Streit um Fliege
26. August 2011 von redaktionguh
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Scharfe Kritik an dem früheren »Fernsehpfarrer«.
Mit immer absonderlicheren Äußerungen zum christlichen Glauben macht der ehemalige Fernsehpfarrer Jürgen Fliege von sich reden. Nachdem der evangelische Theologe wegen eines von ihm vertriebenen »Weihwassers«, der sogenannten »Fliege-Essenz«, in die Kritik von Medien und Sektenexperten geraten war, griff er in der Fernsehsendung »RTL exclusiv weekend« die biblischen Texte zur Wiederkunft Christi an: Dass eines Tages die Welt untergehe und einer vom Himmel komme, sei schlimmer, als alles, was die Scientologen sich ausgedacht hätten, so Fliege.
Zuvor hatte die frühere Hamburger Scientology-Beauftragte Ursula Caberta Jürgen Fliege vorgeworfen, sich immer stärker der Esoterik zuzuwenden und mit Scientologen zusammenzuarbeiten. Bei dem von ihm seit mehreren Jahren im bayerischen Bad Wörishofen veranstalteten »Flieges Wörishofener Herbst« treten Geistheiler und Schamanen auf.
In der vergangenen Woche war Jürgen Fliege nun vor allem wegen seiner »Fliege-Essenz« in Kritik geraten. Dabei handelt es sich um eine Flüssigkeit, die Fliege während des Produktionsvorgangs gesegnet haben soll. »Ich lege meine Hände auf die Maschine, in der die Essenz hergestellt wird. Ich spreche das Vaterunser und 1. Korinther 13«, sagte Jürgen Fliege gegenüber der »Bild am Sonntag«. »Sie soll ein Segen sein«, so Fliege über die Essenz.
Scharfe Kritik an dieser Praxis äußerte etwa der Vorsitzende der EKD-Kammer für Theologie, der frühere Rektor der Berliner Humboldt-Universität, Christoph Markschies: »Offenbar ist Fliege nicht klar, dass wir in der evangelischen Kirche Menschen den Segen Gottes zusprechen, aber nicht wie Wundermänner irgendwelche Kräfte und Emotionen in materielle Objekte senden«, sagte Markschies dieser Zeitung. Fliege handele ganz sicher nicht wie ein evangelischer Pfarrer.
Eine andere Linie scheint dagegen der als rheinischer Präses auch für den Ruhestandspfarrer Jürgen Fliege zuständige EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider zu verfolgten: Gemäß einem im Juli veröffentlichten Kongressprogramm für den von Fliege veranstalteten »Wörishofener Herbst«, sollte Schneider dort als Referent auftreten.
Während die EKD dieses zunächst energisch dementierte, veröffentlichte Jürgen Fliege am 10. August per Pressemitteilung Auszüge eines Schreibens des EKD-Ratsvorsitzenden. Schneider habe demnach sehr wohl vorgehabt, den Kongress zu besuchen, aber wegen eines Terminproblems mit der Verleihung der Luthermedaille werde daraus nichts.
Außerdem habe er seinen Pressesprecher angewiesen, »dass ich bei aller schwierigen Vergangenheit einen respektvollen Ton der EKD Dir gegenüber wünsche. Und er weiß auch, dass ich zu Dir stehe.« Das zeugt von einer Vertraulichkeit zwischen Schneider und Fliege, die wohl aus der gemeinsamen Vikariatszeit in der Evangelischen Kirche im Rheinland resultiert.
Gleichzeitig jedoch legt es den Gedanken der persönlichen Befangenheit des Ratsvorsitzenden nahe: So wie schon in der Frage der Präimplantationsdiagnostik (PID) scheint der menschlich-persönliche Zugang Schneiders zu Betroffenen entscheidend für seine Urteilsbildung zu sein.
Benjamin Lassiwe
»Wir müssen nicht perfekt sein«
18. August 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Nikolaus und Anne Schneider erinnern sich im Christlichen Hospiz an ihre 2005 verstorbene Tochter.

Nikolaus und Anne Schneider (Foto: Archiv)
Die gelbe Kerze am Eingang des Hospizes Siloah in Herrnhut brennt. Wenn jemand im Haus gestorben sei, dann würde die Kerze angezündet und brenne 24 Stunden lang, erklärt Gundula Seyfried, Gründerin der christlichen Hospizarbeit in Ostsachsen, das Ritual.
Es ist eine Schwimmkerze in einer blumengeschmückten Wasserschale, die auf einem aus Sandstein gehauenen Ständer steht.
»Wie ein Taufbecken«, meint Anne Schneider.
Ihr Mann, Nikolaus Schneider, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, führt den Gedanken weiter: »Das Wasser der Taufe führt mit Christus durch den Tod ins Leben.«
Beide Theologen, Anne Schneider ist Lehrerin, haben Mitte August zum ersten Mal Herrnhut besucht. Dass sie dort sofort das Hospiz aufsuchten, lag an Meike, der jüngsten ihrer drei Töchter. Sie starb 2005 im Alter von 22 Jahren nach zweijährigem Kampf gegen Knochenmarkkrebs, Leukämie. Die Erinnerung an sie sei stets gegenwärtig. »Wenn ich in eine Kirche komme, zünde ich immer eine Kerze an für Meike«, erwähnt Anne Schneider.
Hier im Hospiz hat das Ehepaar mit einigen Todkranken gesprochen: »Es wurde sofort sehr persönlich, es waren Minuten mit unglaublicher Dichte«, berichtet Nikolaus Schneider bewegt.
Anne Schneider erinnert sich: »Ich habe zwei Jahre mit auf den Krebsstationen gelebt, Freude und Trauer erlebt, das möchte ich nicht missen. Man konnte viel körperlich zeigen, sich umarmen. Die Menschen haben keine Masken.«
In Siloah ist jetzt eine Frau gestorben, die sie eigentlich noch besuchen wollten. Zu spät!
Wieder eine schmerzhafte Erinnerung, über die Anne Schneider spricht: »Meike hatte sich einen Abschied mit Segen gewünscht, bevor sie wegen ihrer Schmerzen in ein künstliches Koma versetzt wurde. Wir hatten telefoniert und ihr versprochen, dass wir kommen, aber wir mussten von Neukirchen nach Essen und sind fünf Minuten zu spät gekommen.« – »Stau auf der A40«, wirft ihr Mann ein.
Anne Schneider: »Da bleibt ein Stück Bitterkeit. Der Trost: Das ist nicht das absolute Ende.«
Nikolaus Schneider: »Wir erfahren unsere Grenzen, wir müssen nicht perfekt sein.«
In dieser gegenseitigen Ergänzung – sie in persönlichen Erinnerungen, er mehr in der theologischen Reflexion – haben sie 2006 ein Buch geschrieben »Wenn das Leid, das wir tragen, den Weg uns weist – Leben und Glauben mit dem Tod eines geliebten Menschen«.
»Da kämpften und hofften und beteten wir zwei Jahre lang vergeblich für unsere und mit unserer Tochter um ihre Heilung und um ihr Leben und wollen jetzt mit all unserer Trauer und Traurigkeit ein Trostbuch schreiben – geht das?«, fragt Nikolaus Schneider im Vorwort. Ohne »frömmelnde Vertröstung« oder »christlichen Leistungsdruck?«
Beide machen deutlich, dass der Abschied vom Leben wehtut, dass Sterben und Sterbebegleitung die Fragen nach Gottes konkreter Liebe und Allmacht immer neu stellen.
»Aber gerade weil Meikes und weil unsere Gottesbeziehung in Leid und Verzweiflung nicht abgebrochen ist, gerade deshalb gewannen wir die Freiheit, glaubend zu fragen und zu zweifeln, zu zittern und zu weinen, zu klagen, anzuklagen und sprachlos zu werden.«
Seit dem Erscheinen des Buchs sind sie vielen Einladungen aus der Hospizarbeit gefolgt, um mit Mitarbeitern und Angehörigen zu sprechen.
Nun fand so ein Abend auch in Herrnhut statt. Anne Schneider zieht Bilanz: »Diese Gespräche mit den Besuchern helfen auch meinem Mann und mir, den Verlust unserer Tochter einzuordnen und Nähe zu spüren.«
Katharina Weyandt
»Papa ante portas« – Hohe Erwartungen
17. Juni 2011 von Gemeinsame Redaktion
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In Erfurt bereitet man sich auf den Papstbesuch vor.
Vom 22. bis 25. September kommt Papst Benedikt XVI. nach Deutschland. Zwei Tage verbringt er in Erfurt. Auf dem Programm steht dabei auch eine Begegnung mit Vertretern der evangelischen Kirche.
Die Erwartungen sind hoch. Die protestantische Ministerpräsidentin und frühere thüringische Pfarrerin Christine Lieberknecht spricht gar von einer “historischen Chance” für Thüringen. Doch auch innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) herrscht Hochspannung. Immerhin hat Papst Benedikt XVI. das zunächst anvisierte Besuchsprogramm nach einem persönlichen Brief des EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider über den Haufen geworfen.
Die Visite in Erfurt avancierte zum ökumenischen Schwerpunkt der Reise. Zentraler Punkt wird die Begegnung mit Vertretern der protestantischen Kirchen im historischen Augustinerkloster. Just in dem Kloster, in dem der spätere Reformator Martin Luther sein Gelübde ablegte und die Priesterweihe empfing.
“Exakt 11.30 Uhr wird die Limousine des Papstes im Kloster vorfahren und der Posaunenchor zur Begrüßung blasen”, berichtet Lothar Schmelz gegenüber Journalisten während einer Pressefahrt des katholischen Bonifatius-Werkes. “Anschließend werden der Papst und der Ratsvorsitzende allein eine Runde durch den Kreuzgang laufen”, weiß der Kurator des Augustiner-Klosters weiter zu berichten.
Im historischen Kapitelsaal treffen sich dann die beiden Delegationen, je 15 Personen stark, zu einem 30-minütigen Gespräch. Der Beginn des ökumenischen Treffens ist geradezu symbolträchtig: Fünf vor 12.
Und in welcher Sitzordnung wird man sich begegnen? “Im großen Stuhlkreis”, dies sei ausdrücklich vom Papst gewünscht, so Schmelz.
Wer wird teilnehmen? Und gibt es dafür von katholischer Seite wie schon einmal in der Vergangenheit Vorgaben? “Nein, überhaupt nicht”, sagt Oberkirchenrat Thies Gundlach, Vizepräsident des Kirchenamtes der EKD in Hannover.
Auf jeden Fall werde Bischöfin Ilse Junkermann von der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) dabei sein und der Ratsvorsitzende. Die weiteren Teilnehmer werden noch vom Rat der EKD bestimmt.
Erinnerung: Frau Käßmann und die roten Schuhe
Der Theologe aus dem Kirchenamt gibt sich begeistert. Schon über den Vorbereitungen habe eine “besondere ökumenische Atmosphäre” gelegen. “Große Freude” herrsche darüber, dass der Papst, der als Professor Joseph Ratzinger in DDR-Zeiten schon des Öfteren in Erfurt war, sich ausgerechnet auf das Augustinerkloster eingelassen hat.
So viel Freude und frohe Erwartung weckt Erinnerungen. Gab es da nicht vor noch gar nicht langer Zeit eine Bischöfin und Ratsvorsitzende die öffentlich und unwidersprochen erklärte, sie erwarte in Sachen Ökumene “von diesem Papst gar nichts” mehr? Und darüber hinaus beneide sie den Mann aus Rom höchstens ob der schönen roten Schuhe seiner Amtskleidung?
Gundlach ziert sich. Die Käßmann-Worte seien nicht die Erwartungshaltung der EKD und es habe zudem auch damals durchaus Widerspruch gegeben.
Darüber hinaus verweist er auf die ebenfalls nicht freundlichen Töne im päpstlichen Lehrschreiben “Dominus Jesus”, die zu Verärgerungen geführt hätten. Diese Töne aus der Vergangenheit seien aber nicht die Intension für den jetzigen Besuch und das Gespräch. Dieses habe eine völlig neue Dimension, betont Gundlach.
Wie viel und was bei dem Treffen im September überhaupt zur Sprache kommt, bleibt abzuwarten. 30 Minuten stehen zur Verfügung. Mehr als Statements austauschen und vielleicht die eine oder andere Reaktion dazu äußern dürfte schwierig werden.
Allerdings weisen Kenner des Papstes darauf hin, dass er durchaus in solchen Runden reagiert und Impulse setzen kann und will. Dennoch – auch ein Abschlusskommuniqué wird es nicht geben.
Wichtiger ist wohl ist das Symbolische der Begegnung. Dazu gehört sicher auch, dass der Papst im Anschluss zusammen mit Schneider einen Wortgottesdienst in der Klosterkirche halten wird, bei dem die Präses der EKD-Synode, die Grünenpolitikerin Katrin Göring-Eckardt einen Verkündigungsteil übernimmt. Und zu dem sich auch die Kanzlerin angemeldet hat.
Bistum Erfurt: “Ärmlich aber säuberlich”
Das sieht im Übrigen auch der eigentliche Gastgeber, Bischof Joachim Wanke vom Bistum Erfurt so. Und warnt vor überspannten Hoffnungen – sowohl in Fragen der Ökumene als auch innerhalb der katholischen Minderheitsbevölkerung Thüringens.
Was er konkret erwartet? “Dass Benedikt Christus verkündigt und seine Brüder und Schwestern stärkt”, dies sei der eigentliche Sinn des Petrusdienstes des Papstes. Und er freut sich, dass der Papst “auch einmal in die Kleinteiligkeit des deutschen Katholizismus schaut”. 156.000 Katholiken gehören zu seinem Bistum. “Bei uns geht’s ärmlich aber säuberlich zu”, so Wanke mit leichtem Augenzwinkern.
Was auch für das wahrhaftig nicht luxuriöse Nachtquartier des römischen Oberhirten im Erfurter Pristerseminar gilt: Ein schlichtes Gebäude mit dem Charme eines Hinterhauses. Kein Vergleich mit manchem Bischofspalast in den westlichen Bundesländer.
“In seinem Bischofshaus selbst könnte Wanke dem Papst doch wahrscheinlich kaum mehr als ein Klappbett anbieten”, ist von einem Insidern zu hören.
Das öffentliche Interesse am Papstbesuch ist freilich dennoch groß. Die Plätze für die Messfeier auf dem Domplatz sind schon lange ausgebucht. Interessenten können nur noch auf die Marienandacht in Etzelsbach im Eichsfeld verwiesen werden.
Personell wie finanziell steht das kleine Bistum bei dem Besuch vor großen Herausforderungen. Generalvikar Raimund Beck, Stellvertreter des Bischof in allen Veraltungsangelegenheiten, bringt es auf den Punkt: “Wir haben die Finanzkrise gut überstanden und hoffen nun, dass der Papstbesuch nicht den Zusammenbruch bringt.”
Der Grund seiner Hoffnung: Es gibt die Zusage der anderen Bistümer Deutschlands, die kleine Gemeinschaft der Katholiken in Thüringen nicht im Regen stehen zu lassen.
Harald Krille
Die Eckpunkte der Papstreise
Donnerstag, 22. September
10.30 Uhr Ankunft des Papstes in Berlin-Tegel,
11.15 Uhr Begrüßung durch den Bundespräsidenten,
16.45 Uhr Rede im Deutschen Bundestag,
18.30 Uhr Eucharistiefeier vor Schloss Charlottenburg
Freitag, 23. September
10.00 Uhr Abflug nach Erfurt,
11.15 Uhr Begrüßung des Papstes im Dom,
11.45 Uhr Gespräch mit Vertretern der EKD im Augustinerkloster, anschließend ökumenischer Wortgottesdienst in der Klosterkirche,
16.30 Uhr Hubschrauberflug zur Wallfahrtskapelle Etzelsbach im Eichsfeld,
17.45 Uhr Marianische Vesper in Etzelsbach, anschließend Rückflug nach Erfurt, Übernachtung im Priesterseminar
Sonnabend, 24. September
9.00 Uhr Eucharistiefeier auf dem Domplatz von Erfurt, anschließend Flug nach Lahr,
14.00 Uhr Besuch des Freiburger Münsters,
17.15 Uhr Begegnung mit der orthodoxen Kirche,
19.00 Uhr Gebetsvigil (Stundengebet) mit Jugendlichen in Freiburg,
Sonntag, 25. September
10.00 Uhr Eucharistiefeier,
13.00 Uhr Mittagessen mit den Mitgliedern der Deutschen Bischofskonferenz,
17.00 Uhr Rede im Konzerthaus von Freiburg,
19.15 Uhr Rückflug von Lahr nach Rom
Eine Erfolgsgeschichte
10. Juni 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Jubiläum: Vor 50 Jahren erstmals beim Kirchentag – der jüdisch-christliche Dialog.
Wie sollten Juden und Christen in Deutschland nach Auschwitz noch miteinander reden können? Die Kirchentagsbewegung hat entscheidend dazu beigetragen, die Sprachlosigkeit zu überwinden.
Man dürfe sich nicht täuschen: »Als 1945 die wenigen überlebenden deutschen Juden aus den Vernichtungslagern oder dem Untergrund zurück in ihre Heimatstädte kamen, waren sie alles andere als willkommen. Keiner freute sich, man war eher erschrocken, dass überhaupt noch welche lebten.«
Wenn der jüdische Publizist und Filmemacher Bernd Ginzel aus Köln von den Erfahrungen deutscher Juden nach dem Zweiten Weltkrieg erzählt, gehen die Sätze unter die Haut. »Worte wie Jesus oder Christen waren unter uns tabu. Es waren Synonyme für den millionenfachen Judenmord.«
An ein Gespräch miteinander sei nicht zu denken gewesen, so Ginzel.

»Herzensangelegenheit« – 50 Jahre Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen beim Evangelischen Kirchentag in Dresden: Moderator Thomas Roth, EKD-Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider und Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. © DEKT/Jens Schulze
Was für die jüdische Seite galt, galt ähnlich für die christliche: Zwar gab die sich neu bildende Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) im Oktober 1945 ihre als »Stuttgarter Schuldbekenntnis« bekannt gewordene Erklärung ab. »Doch darin bekannte sie nur allgemein: ›Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden.‹ Der systematische Völkermord an den Juden, der Holocaust, wurde mit keinem einzigen Wort erwähnt«, erinnert der emeritierte Theologieprofessor Martin Stöhr aus Bad Vilbel. Dass es heute eine stabile und belastbare Zusammenarbeit gibt, ist die Frucht einiger beherzter Pioniere wie Ginzel und Stöhr.
Es war der 10. Deutsche Evangelische Kirchentag 1961 in Berlin, auf dem erstmals nach dem Holocaust eine von Juden und Christen gemeinsam verantwortete »neue Begegnung von Juden und christlicher Gemeinde« angeboten wurde. Die Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen beim Kirchentag wurde zu einem wichtigen Auslöser der Aufarbeitung einer »2000-jährigen Geschichte des Missverstehens«, wie Kirchentagsgeneralsekretärin Ellen Ueberschär es in Dresden während einer Geburtstagsgala im Kulturpalast bezeichnet.
Endlich habe sich in der evangelischen Kirche die Erkenntnis Bahn gebrochen, »dass auch der Christ gemeint ist, wenn der Jude geschlagen wird«.
Allerdings galt es auf diesem Weg erhebliche innerkirchliche und innerjüdische Widerstände zu überwinden, wie die Dialogpioniere Ginzel und Stöhr berichten.
Nur langsam habe man sich etwa von der jahrhundertealten theologischen These verabschiedet, der alte Bund Gottes sei hinfällig geworden und die Kirche das »neue Israel«, so Stöhr.
Und nur langsam wuchs das Vertrauen der jüdischen Seite in das christliche Gegenüber.
»Heute sind die christlichen Gemeinden die ersten, die bei antisemitischen Ereignissen schreien, bilanziert Ginzel »mit Dankbarkeit«.
Die verlässliche Beziehung auf Augenhöhe, die »manchen Streit schon ausgehalten hat«, bestätigt auch Dieter Graumann, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, im Gespräch mit dem EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider.
Das gute Verhältnis ist im Blick auf den Kirchentag allerdings auch einer nicht unumstrittenen Entscheidung zu verdanken: Gruppen, die sich in irgendeiner Weise der christlichen Mission unter Juden widmen, sind von jeglicher Teilnahme am Christentreffen ausgeschlossen. Was allerdings auf Dauer keine Antwort auf die Tatsache einer wachsenden Zahl von sogenannten »messianischen Gemeinden« in Deutschland ist.
Diese vor allem von Spätaussiedlern jüdischer Abstammung getragene Bewegung entwickelt sich mittlerweile zu einer dritten Gruppe zwischen den christlichen Kirchen und den jüdischen Gemeinden.
Und auch die unterschiedliche Einschätzung von Ursachen und Wirkungen im Nahostkonflikt sorgt immer wieder für Zündstoff im gemeinsamen Gespräch. Aktuell etwa das sogenannte »Kairos-Palästina-Dokument« palästinensischer Christen.
Eher zurückhaltend ist Graumanns Reaktion auf die Anregung, aus dem christlich-jüdischen Dialog unter Einbeziehung der Muslime einen Trialog zu entwickeln: »Dialog, Trialog, meinetwegen auch Katalog – wenn es nützt?« Man suche schon länger das Gespräch mit den Muslimen. Der Zentralrat sei überdies die erste Organisation gewesen, die der pauschalen Herabwürdigung der Muslime durch Thilo Sarrazin offen widersprochen habe, erinnert Graumann.
Die Reaktion auf die Gesprächsangebote sei jedoch enttäuschend: »Wir beobachten unter muslimischen Jugendlichen einen immer stärkeren Antisemitismus«, gegen den die Verantwortlichen muslimischer Gemeinden »nur ungenügend« vorgingen. »Wir müssen reden, aber auch Verantwortung einfordern«, so Graumanns Fazit.
Harald Krille
ChurchNights oder Kirchennächte?
6. Juni 2011 von Gemeinsame Redaktion
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Pro und Kontra: Zur Verwendung von aus dem Englischen stammenden Fremdwörtern in der Kirche.
Anglizismen sind modern – auch in der Kirche. Diese Vermischung unserer Muttersprache mit Begriffen aus dem Englischen ist dem Verein Deutsche Sprache (VDS) ein Dorn im Auge und zur »Strafe« vergibt er den Negativpreis »Sprachpanscher des Jahres«. Nikolaus Schneider, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), ist einer der diesjährigen Kandidaten, stellvertretend für die evangelischen Christen. Sollte er auf die unrühmliche Auszeichnung pfeifen?
Pro: Reinhard Süpke, Pfarrer in Oldisleben und Stellvertreter des Superintendenten des Kirchenkreises Bad Frankenhausen-Sondershausen
Ich sage es auf Deutsch: Ich finde viele Anglizismen peinlich. Sie sind oft genug keine Wellness für unsere Sprache, sondern ein Loch Ness – ein Sprachungeheuer.
Aber wir müssen uns fragen, wer hat in Sachen Sprache in der Kirche das Sagen? Der Herr der Kirche, Jesus Christus. Der hat nach seiner Auferstehung den Auftrag gegeben: »Geht in alle Welt und macht alle Völker zu meinen Jüngern.«
Seine Freunde zogen zu den Heiden und nahmen dabei auch die Heidenarbeit auf sich, fremde Sprachen zu lernen, um die Einladung des Evangeliums zu überbringen. So kamen sie schließlich auch zu einer Gruppe Menschen, die sich zum »Volk der Dichter und Denker« mausern sollten.
Dass wir Deutschen uns so nennen, hat ohne Zweifel mit dem Evangelium zu tun, das unseren Vorfahren gepredigt wurde.
Ein Mönch namens Luther schaute dem »Volk aufs Maul« und übersetzte die Bibel in ein verständliches Deutsch.
Ist uns klar, was für ein Skandal das damals für manchen ernsten Kirchenmann war?
Aber wo wären wir heute? Wo sind wir heute?
Im »Volk der Dichter und Denker« denken viele nicht mehr daran, ein Gedicht zu lesen, geschweige denn, eins zu schreiben. Sie denken zuerst daran, wie sie ihr Leben meistern, wie sie mit wenig Mühe viel Spaß haben, wie sie mit Hartz IV leben können oder mit einem schweren Schicksal klarkommen.
Die Jünger Jesu stehen in unserem Land vor einem Problem: Es gibt nicht nur eine deutsche Sprache, sondern die Sprachen ganz verschiedener Milieus. »Geht in alle Welt«, heißt heute: Schaut euch in eurem Land um, die Menschen ein und desselben Volkes leben in verschiedenen Welten und haben ihre eigenen Sprachen.
Sollen sie erst Lutherdeutsch lernen? Oder sollten wir nicht ihre Sprachen lernen, auch wenn sie noch so gepanscht sind?
Das Achtungszeichen des Vereins Deutsche Sprache (VDS) finde ich beachtenswert. Es sollte nicht peinlich werden, wenn wir Menschen gewinnen wollen. Aber der Auftrag Jesu verdient mehr Beachtung als der Preis »Sprachpanscher des Jahres«.
Dem VDS geht es nur um die Sprache unseres Volkes. Und nur um einen Teil dieses Volkes.
Jesus ruft ein Volk Gottes aus allen Völkern zusammen. Die wichtigste Sprache, die darin in dieser Zeit und Welt gesprochen wird, ist die Sprache der Liebe Gottes, die in die Herzen geschrieben wird.
Darum sage ich: »Sprachpanscher des Jahres« – na und? Lasst uns bemüht sein, zuerst dem Auftrag Jesu gerecht zu werden. Solange die Sprache des Herzens stimmt.
Kontra:
Lutz Vogel, promovierter Germanist, war von 2001 bis 2008 Beigeordneter für Kultur und Erster Bürgermeister der Landeshauptstadt Dresden.
Ob Nikolaus Schneider die vom VDS erwogene Verleihung des Preises »Sprachpanscher des Jahres« persönlich verdient hätte, vermag ich nicht zu beurteilen, zu vermuten ist, dass er als Vorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) seinen Kopf für die um sich greifende Verwendung von Anglizismen in der Kirche herhalten muss.
Das Programm des Kirchentages in Dresden jedenfalls zeichnet sich wohltuend durch eine verständliche Sprache aus. Zwar schleichen sich auch hier »Godly Play mit Kindern«, eine »Impro Performance« oder ein »Speed-Talking« ein, angesichts der großen Anzahl der Veranstaltungen bleiben dies Ausnahmen. Anders in vielen Gemeinden, in denen »ChurchNigths«, »Public-Viewing-Angebote«, »Eventgottesdienste« oder »Worships« grassieren. Was zeitgemäß klingen soll, erweist sich als Anbiederung an den Zeitgeist, als vermeintliche Modernität.
Die Sprache bringt alles an den Tag, unfreiwillig und entlarvend.
Wenn der in die Jahre gekommene Jugenddiakon seine »Activities for Kids« oder das Treffen der Mädchengruppe »Girls only« ankündigt, wirkt dies nicht nur albern, sondern zuallererst unglaubwürdig.
Ich höre schon das Argument: »Auch Jesus würde heute …« Solch unhistorische Hohlformeln werden stets bemüht, wenn etwas als unangreifbar begründet werden soll.
Natürlich hat jede Zeit ihre Sprache. Luther hätte heute die Bibel anders übersetzt. Eine Kirche, die auf Luther gegründet ist und der Schönheit und schöpferischen Bildhaftigkeit seiner Sprache nicht mehr traut, einer solchen Kirche kann ich nicht trauen.
Wie bei der Deutschen Bahn der lächerliche Meeting Point über die Unpünktlichkeit der Züge nicht hinwegzutrösten vermag, so kann eine gedankenlose, von überflüssigen Anglizismen durchsetzte Sprache in der Kirche das sich so zu erkennen gebende Renommiergehabe nicht kaschieren.
Nicht minder ärgerlich und geistliche wie geistige Dürftigkeit offenbarend, sind die häufig zu hörenden Phrasen von Betroffenheit, Wut und Trauer oder der psychologisierende Jargon verschiedenster Selbstfindungsangebote. Dies ist freilich ein anderes Thema.
Gebraucht wird in unserer Kirche nicht stromlinienförmige Anpassung, sondern Glaubwürdigkeit. Diese aber erlangt man durch Aufrichtigkeit und Unangepasstheit.
Für die Kirche gilt, was mit Blick auf das Theater so formuliert wurde: »Wer dem Publikum hinterherläuft, sieht nur dessen Rückseite.«
»Sparen ja, aber ausgewogen«
1. Juli 2010 von Gemeinsame Redaktion
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Nikolaus Schneider, der amtierende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland und Präses der rheinischen Kirche, besuchte in der vergangenen Woche die Evangelische Verlagsanstalt in Leipzig und die Redaktion der Kirchenzeitung »DER SONNTAG«. Foto: Armin Kühne
Alle reden vom Sparen – im Staat wie in der Kirche. Christine Reuther sprach darüber mit dem Ratsvor-
sitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider.
Herr Ratsvorsitzender, wie sehen Sie das Sparpaket der Bundesregierung?
Schneider: Mit diesem Sparpaket hat die Bundesregierung einen Schwerpunkt gesetzt bei Bildung und Entwicklung. Das begrüße ich außerordentlich. Aber es gibt Kürzungen im Sozialbereich, die ich für unausge-
wogen halte. Für die Kürzung beim Elterngeld mag es zwar eine richtige systematische Begründung geben, aber die hilft nicht, denn die Menschen haben dann einfach zu wenig Geld. Es gibt ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts, dass die derzeitigen Sätze für Hartz IV vermutlich nicht ausreichend sind, auf jeden Fall nicht für die Kinder und Jugendlichen. Das Elterngeld für Hartz-IV-Empfängerinnen zu streichen, ohne diese Schieflage korrigiert zu haben, ist nicht in Ordnung. Wenn sie die wachsende Zahl der Tafeln in unserem Land sehen, dann ist das ja ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Grundsicherung den Grund eben nicht mehr sichert. Also: Diese Kürzungen sind sozial unausgewogen und müssen kritisiert werden.
Was würden Sie anders machen?
Schneider: Ich würde die Ausgaben- und die Einnahmenseite betrachten. Es ist eine ideologische Engführung zu sagen, Steuern dürfen auf gar keinen Fall erhöht werden. Zumal in einer Situation, wo das obere Segment unserer Gesellschaft durch einige Sprecher sagt: Wir sind bereit, unseren Teil zu tragen. Aus diesem Grunde sollte man auch die Einnahmeseite analysieren und starken Schultern auch eine größere Last auflegen.
Sehen Sie den inneren Frieden bedroht, wenn die angekündigten Kürzungen immer wieder Menschen zu Protesten auf die Straße treiben?
Schneider: Eine Gefahr ist zumindest da. Diese Tendenz, dass sich unsere Gesellschaft immer weiter auseinanderentwickelt, haben wir seit 20 Jahren. Es ist ein schleichender Prozess: Eine Weile geht es gut, und dann könnte ein Punkt kommen, wo sich die Empörung Bahn bricht. Dann ist das auslösende Moment häufig gar nicht mehr wichtig. Aber aufgrund dessen, was sich aufgestaut hat, haben die Leute die Nase voll und sagen: Jetzt ist Schluss. Möglich, dass wir uns einem solchen Punkt nähern.
Sie beobachten diese Entwicklung seit 20 Jahren, sagen Sie. Sehen Sie einen Zusammenhang mit der deutschen Einheit?
Schneider: Diese Entwicklung hat viele Ursachen, besonders die Globalisierung. Aber dass mit dem Zusammenbruch der Ostblockregime den westlichen Demokratien die Systemkonkurrenz weggefallen ist, hat auch dazu geführt, dass soziale Standards abgebaut wurden. Ich beobachte einen schleichenden Transformationsprozess von einer sozialen Marktwirtschaft hin zu einer radikalen Marktwirtschaft.
Was kommt auf die Kirchen zu, wenn auch dort die Einnahmen weniger werden?
Schneider: Harte Zeiten. Die Kirchen haben ja nicht die Möglichkeit, sich wie der Staat über beide Ohren zu verschulden – und das ist auch gut so. Wir werden also sortieren müssen, was künftig von Kirchensteuern zu finanzieren ist. Und dann wird es Bereiche geben, wo wir verstärkt Mittel einwerben müssen. Das werden schmerzhafte Prozesse sein.
Hat das Auswirkungen auf den angestoßenen Reformprozess?
Schneider: Bei dem Reformprozess gibt es ein paar Elemente, die für eine solche Debatte von großer Bedeutung sein können. Es ist für die Kirche völlig unverzichtbar, in die Gesellschaft hineinzuwirken. Doch dann müssen wir auch die Instrumente dafür haben. Zum Beispiel so eine Kirchenzeitung wie die Ihre, die sowohl nach innen Verständnis für die Lage der Kirche vermittelt aber auch wichtige gesellschaftliche Themen transportiert – in die Kirche hinein und aus der Kirche heraus. Wir müssen nur aufpassen, dass wir durchs Sparen unseren Auftrag nicht beschädigen: Nämlich das Evangelium von der freien Gnade Gottes unters Volk zu bringen.
Und wie kann die Kirche der Zukunft mit weniger Geld auskommen?
Schneider: Die Stärke unserer Volkskirche ist, dass wir alle zusammengehören. Aber die Schwäche ist häufig, dass die Menschen zu wenig das Bewusstsein entwickelt haben, dass das ihre Sache ist. Unsere Leute müssen sagen: Kirche ist meine Sache, und wenn ich mich nicht engagiere, dann gibt es viele kirchliche Aktivitäten nicht mehr.
