Ein schöner Name, der nach Hoffnung klingt

9. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Geschichte aus Sri Lanka: Premalatha schenkte ihrem Sohn Osanda das Leben, als sie dreißig war. Davor war ihr Leben ein Albtraum, dunkel und zerrissen wie das Land, in dem sie lebt und in dem sie wie durch ein Wunder einen Bürgerkrieg überstand, der ein Vierteljahrhundert lang nicht enden wollte.

Wer in ihr Gesicht schaut, entdeckt noch die Schrecken, die unauslöschbar sind. In Premalathas Erinnerungen flackern die Bilder, die Bilder des Krieges: Soldaten stürmen ihr Dorf, schießen wild in die Häuser, nehmen Flüchtende als Zielscheiben, rennen in das Haus ihrer Familie, brennen es nieder, brennen alles nieder. Ihr Vater rafft sie, rafft ihre drei Geschwister, rennt mit der Mutter zum nahen Fluss, rennt in die Fluten, flieht, flieht, hinter sich das brennende Dorf.

Das sind die letzten Bilder, an die sich Premalatha von ihrer Heimat erinnert: Der rote Schein der brennenden Hütten. Die letzten Geräusche sind das Gehämmer der Maschinengewehre, sind Schreie – und sie glaubt, darin die Schreie ihrer Freundinnen zu hören, endlos. Erst später sagt man ihr, dass Tiger-Soldaten in ihr Dorf gekommen waren, um es zu befreien, um das ganze Land zu befreien. Aber sie hört nur noch die Schreie, ist gefangen in ihren Albträumen. Nur manchmal flackert das alte Leben auf: die schöne Kindheit in ihrem Dorf auf einer Insel.

Einige Jahre später: Ein anderes Dorf, oben im Norden der Insel, die damals noch Ceylon hieß. Denesh ist ein junger, achtzehnjähriger Mann. Er sieht Soldaten, die sein Dorf stürmen, es niederbrennen, seinen Vater töten. Es sind Regierungstruppen, die sagen, sie wollten es von den Tiger-Rebellen befreien.

Wieder einige Jahre später kreuzen sich zwei Lebenswege, die sich nicht kreuzen sollten: Premalatha aus dem Süden trifft Denesh aus dem Norden, dem Tamilen-Land der Rebellen. Was nicht vorgesehen ist im historischen Drehbuch der Insel: Die beiden verlieben sich. Und Premalatha heiratet Denesh. Aus der Geschichte würde Holly- oder Bollywood ein Filmmärchen produzieren, ein modernes mit Schmerz, aber Happyend. Aber die Geschichte ist so wenig märchenhaft wie die Zeit, in der sie geschieht. Es war ein Krieg, zwei Fronten – über 25 Jahre.

Premalatha mit ihrem einzigen Sohn Osanda. Foto: Paul-Josef Raue

Premalatha mit ihrem einzigen Sohn Osanda. Foto: Paul-Josef Raue

Hätte Premalatha nicht die Kraft eines Kindes gehabt, wäre sie nach der Flucht in die Verzweiflung gestürzt. Die Familie hatte alles verloren, ihr Haus, ihre Sachen, ihre Heimat. Ihr Vater, gerade dem Krieg entkommen, stirbt wenig später an Krebs. Die Mutter kann die Kinder nicht mehr ernähren, heiratet wieder. Der neue Mann ist das Zerrbild eines Vaters: Er schlägt sie, misshandelt sie, trinkt; mehr sagt Premalatha nicht, sie senkt den Kopf. Hilflos war sie und bleibt es in der Erinnerung. Ihre Mutter schickt sie zu einer Lehrer-Familie, wo sie helfen kann und zur Schule gehen soll. Doch die neue Familie denkt nicht daran, sie zur Schule zu schicken. 15 Jahre lang putzt und kocht sie, aber lernt weder schreiben noch lesen noch rechnen. Dann bekommt die junge Premalatha Arbeit in einer Sisalfabrik und flechtet Seile, nebenbei jobbt sie in Haushalten, mal ein paar Monate, mal ein halbes Jahr – bis sie in das Haus eines Barbiers kommt. Er hat ein schönes Haus, in dem auch ein junger Mann wohnt, Denesh rufen sie ihn, der das Handwerk lernt: Haare schneiden, Bärte rasieren, das lange Haar der Frauen in Form bringen.

Die Wege kreuzen sich: Sie mögen sich, sie lieben sich, sie heiraten, mieten ein Haus und eine Garage, in der Denesh einen Frisör-Salon eröffnet. Über ihre Vergangenheit sprechen sie nicht, nicht über den Krieg, der gerade zu Ende gegangen ist, nicht über die Fronten und die verfeindeten Lager, nicht über Mord und Vernichtung und der Schrecken, den Menschen über Menschen brachten.

Sie kommen über die Runden: Mal erscheint im Salon am Tag ein Dutzend Kunden, mal ein halbes. Es reicht, um die Mieten zu bezahlen, 30 Dollar für den Salon, 21 Dollar für das Haus mit drei kleinen Räumen, einer Küche und einem Garten. Sie kommen zurecht mit den Leuten in dem Dorf, das ihre neue Heimat ist: Norden und Süden, Rebellen und Regierung, das war einmal.

Mitten im Dorf treffen sich alle in einem Haus, essen zusammen, erzählen und tratschen, basteln aus Blumen und Ästen kleine Kunstartikel, bewirten gerne Gäste. Es ist, auch ohne Facebook, ein soziales Netz, das alle auffängt. Nur die Hebamme schaut ab und an auf ihr iPhone, das für sie ein Werkzeug ist: Sie notiert sich alle Daten der Schwangeren, kontrolliert, hilft und schenkt den Frauen Sicherheit, die früh ihre Kinder bekommen.

Premalatha wird lange Zeit nicht schwanger, es ist als ob der Alb ihrer Erinnerungen kein neues Leben duldet. Erst als sie ihren 30. Geburtstag feiert, schenkt sie einem Jungen das Leben: Er bekommt einen Namen, der schön klingen soll wie ein Wunder: Osanda. »Bei den Alten«, erzählt die Hebamme, »suchte man in den Namen einen Sinn, heute soll er einfach nur gut klingen – wie Osanda mit den drei Vokalen.«

Als ob der Alb die Mutter nicht aus seinen Fängen lassen will, verharrt Premalatha in ihrer Melancholie, hadert mit dem Schicksal als verspätete Mutter und plagt sich mit ihren Gedanken: Was denken die anderen Frauen über mich, die mit 30 und wenig später schon Großmütter sind? Premalatha weint, wenigstens das kann sie wieder.

Sie fühlt sich eigentlich nicht alt, nicht zu alt: Sie will lesen und schreiben lernen, das was alle im Dorf längst beherrschen. Sie träumt von einem eigenen Haus. Sie überwindet ihre Scheu und schließt sich Frauen an, die sich regelmäßig treffen und das trainieren, was wir Selbstbewusstsein nennen: Was kann ich? Was will ich? Wie komme ich zu einem eigenen Verdienst? Und vielleicht sogar: Wer bin ich? Das Kinderhilfswerk Plan Sri Lanka organisiert die Gruppe, in der Premalatha auch lesen und schreiben lernt, ganz langsam, mit über dreißig Jahren im Gepäck des Lebens.

Eine Liebe in Zeiten eines Bürgerkrieges, der eine Generation lang tobte und Hunderttausenden das Leben kostete, eine Liebe mit ein wenig Glück, mit ein wenig Hoffnung und mit den Schatten der Erinnerung, die wie dunkle Vögel durch die Träume fliegen. Was wir nüchtern ein Trauma nennen, sind diese Vögel.

Die Frau des Friseurs hat einen Sohn geboren und gab ihm einen schönen Namen, der wie Zukunft klingt und Hoffnung.

Paul-Josef Raue

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Weihnachten kam Nathanda

27. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Simbabwe: Einst die Korn­kammer Afrikas, gilt das Land nach 30 Jahren Diktatur unter Robert Mugabe als eines der ärmsten Länder der Welt. Gibt es Hoffnung unter dem neuen Präsidenten Emmerson Mnangagwa?

In den Dörfern, Familien und Schulen herrscht Gewalt – vor allem gegen Mädchen und Frauen. So ist die Telefonnummer 116 ein Zeichen für Hilfe und Hoffnung: Der Kinder-Notruf, den alle in Simbabwe kennen und den fast eine halbe Million Betroffene im Jahr nutzen.

Weihnachten sahen sie Nathanda zum ersten Mal, ein Mädchen, gerade mal 15 Jahre jung, ein einziges Bündel Angst. Drei Jahre lang hatten sie nur ihre Stimme gehört, manchmal zwanzig Mal am Tag. 116 hatte sie gewählt, diese Telefonnummer war Teil ihres Lebens geworden.

Wer 116 wählt, eine kostenlose Nummer, landet in einer Villa von Harare, in der einst ein britischer Offizier gewohnt haben mag. Da hieß Harare noch Salisbury, und Simbabwe war Teil der britischen Kolonie Rhodesien im Süden Afrikas. Harare ist heute die Hauptstadt von Simbabwe, des eigentlich reichen Landes, in dem viele Menschen arm sind.

»116 – a cry for help«, ein Schrei um Hilfe – ist der Slogan des Kinder-Notrufs Childline, bei dem landesweit 250 Mitarbeiter ehrenamtlich arbeiten und zuerst einmal zuhören –
wie bei Nathanda. Sie rief dort jahrelang an. Es war einer dieser erstickten Schreie von Menschen, die auf Hilfe hoffen, aber nicht den Mut finden, zu erzählen.

Drei Jahre nahm sie Anlauf

Drei Jahre lang versuchte sie es. Die Mitarbeiter, die sie über ihre Kopfhörer hörten, lockten sie, ermunterten sie: Was willst du, Nathanda? Was bedrückt dich? Wie können wir dir helfen? Dürfen wir dich besuchen? Nein. Nathanda weinte nur – manchmal zwanzig Mal am Tag.

Eines Tages öffneten sich plötzlich die Tore der Erinnerung. Nathanda rief an und erzählte von ihrem Onkel, der sie immer wieder vergewaltigt, schon seit Jahren, der sie schon vergewaltigt hatte, da war sie gerade mal zehn. Es ist die Geschichte von Zehntausenden in Simbawe, diesem Land der verlorenen Kinder.

Weihnachten kam sie endlich, hatte ihr schönes rotes Kleid angezogen, Weihnachten traute sich Nathanda zu der Villa im grünen Viertel von Harare. Sie schellte am Tor – und lief gleich wieder weg. Sie beobachtete das Haus aus sicherer Distanz, schellte wieder und lief davon. Die Mitarbeiter gingen auf die Straße, aber sahen nur das rote Kleid, das aus dem Versteck leuchtete.

Nach dem vierten Schellen kam sie ins Haus, erzählte die komplette Geschichte ihres Leidens; erzählte, dass sie weder aus noch ein weiß, seitdem ihr Onkel sie auch zur Prostitution zwinge. Die Mitarbeiter von Childline hören nicht nur zu, sie helfen. Sie führten auch Nathanda ins Leben zurück: Heute ist sie verheiratet und Mutter von Zwillingen. Sie hat die Dämonen der Vergangenheit verscheucht. Ihr Onkel ist zu 18 Jahren Zuchthaus verurteilt worden.

»Wir wissen, was im Land wirklich los ist«, sagt Maureen Kambarami von Childline, »wir sagen es auch öffentlich. Die Regierung nutzt unsere Statistiken.« Sie zeigt auf Säulen und Torten und Linien, die ausgedruckt an der Wand hängen. Statistiken der Schande.

Zuhören und helfen: In der Zentrale des Kinder-Notrufs nehmen Ehrenamtliche die Hilferufe der Kinder aus  dem ganzen Land auf und organisieren schnell Hilfe. Foto: Paul-Josef Raue

Zuhören und helfen: In der Zentrale des Kinder-Notrufs nehmen Ehrenamtliche die Hilferufe der Kinder aus dem ganzen Land auf und organisieren schnell Hilfe. Foto: Paul-Josef Raue

Fast 40 000 Anrufe allein im Dezember: Zwei von drei Anrufern berichten von Gewalt, am meisten von sexueller Gewalt, vor allem gegen Mädchen, aber auch von Prügel und Folter – selbst von versuchtem Mord wie am 3. Juni: Um 11.30 Uhr kam der Anruf aus einer abgelegenen Siedlung nahe Triangel, einem Dorf im Süden, wo es heiß ist und trocken: Ein Nachbar sieht, wie ein Mann mit einer Axt auf Peter, seinen Neffen, schlägt, wie von Sinnen. Der 14-jährige Peter blutet heftig, schreit. Ein Bein liegt, abgetrennt, auf dem Boden.

Der Notruf-Mitarbeiter alarmiert sofort die Ambulanz, die nur langsam auf den schlechten Straßen vorankommt. Was sie dann sieht, überfordert alle. »Was soll ich nur tun?«, ruft einer, fotografiert mit seinem Smartphone den blutüberströmten Kopf und das Bein und sendet das Bild zu einem Hospital in Harare. Er bekommt Rat übers Telefon, und der Krankenhaus-Chirurg sagt nachher: »Das Smartphone hat dem Jungen das Leben gerettet. So konnten wir der Ambulanz zeigen, wie sie mit dem Jungen umgehen sollen.« In der Nacht kommt Peter mit dem Flugzeug ins Hospital nach Harare. Nur langsam heilen die Wunden und Peter erzählt, er wolle gerne Lehrer werden.

Was war geschehen? Die Eltern, arme Leute, hatten Peter zu seinem Onkel geschickt, wo er als Hirte arbeiten konnte. Er spielt gerade draußen und hört, wie der Onkel mit seiner Cousine schimpft, die ihm einen Tee aufbrühen soll. Die Cousine läuft aus dem Haus, der Onkel verfolgt sie, sieht Peter und greift zur Axt.

Gewalt-Exzesse gegen Kinder und Frauen sind ein Tabu in Simbabwe: Man schaut weg, man spricht nicht über das, was in den Hütten nebenan passiert, man schmiedet ein Nachbarschafts-Schweige-Kartell, um den Zusammenhalt der Familie und des Dorfes nicht zu gefährden. Peters Onkel haben dann aber die Nachbarn aufgespürt und der Polizei übergeben und erzählt, dass er zuvor schon zwei andere Kinder misshandelt hatte.

Ein Gericht für die Kinder

»Es geht um Gerechtigkeit«, sagt Cletus Mhenhe, Richter in Mutasa. Er kennt die versteckte Gewalt in seinem Distrikt und will die Gesellschaft verändern, in der die Clans die Macht besitzen, in der Vetternwirtschaft herrscht und falsch verstandene Solidarität. Zivilcourage will der Richter fördern und die Angst besiegen: Die Täter sollen vor Gericht erscheinen, sie sollen bestraft werden und nicht weiter misshandeln und vergewaltigen.

Das Gesetz ist auf Seiten der Kinder, die Strafen für die Täter sind hoch. »Doch viele Fälle kommen erst gar nicht zu mir«, ahnt der Richter Mhenhe. Von seinem Gerichtsgebäude, auf einem Hügel gelegen, schauen Gerechte wie Ungerechte in eine idyllische fruchtbare Gebirgslandschaft mit Seen und Wäldern. Der Richter hatte einen Traum: Ein neues Gericht in der Provinz, damit Täter, Opfer und Zeugen – oft zusammen – nicht mehr den einzigen Bus zum Gericht in der Distrikthauptstadt nehmen müssen.

Sein Traum wird wahr, und er ist zufrieden – nicht, weil er eine eigene Dusche hat und eine eigene moderne Toilette, sondern wegen eines kleinen Zimmers mit Spielsachen neben seinem Richtertisch. Es ist durch eine Glasscheibe abgetrennt, dahinter spielen die Kinder, die gedemütigt wurden, misshandelt, gefoltert, vergewaltigt, meist von Verwandten und Freunden. Hier erzählen sie dem Richter während der Verhandlung, was sie erlebt haben – ohne ihren Vergewaltiger zu sehen, zu hören, ohne seine Nähe
zu spüren.

»Das Gericht nahe dem Tatort ist so sinnvoll«, sagt Richter Mhenhe, »die Verhandlungen können schnell nach der Tat stattfinden, denn Kinder vergessen schnell. Die Nachbarn, das Dorf, die Gemeinschaft haben kurze Wege und schauen der Verhandlung zu: Das stärkt sie, das ermuntert sie, nicht mehr zu allem zu schweigen. Es geht um Gerechtigkeit.« So viele Fälle wie in den vergangenen zwei Jahren hat er noch nie verhandelt.

Paul-Josef Raue

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Luthers Erben in Namibia

30. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Lutherische Weltbund lädt im 500. Jahr der Reformation  zu seiner Vollversammlung nach Namibia ein. Ein Land, das eng mit der deutschen Geschichte verbunden ist.

Für Gewehre gibt es einen eigenen Schalter auf dem internationalen Flughafen von Windhuk. Die Großwildjäger, laut und schulterklopfend, hatten schon auf dem Zehn-Stunden-Flug nach Namibia von der Lodge geschwärmt, die so schön sei und romantisch wie im Film »Jenseits von Afrika«.

Als sie in die Halle des Flughafens kommen, staunen sie, als wäre schon Weihnachten: Ein großer Chor singt »Ein feste Burg«, so kräftig, dass es ihnen in die Glieder fährt und die Gewehre von den Schultern rutschen. Was für ein Empfang!

Doch der gilt nicht ihnen, sondern einer Delegation der befreundeten braunschweigischen Landeskirche. Domprediger Joachim Hempel erinnert sich an die christlichen Umarmungen ebenso wie an die verstörten Jäger-Gesichter – deren Weltbild nicht mehr passt: Sind wir wirklich in Afrika?

Konfirmation in der Hosianna-Kirche von Windhuk – festlich gekleidete Jugendliche, umrahmt von zweitausend betenden Gemeindemitgliedern. Foto: Paul-Josef Raue

Konfirmation in der Hosianna-Kirche von Windhuk – festlich gekleidete Jugendliche, umrahmt von zweitausend betenden Gemeindemitgliedern. Foto: Paul-Josef Raue

Da stimmt kein Vorurteil mehr: Weder das romantische aus dem Kino vom Leben neben Löwenpaaren und schwarzen Hausdienern noch das politische der Tagesschau von Muslimen, die Deutschland überfremden wollen. Afrika ist anders, auch im Glauben: Auf dem Kontinent, den wir den schwarzen nennen, bekennen sich mehr Menschen zu Christus als zu Mohammed.

Ein Sonntagmorgen in der großen Hosianna-Kirche am Rande von Windhuk: Der Parkplatz ist überfüllt, Ordner weisen ein, Tausend Menschen in der Kirche, Tausend draußen – und ein ständiger Wechsel. Die Kirche ist der wöchentliche Treffpunkt.

Die Frauen, besonders die jungen, haben sich chic gemacht mit bunten Gewändern, weißen Spitzen und fantastischen Hüten, man hört die Predigt, singt im Chor Bachs »O Haupt voll Blut und Wunden«, empfängt das Abendmahl, geht immer wieder nach draußen, um mit Bekannten und Freunden zu reden, und reiht sich in eine lange Schlange ein: Vor dem Altar werden, unter den Blicken der Pfarrer, zwei große Körbe aufgestellt, die schnell mit Geldscheinen gefüllt sind – ein Korb für ein Projekt, der zweite für die Pfarrer und die Arbeit in der Gemeinde. Kirchensteuer auf namibisch.

Nach gut fünf Stunden liest einer der Pfarrer die Liste aller Mitwirkenden vor: Der Abspann wie am Ende eines guten Films – fünf Stunden Gottes– und Menschendienst an einem sonnigen Sonntag in Windhuk.

Namibia ist ein weites Land mit großen Wüsten und wenig Wasser; auf einer Fläche doppelt so groß wie Deutschland leben weniger Menschen als in Berlin. Namibia ist eine Demokratie, repräsentativ, vorbildlich in Afrika, aber trotzdem noch ein zerrissenes Land: Der Riss zwischen Schwarz und Weiß geht auch quer durch die drei lutherischen Kirchen: Die Einheit ist das Ziel, aber ein zähes Projekt, das immerhin schon eine gemeinsame Pastoren-Ausbildung kennt.

Die kleinste der Kirchen ist die deutsche, es ist die Kirche der ehemaligen Kolonialmacht. Die Missionare Luthers baten Bismarck um Schutz und Hilfe; der bat die Engländer um militärischen Schutz, bekam als Antwort: Nein, jede Macht kümmert sich um die eigenen Leute.

Das Deutsche Reich schickte Soldaten, erst wenige zum Schutz der Missionare, später 15 000, die den Stamm der Hereros vernichteten. Zum ersten Völkermord des zwanzigsten Jahrhunderts bekannte sich die deutsche Regierung erst vor einem Jahr.

Wessen Hautfarbe schwarz war, den schützten die Deutschen nicht, auch nicht, als die südafrikanischen Besatzer die Apartheid rigoros durchsetzten. Der Lutherische Weltbund suspendierte sogar die deutsche Kirche in Namibia und unterstützte den Freiheitskampf der Swapo.

Die Geschichte Namibias war eine deutsche Geschichte, und sie ist es bis heute. Wer auf der Autobahn von Windhuk an die Atlantik-Küste fährt, sieht am Straßenrand Menschen, die Steine auf Autos werfen: Die Struggle Kids, die Kinder des Kampfes.

Die »Allgemeine«, seit hundert Jahren die deutschsprachige Zeitung, zeigte vor wenigen Monaten ein Foto mit diesen Kindern, die eine Faust in den Himmel recken und die Autobahn blockieren. Die DDR hatte den von der Swapo aus verschiedenen Flüchtlingslagern zusammengezogenen Kindern in den siebziger Jahren Asyl gewährt, in den dunkelsten Jahren der Apartheid.

Kurz nachdem in Deutschland die Mauer gefallen war, bekam Namibia die Unabhängigkeit: Die Struggle-Kids hatten in Deutschland keine Zukunft mehr, und in Namibia waren sie die Fremden, die schwarzen Deutschen. Sogar mit eigener Sprache, dem Oshi-Deutsch, einer Mischung aus Deutsch und Oshivambo. Auch wenn sie, meist arbeitslos, nur eine kleine radikale Gruppe bilden, sind sie typisch für die Konflikte Namibias.

Die über Jahrhunderte unterdrückten Schwarzen fordern von ihrer Regierung nicht nur Mitleid, sondern auch Landbesitz, fordern Farmen, die zum großen Teil immer noch den Weißen gehören. Die Regierung zögert, will die Fehler wie im Nachbarland Simbabwe vermeiden: Dort hat die gewaltsame Enteignung die Landwirtschaft zusammenbrechen lassen. Namibia versucht den Ausgleich, der allen die Zukunft sichern soll. So wächst mit Namibianern, deren Herkunft deutsch ist, eine neue Farmergeneration heran.

Die Deutschen sind da, sie sind friedlich, haben eine eigene Kirche und einen eigenen Bischof, sie sind die Wohlhabenden im Land, die Farmer, Handwerker, Unternehmer – auch wenn mit Calle Schletwein, dem Finanzminister, nur ein Weißer in der Regierung sitzt. In Windhuk flaniert man durch die Genscher-Straße oder wohnt im Thüringer Hof; der Besuch des Museums von Swakopmund an der Küste ist wie ein Spaziergang durch die deutsche Geschichte.

Im kommenden Jahr, dem Lutherjahr, wird die Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes nicht in Wittenberg tagen, sondern in Namibia – als Zeichen für die Weltoffenheit der Erben Luthers. Die deutschen Lutheraner werden sich dann das Flugzeug teilen mit den Großwildjägern, und gemeinsam werden sie wohl auch mit »Ein feste Burg« empfangen werden.

Paul-Josef Raue

Der Lutherische Weltbund (LWB) ist der Dachverband von weltweit 142 lutherischen Kirchen mit mehr als 72 Millionen Mitgliedern. Er wurde 1947 im schwedischen Lund gegründet. Das höchste Gremium des LWB ist die Vollversammlung, die in der Regel alle sechs Jahre zusammentritt.

Die 12. Vollversammlung kommt vom 13. bis 18. Juni in Namibias Hauptstadt Windhuk zusammen. Sie soll im 500. Jahr der Reformation »die ökumenische und globale Dimension der Reformation hervorheben«, wie der LWB betont.

Das Leitwort der Vollversammlung lautet »Befreit durch Gottes Gnade«. Es soll bei der Tagung in drei Unterthemen entfaltet werden: »Erlösung – für Geld nicht zu haben«, »Menschen – für Geld nicht zu haben« und »Schöpfung – für Geld nicht zu haben«

Mitgliedskirchen aus Deutschland:
Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern, Evangelisch-Lutherische Landeskirche in Braunschweig, Evangelisch-Lutherische Landeskirche Hannovers, Evangelische Kirche in Mitteldeutschland, Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland, Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens, Evangelisch-Lutherische Landeskirche Schaumburg-Lippe, Evangelisch-Lutherische Kirche in Oldenburg, Evangelische Landeskirche in Württemberg, die Lutherische Klasse der Lippischen Landeskirche, Evangelisch-Lutherische Kirche in Baden