangelische Predigt eine gigantische Chance sei: »Wir wissen aus Befragungen von Kirchenmitgliedern der EKD, wie hoch geschätzt die evangelische Predigt immer noch wird, vor allem in Ostdeutschland.« Nur dürfe man so ein Predigttraining niemandem aufzwängen. Es richtet sich daher vor allem an besonders ­ herausgeforderte Prediger. Das kann beispielsweise der Bischof sein oder ein Pfarrer, der acht Dorfkirchen gleichzeitig zu betreuen hat.

Uwe Vetter hat sich angesprochen gefühlt, weil er seit Jahren an seinen Predigten arbeitet. Schon seine erste Gemeinde nahe Wuppertal legte großen Wert auf die Predigtexte. Danach lebte er für sechs Jahre in London, ­betreute die dortige Deutsche Gemeinde. »Da stand ich in Konkurrenz zu ­meinen anglikanischen Kollegen«, ­erinnert sich Vetter schmunzelnd. »Sie haben eine andere Redekultur, die sehr pointiert ist und unterhaltsam. Von denen hab ich mir etwas abgeguckt.«

Abgucken ja, verstellen lieber nicht, meint Dietrich Sagert, der beim Predigtzentrum für Redekunst und Rhetorik zuständig ist und jahrelang als Regisseur gearbeitet hat. Mit Schauspieltraining sei das Predigtcoaching nicht zu vergleichen: »Es muss schon eine Verbindung zur Person geben, die mit dem, was man den persönlichen Glauben nennen kann, etwas zu tun haben muss. Und das macht es handwerklich so schwierig.« Sagerts Part an diesem Tag ist das ­Dazwischenreden. Er lässt Vetter seine Predigt vortragen, und feuert ihn dabei regelrecht an, animiert ihn zu mehr Blickkontakt, zu Pausen, insgesamt zu mehr Lebendigkeit.

Uwe Vetter lässt sich bereitwillig darauf ein. Das sei wichtig, denn »ich möchte ja glauben, was der Mensch auf der Kanzel sagt«, findet Kommunikationstrainer Felix Ritter, der unter anderen für die ZDF Fernsehgottesdienste arbeitet und mit Uwe Vetters ernster Ausstrahlung spielt. So lässt er ihn zum Beispiel eine Bibelgeschichte so erzählen, als wäre er als Reporter selbst dabei. Der Pfarrer legt seinen ernsten Gesichtsausdruck ab, spielt mit.

Viele Anregungen steckt Pfarrer Uwe Vetter nach diesem Tag in seinen Rollkoffer. Die anfängliche Anspannung scheint einer frohen Heiterkeit gewichen zu sein. Er habe sich gewünscht, Schwächen zu erkennen und Stärken auszubauen, erzählt er beim Hinausgehen. »Und beides ist heute wirklich sehr gut gelungen. Ich habe jedenfalls ein sehr gutes Gefühl. Das sollte es eigentlich für jeden ­geben. Schade, dass sich so wenige trauen.«

Maxie Thielemann

Wie Gottes Wort von der Kanzel hörbar werden kann

18. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Die protestantische Predigtkultur – Ein Beitrag von Friedrich Schorlemmer

Foto: T. Rolf, sxc.hu

Foto: T. Rolf, sxc.hu

Bei uns Protestanten kommt alles aufs Wort an. Auf das zutreffende und treffende, das tröstende und mahnende, das befreiende und verpflichtende. Das Wort, das von Herzen kommt und das im Herzen ankommt, freilich auch der Kopf nicht entbehrlich wird. (»Verkopft« lautet oft der Vorwurf.) Wir sind in einer Zeit der Bilderdominanz schlecht dran, vor allem dann, wenn wir das Wort nicht wirksam zu handhaben wissen, wenn das Wort uns nicht so ergreift, dass auch andere ergriffen werden.

Es gibt eine große protestantische Predigtkultur von Luther über Löscher bis zu Schleiermacher und Bonhoeffer. Ich selber habe Menschen erleben können, große Prediger aus unserer Region, an die ich mich so dankbar ­erinnere. An Dietrich Mendt und ­Ludwig Große, an Christof Ziemer und das Ehepaar Gabriele und Andreas Herbst, an Klaus-Peter Hertzsch und Heino Falcke, an Werner Krusche und Johannes Jänicke. Die haben mich mit ihrer besonderen Begabung nie kleingemacht, sondern mir Mut gemacht. Sie konnten und können nicht nur reden, sondern hatten etwas zu sagen, das ganz aus ihnen kam und ansprechend zu uns Hörern »rüberkam«.

Vor allem anderen steht die Frage, wie SEIN Wort in meinen Worten von der Kanzel herab hörbar wird. Wie bekommt das Göttliche im Menschlichen Stimme? Es war der Germanist Walther Jens, der die Predigt als Rede(kunst) wiederzuentdecken empfahl. Das WAS bestimmt das WIE, der Inhalt die Sprachform, der Anlass die Sprechweise. (Um es nett zu sagen: Unsere Predigtkultur ist in einem durchaus verbesserungsfähigen Zustand.)

Das Wichtigste bleibt die Frage, was den Prediger/die Predigerin treibt: als wache Zeitgenossen, als einfühlsame Seelsorger, als denkende Subjekte mit tiefem Respekt vor dem Bibelwort – die Kunst des Verstehens und des Verständlichmachens so gut es eben geht zu beherrschen. Wie bringen sie den Text des ­Lebens mit dem auszulegenden Abschnitt aus der Schrift zusammen? Der Prediger braucht nicht mehr und nicht weniger als ein gutes Gefühl für die Sprache, die Fähigkeit zum Sprechen und die Erkenntnis dessen, was jetzt zur Sprache kommen soll. Alle die, die zu einem Gottesdienst bei uns Evangelischen kommen, erwarten besonders etwas von der ­Predigt und beurteilen den ganzen Gottesdienst von der Predigt her. Das ist geradezu misslich. Gehören dazu nicht die Lieder, die Psalmen, die ­Gebete, die Lesungen, der Raum, das Licht, das Kirchenjahr und die Mithörenden, die ganze Atmosphäre?

Unser Dilemma kommt aus einer gewichtigen theologischen Entscheidung Martin Luthers bei der Übersetzung des Römerbriefes, wo er übersetzt: »Der Glaube kommt aus der Predigt.« (Römer 10,17) Dort heißt es eigentlich: Der Glaube kommt aus dem Hören. Luther hat nicht falsch übersetzt, aber damit Glaubensvermittlung zu sehr an unser (Kanzel-) Predigen gebunden, wiewohl jeder Hausvater es auch tun soll.

Inzwischen hat das Predigen im allgemeinen Sprachgebrauch eher einen pejorativen Klang. Wenn es da heißt, dass ein Schriftsteller oder gar ein ­Kabarettist predigen würde, so meint man, dass sie etwas ernst und gut gemeint hätten, aber das gut Gemeinte würde das Peinliche.

Unsere bestallten Prediger sollten mehr lernen von den großen Rednern und wissen, dass die Predigt eine Rede ist. Sie hat einen Unterhaltungswert, der nicht zu gering zu schätzen ist, sofern das nicht flapsig wird. Es muss in jeder Weise ein Vergnügen sein zuzuhören. Was da gesagt wird, mag nahegehen und angehen. Und es ist nicht schlecht, wenn man es »schön gesagt hat«. Zur Fortentwicklung der Predigtkultur in jeder Zeit gehört, dass Predigende ­täglich ein gutes Stück Literatur zu sich nehmen und dass sie die Heilige Schrift auch als Literatur zu würdigen verstehen.

Der aus der Antike stammende Gleichklang von docere, movere und delectare ist schon ein guter Kompass für die Predigtvariationen. Man kann sich das auch so übersetzen: Orientieren, Anrühren und Aufmuntern. Dem Wort in der Geräuschwelt und im Talk-Geschwätz etwas zutrauen, dem Wort nachhören, ehe man es ­selber zur Sprache bringt. Bloße Predigttechnik jedenfalls reicht nicht nur nicht aus, sondern wäre das Falscheste, was wir machen könnten; doch was man machen und lernen kann, soll man wohl auch ­machen und lehren.

Ansonsten muss man es kommen lassen: natürlich, authentisch, selber errungen – um dann genau das zu ­sagen, was einen wirklich drängt. Wes das Herz nicht übergeht, der soll auch nicht reden. Es gilt zuförderst zuhören zu lernen, den Text zu lesen und noch einmal zu lesen und noch einmal zu ­lesen. Laut. Die Poesie der Schrift zu entdecken und sie hörbar zu machen. Das Reden als einen ganzheitlichen Vorgang verstehen. Predigen ist der stetige Versuch, ein Schriftwort zu erklären, Dunkles und Verworrenes zu klären, aber auch zu überzeugen. Und das Gesagte ins Gespräch zu bringen – mit mündigen Mitchristen, mit allen existenziell Fragenden, mit Suchenden und (Ver-) Zweifelnden.

Luther hat 1530 in seiner Vorrede zu den Seligpreisungen so wunderbar gesagt, was zu einem Prediger gehört: Auftreten. Mund auftun. Etwas sagen. Rechtzeitig aufhören. Und fügte hinzu: frisch und getrost. Nichts verschweigen oder nur murmeln. Alles unerschrocken und klar heraussagen, es treffe, wen oder was es wolle. Ordentlich zurechtgemacht sein, schade auch nicht.

P. S.: Warum kommen nicht alle Pfarrer regelmäßig zu einer Predigt-Weiterbildung zusammen? Eine Art Balint-Gruppe für Prediger!
Aber, Ihr Prediger und Predigerinnen, vergesst nicht: ohne die Musik wird alles nichts, denn sie geht ins Herz. Das am Freitag in Lutherstadt Wittenberg eröffnete »Zentrum für evangelische Predigtkultur« der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) wird viel zu tun haben. Das mag (un)merklich allen zugute kommen.

Friedrich Schorlemmer