18. Juni 2011 von Gemeinsame Redaktion
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Die nigerianische Spielerin Onome Ebi im November vergangenen Jahres im Zweikampf mit Birgit Prinz von der Deutschen Nationalmannschaft. In dem Länderspiel verloren die Nigerianerinnen allerdings mit 0:8. (Foto: imago sportfotodienst)
Christinnen und Muslimas spielen gemeinsam in der nigerianischen Frauenfußball-Nationalmannschaft. Und zumindest in Afrika kommt an den Super Falcons niemand vorbei.
Auf dem Trainingsgelände neben dem modernen Bau, der wie ein Fremdkörper aus der Silhouette der mit rotem Sand bedeckten Ebene heraussticht, machen sich die Frauen warm. Es ist später Nachmittag und nicht mehr so heiß. Ein paar Bäume spenden Schatten und dienen gleichzeitig als Kleiderhaken für Trainingsjacken und Rucksäcke.
Achtmal gewann die Nationalmannschaft Nigerias den Africa-Cup. Jetzt bereiten sich die Sportlerinnen auf die Weltmeisterschaft in Deutschland vor.
Das Training beginnt auch dieses Mal mit einem muslimischen und christlichen Gebet. Die Spielerinnen stellen sich im Kreis auf und halten sich an den Händen. Die Situation ist ruhig, fast andächtig.
Dann ertönt der Pfiff von Coach Eucharia Uche.
Heute steht Fitness auf dem Programm. Doch immer wieder klingelt das Handy der Trainerin, die als Pionierin im nigerianischen Frauenfußball gilt. »Moment, es geht gleich weiter«, ruft sie dann und kümmert sie sich um Flüge, Visa und Hotelunterkünfte für ihre Mannschaft. »Man muss viel improvisieren in Nigeria«, erklärt sie schmunzelnd.
Jedes Kind in Nigeria kennt die Super Falcons. Die Mannschaft mit den Stürmer-Stars Perpetua Nkwocha und Stella Mbachu ist der ganze Stolz der Fußballnation Nigeria.
Bei der WM 2011 wird Nigeria neben Äquatorialguinea Afrika vertreten. »Wir verstehen uns als Botschafterinnen unseres Kontinents«, sagt Trainerin Uche stolz.
»Die Mannschaft hat unheimlich Potenzial«, sagt auch Thomas Obliers, der als sportlicher Leiter das Team für die WM fit machen soll. Auch die Schmach der 8:0-Niederlage im Freundschaftsspiel gegen Deutschland im vergangenen Jahr soll so wieder wettgemacht werden.
Obliers, der bis vor Kurzem noch die Bundesliga-Frauen von Bad Neuenahr trainierte, hat den Spielerinnen deshalb ein hartes Fitnesstraining verordnet. »Das Spiel muss schneller werden«, mahnt der 43-Jährige. Was besser klappt als in Deutschland sind die Hilfsbereitschaft und Solidarität unter den Spielerinnen, hat Obliers festgestellt.
Nigeria ist ein gespaltenes Land – religiös, gesellschaftlich und wirtschaftlich. Die meisten Spielerinnen der Nationalelf kommen aus dem christlichen Süden. Fast alle Stars starteten ihre Karriere in so bekannten Clubs wie Rivers Angels und Delta Queens in den ölreichen südlichen Bundesstaaten. Mehrere National-Spielerinnen sind heute Profis in schwedischen Clubs.
Muslimische Mädchen müssten härter darum kämpfen, Fußball spielen zu dürfen, meint auch Coach Uche. Oftmals müsse der Trainer das Gespräch mit der Familie suchen und das Familienoberhaupt überzeugen. Auch in der Nationalmannschaft sind sie deutlich in der Unterzahl. »Aber die Zahl der weiblichen Fußballspieler wächst überall in Afrika.«
»Nigeria ist noch eine männerdominierte Gesellschaft«, räumt auch der ehemalige Fußball-Profi Stanley Akpu ein. »Aber der Fußball eint unser Land.« Im Gegensatz zur Politik spiele Religion auf dem Fußballfeld keine Rolle, meint Akpu, der gerade eine Organisation aufbaut, die Nachwuchskicker fördern soll.
Viele Nigerianer sehen im Fußball nicht nur ein soziales, sondern auch ein politisches Ventil. »Der Fußball macht uns vor, dass es möglich ist, für ein gleiches Ziel zu kämpfen, egal welcher Religion oder welchem Stamm man angehört«, sagt Akpu.
Wenn die Falcons auf dem Flughafen ankommen oder ein Hotel beziehen, werden die Frauen und ihre resolute Trainerin von Fans umlagert. Doch auch wenn die sportliche Bilanz der Super Falcons die des Männer-Nationalteams übertrifft, bei Sponsoring und Medienpräsenz haben sie das Nachsehen.
So wurde kürzlich bekannt, dass die Gehaltszahlungen des nigerianischen Fußballverbandes an Uche seit knapp zwei Jahren ausstehen. »Eine unschöne Situation«, gab ein Funktionär zerknirscht zu und versprach eine Nachzahlung.
Bei der WM in Deutschland warten auf die Super Falcons in der Gruppe A schwere Gegner wie Deutschland (30. Juni), Kanada und Frankreich. Aber den Sprung ins Viertelfinale wollen die Nigerianerinnen unbedingt schaffen.
Susann Kreutzmann (epd)
Die Frauen-Fußball-WM in Deutschland
Die Spiele der Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen beginnen am 26. Juni in Sinsheim (Nigeria – Frankreich) und Berlin (Deutschland – Kanada).
Einziger Austragungsort im mitteldeutschen Raum ist Dresden. Dort treffen am 28. Juni die Frauen der USA auf ihre Gegnerinnen aus Nordkorea, am 1. Juli spielen die Mannschaften von Neuseeland und England gegeneinander, am 5. Juni steht die Begegnung Kanada – Nigeria auf dem Spielplan. Danach wird Dresden noch einmal am 10. Juli Austragungsort eines Spiels im Viertelfinale sein.
Das Finale läuft am 17. Juli in Frankfurt am Main.
Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) bietet wieder für Gemeinden die Möglichkeit des kostenlosen »Public Viewing« der von ARD und ZDF übertragenen Spiele an.
Zudem gibt es ein Materialheft unter dem Titel »Gemeinsam fiebern, freuen, feiern« mit Anregungen für die Gestaltung von Gemeindeabenden, Gottesdiensten oder den Konfirmandenunterricht. Es kann kostenlos angefordert werden beim Kirchenamt der EKD, Herrenhäuser Straße 12, 30419 Hannover, Fax 0511/2796-722.
»Glaubt an euch – zweifelt nicht«
10. Juni 2010 von Gemeinsame Redaktion
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Idol mit der Nummer 10: Jay Jay Okocha im Zweikampf mit dem Kameruner Nationalspieler Njitap Geremi (l.) bei der 22. Afrika-Meisterschaft im Jahr 2000
Nigerias berühmtester Nationalspieler betreibt in der Hauptstadt seines Heimatlandes eine Bar – und kümmert sich zumindest medial um die Nationalmannschaft.
Bescheidenheit gehört nicht zu den Eigenschaften, die man Nigerianern nachsagt. Dave Arohson, der an der Bar von »No. 10« in Lagos arbeitet, ist keine Ausnahme. »No. 10 ist ein einzigartiger Platz, vor allem, wenn man Klasse schätzt und globalen Standard.« Arohson kann stundenlang von dem Lokal schwärmen, seinen Kellnern und den angeblich schusssicheren Fenstern. Doch der wahre Grund, warum im »No. 10« so viele Menschen andächtig Cocktails schlürfen, ist ein ganz anderer: der Besitzer, die Fußball-Legende Jay Jay Okocha.
Er ist der berühmteste Nationalspieler, den Nigeria je hatte. Der 1973 geborene Okocha, dessen eigentliche Vorname Augustine Azuka lauten, führte die »Super-Adler« zu ihren größten Erfolgen: 1994 gewann sein Team den Afrika-Cup, 1996 bei den Olympischen Spielen in Atlanta Gold. Dreimal, 1994, 1998 und 2002 nahm Okocha, der seine Karriere mit 17 beim saarländischen Drittligisten Neunkirchen begann, an einer WM-Endrunde teil. Seine Trikot-Nummer war immer die gleiche: 10. Nach ihr hat Jay Jay Okocha sein Restaurant benannt.
Auf der Karte stehen Shrimps, Foie Gras und Champagner. Auch Okocha übt sich nicht in Bescheidenheit. Ihm nimmt das keiner übel. Im Februar etwa, Nigeria hatte den blamablen Auftritt des Nationalteams beim Afrika-Cup in Angola noch nicht überwunden, forderte Okocha: »Wir brauchen einen ausländischen Coach, einen Trainer von der Qualität, wie ihn die Spieler aus ihren Clubs kennen.« Zunehmend unter Druck, trennte sich die Verbandsspitze vom bisherigen Trainer Shaibu Amodu und brachte kurz darauf praktisch alle Trainerberühmtheiten als Nachfolger ins Spiel.
Ein Schwede machte das Rennen: Lars Lagerbäck. Der hatte zwar bisher wenig Chancen mit seinen Spielern – fast alle in Europa unter Vertrag – zu trainieren, wurde aber von Nigerias neuem Präsidenten Goodluck Jonathan mit den Worten nach Südafrika geschickt: »Bringen Sie die goldene Trophäe mit nach Hause.«
Selbst Nigerianer halten das für unbescheiden. »Wir können froh sein, wenn wir es eine Runde weiter schaffen«, glaubt ein Taxifahrer in Abuja, der sich als Jameson vorstellt. Andere sind optimistischer. »Quatsch, wir werden natürlich Weltmeister, so wie einst fast mit Jay Jay«, prahlt sein Kollege Richard.
Zumindest hat Nigerias Elf in Südafrika inzwischen ein Dach über dem Kopf: Das war zwischenzeitlich alles andere als sicher. Vom »Hampshire-Gate« sprechen die Nigerianer, benannt nach dem Hampshire-Motel, das gleich an einer Autobahn am Stadtrand von Durban liegt und Zimmer hat, die dreckig und vorwiegend von Moskitos und Flöhen bewohnt sein sollen. Hier quartierte Nigerias Fußballverband die Nationalelf ein. Trainieren sollten die Spieler auf einer Tartanbahn der nahen Grundschule.
Als eine nigerianische Tageszeitung Bilder des Skandalmotels veröffentlichte, flog der Sportminister persönlich nach Durban und stornierte die Buchung – trotz gut 100000 Euro Vertragsstrafe. Hintergrund der Hotelwahl war vermutlich die Praxis der FIFA, 400 US-Dollar pro Nacht und Spieler an den nationalen Fußballverband zu überweisen. Weil das heruntergekommene »Hotel Hampshire« nicht einmal halb so viel kostete, konnten Verbandsmanager offenbar ein hübsches Sümmchen abzweigen. Bewiesen ist dies indes nicht.
Auch Jay Jay Okocha ist inzwischen in Südafrika eingetroffen. Mit dem Team sprechen darf er aber nicht, bedauert Okocha. »Ich hätte gerne unser Team beraten, aber der Nationale Fußballverband glaubt, dass ich dafür nicht qualifiziert genug bin«, erklärte Okocha vor seiner Abreise lakonisch. Als Rat gab er seinem Team über die Medien dennoch mit: »Glaubt an euch und zweifelt nicht.«
Von Marc Engelhardt (epd)
Weder Dschihad noch Kreuzzug
19. März 2010 von Gemeinsame Redaktion
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Nigeria: Der Grund für die Massaker ist eine fatale Mischung aus Armut und Politikversagen
Was steckt hinter den Unruhen rund um die zentralnigerianische Stadt Jos, denen am Wochenende 6. und 7. März erneut Hunderte Menschen zum Opfer fielen?

Zu den rund 500 Toten der jüngsten Unruhen in Nigeria gehören viele Frauen und Kinder – »alle die, die nicht schnell genug weglaufen konnten«, wie ein Augenzeuge berichtete. Foto: picture alliance/dpa
Für die Überlebenden in Dogo Nahawa, einem Dorf nicht weit von der nigerianischen Stadt Jos entfernt, steht fest, wer hinter dem Massaker in der Nacht zum Sonntag steckt. »Ich habe die Täter flüstern hören, während ich mich mit meinem Baby im Haus versteckt habe«, sagt Peter, einer der Überlebenden. »Sie haben Haussa gesprochen und Arabisch und gesagt: Da drin sind noch Ungläubige, zündet das Haus an.« Während andere einem regelrechten Blutbad zum Opfer fielen, konnte Peter fliehen. »Es waren die Haussa-Fulani, sie wollten Rache üben für einen Überfall auf ihr eigenes Dorf.«
Moslem gegen Christen und genauso umgekehrt
Rund 500 Menschen in drei Dörfern kamen bei den zeitgleich ausgeführten Überfällen ums Leben, sagen Beobachter. »Die meisten sind Christen«, so Polizeisprecher Mohammed Lerama. »49 Verdächtige werden angeklagt, fast alle sind Fulani.« Seine Aussagen scheinen Informationsminister Gregory Yenlong zu bestätigen, der konstatierte: »Es handelt sich um eine ethnische Säuberungsaktion gegen die Berom.«
Berom gegen Haussa-Fulani, Muslime gegen Christen: Wer in Jos, der Hauptstadt des nigerianischen Bundesstaates Plateau, nach Tätern und Opfern fragt, hört immer wieder die gleichen Vorwürfe. Hier, an der Nahtstelle zwischen dem mehrheitlich christlichen Süden und dem überwiegend muslimischen Norden Nigerias, hat Religion eine ganz besondere Bedeutung. Radikale Dschihadisten predigen hier ebenso wie kreuzzüglerische Missionare. Zu denen zählt Tassie Ghata von »Gnade und Licht International« sich zwar nicht. Trotzdem macht sie eine muslimische Verschwörung für die Kämpfe verantwortlich, die Mitte Januar begonnen haben.
»Was hier passiert, das ist ein Heiliger Krieg gegen uns Christen und die einheimischen Stämme, ein Dschihad«, so Ghata. Zwar rate sie Christen von Angriffen auf Muslime ab. »Aber ich rate niemanden davon ab, sich zur Wehr zu setzen.« Genau solche Äußerungen macht Umar Farouk von der muslimischen Bürgerbewegung »Jamaat Nazrel Islam« für den Ausbruch der Gewalt verantwortlich. »Ende Dezember haben Prediger in einer Pfingstkirche im Gottesdienst behauptet, die Muslime würden bereits Waffen sammeln.«
Farouk dementierte, doch das Gerücht war in der Welt. Nicht zufällig, sagt er. Und ist selbst nicht weniger radikal als die Christin, die er kritisiert: »Was wir hier von den Christen gesehen haben, ist der Versuch ethnischer Säuberungen, die wollen uns vertreiben.« Da sei es kein Wunder, gibt Farouk zu, dass muslimische Jugendliche sich organisieren und zurückschlagen würden.
Moderate Stimmen sind selten in Jos. Eine gehört Ogoh Alubo, einem Soziologieprofessor an der Universität. Er hält die ethnische Komponente des Konflikts für bedeutend, weil rückständige Gesetze »Einheimischen« Vorrechte gegenüber Zugezogenen oder »Siedlern« garantieren. »Ich lebe seit 1983 in Jos und meine Kinder sind alle hier geboren«, beschreibt Alubo die Lage am eigenen Beispiel. »Aber ich und selbst meine Kinder gelten als Siedler: deshalb haben sie keine Stipendien bekommen, sie können nicht in der Verwaltung arbeiten und bekommen kein politisches Amt.«
Das Problem sei, dass nirgends definiert sei, wer einheimisch sei und wer nicht. »Die Brom nennen die traditionell aus dem Norden kommenden Haussa-Fulani Siedler, aber die Haussa-Fulani sagen: Wir waren hier, seit Jos vor 100 Jahren gegründet wurde, wir sind Einheimische.«
Es geht um Stämme, Religion, Armut und Macht
Das allein, gibt der Professor zu bedenken, sei nicht der einzige Grund. »Es geht hier nicht um Dschihad noch um Kreuzzug, es geht um Armut und Macht.« In den vergangenen Jahren sei der größte Arbeitgeber der Stadt in die Pleite gerutscht, es gebe immer weniger Jobs. Ackerland werde immer knapper. »Die immer ärmere Bevölkerung entzweit sich, angefacht von Politikern, die damit bei ihrer Wählerschaft punkten wollen.«
Darin, dass das Versagen von Politik und Staat für das inzwischen zehnjährige Schwelen des Konflikts verantwortlich ist, sind sich Muslime und Christen, Fulani und Berom einig. »Unsere Politiker sind Lügner, sie heizen die Unruhen an, damit sie die wahren Probleme nicht angehen müssen«, wettert der Muslim Farouk. Und die christliche Missionarin Ghata stimmt zu: »Den Politikern geht es nur um Macht, Geld, Land, wir müssen unsere Zukunft selbst in die Hand nehmen.« (epd)
Marc Engelhardt
Blutvergießen in Nigeria
4. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion
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Die Straßen von Jos nach den Unruhen: An zerstörten Geschäften und ausgebrannten Autos vorbei trägt ein Mann einen Sack Hirse nach Hause. Foto: picture alliance/dpa/George Esiri
Nigeria: Im Grenzgebiet zwischen dem muslimischen Norden und dem christlichen Süden eskalieren Spannungen
Mehr als 200 Menschenleben kosteten die jüngsten Auseinandersetzungen zwischen Christen und Muslimen in der nigerianischen Stadt Jos.
Als vor zwei Wochen die Ausgangssperre zum ersten Mal seit Tagen aufgehoben wurde, blieben die Straßen in Jos in Zentralnigeria dennoch leer. »Wir haben nichts mehr zu essen im Haus, irgendwann müssen wir rausgehen«, sagt ein Bewohner der Stadt, die zuvor von Unruhen erschüttert wurde. »Aber ich habe Angst, dass wieder geschossen wird.« Seinen Namen will der Christ lieber nicht genannt wissen.
Spätestens seit 2001, als bei Unruhen zwischen Christen und Muslimen mehr als 1000 Menschen starben, ist Jos für Konflikte zwischen Religionsgemeinschaften berüchtigt. Kreuzzughaft anmutende christliche Missionsbewegungen sind in Jos ebenso zu Hause wie islamistische Kampfgruppen. Ihre Zielgruppen sind die Masse an Jugendlichen aus armen Familien unter den rund 860000 Einwohnern der Stadt, denen der Staat keine Perspektive bietet.
Was genau die jüngsten Unruhen ausgelöst hat, ist ungewiss. Womöglich stimmt die Geschichte, die Alhadschi Kabir Mohammed, ein muslimischer Bewohner von Jos, in der Presse erzählt. »Ich habe mein Haus wiederaufgebaut, das in den letzten Unruhen vor gut einem Jahr zerstört wurde«, so Mohammed. »Auf einmal kamen christliche Jugendliche auf Motorrädern und befahlen mir, zu verschwinden.« Von da an, sagte Mohammed, habe die Lage sich hochgeschaukelt. Irgendwann brannten Kirchen, Moscheen und Häuser, und Tote lagen auf den Straßen.
Andere sprechen von vorbereiteten Angriffen auf Christen nach der Sonntagsmesse. »Das war geplant, unsere Jugendlichen haben sich nur verteidigt«, erklärt Pfarrer Pandang Yamsat, der der »Kirche Christi« vorsteht, mit drei Millionen Mitgliedern eine der größten Glaubensgemeinschaften in der Region. Er sieht in den neuerlichen Unruhen eine Taktik, mit der Muslime Christen aus Jos vertreiben wollten. »Die Muslime wollen das Land alleine regieren, aber das geht nicht, es gehört Christen und Muslimen gleichermaßen.«
Nicht alle Christen teilen die Einschätzung von wütenden Kirchenführern wie Yamsat. »Die Auseinandersetzungen haben sehr wenig mit Religion zu tun«, sagt etwa Ignatius Kaigama, der katholische Erzbischof von Jos. Er setzt sich seit Langem für den Dialog zwischen Christen und Muslimen ein. »Religion wird instrumentalisiert, um ethnische und politische Interessen leichter durchzusetzen.« Kaigama warnt zudem vor der Macht von Gerüchten. Denen zufolge sollte auch seine Gemeinde angegriffen und die Kathedrale angezündet worden sein: »Das stimmt alles nicht, wer so etwas verbreitet, der lügt.«
Die wirklichen Ursachen des Konflikts sind sozialer Natur, meint auch der Muslim Shamaki Grad von der Menschenrechtsliga in Jos: »Nach den letzten Unruhen Ende 2008 sind die versprochenen Entschädigungszahlungen vom Staat nie geflossen. Die Leute sind arm und hoffnungslos, sie gehen aus Frust erneut auf die Straße.« Hinzu kommt: »Frühere Ausschreitungen sind nie aufgeklärt worden, niemand wurde verhaftet«, sagt Grad. »Deshalb gibt es hier ein Gefühl der Straflosigkeit.«
Nigerias Vizepräsident Goodluck Jonathan hat außer dem Militär auch den Chef des Geheimdiensts nach Jos entsandt. Er will präzise Informationen. Die Angst ist groß, dass sich die Gewalt wie ein Flächenbrand ausbreitet. In den umliegenden Bundesstaaten haben die Behörden die Polizei in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Offenbar zurecht: Nur wenige Stunden, nach dem im Zentrum von Jos Ruhe eingekehrt war, meldeten Bewohner neue Ausschreitungen in den Außenbezirken. Und in Pankshin, einer gut 100 Kilometer entfernten Stadt, wurde von brennenden Regierungsgebäuden berichtet. (epd)
Von Marc Engelhardt
