Eine Kirche im Staub

20. Mai 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Jugend soll aufstehen um die Welt zu verändern, lautet die ­Botschaft der Pfingstler in Guatemala. Fotos: Andreas Boueke

Die Jugend soll aufstehen um die Welt zu verändern, lautet die ­Botschaft der Pfingstler in Guatemala. Fotos: Andreas Boueke


Reportage: Kein Wohlstandsevangelium – in Guatemala stehen die Missionare der Pfingstler den Ärmsten bei

Pfingstkirchen sind die weltweit am stärksten wachsende christliche Konfessionsgruppe. Meist gelten sie als fundamentalistisch und ­reaktionär. Doch das stimmt nur noch bedingt.

Die holprige Straße ohne Asphalt führt bis zu einer Ansammlung wackliger Bretterhütten, schäbiger Lehmhäuser und weniger Bauten aus unverputzten Steinen. Die Siedlung Las Huertas liegt in einer kargen Einöde im Osten des kleinen, mittelamerikanischen Landes Guatemala. Es gibt keine Abwasserkanäle, keine Straßenbeleuchtung, keine Gesundheitsstation und keine Rechtssicherheit.
Zweimal im Monat kommt die junge Frau Ester Raxón in diesen verstaubten Ort, um den Aufbau der ­Jugendarbeit der lokalen Pfingstgemeinde zu unterstützen. Sie sitzt auf einer Lehmstufe am Eingang der Kirche und beobachtet zwei Jungen, die im Staub des Vorplatzes mit selbst ­gebastelten Autos aus Draht spielen. Neben ihr grunzt ein Schwein, hinter ihr piepsen Küken. »Die Armut ist ­extrem«, klagt Ester Raxón. »Gerade die Kinder haben viele Probleme, auch mit sexuellen und psychischen Misshandlungen. Viele der Kleinsten sind deutlich unterernährt.«

Konservativ im Sinne von wertebewahrend

Der Vorgesetze von Ester Raxón, Samuel Regalado, ist in der Missionsverwaltung der Asambleas de Dios beschäftigt, der mit weltweit 60 Millionen Mitgliedern größten Kirche der Pfingstbewegung. International ist sie unter ihrem englischen Namen »Assemblies of Good« bekannt. Er sitzt in einem spartanisch ausgestatteten Büro der »Zone 3« von Guatemala-Stadt – keine besonders exklusive Adresse. An manchen Tagen trägt der Wind den Gestank der nahe gelegenen Müllhalde herüber.

Samuel Regalado bezeichnet sich selbst als konservativ, in dem Sinne, dass er christliche Werte bewahren will. Er sieht seine Aufgabe darin, der Jugend klare moralische und ethische Werte zu vermitteln. Politisches Engagement lehnt er für sich ab: »Unsere Lehre besagt, dass die Kirche unpolitisch sein soll. Aber wir motivieren die Leute dazu, ihr Wahlrecht auszuüben, auch wenn wir nie eine spezifische Partei unterstützen würden.« Dennoch vermittelt Regaldo eine Botschaft, die den gesellschaftlichen Status quo infrage stellt: »Wir müssen den Jugendlichen und den Kindern beibringen, dass sie aufwachen müssen, dass sie nicht dieselbe Mentalität ihrer Großeltern und ihrer Eltern haben sollen, die apathisch geblieben sind. Die Jugend soll aufstreben und eine Front bilden, um der Welt Veränderung zu bringen.«

Derzeit erlebt kein anderer religiöser Sektor ein schnelleres Wachstum als die charismatischen Pfingstler. Im Zuge des Anstiegs ihrer Mitgliederzahlen kommt es zu einer deutlichen inhaltlichen Ausdifferenzierung innerhalb der Pfingstbewegung. Noch vor wenigen Jahren galten Pfingstler per se als konservativ, untheologisch und anti-ökumenisch. Heute gibt es große Pfingstkirchen, die sich politisch eindeutig links positionieren; ­Bibelinstitute, die Schrifttexte neu interpretieren wollen, um ihre aktuelle Relevanz zu verdeutlichen; Pastoren, die sich in breiten Allianzen mit anderen Protestanten und selbst mit Katholiken zusammenschließen.

Die Kirche gibt Menschen Würde und Selbstvertrauen
José Muñoz, ein älterer Mann, sitzt auf einem Stuhl und lässt die Arme baumeln. Eben noch hat er einige Girlanden an die Decke der Kirche der Siedlung Las Huertas gehängt. Jetzt macht er eine Pause. Er war dabei, als die Gemeinde vor vier Jahren gegründet wurde: »Unsere Kirche macht diese Arbeit in Orten, in denen es kein Geld gibt. Wenn du versuchst, mit der Religion Geschäfte zu machen, verlieren die Leute das Vertrauen.«

Eigentlich sollte der Gottesdienst schon vor einer Stunde begonnen haben. Doch noch immer kommen mehr Leute und plaudern in den Gängen. Endlich nimmt ein junger Mann das Mikrofon in die Hand. Es beginnt der erste Akt des Gottesdienstes: der Lobgesang.
Pastor Carlos Morales stand eben noch am Eingang der Kirche und begrüßte die ankommenden Gemeindemitglieder mit einem herzlichen Händedruck und einigen persönlichen Worten. Dann aber hat er sich zurückgezogen, um vor seiner Predigt zur Ruhe zu kommen. Er sitzt auf einem alten Baumstumpf hinter den Wellblechplatten der Rückwand der Kirche. »Wir wollen erreichen, dass die Menschen in den Gemeinden ein Leben in Würde führen können, so wie es Jesus Christus gelehrt hat. Ein Leben mit Werten, moralischen Prinzipien, mit Gerechtigkeit, besonders für die junge Generation.«

Der Pastor ist überzeugt davon, dass seine Kirche in diesem gesellschaftlichen Prozess einen wichtigen Beitrag leisten kann, indem sie das Selbstvertrauen ihrer Gemeindemitglieder stärkt: »Für sie ist die Kirche ein Ort, der sie motiviert. Das ändert ihre Vision. Sie sagen: ›Wauw! All die Jahre über habe ich vereinzelt gelebt. Ich habe mich selbst als eine Person angesehen, die nicht wichtig ist, die nichts leisten kann. Aber hier finde ich einen Ort, an dem ich geschätzt werde.‹ Diese Erfahrung stimuliert und ändert das Bewusstsein der Leute.«

Aus den ehemals kleinen, vorwiegend jenseitsbezogenen Pfingstgemeinden ist eine pluralistische, in allen sozialen Schichten verankerte, theologisch ausdifferenzierte Bewegung geworden, die das Gesicht der globalen Christenheit deutlich verändert hat.

Andreas Boueke