Wer ist hier Opfer, wer ist hier Täter?

17. Juni 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Menschen in Insel wehren sich gegen zwei Straftäter, die ihre Strafe abgesessen haben – und fühlen sich selbst als Opfer

Seit Monaten geht der Name der kleinen Gemeinde Insel bei Stendal durch die Medien. In den vergangenen Wochen eskalierte der Protest von Bewohner gegen zwei ehemalige Strafgefangene, die sich im Ort niedergelassen haben. Harald Krille sprach darüber mit dem zuständigen Superintendenten Michael Kleemann.

Herr Kleemann, der Name des Ortes ­Insel geht durch alle Medien. Sie kennen die Probleme von Anfang an. Was ist schiefgelaufen?
Kleemann:
Bevor man mit Schuldzuweisungen Dritten gegenüber operiert, müssen wir uns selber an die Nase fassen: Auch wir als evangelische Kirche haben erst sehr spät die Dramatik der Situation um die beiden entlassenen ehemaligen Straftäter zur Kenntnis genommen und uns in diesem Prozess eingebracht. Das war dann zu einem Zeitpunkt, als die Eskalation bereits weit fortgeschritten war und die Emotionen in dem Dorf sich so entwickelt hatten, dass jede Intervention ausgesprochen schwierig wurde.

Michael Kleemann (53) hat als Superintendent des Kirchenkreises Stendal der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland den Konflikt in der Gemeinde Insel von Anfang an mitverfolgt. Foto: privat

Michael Kleemann (53) hat als Superintendent des Kirchenkreises Stendal der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland den Konflikt in der Gemeinde Insel von Anfang an mitverfolgt. Foto: privat

Wie hat Kirche denn versucht zu intervenieren?
Kleemann:
Ich war selbst maßgeblich daran beteiligt, zunächst für die beiden Männer eine zumindest zeitweise alternative Unterkunft zu finden. Allerdings waren die Anfragen in Kommunitäten und geschützten kirchlichen Häusern sehr frustrierend. Aus heutiger Sicht muss ich allerdings sagen, dass dieses Bemühen zwar in guter Absicht geschah, aber ein falsches Signal war. Denn wir haben damit suggeriert, dass es rechtens wäre, die beiden Männer an einen anderen Ort zu bringen.

Aber die Fehler liegen ja sicher nicht nur bei Ihnen und der Kirche?
Kleemann:
Natürlich. Von Anfang an haben alle verantwortlichen Institutionen bis hin zum Justizministerium und dem Innenministerium die Situation nicht richtig eingeschätzt. Man hätte damals ganz schnell agieren müssen und mit hoher politischer Präsenz in dem Dorf um Aufklärung und Entspannung ringen müssen. Und das oberste Signal hätte dieses sein müssen, was am vergangenen Wochenende der Landtag mit seiner Demonstration in Insel gegeben hat: Artikel 1, Grundgesetz – »Die Würde des Menschen ist unantastbar«. Das heißt, die ­beiden Männer haben das Recht zur Freizügigkeit, sie dürfen wohnen, wo immer sie wollen. Und es gibt niemanden, aber auch gar niemanden, der das Recht hat, sie von dort zu vertreiben. Punkt.

Wie schätzen Sie als Pfarrer die Situation in Insel ein?
Kleemann:
Zunächst – wenn wir es als Christen betrachten, dann gilt für uns immer vorrangig das Doppelgebot der Liebe aus der Bergpredigt und das Gebot der Nächsten- und Feindesliebe. Dahinter können wir nicht zurück.
Zum anderen: Wer ist eigentlich Opfer, wer ist Täter? Nachdem die beiden Männer zu Tätern geworden waren, wurden sie überproportional hart bestraft: Sie haben dreimal länger in Haft gesessen als der Richterspruch vorsah. Das liegt an der nachträglich angeordneten Sicherungsverwahrung, die nach vielen Jahren durch das EU-Recht kassiert wurde. Damit sind die beiden nun ihrerseits zu Opfern geworden. Für ihre Taten haben sie gesühnt. Seit ihrer Freilassung haben sie sich nichts mehr zuschulden kommen lassen. Und nun werden sie Opfer eines wie
auch immer gearteten Volkszorns, einer wirklich richtigen Pogromstimmung, die leider auch von Trittbrettfahrern außerhalb Insels angeheizt und mit verursacht worden ist.
Und im Blick auf die Ängste der Bevölkerung: Natürlich muss man diese Ängste ernst nehmen. Aber es gilt auch, dass alle Prognosen über die Gefährlichkeit der beiden sich im Bereich von Mutmaßungen bewegen. Das Risiko, dass mein netter Nachbar irgendwann mit der Axt durchs Haus rennt und Schaden anrichtet oder dass ich selbst irgendwann irgendeinem Wahn verfalle, ist meiner Meinung nach nicht wesentlich geringer.

Welche Rolle spielen die Medien in diesem Konflikt?
Kleemann:
Die Medien haben von Anfang an diesen Konflikt mitbefeuert und mitgesteuert. Das kann man gar nicht ­anders sagen. Es sind unterschiedlich tendenziöse Berichterstattungen in den unterschiedlichsten, auch öffentlich-rechtlichen Medien verbreitet worden. Wenn ich nur den vergangenen Freitag anschaue: Berichtet wurde über die sicher richtige, wichtige und plakative ­Aktion des Landtages, die große Polizeipräsenz, über ein kleines Scharmützel am Rande, wo ein paar Linksautonome ein Plakat entrollten. Teil dieses Nachmittages war aber auch ein Friedensgebet in der Dorfkirche, zu dem wir alle eingeladen hatten – die Landtagsmitglieder, die Menschen aus Insel, die Befürworter wie die Gegner des Bleibens der beiden Männer. Mehr als Hundert nutzten die Chance, für den Frieden zu beten und die Kirche zugleich als Gesprächsraum zu nutzen, Auge in Auge in kleinen Gruppen, ohne Schuldzuweisungen. Doch das kam in den Fernsehmedien überhaupt nicht vor und in der Presse nur als kleine Randnotiz. Das finde ich tragisch.
Und was die Bildzeitung gemacht hat, als sie den jüngeren der beiden Männer, der sich in Chemnitz Arbeit suchen und eine neue Existenz aufbauen wollte, öffentlich an den Pranger stellte, finde ich nach wie vor strafrechtlich relevant. Ich hoffe, dass die eine oder andere Institution das auch verfolgt.

Was müsste, was kann die Politik jetzt weiter tun?
Kleemann:
Die Politik ist gefragt, nicht nur solche Zeichen wie am vergangenen Freitag zu setzen, sondern die Gespräche auch mit der Bürgerinitiative, die den Wegzug der beiden Männer möchte, weiterzuführen und zwar in kleinen Einheiten. Und damit eine Ansprechbarkeit herzustellen, die die Menschen bisher vermisst haben. Daneben hat die Politik weiterhin die Verantwortung, in aller Klarheit gegen jede Form von Vertreibung Stellung zu beziehen und damit auch alle Trittbrettfahrer von Rechts und auch von Links aus diesem Ort und aus dem Konflikt fernzuhalten. Und was ganz wichtig ist: keine Belehrungen und Besserwissereien.

Und die Kirche?
Kleemann:
Wir als Kirche können immer wieder Räume für Kommunikation und Gespräch anbieten und diese Kommunikation moderieren, wenn es gewünscht ist. Wir können und müssen darüber ­hinaus im Kleinen immer wieder Einzelgespräche mit den Menschen in ­Insel führen. Und wir können nicht zuletzt ­engagiert beten für diesen Konflikt und für die Menschen, die in diesem Konflikt zerrieben werden. Das sind sowohl die beiden Männer als auch viele, viele Menschen, die in Insel wohnen und sich in den letzten Monaten einer regelrechten Treibjagd ausgesetzt fühlten.

Das Wort vom Kreuz ist ein Lebenswort

9. April 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Begründete Hoffnung für alle Menschen, die Opfer von Gewalt geworden sind

Foto: Harald Krille

Foto: Harald Krille

Für uns gestorben.« »Christi Leib, für dich gegeben.« »Christi Blut, für dich vergossen.« – Wenn wir den Kreuzestod Jesu als Heilsereignis deuten, dann fragen wir für gewöhnlich danach, was dort für uns geschah, wie Gott im Tod seines Sohnes uns zugute handelte oder wie Jesus selbst für uns in die Bresche gesprungen ist. Heilvoll von der tödlichen Passion Jesu reden, heißt traditionell, sie zu unseren Gunsten deuten – in vielerlei Gestalt: als Sühnopfer für die Sünden, als Lebenshingabe aus Liebe zu den Freundinnen und Freunden, als dramatischen Kampf mit dem Bösen …

Doch dies ist nur die eine Seite des Wortes vom Kreuz, seine befreiende Kunde für alle, die Unrecht getan oder das Gute zu tun versäumt haben. Denn das Wort vom Kreuz geht nicht in dem auf, was Gott in der Passion Jesu für andere tut, sondern fragt auch danach, was Gott für den Gekreuzigten selbst tut. Ein solcher Perspektivenwechsel nimmt Jesus zunächst nicht als Sühnopfer, sondern als ein Gewaltopfer in den Blick, als einen von vielen Menschen, die Opfer von Gewalt sind.

Denn der Tod Jesu am Kreuz ist als letzte Konsequenz seines Lebens nach dem Willen Gottes gleichwohl eine brutale Gewalttat. In einer Welt, in der Menschen hoch hinaus wollen, in der sie herrschen und siegen, andere und sich selbst je neu übertreffen wollen, ruft eine Gestalt, die den Gegenweg geht, den von oben nach unten, nicht nur ungläubiges Staunen und Verwunderung, Hohn und Spott, sondern Aggression und blanken Hass hervor. Die Machtspiele des Fortschritts und der Herrschaft nicht mitzuspielen, das stört und blamiert diejenigen, die sie inszenieren oder sich auch nur daran beteiligen. Spielverderber können darum nicht geduldet werden.

Wie kommt nun Gott seinem zum Opfer von Gewalt gewordenen Sohn zu Hilfe? Gott setzt sich in der Auferweckung des Gekreuzigten zu dieser Gewalttat ins Verhältnis. Das Wort vom Kreuz ist kein Sterbenswörtchen, sondern ein kräftiges Lebenswort: Die Auferweckung Jesu von den Toten ist Gottes schöpferische Antwort auf das Unrecht, das Jesus ans Kreuz gebracht hat. Auferweckung ist Neuschöpfung, Ruf in ein Leben, über das der Tod keine Macht mehr hat.

Sie ist Gottes Widerspruch gegen die, die wollen, dass alles so bleibt, wie es ist. Die Auferweckung des unschuldig Hingerichteten ist eine göttliche Protest- und Widerstandshandlung gegen Verhältnisse und Strukturen, in denen Menschen zu Opfern und Tätern von Gewalt werden.

Indem Gott den Gekreuzigten nicht im Tod lässt, setzt Gott das Leben gegen den Tod, den Segen gegen den Fluch durch. Die Auferweckung ist als schöpferisches Tun eine göttliche Segenshandlung am Gekreuzigten. Gott segnet den Gekreuzigten mit unvergänglichem Leben.

Gott ergreift Partei für den, der grausam zu Tode gequält wurde. Gott identifiziert sich mit dem, der zum Opfer gott- und lebensfeindlicher Mächte und Gewalten geworden ist. Mit der Auferweckung des Gekreuzigten entzieht Gott den Gewalttätigen jede Legitimation für ihre Tat. Gott setzt das Gewaltopfer ins Recht. Die Auferweckung Jesu ist ein göttlicher Rechtsakt.

Und nicht zuletzt liegt darin eine Selbstdefinition Gottes. Indem Gott Jesus nicht im Tod belässt, gibt Gott gleichsam zu Protokoll, nicht mit denen verwechselt werden zu wollen, die Menschenopfer fordern oder denen man sie meint darbringen zu müssen.

Unbestritten ist der Gekreuzigte ein Opfer von Gewalt, Gott wurde er damit aber gerade nicht zum Opfer dargebracht. So von der Auferweckung Jesu zu reden, macht hellhörig, wenn von Opfern die Rede ist, die wir angeblich in Kauf nehmen müssen. Ein solches Wort vom Kreuz fordert dazu heraus, im Namen Gottes erhobene Opferforderungen als Missbrauch des Namens Gottes zu entlarven, die Verschleierung von Opferverhältnissen aufzudecken, der Bereitschaft zur Selbstaufopferung entgegenzuwirken, die Faszination, die von der Opferrolle durchaus auch ausgehen kann, zu enttäuschen.

So von der Auferweckung Jesu zu reden, weckt die begründete Hoffnung für alle, die zum Opfer von Gewalt geworden sind, dass Gott der ihnen widerfahrenen Gewalt nicht das letzte Wort lässt, sondern sich an ihnen als protestierender, segnender, zurechtbringender Gott erweist, der nicht tatenlos zuschaut, wenn auch nur einem Geschöpf Gewalt widerfährt. Denn wer Menschen Gewalt antut, schneidet dem menschgewordenen Gott ins eigene Fleisch.

Magdalene L. Frettlöh

Die Autorin ist Rektorin des Kirchlichen Fernunterrichts der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und Privatdozentin für Systematische Theologie an der Ruhr-Universität Bochum.