Das Mutteramt des Heiligen Geistes
21. Mai 2010 von Gemeinsame Redaktion
Abgelegt unter Glaube und Alltag
Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorfs Nachdenken über das Wesen und Wirken des Geistes Gottes
Pfingsten ist das Fest des Heiligen Geistes. Die evangelische Christenheit hat sich häufig schwergetan mit diesem Fest. Noch vor einigen Jahrzehnten konnte man mit Fug und Recht von einer regelrechten Geistvergessenheit im Protestantismus sprechen. Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf, an dessen 250. Todestag am 9. Mai 2010 vielerorts erinnert wurde, gehört zu den wenigen evangelischen Theologen, die intensiv über das Wesen und Wirken des Geistes Gottes nachgedacht haben. In der von ihm begründeten Herrnhuter Brüdergemeine wurde die Lehre vom Heiligen Geist ein »essentialer punct«. Der Heilige Geist tritt aus der Anonymität hinter Jesus Christus hervor und wird mit besonderen Liedern und Liturgien verehrt. Das Streben nach Geistesleitung wird zu einem wesentlichen Merkmal der Spiritualität und führt neben der weit gespannten Evangelisationstätigkeit unter Christen aller Konfessionen zu ihrer weltweiten Missionsarbeit.
Auch die berühmten Losungen, dass heute am weitesten verbreitete protestantische Andachtsbuch, stellen eine praktische Konsequenz von Zinzendorfs Sehnsucht nach Geistesleitung dar. Die Losungen sollen die Bibel in den Lebensalltag der Menschen bringen. Der Graf versteht sie als unmittelbare Weisungen des auferstandenen und gegenwärtigen Herrn. Dabei ist es der Geist, der das Bibelwort lebendig macht.Zinzendorf übersetzt die traditionelle Rede von der Dreieinigkeit, von Vater, Sohn und Heiligem Geist, in das Bild der göttlichen Familie von Vater, Sohn und Mutter. Dabei spielt die Vorstellung vom Mutteramt des Heiligen Geistes eine wesentliche Rolle. Sie soll biblische Aussagen veranschaulichen, die Gott auch weibliche Eigenschaften zuschreiben (wie Jesaja 66,13). Der Graf erkennt, dass der christliche Vatergott für die Bibel kein »maskulines Prinzip« ist. Folgerichtig redet er im Zusammenhang mit der Dreieinigkeit von Gottes Mütterlichkeit.
Aber nicht nur in der Theorie geht Zinzendorf neue Wege, er setzt seine Erkenntnisse über den Geist Gottes auch in der Gemeindepraxis um. Mit dem Mutteramt des Heiligen Geistes begründet der Graf die Emanzipation der Frau in der Brüdergemeine. Sie wird von ihrer Beschränkung auf Haus und Familie befreit und kann in der Gemeinde verantwortlich mitarbeiten – eine unerhörte Neuerung gegenüber den damaligen Staatskirchen. Die Gottesdienstteilnehmer sollten theologische Einsichten mit Leib und Seele erfahren. Dazu führt Zinzendorf altkirchliche Anbetungsformen im Gottesdienst der Brüdergemeine ein. Je nachdem, welche Person der Dreieinigkeit angebetet wird, wechselt die liturgische Haltung. Der Vater wird liegend verehrt, um das Abstandsgefühl des Menschen zu ihm zum Ausdruck zu bringen, Christus und der Heilige Geist der Vertrautheit wegen im Stehen oder Knien.
Man kann sich vorstellen, dass die unterschiedliche Haltung bei der Anbetung eine vertraute Glaubensbeziehung zu den verschiedenen göttlichen Personen förderte. Nicht ein abstrakter monotheistischer Gott, sondern Vater, Sohn und Geist in ihrer Besonderheit prägten den Gottesdienst der Brüdergemeine.
Jeder Mensch, der an Jesus Christus glaubt, kommt in die Schule des Heiligen Geistes. Dieser pflegt und erzieht ihn dann bis zum Tod, ja darüber hinaus bis zur Auferstehung. Als »Professor« der Gläubigen ist der Geist die Quelle aller wahren Gotteserkenntnis. Er offenbart dem Menschen Erkenntnisse, die mit der Vernunft allein nicht zu erfassen sind. Dazu bedient der Geist Gottes sich der Bibel, indem er ihre Aussagen dem menschlichen Verstand aufschließt.
Der Heilige Geist wirkt aber nicht nur an einzelnen Christen, sondern auch an der Gemeinde als Ganzer. Der Graf hat sich im Rahmen seiner Lehre vom Heiligen Geist auch über die Voraussetzungen einer Erweckung geäußert. Christus kann den Geist einer eingeschlafenen Gemeinde von Neuem erwecken – jedoch nur, wenn sie zur Buße, zur »Erkenntnis des Todes« und zur »Totenklage« kommt. Eine Erneuerung ist nicht möglich, wenn eine Gemeinde, die eigentlich tot ist, vorgibt, lebendig zu sein. Eine solche Gemeinde wird der Geist eines Tages ganz verlassen.
Diese wenigen Hinweise müssen genügen, um zu zeigen, dass die Rede vom Heiligen Geist Konturen gewinnt, wenn man sich – so wie Zinzendorf – mit ihm näher beschäftigt. Dann kann es geschehen, dass man unversehens in die Schule des Geistes gerät und der Glaube neue Dynamik erhält. Das wünsche ich allen Leserinnen und Lesern zum Pfingstfest!
Peter Zimmerling
Der Autor ist Professor für Praktische Theologie an der Universität Leipzig.
Frei werden für Gott und den Nächsten
27. März 2010 von Gemeinsame Redaktion
Abgelegt unter Glaube und Alltag
Comments Off
Über die Bedeutung und die Gefahren des Fastens
In den vergangenen Jahrzehnten ist das Fasten im Rahmen der evangelischen Spiritualität wiederentdeckt worden. Die Überernährung entwickelte sich in den Industriegesellschaften seit den 1960er Jahren mehr und mehr zu einem Problem. Diät- und Fastenkuren boten sich als Ausweg an. Dazu kam, dass trotz fortschreitender Entkirchlichung die Sehnsucht nach geistiger – »spiritueller« – Heilung zunahm. Die traditionelle Schulmedizin befriedigte viele Zeitgenossen nicht mehr. So war der Boden bereitet für das Fasten als ganzheitliche Übung, die eine gesundheitliche, eine spirituelle und eine sozial-politische Dimension umfasst. Tatsächlich gibt es Fasten nur im Dreierpack! Es ist hier nicht der Ort, um die positiven Auswirkungen des Fastens auf den menschlichen Organismus zu entfalten, die weit über das Moment der Entschlackung hinausgehen. Auch der sozial-politische Aspekt des Fastens soll nur kurz bedacht werden: Schon das Alte Testament warnt davor, das Fasten losgelöst vom Dienst am Nächsten zu betrachten (Jesaja 58,1-12).
Jesus verschärft diese Kritik am Fasten als selbstzentrierte religiöse Übung noch (Matthäus 6,16-18). Zum Fasten gehört vielmehr untrennbar die Ausrichtung auf den Nächsten. Von daher besitzt das Fasten, als politisches Mittel gebraucht, durchaus eine biblische Begründung. Allerdings verkommt es zum Druckmittel in der tagespolitischen Auseinandersetzung, wenn seine spirituelle Dimension ausgeblendet wird.
Biblische Aussagen weisen darauf hin, dass das Fasten die Ernsthaftigkeit des Gebets unterstützt und damit seine Wirksamkeit erhöht (Ester 4,16f.; Markus 9,29). Es fördert die Sensibilität für Gottes Wort und seinen Willen (5. Mose 9,9; Daniel 10,1ff.; Matthäus 4,1-17). Daneben beeinflusst es die Selbstsicht des Fastenden. Beim Fasten legt der Mensch Ersatzbefriedigungen aus der Hand, die ihn betäuben und blind machen gegenüber sich selbst. Dadurch lernt er, sich so zu sehen, wie er wirklich ist, und braucht nicht länger vor sich selbst davonzulaufen. Indem der Fastende seine Wünsche und Begierden aus der Hand gibt, macht er deutlich, dass letztlich allein Gott selbst seinen Hunger und seine Sehnsucht nach Leben zu stillen vermag. Im Fasten gewinnt der Mensch Raum für Neues. Er wird frei zur Buße, für Umdenken und Umkehr als Grundakte des Evangeliums.
In den vergangenen Jahren ist eine Reihe von Formen des spirituellen Fastens erprobt worden. Die traditionelle 40-tätige Fastenzeit vor Ostern hat im evangelischen Raum durch die Aktion »7 Wochen Ohne« neue Bedeutung gewonnen. Während dieser Zeit kann auf die unterschiedlichsten Gewohnheiten verzichtet werden: auf Alkohol, Fernsehen, Süßigkeiten, Fleischgenuss. Daneben bietet sich die Karwoche für den Verzicht auf Nahrungsaufnahme zur Vorbereitung auf die Osterzeit an. Auch Formen gemeinsamen Fastens von Kirchenvorständen sind möglich, z. B. wenn schwerwiegende Probleme in der Gemeinde auftreten.
Allerdings sollte nicht verschwiegen werden, dass dem Fasten eine Reihe von Gefahren drohen. Bisweilen lässt sich eine neue Gesetzlichkeit beobachten. Anstatt die Freiheit zu fördern, führt das Fasten zur Unfreiheit: Wer bei der Aktion »7 Wochen Ohne« nicht mitmacht, muss sich inzwischen fast dafür entschuldigen. Wer in der Fastenzeit mit Freunden ein Glas Wein trinkt, muss permanent neue Ausreden ersinnen. Eine weitere Gefahr des Fastens liegt darin, dass die Angst, etwas Gesundheitsschädliches zu essen, zum beherrschenden Motiv wird. Das ist angesichts permanenter Lebensmittelskandale zwar verständlich; dennoch darf dieses Motiv für ein spirituell verstandenes Fasten nicht ausschlaggebend sein. Problematisch ist das Fasten auch dort, wo mit ihm eine Verneinung des Leibes verbunden ist. Hier wird leicht die Grenze zur Bulimie überschritten.
Schließlich kann das Fasten durch Lebensverneinung motiviert sein. Weil so viele Menschen hungern müssen, gönnt man sich selbst nichts mehr. Auf diese Weise zerstört das Fasten die Dankbarkeit gegenüber Gott für die schönen Lebensmittel, die er uns täglich schenkt. Gegenüber all diesen Motiven darf beim spirituell verstandenen Fasten nicht vergessen werden, dass das Neue Testament im Gegensatz zur Abwertung des Körpers in der griechischen Philosophie eine bemerkenswerte Aufwertung des Leibes erkennen lässt (1. Korinther 6,12-20). Das spirituell verstandene Fasten sollte aus einer positiven Grundmotivation gespeist sein: wieder freier zu werden für Gott und den Nächsten.
Peter Zimmerling
Der Autor ist Professor für Praktische Theologie an der Universität Leipzig.
Die Beichte – Hygiene für die Seele
15. Oktober 2009 von Gemeinsame Redaktion
Abgelegt unter Glaube und Alltag
Comments Off
Den evangelischen Christen ist mit dem Wegfall der Beichte etwas Wichtiges verloren gegangen
Mit diesem Beitrag eröffnen wir eine fünfteilige Serie über die Beichte. Zum Auftakt ein Interview mit dem Leipziger Theologieprofessor Peter Zimmerling.

Peter Zimmerling lehrt an der Leipziger Universität Praktische Theologie. Foto: privat
Zimmerling: Wenn ich etwas Schlimmes erlebt habe, verliert dies seine Macht über mich, wenn ich es vor einem anderen Menschen ausspreche. Diese Erfahrung kennt jeder von uns. Das ist die psychologische Dimension der Beichte, sie ist Seelenhygiene.
Darüber hinaus gibt es die theologische Dimension. In der Seelsorge kann ich einem Menschen helfen, ihn trösten, indem ich ihm etwas zuspreche, gute Worte sage. Wenn ich dann selber in eine solche Situation komme, in der ich Trost brauche, könnte ich diese Worte, die ich vorher einem anderen gesagt habe, auch mir selber sagen. Aber diese Worte, die ich mir selber sage, haben nicht die Kraft, die sie entwickelt haben, als ich sie dem anderen Menschen gesagt habe.
»Das Wort, das dir hilft, kannst du dir nicht selber sagen«, weiß ein Sprichwort …
Zimmerling: Ja! Das Wort Gottes, das mir durch einen anderen Menschen zugesprochen wird, ist stärker als das Wort Gottes im eigenen Herzen. Dadurch wird deutlich, wieso die Beichte etwas ist, was über das Gebet oder das Gespräch beim Therapeuten hinausgeht. Die Therapie kommt an ihre Grenze, wo es um Vergebung von Schuld geht. Den evangelischen Christen ist durch den Wegfall der Beichte ein wesentliches Mittel der Seelenhygiene verloren gegangen!
Max Frisch hat den berühmten Satz geprägt: »Ein Katholik hat die Beichte. Ich habe bloß meinen Hund.« Er will damit zum Ausdruck bringen, dass in der Beichte ein großes Entlastungspotenzial steckt. Dass die Beichte einen wichtigen Beitrag zur psychischen Gesundheit eines Menschen zu leisten vermag. Es hat übrigens immer christliche Therapeuten gegeben, die das mit Recht betont haben.
Der Mensch ist gerettet allein aus Gnade. Diese reformatorische Erkenntnis ist nicht ganz schuldlos, dass uns die Beichte verloren gegangen ist?
Zimmerling: Wir haben das Evangelium reduziert auf die Aussage, dass Gott den Menschen annimmt, so wie er ist. Diese Sicht ist nicht unsympathisch, aber sie ist eine Verkürzung des Evangeliums. Sie fördert nämlich die Auffassung, dass der Mensch von Natur gut ist. Paul Schütz, einer der vergessenen evangelischen Theologen des letzten Jahrhunderts, stellte fest: »Gott ist einsam geworden. Es gibt keine Sünder mehr.«
Die Beichte ist aber auch über viele Jahrhunderte hinweg als ein Instrument zur Erziehung benutzt worden und dadurch in Misskredit geraten …
Zimmerling: Mit Beichte verbinden wir oft Fremdbestimmung. Und diese Vorstellung ist im kollektiven Gedächtnis unseres Volkes weitverbreitet. Martin Luther wollte die Beichte erneuern, aber indem er sie von ihrem Zwangscharakter befreite – zur damaligen Zeit war ein Christ verpflichtet zu beichten –, verhinderte er ungewollt einen dauerhaften Neuanfang. Als die Beichte freiwillig wurde, haben Menschen dieses Angebot Gottes, Vergebung zu erlangen, nicht mehr in Anspruch genommen. Im Großen Katechismus ist das nachzulesen, da sagt Luther, er wünsche den Evangelischen, die nicht mehr zur Beichte gehen, dass sie wie eine Herde Säue wieder unter das papistische Joch getrieben würden. Daraufhin hat er ein Katechismusverhör anstelle der Beichte obligatorisch gemacht. Dieses ist sehr bald beim Protestanten an die Stelle der Beichte getreten.
Wie können wir die Beichte zurückgewinnen?
Zimmerling: Sie muss wieder als Angebot Gottes bekannt gemacht werden. Es muss deutlich sein, dass die evangelische Beichte nichts mit Entmündigung zu tun hat. Das ist
ein Missverständnis, ein allerdings schwerwiegendes. Wir müssen den Menschen deutlich machen, dass die Beichte ein Zeichen ist für die Würde des Menschen. Zum Menschsein gehört das Schuldigwerden hinzu. Ich meine, dass jeder Mensch, auch ein Nichtchrist wird das sagen, immer wieder in Situationen kommt, wo er nicht so handelt wie er eigentlich gerne handeln würde. Er wird schuldig an seinem nächsten Mitmenschen. Die Möglichkeit, sich zu entschuldigen, um Verzeihung zu bitten, gehört zur Würde eines Menschen.
Ganz vergessen ist sie nicht. Es gibt ein Verlangen nach Beichte …
Zimmerling: In Citykirchen wird das Angebot zur Beichte gemacht. Ein- bis zwei Mal pro Woche sitzt ein Pfarrer, eine Pfarrerin in der Sakristei. Die Menschen sind eher bereit, zu einem fremden Menschen zu gehen. In Taizé stehen nach dem Abendgottesdienst Jugendliche in langen Schlangen vor einzelnen Brüdern. Da geht es um Seelsorge, aber auch um Beichte.
Wann empfiehlt es sich zu beichten?
Zimmerling: Ich würde sagen: Bei jeder echten Schuld, von der ich den Eindruck habe, nicht mit ihr fertig zu werden. Denn man kann ja auch für sich, still vor Gott seine Schuld aussprechen wie wir es im Vaterunser tun. Aber es gibt immer wieder Schuld im Leben, wo diese persönliche, stille Beichte vor Gott das Gewissen nicht beruhigt. Da empfiehlt es sich, sie gegenüber einem anderen Menschen in der persönlichen Beichte auszusprechen.
Sabine Kuschel.

