Wo die Pflege etwas gilt

5. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Seit Jahren wird bei uns über die Probleme in der Pflege diskutiert. Andere Länder sind längst weiter, wovon sich Diakonie-Präsident Ulrich Lilie kürzlich bei der Diakonie in Norwegen überzeugen konnte.

Vergilbte Schwarz-Weiß-Fotos hängen im kleinen Sprechzimmer der Haraldsplass Diakonale Stiftelse (Diakoniestiftung Haraldsplatz) im norwegischen Bergen. Sie zeigen norwegische Diakonissen: Junge Frauen, die sich am Anfang des 20. Jahrhunderts, in der Zwischenkriegszeit und auch noch in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg für eine Ausbildung als Krankenschwester entschieden und sich in der Diakoniestiftung einsegnen ließen. Doch mit den Jahren nimmt die Zahl der jungen Frauen auf den Fotos ab. Zum Schluss sind es nur noch drei, die ihre Hände in die Hand des Vorstehers der Einrichtung legen. Das Foto wirkt wie eine Trotzgeste.

Die diakonische Hochschule VID in Norwegen bietet eine Vielzahl akademischer Studiengänge an. Dazu gehört auch der Bachelor-Abschluss für Pflegeberufe. Foto: VID Specialized University

Die diakonische Hochschule VID in Norwegen bietet eine Vielzahl akademischer Studiengänge an. Dazu gehört auch der Bachelor-Abschluss für Pflegeberufe. Foto: VID Specialized University

Heute gibt es in der Bergener Stiftung so wie in den meisten Häusern des Kaiserswerther Verbands deutscher Diakonissenmutterhäuser, von dem die Einrichtung im norwegischen Bergen einst gegründet wurde, kaum noch Diakonissen. An Pflegekräften allerdings besteht in Norwegen kein Mangel. Im Gegenteil. »Bei uns ist die Pflege ein akademischer Beruf«, sagt Ingunn Moser, Rektorin der zur norwegischen Diakonie gehörenden Hochschule VID, die sich unter anderem mit der Pflegeausbildung beschäftigt. Wer sich zur Krankenschwester ausbilden lässt, absolviert einen Bachelorstudiengang. Und die Ausbildung ist beliebt: Für 118 Studienplätze gab es an der VID im vergangenen Jahr über 2 000 Bewerber. Bis zu 49 000 Euro im Jahr kann eine Krankenschwester mit allen Zuschlägen in Norwegen verdienen, sagt Ingunn Moser. Örtlichen Fachverbänden ist das noch zu wenig: Sie vergleichen das Gehalt einer Krankenschwester mit dem eines Ingenieurs, denn auch der hat ja schließlich ein Hochschulstudium absolviert.

Die Sozialverbände in Deutschland können von so viel Interesse am Pflegeberuf nur träumen. »Wir bemühen uns um eine generalisierte, akademische Pflegeausbildung«, sagt der Präsident der Diakonie Deutschland, Ulrich Lilie, bei seinem kürzlich erfolgten Besuch in der norwegischen Diakoniestiftung. Immer wieder verwiesen ihn die norwegischen Gastgeber auf Unterschiede: So gibt es im steuerfinanzierten norwegischen Gesundheitssystem keine Krankenkassen. Nur wenige Norweger werden von ihrem Arbeitgeber privat versichert. Ein Einzelzimmer in der geriatrischen Station erhält nicht derjenige, der dafür bezahlt, sondern der, der es am nötigsten braucht, sagt Chefarzt Jan Henrik Rossland. Für Patienten gibt es ein dreistufiges System – für kleinere Krankheiten den von der Kommune bezahlten örtlichen Arzt mit einem klar definierten Versorgungsbezirk, der im Notfall in ein fest definiertes, für den Wohnort des Patienten zuständiges Krankenhaus einweist. Und darüberhinaus dann Spezialversorgung auf der regionalen Ebene.

So ist es auch in der Hospizversorgung geregelt, die in Deutschland ebenfalls ein wichtiges Anliegen der Diakonie darstellt. Landesweit stehen den Norwegern nur knapp über 100 Betten in Palliativstationen zur Verfügung. Dafür gibt es aber die Möglichkeit, sich in Seniorenheimen palliativmedizinisch versorgen zu lassen. »Patienten, die ihre letzten Wochen gerne zu Hause verbringen möchten, erhalten einen Schnellhefter, in dem genau aufgeschrieben ist, wen sie anrufen müssen, wenn es ihnen schlechter geht – und was sie sich wünschen, falls ein Pflegedienst im Zweifel ist«, sagt Marit Huseklepp, die in der »Haralds­plass Diakonale Stiftelse« auf Palliativversorgung spezialisiert ist. »Es ist uns wichtig, dass sich der Patient und seine Angehörigen zu Hause auch sicher fühlen.« Zudem bekommen die Patienten ein Paket mit Schmerzmitteln mit nach Hause – sogar Morphium ist darin enthalten. »Wir wollen, dass die Krankenpfleger die Patienten unkompliziert versorgen können, wenn es darauf ankommt.«

Unkomplizierte Lösungen, wie sie sich die deutschen Sozialverbände wohl auch hierzulande wünschten.

Benjamin Lassiwe

»… ich wollte es nicht wahrhaben«

7. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Pflegefall: Zwischen Familienpflege, ambulantem Pflegedienst und Heimaufenthalt – wie eine Familie damit umgeht, dass ein geliebter Mensch dement ist

Georg Frahnow war ein bekannter Gemeinschaftsprediger und übersetze viele Kirchenlieder in die wendische Sprache. Es sollte ein beschaulicher Ruhestand in der geliebten Niederlausitz werden. Doch dann die erschütternde Diagnose: Demenz.

Besorgt und ratlos steht Hanni Frahnow in der Tür des großen Wohnzimmers ihrer Tochter. »Opa hat Fieber«, sagt sie. Den ganzen Vormittag schon schläft er, vom Frühstück hat er nur wenig gegessen. Was ihm sonst fehlt, kann ihr Ehemann nicht ausdrücken. Seit Jahren ist er hochgradig dement. Noch am Tag zuvor saß er hier als stiller Beobachter. Im Rollstuhl, denn seit einem Oberschenkelhalsbruch kann er nicht mehr gehen. Zeitweise ist sein Blick leer und ausdruckslos, dann kommt wieder ein Lächeln auf sein Gesicht, als der Urenkel an ihm vorbeihuscht oder er seine Enkel auf der Couch entdeckt.

Was in seinem Kopf vorgeht, was er noch alles mitbekommt – man würde es zu gern wissen wollen. »Sonst sagt man, zu viel Trubel sei nicht gut für Demente, aber das hat ihn noch nie gestört«, erzählt seine Frau. Vielleicht liegt es daran, dass sie jederzeit viel Besuch hatten und der Geräuschpegel im Hause Frahnow immer etwas höher lag – bei vier Kindern, 14 Enkeln und inzwischen zwei Urenkeln auch kein Wunder.

Landwirt, Sanitäter und Prediger des Herrn

Ungewöhnlich schnell schritt bei Georg Frahnow die Krankheit voran. Bereits 2007 konnte er auf einer Familienfeier Gesprächen nur noch schwer folgen. Das andere Extrem waren nicht enden wollende Redeschwalle. Im Mai 2010 kann Hanni Frahnow ihren Mann überzeugen, sich von einem Neurologen untersuchen zu lassen. Der Befund war eindeutig.

Ein Lächeln huscht über Georg Frahnows Gesicht, wenn sein Enkel Silas sich an ihn schmiegt. Doch der Alltag mit dem dementen Großvater bringt auch belastende Momente für die Angehörigen. Foto: Mirjam Petermann

Ein Lächeln huscht über Georg Frahnows Gesicht, wenn sein Enkel Silas sich an ihn schmiegt. Doch der Alltag mit dem dementen Großvater bringt auch belastende Momente für die Angehörigen. Foto: Mirjam Petermann

Als Jüngster von sechs Geschwistern wuchs der heute 76-Jährige in der Brandenburgischen Niederlausitz auf. Er arbeitete in der Landwirtschaft und als Sanitäter beim Deutschen Roten Kreuz. Wegen Personalmangel wurde er 1965 in einem halben Jahr als Prediger ausgebildet, anschließend war er in vier Gemeinden des Gnadauer Gemeinschaftsverbandes tätig.
Nach dem Mauerfall kehrte er in die Heimat und auf die Schulbank zurück. Er lernte das Wendische, eine slawische Minderheitssprache, lesen und schreiben. Sprechen konnte er sie seit seiner Kindheit, aber das theologische Vokabular fehlte ihm. Das aber brauchte er, um bis zu seinem Ruhestand in mehr als 40 Dörfern für die Wenden als Prediger und Seelsorger da zu sein.

Dort, in der Niederlausitz, wollten Hanni und Georg Frahnow ihren Lebensabend verbringen. 1998 waren sie in ein eigenes Haus gezogen. Das mussten sie eintauschen gegen zwei Zimmer und ein Bad bei der Familie ihrer Tochter. »Im Dezember 2010 wurde uns Kindern bewusst, dass es so nicht weitergehen konnte«, erinnert sich Evelin Heider. »Wir haben gesagt, ihr könnt sofort zu uns kommen«, erzählt sie. Aber Hanni Frahnow zögert. Nicht im Winter, und sei das überhaupt nötig? Dass es mit ihrem Mann abwärts ginge, wisse sie – aber so rasant? »Das habe ich nicht realisiert«, sagt sie. Und ergänzt: »Oder ich wollte es nicht wahrhaben.« Als ihr Mann am 4. Januar vom Weihnachtsbaum Äste samt Lichterkette und Strohsternen abschnitt, war ihr klar, dass sie es allein nicht mehr schafft.

Seit mehr als drei Jahren pflegt die 73-Jährige ihren Mann. Jeden Morgen stehen Waschen, Rasieren, Anziehen, In-den-Rollstuhl-Setzen, Frühstückzubereiten und Füttern auf dem Programm. Mittag essen alle gemeinsam. Nach Mittagsschlaf und Kaffeetrinken geht es meistens in den Hof, sonntags in den Gottesdienst und einmal im Monat freitags zum Rentnerkreis. Ihren freien Abend hat Hanni Frahnow jeden Mittwoch, da besucht sie die Bibelstunde. Ihre Tochter oder ihr Schwiegersohn bleiben dafür zu Hause.

Schlechte Erfahrungen mit Heimen und Pflegediensten

Immer wieder startete sie den Versuch, verschiedene Pflegeangeboten in Anspruch zu nehmen. Nach dem Umzug besuchte ihr Mann eine Tagespflege. Morgens wurde er als erster abgeholt, weil er so gern Auto fuhr. Doch er wurde zunehmend aggressiver, aß anderen vom Teller und die Mittagsruhe verbrachte er lieber mit Laufen als in den vorgesehen Ruhesesseln. Die zuständige Pflegeberaterin erklärte ihn als nicht mehr tragbar für die Einrichtung. »Entweder müsse Georg in ein Heim oder die Medikamentendosis solle erhöht werden«, erinnert sich Hanni Frahnow an die vorgeschlagenen Auswege. Weil beides für sie keine Alternativen darstellten, behielt sie ihn fortan zu Hause.

Zur Kurzzeitpflege verbrachte er nach seinem Bruch vier Wochen in einem neu eröffneten Pflegeheim. Auf eine Reha wurde verzichtet, weil er schon damals kaum noch gesprochen und auf Anweisungen nicht reagiert hat. In der Einrichtung wurde er nicht ausreichend gewaschen – nach Aussage der Schwestern, weil er sich »wenig kooperativ zeigte«. Einige Körperstellen waren wund gelegen.

Im Anschluss an den Aufenthalt ließ sich Hanni Frahnow bei den regelmäßigen Aufgaben von einem ambulanten Pflegedienst helfen. Viermal täglich kamen zwei Schwestern zum Umbetten und Waschen. Das war ihr eine große Hilfe. Aber: »Es waren feste Zeiten ausgemacht, natürlich inklusive Kulanzzeit. Aber eines Morgens, ich stand gerade unter der Dusche, kamen die Schwestern 50 Minuten früher«, erzählt sie. »Und an anderen Tagen hat man ewig gewartet. Das hat mich kirre gemacht«, erinnert sie sich.

Also bestellt sie den Pflegedienst kurzerhand ab und regelt den Tagesablauf seitdem allein – mithilfe ihrer Tochter, ihres Schwiegersohns und ihrer drei Enkel. Heute, wo sich Georg Frahnow kaum noch bewegen kann, bleibt er auch mal allein im Wohnzimmer. Als er noch agiler war, musste ständig einer von der Familie bei ihm sein. Heute fliegt von Zeit zu Zeit nur mal sein Gebiss umher. Doch als er noch nicht an den Rollstuhl gebunden war, öffnete er schon mal das Fenster, um sich des Meerschweinchens zu entledigen.

Obwohl die Erfahrungen in den Pflegeeinrichtungen nicht immer so waren, wie man es sich vorstellt, wird Hanni Frahnow in diesem Sommer einen neuen Versuch wagen: Die älteste Tochter feiert ihren 50. Geburtstag und einer ihrer Enkel wird heiraten. Um das miterleben zu können, hat sie ihren Mann bereits für die Kurzzeitpflege angemeldet.

Mirjam Petermann

Wenn die Eltern pflegebedürftig werden

18. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Pflege im Alter: Angehörige in der Spannung zwischen eigenem Anspruch und Grenzen sowie den Erwartungen der Umwelt

Du sollst Vater und Mutter ehren, sagt das vierte Gebot. Doch was heißt das, wenn die Eltern rund um die Uhr Betreuung brauchen? Dazu einige Ratschläge.

Viele Pflegebedürftige werden von ihren Angehörigen zu Hause versorgt. Foto: epd-bild

Viele Pflegebedürftige werden von ihren Angehörigen zu Hause versorgt. Foto: epd-bild

Gabriele Müller (Name geändert) ist hin- und hergerissen: Seit fünf Jahren schaut die 54-Jährige zweimal am Tag nach ihrem Vater, der nur zwei Häuser weiter im Ort wohnt. Der 86-Jährige braucht Hilfe beim An- und Ausziehen, ansonsten kommt der Witwer noch gut alleine zurecht. Das Mittagessen, das ihm die Tochter mitbringt, kann er sich selbst warm machen. Doch seit ein paar Tagen geht vieles nicht mehr so wie früher: Der Vater vergisst manchmal sein Essen, gestern Abend stand er plötzlich im Morgenmantel auf der Straße, und oft beklagt er sich darüber, dass niemand nach ihm schaut.

Es ist klar, dass der 86-Jährige künftig mehr Hilfe brauchen wird – Hilfe, die Gabriele Müller nicht leisten kann: Sie ist beruflich voll eingespannt, und sie ist sich ihrer Grenzen bewusst. Aber darf sie, kann sie den Vater irgendwann in ein Heim geben? Muss sie ihn nicht im Ernstfall zu Hause pflegen? Was bedeutet das Gebot, Vater und Mutter zu ehren, in diesem Zusammenhang? Fragen, die sich viele Menschen stellen: Denn viele Pflegebedürftige werden von ihren Angehörigen zu Hause versorgt. Wer in die Pflegestufe drei eingestuft wurde, braucht eine Betreuung rund um die Uhr. Für die Pflegenden heißt das Knochenarbeit, die leicht zur seelischen und körper­lichen Erschöpfung führt.

Ingrid Felgow kennt diese Zwickmühle. Als Seelsorgerin im Seniorenzentrum Martha-Maria in Stuttgart trifft sie immer wieder Angehörige, die zwischen ihrem eigenen Anspruch, den Erwartungen der Umwelt und ­ihren Grenzen zerrissen sind. Rechtlich, sagt sie, sei die Sachlage klar: Für die Versorgung der Eltern sind zuerst die Kinder zuständig. Eltern haben berechtigte Erwartungen, im Alter von ihren Kindern nicht alleine gelassen zu werden. »Aber Eltern zu versorgen heißt für mich nicht, dass man sein ­eigenes Leben opfert«, betont Felgow. Es ist geradezu lebensnotwendig, dass Kinder mit dem Segen der Eltern ein eigenes Leben führen können.«
Damit es nicht zu solchen Konflikten kommt, empfiehlt die Seelsor­gerin, rechtzeitig und offen zu klären, was geschehen soll, wenn die Eltern pflegebedürftig werden. »Am besten ist es, wenn sich alle Kinder und die Eltern in Ruhe zusammensetzen, bevor Handlungsbedarf besteht.«

Das sei nicht immer leicht, räumt Felgow ein. »Wenn die Eltern das nicht wollen, können die Kinder nichts machen.« Allerdings zeige nicht zuletzt die lange Warteliste im Seniorenzentrum, dass sich viele Menschen frühzeitig Gedanken machen, wo sie im Alter hingehen. Für die Angehörigen ist das eine gewaltige Entlastung, denn oft ändern sich die Verhältnisse von einem Tag auf den anderen. Schwieriger ist es bei Demenz-Erkrankungen: Was bloße Vergesslichkeit ist und was schon Anzeichen einer Demenz sind, lässt sich zumindest im Anfangsstadium nicht so leicht feststellen.

Felgow rät zur ­besonderen Aufmerksamkeit. »Man sollte es nicht so weit kommen lassen, dass jemand sich selbst und andere gefährdet«, erklärt sie. Grundsätzlich sei es für die meisten Menschen wichtig, in der gewohnten Umgebung alt zu werden. »Aber man muss immer abwägen, wann die Lebensqualität zu Hause geringer ist als in einem Pflegeheim.« Viele alte Menschen, so ihre Erfahrung, sind zu Hause einsam und ernähren sich schlecht. »Manche blühen richtig auf, wenn sie zu uns ins Heim kommen«, sagt die Seelsorgerin. Aber ein Leben im Seniorenzentrum müsse nicht für jeden passen. »Entscheidend ist, dass der alte Mensch mit seiner Situation zufrieden ist und dass er angemessen versorgt werden kann.«

Wer plant, die Eltern oder ein Elternteil zur Pflege zu sich nach Hause zu nehmen, sollte zunächst sich selbst prüfen ob es geht. »Ich würde den Kindern empfehlen, ein Pflegepraktikum zu machen«, sagt Felgow. ­»Zumindest sollte man sich von Fachkräften zeigen lassen, welche Handgriffe wie ausgeführt werden oder ­einen Hauspflegekurs besuchen.« Ob jemand die Pflege übernehmen kann, hängt nach ihrer Erfahrung sehr ­davon ab, wie das Verhältnis zu den Eltern ist. »Beide Seiten müssen sich fragen, ob sie solche Berührungen zulassen können.«

Natürlich muss auch klar sein, ob die Pflege körperlich und zeitlich zu leisten ist. Und da lastet auf den Pflegenden – in der Regel Frauen – ein großer Druck. »In manchen Orten heißt es: Bei uns gibt man seine Eltern nicht ins Heim«, sagt Ingrid Felgow. »Aber davon sollte sich niemand leiten lassen. Vielmehr sei immer zu fragen, wo die eigenen Grenzen und die eigene Mitte sind.« Natürlich sei das immer eine »angefochtene Mitte« gerade beim Thema Pflege. »Wenn dann die Nachbarn erklären, bei ihnen sei es doch auch gegangen, kommt man rasch in Erklärungsnot.«

Hilfe in Anspruch zu nehmen, ist aber nichts Ehrenrühriges, schließlich geht es um das Wohl aller Beteiligten, der Angehörigen wie auch der Pflegebedürftigen. Und angesichts der Tatsache, dass immer mehr Frauen erwerbstätig sind und somit die Töchter- und Schwiegertöchtergeneration für die Pflege zu Hause nicht mehr zur Verfügung stehen wird, nehmen auch immer mehr Menschen professionelle Pflege in Anspruch.

Wenn es aber zu Hause nicht mehr geht, sollte der Umzug in ein Pflegeheim gut vorbereitet und begleitet sein. Dabei kommt den Kindern eine wichtige Rolle zu. »Niemand kann das leisten, was Kinder für ihre Eltern tun können«, sagt Felgow. Darüber hinaus sollten vor allem in der Eingewöhnungszeit Angehörige, Mitarbeitende, Seelsorger und Ehrenamtliche eng zusammenarbeiten. Und Konflikte aus der Vergangenheit sollten angesichts des nahen Todes nicht mehr aufgewärmt werden, es sei denn, sie könnten noch aufgearbeitet werden. Wichtig aber ist es, einander zu vergeben und einander zu danken. »Es hat keinen Sinn, alt gewordenen Eltern Uraltes, Unveränderbares vorzuhalten«, sagt Ingrid Felgow. »Lebensaufgaben sollte man lösen, wenn sie anstehen.«

Von Volker Kiemle