Die Angst vor dem Volk

5. Dezember 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Furcht vor dem Wahlergebnis: Kardinal Melville (Michel Piccoli) in dem Konklave.  Er beginnt zu ahnen, wie die Wahl ausgehen wird. (Foto: Prokino Filmverleih GmbH)

Furcht vor dem Wahlergebnis: Kardinal Melville (Michel Piccoli) in dem Konklave. Er beginnt zu ahnen, wie die Wahl ausgehen wird. (Foto: Prokino Filmverleih GmbH)


Nanni Morettis Film »Habemus Papam« über einen Papst, der ausbüxt.
 

Vor dem Petersdom drängen sich die Menschen. Die Glocken läuten. Weißer Rauch steigt in den Himmel. Gleich soll der neue Papst auf dem Balkon erscheinen. Doch Kardinal Melville, soeben zum geistlichen Oberhaupt gewählt, überfällt die Panik: »Ich schaffe das nicht, helft mir«, ruft er verzweifelt. Und läuft davon.

Ein Papst, der sein Amt nicht ausüben will: Die Idee hat Regisseur Nanni Morretti zur Grundlage seines Filmes »Habemus Papam – Ein Papst büxt aus« genommen. Er ermöglicht es, einen unbefangenen Blick hinter die Kulissen der katholischen Kirche zu werfen. Die anfänglichen Befürchtungen des Vatikans, es könne ein kirchenkritischer Film entstehen, erwiesen sich als unbegründet, denn »Habemus Papam« zeigt tiefen Respekt vor dem katholischen Glauben.

Die Geschichte ist geschickt konstruiert. Es geht es um die Frage, was passiert, wenn ein Papst – schön gespielt von dem 85-jährigen französischen Darsteller Michel Piccoli – sein Amt nicht annimmt. Der gesamte Vatikan erstarrt im Schock: Die Kardinäle drängen ihn, einen Arzt zu konsultieren, sie lassen einen renommierten Psychoanalytiker kommen, doch auch er weiß keinen Rat.

Der Papst zieht sich in sein Zimmer zurück, schließlich soll es einen letzten Versuch geben: Er wird zu einer Psychologin in die Stadt ­geschickt und nutzt diese Gelegenheit, um zu fliehen. Mehrere Tage wandert der Papst nun durch die Großstadt. Die Begegnung mit fremden Menschen weckt längst vergessene Emotionen. Er erinnert sich an die Eltern, die Jugend und entdeckt seine alte Freude am Theater.

Bildet die Suche nach Freiheit den ­einen Pol des Films, so konzentriert sich ein zweiter Erzählstrang auf die Situation im Vatikan. Denn die Kardinäle dürfen die Gebäude so lange nicht verlassen, bis sich das gewählte Oberhaupt dem Volk gezeigt hat.

Um das Verschwinden des Papstes zu vertuschen, muss ein Schweizer Gardist das Zimmer hüten und gelegentlich am Vorhang rütteln. Selbst der Psychoanalytiker darf den Vatikan nicht verlassen.

Was aber tun gegen die Langeweile, die sich unter den wartenden Kardinälen ausbreitet? Erst wird gegessen, dann werden Spielkarten gezückt – und schließlich organisiert der Therapeut sogar ein Volleyball-Turnier.

Kardinäle und Päpste sind auch nur Menschen: Es ist diese schlichte Formel, die den Reiz und den Witz des Films ausmacht. Mit nachsichtigem Blick verfolgt die Kamera die Kardinäle: Der Eine mag nicht verlieren, der Nächste wird von ­Alpträumen verfolgt, die er mit starken Schlafmitteln bekämpft, ein Anderer raucht heimlich.

Und der Papst? Ist weder verwirrt noch altersschwach, sondern sehr klar in seinem Zweifel. Der Mann, der plötzlich Verantwortung über eine weltweite Religion bekommen soll, fühlt sich verloren und einsam. Das ist nachvollziehbar und verleiht der Figur ihre Stärke.

Der Film entfaltet mit seinen stillen Bildern eine große Kraft. Und er ist ein Plädoyer für mehr Ehrlichkeit und Menschlichkeit beim kirchlichen Bodenpersonal.

Rieke C. Harmsen

Ab 8. Dezember im Kino.