Norwegen: App für Konfirmanden

12. März 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Wie lernen gehörlose Konfirmanden das Vaterunser, das Glaubensbekenntnis, die Zehn Gebote, Johannes 3,16 oder den Missionsbefehl? Natürlich in ihrer Muttersprache, der norwegischen Gebärdensprache, norsk teiknspråk (NTS). Die Gebärdensprache ist seit 2008 als eigenständige norwegische Minoritätssprache anerkannt. 25 000 benutzen diese täglich. Nur 5 000 von ihnen sind gehörlos oder schwerhörig, doch auch Eltern, Geschwister, Kinder sowie Lehrer oder Dolmetscher benutzten die Sprache. Sie hat damit mehr Benutzer als die drei in Norwegen verbreiteten samischen Sprachen zusammen.

Michael Hoffmann stammt aus Sachsen und  ist Pfarrer in Norwegen.

Michael Hoffmann stammt aus Sachsen und ist Pfarrer in Norwegen.

Etwa 80 Prozent davon sind Mitglied der norwegischen Volkskirche. Diese schließt auch einen eigenen landesweiten Kirchenkreis für die Gehörlosen ein. Diese nennen sich selbst stolz »Døve«, »Taube«. Ähnlich wie der reformierte Kirchenkreis in der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands ist dieser Kirchenkreis des Bistums Oslo überregional und für das ganze Land von Alta bis Kristiansand und von Bergen bis Oslo zuständig. Die Mitglieder der Taubenkirche »Døvekirken« sind gleichzeitig Mitglieder der lokalen Gemeinden. Doch da das Mitgliedsregister der norwegischen Kirche ein solches System nicht hantieren kann, sind nur zehn Prozent der Tauben tatsächlich als Mitglieder der Taubenkirche registriert. Diese versucht ihren Mitgliedern, den registrierten und unregistrierten in acht eigenen Gemeinden sowie durch reisende Mitarbeiter im ganzen Land ein vollwertiges kirchliches Angebot anzubieten. Gottesdienste, Beerdigungen, Hochzeiten und Taufen gehören dabei ebenso dazu wie kirchlicher Unterricht. Alles aber auf Gebärdensprache. Jedes Land hat dabei seine eigene Gebärdensprache, doch allen ist gemeinsam, dass sie keine eigene Schriftsprache haben. Lautsprachen haben mit der Stimme einen Artikulator, Gebärdensprachen hingegen haben mehrere gleichzeitig: die Hände, das Gesicht, die Augen, den Mund und den Oberkörper. Die Veränderung eines davon kann den Inhalt eines gebärdensprachlichen Ausdrucks vollkommen verändern. Deshalb ist bisher auch jeder Versuch einer eigenen Schriftsprache gescheitert. Die norwegische wie die deutsche Schriftsprache geben aber nur die jeweilige Lautsprache wider. Wie also sollen taube Konfirmanden ihr Vaterunser lernen? Für sie war die Antwort eindeutig: Mit einer App! Diese Herausforderung nahmen der Propst und seine Mitarbeiter ernst und nun ist eine App mit dem Namen »Konfirmanttekster« für Android Handys verfügbar. Bald soll auch eine Version für Iphones folgen. Die App ist übrigens über den im Play-Store auch in Deutschland kostenlos verfügbar.

Michael Hoffmann

»Wie ein Kriegsgebiet«

4. Februar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Norwegen: Die Katastrophe von Lærdal – von der Welt kaum beachtet, zerstörten Flammen ein Kleinod

In der Nacht zum 19. Januar zerstörte eine Feuersbrunst weite Teile des kleinen Ortes Lærdal an einem Seitenarm des Sognefjords. Die Ereignisse wecken zugleich Erinnerungen an 1904.

Nicht viel ist von dem schmucken kleinen Städtchen Lærdal übrig geblieben. Norwegens Königin Sonja sagte nach einem Besuch in der Gemeinde, es sähe aus »wie ein Kriegsgebiet«. Dabei war der Ort an den imposanten Fjorden zwischen Ålesund und Bergen ein Idyll aus traditionellen Holzhäusern. Viele davon waren denkmalgeschützt, die Gemeinde bei Touristen entsprechend bekannt und beliebt.

Doch am Morgen des 19. Januar 2014 wurde sichtbar, dass der nächtlichen Feuersbrunst 40 Gebäude völlig zum Opfer gefallen und viele andere abrissreif sind. Fast 100 Menschen wurden mit Rauchgas- und Brandverletzungen in Krankenhäuser eingeliefert. Viele mussten mit ansehen, wie all ihr Hab und Gut und ihre Erinnerungen verbrannten. Dabei grenzt es an ein Wunder, dass keine Toten zu beklagen sind. Und auch die 1868 aus Holz erbaute »Hauge Kirke« hat das Inferno in unmittelbarer Nähe zum Flammenmeer unbeschädigt überstanden.

Verkohltes Holz und rauchende Trümmer blieben vom Zentrum der schmucken norwegischen Fjord-Ortschaft Lærdal. Viele der Holzhäuser standen unter Denkmalschutz. Foto: picture alliance/Marit Hommedal

Verkohltes Holz und rauchende Trümmer blieben vom Zentrum der schmucken norwegischen Fjord-Ortschaft Lærdal. Viele der Holzhäuser standen unter Denkmalschutz. Foto: picture alliance/Marit Hommedal

Vielen Menschen wird dabei wieder einmal bewusst, wie ohnmächtig sie den Naturgewalten und Unglücksfällen gegenüberstehen: ein kleiner Brand in einem einzelnen Haus, trockene Kälte und dazu ein Wind, der die Funken wie eine Brandfackel von einem Haus zum nächsten trieb. So wurde ein Brand entfacht, den die Feuerwehren nicht mehr kontrollieren konnten und der ihre Stadt in Schutt und Asche legte.

Nun besuchen Königshaus und Regierung den Ort des Geschehens. Dabei werden Erinnerungen wach: Fast genau vor 110 Jahren, am 23. Januar 1904, brannte nur wenige Kilometer weiter nördlich die Stadt Ålesund fast vollständig nieder. Auch damals war es der Wind, der den Brand erst vorantrieb und dann immer und immer wieder entfachte. Die Bürger Ålesunds bekamen damals nach der Katastrophe unerwartet schnelle Hilfe aus Deutschland: Kaiser Wilhelm II., großer Norwegenliebhaber, der oft im nahe gelegenen Hjørundfjord Urlaub machte, hörte von der Katastrophe und handelte spontan.

Vier Schiffe, die Baumaterial in die deutschen Kolonien transportieren sollten, wurden umgehend nach Norwegen umgeleitet. Finanziert aus dem Privatvermögen des Hohenzollern. Schon am 26. Januar, keine drei Tage nach dem Brand, konnten die kombinierten Fracht- und Passagierdampfer »Weimar« und »Prinz Heinrich« in den Fjorden bei Ålesund die Anker fallen lassen. An Bord hatten sie auch medizinische Ausrüstungen sowie dringend benötigte Lebensmittel. Der Wiederaufbau konnte umgehend beginnen, und die Schiffe selbst dienten vorübergehend sogar als winterliche Notquartiere für die Bevölkerung.

Heute ist das Zentrum von Ålesund, in dem alle Häuser nun aus Stein gebaut werden mussten, als eine Perle des damals herrschenden Jugendstils bekannt. Auch wenn der deutsche Kaiser nicht der Einzige war, der half, so hat sein Ruhm in den Fjorden doch seine politische Karriere und die deutschen Kolonien um vieles überdauert. Noch heute steht sein Standbild in Ålesund und eine Hauptstraße trägt seinen Namen, ebenso wie ein Ausflugsdampfer in der Bucht. Sogar eines der Fenster der Hauptkirche zeigt bis zum heutigen Tag das preußische Wappen. Deutsch hat in und um Ålesund nicht nur den Klang der Besatzer des 2. Weltkriegs, sondern eben auch des Retters der Stadt von 1904.

Ein ähnlicher Retter ist 110 Jahre später für Lærdal nicht in Sicht. Heute hat Norwegen das Geld und die Ressourcen, sich selbst und dem Städtchen im Sognefjord zu helfen. Doch es wird Zeit brauchen, bis die Häuser wieder stehen. Und bis vor allem nicht nur die äußeren Wunden verheilt sind. Für viele, die alle Erinnerungstücke verloren haben, ist es umso mehr ein Trost, dass zumindest ihre Kirche noch steht.

Der Autor stammt aus Sachsen und ist Pfarrer in Norwegen.

Michael Hoffmann

Norwegen: Der Ärger um das »Kreuz auf den Hals«

10. Dezember 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Kors på halsen« – Kreuz auf den Hals, dieser Ausdruck bedeutet im Norwegischen die starke Bestätigung einer Wahrheit. Im Deutschen ist es vielleicht am ehesten mit »beim Leben meiner Großmutter« zu vergleichen. Das Kreuz auf den Hals ist das Gegensymbol zum Lügenkreuz, den gekreuzten Fingern hinter dem Rücken beim Schwur.

Michael Hoffmann stammt aus Sachsen und ist heute norwegischer Pfarrer.

Michael Hoffmann stammt aus Sachsen und ist heute norwegischer Pfarrer.

Doch ein Kreuz auf dem Hals kann einem auch jede Menge Probleme bescheren und eine Mediendebatte über viele Wochen hinweg auslösen, selbst wenn es mit Diamanten besetzt und kaum 1,4 cm groß ist. Ein solches Kreuz trug die Journalistin Kristin Sællmann im Herbst während einer Sendung des Staatsfernsehens NRK, bei dem sie die Lokalnachrichten für Südnorwegen moderiert.

Einige Zuschauer konzentrierten sich wohl mehr auf den Hals als auf die Lippen der Moderatorin und beschwerten sich über das kaum als solches zu erkennende Kreuz. Dies führte zu einem ernsthaften Gespräch zwischen der Leitung des Senders und der Journalistin. Danach wurde ihr und allen anderen Mitarbeitern noch einmal ausdrücklich das Tragen jeglicher religiöser Symbole während ihrer Arbeitszeit untersagt.

Kristin Sællmann selbst bezeichnet das Kreuz – ein Geschenk ihres Mannes – als ihr Lieblingsschmuckstück und möchte es auch als solches verstanden wissen. Sie ist praktizierende Christin, möchte es aber nicht als religiöse Botschaft verstehen. Eine solche könnte die Zuschauer an ihrer Neutralität als Journalistin und Nachrichtensprecherin zweifeln lassen. Als Schmuck und Geschenk ihres Mannes hingegen versteht sie es einfach als einen Teil ihrer Identität. Sie selbst hat die Anordnung ihrer Vorgesetzten akzeptiert und das kleine Kreuz wird in Zukunft wohl nicht wieder so schnell öffentlich an ihrem Hals erscheinen.

Vielen ihrer Zuschauer und Kollegen fällt es wesentlich schwerer, die Entscheidung der Verantwortlichen im Fernsehsender anzunehmen. Sie fragen sich, wie weit man im Namen der Neutralität in die Identität und Religionsfreiheit von Journalisten eingreifen darf, indem man jedes noch so kleine religiöse Symbol verbietet. Die Frage ist berechtigt, ob eine solche Haltung nicht Ausdruck eines falschen Verständnisses von Neutralität ist? Viele empfinden das Fehlen oder das Verbot solcher Symbole als Ausdruck einer Haltung, die Religion grundsätzlich ablehnt und einen öffentlich sanktionierten Atheismus propagiert.

Sicher sollte ein religiöses Symbol bei Journalisten nie so dominant sein, dass seine Botschaft den eigentlichen Nachrichten im Wege steht. Dennoch hat das kleine Kreuz am Hals eine wichtige Debatte angeschoben, die jetzt schon einige Wochen die Zeitungen beschäftigt und die hoffentlich zur weiteren Verbreitung zweier Einsichten führen wird: Glaube ist Teil der menschlichen Identität und auch das Fehlen religiöser Symbole ist ein Symbol.

Michael Hoffmann

Tummelplatz der Milizen

1. Oktober 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Syrien: Schon längst ist der Bürgerkrieg zu einem Konflikt mit internationaler Beteiligung mutiert

Menschen aus etwa 50 Ländern dieser Erde, so die Erkenntnisse von ­Geheimdiensten, kämpfen inzwischen auf Seiten der Milizen in Syrien.

Erster Israeli im Kampf gegen Assad gefallen«, lautete die Schlagzeile in israelischen Medien am Vorabend des Laubhüttenfestes vor wenigen Tagen. Die arabische Familie Dschuma’ah aus Muschirfa, einem kleinen Dorf neben Umm al-Fahm im israelischen Wadi Ara, hatte eine Nachricht und das Bild von einem zerschossenen Leichnam aus Syrien bekommen. Die Familie glaubt, ihren Sohn Mu’eid eindeutig identifizieren zu können. Angesichts dieser und anderer Meldungen stellt sich die Frage: Wer kämpft da eigentlich in dem Bürgerkrieg, der bereits weit mehr als 120000 Menschen das Leben gekostet hat?

In Siegerstimmung: Kämpfer einer der unüberschaubaren Milizen der syrischen Opposition – aufgenommen vor wenigen Tagen in der Nähe von Kafr Nabuda. Foto: picture alliance

In Siegerstimmung: Kämpfer einer der unüberschaubaren Milizen der syrischen Opposition – aufgenommen vor wenigen Tagen in der Nähe von Kafr Nabuda. Foto: picture alliance

Das Regime von Präsident Baschar al-Assad wird in der eigenen Bevölkerung vor allem von einer Minder­heitenkoalition aus Alawiten, Drusen, Kurden, Christen und Schiiten gestützt. Hinzu kommen aber auch viele sunnitische Muslime. Diese sind zwar wenig begeistert von der Diktatur Assads, ziehen deren säkularen Charakter aber der radikal-islamischen Alternative, die sich am Horizont unverkennbar abzeichnet, vor. Aktiv im Kampf wird Assad zudem von der schiitischen Hisbollah aus dem Libanon und den Revolutionsgardisten aus dem Iran unterstützt. Dazu kommen noch säkular orientierte palästinensische Gruppierungen, wie etwa die Volksfront zur Befreiung Palästinas – Generalkommando (PFLP-GC). Auf der internationalen Bühne schließlich stehen neben dem Iran vor allem Russland und China hinter der syrischen Regierung, die sie auch massiv mit Rüstungsgütern unterstützen.
Gegen das syrische Regime unter Präsident Assad steht ein Konglomerat aus lose verbundenen und kaum koordinierten Milizen, die sich grob in drei Gruppierungen einteilen lassen:

Erstens gehört dazu die sogenannte »Freie Syrische Armee« (FSA), ein Zusammenschluss von Milizen, die sich wiederum aus desertierten Soldaten der syrischen Armee gebildet haben. Sie wollen ein vereintes, säkulares Syrien, wie es einmal war, allerdings ohne Assad. Der Islam ist definitiv nicht auf ihrer Agenda. Dies ist die Gruppe, die westliche Länder, allen voran die USA und die Europäer, gern unterstützen möchten.

Neben der FSA gibt es lokale Milizen, die in der sunnitischen Bevölkerung verwurzelt sind. Sie sind von der sunnitischen Ideologie der Muslimbruderschaft geprägt und streben einen normalen Staat an. Eventuell sehen sich dieser zweiten Gruppe eine ganze Reihe der eher islamistischen Palästinenserorganisationen, wie etwa die Hamas oder der Islamische Dschihad, verbunden. Die palästinensischen Flüchtlinge, die teilweise schon in vierter Generation in Syrien leben, haben zwar keine Staatsbürgerschaft, können Syrien aber auch nicht verlassen, weil niemand weltweit sie aufnehmen will.

Als dritte Gruppierung, die in vieler Hinsicht einen entscheidenden Einfluss auf den Fortgang der Ereignisse in Syrien ausübt, sind die »Internationalen Dschihadisten« erkennbar. Von Antiterrorexperten sind bisher Gruppen und Einzelpersonen aus Afghanistan, Ägypten, Australien, Bahrain, Belgien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Indonesien, Irak, Irland, Israel, Jemen, Jordanien, Kuwait, Libanon, Libyen, Norwegen, Pakistan, Palästina, Russland, Somalia, Tunesien, Türkei, Tschetschenien, USA und den Vereinigten Arabischen Emiraten identifiziert worden.

Man geht davon aus, dass am syrischen Bürgerkrieg Bürger aus etwa 50 Staaten aktiv beteiligt sind. Insofern ist es nicht ganz unrichtig, wenn Baschar al-Assad behauptet, der Krieg in seinem Land sei ein internationales Komplott, sein Regime zu stürzen. Somit stehen die etwa 200000 Soldaten, die nach wie vor dem Regime Assads loyal sind, vermutlich 100000 Kämpfern in schätzungsweise mehreren Hundert Milizen ganz unterschiedlicher Prägung, Ausbildung, Kampfstärke, Ideologie und Zielsetzung gegenüber.

In der dritten Gruppe sticht ein Verbund durch seine klare ideologische Zielsetzung, aber auch durch seine effektive Vorgehens- und Kampfesweise besonders heraus: die »Dschabhat al-Nusra li-Ahl asch-Scham«, was übersetzt so viel wie »Unterstützungsfront für das Volk von Großsyrien« bedeutet. Kurz wird die Organisation gemeinhin »Dschabhat al-Nusra« genannt.

Diese Gruppierung wird nicht selten als »al-Qaida-nahestehend« bezeichnet. Sie lehnt »Staaten« als eine westlich-kolonialistische Erfindung grundsätzlich ab – wie übrigens auch nicht wenige Ideologen der Hamas. Ihre Anhänger reden nicht von »Syrien«, sondern von »Asch-Schams«, einem Gebiet, das man als »Großsyrien« bezeichnen könnte, und das auch den Libanon, Israel und Jordanien umfasst. »Dschabhat al-Nusra« will die alawitischen »Götzenanbeter« beseitigen, sieht den Kampf gegen das jüdische Israel erklärterweise als nächsten Schritt und hat als Ziel die Verbreitung des Islam über die ganze Welt. Die Türkei unterstützte die »Al-Nusra-Front« in der Vergangenheit mehrfach mit Waffen.

Ob der israelische Inlandsgeheimdienst »Schin Bet« oder andere ­west­liche Polizei- und Geheimdienste: Keinem ist wohl bei dem Gedanken, dass Hunderte von Bürgern ihrer eigenen Länder in Syrien nicht nur ideologisch radikalisiert werden, sondern zudem eine praktische Ausbildung und Kampferfahrung erhalten.

Johannes Gerloff

Neue Zukunft Eigenheim

5. Juni 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Serbien: Wie eine ökumenische Hilfsorganisation der Roma-Minderheit eine Perspektive gibt

Viele suchten anderswo Asyl, aber wurden zurück­­geschickt: Angehörige der Roma leben in Serbien am Rande der Gesellschaft.

Fast mannshoch sind die Wände schon. Ein Mann in blauem T-Shirt schichtet Ziegel auf. Zadik ist 36 Jahre alt und Roma. Dies, sagt er, solle einmal das neue Haus für seine Familie werden. 40 Quadratmeter Grundfläche für ihn, seine Frau und die sechs Kinder. Groß nicht gerade, gibt er zu. Aber sein Eigentum. Seine Mutter im Kosovo habe Grund und Boden verkauft. So hat er das Geld für das Grundstück zusammenbekommen. Das befindet sich zwischen zwei kleinen, schmucken Einfamilienhäusern in einer Siedlung am Stadtrand von Novi Sad, Hauptstadt der nordserbischen Provinz Vojvodina.

»Meine Privatinitiative«: Der 36-jährige Roma Zadik errichtet mit Unterstützung der kirchlichen Hilfsorganisation EHO am Stadtrand von Novi Sad ein kleines Häuschen. Foto: Annemarie Müller

»Meine Privatinitiative«: Der 36-jährige Roma Zadik errichtet mit Unterstützung der kirchlichen Hilfsorganisation EHO am Stadtrand von Novi Sad ein kleines Häuschen. Foto: Annemarie Müller

»Meine Privatinitiative«, sagt Zadik und tippt sich an die Brust. Unterstützt hat ihn die Ökumenische Hilfsorganisation (EHO), eine Initiative von Kirchen verschiedener Konfessionen in dieser multiethnischen Provinz. 2000 Euro für Baumaterial hat er bekommen. Geld aus Spenden von evangelischen Kirchen in Norwegen, der Schweiz und von der Diakonie in Württemberg. Hilfe für Rückkehrer wie Zadik. Zweimal hat er Asyl in der Schweiz beantragt. Jedes Mal ist er nach elf Monaten wieder abgeschoben worden. Zuletzt im November 2012.

Warum er weg wollte? An Stelle ­einer Antwort zeigt er seine jetzige Unterkunft, ein Stück entfernt. Eine niedrige Hütte, gedeckt mit Well­asbest. »Mein Geburtshaus«, sagt er. Ein kleiner Raum, in der Ecke ein ­Kohleherd. Die Decke hängt gefährlich durch. An einigen Stellen fehlt Putz. Er hofft, das neue Haus so weit fertigzubekommen, dass sie noch vor dem nächsten Winter wenigstens in einen Teil einziehen können. Geld wolle er sich als Taxifahrer verdienen, wie früher. Seine Zukunft, die sehe er jetzt hier.

Ortswechsel. Adice, eine von mehreren Roma-Siedlungen. Hier leben Osmani Sabri und seine Frau Vesira. Sie sind Muslime. Ihnen hat EHO geholfen, ein Bad in ihr kleines Haus einzubauen und eine Klärgrube im Hof auszuschachten. Eine von 54 Roma-Familien, die sie so unterstützt haben. »Das Prinzip dabei: Unsere Meister zeigen, wie es geht. Bauen müssen die Familien dann selbst«, erläutert Vladislav Iviciak. Der Pfarrer der slowakisch-lutherischen Kirche ist Direktor von EHO.

Inzwischen steuern vier Kommunen sogar etwas Geld zur Arbeit mit den Roma bei. »Geradezu unvorstellbar«, sagt Iviciak. Noch vor Jahren wäre das undenkbar gewesen. Freilich unterstütze die Stadt Novi Sad nur Projekte, die auf ein Jahr befristet sind. »Weil wir als privater sozialer Dienstleister gelten«, sagt Iviciak. Etwa 20 Prozent mache die staatliche Hilfe so inzwischen aus. »80 Prozent des Geldes kommt von unseren ausländischen Partnern.«

Stammgäste sind Roma-Familien auch in der Kleiderkammer von EHO. Stadtbewohner spenden die Second-Hand-Sachen. »Viele von denen, die von uns etwas bekommen, sind Flüchtlinge«, berichtet eine Mitarbeiterin. »Sie sind einigermaßen integriert in die Stadtbevölkerung, allerdings sehr arm.« Im Erdgeschoss eines Zwölfgeschossers hat EHO einen Zufluchtsort für Straßenkinder eingerichtet, die meisten davon stammen aus Roma-Familien. Hier können sie sich duschen, ihre Wäsche waschen, unter Anleitung von Sozialarbeitern in Workshops malen, basteln oder sich im Jonglieren üben. Betreut werden sie von Ehrenamtlichen, Psychologen, Lehrern, dazu zwei Frauen aus den Roma-Siedlungen, erläutert Leiterin Daliborka Batrnek Antonic. Regelmäßig kommt eine Krankenschwester.

Zu etwa 500 Straßenkindern haben sie Kontakt. »Sie betteln, klauen in ­Supermärkten, sammeln Pappe und Plastikflaschen, manche bieten sich für Sex-Dienste an.« Alle von der Straße zu holen, sei nicht zu schaffen, sagt Daliborka Batrnek Antonic. »Aber zumindest können wir Risiken minimieren.«

Mit einigen Nothilfeprojekten hat EHO die Arbeit vor 20 Jahren begonnen. Mittlerweile ist eine diakonische Organisation daraus geworden, die außer Roma auch Senioren, Behin­derten und anderen Menschen mit sozialen Problemen längerfristig hilft. »Die akute Not ist gelindert«, sagt ­Vladislav Iviciak. »Jetzt ist die Zeit, den Ärmsten zu helfen und so eine gerechtere Gesellschaft zu bauen.«

Tomas Gärtner

»Es ordnet sich« – wirklich?

4. September 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Norwegen: Anders Behring Breivik ist kein kranker Mensch, sondern ein politisch motivierter Gewalttäter

Mit dem Schuldspruch des Gerichts wurde am 24. August der Prozess gegen den Massenmörder von Oslo und Utøya beendet. Doch abgeschlossen ist das nationale Trauma damit noch nicht.

Det ordnar seg« – »Es ordnet sich«. Diese Haltung trägt zum relativ entspannten Lebensgefühl der Norweger bei. Es begünstigt aber auch einen gewissen Schlendrian. Jedes Jahr im Sommer versinkt das Land in eine Art Sommerschlaf, wenn zuerst die eine Hälfte der Einwohner und dann die andere Hälfte Ferien machen. Innerhalb der achtwöchigen Schulferien wenigstens drei Wochen Urlaub machen zu dürfen, ist ein gesetzlich verbrieftes Recht. Es gilt für alle: Politiker, Pfarrer und auch die Polizei.

Uneinsichtig, verbohrt, provozierend: Anders Behring Breivik am Tage der Urteilsverkündung durch das Osloer Gericht. Foto: picture alliance

Uneinsichtig, verbohrt, provozierend: Anders Behring Breivik am Tage der Urteilsverkündung durch das Osloer Gericht. Foto: picture alliance

Deshalb war am 22. Juli 2011 auch im ganzen Land kein Polizeihubschrauber einsatzbereit und die Hälfte der Polizisten und der Regierung im Urlaub. Dies und die Haltung, dass schon nichts passieren wird, haben die Anschläge von Anders Behring Breivik überhaupt erst möglich gemacht. Zehn Jahre wurde diskutiert, die Straße in Oslo, in der Breivik den Transporter explodieren ließ, für den Verkehr zu sperren. Einen Monat nach der verheerenden Bombenexplosion sollte sie gesperrt werden.

Der Notruf nach der Explosion wurde erst einmal abgelegt, bevor er bearbeitet wurde. Verschiedene Polizeieinheiten konnten durch die Einführung des digitalen Polizeifunks nicht aktiviert werden und nicht miteinander kommunizieren. Durch diesen und andere Fehler dauerte es viel zu lange, bis der Terrorist, wie er nun meist in den Medien genannt wird, gestoppt werden konnte. Zu viele starben auf Utøya.
Dies bestätigt ein Bericht, der im Auftrag der Regierung am 13. August vorgelegt wurde. Es wurde dem Terroristen zu leicht gemacht. Trotzdem hat sich wenig verändert: Auch diesen Sommer war kein Polizeihelikopter einsatzbereit und auch dieses Jahr hätte es nicht genügend Personal gegeben, um in einer Krisensituation Polizeikontrollen an den Grenzen durchzuführen.

Doch Norwegen ist weiter ein offenes Land und vieles wird leichter und unbekümmerter gesehen als in Deutschland. Denn bei einem Wohlfahrtsstaat, einer Arbeitslosenquote von unter drei Prozent und einer wachsenden Bevölkerung gibt es kaum Grund für Zukunfts- oder Existenzängste. Vielleicht ist man manchmal dadurch aber auch zu sorglos und unbekümmert.

Die Taten des 22. Juli waren nicht die eines »armen Irren«. Sie waren ­politisch motivierte Gewalt eines ideologisch verblendeten Egomanen. Anders Behring Breivik wurde zur höchsten Strafe verurteilt: 21 Jahre Gefängnis und anschließende Sicherungsverwahrung. Eine höhere Strafe kennt Norwegen nicht. Der Unterschied von Sicherungsverwahrung und einer Gefängnisstrafe ist, dass die Verwahrung auch über 2032 hinaus verlängert werden kann, wenn er dann immer noch als gefährlich angesehen wird.

Sowohl die Angehörigen der Opfer als auch der Terrorist selbst wollten ­einen Schuldspruch. Für jeden der ­Toten wurde er einzeln verurteilt und will dagegen auch keine Berufung einlegen. Die Staatsanwaltschaft, die ihn gern als unzurechnungsfähig eingestuft hätte, hat noch bis zum 7. September die Möglichkeit dazu.

Was nun ansteht ist die Auseinandersetzung mit den Taten. Dieser wird man sich hoffentlich stellen und sich nicht darauf verlassen: »Es ordnet sich«. Es ist eben nicht die Tat eines ­Irren, sondern politisch motivierte Gewalt im sicheren und entspannten Norwegen. Die Konsequenz sollte nicht mehr Überwachung sein, sondern vielleicht nur etwas weniger ­Bequemlichkeit: Vielleicht brauchen wir dann mehr Polizisten auf den ­Wachen – auch in der Urlaubszeit?

Und vielleicht sollten wir uns als Christen mit seiner Ideologie auseinandersetzen? Viele seiner Ideen sind weiter verbreitet als man erwarten sollte. Wie können wir mit der Angst vor der Islamisierung Europas umgehen? Welches Bild zeichnen wir von Einwanderern? Radikalisieren sich Muslime gerade nicht dann, wenn sie sich mit ihrer Identität in der Gesellschaft nicht akzeptiert fühlen?
Das Wichtigste ist jedoch, die Tat nach dem Urteil nicht auf sich beruhen zu lassen. Viele mussten wegen einer Ideologie sterben. Das wird sich niemals ordnen. Ich für meinen Teil meine zumindest, dass die Norwe­gische Kirche mehr Kirche, mehr ­Gemeinschaft der Glaubenden und weniger norwegisch werden sollte.

Michael Hoffmann

Statt »Staatskirche« eine »Staatskirche light«

16. Juli 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Trotz einiger kritischer Anmerkungen, scheint die Norwegische Kirche den Demokratietest bestanden zu haben. Die Politiker waren bereit, ihr mehr Freiheit zu geben. Doch ist sie nun immer noch Staatskirche oder schon nicht mehr? Ist sie schon eine Volkskirche für die ganze Bevölkerung oder doch nur eine Kirche für das norwegische Volk? Einfacher ist es jedenfalls nicht geworden.

Michael ­Hoffmann ­berichtet für ­unsere Zeitung aus Norwegen.

Michael ­Hoffmann ­berichtet für ­unsere Zeitung aus Norwegen.

Bis zum 21. Mai 2012 war die Sache einfach: Norwegen war ein Königreich, der evangelisch-lutherische Glaube Staatsreligion, Die Norwegische Kirche eine Staatskirche und der König ihr weltliches Oberhaupt. Praktisch bedeutete dies, dass die Kirche Teil der Staatsverwaltung und keine eigene ­juristische Person war. Einen Glauben oder eine Weltanschauung zu haben, wird als ein menschliches Grundbedürfnis angesehen und mit der Norwegischen Kirche sichert der Staat eine Grundversorgung als staatliches Religionswesen bis auf die letzte Insel. So war es seit der per ­Dekret durchgeführten Reformation vor 500 Jahren. Seit 1999 entschied die Kirche auch selbst über alle Pfarrstellen. Nur Pröpste und Bischöfe wurden noch von der Regierung ernannt. Alle waren zufrieden, selbst die Muslime, die lieber in einem christlichen als in ­einem säkularen Staat leben. Alle? Nein, nicht alle!

Die organisierten Atheisten, die 1,6 Prozent der norwegischen Bevölkerung ausmachen und sich gern als Retter aller Nichtchristen aufspielen, konnten nicht mehr in einem christlichen Staat leben. In seltener Eintracht mit vielen Kirchenfunktionären, die endlich Herren im eigenen Haus sein wollten, gelang es ihnen, die Politiker zu überzeugen: Staatskirche und ein christlicher Staat sind nicht mehr zeitgemäß. Beides gehört abgeschafft. Doch geht dies nicht am Ziel vorbei? Die meisten Norweger sind mit ihrer Staatskirche zufrieden. Das Problem ist eher, dass es nur die ethnischen Norweger sind, die aufgrund von Einwanderung einen immer geringeren Teil der Bevölkerung ausmachen. Die Norwegische Kirche ist trotz einiger halbherziger Versuche vor allem eine Kirche fast nur für Norweger, und kaum gewillt dies zu ändern. Die Kirche soll die Tradition bewahren und Elemente aus anderen Kulturen werden da eher als störend empfunden. Für die meisten soll die Kirche da sein, wenn sie sie brauchen: zu Taufen, Beerdigungen, Konfirmationen, zur Wertevermittlung für die nächsten Generationen und als sicherer Hafen in Krisensituationen, wie im Sommer 2011. Ansonsten soll sie ihren Alltag so wenig wie möglich stören.

Seit dem 21. Mai ist nun alles anders. Das Grundgesetz ist geändert. Ich bin immer noch Staatsangestellter. Mein Staat hat keine Staatsreligion mehr, sondern nur eine Volkskirche. Diese ist immer noch keine eigene juristische Person, sondern weiter ein Teil der Staatsverwaltung. Aber die Kirche wählt nun auch ihre Pröpste und Bischöfe selbst.

Auch der König wird sich nach eigener Intervention weiter zum evangelisch-lutherischen Glauben bekennen müssen. Seine Bekenntnispflicht hatte man abschaffen wollen, ohne ihn selbst zu fragen. Dies ging Harald V. dann doch zu weit und entgegen allen Gepflogenheiten wagte er es, sich vorsichtig in die Politik seiner Regierung einzumischen.

Alles bleibt anders – statt »Staatskirche« eben »Staatskirche light«.
Michael Hoffmann

Der Narziss von Utøya

28. Mai 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Norwegen: Singende Kinder, traumatisierte Opfer – Beobachtungen rund um Nationalfeiertag und Breivik-Prozess

Jetzt erst recht – lautete das heimliche Motto zum norwegischen Nationalfeiertag. Denn die Gesellschaft ist noch immer traumatisiert vom Attentat des vergangenen Jahres.

Am 17. Mai wurde in Norwegen gefeiert. Man feierte das norwegische Grundgesetz, das 1814 verabschiedet wurde und 1905 den friedlichen Übergang in die Unabhängigkeit ermöglichte. Dies wird gefeiert – aber nicht mit einem Festakt, eher mit ­einer Art Kirmes. Überall im Lande ziehen die Kinder mit ihren Eltern durch Dörfer und Städte. Oft spielt dazu das Schulorchester. Es gibt Gottesdienste und jede Menge Limonade, Eis und Spiele für die Kinder. Der bekannteste Kinderzug ist der in Oslo. Stundenlang zieht Schulklasse um Schulklasse am Schloss vorbei, von dessen Balkon der König und seine Familie den Kindern zuwinken.

Die Entkleidung eines selbstverliebten Täters

Auch in diesem Jahr wurde gefeiert. Jetzt erst recht! Denn an allen anderen Tagen nimmt der Prozess gegen den Narziss von Utøya, den Attentäter Anders Behring Breivik, der am 22. Juni vergangenen Jahres 77 Menschen ­tötete, sehr viel Raum ein. Die Berichterstattung darüber beansprucht mehr Sendezeit als der Norweger Lieblingsprogramm: Liveübertragungen vom Fußball oder Wintersport.

Das, was die Menschen da teilweise als Liveübertragung aus dem Gericht zu sehen bekommen, ist so ­etwas wie die Entkleidung eines selbstverliebten Täters. Breivik, der zu Beginn noch verlangte, in einer ­Fan­tasieuniform auftreten zu dürfen, wird Stück für Stück vor Augen geführt, wie viele seiner Behauptungen reine Hirngespinste sind. Dessen Hauptziel im Prozess ist es inzwischen, nicht als unzurechnungsfähig erklärt zu werden.

Nationalfeiertag: Schulklassen ziehen um das Königsschloss von Oslo und feiern gemeinsam mit der Königsfamilie die norwegische Verfassung. Foto: picture-alliance/RoyalPress Albert v. d. Werf

Nationalfeiertag: Schulklassen ziehen um das Königsschloss von Oslo und feiern gemeinsam mit der Königsfamilie die norwegische Verfassung. Foto: picture-alliance/RoyalPress Albert v. d. Werf

Viele Vorstellungen des Täters sind bereits als Fantastereien entlarvt worden. Durchaus real ist allerdings das Leid seiner Opfer. Opfer um Opfer wird vor Gericht behandelt. Die Toten bekommen ein Gesicht und die Überlebenden bekommen Gelegenheit, das Schreckliche, das sie auf Utøya ­erlebt haben, zu berichten. Manchen gelingt dies im Angesicht des Mannes, der auch ihr Leben auslöschen wollte. Bei anderen muss der Täter weiter entfernt vom Zeugenstuhl Platz nehmen oder sogar den Gerichtssaal verlassen. Einige leiden noch immer so unter den Erlebnissen, dass sie nicht davon berichten können. Trotzdem scheint der Mann, der 77 Menschen tötete, mit jedem Tag im Gericht ein wenig kleiner zu werden. Er tritt auch längst nicht mehr so großspurig auf wie vor und zu Beginn des Prozesses. Aber noch immer zeigt er kein Bedauern oder mitmenschliche Regungen.

Unaufgeregt und ruhig: Verteidiger Geir Lippestad

Ein anderer Mann dagegen leidet sichtbar. Der Prozess zehrt an ihm, auch wenn er dort seinen Beruf ausübt. Geir Lippestad ist Anwalt und der Verteidiger des Attentäters. Er ist ein Mann der vielen imponiert. Wenn der Jurist nach dem Tag im Gericht aufs Fahrrad steigt, erwartet ihn seine ­Familie: Seine Frau und acht Kinder, vier eigene und vier Stiefkinder. Die jüngste Tochter wurde geboren, als Lippestad bereits mit der Verteidigung Breiviks beschäftigt war. Zwei dieser Kinder sind schwer behindert.

Ein Massenmörder, der sich als Christ bezeichnet

Der Strafverteidiger ist selbst Sozialdemokrat, genauso wie die Opfer auf Utøya. Trotzdem übernahm er die Verteidigung. Lippestad ist es bisher stets gelungen sich deutlich vom Täter und dessen Anschauungen zu distanzieren und ihn trotzdem zu verteidigen. Unaufgeregt und ruhig gelingt es ihm, einen Straftäter zu verteidigen und ihn nicht zum »Monster von Utøya« werden zu lassen.

Viele Anschauungen des Täters sind verdreht und wirr. Trotzdem gibt es manches, was mich durcheinanderbringt: Breivik ist Mitglied der Kirche, in der ich Pfarrer bin. Er bezeichnet sich selbst als militanten Christen. Er meint, dass ihn Christen in seinem angeblichen Kampf gegen die Entchristlichung Europas unterstützen müssten. Er bezeichnet seine Taten als grausam aber notwendig.

Dies verletzt mich. Jesus opferte sich selbst für uns, nicht andere für sich. Doch auch Breivik behauptet von sich, an denselben Gott und denselben Erlöser zu glauben. Ist Jesus auch für einen 77-fachen Mörder gestorben, der nicht wirklich bereut? Ich bin froh, diese Frage jetzt und hier nicht beantworten zu müssen. Vielleicht wird dies mit der Zeit gelingen.

»Ja wir lieben dieses Land«, so beginnt unsere Nationalhymne, deren Text vom Pfarrerssohn Bjørnstjerne Bjørnson verfasst wurde. In der zweiten Strophe in unserem Gesangbuch heißt es: »Norwegische Männer in Haus und Hütte, dank großer Gott! Das Land wollte er beschützen, obwohl es finster aussah. Alles, was die Väter erkämpft haben, was die Mütter erweint, hat der Herr vollbracht so dass wir unser Recht gewannen.«

Ich freue mich, dass am 17. Mai ­jeder in seiner Tracht mitfeiern darf. Auch ich habe wieder meinen Bergmannshabit angezogen und lief mit meinen Kindern im Zug. Die zweite Strophe der Nationalhymne habe ich diesmal als Gebet gesungen, denn ich erlebte, das Gott trotz all dem Schrecklichen uns bisher beschützt hat. Egal ob der Narziss vom Utøya im Gefängnis oder in der Psychiatrie landet, sowohl die Familien als auch wir alle müssen mit dem, was geschehen ist, leben. Bisher ist der sehr sachliche Prozess eine gute Hilfe dabei.

Michael Hoffmann

Norwegen: Von der Butterkrise in die Rindfleischkrise

14. März 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Kua mi, jeg takker deg / deilig melk du gir til meg. / Hver en dag jeg til mitt brød, / drikker melka di så søt: Meine Kuh ich danke dir, gute Milch die gibst du mir. Jeden Tag zu meinem Brot, trink deine Milch ich süß und gut.

In vielen norwegischen Kinder­gärten wird dieses »religionsneutrale Tischgebet« gesungen. Auch wenn Norwegen sich immer noch als ein Bauernland versteht: Über die Hälfte der bald fünf Millionen Norweger wohnt in Orten mit wenigstens 20000 Einwohnern und weit weniger als eine halbe Million wohnt in Orten mit weniger als 2000 Einwohnern. Unter ihnen sind auch die meisten der etwa 50000 Bauern und Fischer. Auch wenn der Abstand zu den Bauern immer größer wird: Norwegen versorgt sich immer noch zu großen Teilen selbst mit landwirtschaftlichen Produkten und ist in diesem Bereich auch nicht der EU angeschlossen.

Doch auch die Norweger sind inzwischen an volle Supermarktregale gewöhnt und kaufen ihre Lebens­mittel dort. Auch der Abstand zum Schöpfer dieses wunderbaren Landes wird leider auf Betreiben einiger politisch aktiver Atheisten immer größer. In einem mit »Lebenskunde-Ethik-Religion« (LER) verwandten Fach darf Christentum in der Schule nur noch im gleichen Umfang wie andere Religionen unterrichtet werden. Einen konfessionellen Religionsunterricht gibt es nicht.

Michael ­Hoffmann ­berichtet für ­unsere ­Kirchenzeitung aus Norwegen.

Michael ­Hoffmann ­berichtet für ­unsere ­Kirchenzeitung aus Norwegen.

Seit dem Herbst 2011 wurden wir dann daran erinnert, dass der Erntedank vielleicht doch keine so unnütze Einrichtung ist. Die Bauern dürfen, um Überproduktion zu vermeiden, nur eine bestimmte Menge Milch verkaufen und halten dementsprechend auch nicht mehr Kühe. Durch starke Niederschläge und Überflutungen im Sommer gab es nun weniger Milch und Milch von geringerer Qualität.

Gleichzeitig begannen viele Norweger noch mit einer »Low-Carb-Diät«. So leerten sich die Butterregale. Bald gab es Hamsterkäufe und schließlich nur noch zwei Pfund Butter pro Person. Kurz vor der Adventszeit waren die ­Regale dann ganz leer. Als Notmaßnahme beschloss die Regierung, den Import einiger Tonnen irischer, belgischer, französischer und deutscher Butter zu genehmigen. Die Weihnachtsbäckerei war gerettet.

Inzwischen gibt es auch wieder norwegische Butter in den Regalen. Doch nun klopft bereits die nächste Krise an die Pforten: die Rindfleischkrise. Die Kühe treten halt weder ihre Milch noch ihr Fleisch so ganz freiwillig an die Menschen ab. Ich bin jedenfalls froh, dass im Kindergarten meines Sohnes ein anderes Tischgebet gesungen wird:

Å du som metter liten fugl / Velsign vår mat å Gud: Oh du, der du den kleinen Vogel sättigst, Segne unser Essen oh Gott.

Michael Hoffmann