Boten aus Sachsen für die Welt

11. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Herrnhuter Sterne machen sich gerade in diesen Tagen weltweit auf die Reise. Ihre Schlichtheit und ihr warmes Leuchten finden Gefallen weit über ihren kleinen Ursprungsort in der Oberlausitz hinaus.

Das war schon vor 100 Jahren so und auch in den aktuellen Zeiten der Marktwirtschaft hat sich das Sinnbild für eine weihnachtliche Tradition international gut entwickelt. Vor allem die Niederlande, Dänemark, Schweiz oder Österreich sind aktuell ein sehr starker Markt, informiert die Herrnhuter Sterne GmbH. Zum einen natürlich aufgrund des deutschsprachigen Raumes zum anderen aber aufgrund von vorhandenen Brüdergemeinen in diesen Ländern.
Seit einigen Jahren arbeitet die Sterne-Manufaktur darüber hinaus auch mit einem Partner in Amerika zusammen, der die Marke vor Ort auf eigenen Messen in den USA und in Kanada vertritt. Im anglofonen Raum machen die Sterne aber auch noch weitere Reisen – bis nach Neuseeland und Australien.

Weltumspannend: Die Herrnhuter Sterne leuchten auch auf diesem Weihnachtsmarkt in Vancouver an der kanadischen Pazifikküste. Fotos: Herrnhuter Sterne GmbH

Weltumspannend: Die Herrnhuter Sterne leuchten auch auf diesem Weihnachtsmarkt in Vancouver an der kanadischen Pazifikküste. Fotos: Herrnhuter Sterne GmbH

Zunehmend interessant ist ebenfalls Russland. In der Heimat von Väterchen Frost scheint man Gefallen gefunden zu haben am warmen Licht aus Herrnhut. Hier wird mit eigenen Vertriebspartnern zusammengearbeitet, die inzwischen auch selbst Onlineshops betreiben.

Selbst vertreten sind die Mitarbeiter aus Herrnhut in diesem Jahr auf den Weihnachtsmärkten in Kopenhagen und Breslau und auch London war schon einmal im Programm. Über den amerikanischen Vertreter verkauft man auch in Philadelphia sowie in Quebec und Vancouver (Kanada).

Etwa 10 bis 15 Prozent des Gesamtumsatzes werden im Auslandsgeschäft gemacht. Bei einer Jahresproduktion von 600 000 Sternen ist das eine gute fünfstellige Zahl.
Dieses Auslandsgeschäft hat Geschichte. Schon in den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts bekam das damals junge Unternehmen über die Missionsagentur einen Großauftrag: 3 600 Sterne für die USA. Welt-2-49-2017Eine Order aus Holland folgte kurz darauf. In den Folgejahren gingen die Sterne dann nach Spanien, Dänemark, England, Schweden, Norwegen, die Tschechoslowakei und sogar nach Ägypten, Argentinien und die Karibik. In letzterer gibt es bis heute sehr viele Gemeinden der weltweiten Herrnhuter Kirche und auch schon vorher müssen Herrnhuter Missionare solche Sterne mitgenommen haben. Davon zeugen historische Fotos von Missionsstationen in Südafrika, Surinam, Nicaragua und Labrador.

Dann allerdings verlor sich das weltweite Leuchten. Die politische Lage und der Zweite Weltkrieg wirkten sich negativ auf das Exportgeschäft aus, weil kaum noch europäische Handlungsreisende ins ostsächsische Herrnhut kamen. 1939 wurde die Produktion der Sterne ganz eingestellt. Wehrwirtschaft war wichtiger.

Erst in den 1950er-Jahren tauchten die Weihnachtsboten aus Papier in Gelb, Weiß und Rot mit verschiedenen Farbkombinationen dann wieder auf. Wichtigstes Exportland damals: die Bundesrepublik Deutschland. Später folgten Holland und die Schweiz. Auch den großen wetterfesten Kirchenstern, der heute in vielen Kirchen trotz Sturm oder Regen schon von Weitem erinnert, dass bald Weihnachten ist, gab es ab 1954 wieder. Außerdem wurden Verträge mit Vertretern für Italien und Frankreich geschlossen.

Der Herrnhuter Stern entwickelte sich zu DDR-Zeiten auch zu einem wichtigen Devisenbringer, der für die einheimische Bevölkerung ein sehr rares Objekt wurde. Beziehungen in die Sternelei waren wichtig, wollte man so einen begehrten Lichterzeuger ergattern, der heute wieder seine ganze Pracht und Vielfalt entwickelt. Am meisten verkauft sich aber dennoch der traditionelle Papierstern, 60 Zentimeter im Umfang mit gelben Spitzen und rotem Kern.

Aber auch die Kunststoffsterne für den Außenbereich werden immer beliebter. Sie gibt es in einer kleineren Version auch in den Farben Türkis oder Blau. USA-Reisende behaupten in diesem Zusammenhang, dass sie die Sterne auch schon als Illumination bei amerikanischen Sommerfesten gesehen haben wollen.

Zum Stern und seinen weltweiten Geschichten treffen in Herrnhut auch im Zeitalter schneller Bilder immer noch einfache Kundenzuschriften ein. Der ein oder andere habe dabei neue Ideen und Vorschläge, was man noch herstellen könnte, erzählt Marketingleiterin Jacqueline Schröpel. Viele senden auch Bilder, wie sie den Stern dekoriert haben.

Ein junger Mann, der aus der Oberlausitz nach Jerusalem gezogen ist, berichtete zum Beispiel kürzlich, dass er dort seinen Adventsstern aufgehängt hat. Dieser leuchte nun in Richtung Ölberg.

Andreas Herrmann

www.herrnhuter-sterne.de

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Der harte Lauf zurück ins Leben

21. Juli 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Der Barmann Frank Renner brauchte selbst zwei Flaschen Wodka am Abend – bis er sich Hilfe suchte

Alles oder nichts. Frank Renner macht keine halben Sachen. Das galt in der Zeit seiner Alkoholsucht, das gilt auch für sein jetziges Leben ohne Alkohol.

Irgendwie hat es ihn im Dezember 2010 nach Österreich verschlagen. Ins Salzburger Land, nach Bad Hofgastein. Im »Down Town«, einer Diskothek arbeitet er als Barmixer. Es wird seine vorerst letzte berufliche Station sein. Im Oktober 2011 hört er im »Down Town«, dort in den Bergen, auf zu arbeiten. Er ist ganz unten angekommen. Aber es dauert noch fast zwei Jahre, bis zum 26. November 2013, als er, widerwillig zunächst, dem Drängen seines Vaters nachgibt und zum ersten Mal in die Suchtberatung der Stadtmission Halle kommt.

Schneller als die Sucht: Frank Renner beim Hallenser Heidelauf. Der ehemalige Barkeeper ist seit fast eineinhalb Jahren trocken. Foto: Ricarda Braun

Schneller als die Sucht: Frank Renner beim Hallenser Heidelauf. Der ehemalige Barkeeper ist seit fast eineinhalb Jahren trocken. Foto: Ricarda Braun

Nach noch einmal fast drei Monaten, am 10. Februar 2014, meldet er sich im Diakonie-Krankenhaus in Elbingerode zur Entgiftung an, zwei Tage danach ist er da und beginnt sein neues Leben. Am Neujahrstag 2015 schreibt er auf Facebook: »Silvester geht auch ohne Zigaretten und Alk. Cool, wusste ich gar nicht. Kann ich nur empfehlen.«

Die Daten seines Ausstiegs aus der Welt des Alkohols hat Frank Renner aus Halle auf einen Zettel geschrieben, auf die Rückseite seines Lebenslaufs. Zurück ins Leben in zehn Stichpunkten. Der letzte Eintrag: »5. 11. 2014: Sportgruppe. 100 Prozent Teilnahme.« Einhundert Prozent, entweder – oder, alles oder nichts. Frank Renner kennt keine halben Sachen.

Die Alkoholsucht verlangt Präzision, genaue Planung, Weitblick. Alkohol muss vorrätig sein, Zigaretten auch. Nichts ist schlimmer als ein angefangener Suff und die Flasche ist leer. Denn Frank Renner ist kein Spiegeltrinker, der einen gewissen Pegel braucht, um lebensfähig zu sein. Frank Renner schießt sich ab. Komplett, bis zum Filmriss. Keine halben Sachen. Am Ende seines Trinkerweges braucht er dafür mindestens zwei Flaschen Wodka am Abend. Da nehmen ihn seine Freunde schon nicht mehr mit auf Partys, weil er immer übertreibt. Das ist lustig, anfangs. Später nervt es. Die Freunde wechseln, mit den neuen verbindet ihn der Schnaps.

Er gibt acht auf sich. Ordentlich will er sein, gepflegt. Und ist es auch. Es erleichtert seine Sucht, dass er fast bis zuletzt arbeiten geht. Nur ist die Arbeit fatal. Frank Renner ist Barmixer, später Barchef. Erst im Harz, dann in der Nähe von Frankfurt am Main. Bei ihm ist immer Party.

Jeden Tag kommen die Leute zu ihm, um zu feiern. Er steckt in einer Endlosparty fest. Was für die Gäste die Ausnahme ist, wird für ihn zur Regel. Frank Renner ist beliebt, kommt an. Später wird ihm einer seiner Chefs eine Flasche Wodka zur Verfügung stellen. Pro Abend, als eine Art Arbeitsmaterial. Viele sehen es und sehen dennoch weg. Auch die eigenen Eltern. Das kann ja gar nicht sein, er, der Sohn aus gutem Haus.

Ganz unten dank »Kartoffelwasser«:  Barkeeper Frank Renner auf dem Höhepunkt seiner Alkoholsucht in den österreichischen Alpen. Foto: privat

Ganz unten dank »Kartoffelwasser«: Barkeeper Frank Renner auf dem Höhepunkt seiner Alkoholsucht in den österreichischen Alpen. Foto: privat

An der Bar ist er wer, ein Held, ein geiler Typ. Wenn er sich nüchtern im Spiegel ansieht, ekelt er sich. Es gibt ein Bild auf Frank Renners Facebook-Seite aus seiner Zeit in Bad Hofgastein. Verschwitzt steht er da, den linken Arm um einen Freund gelegt, in der rechten Hand eine Zigarette, dem Fotografen entgegengestreckt. Das Hemd mit dem Logo seines Arbeitgebers ist weit offen. Es scheint, als würde er gleich etwas erzählen wollen. Die Stimmung scheint gut. Wäre da nicht diese seltsame Leere und Traurigkeit in seinen Augen. Er hat das Foto kommentiert: »Kartoffelwasser« hat er darunter geschrieben. Es ist schwer, das Foto von damals mit dem drahtigen, einnehmend lächelnden Frank Renner von heute in Verbindung zu bringen.

Manchmal, wenn er von Frankfurt nach Halle gefahren ist, hatte er schon Alkohol im Blut. Doch das reichte nicht. Sein Reiseproviant für die gut 400 Kilometer lange Autofahrt: Eine Flasche Whisky. Jetzt, wo er trocken ist, will er seinen Führerschein zurück. Einmal mit dem Leiter der Suchtberatung Motorrad fahren. Der Weg dorthin ist lang. Dass er die Langzeittherapie abgebrochen hat, weil ihm, dem Einzelkämpfer, die Gruppensitzungen zu viel wurden, wird ihm negativ ausgelegt. Aber Frank Renner macht keine halben
Sachen.

Das ist sein Problem und seine Chance. Er weiß: Wenn er rückfällig wird, dann ist das sein Todesurteil. Eine weitere Entgiftung wird er nicht machen. In eine Disko geht er nicht, er traut es sich nicht zu. Die Allgegenwart von Alkohol und die Selbstverständlichkeit, mit der er konsumiert und angepriesen wird, macht es nicht gerade leichter.

Aber Frank Renner weiß, was er nicht will. In Elbingerode sah er alkoholsüchtige Männer, so alt wie er, die sich nur noch mit einem Rollator bewegen konnten. Er sah eine mögliche Zukunft. Heute läuft er die zehn Kilometer in gut 43 Minuten, den Heidelauf in Halle konnte er in seiner Altersklasse schon gewinnen. Er läuft schneller als seine Sucht. Sie wird ihn nicht einholen. Jetzt muss nur noch die Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt klappen, er einen neuen Beruf finden. Der Weg in den alten wäre ein Weg zurück in den Abgrund.

Aber wie fing alles an? Wann begann der Weg in die Sucht und warum? Frank Renner tastet und tappt. Vielleicht weil er zu DDR-Zeiten zur Armee wollte, um Offizier zu werden, sein Vater, ein überzeugter Katholik, es ihm aber verbot. Und weil dann nach der Wende sein Bruder Berufssoldat wurde und vom Vater gelobt. Nein, das hat er ihm nie verziehen, und vielleicht ist das auch ein Grund für die Sucht und den Rausch. Den Ort, an dem er jemand war. Den Ort, den er konsequent aufsuchte. Entweder, oder. Alles oder nichts.

Am 13. Juli ist Frank Renner seit 515 Tagen trocken.

Stefan Körner

Österreich: Neues Islamgesetz verabschiedet

11. März 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Österreich hat ein neues Islamgesetz. Es wurde am 25. Februar vom Nationalrat als Novellierung des Textes von 1912 beschlossen. Damit gibt es eine neue Gesetzesgrundlage für die über 500 000 muslimischen Gläubigen (rund 5,9 Prozent der Bevölkerung) in Österreich. Islamische Religionsgesellschaften genießen nun den Status als Körperschaften des öffentlichen Rechts. Um in Zukunft den Titel einer Rechtspersönlichkeit erwerben zu können, muss neben anderem »eine positive Grundeinstellung gegenüber Gesellschaft und Staat bestehen«. Die Finanzierung ihrer Arbeit müssen die islamischen Religionsgesellschaften und Kultusgemeinden nun ausschließlich im Inland aufbringen. Klar geregelt sind jetzt auch die seelsorgerliche Betreuung muslimischer Gläubiger beim Bundesheer, in Justizanstalten, Krankenhäusern und Pflegeheimen sowie die Rücksichtnahme an diesen Orten und in öffentlichen Schulen auf muslimische Speisegebote. Für die theologische Ausbildung, Forschung und Lehre sichert der österreichische Staat ab 2016 ein islamisch-theologisches Studium an der Universität Wien zu.

Elisabeth Kluge berichtet für unsere Zeitung aus Österreich.

Elisabeth Kluge berichtet für unsere Zeitung aus Österreich.

Trotz vieler Vorteile durch das neue Gesetz riss schon während des Begutachtungsverfahrens die Kritik am Gesetzesentwurf nicht ab. Bis kurz vor der Verabschiedung lehnte der Schura-Rat der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ) das Gesetz ab. Die Gründe lagen dafür u.a. in dem Verbot der Auslandsfinanzierung – im Moment sind etwa 60 der rund 300 Imame in Österreich über den Verein ATIB aus der Türkei entsandt. Auch die Möglichkeit des Staates, zukünftig Vereine auflösen zu können, die dem Gesetz nicht entsprechen, stieß auf Widerstand.

Seitens der evangelischen Kirchen wurde zum Beispiel die Vorgangsweise der Bundesregierung bemängelt. Vor Beginn der Begutachtungsphase sei der Entwurf nicht mit der IGGiÖ abgesprochen worden, was bisherigen Erfahrungen widerspreche. Gewarnt wurde zudem vor der Einmischung des Staates in die inneren Angelegenheiten der Religionsgesellschaften. Zum Verbot der finanziellen Unterstützung aus dem Ausland äußerte der reformierte Landessuperintendent Thomas Hennefeld: »Ich kann die Empörung der Vertreter der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich verstehen, die darin eine Diskriminierung sehen.«

Schärfere Worte fand der Chef der türkischen Religionsbehörde Diyanet, Mehmet Görmez. Er sieht die Novelle als Rückschritt und sprach von einem »gewaltigen Fehler«. Seiner Befürchtung nach wird das neue Islamgesetz »Österreich um 100 Jahre zurückwer-
fen …, was die Freiheit der Religionen in dem Land betrifft«.

Fragwürdig sind Görmez’ Äußerungen allerdings vor dem Hintergrund der Schließung der Theologischen Hochschule des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel auf der Insel Halki durch den türkischen Staat im Jahr 1971. Sie durfte bis heute nicht wieder eröffnet werden.

Elisabeth Kluge

Zum 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz

4. Februar 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Frau Halina trägt nur Blusen mit langen Ärmeln. Oder sie klebt sich ein Pflaster auf ihren rechten Arm. Sie will fünf dort eintätowierte Ziffern unsichtbar machen: 77 252. Niemand solle wissen, dass sie ein »Auschwitz-Kind« sei, sagt Frau Halina und bittet darum, ihren Namen nicht zu erwähnen.

Als Frau Halina nach Auschwitz kam, war sie zwei Jahre alt. Die Rote Armee rückte nach Westen vor, und so mussten die Deutschen im Frühjahr 1944 das Konzentrationslager Majdanek bei Lublin räumen: Tausende Häftlinge wurden in Viehwaggons ins 400 Kilometer südöstlich gelegene Auschwitz geschickt, unter ihnen Frau Halina mit drei Geschwistern und ihrer Mutter.

An die neun Monate und zwölf Tage in Auschwitz hat Frau Halina keine Erinnerung. Auch nicht an den 27. Januar 1945, als sie mit wenigen Hundert anderen Kindern von Soldaten der Roten Armee befreit wurde. Über 200 000 Kinder und Jugendliche hatten die deutschen Nationalsozialisten nach Auschwitz verschleppt – an jenen Ort, der heute als Symbol steht für den millionenfachen Mord an Juden, Polen, Sinti und Roma, sowjetischen Kriegsgefangenen und all den anderen Menschen, die nach der NS-Rassenideologie nicht zur »Volksgemeinschaft« gehörten.

Uwe von Seltmann berichtet für unsere Zeitung aus Polen.

Uwe von Seltmann berichtet für unsere Zeitung aus Polen.

Die erste Erinnerung, die sie habe, sei ein warmes und helles Zimmer, sagt Frau Halina. In einem Sanatorium für Kinder. Weil dort niemand wusste, wie sie hieß und woher sie kam, wurde sie getauft und mit einem polnischen Namen versehen. Später wurde sie von einem Ehepaar aus Krakau adoptiert.

Jahre vergingen, als plötzlich im Radio ihre Nummer verlesen wurde: Eine Mutter suche ihre Kinder. Alles wurde nun anders. Frau Halina hebt ein Schwarz-Weiß-Foto in die Höhe, es zeigt fröhliche und lachende Menschen – ihre Mutter, ihren Bruder, viele andere, aufgenommen in einem Dorf in Weißrussland. »Ich bin natürlich sobald wie möglich dorthin gefahren«, sagt sie, schweigt und fügt hinzu: »Und stand plötzlich zwischen zwei Müttern.« Entschieden hat sie sich für ihre Adoptivmutter. Sie kehrte nach Krakau zurück.

1969 Jahre zog Frau Halina nach Österreich, heiratete, bekam Kinder – und stieß auf Ignoranz und Hass der Täter und ihrer Nachfahren. Als sie sich in Wien als Auschwitz-Häftling registrieren lassen wollte, bekam sie von einem Beamten zu hören: »Sie waren doch eh nur ein Kind.« Ein anderer verlangte Beweise – eine Nummer könne sich doch jeder selbst eintätowieren. Eine Ärztin schickte sie zu einem Psychiater – es war Heinrich Gross, der trotz seiner Beteiligung an der Kinder-»Euthanasie« Karriere machen konnte. »Ich habe dann alles getan, damit niemand merkt, dass ich ein Opfer von Auschwitz bin.«

Frau Halina ist auch in diesem Jahr wieder zum Jahrestag der Befreiung gekommen. Sie will diejenigen treffen, mit denen sie »die schwerste Zeit verbracht« hat: die anderen Auschwitz-Kinder. Sie nennt sie »meine Geschwister.«

Uwe von Seltmann