»Meine Passion ist der Mensch«

24. März 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Bibel: Der Maler Gert Weber erlebte, zur Kirche kommt man über die Kunst

Im Themenjahr »Bild und Bibel« stellen wir zeitgenössische bildende Künstler dar, die sich mit dem christlichen Glauben auseinandersetzen. Ein Besuch im Atelier des Gräfenhainer Malers und Grafikers Gert Weber

Zunächst wirkt die Kraft der brillanten Farben: Violett, Türkis, Rot, Gold. Auf den zweiten Blick ist ein Gesicht zu erkennen – mit einer Dornenkrone – goldfarben. Sie identifiziert die Gestalt als Christus. Dornen! Menschen bilden das Dornengeflecht. »Wir sind es, die den Christus gekreuzigt haben«, sagt der Schöpfer dieses Bildes, der Maler und Grafiker Gert Weber, 1951 in Gräfenhain am Fuße des Thüringer Waldes geboren, wo er heute lebt. Die vielschichtige Botschaft dieser Christusdarstellung, für die Paul Gerhardts Passionslied »O Haupt voll Blut und Wunden« Pate stand, offenbart sich erst beim intensiven Hinschauen. Ein solches Bild, hinter dem viele Gedanken zu lesen sind, entsteht zuerst im Kopf des Künstlers. »Das ist ein ganz langer Prozess.« Er dauert über Jahre. »Und dann kommt es geflossen.«

Eine Affinität zu religiösen Themen hat Weber schon immer. »Zur Kirche kommt man über die Kunst.« Als Kind sieht er eine Reproduktion des Isenheimer Altars und ist nachhaltig von dem Werk Matthias Grünewalds, einer seiner »Lehrmeister«, beeindruckt. Als 12-Jähriger fängt er an zu malen, sodass automatisch der Wunsch entsteht, Künstler zu werden, ein Beruf, von dem er sich verspricht, in Freiheit arbeiten zu können. Mit dem »verlogenen« DDR-System will er nichts zu tun haben. Wenn er nicht hätte Kunst studieren können, wäre Theologie für ihn eine Alternative gewesen. Als Maler findet er sein Wirkungsfeld in der Kirche. Hier erhält er Aufträge und Präsentationsmöglichkeiten.

Gert Weber, 1951 in Gräfenhain geboren, in seinem Atelier vor einem seiner Gemälde. Foto: Sabine Kuschel

Gert Weber, 1951 in Gräfenhain geboren, in seinem Atelier vor einem seiner Gemälde. Foto: Sabine Kuschel

Sein Werdegang verläuft nicht geradlinig. Die Aufnahmeprüfung an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden besteht er ad hoc. Als er 1974 – nach der Armee – das Studium in Dresden aufnimmt, hat er die Nase vom Militär voll. Doch an jeder sozialistischen Hochschule der DDR gehört zum Studium eine militärische Ausbildung, drei Monate Feldlager. Als ihm das klar wird, gehen bei ihm die Alarmglocken an. Bloß das nicht! Was tun? Hinzu kommt, das Konzept der Dresdner Einrichtung sagt ihm überhaupt nicht zu. »Rot verseucht«, die künstlerische Ausbildung nur an der alten Schule orientiert, europäische Moderne wurde nicht gelehrt. »Wenn du hier bleibst, wirst du verbogen«, denkt er. Eine Nacht sitzt der junge Mann am Dresdner Elbufer. Heute vergleicht Weber die Situation mit der biblischen Szene im Garten Gethsemane. Er schaut auf den Fluss und trifft eine Entscheidung. Die Elbe fließt. Diese Riesenchance, von 150 Bewerbern an der Kunsthochschule angenommen zu sein, er wirft sie ins Wasser, schmeißt das Studium und macht sich auf den Weg nach Friedrichroda, zu Werner Schubert-Deister, Maler, Grafiker, Bildhauer und Musiker, gefördert von Elisabeth Voigt, einer Meisterschülerin von Käthe Kollwitz. »Ein Außenseiter und universeller Geist, der mehr zu geben hatte als die meisten bestellten Lehrkräfte an den Kunsthochschulen«, so beschreibt Weber den Künstler, der in der DDR keine Chance hatte. Er schuf viel für die katholische Kirche. Zwei Jahre ist Weber bei ihm Schüler und Mitarbeiter. Danach empfiehlt ihm Schubert-Deister, er solle als freischaffender Maler dem Verband Bildender Künstler (VBK) beitreten. Ohne Studienabschluss aussichtslos. Also studiert Weber von 1976 bis 1980 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig.

Nach dem Studium gilt es, den eigenen Weg zu finden. Er schwankt zunächst, wie er sagt, zwischen der Leipziger Schule und der von Schubert-Deister, also zwischen der altmeisterlichen figürlichen Arbeit und der abstrakten Kunst. »Bis ich gemerkt habe, meine Passion ist der Mensch.«

»Kreuzabnahme« von Gert Weber, Tuschezeichnung über Holzschnitt. Fotos: Gert Weber

»Kreuzabnahme« von Gert Weber, Tuschezeichnung über Holzschnitt. Foto: Gert Weber

In seinem Werk finden sich Häftlinge, Menschen auf dem Todesmarsch, Köpfe, Gesichter, in denen Angst, Erschrecken und Leid erkennbar sind. Was zieht den Maler, der den Krieg nur aus Erzählungen kennt, zu diesen schweren Themen? Seine Sensibilität hierfür erklärt sich Weber mit der Geschichte seiner Familie. »Die hat mich geprägt.« Seine Mutter und deren Eltern sind aus Ostpreußen geflohen und in russische Gefangenschaft geraten. Die Mutter war drei Jahre in Sibirien. Nachdem sie freikommt, bleibt die Zeit unter einem dicken Mantel des Schweigens verborgen. Ein Tabuthema, gleichwohl immer präsent. Allerdings hält der Künstler in seinen Todesmärschen nicht nur Vergangenes fest, sondern auch das aktuelle Geschehen: Menschen, die vor Elend und Krieg in ihrer Heimat nach Deutschland fliehen.

Persönliche Erfahrungen eines Ausgestoßenen, Geächteten sind dem Maler nicht fremd. Er ist in der DDR zwar Mitglied im VBK, Aufträge bekommt er jedoch nicht. Er wird geschnitten. Dass das mit seiner Beziehung zu Schubert-Deister zusammenhängt, der gedemütigt und drangsaliert wurde und daher zu jener Zeit einen Ausreiseantrag gestellt hatte, wird ihm erst später deutlich. Auch Weber wird aus dem Verband Bildender Künstler ausgeschlossen. Bemerkenswerterweise, oder wie er kommentiert »kurioserweise« in der Phase, in der er sich als Künstler gefunden hatte. Die Bilder, die damals auf Ablehnung stießen, hängen heute nach seinen Worten in den großen Galerien, wie zum Beispiel im Deutschen Historischen Museum in Berlin. Nach dem Rausschmiss aus dem Verband muss sich die Familie, er, Frau und Kind, zwei Jahre über Wasser halten. Eine harte Zeit. 1986 steigt er wieder ein. In seine Ausstellung in der Jenaer Michaeliskirche kommen mehr Besucher als in jede andere Schau. Unter den Einträgen ins Gästebuch findet sich sogar ein Besucher aus New York.

»Kreuzigung – immer wieder« – Pastell und Tuschezeichnung von Gert Weber.

»Kreuzigung – immer wieder« – Pastell und Tuschezeichnung von Gert Weber. Foto: Gert Weber

Einige Beispiele seines umfangreichen Werkes. 2002 gewinnt er den Wettbewerb um die Gestaltung des Raumes der Stille im Thüringer Landtag Erfurt. Ebenso konzipiert er nach der Wende den Raum der Stille in der Evangelischen Grundschule Gotha. Er schuf das Deckengemälde in der Kirche im hessischen Reichensachsen. Zu seinen Aufträgen gehörte die Gestaltung von Glocken für verschiedene Kirchen. Derzeit beschäftigt sich der Künstler mit den Fenstern der Kirche in Stotternheim. Pfingsten sollen sie fertig zu sein.

Auf der Suche nach der eigenen künstlerischen Form erhält er den Rat: »Lies die Bibel und Dostojewski. Daran habe ich mich gehalten.« Die Beschäftigung mit dieser Art Literatur hat offenbar seine künstlerische Entwicklung beflügelt – und sein Schaffen trägt Früchte. Wie Dostojewski in seinen Romanen ein Spiegelbild der menschlichen Seele darstellt, so geht es Weber darum, seine Bilder zu beseelen. Ihnen einen Funken einzuverleiben, der es vermag, die Menschen zu berühren.

Sabine Kuschel

www.webbs-online.de

Staunen auf der »Via Sacra«

4. Februar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Reise: Sakrale Bauwerke und Kunstschätze im deutsch-polnisch-tschechischen Dreiländereck

Jeder kennt Dresden, Prag und Breslau, viele haben diese Städte auch schon ­einmal besucht – doch die Region dazwischen ist ­un­bekanntes Land. Ganz zu Unrecht, wie eine Reise auf der »Via Sacra« im ­deutsch-polnisch-tschechischen Dreiländereck zeigt.

Eine große Fachwerkscheune, würde ein ahnungsloser Passant denken. Irritierend nur dieser Turm, der seitlich angebaut ist. Scheune? Nichts da. Eine Kirche. Und was für eine.

Rückblende. Nach dem Dreißigjährigen Krieg leben in Jauer – polnisch: Jawor – 150 Menschen; davor waren es 1400. Im Westfälischen Frieden 1648 werden den Protestanten im nun katholischen Schlesien drei eigene Kirchen zugestanden, die sogenannten Friedenskirchen. Unter Auflagen freilich: Steine dürfen nicht verwendet werden, Türme und Glocken sind verboten, gebaut werden muss außerhalb der schützenden Stadtmauern.

Die Friedenskirche in Jauer sieht von außen wie eine große Scheune aus, der Raumeindruck innen ist überwältigend. Fotos:MGO/ René Tech

Die Friedenskirche in Jauer sieht von außen wie eine große Scheune aus, der Raumeindruck innen ist überwältigend. Fotos:MGO/ René Tech

Die Friedenskirche in Jauer ist eine der beiden bis heute erhaltenen. Wäre der – später angefügte – Turm nicht, deutete von außen nichts auf das, was einen drinnen erwartet. Die Kassettendecke in 16 Metern Höhe schließt den Raum nach oben ab, an den Brüstungen der vier umlaufenden Emporen finden sich rund 200 Bildfelder, die meisten zeigen biblische Szenen. Sehenswert auch Kanzel, Hochaltar und Orgel – staunen aber macht vor allem der überwältigende Raumeindruck dieses Gotteshauses, das seit 2001 zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt.

2500 Sitz- und 3500 Stehplätze ­bietet die Kirche, informiert die Tonbandführung in deutscher Sprache. Nicht genug – sonntags seien oft 15000 Gläubige gekommen. »Ich habe nachgelesen«, korrigiert Tomasz Stawiak, »es waren bis zu 18000.« Sie kamen von weither, fügt der Pastor der heute recht kleinen evangelischen ­Gemeinde von Jauer hinzu: »Manche brauchten sieben Stunden – für einen Weg!«

Ortswechsel. Farbenfrohe Gewölbegemälde, riesige Kronleuchter, eine reich verzierte Kanzel. Und dann diese gewaltige Orgel über dem grandiosen Hochaltar – das soll ein evangelisches Gotteshaus sein?

Nun, die Gnadenkirche zum Heiligen Kreuz im polnischen Jelenia Góra – deutsch: Hirschberg – ist zwar nach dem Zweiten Weltkrieg den Katholiken übertragen worden, doch sie wurde als protestantisches Gotteshaus erbaut. 1707 durften in Schlesien sechs weitere evangelische Kirchen gebaut werden – eine »Gnade« des Kaisers, weshalb sie Gnadenkirchen heißen.

Unten dunkel, oben hell und licht

Die Hirschberger Gnadenkirche bietet mit ihren zweigeschossigen Emporen über 4000 Gläubigen Platz. Verglichen mit den üblicherweise eher schmucklosen protestantischen Kirchen, erscheint die barocke Pracht in der Tat außergewöhnlich. Aber so hat es den Schlesiern gefallen, gelten sie doch als gefühlsbetonte Menschen, der Innerlichkeit und der Mystik zugeneigt.

Hirschbergs Gnaden- und Jauers Friedenskirche sind zwei der vier polnischen Stationen auf der »Via Sacra«, zu der außerdem vier Stätten in Tschechien und acht in Deutschland gehören. Die Kulturroute durch die Oberlausitz, Niederschlesien und Nordböhmen führt zu sakralen Bauten und Kunstwerken von europäischem Rang. Vier kirchliche Tagungs- und Bildungshäuser in Herrnhut, Markersdorf und Ostritz haben sich jetzt zusammengetan und bieten Reisenden das adäquate Quartier für Touren auf der »Via Sacra« an.

Das passt schon deshalb gut, weil die Route mit dem Slogan »Reisen ohne Grenzen. Durch die Jahrhunderte. Zur Besinnung« wirbt. Das Stichwort Besinnung ist ernst gemeint: »Wir wollen nicht, dass der Reiseleiter mit der Uhr am Bus steht und die Leute zur Eile antreibt«, sagt Volker Dudeck. Der ehemalige Direktor der Städtischen Museen Zittau ist der Initiator der »Via Sacra«.

Zur Besinnung kommen kann der Besucher zum Beispiel am Heiligen Grab in Görlitz. Die Andachtsstätte wurde vor gut 500 Jahren vor den ­Toren der Altstadt auf einer Anhöhe angelegt, wo Hingerichtete beerdigt worden waren. 33 Stufen – für die 33 Lebensjahre Jesu – führen hinauf zu den drei Linden, die für die drei Kreuze auf Golgatha stehen.

Dahinter erhebt sich die zweigeschossige Kreuzkapelle. Theologie in Stein: unten die Adamskapelle, ein dunkler, gedrückt wirkender Raum; ein Riss in der Mauer hinter dem Altar stellt die einzige Verbindung zur nur von außen zugänglichen Golgatha­kapelle darüber dar – in diesem ­hellen, lichten Raum finden sich drei Löcher für die Kreuzesstämme und eine Rinne seitlich des mittleren Lochs, die symbolisch das Blut Jesu auffängt und in den Spalt zur Adamskapelle mündet.

Ein Salbhaus und die Nachbildung des Jerusalemer Grabes Christi vervollständigen die Anlage, an die sich ein Hügelgelände anschließt: der ­Ölberg mit dem Garten Gethsemane. Dieses »Lausitzer Jerusalem« lädt tatsächlich zu Andacht und Meditation ein – durchaus im Unterschied zu den originalen Orten in Jerusalem.

Die Wallfahrtskirche Maria Heimsuchung im tschechischen Hejnice (Haindorf) mit dem Feldaltar Wallensteins, Deutschlands ältestes Zisterzienserinnenkloster St. Marienthal oder die Herrnhuter Brüdergemeine – viele der 16 Stationen der »Via Sacra« lohnen einen ausgiebigeren Besuch. Nicht zu vergessen die Zittauer Fastentücher.

Das kleine ist die größere Rarität. Von seiner Art gibt es weltweit nur sieben Exemplare. Zudem gilt es als das einzige, das je von einer evangelischen Gemeinde in Auftrag gegeben wurde, obwohl doch Martin Luther Fastentücher für »Gaukelwerk« hielt.

Zur »Via Sacra« zählen 16 Kulturstätten in drei Ländern.

Zur »Via Sacra« zählen 16 Kulturstätten in drei Ländern.

Das große, seit 1999 in der ehemaligen Kirche zum Heiligen Kreuz ausgestellt, zieht alljährlich um die 30000 Besucher an. 1472 entstanden, verhüllte es 200 Jahre lang in der Fastenzeit den Altarraum der Zittauer Hauptkirche St. Johannis, sodass die Gemeinde weder die Zelebranten noch den prächtigen Altar sehen konnte – damit, erklärt Volker Dudeck, »wurde das körperliche Fasten durch ein Fasten der Augen ergänzt«.

Was im Fall des 8,20 Meter hohen und 6,80 Meter breiten Tuchs keine Nulldiät bedeutet: Es zeigt 90 Szenen aus dem Alten und Neuen Testament. Mit bemerkenswerten Details: Statt Löwe und Lamm liegen hier Katze und Maus beieinander; Kain und Abel sind als Zwillinge dargestellt. Allerdings hat der Künstler auch gepatzt: Erst zeigt er die Geburt Jesu, danach den Besuch Marias bei Elisabeth. Als er den Fehler bemerkt, malt er einfach »b« und »a« an die Bildränder.

Die Passion des Zittauer Fastentuchs

Weniger heiter nimmt sich die Geschichte des Tuches aus. Ein halbes Jahrtausend hat es unbeschadet überstanden – bis zum Mai 1945. Da fällt es sowjetischen Soldaten in die Hände, die es zerschneiden und damit eine Dampfsauna abdichten, die sie sich zusammengebastelt haben. »Damals hat das Tuch seine Passion erlebt«, sagt Volker Dudeck. Glück im Unglück: Es konnte vollständig geborgen und 1995 restauriert werden. Dass es nun in seiner zwar teils verblichenen, dennoch Ehrfurcht gebietenden Pracht zu sehen ist, gilt vielen als »Wunder von Zittau«.

Hubertus Büker

www.via-sacra.info