Das Ende der Polarisation

4. November 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Fazit: Der Kongress für Weltevangelisation bot Einheit von Spiritualität, Theologie und Weltverantwortung.

Zum dritten Mal trafen sich evangelikale Christen zum Kongress für Weltevangelisation. Zwei Delegierte aus Mitteldeutschland ziehen Bilanz.

4000 Vertreter der evangelikalen Bewegung aus aller Welt kamen in Kapstadt zusammen. (Quelle: Lausanne Movement/ Elyse Patten)

4000 Vertreter der evangelikalen Bewegung aus aller Welt kamen in Kapstadt zusammen. (Quelle: Lausanne Movement/ Elyse Patten)

Sie kamen aus 197 Ländern und gehörten anglikanischen, lutherischen, reformierten, methodistischen, baptistischen, pfingstlerischen und sonstigen Kirchen an: Mehr als 4000 Christen haben sich vom 18. bis 25. Oktober im südafrikanischen Kapstadt zur 3. Inter­nationalen Lausanner Konferenz für Weltevangelisation getroffen.

Ursprünglich in den 70er-Jahren als ­Pendant zu der als zu liberal empfundenen ökumenischen Bewegung gegründet, wurde diesmal deren Spitzenvertreter ausdrücklich eingeladen. Und Olav Fykse Tveit, Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), sah dies denn auch als ein »Zeichen der Versöhnung« und plädierte in Kapstadt nachdrücklich für eine weitere Annäherung zwischen evangelikaler Bewegung und dem Weltkirchenrat.

»Die Zeit der Polarisation zwischen Evangelikalen und Ökumenikern ist endgültig vorbei«, so auch die Bilanz von Johannes Berthold. Der Vorsitzende des sächsischen Gemeinschaftsverbandes sieht eine deutliche Wandlung der evangelikalen Weltchristenheit hin zu mehr Verantwortung für die Probleme dieser Welt. »Evangelisation und soziale Arbeit gehören weltweit untrennbar zusammen«, so sein Eindruck. Kein Wunder, dass praktische Fragen etwa zum Umgang mit Aids, zur Bewahrung der Schöpfung oder zum Kampf gegen Menschenhandel einen breiten Raum eingenommen haben. Beeindruckend war für Berthold zudem die »überzeugende Einheit von lebendiger Spiritualität und Theologie« während der Konferenz. Als Herausforderung hat Berthold vor allem den Ruf nach ­einem »missionarischen Lebensstil in Demut und Bescheidenheit« mitgenommen. Nur durch »Integrität« könnten auch in Deutschland die Kirchen dem derzeitigen Vertrauensverlust in der Öffentlichkeit begegnen.

Ähnlich äußert sich der Zwickauer Jugendpfarrer Jens Buschbeck. Sehr beeindruckt habe ihn das ehrliche Diskutieren von theologischen und ethischen Problemen. Etwa im Blick auf ein sogenanntes »Wohlstandsevangeliums«, aber auch im Blick auf Korruption, die durchaus nicht vor den Toren der Kirchen in der sogenannten Zwei-Drittel-Welt Halt mache. Herausgefordert sieht Buchbeck die Christen in Deutschland und Europa aber auch in der Frage, wie Partnerschaft über Kontinente hinweg künftig gelebt werden könne. »Die Zeit des ›you pray, we pay‹ (ihr betet, wir zahlen) ist vorbei«, so sein Fazit.

Die Hauptreferate des Kongresses, unter anderem auch von dem Greifswalder Theologieprofessor Michael Herbst, sowie das Abschlussdokument stehen in englischer Sprache für Interessenten im Internet bereit.

Harald Krille

www.lausanne.org

»Ein gemeinsames Geschenk und eine Herausforderung«

3. September 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Der künftige Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK).

Der norwegische Lutheraner Olav Fykse Tveit leitet ab kommendem Jahr die ­wichtigste Dachorganisation der nichtkatholischen ­Christenheit. Benjamin ­Lassiwe sprach mit ihm über die Herausforderungen des ÖRK.

Gilt als ausgeglichene Persönlichkeit und erfahrener Kirchendiplomat: Der  48-jährige Olav Fykse Tveit wird neuer ÖRK-Generalsekretär. Sein Doppelname wird übrigens »Füchse-Tväit« gesprochen. (Foto: Benjamin Lassiwe)

Gilt als ausgeglichene Persönlichkeit und erfahrener Kirchendiplomat: Der 48-jährige Olav Fykse Tveit wird neuer ÖRK-Generalsekretär. Sein Doppelname wird übrigens »Füchse-Tväit« gesprochen. (Foto: Benjamin Lassiwe)

Herr Fykse Tveit, 2017 feiern die ­Protestanten das 500. Jubiläum von Martin Luthers Wittenberger Thesenanschlag. Die katholische Kirche ist bisher kein Mitglied im ÖRK. Wo wird 500 Jahre nach der Reformation die Ökumene stehen?
Fykse Tveit:
Ich denke, dass 2017 ein wirklich ökumenisches Jubiläum sein sollte. Wir sollten diese Gelegenheit nutzen, um zu sehen, dass die Reformation nicht nur der Beginn des Protestantismus, sondern auch eine Wiederentdeckung des Evangeliums war. 2017 feiern wir unseren gemeinsamen Schatz des Evangeliums. Denn das Evangelium ist schließlich die Basis aller ökumenischer Beziehungen – auch wenn das in der weltweiten Ökumene noch längst nicht hinreichend herausgearbeitet ist. Ich hoffe deswegen, dass sich der ÖRK 2017 darüber klar ist, dass das Evangelium ein Band der Einheit zwischen den Kirchen und Kriterium für gegenseitige Anerkennung ist.

Hoffen Sie auf ein gemeinsames Abendmahl von Protestanten und Katholiken?
Fykse Tveit:
Ich denke, dass sich Katholiken und Protestanten noch viel mehr annähern können, als es bisher geschehen ist. Und ich denke, dass ein gemeinsames Abendmahl möglich ist, ja. Denn wir haben schon ein großes gemeinsames Verständnis darüber, was die Sakramente eigentlich sind. Uns trennt die Frage, wer einer Sakramentsfeier vorsteht, und in welchem Verhältnis diese Person zur Kirchenstruktur steht. Ich denke, dass diese Frage schwierig ist. Aber wir können daran weiterarbeiten, wenn wir es für wichtig halten, dass wir durch das ­gemeinsame Feiern der heiligen Sakramente ein gemeinsames Zeugnis geben.

Eine ökumenische Herausforderung sind die neuen evangelikalen und pfingstkirchlichen Bewegungen in vielen Ländern der Erde. Wie soll der ÖRK damit umgehen?
Fykse Tveit:
Ich denke, bei manchen Fragen können wir noch sehr viel stärker zusammenarbeiten. Ich bin nicht sicher, ob es zu einer vollen Mitgliedschaft der Pfingstkirchen im ÖRK kommen wird. Aber ich hoffe, dass der ÖRK das Potenzial sieht, das in ihrem Verständnis des Evangeliums zu finden ist. Und ich sehe, dass sich auch die Pfingstkirchen immer stärker mit Themen wie Frieden und Gerechtigkeit beschäftigen – während Evangelisation und Mission auch bei uns wieder stärker auf die Tagesordnung kommen.

War die ökumenische Bewegung in den letzten Jahren zu politisch?
Fykse Tveit:
Das ist zumindest das Bild, das die Pfingstler und Evange­likalen von ihr hatten. Deswegen hatten sie Probleme, sich ihr anzuschließen. Persönlich glaube ich, dass die ökumenische Bewegung sowohl die Verkündigung des Evangeliums als auch das politische Zeugnis in der Welt betreiben sollte. Ich denke, heute sehen es auch Pfingstler und Evangelikale differenzierter. Es ist kein »entweder – oder« mehr, wie noch vor ein paar Jahren.

Spannungen gibt es im ÖRK auch mit den Orthodoxen. Zum Beispiel haben sie durchgesetzt, dass keine ­ökumenischen Gottesdienste mehr im ÖRK gefeiert werden.
Fykse Tveit:
Wir haben nun über mehrere Jahre das Verhältnis der Orthodoxen zum ÖRK diskutiert. Neue Herausforderungen sind entstanden. Aber wir dürfen nicht zu dem Schluss kommen, dass wir nun weniger gemeinsam beten, als wir es schon getan haben. Die ökumenische Bewegung gründet sich auf dem Gebet Christi. Deswegen muss sie gemeinsam beten können. Es bleibt eine Herausforderung, dafür eine gemeinsame Form zu finden, mit der wir alle zufrieden sein können. Das ist keine leichte Aufgabe, aber wir müssen sie angehen. Und dann denke ich, dass die theologischen Fragen der orthodoxen Kirchen ernst genommen werden müssen. Aber als Protestanten müssen wir auch zurückfragen: Zum Beispiel, was es bedeutet, dass auch wir Kirchen sind. Wir haben die gleichen Bekenntnisse, immerhin zwei Sakramente und das gleiche Evangelium – wir müssen nach der Bedeutung dieser Gemeinsamkeiten fragen.

Besonders problematisch ist die Situation von Christen in vielen islamischen Ländern. Muss sich der ÖRK nicht auch dieser Herausforderung stellen?
Fykse Tveit
: Der ÖRK muss sich intensiv mit dem Islam beschäftigen. Er darf die Kirchen in mehrheitlich muslimischen Ländern in ihrem Zusammenleben mit Muslimen nicht allein lassen. Auch in Europa wird es zunehmend wichtiger, wie wir mit muslimischen Nachbarn umgehen. Für Kirchen etwa im Nahen Osten ist es wichtig, im Umgang mit den Muslimen die Unterstützung der weltweiten Kirchen zu haben. Aber wir dürfen nicht durch unbedachte Äußerungen Spannungen verstärken. In Norwegen hat die lutherische Kirche zusammen mit Vertretern der Muslime festgehalten, dass wir uns gemeinsam für die Religionsfreiheit einsetzen – ein Recht, dass den Wechsel der eigenen Religion ausdrücklich mit einschließt.

Amerikaner und Europäer sind nach wie vor die wichtigsten Finanziers des ÖRK. Muss das Folgen für die Strukturen des ÖRK haben?
Fykse Tveit:
Ich denke, dass der ÖRK die Realität widerspiegeln muss. Sowohl bei der Frage, wer mehr Ressourcen hat, als auch bei der Frage, wer mehr Bedarf für eine globale Institution hat, wer es nötig hat, das seine Stimme in einem globalen Kontext ­gehört werden muss. Als Mitglieds-
kirchen unterstützen wir ein gemeinsames, globales Projekt – der ÖRK ist unser gemeinsames Geschenk und ­unsere gemeinsame Herausforderung.

Gibt es etwas spezifisch Norwegisches, was Sie in Ihre Arbeit an der Spitze des ÖRK einbringen möchten?
Fykse Tveit:
Es gibt keine spezielle norwegische Agenda, im Sinn, dass wir irgendetwas für uns Norweger erreichen müssten. Aber wenn wir etwas zu einem gut funktionierenden ÖRK beitragen können, und andere Kirchen in der Welt davon profitieren können, dann freut uns das. Wir hatten als kleines Land nie eine Geschichte des ­Kolonialismus, wohl aber immer eine Geschichte des miteinander Teilens und von anderen Empfangens. Als ÖRK-Generalsekretär möchte ich mich wohl dafür einsetzen, diese Perspektive in der Zusammenarbeit der Kirchen zu verstärken.