Keine Bilder, nur Gottes Wort

Ökumene: Was die reformierte Kirche von der lutherischen unterscheidet

Wenn sich die Tür zum Gottesdienstraum der meisten reformierten Kirchen öffnet, tritt der Besucher in einen schlichten, um nicht zu sagen kargen Raum ein. Bilder oder Verzierungen an den Wänden oder den gottesdienstlichen Gegenständen sucht man hier vergebens. Die Kirchen sind so schlicht, so ganz ohne Bilder oder ein Kreuz, weil die Reformierten das zweite Gebot sehr ernst nehmen. Es lautet: Du sollst dir kein Bild machen. So schön Bilderszenen aus der Bibel oder ein prächtiges Kruzifix auch sein mögen, solche Darstellungen lehnen die Reformierten ab. Sie lesen oder hören die Bibel und machen sich ihre eigenen Bilder von dem, was Gott ihnen durch das Wort sagt. Das Wort Gottes, die Bibel, nimmt im Glauben der reformierten Kirche die zentrale Stellung ein. Nichts soll davon ablenken. Daher sind reformierte Kirchenräume sehr schlicht gestaltet.

Johannes Calvin: Kirchenfenster mit dem Reformator in der Heidelberger Peterskirche. Die reformierte Kirche geht unter anderem auf Calvin zurück. Darum werden die Reformierten häufig auch als Calvinisten bezeichnet. – Foto: epd-bild

Johannes Calvin: Kirchenfenster mit dem Reformator in der Heidelberger Peterskirche. Die reformierte Kirche geht unter anderem auf Calvin zurück. Darum werden die Reformierten häufig auch als Calvinisten bezeichnet. – Foto: epd-bild

Die Wurzeln der reformierten Kirche liegen in der Schweizer Reformation des 16. Jahrhunderts. Zu ihren Vätern zählen unter anderem die Reformatoren Ulrich Zwingli (1484–1531) aus Zürich und Johannes Calvin (1509–1564), der in Genf wirkte. Beide setzten auf eine radikale Erneuerung der Kirche. Während der Reformator Martin Luther vor allem die protestantische Entwicklung in Deutschland geprägt hat, sind die Schweiz und Frankreich Gegenden, in denen sich die reformierte Theologie durchgesetzt hat.

Die Reformierten haben in einigen Bereichen ganz eigene Traditionen entwickelt, sagt der Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann von der Universität Göttingen: »In den reformierten Kirchen entscheidet die Gemeinde, wie der Gottesdienst aussehen soll. Daher gibt es ganz unterschiedliche Gottesdienstformen innerhalb dieser Glaubensrichtung.« In einigen reformierten Gottesdiensten wird gesungen und werden Psalmen gelesen, in anderen ist das nicht denkbar.

Bei den Reformierten gilt ein striktes Gleichheitsprinzip: Keine Gemeinde und kein Gemeindeglied darf einen Vorrang beanspruchen.

International ist die reformierte Kirche sehr verbreitet. Reformierte Christen gibt es auf allen Kontinenten. Doch nur in wenigen Ländern sind sie in der Mehrheit. Die Reformierten sind stolz auf ihre Traditionen. Zum einen auf ihr Arbeitsethos. Gottesfürchtig zu leben impliziert für Reformierte auch, fleißig und strebsam zu sein. Außerdem wird bei den Reformierten seit jeher auf Bildung großer Wert gelegt. Jeder sollte befähigt werden, die Bibel zu lesen, und jeder sollte in Glaubensfragen mündig sein.

Die Calvinisten, die lange Zeit in vielen Gegenden verfolgt wurden, nahmen ihren Bildungsauftrag auch im Privaten wahr. Dass sie durch die lange Verfolgung gezwungen waren, auf einen institutionellen Apparat zu verzichten, prägt die Reformierten bis heute. Wie andere protestantische Kirchen geht auch die reformierte Kirche vom Prinzip des Priestertums aller Gläubigen aus.

In Deutschland sind Reformierte, Lutheraner und Unierte heute gemeinsam Mitglieder der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Einträchtig war das Verhältnis zueinander nicht immer. Vor allem die Abendmahlsfrage war lange Zeit ein Streitpunkt. Die Reformierten bestanden darauf zu sagen, dass das Abendmahl ein reines Gedächtnismahl sei. Es wandelt sich nichts. Reformierte Christen feiern das Abendmahl, um in die Gemeinschaft mit Jesus Christus hineingenommen zu werden, in die Gemeinschaft derer, die Christus nachfolgen. Martin Luther dagegen hat an der »Realpräsenz« von Christus in Brot und Wein festgehalten.

Heute gibt es in der Abendmahlsfrage keine trennenden Differenzen mehr unter den beiden protestantischen Kirchen. Mit der Leuenberger Konkordie von 1973 haben die reformierten, lutherischen und unierten Kirchen Europas ihr gemeinsames Verständnis des Evangeliums bekundet. Reformierte, Lutheraner und Unierte räumen einander Kanzelrecht und Abendmahlsrecht ein und feiern Letzteres auch ganz selbstverständlich miteinander.

Diana Steinbauer

Aus: Morgenroth, Matthias (Hg.): Was glaubt Bayern? Weltanschauungen von A bis Z, Echter Verlag


Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen

Die Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen (WGRK) gehört zu den großen protestantischen Vereinigungen. Der internationale Dachverband repräsentiert rund 80 Millionen reformierte Christen. Weitere große Konfessionsfamilien innerhalb des Protestantismus sind etwa die Lutheraner, die Anglikaner, die Methodisten und die Baptisten. Die Gemeinschaft der Reformierten unterstützt mit ihren rund 225 Mitgliedskirchen Aktivitäten in den Bereichen Theologie, soziale Gerechtigkeit, kirchliche Einheit und Mission in mehr als 100 Ländern.

Höchstes Gremium der Weltgemeinschaft ist die Vollversammlung, die sich etwa alle sieben Jahre trifft. Vom 29. Juni bis 7. Juli tagte sie in Leipzig. In Deutschland wird die Zahl der Reformierten unter den insgesamt rund 22 Millionen Protestanten auf rund anderthalb Millionen geschätzt. Reformierten Einfluss brachte auch der Zuzug der französischen Hugenotten im 17. Jahrhundert.

2014 hat die Weltgemeinschaft ihren Sitz von Genf nach Hannover verlegt. Dachverband der reformierten Christen in Deutschland ist der Reformierte Bund mit Sitz in Hannover, der etwa 430 reformierte Gemeinden, Synoden und Kirchen vereint.

In der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland gibt es den Reformierten Kirchenkreis. Gebildet wird er von fünf Evangelisch-reformierten Gemeinden in Aschersleben, Burg, Halberstadt, Halle und Magdeburg. In Sachsen existieren reformierte Gemeinden in Chemnitz, Dresden und Leipzig.

(epd)

Klein-Deutschland in Äthiopien

24. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Nachfahrin der Königin von Saba, Königin Taytu, ließ sich 1888, aus den rauen Bergen kommend, an einer warmen Quelle im Tal ein Haus bauen, gründete eine Stadt und gab ihr den Namen »Addis Abeba« – die Neue Blume. Kürzlich hatte die Deutsche Evangelische Kreuzkirche Besuch vom katholischen Seelsorger aus Sambia.

Auf dem Altarplatz der Deutschen Evangelischen Kreuzkirche in Addis Abeba ein ungewohntes Bild: Neben Pastorin Anja Jacobi im lutherisch-schwarzen Talar der katholische Reiseseelsorger Thomas Matthaei aus Sambia in der weiß-violetten Robe seiner Kirche. Ungewohnt aber vor allem, weil der Pater, der seit 33 Jahren in Sambia amtiert, zum ersten Mal Äthiopien besucht. Sowohl das Pastoren-Ehepaar Anja und Karl Jacobi als auch Pater Matthaei kommen ursprünglich aus Mainz und haben sich seit Langem dem Dienst in Afrika verschrieben.

Der Glockenturm der Deutschen Evangelischen Kirche, »Umschlagplatz der Güte und Güter Gottes« für Deutschsprachige in der äthiopischen Hauptstadt, wird noch von Hand geläutet. Foto: Georg Meusel

Der Glockenturm der Deutschen Evangelischen Kirche, »Umschlagplatz der Güte und Güter Gottes« für Deutschsprachige in der äthiopischen Hauptstadt, wird noch von Hand geläutet. Foto: Georg Meusel

In diesem Gottesdienst in der äthiopischen Hauptstadt erlebe ich ein Stück lebendiger deutsch-afrikanischer Ökumene mit. Die Farbe Ocker der Äthiopischen Orthodoxen Kirche Tewahedo fehlt allerdings. Pfarrer Jacobi erklärt mir, dass sich die orthodoxe Geistlichkeit im Blick auf Ökumene vor Ort zurzeit zurückhalte. Zur protestantischen Mekane Yesus Church (»Der Ort Jesu«), die auf Missionstätigkeit von Lutheranern und Anglikanern zurückgeht, hat die deutsche evangelische Gemeinde gute Kontakte.

Der ökumenische Gottesdienst wird von jugendlichen und erwachsenen Gemeindegliedern mitgestaltet und ist der Höhepunkt des Besuches von Pfarrer Matthaei.

Der Gast berichtet von seiner Arbeit als Diozösan-Priester seit 1984 und einziger weißer Priester in dem von 72 Stämmen bewohnten Norden Sambias. Etwa die Hälfte der Bevölkerung seien Christen. Er selbst predige in Bantu, welches von vielen als Umgangssprache verwendet wird. Thomas Matthaeis Diözese hat eine Ausdehnung von 500 Kilometern von Nord nach Süd und er betreut dort 15 Pfarreien. Als er nach 20 Dienstjahren in Sambia nach Deutschland zurückkehren wollte, habe sein Heimatbischof in Mainz humorvoll zu ihm gesagt: »Du bist verbuscht, bleibe am besten, wo du bist.« Nun ist er nach 33 Jahren noch immer in Afrika aktiv und wird als Reiseseelsorger künftig von Sambia aus viermal im Jahr nach Addis Abeba kommen.

In der äthiopischen Hauptstadt leben nicht wenige Deutsche. Nachdem Kaiser Haile Selassie der deutschen evangelischen Gemeinde in Addis Abeba ein Grundstück geschenkt hatte, konnte dort die Kreuzkirche errichtet und das Projekt später um die German Church School erweitert werden. »Klein-Deutschland« wird die German Church von vielen genannt. Das zeigt, dass sie Treffpunkt vieler Deutschsprachiger und Umschlagplatz von Nachrichten ist. Immer wieder kommen Äthiopien-Neulinge hierher, um sich bei denen zu informieren, die schon länger im Land sind.

Das Pfarrer-Ehepaar machte es zur Tradition, dass, wer zum ersten Mal in ihrem Gottesdienst auftaucht, sich der Gemeinde vorstellt. So erfährt man voneinander und auch von den unterschiedlichsten Gründen, weshalb und für wie lange Deutsche, Österreicher und Schweizer nach Addis Abeba kommen. Oft sind es junge Leute, die auf Zeit an Hilfsprojekten mitarbeiten, manchmal langjährig Erfahrene, die schon in anderen afrikanischen Ländern Hilfe geleistet haben. Und dann diejenigen, die eine Äthiopierin heirateten und gemeinsame Kinder haben. Deren Urgestein ist der über 80-jährige Karl Hildebrandt, der die Kirche mit aufgebaut hat und seit mehr als 50 Jahren in Addis Abeba eine deutsche Apotheke betreibt. Die Gemeindeglieder sind gerührt, als im Gottesdienst der Tod seiner äthiopischen Frau abgekündigt wird. Sie war zur Krebstherapie nach Deutschland geflogen worden. Karl Hildebrandt hat sie dort noch besucht. In äthiopischer Erde wurde sie inzwischen bestattet.

Viele Kinder weißer und schwarzer Hautfarbe fliegen nach dem Kindergottesdienst ihren Eltern in die Arme und strömen zusammen mit den anderen Besuchern zum Kirchenkaffee und zum Austausch ins Gemeindehaus. Die evangelische Kreuzkirche in Addis Abeba – nicht nur an diesem Tag der Ökumene ein Umschlagplatz der Güte und Güter Gottes.
Das Christentum ist in Äthiopien, wie das Land in der Antike hieß und nach dem Sturz von Kaiser Haile Selassie 1974 sich wieder nennt, sehr alt.

Mit dem laut Apostelgeschichte im Neuen Testament durch Philippus bekehrten »Kämmerer aus dem Mohrenland« gelangte es schon im 1. Jahrhundert nach Äthiopien. Nach anderer Überlieferung wurde die christliche Botschaft von den Brüdern Frumentius und Aidesios aus Tyrus, die auf einer Reise an der Küste des Roten Meeres überfallen und an den Hof des Königs von Aksum verkauft wurden, nach Äthiopien getragen.

Heute bildet die äthiopische orthodoxe Kirche mit etwa 50 Millionen Gläubigen und mehr als 50 Prozent der Einwohner des Landes eine überwältigende Mehrheit.

Vor Ort verhält sich die orthodoxe Geistlichkeit gegenüber der Ökumene reserviert. Nach einem Gottesdienst in der St. Urael Church nehme ich mit einem Priester Kontakt auf. Ich stelle mich mit einem Flyer des Martin-Luther-King-Zentrums vor. Dieser zeigt ein Porträt des Baptistenpastors und Bürgerrechtskämpfers King. Der Priester sagt abweisend: »That is not our leader« (Das ist nicht unser Vorbild).

Georg Meusel

Wenn Sie die Gemeinde unterstützen wollen:
gemeinde.addis.center/joomla

Auf dem Weg zueinander

Die Hoffnung bleibt, dass evangelische und katholische Christen eines Tages gemeinsam am Tisch des Herrn sitzen

Ökumenische Gottesdienste sind für uns heute nichts Außergewöhnliches mehr. In vielen Gemeinden existieren etablierte ökumenische Gottesdienstformen zu besonderen Anlässen, wie gemeinsame Wort-Gottes-Feiern, etwa zur Gebetswoche für die Einheit der Christen am Pfingstmontag oder zu kirchlichen Festen. Auch ökumenische Feiern der Trauung oder doch zumindest die Feier der Trauung bei konfessionsverbindenden Ehen sind keine Seltenheit.

Auch regelmäßige ökumenische Feiern ohne einen besonderen Anlass sind weitverbreitet. So nimmt die Bedeutung einer gemeinsam gefeierten Stunden- oder Tagzeitenliturgie, etwa eines ökumenischen Morgen- oder Abendlobs, zu. Eine solche ökumenisch gefeierte Heiligung des Tages findet sich etwa im Rahmen einer sogenannten »City-Pastoral« in Großstädten, bei den Kirchen- und Katholikentagen sowie bei den Gebetstreffen von Jugendlichen in bewusster Anlehnung an die liturgische Tradition der ökumenischen Kommunität von Taizé.

Das liturgische Gedächtnis der einen Taufe

Doch trotz solch vielfältiger Möglichkeiten wird von vielen engagierten Gläubigen beklagt, dass ökumenische Gottesdienste immer »nur« Wortgottesdienste sein könnten. Eine solche Einschätzung bewertet ökumenische Wort-Gottes-Feiern als defizitär gegenüber einer gemeinsamen Feier von Eucharistie/Abendmahl. Hierin artikuliert sich der Wunsch, man wolle endlich auch in den Gemeinden vor Ort die Eucharistie/das Abendmahl gemeinsam feiern können und dürfen.

Christen beten gemeinsam um den Frieden. Foto: epd-bild

Christen beten gemeinsam um den Frieden. Foto: epd-bild

Dieses weitverbreitete Empfinden steht jedoch in einem gewissen Widerspruch zur tatsächlichen Relevanz von Wort-Gottes-Feiern für das liturgische Leben der Gemeinden vor Ort. Denn auch in der römisch-katholischen Kirche gibt es in Zeiten des Priestermangels immer mehr Gemeinden, wo diese liturgische Form oftmals die sonntägliche Eucharistiefeier ersetzt.

Hinzu kommt, dass sich in den vergangenen Jahren der Fokus auch liturgiepraktisch wie liturgietheologisch verschoben hat: Statt einer ständigen, schmerzlichen Fixierung auf die zurzeit noch nicht mögliche gemeinsame Feier von Eucharistie/Abendmahl hat sich in den vergangenen 15 Jahren gerade die Feier des gemeinsamen ökumenischen Gedächtnisses der einen Taufe als eine besonders gelungene Form des gemeinsamen ökumenischen liturgischen Feierns etabliert. In diesen ökumenischen Feiern wird die Einheit aller Getauften bereits feiernd begangen.

Die gottesdienstliche Praxis der anderen wertschätzen

Die ökumenische Bewegung hat sich von Anbeginn an auch der Frage des Gottesdienstes zugewandt. Unterstützt durch historische Studien, welche die Vielgestaltigkeit christlicher Gottesdienstformen schon in frühester kirchlicher Zeit belegten, stand dabei die Erreichung einer Konvergenz über die Grundgestalt und den Inhalt, den sogenannten Sinngehalt des christlichen Gottesdienstes, im Mittelpunkt.

Ebenso bedeutsam war das wachsende Bewusstsein einer gemeinsamen gottesdienstlichen Tradition, die es positiv wertzuschätzen und zu pflegen gilt. Auch die ökumenische Zusammenarbeit auf wissenschaftlicher Ebene zwischen Liturgiewissenschaftlern verschiedener christlicher Kirchen und kirchlicher Gemeinschaften hat hier zu neuen, fruchtbaren Erkenntnissen geführt. Es gibt eine gemeinsame gottesdienstliche Tradition, die allen Christen zu eigen ist. Christen aller Konfessionen sehen in der Heiligen Schrift die Gründungsurkunde ihres Glaubens. Die Verkündigung der Schrift hat ihren Ort im Gottesdienst. Die Verkündigung der Schrift ist dabei zum einen die Proklamation der Heils­taten Gottes, die im Heilshandeln Gottes in Jesus Christus ihren unüberbietbaren Höhepunkt findet.

Christen machen sich aber auch Worte der Schrift zu eigen, um so mit den Worten der Psalmen und Gesänge Gott zu loben und zu preisen, ihn zu bitten und ihn anzuflehen, ihn anzubeten und zu verherrlichen. Die Schrift schließlich benennt normative Bezugspunkte für das gottesdienstliche Handeln der Kirche in jenen liturgischen Grundvollzügen, die wir die Feier der Sakramente nennen. Unabhängig von der konkreten Anzahl der Sakramente in den einzelnen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften ist eine Rückbesinnung auf das Zeugnis der Schrift für eine ökumenische Verständigung über die einzelnen Sakramente und für eine Annäherung im Verständnis der Liturgie von großer Bedeutung.

Dies lässt sich noch weiter entfalten: Christen sind getauft auf den Namen Jesu Christi, sie sind so wiedergeboren in Wasser und Heiligem Geist. Christen feiern ein Gedächtnis des letzten Abendmahles. Sie versammeln sich am ersten Tag der Woche, um der Auferstehung Jesu Christi zu gedenken. Sie entfalten die Heilsgeheimnisse Jesu in einer strukturierten Feier des liturgischen Jahres. Christen treten in der Feier der Liturgie ein in den Dialog mit Gott, sie hören die Proklamation der Heilstaten Gottes in der Heiligen Schrift, sie wenden sich an den Gott und Vater Jesu Christi in Lobpreis, Dank und Bitte.

Bei aller Unterschiedlichkeit gibt es Gemeinsamkeiten

Bei allen Unterschiedlichkeiten in den Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften gibt es somit auch eine gemeinsame gottesdienstliche Tradition. Diese wurzelt zum einen in einer realen gemeinsamen liturgischen Tradition aus einer Zeit der Einheit, die vor den jeweiligen Kirchenspaltungen schon bestand. Aber auch nach den erfolgten Schismen und Spaltungen und nach der Zeit der Konfessionalisierung waren die jeweiligen liturgischen Traditionen keinesfalls so hermetisch gegeneinander abgeschieden, wie dies vielleicht aus den kontroverstheologischen Polemiken heraus rückgeschlossen werden mag. Hier gab es vielmehr im Verlauf der Kirchengeschichte immer wieder ein wechselseitiges Geben und Nehmen, wodurch die jeweils eigene Tradition mit angereichert wurde.

Besonders schön lässt sich dies etwa am Beispiel der Kirchenlieder aufzeigen: Paul Gerhardts »O Haupt voll Blut und Wunden« wird heute in römisch-katholischen Gemeinden wohl kaum als protestantisches Liedgut empfunden. Die Vielzahl an ökumenischen Liedern stellt eine gemeinsame gottesdienstliche Tradition dar, in der wirkliches Einheitspotenzial begründet liegt.

Positiv ist festzuhalten, dass auf dem Weg zur sichtbaren Einheit aller, die an Christus glauben, in den vergangenen Jahrzehnten nicht nichts geschehen ist – ganz im Gegenteil. Alleine schon die gegenseitige Anerkennung der Taufe, wie sie das »Direktorium zur Ausführung der Prinzipien über den Ökumenismus« fordert, ist mehr als ein bloßer Höflichkeitsakt, sondern, so Papst Johannes Paul II., eine »ekklesiologische Grundaussage«. Und die Hoffnung, eines Tages alle Sakramente gemeinsam feiern zu können, bewegt nach wie vor viele Christen und bleibt bestehen.

Martin Stuflesser

Der Autor ist Liturgiewissenschaftler an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Würzburg.

Wenn einer wie Luther wieder da wäre …

2. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Der ehemalige Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit, Heiner Geißler (86), provoziert gern, auch wenn es um den Reformator Martin Luther geht. Mit ihm sprach Claudia Götze.

Herr Geißler, warum haben Sie sich mit Luther beschäftigt?
Geißler:
Obwohl ich katholisch bin? Aber jeder intelligente Katholik ist in seinem Innern auch protestantisch.

Wann sind Sie Luther das erste Mal begegnet?
Geißler:
Als kleiner Junge verbrachte ich die Ferien Ende der 1930er-Jahre in Oberndorf (Neckar). Dort begegnete ich dem Stadtpfarrer, und der sagte immer: Wenn es den Luther nicht gegeben hätte, dann hätten wir nur einen Glauben und eine Kirche. Ich dachte, mit Luther muss was Besonderes sein, von dem geht ein eigener Glaube aus.

Luther hat ein neues Frauenbild geschaffen und das Zölibat abgeschafft. Was hat er damals vergessen oder nicht wissen können?
Geißler:
Damals war eine frauenfeindliche Theologie die herrschende Lehre. Die Frau wurde als Tor des Teufels gesehen, durch die der Mann in Sünde fällt, als »ianua diaboli«, wie Thomas von Aquin sagte. Er hat das Zölibat abgeschafft, das Scheidungsrecht und die Frau im Priesteramt eingeführt. Ich sehe heute Parallelen zu Papst Franziskus. Für die Beendigung der Kirchenspaltung eine große Chance.

Was ist Luthers Erfolgsgeheimnis?
Geißler:
Er hat die Probleme der einfachen Menschen gesehen. Er hat die Buchdruckerkunst in seinen Dienst gestellt und eine einheitliche deutsche Sprache geschaffen.

Hat er alles richtig gemacht?
Geißler:
Natürlich nicht. Er hat in der Theologie ein Defizit hinterlassen. Er hat an die Vorherbestimmung geglaubt, die Pest in Wittenberg hat er als von Gott geschickt erklärt. Sein Gottesbild gibt keine Antwort auf die Frage nach Gerechtigkeit auf Erden. Wie beispielsweise kann es sein, dass Kinder an Krebs sterben müssen? Gibt es Gott nach Auschwitz?

Wenn Luther heute hier wäre, was würde er den Leuten sagen?
Geißler:
Für Luther war Gott der liebende und gütige Gott, der alle Menschen erlöst. Mit dem Ablass hat er ein zentrales Problem angesprochen: die Verbindung von Religion und Geld sowie Glauben und Kapital. Auch das Verhältnis von Frau und Mann hat Luther positiv beantwortet.

Heiner Geißler war Jesuitenschüler, langjähriger CDU-Generalsekretär und ist jetzt ehrenamtlicher Vorsitzender eines Gleitschirmfliegervereins und einer großen ökumenischen Sozialstation. Foto: Claudia Götze

Heiner Geißler war Jesuitenschüler, langjähriger CDU-Generalsekretär und ist jetzt ehrenamtlicher Vorsitzender eines Gleitschirmfliegervereins und einer großen ökumenischen Sozialstation. Foto: Claudia Götze

Die katholische Kirche hinkt der evangelischen Kirche 500 Jahre hinterher, was das Zölibat und die kirchlichen Ämter für Frauen angeht. Und Luther argumentiert folgerichtig, dass das gemeinsame Abendmahl unverzichtbar ist, wenn alle getaufte Christen sind.

Ökumene – wie weit sind die Kirchen mit ihr?
Geißler:
In beiden Kirchen gibt es viele, die nichts von Ökumene halten. Dennoch wird der ökumenische Gedanke bei allen Christen unabhängig von der Konfession immer stärker.

Wie könnte die Kirche wieder mehr Zulauf bekommen?
Geißler:
Jemand kann Christ sein, auch wenn er zweifelt, dass es Gott gibt. Wenn wir am Ende des Lebens sind, hat dieses Leben trotz der Zweifel an Gott einen Sinn gehabt, wenn wir nicht nur Trompete blasen und mit vertikal gerichtetem Blick nach oben beten. Es geht um den horizontalen Blick. Wir haben die Pflicht, denen zu helfen, die in Not sind.

Luther hatte aber auch dunkle Seiten …?
Geißler:
Beim Bauernkrieg und den Juden gab es schlimme Verirrungen, vor allem mit seiner Schrift gegen die Bauern, in der er die Rache an den Bauern begrüßt hat. Es wäre auch besser gewesen, er wäre gestorben, bevor er die Schrift über die Juden verfasste. Sein Hass entsprang der Enttäuschung darüber, dass die Juden seine Theologie nicht mittragen.

Was müsste anders laufen?
Geißler:
Die Kirche müsste mehr Widerstand leisten gegen die Entwicklungen auf der Erde, die nicht von christlichen Werten hergeleitet, sondern vom Kapital bestimmt werden. Wir brauchen eine globale öko-soziale Marktwirtschaft. Wir müssen Ursachen beseitigen und nicht Zäune und Mauern bauen.

Luther würde sagen, warum wehrt ihr euch nicht gegen den Absolutismus des Kapitals, so wie ich mich damals gegen den Unfehlbarkeitsanspruch der Kurie gewehrt habe. Beseitigt die Spaltung und werdet wieder eine Kirche, die Gründe von damals gelten nicht mehr.

Buchtipp
Geißler, Heiner: Was müsste Luther heute sagen? Ullstein Buchverlage, 285 S., ISBN 978-3-550-08045-6, 20 Euro

Das inszenierte Geheimnis

6. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Gottesdienste der anderen: Was können Christen von den Geschwistern aus der Ökumene lernen? Mit dieser Frage beschäftigt sich eine dreiteilige Beitragsserie. Den Abschluss bildet der katholische Gottesdienst.

In der letzten Generation ist der protestantische Gottesdienst katholischer und der katholische Gottesdienst protestantischer geworden. Das ist im Wesentlichen eine positive Entwicklung. Darüber hinaus folgen beide großen Kirchen schon immer demselben liturgischen Grundschema. Dennoch ist es reizvoll, beide Gottesdienstformen typologisch gegenüberzustellen. In diesem Sinne kann eine liebevolle Karikatur der genaueren Wahrnehmung helfen. In den folgenden vier kurzen Thesen setze ich voraus, dass meine Beschreibungen dem Idealtypus des katholischen Gottesdienstes entsprechen, aber nicht jeder tatsächlich abgehaltenen Messfeier; und ich setze voraus, dass diese Prinzipien den Wahrheitsgehalt des evangelischen Gottesdienstes erschließen können. Einfacher gesagt: Ein bisschen mehr Geheimnis wäre auch für uns Evangelische nicht schlecht. Aber zunächst zum Katholischen. Erstens: Der Katholik glaubt vor allem mit den Augen. Das Messgewand des Priesters, die Kleidung der Ministranten, der Einzug und die Handlungen am Altar folgen einer tief verwurzelten Ordnung, die weder erklärt werden kann noch muss. Die erhobene Hostie und die sorgfältige, umständliche Reinigung des Kelchs nach der Eucharistie zeigen, dass hier das Unerklärliche und Überintellektuelle geschieht. Das Sterben und Auferstehen und das Sich-Schenken des Gottessohnes an diejenigen, die daran schauend teilhaben, wird Wirklichkeit: »Kommt und seht!« (Johannes 1,39).

Die katholische Messe transportiert damit zweitens keine Gedanken oder Informationen. Sie ist in ihrem Kern nichts anderes als das rituell vergegenwärtigte Geheimnis selbst. Es geht nicht um eine zu übermittelnde Botschaft, sondern um die Realität des Mysteriums. Ein Mysterium aber ist wie ein Rätsel nicht zu entschlüsseln, sondern zu feiern. Das Geheimnis der Erlösung, wie es im Gottesdienst erfahren werden kann, ist der Abstieg Gottes in die Welt (»Katabasis«), der Aufstieg des menschlichen Herzens zu Gott (»Anabasis«) und der Durchgang der Welt von der jetzigen Zweideutigkeit zur Vollendung (»Diabasis«). Um weniger geht es nicht in der Liturgie – also um alles.

Drittens: Für den Katholiken gehört die Predigt zwar zum Gottesdienst – aber sie gehört dennoch nicht so recht zur Liturgie. Die offiziellen Dokumente sprechen seit der Konzilskonstitution »Sacrosanctum Concilium« des 2. Vatikanums von 1963 zwar vom Zusammenhang von Predigt und Mahl, aber die Empfindung ist bisweilen eben doch eine andere. Ein konservativer Liturgietheoretiker, der katholische Schriftsteller Martin Mosebach, schrieb darum vor einigen Jahren: »Die Predigt zerreißt das Kleid der Liturgie. Auch wenn man es nicht so scharf ausdrücken möchte: Die Predigt steht in der katholischen Messe immer in der zweiten Reihe. Sie dient dazu, den Zugang zu dem Geheimnis zu bahnen bzw. die ethisch-moralischen Konsequenzen des Geheimnisses zu erläutern und einzuschärfen. Sie ist der Weg zum oder vom Mysterium. Aber die Predigt selbst ist nicht Mysterium. Christus selbst spricht im Geschehen am Altar und in den Lesungen, nicht aber in der Predigt. Denn zu einer derartigen Aussage konnte sich auch das 2. Vatikanum nicht durchringen. Nach »Sacrosanctum Concilium« von 1963 sind Liturgie und Predigt weiterhin deutlich zu unterscheiden.

Viertens ist der katholische Priester damit Geheimnisträger. Er ist nicht vor allem Prediger. Er ist Gleichnis des Mysteriums, Gleichnis der Menschwerdung des Göttlichen und der Transformation des Menschlichen. In einer eher missverständlichen Formulierung heißt es in den katholischen Dokumenten, der Priester handele »in persona Christi«. Das kann hierarchisch und autoritär aufgefasst werden, als ob der Priester mit einer Gloriole versehen werden solle, die man psychologisch kaum (er)tragen kann. Das hätte in der Tat etwas Neurotisierendes für den Amtsträger wie für die Gemeinde. Und doch: Richtig an dieser Sicht ist – auch aus protestantischer Sicht –, dass der Pfarrer kein Volksredner, Conférencier oder Alleinunterhalter ist, sondern der Sachwalter und das lebendige Zeichen des die Welt durchdringenden Geheimnisses Jesu.

Protestantisch wird man diese Charakterisierung auch auf die Predigt ausdehnen. Der Prediger steht und steht ein für dieses Geheimnis: Die Lebensgeschichte Jesu, meine Lebensgeschichte und die Geschichte Gottes sind – wenn auch in verborgener Weise – miteinander verbunden. Diesen Zusammenhang deutlich zu machen, das ist die Aufgabe der am Gottesdienst Beteiligten, also auch des Predigers.

Mit dem Einstehen für das Geheimnis befindet sich der Prediger nicht über oder neben der Gemeinde. Im Gegenteil verhält er sich nur so, wie es nach Paulus allen Christen aufgegeben ist: »Dafür halte uns jedermann: für Diener Christi und Haushalter über Gottes Geheimnisse.« (1 Korinther 4,1)

Michael Meyer-Blanck

Der Autor ist Professor für Religionspädagogik an der Universität Bonn.

Krakaus Lutheraner und der katholische Weltjugendtag

1. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Draußen, in der Krakauer Fußgängerzone, singen und tanzen die Jugendlichen aus ganz Europa. »Italia, Italia«, schreit eine Pilgergruppe, die hinter einer überdimensionierten italienischen Flagge vom Wawel zum Marktplatz zieht. Und als Pfarrer Roman Pracki die Türen der Martinskirche öffnet, strömt sofort eine Pilgergruppe aus Pforzheim in das Gebäude. Was bemerkenswert ist, denn die direkt am Fuß des Wawel gelegene Martinskirche ist eine evangelische Kirche. Und Pracki gehört zur Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen.
»Unsere Gemeinde hier in Krakau gibt es seit der Reformation«, berichtet der Theologe eine Etage weiter oben, in seinem Büro, in perfektem Deutsch. Heute lebten 600 Lutheraner in Krakau – ein Drittel stammten aus lutherischen Familien aus Krakau, ein Drittel sei aus dem traditionell lutherisch geprägten Teschener Land zugezogen, ein weiteres Drittel konvertiert. Welt-31-2016»Der Weltjugendtag erinnert mich an unsere Jugendevangelisationen, die wir in einem weit kleineren Maßstab jedes Jahr in Dziegielów anbieten.«

Im Vorfeld des Weltjugendtags hätten die im ökumenischen Rat von Krakau organisierten Minderheitenkirchen, zu denen neben Lutheranern auch Methodisten, Altkatholiken und Orthodoxe gehören, den Katholiken Räume für Veranstaltungen angeboten und gemeinsame Angebote vorgeschlagen. »Daran bestand seitens der Katholiken aber kein Interesse, auch wenn die Ökumene hier in Krakau sonst durchaus funktioniert«, sagt Pracki, der selbst an einer katholischen Hochschule evangelische Liturgik unterrichtet. »So wird der einzige ökumenische Akzent im Programm des Weltjugendtags das Treffen des Papstes mit den Bischöfen der Minderheitenkirchen bleiben – wie schon bei den vergangenen Papstbesuchen in Polen.«

Im persönlichen Kontakt seien die Katholiken in Krakau aber häufig sehr offen für Anliegen der Lutheraner – so gebe es gemeinsame Gottesdienste, speziell auch für Menschen, die in gemischt-konfessionellen Ehen lebten. »Wir sind ja auch eine konservative lutherische Kirche, so wie die Altlutheraner in Deutschland«, sagt Pracki. Und wenn im Rahmen der Veranstaltungsreihe »Cracowia Sacra« alle Kirchen der Stadt die Türen öffnen, beteiligten sich natürlich auch die Protestanten daran.

Während der Woche des Papstbesuchs finden in der Kirche Orgelkonzerte und Kirchenführungen statt, und natürlich am Sonntag die drei Gottesdienste, die jeden Sonntag gefeiert werden. Was der Weltjugendtag mit Krakau macht? »Es ist auf jeden Fall eine Veranstaltung, die für eine positive Stimmung in der Stadt sorgt und allgemein für das Christentum wirbt«, sagt Pracki. »Und weil Polen ein mehrheitlich katholisches Land ist, haben auch viele Einwohner großes Verständnis für die Jugendlichen – das sieht man etwa in der Straßenbahn, wo die Pilger sofort gefragt werden, wo sie denn herkämen.« Wer mit dem Weltjugendtag nichts zu tun haben wolle, sei ohnehin in Urlaub gefahren.

Benjamin Lassiwe

»Wir müssen aufeinander achtgeben«

15. Juli 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Die Kirchentrennung seit fast 500 Jahren tut vielen Christen weh – doch es gibt auch Wege aufeinander zu

Entzweit das bevorstehende Reformationsjubiläum evangelische und katholische Christen oder kann es eine Wiederannäherung befördern? Dortohee Wanzek (»Tag des Herrn«) und Harald Krille (»Glaube + Heimat«) sprachen darüber mit Landesbischöfin Ilse Junkermann und Bischof Heiner Koch.

Wie empfinden Sie jeweils die Haltung der anderen Kirche im Blick auf 2017?
Junkermann:
Hoffentlich können wir im Reformationsjubiläum und -gedenken deutlich machen, was uns die letzten 500 Jahre auseinandergetrieben hat und wie wir uns, vor allem in der Kirchengeschichte des 20. Jahrhunderts, neu nahegekommen sind. Ich habe mich sehr gefreut, als Bischof Dr. Feige vor anderthalb Jahren sagte: »Im Zweiten Vatikanum haben wir die Reformation mit vollzogen.« Und wenn ich nach Magdeburg zum Pastoralen Zukunftsgespräch eingeladen bin und dort als erstes sehe, ein wie wichtiges Anliegen es ist, das Priestertum aller Gläubigen zu leben, dann berührt mich das sehr.

Gespräch in Dresden: Die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Ilse Junkermann (2. v.   l.), und der Bischof des Bistums Dresden-Meißen, Heiner Koch (3. v. l.), stellten sich den Fragen der Journalisten Dorothee Wanzek (l.) und Harald Krille (r.). Foto: Matthias Holluba

Gespräch in Dresden: Die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Ilse Junkermann (2. v.   l.), und der Bischof des Bistums Dresden-Meißen, Heiner Koch (3. v. l.), stellten sich den Fragen der Journalisten Dorothee Wanzek (l.) und Harald Krille (r.). Foto: Matthias Holluba

Wenn ich sehe, was im Bistum Hildesheim gelebt und gedacht wird darüber, wie Gemeinde in extremer Diasporasituation das Priestertum aller leben kann, denke ich, dass uns römisch-katholische Gemeinden längst überholt haben, indem sie sich gelöst haben von der Vorstellung, dass das Amt in jeder Beziehung eine Rolle spielen muss.

Koch: Ich habe einen eigenen Zugang zum Reformationsjubiläum erhalten, als ich gefragt wurde, ob der Katholikentag 2016 in Leipzig stattfinden könne. Mir war dieser Zeitpunkt so kurz nach meinem Amtsantritt eigentlich zu früh. Ich konnte aber verstehen, dass viel dafür sprach, mit dem 100. Deutschen Katholikentag gerade nach Leipzig zu gehen. Nachdem ich mit Verantwortlichen im Bistum gesprochen hatte, war es für mich selbstverständlich, den Dresdner Landesbischof und die Leipziger Superintendenten zu fragen, wie sie einen Katholikentag in Leipzig ein Jahr vor dem Gedenkjahr an die Reformation 2017 einschätzten. Würden Sie ihn mittragen?

Schon bei höflich vorgetragenen Bedenken hätte ich sofort alles abgeblasen, geschweige denn bei einer klaren Ablehnung. Superintendent Henker aber sagte den bemerkenswerten Satz: »Ich glaube, dass der Katholikentag 2016 gerade im Hinblick auf das Reformationsjubiläum 2017 eine große Chance ist.« Das Wichtige sei doch, gemeinsam wahrzunehmen, dass uns die Geschichte vor 1517 verbindet und der Wille, nach 2017 miteinander anders weiterzugehen als in den 500 Jahren der Trennung – wie auch immer Gott uns diesen Weg führt. Dieses Zeichen sollten wir setzen!

Mich hat es auch sehr bewegt, als Landesbischof Bohl kürzlich bei der Gedenkfeier zur Einführung der Reformation in Leipzig vor 475 Jahren den Katholikentag erwähnt hat. Die Kollekte dort wurde für den Neubau der katholischen Propsteikirche in Leipzig bestimmt. Das sind Zeichen, die schwer zu überbieten sind. Sie geben mir Freiheit und Freude, auf 2017 zuzugehen.

Junkermann: Ich bin dankbar für Bischof Feiges dreimalige Thesen zum Reformationstag. Die haben mich neu sensibilisiert für die ökumenische Herausforderung im Blick auf 2017. Ich bin sehr froh, dass wir Bischöfe auf dem Gebiet der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) uns zum mitteldeutschen Konfessionsgespräch treffen. Da können wir uns einmal nicht nur den Themen widmen, die gerade auf der Tagesordnung obenauf liegen, sondern grundlegenden Themen, die dem tieferen gegenseitigen Verständnis dienen.

Zuletzt haben wir uns mit Professoren unserer theologischen Fakultäten über das allgemeine Priestertum der Gläubigen und das besondere Amt ausgetauscht. Froh bin ich auch über das Konzept, wie wir als EKM das Reformationsjubiläum begehen wollen, nämlich regional differenziert.

Was heißt das konkret?
Junkermann:
Das Wesentliche soll nicht bei einem großen Luther-Festival, sondern vor Ort passieren. Wir wollen die regionale Reformationsgeschichte erforschen, und zwar mit den Christen aller Konfessionen sowie mit Menschen anderer Religion und ohne Religion: Wie ist die Reformation in unserer Region verlaufen? Welche wechselseitigen Verletzungen gab es? Was hat die Menschen damals überhaupt bewegt? … Ich hoffe, wir kommen dabei über Glaubensfragen ins Gespräch.

Auch unter Gemeindegliedern gibt es da oft eine Scheu. Wenn wir erstmal über die Glaubensfragen von vor 500 Jahren sprechen, kommen wir vielleicht auch auf die heutigen: Was von den damaligen Themen bewegt uns noch? Was hat sich geändert? Mir ist es ein Anliegen, dass wir zu diesem Jubiläum nicht die alten Feindbilder reproduzieren und auch nicht die Schwarz-Weiß-Bilder: Dort ist das finstere Mittelalter, hier die leuchtende Reformation. Da sehe ich evangelischerseits durchaus Gefahr. Auch dem Grundlagentext der EKD zum Reformationsjubiläum wurde Entsprechendes vorgeworfen, und es ist gut, dass darüber diskutiert wird. An sechs Orten Mitteldeutschlands wollen wir einen »Kirchentag auf dem Weg« feiern.

Auf dem EKM-Gebiet sind dabei von Anfang an Vertreter der katholischen Bistümer mit im Planungsteam. Wir haben hier gemeinsame Verantwortung. Was uns trennt, darf nicht so bestimmend sein, dass es uns hindert, das Gedenken miteinander zu gestalten. Das schützt uns auch wechselseitig davor, mehr über- als miteinander zu sprechen.

Evangelischerseits ist die Suchbewegung noch nicht abgeschlossen, wie wir einerseits die Freude über die Reformation ausdrücken können, über die Wiederentdeckung des Evangeliums zum Beispiel oder des Priestertums aller Gläubigen, andererseits aber auch innehalten und darauf schauen, wo wir Fehlwege gegangen sind und wo es Fragen zu überdenken gilt, etwa die Frage nach unserem Kirchenverständnis, das erst seit 100 Jahren ohne äußere Anlehnung an die staatliche Ordnung auskommt.

Ich hoffe, es gelingt uns, differenziert zu feiern, auch bei den großen Events.

Manchmal scheint es, dass evangelischerseits, auch wenn noch ein paar Wünsche offen sind, die Zufriedenheit mit dem Status quo überwiegt. Von Katholiken ist dagegen der Wunsch nach einer sichtbaren Einheit lauter hörbar …
Koch:
Eine Kirchentrennung, die nicht mehr wehtut, wäre kastastrophal. In der Apostelgeschichte und im Korintherbrief können wir lesen, wie sehr Paulus unter den kirchlichen Trennungen gelitten hat in einer Zeit zahlreicher Kirchenspaltungen. Es gibt das Gebot der Einheit, und dem müssen wir zumindest dadurch folgen, dass wir um Einheit ringen, gerade auch in theologische Differenzen.

Junkermann: Auch ich denke, wir dürfen uns nicht mit dem Status quo abfinden. An vielen Orten läuft Ökumene selbstverständlich und gut, es gibt aber auch Punkte, wo das Trennende wirklich schmerzt. Es schmerzt mich, wenn ich sehe, dass Bischof Dr. Feige bei unserer Ordinationsfeier nicht am Abendmahl teilnehmen kann; und es schmerzt, wenn ich sehe, dass Ministerpräsident Kretzschmann bei der Einführung des badischen Landesbischofs neben seinem Erzbischof sitzt und dann zum Abendmahl geht. Da spüre ich den Schmerz, der in der katholischen Kirche besteht: Wie kann vermittelt werden, was uns trennt?

Zum 85. Geburtstag von Altbischof Nowak bin ich zur Eucharistieausteilung gegangen und habe um einen Segen gebeten. Auf solche Weise können wir die mögliche Gemeinschaft auch liturgisch miteinander leben. Mich schmerzt auch die Nicht-Zulassung der Frau zum Amt in der römisch-katholischen Kirche.

Ein Schmerz, der jetzt gerade gelindert wird, ist die alte Kränkung durch Papst Benedikt XVI, seine Aussage über die Kirchen der Reformation, sie seien »nicht Kirche im eigentlichen Sinne«. Das sitzt tief, deshalb ist es mir wichtig, die Signale von Papst Franziskus zu hören und auch seinen seelsorgerlichen Ansatz in manchen moralisch-ethischen Fragen zu erleben.

Wir dürfen uns nicht abfinden mit den Trennungen und auch nicht flach darüber hinweggehen nach dem Motto »Wir machen jetzt einfach mal …«

Koch: Dabei sollten wir zu verstehen versuchen, wie unsere Worte auf den anderen wirken.

Ich weiß, wie manche evangelische Christen die Worte Papst Benedikts über das Kirchenverständnis empfunden haben. Er wollte das katholische sakramentale Kirchenverständnis verdeutlichen und zum Ausdruck bringen, dass dieses Verständnis von der evangelischen Kirche nicht geteilt wird. Seine aufklärerisch gemeinten Worte aber haben manche als Abweisung empfunden.

Wir müssen aufeinander achtgeben, wobei mir allerdings am meisten Sorge eine theologische Flachheit auch der Verantwortlichen in theologischen Differenzfragen macht.

Ich finde es manchmal erschreckend, dass viele gar nicht benennen können, worin die theologischen Unterschiede zwischen den Kirchen bestehen und was sie bedeuten. Wenn ich sie aber nicht kenne, kenne ich weder den Reichtum des anderen noch den Weg, der vielleicht zu einem Miteinander führt.

Es ist eine gemeinsame ökumenische Aufgabe, wirklich in die Tiefe zu gehen. Dies gilt vor allem auch in spiritueller Hinsicht.

Besteht nicht aber Gefahr, dass Papiere von hoher geistlicher Tiefe im Volk nicht ankommen?
Koch:
Ja. Aber Papiere haben unterschiedliche Adressaten. Pfarrer, Theologen, sind dafür ausgebildet, differenzierte Papiere zu verstehen und sie qualifiziert ins Gespräch zu bringen, auch in die Predigt, in Religionsunterricht und Katechese.

Ich wünsche mir, dass wir 2017 in den Gemeinden und im religiösen Gespräch miteinander eine neue Tiefe erreichen.

Junkermann: Auch die neuen Medien können da dienlich sein. Die Homepage »www.2017gemeinsam.de« zum Papier von Lutherischem Weltbund und katholischer Glaubenskongregation »Vom Konflikt zur Gemeinschaft« halte ich für ein gutes Beispiel, dem ich noch mehr Verbreitung wünsche. Da laufen fundierte Diskussionen, an denen sich auch Laien beteiligen.

»Ich habe erlebt, wie der Glaube Brücken baut«

29. Oktober 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Militärseelsorge: Vier Monate im Kosovo – Erfahrungen eines Militärseelsorgers aus Mitteldeutschland

Pfarrer Andreas Kölling aus Burg bei Magdeburg war von Mai bis September dieses Jahres mit der Bundeswehr im Kosovo. Harald Krille sprach mit ihm über seine Erfahrungen als Militärseelsorger.

Herr Kölling, wie haben Sie den Kosovo erlebt?
Kölling:
Sehr gegensätzlich. In dem Land – etwa so groß wie Sachsen-Anhalt – gibt es schöne Berge von 2000 Meter Höhe und mehr. Doch die Bäche werden als Kloaken benutzt. Die Menschen sind sehr freundlich, aber im Straßenverkehr gibt es außer dem Halten an roten Ampeln praktisch keine Regeln.

Höhepunkt zum Abschluss seines Einsatzes im Kosovo: Pfarrer Andreas Kölling tauft Stabsunteroffizier Alexander G. in der Feldlagerkapelle Prizren. Foto: privat

Höhepunkt zum Abschluss seines Einsatzes im Kosovo: Pfarrer Andreas Kölling tauft Stabsunteroffizier Alexander G. in der Feldlagerkapelle Prizren. Foto: privat

Wie schätzen Sie die Situation im Kosovo ein und welche Rolle spielt die Bundeswehr dort?
Kölling:
Ich kann mich dazu nur privat äußern. Die Kosovaren, die ich getroffen habe, sind sehr zufrieden mit dem, was die Bundeswehr erreicht hat. Die Zahl der Soldaten geht auch seit Jahren zurück. Das Ende von KFOR kommt wahrscheinlich in wenigen Jahren. Trotzdem ist das Land natürlich von deutschen Verhältnissen weit entfernt, was zum Beispiel die Wirtschaftsleistung oder den Sozialstaat betrifft.

Was gehörte zu Ihren Aufgaben als Militärseelsorger?
Kölling:
Ich habe die knapp 800 deutschen Soldaten betreut. Mein Dienstsitz war in Prizren im Süden des Landes, wo die Bundeswehr ein großes Lazarett betreibt. Außerdem habe ich als »Theatre Chaplain« die Arbeit aller Militärseelsorger bei der KFOR koordiniert und nach außen vertreten.

Gab es ein Ereignis, dass Sie besonders beeindruckte oder bewegte?
Kölling:
Ich traf einen Kosovo-Serben, dessen Sohn im Krieg 1999 erschossen wurde. Wir beide gingen zum Grab und haben dort gemeinsam gebetet und uns umarmt. Da habe ich erlebt, wie der Glaube Brücken baut über Kulturen, Generationen und Konfessionen hinweg.

Ein Militärpfarrer ist ein Armeeangehöriger, aber er ist kein Soldat?
Kölling:
Das ist richtig. Während für einen Soldaten im Einsatz an allen sieben Tagen der Woche während 24 Stunden die Befehle gelten, war bei mir der kirchliche Auftrag entscheidend. Aber ich habe erlebt, wie es den Soldaten geht, die vier Monate lang das Lager nicht ohne dienstlichen Grund verlassen dürfen, deren Alltag bis in private Dinge hinein reglementiert wird. Meine persönliche Einstellung zur Bundeswehr ist dadurch kritischer geworden.

Inwiefern?
Kölling:
Weil ich diese Probleme, die Soldaten in der Bundeswehr haben können, zwar schon kannte, aber im Einsatz viel unmittelbarer und authentischer damit konfrontiert war.

Haben Sie selbst früher Militärdienst geleistet?
Kölling:
Nein.

Wie hat sich die Situation im Einsatz auf Ihre Arbeit ausgewirkt?
Kölling:
Ich konnte die Soldaten besser erreichen als Zuhause, weil wir uns besser kennenlernen und vertrauen konnten. Neben Gottesdienst und Seelsorge habe ich einen Glaubenskurs durchgeführt, in dem wir uns zehn Wochen lang intensiv mit Glaubensfragen auseinandergesetzt haben. Außerdem habe ich einige ­Betreuungsfahrten organisiert. Dabei ging es darum, nicht nur etwas vom Land kennenzulernen, sondern auch mit Einwohnern ins Gespräch zu kommen, vorzugsweise zu religiösen Fragestellungen.

Sie haben viel mit Soldaten aus den neuen Bundesländern zu tun, denen man allgemein religiöse Ignoranz nachsagt. Was sind Ihre Erfahrungen?
Kölling:
Es gibt die ganze Bandbreite, auch Ignoranz. Oft liegt das daran, dass keine eigenen Erfahrungen mit Kirche vorliegen. Bei einer Runde mit 20 Soldaten fragte ich einmal, wer denn außerhalb der Bundeswehr schon mal einen Pfarrer getroffen habe. Vier meldeten sich.

Ihren Worten kann man entnehmen, dass die Arbeit der Militärseelsorge in der Bundeswehr große Freiheit ­genießt?
Kölling:
Das stimmt. Ich treffe aber auch auf Vorgesetzte, die nicht recht wissen, wie sie mit der Militärseelsorge umgehen sollen. Da wird dann beispielsweise ein Antreten auf die Gottesdienstzeit gelegt.

Und wie reagieren Sie darauf?
Kölling:
Ich muss dann sehr deutlich und selbstbewusst für meinen Auftrag eintreten. Auch einen Konflikt darf ich nicht scheuen. Aber mir ist es wichtig, dass mein Handeln nachvollziehbar ist, dass klar wird, warum ich mich so verhalte.

Von Gegnern der Militärseelsorge ist gelegentlich der Vorwurf zu hören, Militärpfarrer sollen ja nur den Soldaten die moralischen Skrupel zum Töten nehmen – was sagen Sie darauf?
Kölling:
Schaut euch eure Pfarrer an! Wir sind berufen zum Dienst unter den Kindern Gottes. Bei Bestattungen werden wir unmittelbar mit der Trauer konfrontiert. Wie sollen wir es dann fertigbringen, Menschen das Töten zu erleichtern?

Die KFOR-Truppe ist International – welche Rolle spielt die Ökumene?
Kölling:
Als Gemeindepfarrer habe ich nie so viel Ökumene erlebt, wie in der Militärseelsorge. Und jetzt im Einsatz war es noch intensiver: Da war täglich die Zusammenarbeit mit dem deutschen katholischen Militärseelsorger. Wir wurden bei den Soldaten als ein Team wahrgenommen. Dann waren da die anderen Militärseelsorger aus zehn verschiedenen Nationen, darunter ein orthodoxer Priester. Am stärksten haben mich unsere gemeinsamen Gottesdienste beeindruckt.

Wie ging es Ihnen persönlich im Einsatz?
Kölling:
Vier Monate weg von der ­Familie waren nicht schön, und für meine Frau mit den zwei Kindern schwerer als für mich. Ich selber wurde durch mein Kirchenamt bei der Bundeswehr hervorragend betreut und sogar im Einsatz besucht. Der Glaubenskurs, den ich den Soldaten anbot, war auch für mich selbst gut, um mir immer wieder deutlich zu machen, aus welchen Quellen ich lebe und glaube. Insgesamt war es für mich eine gute Zeit, weil ich als Seelsorger dicht an den Menschen dran sein konnte. Und mit einer Soldatentaufe beim letzten Gottesdienst hatte ich noch ein richtiges Highlight zum Schluss.

Hintergrund: Die KFOR im Kosovo

Blick-2-Logo-43-2013Die Kosovo-Truppe (englisch Kosovo Force oder kurz KFOR) ist die 1999 nach Ende des Kosovokrieges aufgestellte internationale militärische Schutztruppe unter ­Führung der NATO. Sie hat die Aufgabe, im Namen des UN-Sicherheitsrates Recht und Ordnung, insbesondere den Schutz der Zivilbevölkerung und die Rückkehr der Flüchtlinge in der ehemaligen serbischen Provinz sicherzustellen. Daneben soll sie für die Demilitarisierung der Region sorgen. In diesem Zusammenhang wurden bereits viele Tonnen an Waffen und Munition in der Region aufgespürt und eingezogen. Das KFOR-Hauptquartier befindet sich in der Hauptstadt Priština. Derzeit umfasst die KFOR Soldaten aus 31 Nationen, Deutschland stellt mit 741 Soldaten das größte Kontingent.
(mkz)

Vom Sektenmeer zum Massenphänomen

30. April 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Ökumene: Neue christliche Gemeinschaften und Bewegungen fordern weltweit die traditionellen Kirchen heraus

Noch bis zum Beginn der 90er des vergangenen Jahrhunderts beurteilten große Kirchenversammlungen Pfingstler, Charismatiker und Evangelikale abschätzig als Sekten. Das hat sich geändert.

Die Flut hebt alle Boote«: Mit diesem Bild fasste der Religionssoziologe Philip Jenkins die Erkenntnisse aus den vergangenen Jahren der Auseinandersetzung mit dem rapiden Anwachsen neuer Kirchen bei einer Tagung der katholischen Deutschen Bischofskonferenz in Rom zusammen. Denn mittlerweile werten die traditionellen christlichen Konfessionen die neuen religiösen Bewegungen differenzierter: teils als positive Herausforderung und Ansporn zur Selbstkritik, teils als Dialogpartner, teils als konfessionellen Gegner, der jede Form der Ökumene ablehnt.

Auf Anregung des damaligen Bischofs und späteren Vorsitzenden des päpstlichen Einheitsrats, Walter Kasper, starteten die katholischen Bischöfe in Deutschland bereits in den 90er Jahren ein Forschungsprojekt über die neuen kirchlichen Bewegungen. Wie wichtig ihre Ergebnisse und der Austausch mit anderen Experten über das vor allem – aber nicht nur – in Lateinamerika und Afrika starke Phänomen auch für den Vatikan sind, demonstrierte die Bischofskonferenz mit der Ortswahl der hochkarätig ­besetzten Konferenz. Kaspers Nachfolger als vatikanischer Ökumene-­Minister, Kardinal Kurt Koch, gestand denn auch als Schirmherr der dreitägigen Begegnung in Rom ein, dass die neuen Bewegungen eine »wirklich große Herausforderung« für die katholische Kirche seien.

Eine »vierte Grundform des Christseins«

Für den protestantischen Ökumene-Experten Christoph Raedel von der Kasseler CVJM-Hochschule erwies die Tagung die verbreiteten Klagen über einen angeblichen Untergang des Religiösen als Trugschluss. Protestanten und Katholiken stimmten mit Koch und der von ihm zitierten Dogmatikerin Margit Eckholt vielmehr darin überein, dass es sich um eine neue, »vierte Grundform des Christseins« handelt, die zu einer »Pentekostalisierung« (Verpfingstlichung) der alten Kirchen führt.

Herausforderung für traditionelle Kirchen: Volkstümlich und emotional geht es in einem pfingstkirchlichen Gottesdienst in der chilenischen Bergbaustadt Lota zu. Foto: epd-bild

Herausforderung für traditionelle Kirchen: Volkstümlich und emotional geht es in einem pfingstkirchlichen Gottesdienst in der chilenischen Bergbaustadt Lota zu. Foto: epd-bild

Die neuen Kirchen zählen mittlerweile 400 Millionen Mitglieder, rund ein Drittel der Zahl der Katholiken weltweit. Neben der katholischen, ­orthodoxen und den klassischen evangelischen Kirchen bilden sie inzwischen eine vierte Grundform christlichen Glaubenslebens. Koch rief die katholische Kirche bei der Konferenz mit dem Titel »Evangelikale – Pfingstkirchen – Charismatiker« zur Selbstkritik auf. »Die katholische Kirche muss sich die Frage stellen, was machen wir falsch, warum verlassen die Gläubigen uns?«

Priestermangel einerseits und mangelnde Antworten der Traditionskirchen auf die Lebenssituation von Migranten und einer zunehmend in die Städte ziehenden Landbevölkerung wurden bei der Konferenz als Hauptmängel der traditionellen Kirchen ausgemacht. Evangelikale und Pfingstkirchen geben von ihren alten religiösen Traditionen entwurzelten Menschen ein starkes Gemeinschafts- und Familiengefühl. Gleichzeitig verheißen sie oft Wohlergehen nicht erst im Jenseits, sondern auch materiellen Wohlstand im Diesseits.

Soziale Verantwortung und starke Rolle der Frauen

Für westliche Beobachter zunächst überraschend klangen Untersuchungsergebnisse, nach denen die Zugehörigkeit auch zu solchen christlichen Gemeinschaften, die materiellen Reichtum versprechen, verantwortliches Handeln und die Rolle der Frauen stärken. Letztere freuen sich etwa in Afrika, in Pfingstkirchen Männer zu finden, die ihr Geld nicht in Alkohol oder Glücksspiel investieren, sondern in das Wohlergehen der Familie.

Protestantische Kirchen seien im Vergleich zur katholischen auf zwei wesentliche Elemente besser vorbereitet, die den Erfolg der neuen Bewegungen ausmachen, konstatiert der Kasseler Ökumeniker Raedel. Ebenso wie die Evangelikalen und die Pfingstler spielten Frauen und Laien bei ­ihnen eine wichtige Rolle. Dass für die katholische Kirche eine Eucharistiefeier die Anwesenheit eines Priesters voraussetzt, erschwert deren Überleben vor allem in Lateinamerika, wo es vielen Gemeinden an Geistlichen fehlt.

Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick übte in Rom, angesichts der ­Abwanderung von Katholiken hin zu den neuen Bewegungen, zwar auch Selbstkritik. Mit Blick auf deren teils aggressive Praktiken bei der Anwerbung von Gläubigen forderte er jedoch: »Wir müssen kritische Fragen an die pfingstkirchlichen und evangelikalen Bewegungen stellen.«

Bei der Tagung wurde anhand der Ergebnisse des Forschungsprojekts der Deutschen Bischofskonferenz sowie von Teilnehmern aus den betroffenen Ländern deutlich, dass ein Teil der Bewegungen zum Dialog bereit ist. Andere Gruppen verstünden sich als grundlegende Opposition zu den traditionellen Kirchen, hieß es. Mit ­gefühlsbetonten Feiern wirken sie auf viele gerade auch für eine starke Frömmigkeit offene Gläubige jedoch attraktiver denn die vielfach als zu ­trocken und institutionalisiert wirkenden traditionellen Großkirchen.

Bettina Gabbe

»Ich schätze Luthers leidenschaftlichen Glauben«

25. Oktober 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Was der neue »Chefökumeniker« der Deutschen Bischofskonferenz im Blick auf das Reformationsjubiläum erwartet


In der katholischen Kirche Deutschlands ist er für Ökumene zuständig: der neue Vorsitzende der Ökumene-Kommission der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Gerhard Feige aus Magdeburg. Benjamin Lassiwe sprach mit ihm über den katholischen Blick auf 2017 und die Ökumene.

Herr Bischof Feige, freuen Sie sich auf 2017?
Feige: Ich gehe dem Jahr immer noch mit gemischten Gefühlen entgegen, weil ich nicht weiß, wie es sich gestalten wird und wie weit sich die Beziehungen zwischen evangelischer und katholischer Kirche bis dahin positiv verändert haben – oder eben auch nicht.

Was muss denn aus Ihrer Sicht bis 2017 passieren?
Feige: Ich hoffe, dass wir noch zu einigen gemeinsamen Vorstellungen hinsichtlich des Reformationsgedenkens kommen. Sie merken, ich benutze den Begriff »Gedenken« – das fängt schon beim Namen an. Im Protestantismus spricht man ja eher vom »Jubiläum«. Aber von der evangelischen Seite möchte ich schon konkretere Vorstellungen hören, was man da beabsichtigt. Und dann können wir Katholiken für uns klären: Wie gehen wir damit um? Mich bewegt zum Beispiel die Frage, ob es noch gelingt, die Vorgeschichte und die Wirkungsgeschichte der Reformation gemeinsamer zu erfassen. Oder ob es da eben bei sehr unterschiedlichen Sichtweisen bleibt.

Und wie steht es mit Martin Luther? Was schätzt ein katholischer Bischof an dem Reformator?
Feige: Seinen leidenschaftlichen Glauben und seine Ausrichtung auf Jesus Christus. Das ist ja etwas, worauf auch der Papst bei seinem Besuch in Erfurt hingewiesen hat: Anlässlich des Reformationsgedenkens sollten wir uns wieder mehr auf Christus beziehen. Wir sollten alles dafür tun, dass es uns gelingt, unseren Glauben noch überzeugender zu leben und zu verkünden.

Gerhard Feige ist seit 2005 Bischof des Bistums Magdeburg. Seit Langem im ökumenischen Gespräch engagiert, wurde er vor wenigen Wochen zum Nachfolger des nach Rom versetzten Regensburger Oberhirten Gerhard Ludwig Müller als Vorsitzender der Ökumenekommission der Deutschen Bischofskonferenz gewählt. – Foto: picture-alliance

Gerhard Feige ist seit 2005 Bischof des Bistums Magdeburg. Seit Langem im ökumenischen Gespräch engagiert, wurde er vor wenigen Wochen zum Nachfolger des nach Rom versetzten Regensburger Oberhirten Gerhard Ludwig Müller als Vorsitzender der Ökumenekommission der Deutschen Bischofskonferenz gewählt. – Foto: picture-alliance

Bezieht sich die Ökumene heute denn auf den gelebten Glauben – oder sind die Diskussionen über Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Christen nicht zum Selbstzweck geworden?
Feige: Es gibt sehr verschiedene Ebenen, auf denen Ökumene geschieht oder auch nicht geschieht. Und alle diese Ebenen sind wichtig, und es ist auch wichtig, dass zwischen ihnen eine Vernetzung erfolgt. Es gibt die Ebene der Basis in den Gemeinden, es gibt eine Ebene der Theologen, die Vordenker sein sollen, und es gibt die Ebene der Kirchenleitungen. Auf allen diesen Ebenen muss man sich heute bewegen, meine ich.

Der hannoversche Landesbischof Ralf Meister hat in einem Interview erklärt, die Ökumene sollte nicht auf die Bischöfe warten. Was hält ein katholischer Bischof davon?
Feige: Das sehe ich durchaus anders. Es gibt ganz konkrete Beispiele, wo man sagen kann, dass ökumenische Fortschritte von den leitenden Geistlichen der Kirchen ausgingen. Das gilt zum Beispiel für das Verhältnis von katholischer Kirche und Orthodoxie. Da ist die Initiative eindeutig von Päpsten und Patriarchen ausgegangen. Und wir erleben es heute noch, dass die Fortschritte, die erreicht worden sind, vielerorts an der Basis nicht ins Bewusstsein gedrungen sind.

Im Protestantismus gab es ja immer mal wieder einzelne Stimmen, die den Papst als Sprecher der Christenheit vorgeschlagen haben. Dies wurde von der eigenen Fraktion brüsk zurückgewiesen. Ist das Papstamt ein Problem für die Ökumene?
Feige: Schon Papst Johannes Paul II. hat ja dazu eingeladen, in der Ökumene über die Rolle des Papstes nachzudenken. Schließlich gilt es zu unterscheiden: Es gibt einen inhaltlichen Kern des Amtes, und es gibt eine äußere Form. Die äußere Form hat sich im Laufe der Zeit durchaus verändert. Und da kann es interessant und konstruktiv sein, darüber zu diskutieren. Beim inhaltlichen Kern ist das etwas anders: Hier haben wir ein spannendes Thema, aber vielleicht auch einen Graben zwischen den Konfessionen, der nicht einfach überbrückt werden kann.

Wo sehen Sie die Schwierigkeiten im protestantisch-katholischen Verhältnis?
Feige: Im Kirchenverständnis und im Amtsverständnis haben sich in letzter Zeit doch wieder einige Probleme gezeigt, die sich als belastend erweisen. Ein Beispiel dafür sind die Prädikanten, die in manchen Landeskirchen neuerdings auch zur Einsetzung des Abendmahls beauftragt werden. Da vermissen wir ein eindeutiges Bekenntnis zur Ordination. Denn als katholische Kirche haben wir seit alters her ein sakramentales Amtsverständnis: Bei uns geht es nicht, dass Menschen zur Leitung der Eucharistiefeier nur beauftragt werden. Da unterscheiden wir uns doch wesentlich vom funktionalen Amtsverständnis der Protestanten.

Wortgottesdienstleiter werden auch bei Ihnen nur beauftragt …
Feige: Das stimmt. Zur Leitung einer Wort-Gottes-Feier werden auch bei uns Gemeindeglieder lediglich beauftragt. Aber sie leiten eben nicht die Eucharistiefeier – das darf nur der geweihte Priester.

Ein Thema in der Ökumene sind auch immer wieder die konfessionsverschiedenen Paare.
Feige: Bei den Paaren, die in einer konfessionsverbindenden Ehe leben, zeigt sich die Abendmahlsproblematik am schmerzlichsten. Das wird aber weltkirchlich – aus katholischer Perspektive – nicht überall so wahrgenommen wie zum Beispiel bei uns in Deutschland. Für die katholische Kirche ist die Kommunion der höchste und letzte Ausdruck ihrer Einheit. Und solange diese nicht gegeben ist, können wir andere Christen nicht generell dazu einladen oder zulassen.

Das heißt, auch nationale Sonderregelungen gehen nicht?
Feige: Doch, grundsätzlich ermöglicht das Kirchenrecht so etwas. Es gibt einzelne Bischofskonferenzen, die das auch anwenden. In England darf zum Beispiel das nichtkatholische Elternteil bei der Erstkommunion des eigenen Kindes oder in anderen eng begrenzten Ausnahmefällen an der Kommunion teilnehmen, an normalen Sonntagen aber nicht. So etwas halten wir als Deutsche Bischofskonferenz für wenig hilfreich. Es wäre in den Gemeinden nicht vermittelbar, dass eine Teilnahme an der Kommunion nur bei bestimmten Anlässen möglich sein soll. Und darum ist es bei uns auch nicht zu so einer kasuistischen Reglung gekommen, wie es in England beispielsweise der Fall ist.

Wird in der Bischofskonferenz über dieses Thema weiterberaten?
Feige: Ich habe den Vorsitz der Ökumene-Kommission jetzt neu übernommen. Und ich werde sondieren, ob und wie wir hier vielleicht weiterkommen könnten.

Papst Benedikt XVI. hat ein »Jahr des Glaubens« ausgerufen. Welche Bedeutung hat das für die Ökumene?
Feige: Zunächst hat man da weitgehend innerkatholisch darüber nachgedacht. Ich sehe im Jahr des Glaubens eine mögliche Aktualisierung dessen, was das Zweite Vatikanische Konzil gewollt hat. Und da der Glaube uns mit den anderen Christen verbindet – wir sprechen ja das eine Glaubensbekenntnis, wir haben gegenseitig hier in Magdeburg unsere Taufe anerkannt –, wäre es mir ein Anliegen, dass wir das Thema im Jahr des Glaubens auch ökumenisch vertiefen. So ist in diesem Sinne beispielsweise beabsichtigt, dass das Johann-Adam-Möhler-Institut in Paderborn und das Konfessionskundliche Institut in Bensheim ein Buch herausgeben, das unter dem Titel »Was glauben wir als Christen« vor allem das beschreibt, was uns gemeinsam ist.

Das »Jahr des Glaubens« wurde von den römischen Behörden mit einem Ablass verbunden. Welche Bedeutung hat das für Katholiken hierzulande?
Feige: Für die meisten in unserer Region – so meine ich – wohl keine.

Wenn Sie als katholischer Ökumeniker auf die evangelische Kirche blicken – man lernt ja gerne auch aus der Außenperspektive …
Feige: Ich kann da nur meine Beobachtungen schildern: Ich nehme wahr, dass sich auch die evangelische Kirche in einem spannenden Umbruch befindet, dass es verschiedene Versuche gibt, auf die Herausforderungen unserer Zeit und unserer Gesellschaft zu reagieren. Bischof Huber hat da ja einiges initiiert und versucht. Und auch jetzt bekomme ich mit, dass auf der Ebene der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) vieles in Bewegung ist. Da möchte ich keine öffentlichen Ratschläge geben – aber ich sehe, dass wir in manchem voneinander lernen können. Das ist mir zum Beispiel in einer Arbeitsgruppe recht deutlich geworden, die sich in der EKM mit einer neuen Visitationsordnung beschäftigt. Ich war dazu eingeladen worden, sollte von meinen Erfahrungen mit Visitationen berichten und habe zugleich von den Überlegungen der anderen profitiert.

Was ist denn Ihr Traum von 2017?
Feige: Mein Traum von 2017 ist, dass wir 2016 gewissermaßen unser Gedächtnis gereinigt und ein »Healing of Memories« vollzogen haben. Bis dahin – so hoffe ich – nehmen wir uns bestimmt positiver wahr, kritisieren uns weniger gegenseitig und haben vielmehr unsere Stärken im Blick. Und außerdem pflegt dann die katholische Seite einen unverkrampfteren Umgang mit Martin Luther, und die evangelische Seite ist sich seiner katholischen Verwurzelung bewusster geworden.

»In Rom blüht und gedeiht die Ökumene«

24. Juli 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Jens-Martin Kruse ist Pfarrer der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Rom. Foto: Harald Krille

Jens-Martin Kruse ist Pfarrer der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Rom. Foto: Harald Krille


Begegnung: Ein Besuch beim Pfarrer der evangelisch-lutherischen Gemeinde in der Ewigen Stadt.

Wer Orte mit funktionierender Ökumene sucht, denkt nicht sofort an Rom. Doch der erste Blick täuscht. In der Stadt, die das Zentrum der katholischen Weltkirche beherbergt, klappt’s mit der Ökumene.

Jens-Martin Kruse hält nichts von der Klage über eine ökumenische Eiszeit. »Es gibt in Sachen Ökumene so viele positive Signale. Die Ökumene blüht und gedeiht«, sagt der evangelische Pfarrer. Seine Erfahrungen in dieser Hinsicht sammelt der evangelische Theologe an einem Ort, den manch deutscher Beobachter in den letzten Jahren nicht auf den ersten Blick mit ökumenischem Fortschritt in Verbindung bringen würde: Kruse ist seit August 2008 Pfarrer der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Rom. Als Beleg für seine These kann er auf eine ganze Reihe ökumenischer Aktivitäten verweisen. Zu den Höhepunkten gehört dabei der ökumenische Gottesdienst, zu dem Kruses Gemeinde an Christi Himmelfahrt einlädt.

Wieso funktioniert ausgerechnet in Rom die Ökumene so gut? Rom ist nicht nur das Zentrum der katholischen Weltkirche. »Hier ist die Weltchristenheit präsent«, erklärt Kruse. Dabei sind die Lutheraner im ökumenischen Miteinander seiner Ansicht nach ein entscheidender Faktor. Zwar ist die Kirche zahlenmäßig verschwindend klein.

Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Italien (ELKi) zählt ­landesweit etwa 6000 Mitglieder. Die römische Gemeinde hat 500. Aber anders als die größere Kirche der Waldenser, die in Italien etwa 60000 Mitglieder hat, können die Lutheraner unbefangener mit den Katholiken umgehen, meint Kruse. »Die Waldenser definieren sich aufgrund ihrer Verfolgungserfahrungen durch die ­katholische Kirche bis heute durch Abgrenzung. Wir Lutheraner verstehen uns da eher als durch die Reformation hindurchgegangene katholische Kirche.«

Wer zur Minderheit der Lutheraner gehört, steht im katholischen Italien dennoch fast täglich vor der »Notwendigkeit zu erklären, dass er kein Häretiker ist«, sagt Kruse. »Aber das schärft den Blick für die eigene Identität.« ­Dabei ist die Situation der Gemeinde heute kaum noch mit der Gründungszeit vergleichbar. Damals (1819) gab es noch den Kirchenstaat und evangelische Gottesdienste konnten nur im Schutz der Preußischen Botschaft gefeiert werden.

1870, als der Kirchenstaat an das Königreich Italien angeschlossen und Rom dessen Hauptstadt wurde, konnte die Gemeinde in die Öffentlichkeit treten. Bis zum ersten Gottesdienst in der eigenen Kirche dauerte es aber noch bis 1922. Ökumene mit der katholischen Kirche wurde aber erst in der Folge des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–65) möglich, nachdem die Katholiken ihr Verhältnis zu den anderen christlichen Kirchen neu bestimmt hatten. Seit dieser Zeit schrieb dann die lutherische Christuskirche in Rom aber gleich zweimal ökumenische Weltgeschichte: 1983 – im Jahr des 500. Geburtstages von Martin Luther – besuchte hier mit Johannes Paul II. zum ersten Mal ein Papst eine evangelische Kirche. Und im Jahr 2010 feierte sein Nachfolger Benedikt XVI. mit der Gemeinde hier einen Gottesdienst. Dieses Ereignis kann Kruse nicht hoch genug bewerten: »Wenn der Papst bereit ist, Gottesdienst in unserer Tradition zu feiern, dann ist das doch für uns die Anerkennung als Kirche.« Und was der Papst in Rom konnte, das kann er nun überall auf der Welt. Und so wird er bei seinem Besuch im September in Erfurt im Augustinerkloster einen vergleichbaren Gottesdienst halten.

Dass der Papst bei seinem Deutschlandbesuch so viel Wert auf Ökumene legt, verwundert Kruse nicht: »Ökumene ist vermutlich das zentrale Thema seines Pontifikats.« Das zeigte sich schon in seiner ersten Ansprache nach seiner Wahl zum Papst, als Benedikt XVI. es als vorrangige Verpflichtung bezeichnete, »mit allen Kräften an der Wiederherstellung der vollen und sichtbaren Einheit aller Jünger Christi zu arbeiten«.

Natürlich sieht auch Kruse, dass sich in manchen theologischen Fragen nichts bewegt. Aber: »Hinter die gelebte und gefeierte Ökumene kann niemand zurück. Und die theologischen Fragen werden sich dann klären.« Dabei müsse man – was die ­Äußerungen der katholischen Kirche betrifft – lernen, »zwischen den Zeilen zu lesen«. Da sende der Vatikan viele positive Signale. Wenn es dann einmal katholische Äußerungen gibt, die ökumenisches Porzellan zerschlagen, hilft es Kruse, »wenn unsere katholischen Partner anrufen und sagen, dass ist nicht unsere Position. Ökumene hat auch viel mit Aushalten zu tun«.

Bei entsprechenden Äußerungen aus seiner eigenen Kirche reagiert Kruse schärfer. Aussagen wie die von Margot Käßmann aus ihrer Zeit als Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), dass sie von Benedikt XVI. in Sachen Ökumene nichts erwarte, seien »riesige Rückschläge«. Wir Protestanten müssen von unserem hohen Ross herunter und lernfähig werden.« Für Kruse schließt das sogar ein, dass er sich ­einen Papst in einer synodalen Präsesfunktion für die Gesamtkirche vorstellen kann: ein »Erster unter Gleichen«, der für alle Christen spricht.

Von Harald Krille und Matthias Holluba

Hinweise: Informationen über die evangelisch-lutherische Gemeinde in Rom gibt es im Internet:
www.ev-luth-gemeinde-rom.org

Pfarrer Kruse freut sich über Pilgergruppen (auch aus katholischen Gemeinden), die ihm und der Gemeinde einen Besuch abstatten.

Das von Jens-Martin Kruse und Jürgen Krüger herausgegebene Buch über die »Ökumene in Rom« ist im Verlag »arte factum« in Karlsruhe erschienen (ISBN 978-3-938560-23-5) und kostet 28 Euro.
Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: Telefon (03643)246161

Die geeinte Kirche im Herzen Gottes

11. November 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

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Unser Leben aus der Perspektive Gottes 
Gedanken zur ökumenischen Berufung der Christen
 

»Vater, lass uns auf die Ewigkeit blicken.« – Mit diesem Gebet beendete der Gemeindekirchenratsvorsitzende eine anstrengende Sitzung. Es war wohl der wichtigste Satz, der an diesem Abend gesprochen wurde. Was zuvor verhandelt worden war, kam in ein anderes Licht. Am Ende des Kirchenjahres steht der Ewigkeitssonntag. In der katholischen Tradition heißt er Christkönigssonntag, an dem in diesem Jahr die Worte Jesu an den mit ihm Gekreuzigten zu Gehör kommen werden: »Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.« (Lukas 23,43)

Wer sind wir wirklich und worin bekommt unser Tun Sinn?

Das wird uns erst vom wahrhaftigen Blick aus der Ewigkeit auf unser Leben aufgehen, ein Blick, für den wir noch weitgehend blind sind, mit dem wir aber angesehen werden. Denn wir sind nicht die, zu denen wir uns selbst machen, sondern die wir im Herzen Gottes sind. Die Verkündigung Jesu ist ­geeignet, uns den Blickwechsel zu ­lehren von einer selbstfixierten Sicht auf uns, von der wir allein gar nicht loskommen, zur Sichtweise, mit der Gott auf uns blickt und in die wir im ruhigen Hören auf Ihn allmählich ahnend hineinwachsen können.

Symbol für die Ewigkeit: Kreuz und Spirale (Foto: pictokon)

Symbol für die Ewigkeit: Kreuz und Spirale (Foto: pictokon)

In unserer Zeit, in der grundsätzlich bestritten wird, dass es diese andere, wahrhaftige Perspektive überhaupt gibt, lebt die Kirche davon, dass sie genau daraus ihr Dasein empfängt und dass sie diesen Blickwinkel offen hält in ihrer Umwelt. Es wird ihr mit Recht die Frage vorgehalten, ob sie sich nicht zu sehr eingerichtet habe im irdischen Leben und ihren Existenzgrund darüber vernachlässige? Kirche, wer bist du im Herzen Gottes? Eine zerbrochene Widerspiegelung der Gegenwart Gottes?

Was wissen wir davon?

So viel doch, dass ihr innerster Impuls eine Liebe ist, die bis zum Äußersten geht. In der Liebe Christi zu wurzeln heißt, in der einen Kirche zu wurzeln, die nichts anderes als das Gleichnis für ein Neuwerden der Gemeinschaft der Menschen überhaupt ist. Darin liegt ihre ökumenische Berufung. Die Kirche ist der Kern der Sammlungsbewegung, mit der Christus bis an die Enden der Erde geht und bis in die Abgründe dessen, was Menschen einander antun, indem sie Leben zerstören und Gemeinschaft aufs Furchtbarste infrage stellen. Er kommt, um zu retten, zu einen, Glück möglich zu machen.

Im Blickwinkel der Ewigkeit ist die Kirche, was sie nachzustammeln versucht: die eine heilige katholische und apostolische Kirche – wobei »katholisch« kein Konfessionsmerkmal ausdrückt, sondern ihr alle Menschen des Erdballs betreffendes Geheimnis; wie auch »evangelisch« nicht ein Konfessionsmerkmal sein kann, ist doch Kirche immer die Gemeinschaft, die aus dem Evangelium entsteht. Diese Wor­te drücken also nicht einen Anspruch aus, sie bezeichnen vielmehr den Blickwechsel, aus dem die Kirche lebt.

Solange die Kirchen ihr Getrenntsein nicht überwinden, können sie sich nicht uneingeschränkt »katholisch« – alle Menschen betreffend – und »evangelisch« – aus dem innersten Impuls der Liebe lebend – nennen. Sie tun es dennoch, um die Erinnerung daran wachzuhalten, dass es mit ihr im Herzen Gottes anders steht und dass es ihre Sünde ist, wenn es auf Erden nicht ganz nach dem Herzen Gottes geht.

Darin liegt denn auch das Geheimnis einer Hoffnung, wodurch Trennung überwunden werden kann und woraus die Verpflichtung dazu erwächst. Treten wir vor den gekreuzigten Christus, blicken wir auf die Tiefe seines Leidens und seiner Hingabe, verstummen alle Worte, die Trennung rechtfertigen könnten, sie verlieren an diesem Ort all ihren Sinn. Die Begegnung mit dem gekreuzigten Christus kommt im Evangelium der katho­lischen Eucharistiefeier am Christkönigssonntag in den Blick.

Das Evangelium des evangelischen Ewigkeitssonntags lässt dem auferstandenen Christus begegnen: »Siehe, der Bräutigam kommt! Geht hinaus, ihm entgegen!«, sagt Jesus im Gleichnis von den Zehn Jungfrauen (Matthäus 25,6). Darin liegt eine einfache und schöne Hoffnung: Vor ihm kann man nur gemeinsam ankommen. Und wann ist diese mitternächtliche Stunde? Dem mit ihm Gekreuzigten antwortete Jesus: Heute!

Wer im Evangelium zusammengeht, den kann keine Amtsfrage auf ewig auseinanderbringen. Kirche aus dem Atem der Ewigkeit muss das neu sehen lernen. Aber dies geschieht nur, wenn man in der Tiefe und Einfachheit des Evangeliums zusammenfindet. Danach zu suchen, ist unser Auftrag! Es gibt kein unüberwindliches Hindernis – im Blickwinkel Christi –, sich gemeinsam auf den Weg zu machen, Ihm entgegen.

Reinhard Simon
Der Autor ist promovierter Theologe und Pfarrer in Genthin.

»Gott ist Mensch geworden unter den Armen«

18. Juni 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Porträt: Die ökumenische Stiftung »Cristo Vive« engagiert sich in Chile für Gesundheit und Bildung

Die Nonne Karoline Mayer aus Deutschland unterstützt seit Jahren die Bewohner ­eines Elendsviertels in Santiago de Chile beim Kampf um Arbeit, Brot und Menschenwürde.

Schwester Karoline Mayer erhielt schon viele Auszeichnungen – ­darunter 2001 ehrenhalber die ­chilenische Staatsbürgerschaft. Foto: Christo vive

Schwester Karoline Mayer erhielt schon viele Auszeichnungen – ­darunter 2001 ehrenhalber die ­chilenische Staatsbürgerschaft. Foto: Christo vive

Wenn Karoline Mayer durch Recoleta geht, ein Elendsviertel im Norden von Santiago de Chile, öffnen sich viele Türen. Die Leute laden sie ins Innere ihrer Behausungen ein. »Hermana Carolina« – wie Schwester Karoline auf Spanisch genannt wird – ist vielen bekannt. Seit 1968 lebt die Nonne aus dem bayerischen Eichstätt in Chile. Seit 1971 unterstützt sie die Bewohner von Recoleta, die täglich ums Überleben kämpfen. Ihr wohl wichtigstes Projekt ist die ökumenische Stiftung »Cristo Vive«, Christus lebt.

Schwester Karoline gründete sie 1990, kurz nach dem Ende der Militärdiktatur. Zu der Stiftung gehören Kindertagesstätten und Berufsbildungszentren, Polikliniken, ein Tageszentrum für Drogenkranke und – eine Seltenheit in Chile – eine Werkstatt für Behinderte. Über sich und ihre Mitarbeiter sagt Schwester Karoline: »Wir kommen nicht, um in Recoleta zu herrschen, um irgendetwas für uns aufzubauen, sondern um mit den Menschen Dinge zu tun, bei denen sie ihr Leben in die Hand nehmen und auf ihre eigenen Füße kommen.«

Elendshütten am Rande der modernen Großstadt

Schwester Karoline ist eine zierliche Frau mit weißen Haaren und lebhaften blauen Augen. Wenn sie ihre kräftige Stimme erhebt, ahnt man, welche Energie in ihr steckt. Die braucht sie, um immer aufs Neue in Recoleta zu bestehen. Vor der majestätischen Kulisse der Anden, die sich unweit der chilenischen Hauptstadt erheben, ­haben die Menschen mit einfachen Mitteln Hütten und Häuschen gebaut. Es gab Zeiten, da weigerten sich die Taxifahrer von Santiago, jemanden nach Recoleta zu fahren. Gewalt herrschte, Drogensüchtige begingen Überfälle, um die nächste Dosis zu bezahlen.
Inzwischen hat sich die Situation etwas entspannt – auch dank der Stiftung »Cristo Vive«. Doch noch immer leben bis zu 20 Personen in mancher Hütte, die kaum größer ist als 50 Quadratmeter. Jetzt kämpfen die Menschen in Recoleta mit den Folgen des Erdbebens. Ende Februar hatte es viele Häuser zerstört und die Stromleitungen beschädigt.

Menschen misstrauten der Institution Kirche

In Recoleta arbeitet in einer Großfamilie oft nur eine einzige Person: die Mama. Ihre Jüngsten kann sie in den Kindergarten »Naciente« bringen, der zur Stiftung »Cristo Vive« gehört. In dem gelb, rot und blau angestrichenen Gebäude spielen Zwei- bis Fünfjährige. »Naciente« bedeutet Geburt. »Wir nehmen die Ärmsten der Armen auf«, sagt die Chilenin Aurelia Arredondo, die den Kindergarten leitet.

Anfangs begegneten die Menschen in Recoleta der Nonne aus Deutschland und ihren Helfern mit Misstrauen. »Die Kirche war für sie damals eine mächtige Institution, die sie beherrschte und mit der sie nicht viel zu tun haben wollten«, erinnert sich Schwester Karoline an die frühen Siebziger. Auch ihr Orden, die Steyler Missionsschwestern, betrachtete ihren Einsatz im Elendsviertel mit Skepsis. Die Steyler Missionsschwestern sahen ihre Aufgabe in jener Zeit vor allem darin, die Oberschicht Chiles zu missionieren.

Karoline jedoch bat ihren Orden sogar um Erlaubnis, in eine kleine Holzhütte mitten in Recoleta zu ziehen. Die Holzpritsche, auf der sie nachts schlief, wurde tagsüber zum Behandlungstisch, auf dem die gelernte Krankenschwester ihre Patienten behandelte. Nach vielen Diskussionen verließ Schwester Karoline schließlich den Orden. Bei den Bewohnern von Recoleta erkämpfte sie sich Respekt, erst recht, als sie nach dem Militärputsch von 1973 im Land blieb, um den Armen (und manchem Regimegegner) aktiv beizustehen. »Es war der ganze Sinn meines Lebens, unter den Menschen dort zu sein«, sagt sie. »Ich wollte ihnen nahebringen, was unser Glaube ist, dass nämlich Gott Mensch geworden ist unter den Armen.«

Schwester Karoline lebt heute in der Arbeitersiedlung Quinta Bella, die zu Recoleta gehört. Ihr wichtigstes Projekt – neben der Beseitigung der Erdbebenschäden – ist die Berufsausbildung, die ihre Stiftung anbietet. Sie setzt sich dafür ein, dass das chilenische Erziehungsministerium Berufsabschlüsse grundsätzlich zertifiziert und Geld für die Ausbildung zahlt. »Beruf ist in Chile nur etwas für Akademiker«, sagt sie. Eine Lehre – wie in Deutschland – gebe es nicht. »Handwerkliche, körperliche Arbeit wird als etwas Minderwertiges angesehen.«

Berufsausbildung ist das wichtigste Anliegen
Unter dem Dach von »Cristo Vive« wurden seit 1992 mehr als 11000 junge Menschen ausgebildet – im Handwerk, zu Krankenpflegern, Servicekräften in der Gastronomie. Das staatliche Bildungssystem, das während der Diktatur zusammengekürzt wurde, hatte ihnen kaum eine Chance gewährt. Viele brachen die Schule ab, lebten auf der Straße. Das Berufsbildungszentrum nahm sie trotzdem auf. Seine Abschlüsse werden von den Arbeitgebern geschätzt. »Gut ausgebildete Handwerker werden in Chile gesucht«, sagt Schwester Karoline. »Der Verdienst ist enorm gestiegen. Manche bekommen sogar mehr als Akademiker.«

Von Josefine Janert

www.cristovive.de

Brot und Steine an der Isar

4. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

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Interview: Der 2. Ökumenische Kirchentag in München – ein Gespräch mit Ellen Ueberschär

Erwartet in München ein »Gänsehautgefühl«: Ellen Ueberschär, evangelische Generalsekretärin des 2. Ökumenischen Kirchentags 	Foto: epd-bild

Erwartet in München ein »Gänsehautgefühl«: Ellen Ueberschär, evangelische Generalsekretärin des 2. Ökumenischen Kirchentags Foto: epd-bild

Ellen Ueberschär trägt als evangelische Generalsekretärin die Mitverantwortung für den 2. Ökumenischen Kirchentag vom 12. bis 16. Mai in München. Benjamin Lassiwe sprach mit der Theologin.

Frau Ueberschär, wo steht die Ökumene heute?
Ueberschär:
Die Ökumene ist an einem Höhepunkt angekommen. Wenn man einmal das vergangene Jahr-
hundert ansieht, haben wir in diesen 100 Jahren ökumenisch mehr erreicht als in den drei Jahrhunderten zuvor. Natürlich gibt es harte Nüsse, die es noch zu knacken gilt, aber genau deswegen gibt es ja Veranstaltungen wie den Ökumenischen Kirchentag.

Was kann der Ökumenische Kirchentag an dieser Stelle erreichen?
Ueberschär:
Der Ökumenische Kirchentag ist eine Veranstaltung, in dessen Verlauf viele Hunderttausend Menschen zeigen können, dass ihnen die Ökumene nicht egal ist. Es geht da weniger um prominente Redner oder steile Thesen, sondern um das Gemeinschaftsgefühl der Christen aller Konfessionen und die Begeisterung für die Zusammenarbeit. Wenn man auf den Kirchentag von 2003 zurückblickt, dann sieht man, was aus solch einer Begeisterung erwachsen kann: Überall in Deutschland gibt es ökumenische Stadtfeste, Gesprächskreise oder Veranstaltungen, die unter dem Eindruck des ersten Ökumenischen Kirchentags begonnen haben und bis heute fortgesetzt werden.

Was sind denn die Herausforderungen, vor denen die Ökumene derzeit steht?
Ueberschär:
Da gibt es sicher eine Menge Themen, die man jetzt nennen könnte. Wir werden auf dem Ökumenischen Kirchentag eine Themenreihe »Ökumenische Brennpunkte« veranstalten, bei der wir uns mit den wichtigen theologischen Fragen beschäftigen werden: Dazu zählen etwa das Amtsverständnis, das Kirchenverständnis und die Abendmahls-Eucharistie-Diskussion. Auf dem Kirchentag werden wir diese Probleme sicher nicht lösen können. Aber wir können dafür sorgen, dass diese Themen ökumenisch im Gespräch bleiben.

Während der Gottesdienste am Kirchentags-Freitag soll eine orthodoxe Brotsegnung stattfinden. Warum?
Ueberschär:
Das wird ein Gottesdienst sein, bei dem alle Teilnehmer um große Tische herumsitzen und gemeinsam Wasser, Äpfel und das von einem orthodoxen Priester gesegnete Brot teilen. Wir wollen damit zeigen, dass wir als Christen gemeinsam Tischgemeinschaft halten können, beten, in der Bibel lesen und zusammen feiern können. Wichtig ist uns, dass wir an ein orthodoxes Ritual anknüpfen – das zeigt, dass die Ökumene nicht nur aus Protestanten und Katholiken besteht.

Aber wird die Brotsegnung in den Augen mancher Kirchentagsteilnehmer nicht wie der verschämte Versuch eines Ersatz-Abendmahls aussehen?
Ueberschär:
Nein, das wird es nicht. Die Form dieses Gottesdienstes wird so sein, dass keine Verwechslungen möglich sind. Wir wollen mit der Brotsegnung nicht zu einem heimlichen Abendmahl aufrufen. Es ist einfach so, dass die Brotsegnung in der Praxis der orthodoxen Kirche zum Alltag gehört – dort wird am Ende des Gottesdienstes gesegnetes Brot verteilt, auch zum Weitergeben an Menschen, die selbst nicht in die Kirche kommen konnten.

In Berlin 2003 haben Laiengruppierungen Abendmahlsfeiern neben den Kirchentag durchgeführt. Was machen Sie, wenn so etwas in München wieder passiert?
Ueberschär:
Als Veranstalter des Ökumenischen Kirchentags haben wir verabredet, die in unseren Kirchen geltenden Regeln gegenseitig zu achten. Als Evangelische achten und respektieren wir es, wenn uns unsere katholischen Geschwister sagen: »Wir sind noch nicht soweit. Wir können uns die Teilnahme von Protestanten an der Eucharistie im Moment nicht vorstellen.« Wenn es Gruppen gibt, die dennoch solche Feiern ausrichten, werden sie allein die Verantwortung dafür übernehmen müssen – auch für die Folgen, die daraus für die Ökumene entstehen. Persönlich bedauere ich auch, dass wir kein gemeinsames Abendmahl feiern werden. Aber man muss festhalten, dass die Abendmahlsfeiern in Berlin 2003 nicht zu Fortschritten in der Ökumene, sondern nur zu einer Verhärtung der Fronten geführt haben. Und die war überflüssig.

An der Vorbereitung für den Kirchentag haben sich auch Orthodoxe und Freikirchler beteiligt. Welchen Effekt hat das für den Kirchentag?
Ueberschär:
Das ist einer der großen ökumenischen Zugewinne gegenüber dem 1. Ökumenischen Kirchentag. Zum ersten Mal sind in allen Vorbe­reitungsgruppen Christen aus vielen verschiedenen ACK-Kirchen dabei. Die gesamtchristliche Beteiligung zieht sich durch alle Veranstaltungen – ob Podien, Gottesdienste, Workshops. Und diese Beteiligung ist ein wirklicher Mehrwert.

Zum Abschluss bitte noch eine kleine Prognose: Was wird der Höhepunkt des Ökumenischen Kirchentages sein?
Ueberschär:
Das ist nicht leicht zu beantworten. Der ganze Ökumenische Kirchentag wird ein Höhepunkt sein. Aber wenn Sie nach dem Moment mit dem besonderen Gänsehautgefühl fragen, dann wird das wohl im Schlussgottesdienst sein, wenn Hunderttausende Menschen in München und Millionen an den Fernsehgeräten gemeinsam einen Gottesdienst feiern.

Verhältnis der EKD zur Russisch-Orthodoxen Kirche

Martin Schindehütte, Vizepräsident des Kirchenamtes der EKD, ist als Leiter der Hauptabteilung »Ökumene und Auslandsarbeit« seit September 2006 Auslandsbischof der EKD.  (Foto: EKD)

Martin Schindehütte, Vizepräsident des Kirchenamtes der EKD, ist als Leiter der Hauptabteilung »Ökumene und Auslandsarbeit« seit September 2006 Auslandsbischof der EKD. (Foto: EKD)

Zwischen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Russisch-Orthodoxen Kirche (ROK) kriselt es. Was die EKD darüber denkt, erklärt Auslandsbischof Martin Schindehütte im Gespräch mit Benjamin Lassiwe.

Herr Bischof Schindehütte, nach der Wahl der geschiedenen Frau Margot Käßmann zur EKD-Ratsvorsitzenden kündigte der Leiter des Außenamtes der ROK, Erzbischof Hilarion Alfeyev, an, die Kontakte zur EKD abzubrechen. Wie sieht die EKD zurzeit ihr Verhältnis zur Russisch-Orthodoxen Kirche?
Schindehütte:
Unser Verhältnis zur Russisch-Orthodoxen Kirche darf man nicht eindimensional sehen. Wir haben derzeit einen offenkundigen ­Konflikt mit Erzbischof Hilarion und dem Außenamt der ROK, aus dem ein Problem für die Beziehungen mit der ROK insgesamt entstehen kann, aber nicht muss, denn wir hören auch Stimmen aus der Russisch-Orthodoxen Kirche, die an einer Fortsetzung des Dialogs interessiert sind. Dabei ist uns klar, dass wir keinen Dialog an unserer Ratsvorsitzenden Margot Käßmann vorbeiführen werden. Wenn Hilarion zur Bedingung macht, den Dialog nur mit mir als Auslandsbischof fortzusetzen, um Margot Käßmann zu umgehen, dann geht das nicht.

Was hat denn der Dialog der letzten 50 Jahre eigentlich gebracht, wenn man jetzt in so eine Situation gerät?
Schindehütte:
Was wir jetzt erleben, ist eigentlich nichts Neues. Der Dialog mit der Russisch-Orthodoxen Kirche war immer auch schwierig. Meine Vorgänger Rolf Koppe und Heinz-Joachim Held standen als Auslandsbischöfe der EKD mehrfach vor Situationen, in denen die ROK damit drohte, den Dialog abzubrechen. Aber es ist immer weitergegangen – gerade zuzeiten des Eisernen Vorhangs waren die Gespräche mit der Russisch-Orthodoxen Kirche wichtige Brücken zwischen Ost und West.

Worum geht es denn bei den Dialogen mit der Russisch-Orthodoxen Kirche überhaupt?
Schindehütte:
Ich will mal Beispiele nennen: 2008 haben wir über die Menschenrechte als christliche Verpflichtung gesprochen. Auch die Themen Säkularisierung und Globalisierung waren von Bedeutung. Russland befindet sich zurzeit in einem gewal­tigen Säkularisierungsprozess. Wir in Deutschland haben bereits Erfahrungen damit, wie wir unter diesen Bedingungen unseren Glauben bezeugen können. Wir behandeln auch aktuelle Themen, von denen wir denken, dass wir voneinander lernen können.

Wie stellt sich die EKD eine Fortsetzung dieser Gespräche vor?
Schindehütte:
Wir hoffen, dass die Russisch-Orthodoxe Kirche zur ökumenischen Grundhaltung zurückkehrt, wonach wir als Kirchen trotz ­aller Unterschiede miteinander reden, und akzeptieren, dass der ökumenische Partner manches anders macht als wir selbst. Dass russisch-orthodoxe Bischöfe im Dialog auf Margot Käßmann treffen, heißt ja nicht, dass sie deswegen in der eigenen Kirche Priesterinnen einführen müssen. Aber wir erwarten von ihnen, dass sie akzeptieren, dass wir uns für eine Bischöfin als Ratsvorsitzende entschieden haben – so wie wir es nicht zur Vorbedingung für einen Dialog machen, dass die Russisch-Orthodoxe ­Kirche Frauen im Priesterinnenamt zulässt.

Ende Januar findet vielerorts die Gebetswoche für die Einheit der Christen statt. Wie sollen evangelische ­Kirchengemeinden reagieren, wenn russisch-orthodoxe Geistliche und Gemeinden teilnehmen?
Schindehütte:
Von evangelischer Seite gilt: Wir bleiben einladend und offen und freuen uns über jedes gemeinsame Gebet, das bei dieser Gelegenheit gesprochen wird. Wenn Geistliche der Russisch-Orthodoxen Kirche an der Gebetswoche teilnehmen wollen, sind sie dazu herzlich eingeladen. Wir werden definitiv niemanden in die Ecke stellen – denn wir sind ökumenisch offen, und wollen das auch bleiben, trotz aller Spannungen, die wir zurzeit mit Moskau haben.