Geschenke der Nacht
10. November 2011 von Gemeinsame Redaktion
Abgelegt unter Glaube und Alltag
Träume: Sie bieten die Möglichkeit für seelische Reifungsprozesse und spirituelles Wachstum

Jeder Mensch träumt in der Nacht. Wer sechs bis acht Stunden schläft erzielt die meisten Traumerinnerungen. Foto: ddp images.
Träume sind Schäume! Von wegen. Schon die Bibel misst den Träumen große Bedeutung bei. Sie dienen der seelischen Gesundheit und sind ein Übungsfeld für religiöse Erfahrung.
Über 120 Mal ist in der Bibel vom Träumen die Rede. Immer wird Großes dabei verhandelt, es geht um persönliche Gefährdung und Bewahrung, um Machterhalt und Herrschaftskritik, um intuitive Erkenntnisse und göttliche Führung. Die Bibel weist also sehr deutlich auf Träume als Übungsfeld für religiöse Erfahrung hin. Die Vielzahl biblischer Träume verrät große Wertschätzung für das Reich der Seele und differenzierte Kenntnisse.
Die Sprache der Träume wird als Zuspruch, Weisung oder Offenbarung Gottes verstanden. Josefs Traum von der Himmelsleiter illustriert die Erkenntnis einer beständigen Verbindung zwischen Immanenz und Transzendenz, Himmel und Erde. Träume markieren kritische Wendepunkte im Leben, die neben einem klaren Kopf auch Intuition erfordern. Matthäus plädiert für Träume als Sprache der Intuition, durch die man wie Josef, Marias Mann, sicherer durch reale Gefahren navigiert.
Die erste evangelische Traumsystematik stammt von Philipp Melanchthon (1497–1560). Der Weggefährte Luthers schrieb nicht nur seine eigenen Träume auf, er deutete auch die Träume von Luther und seiner Frau Käthe. Der Gelehrte unterschied vier Arten von Träumen: Zunächst gibt es Träume, die Eindrücke des Tages verarbeiten und um aktuelle Probleme kreisen.
Zur zweiten Gruppe zählte er die weissagenden Träume der Warnungen, Vorausahnungen oder Prophezeiungen. Die dritte Gruppe bilden die geistigen, »von Gott gesandten« Träume. Dazu gehören alle klaren, eindrücklichen Träume, die Sinn, Ermutigung, Wegweisung oder auch Ermahnung und Kurskorrektur vermitteln. Zur letzten, »verwirrenden« Traumsorte rechnet er Träume, die ängstigen, lähmen und als verdreht und belastend erlebt werden.
Heute wissen wir, dass jeder Mensch in der Nacht vier- bis sechsmal träumt und der Traum für psychische Gesundheit sorgt. Träume sind besondere Bewusstseinszustände, messbar an den Rapid-Eye-Movements (REM), den schnellen Augenbewegungen im Schlaf. Unter der Schicht unseres Wachbewusstseins liegen unbewusste Wünsche, Fragen und Einstellungen, die der Traum symbolhaft zur Sprache bringt.
Träume werden heute als Möglichkeitsraum für innerpsychische Reifungsprozesse und spirituelles Wachstum verstanden. Sie sind ernst zu nehmende Angebote der Seele an das Bewusstsein, die transzendente Tiefe des Daseins auszuloten.
Wie können wir mit unseren Träumen umgehen? Hier einige Ratschläge dazu:
- Genügend Schlaf suchen. Mit sechs bis acht Stunden ungestörtem Schlaf erzielt man die meisten Traumerinnerungen. Die Träume gegen Morgen sind am ergiebigsten.
- Signalisieren Sie Ihrem Unterbewusstsein vor dem Einschlafen, dass Sie sich für seine Traumbotschaften öffnen: »Ich werde mich morgen an meinen Traum erinnern.« Legen Sie ein Traumtagebuch oder ein Handy mit Diktierfunktion neben das Bett.
- Lassen Sie beim Erwachen die Augen noch einen Moment zu und rollen sie vom letzten Bild her den Traum rückwärts auf. Damit ziehen Sie ihn ins Tagesbewusstsein herüber. Halten Sie den Traumverlauf wenigstens in Stichworten noch vor dem Aufstehen mit Datum fest.
- Verknüpfen Sie die Traumbilder mit Ihrer derzeitigen Lebenssituation: Welche Erinnerungen, Konflikte, Ängste, Hoffnungen und Gedanken fallen Ihnen zu den Traumelementen ein? Was ist das Thema des Traums? Der Schlüssel zur Deutung sind immer die Gefühle, die der Traum weckt. Sind die Traumgestalten Ausdruck realer Personen oder spiegeln sie Aspekte Ihrer selbst? Gibt es unangenehme Wahrheiten, die Sie anschauen sollten? Oder eine kreative Lösung für ein aktuelles Problem, Hinweise für eine sinnvolle Verhaltensänderung?
- Geistliche Dimension erkunden. Spiegeln sich aktuelle oder frühere Glaubenserfahrungen und Gottesbilder wider? Ist der Traum tröstlich, heilsam, versöhnlich, beglückend? Weckt er Ehrfurcht, Staunen, erschüttert er Sie stark? Ziel jeder geistlichen Traumarbeit ist innere Wandlung, Transformation. Wie könnte gerade dieser Traum Ihre geistliche Entwicklung befördern? Betrachten Sie den Traum durch die »trinitarische Brille« der Liebe, Weisheit und Barmherzigkeit Gottes. Führt dieser Traum Sie hin zu mehr Möglichkeiten des Guten? Öffnet er Ihnen die Augen für mehr Wahres? Oder erfüllt er Ihr Herz mit mehr Schönem?
- Sich begleiten lassen. Betrachten Sie Ihre Träume mit einem kundigen Seelsorger oder Therapeuten. So lassen sich ungelöste Konflikte, seelische Störungen und Entwicklungspotenziale erkennen. Gute Traumarbeit ist immer auch Arbeit am unbewussten Schatten und fördert die Ganzwerdung der Person.
- In Kirchengemeinden könnten sich kleine Traumgruppen ansiedeln. Christen hätten so einen geschützten Raum, um gemeinsam die spirituelle Dimension ihrer Träume auszuloten. Eine neue protestantische Traumkultur müsste bemüht sein, aufgeklärt-psychologische Traumdeutung mit der in der Bibel bezeugten Sinnvertiefung durch Hinwendung zu den innerseelischen Bildern zu verbinden. Wer einmal die Symbol-Sprache der Träume erlernt hat, kann auch die Zeugnisse christlicher Mystiker besser verstehen und seine Träume als Durchgangsfeld für tiefere Versenkungszustände wie der bilderlosen Kontemplation begreifen.
»Es ist dunkel, plötzlich öffnet sich die Zimmerdecke, und ein geflügeltes Wesen steigt mit Getöse herunter und erfüllt das Zimmer mit Bewegungen und Wolken. Ein Rauschen von schwingenden Flügeln. Ich denke: ein Engel. Ich kann die Augen nicht öffnen, es ist zu hell, zu leuchtend. Nachdem es das ganze Zimmer durchschritten hat, erhebt sich das Wesen und verschwindet durch die Spalte in der Decke. Es wird wieder dunkel. Ich erwache.«
Dieser Traum eines jungen Kunststudenten könnte unter unzähligen seiner später weltberühmten Bilder stehen: Der Träumer war Marc Chagall (1887–1985), dessen Lebenswerk wie eine einzige Einladung anmutet, die eigene Kreativität durch Traumbilder zu beleben und unseren Glauben damit zu intensivieren. Von Chagall kann man lernen, seine Träume der Welt zurückzuschenken als eine Erinnerung an den göttlichen Urgrund, aus dem sie Nacht für Nacht den Weg zu uns finden.
Marion Küstenmacher
Die Autorin ist evangelische Theologin. Gemeinsam mit ihrem Mann Werner Küstenmacher veröffentlichte sie eine Buchreihe »Simplify your life« (Vereinfache dein Leben).
Das Griechlein und der Wagenlenker
24. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion
Abgelegt unter Kultur
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Ausblick: Das kommende Jahr steht ganz im Zeichen Philipp Melanchthons
Zum 450. Mal jährt sich am 19. April der Todestag Philipp Melanchthons. Im Rahmen der Reformationsdekade bis 2017 steht deshalb der theologische Lehrer an der Seite Luthers im Mittelpunkt.
Ach, dahingegangen ist der Wagenlenker und Wagen Israels …« Mit diesem poetischen Bild kommentierte Melanchthon den Tod Luthers. Doch war Luther der Wagenlenker, der ideelle Kopf der Reformation, so war Melanchthon ihr theologischer Lehrer. Der eine verkündete das Evangelium von der Kanzel herab, der andere in der Universität. Der eine entwickelte revolutionäre Ideen, der andere formulierte sie als Wissenschaft und sicherte sie auf diplomatischer Ebene. Wird heute der Name des einen genannt, so gesellt sich der des anderen von selber dazu.
Dabei war der »Graeculus«, das Griechlein, wie ihn Luther liebevoll nannte, rein äußerlich zunächst eine Enttäuschung für die Wittenberger: schmächtig, etwa 1,50 Meter groß, wirkte er mit seinen 21 Jahren noch wie ein Knabe. Erst mit seiner akademischen Antrittsrede konnte der neue Professor für Griechisch alle überzeugen. Luther war begeistert: »Melanchthon hat eine so gelehrte und feine Rede gehalten und damit einen solchen Beifall und solche Bewunderung gefunden … Wir haben schnell die vorgefaßte Meinung aufgegeben und von seiner äußeren Erscheinung abgesehen.« Kurze Zeit später bekannte er: »Unser Philipp Melanchthon, ein wunderbarer Mensch, ja einer, an dem fast alles übermenschlich ist.«
Fruchtbare Zusammenarbeit trotz Unterschiedlichkeit
Die Begeisterung war beiderseits: »Ich würde lieber sterben als von diesem Manne getrennt werden«, schrieb Melanchthon, als Luther 1521 auf der Wartburg weilte. Für beide begann mit dem Jahr 1518 eine intensive, produktive und auch streitbare Zusammenarbeit, die erst mit Luthers Tod endete. Über Melanchthon erschloss sich Luther die griechische Sprache und die Philologie als Ganzes. Jener wiederum arbeitete sich in die Theologie und die Erkenntnisse Luthers so ein, dass der neidlos bekannte: Dieser kleine Grieche übertrifft mich auch in der Theologie.
Bei aller freundschaftlichen Kollegialität waren beide ganz unterschiedliche Charaktere. »Ich bin dazu geboren«, so Luther, »daß ich mit den Rotten und Teufeln muß kriegen und zu Felde liegen … Ich muß Klötze und Stämme ausrotten, Dornen und Hecken weghauen, die Pfützen ausfüllen und bin der grobe Waldrechter, der die Bahn brechen und zurichten muß. Aber Magister Philippus fähret säuberlich stille daher, bauet und pflanzet, säet und begießt mit Lust, nachdem Gott ihm hat gegeben seine Gaben reichlich.«
Völlig unterschiedlich ist auch ihre Einstellung gegenüber den Dingen des Lebens. Während Luther die kleinen und unwesentlichen Dinge bewegten und er bei den großen dachte »das ist dir zu hoch, du kannst es doch nicht halten, also laß es gehen«, war es bei Melanchthon umgekehrt: »Durch die Angelegenheiten seines eigenen Lebens … wird er nicht beunruhigt, dafür beunruhigen ihn jene gewaltigen Fragen des Staates und der Religion. Mich drücken immer nur meine kleinen Sorgen nieder: so verschieden sind unsere Anlagen« (Luther).
Melanchthon prägte das »sola scriptura«
Für ihre Zusammenarbeit war diese Verschiedenheit produktiv, glückliche Ergänzung und Bereicherung zugleich. Am deutlichsten wird das am Beispiel der Lutherischen Bibelübersetzung: Es war nämlich Melanchthon, der aus dem genauen Studium des biblischen Urtextes und der Beschäftigung mit den theologischen Gedanken Luthers heraus – und das zunächst weit klarer noch als Luther – die alleinige Verbindlichkeit der Bibel postulierte. Auf diese Weise erteilte er nicht nur manchem Lehrsatz der Kirche und der kirchlichen Tradition eine Absage, sondern er vermittelte Luther damit auch die entscheidende Anregung für die Übersetzung des Neuen Testaments ins Deutsche. Denn nur so war es jedermann möglich, die Schrift auch zu verstehen.
Zwar trug Luther den Löwenanteil der Übersetzung, doch standen ihm seine Kollegen stets zur Seite; allen voran Melanchthon mit seinen ausgezeichneten Sprachkenntnissen und seinem Spezialwissen. So gingen z. B. seine Kenntnisse in der Münzkunde, über die Geographie des Heiligen Landes und seine Übersetzung seltener Pflanzennamen in Luthers Text ein. Wenn auch die kraftvolle und bilderreiche Sprache des Bibeltextes zu Recht als Luthers Verdienst gilt, so kommt Melanchthon ein gewichtiger Anteil am richtigen sprachlichen Verständnis des griechischen Urtextes und an der sachlichen Genauigkeit der Übersetzung zu.
Was für die Übersetzung des NT gilt, trifft auch für die des AT zu. Es war vorrangig Luthers und Melanchthons Verdienst, dass im Herbst 1534 die erste deutschsprachige Wittenberger Gesamtausgabe erscheinen konnte, Zeugnis der produktiven Verbindung beider Reformatoren.
Von Silvia Weigelt

