»Ich habe ihn verraten und verkauft«

19. März 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Judas2

Eine theologische Reflexion über den Verrat des Judas


Das Thema »Verrat« ist im Christentum geprägt vom Verrat des Judas. In der Passionszeit wollen wir uns von verschiedenen Seiten dem Phänomen nähern.

Verraten und verkauft« – eine gängige Redensart. Seit wann sie im Deutschen vorkommt, ist unsicher. Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen (1622–1676) schreibt nach dem Dreißigjährigen Krieg in seinem Schelmenroman »Simplicissimus«: »Ein gebohrner ehrlicher Teutscher weiß im Kriege nicht, ob er verrathen oder verkaufft, ob er unter Narren oder Klugen sitze.«

Wo immer allerdings die Wörter »verraten und verkauft« im Neuen Testament und in der Kirchengeschichte vorkommen, sind sie geprägt vom Verrat des Judas. Dieser Verrat übertrifft nach Meinung Unzähliger alles. Was ist sein »Verrat«? Es ist der Bruch des Vertrauensverhältnisses zu einem Freund, Vernichtung des Vertrauens durch eine Handlung, die allem widerspricht, was Judas an Gutem mit seinem HERRN erfahren hatte. Dieser Verrat vollzieht sich durch ­Judas’ Zusage an die Mitglieder des Hohen Rates, er werde gegen »Judaslohn« Jesus denunzieren und seinen Häschern zeigen, wo sie ihn würden verhaften können.

Die Untat des Judas gipfelt in einem Kuss. Dieser gilt bis heute als ­äußerster Akt der Abscheulichkeit, obwohl es in der Geschichte der Kirche auch andere Verratstaten gegeben hat, die an den Judas-Kuss heranreichen. Auch in der Geschichte meiner eigenen Konfession gibt es die Tat eines ungeheuerlichen Verrats – nämlich im reformierten Genf:
Am 6. Oktober 1553 verbrennt dort der Arzt und »Ketzer« Michael Servet, weil Johannes Calvin ihn – Servet vertritt unangepasste Überzeugungen in der Trinitätslehre – an den Rat Genfs überführt und verrät. Calvin bekommt kein Geld dafür. Aber das ist auch schon das »Beste«, was man über seine Rolle bei dieser Schande sagen kann. Und das Ganze lässt sich – bei all meiner Verehrung für den großen Theologen – nicht schönreden.

Der Jünger Judas aber verrät und verkauft Jesus an den Hohen Rat für 30 Silberstücke. So sorgt er dafür, dass Jesus im ursprünglichen Sinne »verraten und verkauft« wird. Weil er seine Tat rückgängig machen will, erhängt er sich in äußerster Verzweiflung – der Legende nach – am »Judasbaum«.

Nun jedoch wird oft übergangen, was zwischen dem Verrat und dem Selbstmord des Judas eigentlich geschieht, nämlich ein Akt ungeheuchelter Reue: »Judas packte die Reue.« Er bringt die 30 Silberstücke zu den führenden Priestern und Ratsältesten zurück und sagt: ›Ich habe große Schuld auf mich geladen. Ein Unschuldiger wird getötet, und ich habe ihn verraten und verkauft.‹« (Matthäus, 27,3+4).

In der Enttäuschung über die Tat des Judas, in seiner Verfemung als größter Verbrecher wird oft dieses Ende seiner Schande nicht mehr wahrgenommen. Man muss nämlich dem Verräter Judas zumindest zugutehalten:
Er ist der Einzige, der als Beteiligter in der Passion Jesu und am Justizmord erkennt, dass Jesus gänzlich verraten und verkauft wird und dass ihm darin schwerstes Unrecht geschieht. Und er ist der Einzige, der diese Schuld einsieht und öffentlich bekennt. Ja, Judas allein kehrt um von dem Irrtum und der Untat, in die er sich verstrickt hat. Er bereut. Von keinem sonst, die mitverantwortlich waren am Leiden und Sterben Jesu, wird das gesagt. Die Jünger fliehen. Petrus ist feige – »und weint dann heftig«. Pilatus waltet seines Amtes genauso wie die Hohenpriester. Das Volk gafft und schreit. Nur von Judas heißt es: »Es packte ihn die Reue.«

Und die Reue des Judas über seinen Verrat bleibt nicht folgenlos. Er steht ein für das, was er getan hat. Er spricht aus, was uns allen auszusprechen so schwerfällt: »Ich habe Schuld auf mich geladen.« Keine abmildernde Entschuldigung! Nein, er benennt das Verbrechen, wie es kein Richter schärfer benennen könnte: »Ich habe ihn verraten und verkauft.«

Damit spricht er als Einziger die Wahrheit im Prozess aus: »Ein Unschuldiger wird getötet.« Und dann vollzieht Judas an sich selbst das ­Urteil, das nach jüdischem Recht über den zu verhängen ist, der eine falsche Anklage erhoben hat. Er erhängt sich selbst. Denn falsche Ankläger sollen mit derselben Strafe bestraft werden, die sie über den bringen wollten, den sie angeschuldigt haben.

Dieser Suizidant weiß nicht, dass an diesem Tag ein anderer für ihn und seine Schuld sterben wird. Er kann das Leiden, den Tod Jesu nicht umkehren, nicht aufhalten. Er kann es nicht verhindern, dass Jesus auch für ihn stirbt. So ist auch Judas nicht verloren in Ewigkeit. Und wenn er in Ewigkeit vor Gott nicht verloren ist, wen dürften wir dann heute verloren geben, verraten und verkaufen? Nicht einmal uns selbst.

Rolf Wischnath


Der Autor war Generalsuperintendent für den Sprengel Cottbus (1995–2004). Er lehrt an der Universität Bielefeld Systematische Theologie.

»Ich kann dich gut leiden«

19. März 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

"In der Passion ist Gott unser Sympathisant" Foto: BilderBox.com

Ich kann dich gut leiden«, sagen wir, wenn wir jemanden gernhaben. Ich lasse mir dich angehen, mich betreffen von dem, was dich trifft. Bin interessiert an deinem Leben und nehme mir deine Not zu Herzen. Ja, ich lasse mich von dir in Mitleidenschaft ziehen, will nicht apathisch sein, will es lernen, mit dir zu fühlen.

»Ich kann dich gut leiden« – die Passionszeit erinnert Jahr für Jahr ­daran, dass Gott der Welt diese Sympathieerklärung gemacht hat, nicht nur mit Worten, sondern leibhaftig. In Jesus von Nazareth wird Gott zum ­irdischen Sympathisanten der Schöpfung. Diese leibhaftige göttliche Leidenschaft verbindet der Hebräerbrief, in dem auch der Predigttext für den Sonntag »Judika« steht, mit einem ­Beruf, der aus der Geschichte Israels vertraut ist: Jesus ist »der große Hohepriester«. Was aber hat es mit diesem Amt auf sich?

Wer als Hohepriester in Israel amtiert, steht stellvertretend für andere vor Gott. Von seinem Dienst hängt es ab, ob sein Volk unbeschwert in die Zukunft gehen kann oder belastet bleibt von seiner Schuld. Mit seinen Opfergaben resozialisiert er sein Volk Gott gegenüber und untereinander. Einen solchen Versöhnungsdienst kann nur ausüben, wer mitfühlt mit der Schwäche seiner Mitmenschen, wer mitleidet an ihren Fehlern und Irrwegen, betroffen ist von ihrer Schuld.

Aber muss ein Priester denn nicht von Natur aus mitfühlend sein? Er ist ja auch nur ein Mensch, unvollkommen wie wir alle, bedürftig der Vergebung. Wie sollte, wer um sein eigenes Unvermögen weiß, nicht Mitgefühl für andere haben?!

Doch genau dies gilt für Jesus nicht: Er, der Mensch gewordene ­Gottessohn, hat ja von Haus aus keine Erfahrung mit Schuld und Sünde, kennt keine Schwäche am eigenen Leib, ist selbst frei von allem Bösen. Wird er von Gott berufen, Hohepriester zu sein, also Sympathisant von Amts wegen, dann setzt dies einen bisher ungekannten Lernprozess voraus. Was er nicht aus eigener Verschuldung und Bedürftigkeit kennt, muss er zuallererst erlernen, indem er sich ganz und gar betroffen machen lässt vom Leiden derer, für die er eintritt und denen er dient. Jesus lernt bitten und flehen, weinen und schreien, seufzen und klagen. Jesus entlässt Gott nicht aus der Verantwortung für die Not der Welt, sondern zieht Gott in Mitleidenschaft.

Und so übt Gott selbst in Jesus ­hohepriesterliche Sympathie, erfährt am eigenen Leib eine Passion, die ­tiefer geht als je das Mitleiden eines anderen Priesters. Denn in diesem priesterlichen Dienst wird der Opferer selbst zum Opfer. Die Mitleidensfähigkeit dieses Hohepriesters, seine Selbstbetroffenheit durch frem­de Not, reicht bis zur eigenen Lebenshingabe.

Jesus gibt sein Leben hin, damit es nie wieder eines Opfers für die Verfehlungen bedarf, damit ein für alle Mal der Abgrund zwischen Gott und Mensch, den die Sünde gerissen hat, überbrückt ist, damit nie wieder ein Mensch sich aufopfern muss.
Mit dieser Sühnopferdeutung des Kreuzestodes Jesu ist unendlich viel Schindluder getrieben worden: Statt das Ende aller Opfer im Namen Gottes zu feiern, machten Passionslieder aus dem Bekenntnis zur Lebenshingabe Jesu eine knechtende Lehre, zwangen Menschen in die Opferrolle und ins Leiden: »Ich will ans Kreuz mich schlagen …« Statt dazu zu verhelfen, Unterdrückungssituationen aufzudecken und Unrecht beim Namen zu nennen, verschleierten Karfreitagspredigten menschenunwürdige Lebensverhältnisse oder gaben sie gar als gottgewollt aus. Muss es da noch verwundern, wenn manche Zeitgenossen freimütig bekennen: »Für mich hätte er nicht sterben brauchen!«?

Hätte Gott, so fragen sich manche, die Befreiung der Menschen nicht auch anders bewerkstelligen können? Wäre es nicht auch ohne diese stellvertretende Lebenshingabe gegangen? Wenn es uns überhaupt möglich ist, auf diese Fragen eine Antwort zu geben, dann muss sie wohl lauten: Es geschah um all’ der anderen Opfer willen, um ihrer Anerkennung und Würdigung und Heilung willen, dass Gott sich in der Person des eigenen Sohnes selbst in die Opferrolle begibt, dass ihm wie ihnen angst und bange ums Herz ist, dass er wie sie weint und schreit, klagt und fleht. Gott wird in ­Jesus selbst zum Opfer, um alle, die unter die Räder gekommen sind, zurechtzubringen und zu heilen.

Magdalene L. Frettlöh

Die Autorin ist promovierte Theologin und Rektorin des Kirchlichen Fernunterrichts der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und Privatdozentin für Systematische Theologie an der Ruhr-Univer­sität Bochum.

Literaturempfehlungen

• Frettlöh, Magdalene L.: Worte sind Lebensmittel, Kirchlich-theologische Alltagskost,
EREV-RAV, 193 S., ISBN 978-3-932810-38-1, 16,00 Euro

• Frettlöh, Magdalene L.: Gott, wo bist du? Kirchlich-theologische Alltagskost Band 2,
EREV-RAV, 240 S., ISBN 978-3-932810-43-5, 16,00 Euro

• Frettlöh, Magdalene L./Knigge, Volkhard: Wo war Gott in Buchenwald?
Wartburg Verlag, 40 S., ISBN 978-3-86160-237-8, 5,00 Euro

Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: ­Telefon (03643) 246161