Wem gehört Jerusalem

17. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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»Stadt der drei Religionen« ist der Titel, der Jerusalem ständig von Neuem verpasst wird. Dahinter steckt die Vorstellung, dass diese Stadt auf dem Bergrücken zwischen Mittelmeer und syrisch-afrikanischem Grabenbruch Judentum, Christentum und Islam gleichermaßen heilig sei.

Auch Donald Trump bemühte dieses Klischee, wenn er betonte: »Jerusalem muss ein Ort bleiben, wo Juden an der Westmauer beten, Christen den Kreuzweg abmarschieren und wo Muslime in der AlAqsa-Moschee Gottesdienst feiern.«

Zunächst sind Jerusalem und der Berg in seinem Herzen, auf dem heute der Felsendom mit seiner goldenen Kuppel steht, dem jüdischen Volk heilig. Dort hat Abraham seinen Sohn auf den Altar gelegt (1. Mose 22). Dorthin hat Mose den israelitischen Kult zentralisiert (5. Mose 12). Dort hat Salomo seinen Tempel gebaut und gebetet: »Auch wenn ein Fremder aus fernem Lande kommt, um zu diesem Hause hin zu beten, so wollest du hören« (1. Könige 8). Nach biblischer Vorstellung sollte Jerusalem von Anfang an nicht nur geistliches Zentrum Israels, sondern »Bethaus für alle Völker« sein (Jesaja 56,7).

Für das jüdische Volk war und ist Jerusalem so bedeutend, dass es kein Tischgebet, keinen Gottesdienst, kein Fest und keine Hochzeit gibt, in dem dieser Stadt nicht gedacht und um ihre Wiederherstellung gebetet würde.

Martin Luther hatte die Zentralität Jerusalems und des Landes Israel für den jüdischen Glauben erkannt. Wenn er in seinem Brief »Wider die Sabbater« im Jahr 1538, die Juden zu diskreditieren suchte, dann führte er ihre gebrochene Beziehung zu Jerusalem vor. Der deutsche Reformator spottete: »So lasst sie noch hinfaren jns land und gen Jerusalem, Tempel bawen, Priesterthum, Fuerstenthum und Mosen mit seinem gesetze auffrichten und also sie selbs widerumb Jueden werden und das Land besitzen. Wenn das geschehen ist, so sollen sie uns bald auff den ferssen nach sehen daher komen und auch Jueden werden« (Weimarer Ausgabe 50,323,36-324,8).

Luther fühlte sich in seiner Analyse sicher. Er meinte, sich so weit aus dem Fenster seiner dogmatischen Burg lehnen zu können, dass er prophezeite, selbst Jude zu werden, würden die Juden jemals in ihr Land und nach Jerusalem zurückkehren.

Damit verkündete er aber gleichzeitig, dass das irdische Jerusalem und das Land Israel für das Christentum keine Bedeutung mehr haben. Luther war Teil einer Christenheit, die das geistliche Zentrum der Welt von Jerusalem weg verlegte nach Antiochien, Byzanz, Rom, Wittenberg, Genf oder Los Angeles.

Blick auf die heilige Stadt durch das Fenster der Kirche »Dominus Flevit«. Das Altarkreuz weist auf die Grabeskirche (mit zwei Kuppeln), links daneben der Felsendom und der Kirchturm der evangelischen Erlöserkirche. Foto: epd-bild

Blick auf die heilige Stadt durch das Fenster der Kirche »Dominus Flevit«. Das Altarkreuz weist auf die Grabeskirche (mit zwei Kuppeln), links daneben der Felsendom und der Kirchturm der evangelischen Erlöserkirche. Foto: epd-bild

Historisch gesehen kamen die ersten westlichen Christen Mitte des 19. Jahrhunderts als Missionare nach Jerusalem. Und der erste lateinische Patriarch wurde installiert, »um das protestantische Treiben zu neutralisieren«.

Meiner Beobachtung nach kommen bis heute Christen nur selten nach Jerusalem, um von dort Weisung zu erfahren. Vielmehr kommen sie, um von ihrem jeweiligen geistlichen Zentrum aus, Jerusalem und Israel zu sagen, was Sache ist.

Und wie wichtig ist Jerusalem für den Islam? Zunächst einmal ist richtig, dass Jerusalem namentlich kein einziges Mal im Koran erwähnt wird. Erst sechs Jahre nach dem Tode Mohammeds wurde die Stadt im Jahre 638 n. Chr. unter dem Kalifen Omar Ibn al-Khattab von Muslimen erobert. Historiker haben guten Grund zu der Vermutung, dass der letzte Prophet des Islam »die Heilige« nie betreten hat.

In Sure 2 wird Jerusalem im Koran dann allerdings doch noch erwähnt, indirekt. Dort schreibt Mohammed seinen Anhängern eine neue Gebetsrichtung vor. Er macht die Gebetsrichtung zum Merkmal des rechten Glaubens. Ausdrücklich im Gegensatz zu Juden und Christen ist Muslimen geboten, in Richtung Mekka zu beten. Allah achte auf die Gebetsrichtung der Menschen, weiß der Beduinenfürst, und unterscheide daran die Rechtgläubigen von den Frevlern.

Wer die im Orient äußerst wichtige Körpersprache versteht, weiß was es bedeutet, wenn Zigtausende von Muslimen in der Al-Aqsa-Moschee in Jerusalem fünfmal am Tag beten und dabei ihren »Allerwertesten« in Richtung auf den Ort richten, der von der Bibel als »Allerheiligstes« bezeichnet wird.

Und wieder bestätigt die Geschichte diese religiöse Einstellung. Von 638 bis 1967 war Jerusalem mit kurzen Unterbrechungen in muslimischer Hand. Kein einziges Mal war es Hauptstadt eines islamischen Staates oder auch nur einer moslemischen Provinz. Das ist bemerkenswert, weil am 2. Juni 1964 die »Palestine Liberation Organization« (PLO) im Hotel Intercontinental – dem heutigen Seven Arches Hotel – auf dem Ölberg gegründet wurde.

Damals war die Altstadt Jerusalems mit allen heiligen Stätten nicht unter israelischer, sondern unter arabischer Herrschaft. Trotzdem dachte niemand daran, »die Heilige« als Hauptstadt eines Palästinenserstaates zu fordern. Im Grundlagendokument der PLO, der sogenannten »palästinensischen National-Charta«, wird Jerusalem kein einziges Mal erwähnt.

Es gibt Lösungen für das Jerusalem-Problem. Allerdings nur, wenn alle Beteiligten weniger hysterisch und dafür historisch exakter an die Frage herangehen.

Juden, Christen, aber auch Muslime müssen gleichermaßen zur Toleranz angehalten werden. Es wäre wünschenswert, dass jüdische, christliche und muslimische Heilige Stätten gleichermaßen für Andersgläubige jederzeit frei zugänglich wären.

Es ist Tatsache, dass mir der Zugang zur jüdischen Westmauer noch nie und zu keiner Zeit verwehrt wurde, während das auf dem Haram asch-Scharif, wie der Tempelberg von Muslimen genannt wird, und zu christlichen heiligen Stätten schon mehrfach der Fall war.

Vielleicht wäre ein erster Schritt in Richtung Deeskalation, Mythen im Heiligen Land als solche zu erkennen? Vielleicht hülfe eine Entmythologisierung Jerusalems der Befriedung der Region? Und vielleicht könnten wir Christen damit beginnen, indem wir die ganze Angelegenheit ruhig und mit beherrschten Emotionen diskutieren.

Johannes Gerloff

Johannes Gerloff – Journalist und Theologe – lebt in Jerusalem und ist Autor mehrerer Bücher über Israel und den Nahen Osten.

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de


Am Ende ratlos

15. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Israel: Mancher hofft auf eine einfache Lösung für den Nahen Osten – eine Diskussion in Erfurt zeigte die Probleme

Siedler gelten als Hauptproblem im Nahostkonflikt. In Erfurt war erstmalig eine israelische Siedlerin auf einem Podium – und diskutierte mit einem Palästinenser und einem Nahostkorrespondenten.

Sie ist charmant, 24 Jahre alt, in Leningrad geboren und hat in Köln ihr Abitur abgelegt. Anschließend ging sie nach Israel, diente in der Armee und lebt jetzt in einer israelischen Siedlung südlich von Jerusalem. Bekannt wurde sie durch ihren Internet-Blog »Ich, die Siedlerin«. Für Chaya Tal ist klar, dass ganz Judäa und Samaria, die alten biblischen Gegenden, ursprüngliches jüdisches Siedlungsland sind, und deshalb auch zum Staat Israel gehören sollten. Unabhängig davon legt sie Wert auf die Feststellung, dass das Land, welches sie jetzt bebaut, rechtmäßig durch Kauf erworben wurde.

Der Journalist Ulrich Sahm, die Siedlerin Chaya Tal und der in Weimar lebende Palästinenser Ayman Qasarwa bei der Diskussion. Foto: Harald Krille

Der Journalist Ulrich Sahm, die Siedlerin Chaya Tal und der in Weimar lebende Palästinenser Ayman Qasarwa bei der Diskussion. Foto: Harald Krille

Ayman Qasarwa wurde im palästinensischen Dschenin in einer im Zuge der Staatsgründung Israels 1948 vertriebenen bzw. geflüchteten Familie geboren. Er studierte in der früheren DDR, lebt heute in Weimar und ist Vorsitzender des Ausländerbeirates der Stadt. Qasarwa macht sogleich klar, dass die angeblich Jahrtausende zurückliegende Besiedlung Palästinas durch die Juden nicht belegbar und lediglich eine Fantasievorstellung der Thora sei. Und Siedlungsland sei nicht gekauft, »nein, es ist weggenommen worden«. Für ihn sind alle Siedlungen illegal und Chaya Tal eine Frau, die durch ihre Einwanderung nach Israel »den Platz eines Palästinensers weggenommen hat, die dort schon immer leben«.

Der dritte in der Runde, die sich im Rahmen der Achava-Festspiele auf dem Podium im Barocksaal der Erfurter Staatskanzlei versammelte, war der auch den Kirchenzeitungslesern bekannte Journalist Ulrich Sahm. Seit 40 Jahren lebt er in Israel und beobachtet den Konflikt. Er beklagt vor allem den Missbrauch von Begriffen und Schlagworten in der öffentlichen Diskussion. Schon der Begriff Palästina sei fragwürdig, die Bezeichnung erst von den Römern nach der endgültigen Eroberung der Region als Name eingeführt. Und Palästinenser gibt es erst, seit das Wort 1967 in der zweiten Charta der PLO als Selbstbezeichnung eingeführt wurde. Bis dahin nannte sich die nichtjüdische Bevölkerung schlicht Araber.

Den Wunsch nach Frieden betonen beide Seiten. Aber wie kann ein friedliches Zusammenleben konkret aussehen? Die zahlreichen Zuhörer konnten manche Beobachtungen machen, die Aufschluss über die Schwierigkeiten des Nahost-Dialogs geben. Da gab es die auch von weiteren palästinensischen Gästen in der offenen Diskussion zu hörende These, dass Palästina immer schon und allein von Palästinensern besiedelt war. »Wer jüdische Geschichte in Israel nachweisen will, braucht nur einen Spaten nehmen und ein wenig zu graben«, so Chaya Tals Antwort auf diese Delegitimation Israels.

Da war kein Bekenntnis zum Existenzrecht Israels als jüdischer Staat aus palästinensischem Mund zu hören. Zwar wird als Voraussetzung der Zwei-Staaten-Lösung das Rückkehrrecht der Palästinenser auch in die israelischen Gebiete gefordert. Doch erklärte Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas erst jüngst, in einem künftigen Palästinenser-Staat sei kein Platz für Juden. Ob er sich vorstellen könne, dass in einem Staat Palästina die jüdische Siedlerin Tal mit israelischem und palästinensischem Pass leben könne, wurde Qasarwa konkret gefragt. Die Antwort: »Warum dann nicht gleich in einem gemeinsamen Staat mit gemeinsamer Regierung?« Was Sahm mit Hinweis auf die Zahlenverhältnisse als »demografischen Selbstmord« bezeichnete. Juden würden dann als Minderheit in einem arabischen Staat leben. Vor dem Hintergrund der jahrhundertelangen Erfahrung des Umgangs mit jüdischen Minderheiten in europäischen wie arabischen Staaten eine kaum erträgliche Vorstellung für Israelis.

Am Ende blieb Ratlosigkeit. Die vielleicht sogar gut ist. Denn eine Beobachtung Sahms ist es auch, dass besonders die Deutschen gern für alles eine Lösung und entsprechende Ratschläge haben. Wobei die so ersehnte »endgültige« Lösung des Nahostkonfliktes nur allzuschnell nicht nur sprachlich in die Nähe einer »Endlösung« zu geraten drohe. »Wir sagten früher immer: ›Die beste Lösung ist Gummilösung‹«, so das Fazit eines Besuchers.

Harald Krille