Ausflug in die Belle Époque

18. Februar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung in Jena widmet sich der Schönheit

Was ist schön? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Ausstellung »Frauenschönheit. Ideal und Wirklichkeit in der Belle Époque« im Stadtmuseum Jena. Als Belle Époque werden die 30 Jahre etwa zwischen 1884 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 bezeichnet. Eine Zeit des Umbruchs, der Erneuerung, der Suche nach dem Schönen. Schön ist, wer gesund, natürlich und schlank ist, so die Antwort in dieser Epoche auf die Frage nach Schönheit. Wie die Präsentation veranschaulicht, hat das aktuelle Schönheitsideal seine Grundlage in der Belle Époque. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert erwacht das Interesse am menschlichen Körper, an seiner ästhetischen Vervollkommnung und Pflege. Lebensreformer, Künstler und Mediziner entdeckten den Körper in einem ganzheitlichen Sinn und sagten der körperfeindlichen Haltung, wie sie im Wilhelminischen Zeitalter bestimmend war, den Kampf an. Dieser galt beispielsweise einem Kleidungsstück, dem Korsett, in das sich Frauen zwängten, um dem damaligen Schönheitsideal zu entsprechen.

Hammelkeulenkleid auf einem Modeblatt, 1896. Foto: Stadtmuseum Jena

Hammelkeulenkleid auf einem Modeblatt, 1896. Foto: Stadtmuseum Jena

Die Lebensreformer und Künstler der Belle Époque orientierten sich an den griechischen Skulpturen der Antike, die sie als Vorbilder für Schönheit betrachteten.

Während bis Anfang des 20. Jahrhunderts Frauen hochgeschlossene Kleider trugen, unbedeckte Körperteile tabu waren, so änderte sich dies in der Belle Époque. Der natürliche nackte Körper sollte als schön betrachtet und enthüllt werden. Es etablierten sich Kulturveranstaltungen, in denen nackte Frauen als »lebender Marmor« auftraten. Sie trugen ein weißes Ganzkörper-Make-up und arrangierten sich in der Stellung antiker Statuen. Zu den Möglichkeiten der Abbildungen wie Malerei und Bildhauerei gesellte sich die Fotografie. Mit der Einführung der Postkarte wurden 1870 die Voraussetzungen geschaffen, Akte auf Fotografien auch einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.

Mit dem neuen Bewusstsein für den Körper entstand gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine Bewegung, für die rationelle Schönheitspflege sowie Leibesertüchtigung eine große Rolle spielten. Wie die Schau zeigt, eroberte eine umfangreiche Ratgeberliteratur über Körperpflege, Ernährung und Hygiene den Markt. Propagiert wurde eine Lebensweise, die viel Bewegung an der frischen Luft beinhaltete. Um gesund, schön und schlank zu sein, wurden den Frauen Sportarten wie Bergsteigen, Schwimmen und Tennis empfohlen.

In diesem Zusammenhang weist die Ausstellung auch auf rassistische Gesichtspunkte im Nationalsozialismus.

Zwei Räume laden zu einer amüsanten Modenschau ein. Zur Frauenmode der Belle Époque gehörte die Turnüre, ein halbkreisförmiges Gestell über dem Gesäß. Eine solche ist in der Ausstellung zu betrachten ebenso wie Blusen mit Ballonärmeln und Hammelkeulen.

Anlass für die Ausstellung in Jena ist eine große Sammlung an Kleidern und Textilien aus der Jahrhundertwende. Um diese zeigen zu können, begab sich das Stadtmuseum auf die Suche nach dem weiblichen Schönheitsideal dieser Zeit. Eingeladen wird zu einem aufschlussreichen und vergnüglichen Ausflug in die Belle Époque, die von einem Wandel der Werte und Normen gekennzeichnet war.

Sabine Kuschel

Einst ertragen, jetzt geliebt

26. Oktober 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Ein Schatz der Moderne: Karl Völkers Schmirmaer Kirchenbilder in der Moritzburg

Dieser Wucht kann sich wohl keiner entziehen, der den Sonderausstellungssaal der Hallenser Moritzburg betritt: In expressiver Farbigkeit mit Rot- und Ocker- vor Blau- und Grüntönen leuchtet links die Kreuzigungsszene und rechts die Himmelfahrt Jesu auf. Optisch verbunden sind die monumentalen Werke durch eine geradezu transzendent wirkende blaue Fläche. Entstanden, lange bevor Yves Klein mit seinen monochromatischen »I.K.B.«-Bildern die Kunstszene begeisterte.

Manche wollen im Auferstandenen das Abbild Lenins erkennen. Doch: Zwar habe Karl Völker, so Ausstellungskurator Wolfgang Büche, immer auf der Seite der Entrechteten gestanden, aber nie aus einer Ideologie heraus. Fotos: Stiftung Moritzburg/Reinhard Hentze

Manche wollen im Auferstandenen das Abbild Lenins erkennen. Doch: Zwar habe Karl Völker, so Ausstellungskurator Wolfgang Büche, immer auf der Seite der Entrechteten gestanden, aber nie aus einer Ideologie heraus. Fotos: Stiftung Moritzburg/Reinhard Hentze

Der Schöpfer dieser und weiterer an den Seitenwänden zu sehender Werke mit Darstellungen aus dem Leben Jesu, ist der Hallenser Künstler Karl Völker. 1889 geboren und 1962 ­gestorben, vom Expressionismus und der neuen Sachlichkeit geprägt, musste er alle Verwerfungen der jüngeren deutschen Kunstgeschichte hautnah erleiden. Im Nationalsozialismus als »entartet« diffamiert, in DDR-Zeiten von der unseligen »Formalismusdebatte« betroffen, später mit dem Etikett der »proletarisch-revolutionären Kunst« versehen, wehrte er sich zeitlebens gegen Vereinnahmungen.

Die jetzt in Halle gezeigten Werke entstanden 1921 bis -22 als Deckengemälde für die kleine Dorfkirche von Schmirma bei Mücheln im Geiseltal. Es ist schon ein kleines Wunder für sich, wenn ein Künstler in jüngerer Zeit mit einen Bilderreigen einen ganzen sakralen Raum ausgestalten konnte. Dass dieser, wahrscheinlich sogar deutschlandweit einzigartige Bildereigen der Moderne aber bis heute erhalten geblieben ist, darf als wirklicher Glücksfall bezeichnet werden. Nicht zuletzt auf Grund aktueller Diskussionen um zeitgenössische Kunst in Kirchen (Stichwort Baselitz) kann man erahnen, welcher Schock diese Darstellung des Heiligen für die Schmirmaer Gemeindemitglieder Anfang des vergangenen Jahrhunderts wohl war.

Klaus Völker, Enkel des Künstlers und Initiator einer Initiative zur Erhaltung des Gesamtkunstwerkes, dankte deshalb bei der Eröffnung auch den anwesenden Mitgliedern der Kirchengemeinde, dass sie die Bilder »anfangs geduldet, ertragen und dann sogar geliebt haben«. Dass diese jetzt in der Moritzburg in einmaliger Weise erstmals seit ihrer Entstehung auf Augenhöhe betrachtet werden können, ist der notwendig gewordenen Restaurierung geschuldet. »So Gott will« soll der Schatz ab 2014 ­wieder in das ebenfalls »restaurierte Schatzkästlein«, zurückkehren, wie der zuständige Pfarrer Hans-Jakob Schröter es ausdrückte.

Harald Krille

Die Sonderausstellung »Karl Völker. Heilige Geschichten« ist bis 5. Januar im Kunstmuseum der Moritzburg in Halle zu sehen. Öffnungszeiten: dienstags von 10 bis 19 Uhr, mittwochs bis sonntags sowie an Feiertagen von 10 bis 18 Uhr.

www.kunstmuseum-moritzburg.de

Weiße Flecken auf der Landkarte?

6. Mai 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Zeitgeschichte: Ausstellung im Internet beleuchtet den christlichen Widerstand im Nationalsozialismus

Im vergangenen Jahr wurde eine einzigartige Online-Ausstellung zum Widerstand von Christen im Nationalsozialismus gestartet. Jetzt werden dazu Informationen und Zeugnisse aus der mitteldeutschen Kirche gesucht.

Es hat sich tief in unser Bewusstsein eingegraben: Zu den Verbrechen des Nationalsozialismus, der Verfolgung und Tötung von Juden, zu der Auslösung des Zweiten Weltkrieges gehört als Spiegelbild die erschreckende Wahrheit, dass Hitler Begeisterung auslöste und »freiwillige Helfer« fand – und dass Millionen Deutsche selbst antisemitisch eingestellt waren. Das beschämt uns Nachgeborene. Umso mehr fragen wir, ob es nicht auch Widerstand gab? Haben sich Christinnen und Christen nicht widersetzt? Waren das nur sehr wenige?

Erstellt hat die Online-Ausstellung die Forschungsstelle für Kirchliche Zeitgeschichte an der Ludwig-Maximilians- Universität München. Foto: screenshot: www.evangelischer-widerstand.de

Erstellt hat die Online-Ausstellung die Forschungsstelle für Kirchliche Zeitgeschichte an der Ludwig-Maximilians- Universität München. Foto: screenshot: www.evangelischer-widerstand.de

Es ist an der Zeit, dass diesen Fragen erneut nachgegangenen wird. »Widerstand!? Evangelische Christinnen und Christen im Nationalsozialismus« ist der Titel einer Ausstellung im Internet, die von einer Arbeitsgruppe von Wissenschaftlern im Auftrag der Evangelischen Kirche in Deutschland erarbeitet wurde. Das ist ein ungewohntes, neuartiges Angebot. Unter der Internet-Adresse www.evangelischer-widerstand.de öffnet sich auf dem Computer eine Fülle von Material – Fotos, Dokumente, Informationen und Kommentare. Biografien von Frauen und Männern, die in höchst unterschiedlicher Weise dem NS-Regime Widerstand geleistet haben, werden gezeigt.

So zum Beispiel Werner Sylten, Pfarrer in Bad ­Köstritz, Eisenach, der später als Mitarbeiter im Berliner »Büro Grüber« ­Juden geholfen hat – und schließlich im KZ Dachau ermordet wurde. Oder Paul Schneider, der Prediger von ­Buchenwald. Natürlich auch Dietrich Bonhoeffer. Grundsatzfragen werden in eigenen Tafeln erörtert, um die ­Dimensionen widerständigen Verhaltens zu diskutieren. Denn was nennen wir Widerstand? Er geschah nicht nur dort, wo ein Attentat vorbereitet wurde, sondern oft in Protesten oder Verweigerung von Anpassung. Gegliedert nach »Zeiten« werden Kontexte und Reaktionen der Kirchen in den einzelnen Phasen der NS-Zeit vorgestellt.

Im Unterschied zu gewöhnlichen Ausstellungen kann man dies Material jederzeit anschauen, in Ruhe vergleichen. Ein großer Vorzug besteht darin, dass Fotos und Dokumente heruntergeladen und kostenlos ausgedruckt werden können. Wenn Schüler und Studenten dies entdecken, werden sie für Unterricht und Seminararbeiten davon Gebrauch machen.
Diese neue Form der Ausstellung ermöglicht Ergänzungen. Es ist vorgesehen, dass aus den Landeskirchen weiteres Material erarbeitet und eingestellt wird. Auch die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) will sich daran beteiligen. Das ist ­Herausforderung und Chance zugleich.

Die Leitung der Thüringer Kirche wurde von Deutschen Christen geprägt; die Kirchenprovinz Sachsen wurde vom Evangelischen Oberkirchenrat in Berlin bestimmt, der einen (vorsichtigen) Anpassungskurs steuerte. Die Bekennende Kirche (BK) vertrat in beiden Regionen eine wache, profilierte Minderheit. Von maßgeblichen Personen aus diesem Umfeld fehlen in der Ausstellung noch die Biografien – so vom späteren Bischof Ludolf Müller (Heiligenstadt), von Wolfgang Staemm­ler, dem Verantwortlichen für die Vikare und Hilfsprediger der BK, oder von Rechtsanwalt Bernhard Hofmann (Magdeburg), der unermüdlich in Gerichtsverfahren für Inhaftierte eintrat.

Über das Schicksal der nichtarischen Christen in unserer Region ist noch viel zu wenig erforscht worden. Exemplarisch war die Zwangspensionierung von Dr. Friedrich Weissler am Landgericht Magdeburg bereits 1933 – er wurde 1937 im KZ Sachsenhausen ermordet. Auch über evangelische Christen aus der Provinz Sachsen, die sich an der Vorbereitung des Hitler-Attentats vom 20. Juli beteiligt hatten, müsste berichtet werden. Und: Wer kennt noch die mutigen Entscheidungen von Gemeindekirchenräten, die sich der Zwangsversetzung ihres Pfarrers widersetzten – oder die vergeblichen Anstrengungen in der Gemeinde der Quedlinburger Stiftskirche gegen die Umwandlung ihrer Kirche in eine Weihestätte der SS? Wissen wir von Diakonissen und Mitarbeitern in diakonischen Einrichtungen, die vergeblich versuchten, den Transport von Patienten in die Gaskammern der Euthanasie zu verhindern?
Eine Arbeitsgruppe der EKM will solche Ereignisse und Taten des Widerstands sammeln und – soweit dies möglich ist – für die Übernahme in die Internetausstellung aufbereiten. Darum bittet die Arbeitsgruppe um die Mithilfe aus allen Regionen der Landeskirche.
Harald Schultze

Informationen, Aufsätze, Fotos von Menschen und von Dokumenten, die den ­Widerstand anschaulich machen, können direkt geschickt werden an: Dr. Harald Schultze, Zaunkönigstr. 36A, 39110 Magdeburg, E-Mail <hs.schultze@web.de>.

www.evangelischer-widerstand.de

Widerstand in seiner ganzen Breite

Unter dem Titel »Widerstand!?« informiert eine Online-Ausstellung über »Evangelische Christinnen und Christen im Nationalsozialismus«. 600 historische ­Dokumente werden unter der Adresse »www.evangelischer-­widerstand.de« im Internet ­präsentiert. Die Ausstellung wendet sich gegen eine einseitige Betrachtung christlicher ­Widerstandsformen. Der Widerstand in der NS-Zeit soll vielmehr in seiner ganzen Breite ­differenziert und mit seinen teils widersprüchlichen Beweggründen dargestellt werden.
Anhand einer Karte des ehemaligen Deutschen Reiches beleuchtet die Ausstellung drei Bereiche: Zum einen werden die Biografien von prominenten und teils weniger bekannten Personen aus dem christlich motivierten Widerstand vorgestellt.
Der Nutzer bekommt zudem die Möglichkeit, sich die Inhalte über eine Zeitschiene zu erschließen.
Ein dritter Bereich behandelt schließlich Grundfragen wie den Einfluss konfessioneller Prägungen sowie Widersprüche zwischen christlichem Glauben und Widerstand.

Leben in der Unterwelt

6. Februar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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»In Darkness« erzählt die Geschichte vom Überlebenskampf einer Gruppe Juden in der Kanalisation

In der von Nazis besetzten polnischen Stadt Lvov (Lemberg) herrscht 1943 Armut. Die Schwachen plündern die Schwächeren, die Armen bestehlen die, die noch weniger haben. Juden werden auf der Straße exekutiert, die Nazis räumen die Ghettos. Leopold Socha, ein polnischer Kanalarbeiter und Gelegenheitsdieb kämpft um das Überleben seiner Frau und seiner Tochter. Eines Tages entdeckt er eine Gruppe von Juden, die versucht, der bevorstehenden Auflösung des Lvov’er Ghettos durch Flucht in die Kanalisation zu entkommen.

Socha versteckt sie gegen Geld im Labyrinth der Kanalisation. Am 9. Februar kommt der Film »In Darkness – Eine wahre Geschichte« in die Kinos. Das Drama der polnischen Regisseurin und Drehbuchautorin Agnieszka Holland erzählt die wahre Geschichte des Polen Leopold Socha, der unter Einsatz seines eigenen Lebens und das seiner Familie während des Zweiten Weltkrieges Juden über viele Monate in der Kanalisation von Lvov Schutz gewährte. In der Realität hatten sich dort 20 Juden versteckt. Zwölf von ihnen haben es irgendwann nicht mehr ausgehalten und sind ans Tageslicht zurückgekehrt. Von ihnen hat keiner den Krieg überlebt.

Leben in der Unterwelt

Leben in der Unterwelt

Der Film der Produzenten von Schmidtz Katze Filmkollektiv aus Halle und Berlin ist für den Oscar nominiert.

Die Geschichte wird in den Originalsprachen Polnisch, Deutsch, Jiddisch und Ukrainisch erzählt. Benno Fürmann spielt den Juden Mundek Margulies, der in der Kanalisation die große Liebe findet. Maria Schrader und Herbert Knaup sind das reiche Ehepaar Chiger, Eltern der ­beiden Kinder, von denen das Mädchen Krystyna als letzte noch lebende Zeugin der Geschichte heute in den USA lebt. Den Helden Leopold Socha spielt der polnische Schauspieler Robert Wiekie­wicz.

Das Leben für die kleine Gruppe Juden in der Unterwelt ist menschenunwürdig. Zwischen Ratten versuchen sie, sich trotzdem einen menschlichen Alltag aufzubauen und so normal wie möglich zu ­leben.

Der Großteil des Filmes spielt in der Kanalisation. Die Dreharbeiten dort waren nach Angaben der Protagonisten eine Herausforderung, ebenso die Imitation des Abwassersystems. Gedreht wurde in echten Abwasserkanälen von Lvov und in einer Halle am Stadtrand von Leipzig, wo aus Holz die Kanalisation samt Gullydeckeln, einströmendem Wasser und Dunkelheit nachgebaut worden war.

Eine Filmkritik würdigt Agnieszka ­Hollands polnischen Oscar-Beitrag »In Darkness« als ein so unprätentiöses wie unbequemes Holocaust-Drama, das zur historischen Auseinandersetzung jenseits von Allgemeinplätzen und vorschnellen Vereinfachungen einlade.

(GKZ)