Wir brauchen eine globale »Spiritualität der Empathie«

12. November 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Jährlich begehen die Kirchen im Herbst die Friedensdekade, zehn Jahre lang lief die ökumenische Dekade zur Überwindung der Gewalt des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK). Was hat das alles gebracht? Harald Krille sprach darüber mit Almut Bretschneider-Felzmann.

Frau Bretschneider-Felzmann, zehn Jahre lang haben die Kirchen der Welt das Thema »Gewalt überwinden« buchstabiert. Die Welt scheint nicht friedlicher, aber die kirchliche Friedensbewegung stiller geworden zu sein …
Bretschneider-Felzmann: Wenn Sie mit der still gewordenen Friedensbewegung auf die »große Friedensbewegung« der 1980er Jahre in Ost und West anspielen, dann waren damals doch zumindest scheinbar die Konfrontationslinien klarer erkennbar. Vielleicht gab es auch einen größeren Optimismus, etwas bewegen zu können. Auch die Verhältnisse in den Kirchen haben sich seitdem grundlegend geändert. Brennend wird heute danach gefragt und gesucht, was die »Kernaufgaben« unserer Kirche sind. Da wird »gerechter Friede« – ein Begriff, der ja in der ÖRK-Dekade erst gewachsen ist und gegenwärtig abgrenzend zum Begriff »gerechter Krieg« weiterentwickelt wird – nicht immer als Erstes mit genannt. Und in einer global so fassbaren und unfassbaren Welt wissen wir nicht mehr, ob wir überhaupt noch den so groß gewordenen und fernliegenden Rädern »in die Speichen fallen« können oder nicht eher kleine Räder im Getriebe sind. Sind wir eine ohnmächtige Christengeneration? Nein, damit möchte ich mich nicht abfinden und das hat, meine ich, auch die Friedenskonvokation des ÖRK von Kingston nicht signalisiert.

Almut Bretschneider-Felzmann begleitete die Ökumenische Dekade zur Überwindung der Gewalt in der EKM und nahm 2011 an der Friedenskonvokation des ÖRK teil. Sie ist Mitglied in der Kammer der EKD für weltweite Ökumene und arbeitet als Referentin der Regionalbischöfin von Südthüringen. – Foto: Maria Lundström/Svenska Kyrkan

Almut Bretschneider-Felzmann begleitete die Ökumenische Dekade zur Überwindung der Gewalt in der EKM und nahm 2011 an der Friedenskonvokation des ÖRK teil. Sie ist Mitglied in der Kammer der EKD für weltweite Ökumene und arbeitet als Referentin der Regionalbischöfin von Südthüringen. – Foto: Maria Lundström/Svenska Kyrkan

Welche konkreten Herausforderungen sehen Sie im Rückblick auf ÖRK-Dekade und Friedenskonvokation für die Arbeit der Kirchen in Deutschland heute?
Bretschneider-Felzmann: Zunächst hat die Konvokation gezeigt, wie groß das Engagement der Kirchen in Deutschland während der Dekade war. Das dürfen wir in allem Jammern nicht vergessen. Andere Kirchen blicken auf uns und sagen: Eure evangelischen Kirchen sind unser Vorbild!
Die Konvokation und die Dekade haben uns aber auch eine große Herausforderung gelehrt: Dass der Auftrag, den Frieden zu suchen, in das Herz unserer christlichen Botschaft gehört. Das ist nicht einfach eine Floskel in der gottesdienstlichen Liturgie und kann nicht irgendwann auch noch getan werden, wenn alles Wichtige erledigt ist. Was heißt es, dass unruhige Sehnsucht nach gerechtem Frieden unser Kirchesein prägt? Was bedeutet globale Geschwisterlichkeit unter Christinnen über nationale und kontinentale Grenzen hinweg? Und was heißt gerechter Frieden in der Begegnung mit Menschen und Gemeinschaften anderer Religionen?
Für mich hängt das eng mit der geistlichen Dimension des Christseins zusammen. Meine Erfahrungen auf der Friedenskonvokation habe ich für mich in den Begriff einer globalen »Spiritualität der Empathie« gefasst. Die wirtschaftliche Globalisierung entfremdet mich von der Erfahrung des fernen Anderen. Lasse ich mich noch davon berühren, welche Beschlüsse beim Waffenhandelsabkommen der UNO im Juli dieses Jahres in New York gefasst wurden? Was hat es mit mir zu tun, unter welchen Lebensumständen meine Kleidung entsteht? Damit können wir uns doch als Kirchen nicht abfinden! Eine »Spiritualität der Empathie« lehrt uns, uns den Erfahrungen der fernen Anderen zuzuwenden, den Erfahrungen unserer Geschwister.

Das Wort Spiritualität ist fast schon ein Modewort geworden – was ist unter einer »Spiritualität der Empathie« konkret zu verstehen?
Bretschneider-Felzmann: Ja, Spiritualität erscheint als eine Sehnsucht unserer Zeit. Ich erlebe in unserer Gesellschaft die Suche nach etwas nach innen Gerichtetem. »Spiritualität der Empathie« gründet in einer tiefen Geistlichkeit und in dem, was uns biblisch aufgetragen ist. Frömmigkeit wäre vielleicht das angemessenste Wort. Sie richtet sich auf diesem Grund – wie die »Friedensspiritualität« von Karl Gustav Hammar, dem ehemaligen Erzbischof der Schwedischen Kirche – auf den anderen, ist relational und ganzheitlich, setzt sich der Veränderung und der Verletzbarkeit aus. Ich habe dies mit Konfirmanden im Sommer erlebt: Sie haben sich mit den Hintergründen jenes Waffenhandelsabkommens beschäftigt, waren stark berührt von den Folgen dieses scheinbar so fernen Vertrags für einzelne Menschen, haben im Gottesdienst geklagt, gebetet und gesungen, und haben dann Briefe an Betroffene in Mosambik und Palästina geschrieben, an ihre eigene Kirchenleitung, ihre Regierung. Diese Jugendlichen haben sich – gegründet in ihrer eigenen Frömmigkeit – den fernen anderen zugewendet, und dies hat sie selbst verändert. Diese Erfahrungen nenne ich »Spiritualität der Empathie«.

An der Friedenskonvokation von Kingston wurden unter anderem eine zu große Binnenkirchlichkeit und eine zu starke Verhaftung in der Opferperspektive kritisiert. Besteht nicht die Gefahr, dass eine »Spiritualität der Empathie« in ähnliche Richtung führt?
Bretschneider-Felzmann: Auf die Probleme der Tagungsorganisation von Kingston kann ich hier nicht eingehen. In meiner Gemeindearbeit habe ich aber immer wieder erlebt, dass, wenn wir uns als Kirche den brennenden Fragen der Gesellschaft und der Weltgemeinschaft zuwenden und – in angemessener Demut – mit den Erfahrungen der Menschen vor Ort verbinden, dass dann unser Reden und Handeln weit über unsere Kirchenmauern reicht. »Als Kirche darf euch nicht egal sein, was mit dieser Erde geschieht«, habe ich in Glaubenskursen mit jungen Eltern gehört. Globale Empathiefähigkeit einzuüben, verletzbare Gesichter hinter abstrakten Nachrichten zu erkennen, Brücken zu den fernen Geschwistern zu schlagen und dabei nicht ohnmächtig zu werden, sondern im tiefen Vertrauen zu gründen und sich in gesellschaftliche Prozesse zu mischen, das zählt für mich – gerade als Erfahrung aus Kingston – zu den Kernaufgaben unserer Kirche.

»Ein gemeinsames Geschenk und eine Herausforderung«

3. September 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Der künftige Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK).

Der norwegische Lutheraner Olav Fykse Tveit leitet ab kommendem Jahr die ­wichtigste Dachorganisation der nichtkatholischen ­Christenheit. Benjamin ­Lassiwe sprach mit ihm über die Herausforderungen des ÖRK.

Gilt als ausgeglichene Persönlichkeit und erfahrener Kirchendiplomat: Der  48-jährige Olav Fykse Tveit wird neuer ÖRK-Generalsekretär. Sein Doppelname wird übrigens »Füchse-Tväit« gesprochen. (Foto: Benjamin Lassiwe)

Gilt als ausgeglichene Persönlichkeit und erfahrener Kirchendiplomat: Der 48-jährige Olav Fykse Tveit wird neuer ÖRK-Generalsekretär. Sein Doppelname wird übrigens »Füchse-Tväit« gesprochen. (Foto: Benjamin Lassiwe)

Herr Fykse Tveit, 2017 feiern die ­Protestanten das 500. Jubiläum von Martin Luthers Wittenberger Thesenanschlag. Die katholische Kirche ist bisher kein Mitglied im ÖRK. Wo wird 500 Jahre nach der Reformation die Ökumene stehen?
Fykse Tveit:
Ich denke, dass 2017 ein wirklich ökumenisches Jubiläum sein sollte. Wir sollten diese Gelegenheit nutzen, um zu sehen, dass die Reformation nicht nur der Beginn des Protestantismus, sondern auch eine Wiederentdeckung des Evangeliums war. 2017 feiern wir unseren gemeinsamen Schatz des Evangeliums. Denn das Evangelium ist schließlich die Basis aller ökumenischer Beziehungen – auch wenn das in der weltweiten Ökumene noch längst nicht hinreichend herausgearbeitet ist. Ich hoffe deswegen, dass sich der ÖRK 2017 darüber klar ist, dass das Evangelium ein Band der Einheit zwischen den Kirchen und Kriterium für gegenseitige Anerkennung ist.

Hoffen Sie auf ein gemeinsames Abendmahl von Protestanten und Katholiken?
Fykse Tveit:
Ich denke, dass sich Katholiken und Protestanten noch viel mehr annähern können, als es bisher geschehen ist. Und ich denke, dass ein gemeinsames Abendmahl möglich ist, ja. Denn wir haben schon ein großes gemeinsames Verständnis darüber, was die Sakramente eigentlich sind. Uns trennt die Frage, wer einer Sakramentsfeier vorsteht, und in welchem Verhältnis diese Person zur Kirchenstruktur steht. Ich denke, dass diese Frage schwierig ist. Aber wir können daran weiterarbeiten, wenn wir es für wichtig halten, dass wir durch das ­gemeinsame Feiern der heiligen Sakramente ein gemeinsames Zeugnis geben.

Eine ökumenische Herausforderung sind die neuen evangelikalen und pfingstkirchlichen Bewegungen in vielen Ländern der Erde. Wie soll der ÖRK damit umgehen?
Fykse Tveit:
Ich denke, bei manchen Fragen können wir noch sehr viel stärker zusammenarbeiten. Ich bin nicht sicher, ob es zu einer vollen Mitgliedschaft der Pfingstkirchen im ÖRK kommen wird. Aber ich hoffe, dass der ÖRK das Potenzial sieht, das in ihrem Verständnis des Evangeliums zu finden ist. Und ich sehe, dass sich auch die Pfingstkirchen immer stärker mit Themen wie Frieden und Gerechtigkeit beschäftigen – während Evangelisation und Mission auch bei uns wieder stärker auf die Tagesordnung kommen.

War die ökumenische Bewegung in den letzten Jahren zu politisch?
Fykse Tveit:
Das ist zumindest das Bild, das die Pfingstler und Evange­likalen von ihr hatten. Deswegen hatten sie Probleme, sich ihr anzuschließen. Persönlich glaube ich, dass die ökumenische Bewegung sowohl die Verkündigung des Evangeliums als auch das politische Zeugnis in der Welt betreiben sollte. Ich denke, heute sehen es auch Pfingstler und Evangelikale differenzierter. Es ist kein »entweder – oder« mehr, wie noch vor ein paar Jahren.

Spannungen gibt es im ÖRK auch mit den Orthodoxen. Zum Beispiel haben sie durchgesetzt, dass keine ­ökumenischen Gottesdienste mehr im ÖRK gefeiert werden.
Fykse Tveit:
Wir haben nun über mehrere Jahre das Verhältnis der Orthodoxen zum ÖRK diskutiert. Neue Herausforderungen sind entstanden. Aber wir dürfen nicht zu dem Schluss kommen, dass wir nun weniger gemeinsam beten, als wir es schon getan haben. Die ökumenische Bewegung gründet sich auf dem Gebet Christi. Deswegen muss sie gemeinsam beten können. Es bleibt eine Herausforderung, dafür eine gemeinsame Form zu finden, mit der wir alle zufrieden sein können. Das ist keine leichte Aufgabe, aber wir müssen sie angehen. Und dann denke ich, dass die theologischen Fragen der orthodoxen Kirchen ernst genommen werden müssen. Aber als Protestanten müssen wir auch zurückfragen: Zum Beispiel, was es bedeutet, dass auch wir Kirchen sind. Wir haben die gleichen Bekenntnisse, immerhin zwei Sakramente und das gleiche Evangelium – wir müssen nach der Bedeutung dieser Gemeinsamkeiten fragen.

Besonders problematisch ist die Situation von Christen in vielen islamischen Ländern. Muss sich der ÖRK nicht auch dieser Herausforderung stellen?
Fykse Tveit
: Der ÖRK muss sich intensiv mit dem Islam beschäftigen. Er darf die Kirchen in mehrheitlich muslimischen Ländern in ihrem Zusammenleben mit Muslimen nicht allein lassen. Auch in Europa wird es zunehmend wichtiger, wie wir mit muslimischen Nachbarn umgehen. Für Kirchen etwa im Nahen Osten ist es wichtig, im Umgang mit den Muslimen die Unterstützung der weltweiten Kirchen zu haben. Aber wir dürfen nicht durch unbedachte Äußerungen Spannungen verstärken. In Norwegen hat die lutherische Kirche zusammen mit Vertretern der Muslime festgehalten, dass wir uns gemeinsam für die Religionsfreiheit einsetzen – ein Recht, dass den Wechsel der eigenen Religion ausdrücklich mit einschließt.

Amerikaner und Europäer sind nach wie vor die wichtigsten Finanziers des ÖRK. Muss das Folgen für die Strukturen des ÖRK haben?
Fykse Tveit:
Ich denke, dass der ÖRK die Realität widerspiegeln muss. Sowohl bei der Frage, wer mehr Ressourcen hat, als auch bei der Frage, wer mehr Bedarf für eine globale Institution hat, wer es nötig hat, das seine Stimme in einem globalen Kontext ­gehört werden muss. Als Mitglieds-
kirchen unterstützen wir ein gemeinsames, globales Projekt – der ÖRK ist unser gemeinsames Geschenk und ­unsere gemeinsame Herausforderung.

Gibt es etwas spezifisch Norwegisches, was Sie in Ihre Arbeit an der Spitze des ÖRK einbringen möchten?
Fykse Tveit:
Es gibt keine spezielle norwegische Agenda, im Sinn, dass wir irgendetwas für uns Norweger erreichen müssten. Aber wenn wir etwas zu einem gut funktionierenden ÖRK beitragen können, und andere Kirchen in der Welt davon profitieren können, dann freut uns das. Wir hatten als kleines Land nie eine Geschichte des ­Kolonialismus, wohl aber immer eine Geschichte des miteinander Teilens und von anderen Empfangens. Als ÖRK-Generalsekretär möchte ich mich wohl dafür einsetzen, diese Perspektive in der Zusammenarbeit der Kirchen zu verstärken.