Mit Gott ist der Mensch nicht allein auf der Welt

17. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Mouhanad Khorchide ist Professor für islamische Religionspädagogik am Centrum für Religiöse Studien (CRS) in Münster. Er traf sich mit Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, zu einem interreligiösen Gespräch über die Frage, ob Christen und Muslime zum selben Gott beten.

Khorchide: Ich habe eine kritische Frage. Warum dürfen wir beide nicht gemeinsam zum selben Gott beten?

Bedford-Strohm: Wir sprechen da oft vom »multireligiösen Gebet« und unterscheiden es in der Tat vom »interreligiösen Gebet«. Auf diese Weise lassen wir offen, ob es genau derselbe Gott ist, den wir anbeten. Das ist der Versuch, zu respektieren, dass es unterschiedliche Blicke auf Gott gibt.

Die Gewölbe der Schlosskirche zu Wittenberg. Foto: Katja Schmidtke

Die Gewölbe der Schlosskirche zu Wittenberg. Foto: Katja Schmidtke

Die Hoffnung ist natürlich, dass Gott sich uns als derjenige zeigt, der er ist. Nämlich Gott. Insofern würde ich, wenn Muslime zu Allah beten, auch nicht sagen, dass sie zu einem anderen Gott beten. Wenn ich aber sage, die Gläubigen aller Religionen beten zu demselben Gott, dann ist das eine Feststellung, die nicht gedeckt ist. Denn es gibt sehr unterschiedliche Vorstellungen von Gott in den Religionen.

Da muss man dann ehrlich sein und auch die Differenzen sehen. Als wir über die Trinität und den Monotheismus gesprochen haben, sind wir ja darauf gestoßen, dass wir Christen bestimmte Dinge von Gott sagen, die Muslime oder Juden nie mitsprechen könnten. Deshalb ist es vielleicht ehrlicher und angemessener, Zurückhaltung zu wahren, ohne aber damit zu sagen, es sind alles völlig unterschiedliche Götter. Ich würde mir beide Urteile nicht zutrauen. Weder das Urteil, dass es in allen Religionen derselbe Gott ist. Noch dass es ein anderer ist. Ich glaube, wir können nur wirklich mit Leidenschaft unseren Zugang zu Gott leben. Und die Frage, wie der Gott, von dem wir leidenschaftlich überzeugt sind, sich uns dann zeigt … Das werden wir am Ende der Zeiten sehen, wenn der Schleier weggezogen ist.

Khorchide: Aber könnte ich als Versuch der Annäherung nicht sagen: »Wir glauben an denselben Gott, der sich in unterschiedlicher Weise offenbart hat«? Deshalb sagen Muslime, er hat sich mir anders offenbart als den Christen. Und übrigens – weil Sie den Begriff »Allah« verwendet haben: Sie wissen ja, dass arabische Christen und arabische Juden ebenfalls das Wort Allah verwenden.

Bedford-Strohm: Ich weiß. In Malaysia gibt es das Problem, dass die Christen gerne »Allah« sagen möchten, der Staat es ihnen aber verbietet. Ich weiß, was Sie meinen. Wenn ich hier von »Allah« sprechen würde, würden die Leute alle fragen: »Wie kann der christliche Bischof von ›Allah‹ sprechen?« Aber die Christen in Malaysia wollen gerne von »Allah« sprechen, weil »Allah« schlicht und einfach das Wort für »Gott« ist.

Khorchide: Aber könnte man denn nicht als Annäherung sagen: Gott hat sich im Christentum in Jesus offenbart, im Islam im Koran, deshalb reden wir vom selben Gott, der sich in unterschiedlicher Weise offenbart hat? lm Dialog zwischen Katholiken und Muslimen ist die Annäherung einfacher. Man meint: »Ja, wir glauben an denselben Gott, wir können gemeinsam beten.« Protestanten dagegen lassen die Frage offen. Müssen wir sie wirklich offenlassen? Können wir nicht sagen, er offenbart sich nur in einer anderen Weise, aber er ist derselbe Gott?

Bedford-Strohm: Wir müssten genau darüber reden, was es bedeutet, wenn wir von Gott beispielsweise als von demjenigen sprechen, der sich im Gekreuzigten zeigt. Und darüber, ob wir wirklich die Feststellung treffen können, dass das derselbe Gott ist. Oder ob man die Unterschiede auch respektieren muss, die zwischen den unterschiedlichen Bekenntnissen der Religionen bestehen.

Ich sage es jetzt mal in Richtung Judentum: Ich bin nicht sicher, ob ich es so einfach übergehen kann, wenn Juden ganz ausdrücklich sagen: »Christus kann nicht Gottes Sohn sein.« Deswegen bin ich zurückhaltender und spreche von »multireligiösem Gebet«. Ich sehe das aber nicht als Distanzierung oder Abwertung von anderen Religionen, sondern ich trete gerade dafür ein, die eigene Identität nicht aus der Abgrenzung heraus zu definieren. Wir sollten die eigene Religion begeistert leben und das Urteil darüber, was am Ende mit diesem Unterschied der Religionen gemacht wird, wirklich Gott überlassen.

Khorchide: Die islamische Main­stream-Theologie sieht allein Muslime in der ewigen Glückseligkeit. Das widerspricht aber dem Wortlaut des Korans. Die zweite Sure 62 und die fünfte Sure 69 versprechen Juden, Christen und anderen, die an Gott glauben, die ewige Glückseligkeit.

Die Leute des IS sagen: »Ich glaube an einen Gott, der mir erlaubt, Unschuldige umzubringen.« Darauf sage ich: »Ich glaube nicht an diesen Gott.« In deren Augen bin ich dann sogar Atheist. Oder ein Atheist kann sagen: »Ich glaube nicht an Gott.« Wenn ich dann genauer nachfrage, hat er vielleicht ein total negatives Bild von einem Gott oder von Religion und distanziert sich deshalb. Sein Handeln und sein Lebensentwurf können trotzdem bezeugen, dass er ein Werkzeug Gottes ist, also jemand, der Ja zu Gott gesagt hat. Er verbalisiert das nur anders.

Aus: Käßmann, Margot/Bedford-Strohm, Heinrich: Die Welt verändern. Was uns der Glaube heute zu sagen hat, Aufbau Verlag und edition chrismon, 293 S., ISBN 978-3-96038-007-8, 22 Euro

Aus: Käßmann, Margot/Bedford-Strohm, Heinrich: Die Welt verändern. Was uns der Glaube heute zu sagen hat, Aufbau Verlag und edition chrismon, 293 S., ISBN 978-3-96038-007-8, 22 Euro

Ich glaube, Gott geht es nicht um das, was wir verbalisieren, sondern um das, was wir aus unserem Leben machen. Ist es letztlich nicht sogar egal, ob wir sagen, »ich glaube an Gott« oder »ich glaube nicht an Gott«? Kommt es nicht letztlich nur auf das Handeln und den Lebensentwurf an? Wenn man diese Frage stellt, kommen allerdings gleich wieder einige Anfragen: Sollte man Religion nur auf diese ethische Ebene reduzieren? Geht es wirklich nur darum, dass wir gut sind und dass unser Lebensentwurf bezeugt, dass wir brave Menschen sind? Wozu brauchen wir Gott dann? Ich weiß nicht, wie Menschen es ohne den Glauben an Gott schaffen, wenn ich sehe, wie oft er mir Trost und Kraft gibt. Allein das Zwiegespräch – auf dem Weg hierher mit Gott zu reden, weil man nicht weiß, was auf einen zukommt –, das gibt schon gewissen Halt. Man hat das Gefühl, es gibt jemanden, ich bin nicht allein in der Welt.

Glauben alle an denselben Gott?

16. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Ja

Christen glauben an den einen, dreieinigen Gott. Dieser Glaube hat sich uns durch Jesus Christus eröffnet und wird durch den Heiligen Geist gewirkt und erhalten. Es ist der Glaube an Gott den Schöpfer, den Erbarmer und den Richter – und diesen Glauben an den einen Gott teilen wir mit den Juden und den Moslems. Für das Judentum ist aus christlicher Sicht unbestritten, dass wir denselben Gott meinen. Gleichwohl gehen Juden und Christen unterschiedliche Wege und suchen auf dieser Basis die Versöhnung.

Wie steht es mit den Muslimen? Der Islam kam später und hat vielfältige Impulse aus beiden Religionen aufgenommen. Mohammed war schon vor seinen Offenbarungen ein »Hanif«, ein Monotheist. Darin sah er sich in der Nachfolge Abrahams. Und er sah auch in den Christen und Juden solche Anhänger des einen Gottes.

Prof. Martin Hein, Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Foto: medio.tv /schauderna

Prof. Martin Hein, Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Foto: medio.tv /schauderna

Strittig ist daher auch von islamischer Seite aus nicht die Frage nach Gott, sondern die Frage nach dem Weg. Das mag dem einen oder der anderen als Haarspalterei erscheinen. Doch es macht einen Unterschied, ob ich in der Begegnung mit Muslimen ihnen den Glauben an Gott abspreche und sie zu »Götzendienern« erkläre (was die Konsequenz wäre) oder ob ich mit ihnen darüber nachdenke, was dieser Glaube an den einen Gott bedeutet. Damit ist die Frage nach der Erlösung durch Christus noch gar nicht gestellt – und schon gar nicht in Frage gestellt! Ein zentraler Begriff aber ist in allen drei Religionen »Barmherzigkeit«: Darin ist eine gemeinsame Glaubenserfahrung zu erkennen.

Für uns Christen hat sich der dreieinige Gott in Jesus Christus offenbart, im Heiligen Geist aber darüber hinaus in vielfältigen Zeugnissen auch aus den »Völkern«, in denen wir die gute Botschaft wiedererkennen. Das war schon immer eine zentrale Lehre des Christentums. Man denke nur an die Rede des Apostels Paulus in Athen (Apg. 17). Auch für die römisch-katholische Lehre steht das völlig außer Frage. Man lese die entsprechenden Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils!

Wir können als Christen in dem, was im Islam von der christlichen Botschaft erhalten und bewahrt wird, so etwas wie ein Echo, eine Spur oder einen Schatten des Wortes Gottes erkennen und daran auch anknüpfen. Das heißt doch nicht, dass wir uns damit verleugnen! Ganz im Gegenteil: Wir machen ernst mit dem Auftrag der Versöhnung, wir machen ernst mit dem Glauben an den einen Gott.

Die Gemeinsamkeiten sind groß: der Glaube an den einen, barmherzigen Gott, die Bedeutung Abrahams, die hohe Wertschätzung Jesu und seiner jungfräulichen Mutter Maria, das Jüngste Gericht und die allgemeine Auferstehung von den Toten, die Unsichtbarkeit Gottes und die Wirksamkeit seines Wortes.

Was uns trennt, ist die Auslegung! Und hier sage ich deutlich: Wenn der Islam uns Christen vorwirft, wir würden »drei Götter« anbeten, dann möchte ich, dass dieses Vorurteil islamischerseits ernsthaft überprüft wird. Hier ist der Punkt, wo die theologische Auseinandersetzung mit dem Islam gesucht werden muss! Gerade wenn wir von einem christlichen Bekenntnis herkommen, das sich des barmherzigen Gottes gewiss ist, sollte es uns nicht schwerfallen, auch im islamischen Bekenntnis zu dem einen Gott den gemeinsamen Gott zu erkennen – »wie in einem dunklen Bild« (1.Korinther 13,9).

Inzwischen stehen wir vor einer Herausforderung, vor der weder Christentum, Judentum noch Islam bislang je standen: Wir haben es gemeinsam mit einer Welt zu tun, die Gott nicht wahrhaben will, und mit Fanatikern, die Gott für ihre Interessen missbrauchen.

An der Entdeckung der Gemeinsamkeiten wird sich vieles entscheiden!

Nein

Die romantische Vorstellung, Menschen unterschiedlicher Religionen würden letztlich doch alle an denselben Gott glauben, findet sich bereits in der Antike. In der Gegenwart nährt sie die Hoffnung, dass die Gegensätze zwischen den Religionen so groß doch nicht seien, ja nicht sein dürfen, und irgendwie friedlich gelöst werden müssen. Es gibt mehrere Gründe, warum diese Hoffnung trügt.

Religionen sind immer Deutungen religiöser Erfahrungen und schon insofern notwendigerweise verschieden. In das Judentum, das Christentum und den Islam sind sehr verschiedene religiöse und kulturelle Traditionen eingeflossen, die ein je eigenes Gottesbild und eine je eigene Ethik hervorgebracht haben. Es gibt Überschneidungen, aber auch grundlegende Unterschiede.

Prof. Udo Schnelle lehrt evang. Theologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Foto: Jörg Hammerbacher

Prof. Udo Schnelle lehrt evang. Theologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Foto: Jörg Hammerbacher

Die entscheidende Differenz besteht darin, dass die Christen eine besondere Form des Monotheismus bekennen: den dreieinigen Gott. Was ist damit gemeint? Zuallererst geht es um das besondere Verhältnis Gottes zu Jesus von Nazareth, das sich exemplarisch in der Auferweckung des gekreuzigten Jesus von den Toten durch Gott zeigt. Speziell dieses Geschehen verstanden die frühen Christen als Bestätigung der Gottesauslegung Jesu und folgerten daraus, dass er in einem ganz besonderen Verhältnis zu Gott steht. Weil Gott sich bis in den Tod am Kreuz mit diesem Jesus von Nazareth identifizierte, muss er mehr als ein Prophet oder Gesandter des Vaters sein, nämlich sein Sohn. Die Gottheit des Sohnes ist somit von der Gottheit des Vaters her zu verstehen, die Gottheit des Vaters wird auf den Sohn ausgeweitet.

Der Sohn hat nicht nur am Wesen des Vaters teil, sondern er ist vom Wesen des Vaters. In diesem Schritt liegt die eigentliche Neudefinition Gottes im frühen Christentum: Gott ist so, wie Jesus von Nazareth ihn ausgelegt hat und deshalb gebührt ihm der göttliche Status des Sohnes. Das Neue Testament insistiert damit auf der göttlichen Würde Jesu, ohne das Bekenntnis zu dem einen Gott Israels damit zu schmälern. Hinzu kommt eine weitere Erkenntnis: Gott wurde in Jesus von Nazareth nicht nur Mensch, sondern er lässt sich bleibend im Leben der Menschen erfahren: durch den Heiligen Geist.

Gottes Wirklichkeit weist eine erfahrbare Wirksamkeit auf. In frühchristlichen Gemeinden wie Korinth (1.Korinther 12) oder Rom (Römer 12) wurden intensive Geisterfahrungen als Gottes­erfahrungen interpretiert und führten zu einer zweiten Innovation des Gottesbildes: Gott wirkt bleibend durch den Geist in der Geschichte und im Leben der einzelnen Menschen. In der Geisterfahrung ist Gott somit selbst gegenwärtig und nicht nur eine andere untergeordnete Größe. Das frühchristliche Gottesbild ist somit nicht zuallererst an einem prinzipiell jenseitigen und primär herrschenden Gott interessiert, der Gesandte aussendet oder Schriften verfasst, die den Menschen seinen Willen kundtun. Vielmehr geht es um den Gott, der sich auf die Welt zubewegt und in die Welt eingeht. Der Gott der Christen ist ein naher Gott; ein kommunizierender und lebendiger Gott, der aus Liebe für die Welt und die Menschen eintritt.

Dieses Modell eines nahen dreieinigen Gottes wurde von Anfang an vom Islam bekämpft. Es gilt als Ausdruck der Verfälschung des Wesens des einen allmächtigen Gottes. Die Christen sind Lügner und zu bekämpfende »Polytheisten« (Sure 9,29-33) und werden ermahnt: »O ihr Leute des Buches, übertreibt nicht in eurer Religion und sagt über Gott nur die Wahrheit. Christus Jesus, der Sohn Marias, ist doch nur der Gesandte Gottes und sein Wort, das er zu Maria hinunterbrachte, und ein Geist von ihm. So glaubt an Gott und seine Gesandten. Und sagt nicht: Drei. Hört auf, das ist besser für euch.« (Sure 4,171; Sure 112)

Der entscheidende Gegensatz bleibt: Jesus von Nazareth ist mehr als ein Prophet, er ist Sohn Gottes und verkündet einen anderen Gott als der Koran! Den liebenden, nahen, leidenden und gekreuzigten Gott; einen Gott, der in die Welt eingeht und bei den Menschen sein und bleiben will.

Fazit: Jesus ist der Unterschied und macht den Unterschied zu jeder anderen Religion!

Drei Religionen, ein Haus:  Das »House of One« ist ein interreligiöses Gebäude, das voraussichtlich ab 2018 am Petriplatz im Berliner Ortsteil Mitte entstehen soll. Das Gebäude wird unter seinem Dach eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee beherbergen. Die Baukosten des Gebäudes, die mit 43,5 Millionen Euro beziffert werden, sollen vor allem durch eine Spenden-Kampagne erbracht werden. Träger des Projektes »House of One« ist seit dem 8. September 2016 eine Stiftung. Sie ist aus dem Verein Bet- und Lehrhaus Petriplatz Berlin hervorgegangen. Im Vorstand des Vereins wird die jüdische Seite vertreten durch das Abraham-Geiger-Kolleg sowie die Jüdische Gemeinde zu Berlin, die christliche Seite durch die evangelische Kirchengemeinde St. Petri–St. Marien und die muslimische Seite durch das Forum für Interkulturellen Dialog. Illustrationen aus dem »House of One«-Bastelbogen

Drei Religionen, ein Haus: Das »House of One« ist ein interreligiöses Gebäude, das voraussichtlich ab 2018 am Petriplatz im Berliner Ortsteil Mitte entstehen soll. Das Gebäude wird unter seinem Dach eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee beherbergen. Die Baukosten des Gebäudes, die mit 43,5 Millionen Euro beziffert werden, sollen vor allem durch eine Spenden-Kampagne erbracht werden. Träger des Projektes »House of One« ist seit dem 8. September 2016 eine Stiftung. Sie ist aus dem Verein Bet- und Lehrhaus Petriplatz Berlin hervorgegangen. Im Vorstand des Vereins wird die jüdische Seite vertreten durch das Abraham-Geiger-Kolleg sowie die Jüdische Gemeinde zu Berlin, die christliche Seite durch die evangelische Kirchengemeinde St. Petri–St. Marien und die muslimische Seite durch das Forum für Interkulturellen Dialog. Illustrationen aus dem »House of One«-Bastelbogen

Weil Jesus hier geboren wurde

24. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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In Bethlehem ist immer Weihnachten. Menschen aus aller Welt besuchen die kleine Stadt in den Bergen Judäas, weil Jesus hier zur Welt kam.

Die Geburtskirche und die Hirtenfelder werden täglich von Hunderten besichtigt, und die palästinensische Bevölkerung lebt vom Tourismus. Viele Muslime haben das Geschäft mit dem Kind in der Krippe für sich entdeckt. Jahr für Jahr ziehen mehr aus den umliegenden Dörfern nach Bethlehem. Sie bauen Hotels, gründen Souvenirgeschäfte und Restaurants, arbeiten als Schmuckverkäufer, Olivenholzschnitzer und Reiseleiter. Die biblischen Orte sind allgemeines Kulturerbe und das Weihnachtsfest ist zum Volksfest geworden.

Eine schöne Bescherung: Johnny und Marlene Shahwan verteilen jedes Jahr Tausende von Geschenkpäckchen, die im Rahmen der Aktion »Weihnachten im Schuhkarton« weltweit gepackt wurden, an palästinensische Kinder in und um Bethlehem. Foto: Johnny Shahwan

Eine schöne Bescherung: Johnny und Marlene Shahwan verteilen jedes Jahr Tausende von Geschenkpäckchen, die im Rahmen der Aktion »Weihnachten im Schuhkarton« weltweit gepackt wurden, an palästinensische Kinder in und um Bethlehem. Foto: Johnny Shahwan

Werden im Advent die Lichterketten eingeschaltet und riesige Weihnachtsbäume nach amerikanischem Vorbild erleuchtet, sind nur noch wenige palästinensische Christen unter den Feiernden. Und wenn am Heiligabend auf der großen Bühne Chöre aus aller Welt zur Ehre Gottes singen, grölen Tausende Muslime unter den Zuschauern schmutzige Worte dazwischen. Immer mehr Christen bleiben deshalb den Feiern fern.

»Ich erlaube meinen Töchtern nicht, an Heiligabend nach Bethlehem zu gehen«, sagt Abu Fuad, ein Vater von fünf Kindern und traditioneller Christ aus unserer Stadt Beit Jala. Er befürchtet, dass seine Mädchen von Muslimen angemacht werden und es zu Schlägereien kommt. Doch so sehr sich traditionelle Christen aufregen, dass ihnen ihr Weihnachtsfest durch die muslimische Mehrheit ruiniert wird – umso trauriger ist, dass sie selbst kaum noch einen Bezug zum Sinn von Weihnachten haben.

Nur noch wenige Leute kennen die biblischen Geschichten. Für sie bedeutet Weihnachten gut essen und trinken, Kleider kaufen, auf Partys gehen und gesehen werden. Sie leben ihre »christliche« Kultur, aber Auswirkungen auf ihr Leben hat das kaum. Viele Palästinenser leben eh nur für den Augenblick. Sie versuchen, die politischen Konflikte und Einschränkungen zu ignorieren und wollen nicht vertröstet werden auf eine bessere Zukunft, weil sie gar nicht mehr an eine Zukunft in diesem Land glauben. Immer mehr traditionelle Christen wandern deshalb aus.

Mitten in dieser Situation versuchen wir im Beit Al Liqa (Haus der Begegnung), Menschen mit Gottes Wort zu erreichen. Wir sagen den Christen, dass es mehr als fromme Traditionen gibt, nämlich eine persönliche Freundschaft zu Jesus. Viele Kinder, Jugendliche und Erwachsene sind schon in unserem Zentrum zum Glauben gekommen.

Bei einem Sommercamp fragte unsere Mitarbeiterin Melody, ob eines der Kinder ein Gebet sprechen wolle. Da kam ein elfjähriger muslimischer Junge ans Mikrofon und betete: »Herr, danke für das Camp. Bitte schenke doch, dass wir heute alle friedlich miteinander umgehen und es keinen Streit gibt. Und bitte hilf uns, dass wir alle bei den Geschichten gut zuhören. In Jesu Namen. Amen!«

Dieser Junge hatte schon als Kleinkind in unserer Kindertagesstätte von Jesus gehört. Die muslimischen Familien am Ort vertrauen uns und bringen ihre Kinder. Manche sind nur liberal, andere sind offen für Gottes Wort.

Wie jedes Jahr werden wir in diesem Jahr wieder Tausende Geschenke im Rahmen von »Weihnachten im Schuhkarton« an Palästinenserkinder im ganzen Land verteilen. Wir bereiten ihnen Freude und erzählen, dass das Kind in der Krippe auch für sie auf die Erde kam.

Manchmal kommen Kinder und Erwachsene auf uns zu, die mehr hören möchten. Andere sagen: »Vielen Dank für die Geschenke, wir glauben trotzdem nicht an euren Jesus!«
Doch wie immer die Reaktion auch ausfällt – wir hören nicht auf, den Menschen der Provinz Bethlehem von Jesus zu erzählen. Denn diese Menschen liegen uns am Herzen. Und wir sind überzeugt, dass es Jesus genauso geht, schließlich ist Bethlehem ja sein Geburtsort!

Johnny und Marlene Shahwan

Johnny und Marlene Shahwan leben in Beit Jala bei Bethlehem. Johnny ist Palästinenser, gemeinsam mit seiner deutschen Ehefrau Marlene hat er als Mitarbeiter des christlichen Hilfswerkes »DMG interpersonal« in der Stadt Beit Jala ein »Haus der Begegnung« aufgebaut, das Kindern und Erwachsenen ein Ort der Hoffnung ist.

www.dmgint.de

»Ich werde sein, der ich sein werde«

8. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Auf Leserwunsch widmet sich unsere Kirchenzeitung den schönen Namen Gottes, die im Koran vorkommen. Der folgende Beitrag erläutert Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den islamischen und christlichen Namen für Gott.

Im zweiten Buch Mose wird berichtet, wie Gott dem Mose seinen geheimnisvollen Namen nennt. Luther übersetzte die hebräische Formulierung mit »Ich werde sein, der ich sein werde«. Klar, das ist kein unbefangener Vorname wie Paul oder Elvira, sondern der Name Gottes ist eine Beschreibung des Wesens Gottes. Gott bestätigt mit diesem Namen, dass er immer und ewig für uns da ist und sein wird.

In nahezu allen Religionen haben die Götter Namen. Man denke an Vishnu, Zeus, Athene, Wotan, Freya usw. Auch diese Namen verraten etwas über das Wesen des jeweiligen Gottes.
Der Islam kennt 99 Namen Gottes, die auch als die schönen Namen Gottes bezeichnet werden. Fast alle diese Namen finden sich im Koran, lediglich fünfzehn stammen aus weiteren Überlieferungen. Im Koran heißt es: »Gott hat die schönen Namen. Darum rufet ihn an mit ihnen.« (Sure 7,180) Der 100. Name Gottes gilt als unaussprechlich.

Zu den bekanntesten Namen Gottes im Islam gehören »der Herrscher«, »der Allmächtige«, »der Allwissende«, »der Glorreiche«, »der Wohltätige« und »der Lebensspendende«. Viele dieser Namen Gottes sind uns Christen nicht fremd. Aber es fehlt in der islamischen Tradition ein Name Gottes, der für uns von größter Wichtigkeit ist: Im Islam kann Gott nicht Vater genannt werden. Eine solche Anrede steht nach muslimischer Überzeugung im Widerspruch zu Gottes Jenseitigkeit und Transzendenz. Christen jedoch können Gott als »Vater«, als »lieben Vater«, als »unseren Vater« anreden. Jesus hat das selber oft getan – zum Beispiel im Garten Gethsemane. Wir können dies nun auch. Mehr noch: Wir werden sogar von Jesus zu dieser vertrauensvollen Anrede im »Vaterunser« aufgefordert.

Die Rede von Gott als Vater ist in der Heiligen Schrift und in der jüdischen Tradition immer mit Eigenschaften wie Nähe, Fürsorge, Barmherzigkeit und Liebe verbunden. Der Prophet Hosea beschreibt Gott mit Bildern, die einem fürsorglichen Elternteil entsprechen. (Hosea 11) Für Christen ist Gott der, der sich liebend zuwendet. Eben wie ein Vater oder ein väterlicher Freund. So heißt es im zweiten Buch Mose: »Der Herr aber redete mit Mose von Angesicht zu Angesicht, wie ein Mann mit seinem Freunde redet.« (2. Mose 33.11)

Für Muslime ist Allah in erster Linie der absolute Herrscher, nach dessen Gesetzen sich jedes Geschöpf und jede Gemeinschaft zu richten hat. So zeigen die unterschiedlichen Namen Gottes, dass es sowohl Gemeinsamkeiten zwischen dem christlichen und dem islamischen Gottesbild gibt, aber auch wichtige Unterschiede.

Andreas Fincke

Behutsam bewegt sich etwas

19. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Achava-Festspiele: Im Mittelpunkt stand das Gespräch zwischen verschiedenen Kulturen und Religionen

Barmherzigkeit und Nächstenliebe: das sind die Aushängeschilder von Jesus von Nazareth und der ihm nachfolgenden Christenheit. Für den Islam nehmen Außenstehende meist das Gegenteil an. Laut einer Statistik halten 57 Prozent der Deutschen den Islam für bedrohlich. Gewalt, Terroranschläge, die Einschränkung persönlicher Freiheit und Meinungsäußerung: all das wird oft mit dem Islam gleichgesetzt.

Mouhanad Khorchide zeichnet ein ganz anderes Bild des Islam. Der Professor für islamische Religionspädagogik an der westfälischen Wilhelms-Universität Münster hat in seinem Buch »Islam ist Barmherzigkeit. Grundzüge einer modernen Religion« seine Vision von einem Islam des 21. Jahrhunderts skizziert. Im Rahmen der Erfurter Religionsgespräche beim Achava Festival in Erfurt stellte Khorchide seine Thesen vor.

»Eine Religion, die den Anspruch hat im 21. Jahrhundert zu gelten, auch wenn sie im 7. Jahrhundert entstanden ist, muss sich erneuern«, stellte Khorchide ganz klar fest. Der Islam, so der Professor, der im Libanon geboren wurde, habe die gleichen Probleme wie andere Religionen. Oft erreiche man mit den religiösen Inhalten die Jugend kaum noch. »Es gibt viele Kultur-Muslime, die den Islam als kulturelle Identität verstehen, aber wenig bis gar nicht gläubig sind«, so Khorchide. Er sieht hier ein ganz klares Versagen der Religion, das große und bedrohliche Auswirkungen hat.

Khorchide plädierte beim Gespräch in der Erfurter Peterskirche dafür, den Koran historisch-kritisch zu untersuchen, so, wie es auch christliche und jüdische Theologen mit ihren heiligen Schriften praktizieren. Man müsse ein heiliges Buch immer auch im historischen Kontext lesen und in die neue Zeit übersetzen. Kein Jude oder Christ würde Stellen im Alten Testament, die Gewalt zum Thema hätten, unreflektiert ins Heute übertragen.

Konzert mit der israelischen Sängerin Ester Rada. Foto: Achava-Festspiele

Konzert mit der israelischen Sängerin Ester Rada. Foto: Achava-Festspiele

Den Text kritisch anschauen und mancherorts entschärfen, dieser Anspruch hat Khorchide viel Kritik und sogar Morddrohungen eingebracht. Viele werfen ihm vor, beliebig Stellen aus dem Koran zu verwenden und damit ein völlig anderes, ja weichgespültes Bild des Buches zu zeichnen. Diesem Vorwurf trat Khorchide beim Religionsgespräch entschieden entgegen. »Ich versuche vehement, Schlüssel und Kriterien zu schaffen. Ich möchte Antworten finden auf die Fragen ›Was will Gott? Warum erschafft er die Menschen?‹ Vor diesem Hintergrund muss man den Koran lesen. Das ist Exegese.«

Das Gottesbild eines ungerechten strafenden Gottes lehnt Khorchide kategorisch ab. »Glaube ist keine Überschrift«, so der Wissenschaftler und gläubige Muslim. »Glaube ist etwas, das man durch sein Handeln bezeugt.«

Doch wie zukunftsfähig ist eine Religion, die sich schwertut in ihrer Erneuerung, die mit Kritik schlecht umgehen kann und aus den verschiedensten Strömungen besteht? Der Islam könne in der Zukunft nur bestehen, wenn er sich erneuere und eine klare Trennung von Politik, Gewalt und Glaubensinhalten vollziehe, erklärte Khorchide.

Vor dem Hintergrund der Anfeindungen und Bedrohungen, denen er selbst ausgesetzt ist, und angesichts der Ereignisse in der Welt, trat die Frage auf, wie reell so eine Reform des Islam sei. Mouhanad Khorchide weiß, dass sich nur ganz langsam ein Wandel einstellen kann. Er aber spüre, dass sich behutsam etwas bewege. Die Erneuerung werde, so glaubt er, von Europa und den hier lebenden Muslimen ausgehen, die in ihrer Religionsausübung und in ihrer Meinungsfreiheit nicht eingeschränkt seien. Der Bedrohung des IS kann er nur eine positive Seite abgewinnen: Sein Terror habe dazu geführt, dass sich viele Menschen vom politischen Islam ab- und einer Reform zuwenden. Khorchide weiß, wie schwer seine Bemühungen sind, doch er steht auch an diesem Abend in der Erfurter Peterskirche unermüdlich für sie ein: für interreligiösen Dialog, Erneuerung, Freiheit und Demokratie, auch für und mit Muslimen.

Diana Steinbauer

Segenswünsche zum Ramadan

19. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Muslime in aller Welt begehen derzeit den Fastenmonat Ramadan. Für Vertreter aus Gesellschaft, Politik und Kirchen ist es üblich geworden, zu Beginn der Fastenzeit Grußbotschaften zu übermitteln. Am 6. Juni 2016 postete die tagesschau-Redaktion auf Facebook: »Heute beginnt der Ramadan. Wir wünschen allen Musliminnen und Muslimen einen gesegneten Fastenmonat.« Was halten evangelische Theologen davon?

Andreas Fincke

Andreas Fincke

Ja

Andreas Fincke, früher Referent der Ev. Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, heute Hochschulpfarrer in Erfurt.

Für fromme Muslime ist der Ramadan eine Zeit der Entsagung von körperlichen Bedürfnissen und der Besinnung auf den Koran und auf Gott, der hier Allah genannt wird. Seit einigen Jahren übermitteln hochrangige Politiker den Muslimen in Deutschland ihre guten Wünsche zum Ramadan. Auch die Kirchen wünschen immer häufiger einen »gesegneten Ramadan«.

Manchen gefällt das nicht. Sie fragen, ob wir hier eine schleichende Islamisierung des Abendlands erleben. Schließlich gehöre der Ramadan nicht zu Deutschland. Zu unserer Kultur, so mahnen einige, gehören andere Fastenzeiten.

Doch so einfach ist das nicht. Zu unserer Kultur gehören seit Jahrhunderten viele Einflüsse aus dem Morgenland. Der nicht wegzudenkende Kaffee ist dabei wohl das bekannteste Erbe Arabiens. Also abwarten und Kaffee trinken?

Keinesfalls. Denn mit Beginn des diesjährigen Ramadans haben in Tel Aviv palästinensische Attentäter wahllos Spaziergänger erschossen. Zeitnah kündigten radikale Gruppen weitere Anschläge auf Israelis während des Fastenmonats an. Und in Düsseldorf soll es bei einer Brandstiftung in einem Flüchtlingsheim ebenfalls einen klaren Bezug zum Ramadan geben.
Für Millionen frommer Muslime ist der Fastenmonat Ramadan eine Zeit der Besinnung und der spirituellen Neuausrichtung. Es ist gut, wenn wir ihnen dazu Gottes Segen wünschen. Denn Gott wünscht ein gutes Miteinander, Vergebung und Barmherzigkeit. Und er wünscht einen respektvollen Umgang mit Frauen, den eigenen Töchtern und Andersgläubigen. Dazu finden sich im Koran zahlreiche Hinweise. Leider gibt es auch andere Stellen in der Heiligen Schrift der Muslime. Aber man kann ja den Ramadan zum Anlass nehmen, gewaltverherrlichende Stellen im Koran neu zu gewichten. Das geht – die christlichen Kirchen sind diesen Weg auch gegangen.

Möge Gott geben, dass fromme Muslime im Ramadan eine Zeit spiritueller Erbauung finden. Möge Gott helfen, dass man sich in islamistischen Kreisen neu auf Gott, auf Allah und den Kern des Korans besinnt. Dazu wünschen wir gern einen gesegneten Ramadan!

Ulrich Neuenhausen

Ulrich Neuenhausen

Nein

Ulrich Neuenhausen ist Leiter des Arbeitskreises Islam der Deutschen Evangelischen Allianz.


Erst einmal ist es biblisches Gebot, Menschen zu segnen, unabhängig davon, ob sie gut oder böse sind, richtig oder falsch liegen, sympathisch oder unsympathisch wirken. So sagt es unter anderen Petrus in seinem ersten Brief, Kapitel 3, Vers 9: Vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern im Gegenteil segnet, weil ihr dazu berufen worden seid, dass ihr Segen erbt! Christen begegnen jedem Menschen mit Wohlwollen und wünschen sich von Herzen, dass jeder Mensch Gottes Güte in seinem Leben und Herzen erfährt.

Der für Muslime ausgesprochene Segen im Fastenmonat Ramadan kann allerdings auch missverständlich sein. Wenn damit Fasten als eine fromme Übung bestätigt wird, die Gott gefällt und ihn den Menschen gegenüber gnädig stimmt, dann ist damit das Evangelium selbst in Frage gestellt. Gottes Gnade leuchtet uns in Jesus Christus auf, und nicht in frommen Übungen. Gerade hier liegt ja der entscheidende Unterschied zwischen Islam und christlichem Glauben: Die Mitte des Evangeliums ist eine Person, Jesus Christus, die von Gott gekommen, gestorben und auferstanden und dann wieder zu Gott aufgefahren ist. Es gibt keine Vergebung von Schuld, keine Versöhnung mit Gott ohne diesen Jesus, wie ihn die Bibel verkündigt.

Wenn mein Segnen für Muslime bedeutet, dass ihre frommen Übungen Allah gnädig stimmen, Kompensation von Sünde bewirken und so das Leben im Paradies näherbringen, dann ist es ein falscher Segen. Ich kann nicht muslimische Rituale »ab-segnen«, als wären sie ein alternativer Weg zum Glauben an Jesus Christus. Deshalb möchte ich nur dann Segen wünschen, wenn ich vorher klären kann, was mein Gegenüber darunter versteht.

Während des Ramadans fasten gläubige Muslime ab Morgendämmerung bis hin zum Moment des Sonnenuntergangs. Je nach Jahr dauert der Fastenmonat 29 oder auch 30 Tage. Im Jahr 2016 hat er am 6. Juni begonnen und endet am 5. Juli. Foto: wikipedia

Während des Ramadans fasten gläubige Muslime ab Morgendämmerung bis hin zum Moment des Sonnenuntergangs. Je nach Jahr dauert der Fastenmonat 29 oder auch 30 Tage. Im Jahr 2016 hat er am 6. Juni begonnen und endet am 5. Juli. Foto: wikipedia

Wenn Muslime dem Christentum begegnen

14. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Nichts ist für sie so normal, wie das Reden über den persönlichen Glauben

Günther Beck ist hauptamtlicher Mitarbeiter beim Missionswerk »DMG interpersonal« (früher Deutsche Missionsgemeinschaft) in Sinsheim in Baden-Württemberg. Er arbeitete viele Jahre in arabischen Ländern und begleitet bis heute Muslime, die Christen geworden sind. Harald Krille sprach mit ihm.

Ein Blitz, Saulus stürzt vom Pferd und wird zum Paulus – haben Sie so etwas bei Muslimen auch erlebt?
Beck:
Nein. Aber ich habe schon erlebt, dass Muslime zum Glauben an Christus gefunden haben. Durch Radiosendungen etwa oder Gespräche mit Freunden. In jedem Fall war es kein »Damaskuserlebnis«, sondern ein längerer Prozess mit vielen Gesprächen.

Was motiviert Muslime, sich dem christlichen Glauben zuzuwenden?
Beck:
Es gibt natürlich ganz unterschiedliche Gründe. Ein Mann sagte mir, dass er das Neue Testament las und ihn der Friede, der aus den Seiten strömte, schlicht überwältigte.
Ein anderer nannte mir den Vers, wo Jesus sagt: »Wer eine Frau nur ansieht, sie zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen« (Matthäus 5,28). Ich war überrascht und fragte ihn, warum gerade dieser Vers? Seine Antwort: »Alles, was ich als Moslem machen muss, fasten, beten, Almosen geben, das kann ich erfüllen, auch wenn es manchmal schwierig ist. Aber das, was Jesus hier sagt, das kann ich nicht. Und das zeigt mir, dass hier ein Geist ist, der stärker ist als im Islam.«

Worauf sollten Christen in der Begegnung und im Gespräch mit Muslimen achten?
Beck:
Mein erster Rat: Keine Kommentare oder Wertungen, positiv wie negativ, über den Islam, über den Koran oder Mohammed abgeben. Auch nicht allgemein und theologisch über das Christentum sprechen. Wichtiger ist es, über den eigenen Glauben zu reden. Was bedeutet Jesus für mich, warum bin ich froh, Christ zu sein?

Günther Beck ist ehrenamtlicher bayerischer Pfarrer. Foto: DMGint

Günther Beck ist ehrenamtlicher bayerischer Pfarrer. Foto: DMGint

Das Andere: Fragen stellen. Es gibt im ganzen Koran nur eine einzige Frage, aber das Evangelium ist voller Fragen. Jesus stellt immer Fragen an seine Zuhörer. Und wenn ihn jemand fragt, dann antwortet er oft mit einer Gegenfrage. Mit Fragen zeige ich ja auch mein Interesse. Nicht, ich sage dir jetzt, was ich vom Islam halte, sondern ich frage, was bedeutet zum Beispiel der Ramadan für dich? Wie lebst du das? Was macht dir Freude daran? Und wenn ich genug gefragt habe, dann kommen auch Fragen zurück.

In Deutschland herrscht vielfach die Meinung, Glaube ist so persönlich, darüber redet man nicht …
Beck:
Das empfinden Muslime völlig anders. Glaube ist immer öffentlich. Deshalb redet ein Muslim auch ohne Mühe über seinen Glauben und freut sich in der Regel sogar, wenn er auf ein solches Thema angesprochen wird. Im Gegenteil, wenn wir nicht über unseren Glauben reden, dann erwecken wir eher den Eindruck, wir verstecken etwas oder schämen uns dafür.

www.dmgint.de

Schweiz: Muslimische Teenager lösen Grundsatzdebatte aus

19. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Brennpunkt Sekundarschule Therwil im Kanton Baselland: Hier verweigerten im vergangenen Herbst zwei muslimische Schüler im Alter von 14 und 15 Jahren ihrer Klassenlehrerin den Handschlag bei der Begrüßung, angeblich aus religiösen Gründen. Die Lehrerin meldete den Vorfall der Schulleiterin. Diese traf mit den Schülern schließlich eine »Vereinbarung«. Diese besagt, dass sie weiterhin der Lehrerin den Handschlag verweigern dürfen – unter der Bedingung, dass sie auch den Lehrern die Hand nicht geben. Damit die Lehrerin nicht einseitig diskriminiert wird, wie die Schulleiterin den Entscheid begründete.

Streitpunkt in der Schweiz: Dürfen muslimische Schüler der Lehrerin den Handschlag verweigern? Foto: TecnoFoto Rosni Giuliano – fotolia.com

Streitpunkt in der Schweiz: Dürfen muslimische Schüler der Lehrerin den Handschlag verweigern? Foto: TecnoFoto Rosni Giuliano – fotolia.com

Man könnte den Vorfall unter dem Stichwort »Provinzposse« abbuchen, wenn er nicht den Nerv der Zeit treffen würde. Der Vorfall wurde vor zwei Wochen von der Sendung »Arena« des Schweizer Fernsehens zum Thema »Angst vor dem Islam?« erwähnt und führte sofort zu schweizweiten Schlagzeilen. Die Brisanz des Vorfalls liegt offenkundig darin, dass er eine unbewältigte Wertedebatte tangiert. Hier die nicht ausdiskutierten Fragen um die minimalen Standards einer Integration von Menschen aus anderen Kulturen, namentlich den Muslimen. Dort die anhaltende Genderdiskussion, die immer wieder aufbricht, wenn Frauen angeblich oder offensichtlich diskri­miniert werden.

In der Schweiz wird die Frage einerseits von Rechtspopulisten aus der Schweizerischen Volkspartei aufgegriffen – mit Volksinitiativen wie jene für ein Minarettverbot, die 2009 in der Volksabstimmung angenommen wurde, oder neulich mit der Lancierung einer Burkaverbots-Initiative. Zum andern versuchen gut meinende Pädagoginnen, mit einem Verzicht auf Weihnachtsfeiern die muslimischen Kinder nicht zu brüskieren. Dahinter verbirgt sich letztlich die Frage, ob ein europäisches Land eine Leitkultur postulieren und durchsetzen soll, an der sich Migranten orientieren können. Dies hat in Deutschland zu heftigen Diskussionen geführt und ist auch in der Schweiz ein Tabu-Thema.

Die muslimischen Verbände in der Schweiz sind sich typischerweise nicht einig, wie weit sich Muslime anpassen sollen. Konservative Vertreter wie Montassar BenMrad, Präsident der Föderation Islamischer Dachorganisationen (FIDS), zeigt ein gewisses Verständnis, findet die Vereinbarung von Therwil aber auch nicht glücklich. Er sieht das Gebot des Respekts gegenüber Mitmenschen verletzt, wenn der Handschlag verweigert wird.

Eigentlich wäre jetzt der Anlass gegeben für eine Grundsatzdiskussion über unaufgebbare Werte in einer europäischen Gesellschaft, die für viele (muslimische) Migranten so attraktiv ist. Aber damit scheinen europäische Gesellschaften überfordert zu sein.

Fritz Imhof

Islamischer Extremismus in Deutschland

13. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Expertenmeinung: Die Mehrheit der Flüchtlinge ist friedlich – doch ohne Integration wächst die Gefahr der Radikalisierung

Mit der Gefahr des islamistischen Terrors in Deutschland beschäftigte sich der diesjährige jüdische Jugendkongress. Mehr als 400 Teilnehmer diskutierten dabei in Frankfurt am Main mit hochrangigen Terrorismus-Experten.

Es gehe nicht darum, die jungen Menschen zu verunsichern. Aber man dürfe die Augen nicht verschließen, mahnt Abraham Lehrer, Präsident der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland: »Ich glaube, Juden haben ein besseres Feingefühl, eine größere Empfindlichkeit für diese Dinge, weil Juden im Laufe ihrer Geschichte immer wieder verfolgt und angegriffen worden sind. Von daher haben wir vieles aus unserer Vergangenheit gelernt und wissen, wenn wir uns nicht damit beschäftigen, dann wird es uns vielleicht wieder überrennen.«

BKA-Chef: »IS« will vor allem verunsichern

Auffallend viele hochrangige Terror­experten referierten beim Jugend­kongress. Holger Münch etwa, Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA), sprach über die aktuelle Anschlagsgefahr. Ziel der Dschihadisten sei es vor allem, in Europa Verunsicherung zu verbreiten: »Wir sehen, dass der ›IS‹ das Flüchtlingsthema gezielt nutzt. Zwei der Attentäter, die in Paris eine Rolle gespielt haben, sind über die Balkanroute eingereist. Und wenn man dann seinen Reisepass zum Anschlag mitnimmt, sodass man letztlich eine Visitenkarte für die Polizei hinterlässt, dann kann man davon ausgehen, dass das auch sehr schnell erkannt werden sollte.«

Das Bundeskriminalamt kenne aktuell 471 Gefährder, von denen eine unmittelbare Gefahr ausgehe. Davon lebte aber etwa die Hälfte nicht in Deutschland, 60 bis 70 seien derzeit in Haft, der Rest aber bewege sich auf freiem Fuß. Das Unterstützer-Potenzial, meist aus der salafistischen Szene, schätzt das BKA aktuell auf rund 43 000 Personen.

Enttäuschte Hoffnungen können radikalisieren

Der dschihadistische Terrorismus sei das eine, das andere seien die Millionen Flüchtlinge, die auch bis nach Deutschland gelangten. Holger Münch sieht nicht, dass von ihnen eine höhere Kriminalität oder gar Terrorgefahr ausgehe. Aber es gebe ein gewisses Potenzial in den Asylbewerberheimen: »Wir sehen, dass salafistische Gruppierungen versuchen, bei den Flüchtlingen zu werben. Wir sehen, dass bislang die Anfälligkeit nicht sehr groß ist. Wir haben aber viele Personen, die Brüche in ihrem Leben erlebt haben, die nach Anschluss, nach Halt suchen. Diese Hoffnung kann auch enttäuscht werden. Das alles ist auch ein Nährboden für Radikalisierung«, warnt der BKA-Präsident.

Zweite Generation ist anfälliger für Extremismus

Von einer massenweisen Einschleusung von Dschihadisten nach Europa könne derzeit keine Rede sein, meint auch Peter Neumann, Terrorismus­experte am Londoner King’s College. Die Syrien-Flüchtlinge, von denen viele säkular und eben nicht religiös seien, hält er nicht für »IS«-Sympathisanten. Aber er mahnt zur dringenden Inte­gration dieser Flüchtlinge.
»Was wir aus der Geschichte wissen, ist, dass es typischerweise nicht die erste Einwanderergeneration ist, die für extremistische Gruppen ansprechbar wird, sondern deren Kinder.

Der islamistische Terror hat Europa erreicht. Auf einem Kongress jüdischer Jugendlicher in Frankfurt wurde Ende März nach den aktuellen Fakten gefragt. Illustration: picture alliance

Der islamistische Terror hat Europa erreicht. Auf einem Kongress jüdischer Jugendlicher in Frankfurt wurde Ende März nach den aktuellen Fakten gefragt. Illustration: picture alliance

Wenn das mit der Integration nicht klappt in den nächsten fünf bis zehn Jahren, gibt es eine Frustration, die sich in Richtung des Salafismus oder des dschihadistischen Salafismus lenken lassen kann«, warnt Neumann.

So ähnlich schätzen das auch israelische Terrorexperten ein, etwa Anat Hochberg-Marom von der Herzliya-University in Tel Aviv. Zwar befänden sich Israel und Syrien offiziell immer noch im Kriegszustand. Praktisch aber schwiegen schon lange die Waffen. Man könne nicht davon ausgehen, dass nun alle Syrer automatisch gegen Juden und Israel eingestellt seien. Im aktuellen Bürgerkrieg würden viele Syrer Israelis vielmehr als Helfer erleben.

Die meisten Syrer sind keine verbohrten Muslime

»Wir müssen daran erinnern, dass Israelis im Norden von Israel auf den Golanhöhen verletzten Syrern helfen. Sie sind nicht Feinde, sondern es geht um eine humanitäre Krise und wir versuchen zu helfen. Die meisten Flüchtlinge sind säkular und nicht verbohrte Muslime, die einfach nur Juden hassen«, meint Hochberg-Marom.

Der israelische Sicherheitsexperte Chaim Tomer weist darauf hin, dass Syrien ein heterogener Vielvölker-Staat ist. 80 Prozent sind Muslime, 20 Prozent gehören anderen religiösen Gruppen und Minderheiten an. Zwar hätten die Kriege gegen Israel einst das Land geeint. Doch die Propaganda gegen Juden greife heute nicht mehr. Die Baath-Partei, die Familie Assad und die Alawiten dominierten die sunnitische Mehrheit. Der Feind sei für viele daher zuallererst das eigene Regime.

Jüdische Gemeinden engagiert für Flüchtlinge

Auch in den jüdischen Gemeinden in Deutschland gebe es eine große Bereitschaft, sich für Flüchtlinge einzusetzen, meint Benjamin Fischer. Er ist Präsident der Europäischen Union jüdischer Studenten, die rund 160 000 Mitglieder zählt. Man habe Erfahrung damit, eine Vielzahl von Menschen schnell in die deutsche Gesellschaft integrieren zu müssen, denn ab den 1990er Jahren kamen mit den sogenannten Kontingent-Flüchtlingen viele Juden aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland.

»Das geschah vor allem mit der russischen Sprache. Nun ist es so, dass viele der Geflüchteten aus Syrien Russisch sprechen. Und der Erfahrungsschatz lässt sich nun ganz direkt anwenden. Zudem gibt es viele Juden, die Arabisch sprechen aufgrund der Herkunft aus arabischen Ländern«, betont Benjamin Fischer.

Thomas Klatt

Übergriffe in Flüchtlingsheimen

8. Februar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Meldung ging Anfang Januar durch die Medien: In der kleinen Flüchtlingsunterkunft im anhaltischen Ballenstedt hatte ein muslimischer Syrer einer Christin aus dem nordafrikanischen Eritrea gedroht: »Ich komme im Schlaf und schlachte dein Baby.« Auslöser war eine Diskussion über den Glauben, bei der die Frau sich wohl offen zu ihrem Christsein bekannte. Sie hatte den Mut, die Polizei zu verständigen, die die Drohung erst nahm. Der syrische Mann kam mitsamt seiner Familie zurück in das Aufnahmelager in Halberstadt.

Nicht ausblenden, sondern benennen

Ballenstedts Oberpfarrer Theodor Hering kennt die Frau von ihren gelegentlichen Gottesdienstbesuchen. Es ist in Ballenstedt bisher ein Einzelfall und Hering ist erstaunt über den Widerhall, den die Meldung in den Medien und in Netzwerken fand. Aber er erlebt auch, dass solche Vorfälle heruntergespielt werden. Sicher oft in guter Absicht, keine Ressentiments gegenüber Flüchtlingen im allgemeinen und Muslimen im besonderen zu schüren. »Aber man muss klar zur Kenntnis nehmen, dass es solche Fälle von Bedrohungen gibt, und sie nicht ausblenden, sondern beim Namen nennen«, so der Pfarrer. Die Situation der Christen in den muslimisch dominierten Flüchtlingsunterkünften sei eine große Herausforderung für die ehrenamtlichen Helfer.

Christen sind eine kleine Minderheit in Flüchtlingsunterkünften – viele berichten von Anfeindungen und Hass. Foto: privat

Christen sind eine kleine Minderheit in Flüchtlingsunterkünften – viele berichten von Anfeindungen und Hass. Foto: privat

Das bestätigt auch Cordula Haase, Migrationsbeauftragte der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. In ihrem Arbeitsbereich wisse man »informell« um solche Bedrohungssituationen christlicher Asylbewerber und Flüchtlinge. »Informell« bedeute, dass man von derartigen Vorfällen zumeist nur im seelsorgerlichen Gespräch erführe. Besonders würden Ängste zunehmen, wenn ehemalige Muslime Kontakt zur christlichen Gemeinden finden, die Religion wechseln wollen und den Taufunterricht besuchen, so Haase.

Glaube soll außen vor bleiben

Die Beauftragte gibt offen zu, dass man bisher kaum wisse, wie mit den Problemen umgegangen werden kann. Und sie macht auf ein weiteres Problem aufmerksam: In Sachsen-Anhalt bekämen kirchliche Mitarbeiter Probleme mit den Betreibern der Unterkünfte, wenn seelsorgerliche Anliegen thematisiert würden. »Solange wir nur rein karitative Hilfe anbieten, sind wir willkommen, aber sobald wir über unseren Glauben reden, soll das außen vor bleiben«, beschreibt sie die Situation. Selbst gedruckte Einladungen zu seelsorgerlichen Angeboten dürften in manchen Heimen nicht ausgelegt werden, beklagt Haase.

Dass dies in Thüringen anders ist, bestätigt Adelino Massuvira Joao. Der gebürtige Mosambikaner ist Flüchtlingsbeauftragter des Kirchenkreises Suhl und gehört zum Beirat der großen Flüchtlingsunterkunft in der Stadt. Bedrohungen von christlichen Flüchtlingen erlebt er derzeit nicht. Den einzigen Fall im vergangenen Jahr sieht er vor allem als Folge der damals gravierenden Überbelegung des Wohnheimes. Gelegentliche Rangeleien hätten eher nationale Hintergründe, so Massuvira Joao.

Harald Krille

Gebet ist Fernwärme von innen

23. November 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Zeugnis: Die Ewigkeit mehr in unser Heute einbinden und die gute Botschaft weitergeben

Der IS-Terror versetzt die westliche Welt in Angst und Schrecken. Der Versuch einer geistlichen Einordnung.

Was sind das für Wochen! Die Geschehnisse haben mich nach rationaler Aufnahme nun auch emotional erreicht.

Viele Jahrzehnte konnte ich in den verschiedensten Missionen um die Welt jetten. Dabei Menschen, Lebensweisen, Musik, Religionen und Kulturstätten zu studieren, war das größte Erlebnis. Doch eine große Zahl des (Welt-)Kultur-Erbes besteht nicht mehr. Kann man Geschichte zerstören? Sie lebt in Büchern – in gedruckter wie digitaler Form – weiter; das wird niemand auslöschen können. Die Frage stellt sich, ob man aus dem Geschehenen etwas lernt. Salomo schreibt im Buch Prediger: »Was geschehen ist, wird wieder sein. Was man getan hat, wird man später wieder tun. Es geschieht nichts Neues unter der Sonne. Man gedenkt derer nicht, die früher gewesen sind, und derer, die hernach kommen … es geschieht nichts Neues unter der Sonne.« – Ich befürchte, er behält recht.

Doch was sind die Vernichtungen materieller Güter gegen die Taten, die gegen Menschen gerichtet sind? Schreckliche Bilder der Hinrichtungen von Christen gehen um die Welt, und man blickt wie paralysiert auf die Fernsehschirme, Tablets oder Smartphones. Nahezu zeitnah ist man dabei und findet keine Worte. Christenverfolgungen gab es schon immer – doch noch nie in dieser Dimension. Der stillte Trost kommt in mir hoch, dass die grausam Ermordeten in der Ewigkeit sind. Die Freude darüber sollte überwiegen, doch die Traurigkeit hält stark dagegen. »In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden«, tröstet Jesus und zeigt auf, wie sehr sein Leben und Wirken für die Menschheit ewigkeitsbezogen war. »Wer an mich glaubt, der wird leben –
und ob er gleich stürbe«, sagt Jesus.

Das Wochenende in Paris hat gezeigt: Mittlerweile geht es nicht nur mehr um Christen, sondern gegen alle, die anderen Glaubens sind als die Täter selbst. Mensch gegen Mensch, die Werte schwinden. Was können wir dem bloß entgegensetzen? Wir dürfen die Dinge dieser Welt mit beeinflussender Wirkung vor Gott bringen. Das, was wir Gläubigen mitbekommen haben, um Geschehnissen eine andere Richtung zu geben, liegt in den Patellen (Kniescheiben). »Betet, dass es nicht im Winter geschieht«, sagt Jesus, als er die Endzeit beschreibt. Das heißt, wir können Dinge bewirken! Ernsthaftes Gebet ist immer auch Fernwärme für Menschen, die frieren. Innerlich wie auch äußerlich. Zum Beispiel auch für die, die an unseren Grenzen gerade auf ein besseres Leben hoffen.

Ich bin noch nicht da, wo ich einmal sein möchte, nämlich in der himmlischen Gemeinschaft mit Christus. Aber ich bin auch nicht mehr da, wo ich einmal war. Geprägt von all den vielen Jahren »ohne Gott« in Politik, Wirtschaft und Showbusiness, lebe ich im Heute und darf das Gelernte nun mit einbringen, um Menschen mit der guten Botschaft bekannt zu machen. Wie wunderbar, wenn all unser Schaffen und Reden täglich mehr mit dem Gedanken des Ewigkeitswertes behaftet wäre!

Waldemar Grab

Foto: Wilhelm Georg Adelberger

Foto: Wilhelm Georg Adelberger

Der Autor Waldemar Grab
Waldemar Grab ist Journalist. Von 1976 bis 1982 war er Chef-steward der Kanzlermaschine von Helmut Schmidt, Redenschreiber für Politiker und Wirtschaftsmanager. Der Hobby-Pianist wurde von TV-Produzent Wolfgang Rademann in einer Hotelbar entdeckt und ging 1998 als Showpianist auf das ZDF-Traumschiff »MS Deutschland«. Über das Lesen eines Neuen Testamentes in der Schublade seiner Luxuskabine kam er 2002 zum Glauben an Christus, besuchte eine Bibelschule und gründete 2006 den Verein »Missionswerk Hoffnungsträger«. Auf Haiti baut er derzeit mit Partnern ein Kinderdorf auf und ist mit rund 200 Veranstaltungen pro Jahr auf Konzert-, Vortrags- und Predigttour in Deutschland unterwegs.

Kulturkampf unter Glaubensbrüdern

22. Oktober 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Rumänien: In der Region Dobrudscha leben Christen und Muslime friedlich zusammen – doch längst nicht allen gefällt dies


In Rumänien versuchen derzeit arabische Stiftungen und das türkische Kultusamt Diyanet, den traditionell toleranten Euro-Islam systematisch zu untergraben.

Der Freitag in Konstanza am Schwarzen Meer in Rumänien geht langsam in den Abend über. Aus den Restaurants im historischen Zentrum der Metropole, die unter dem Namen Tomis schon in der Antike eine bedeutende Hafenstadt war, klingt Musik verschiedenster Stilrichtungen. Mitten in dieses Klanggewirr schmettern plötzlich aus Lautsprechern am Turm eines Gebäudes orientalische Klänge: »Allahu akbar!« Einige Minuten dauert der Gebetsruf – und keiner stört sich daran. Die fünftgrößte Stadt Rumäniens in der historischen Region der Dobrudscha ist Sitz eines orthodoxen Erzbistums. Unter den knapp 300000 Einwohnern der Stadt sind aber auch rund sechs Prozent Muslime.

Treue Muslime und loyale Staatsbürger: Für die rumänischen Muslime mit ihrem toleranten Euro-Islam ist dies kein Widerspruch. Doch vom Ausland finanzierte Fundamentalisten kämpfen um Einfluss im Karpatenland. – Foto: Jürgen Henkel

Treue Muslime und loyale Staatsbürger: Für die rumänischen Muslime mit ihrem toleranten Euro-Islam ist dies kein Widerspruch. Doch vom Ausland finanzierte Fundamentalisten kämpfen um Einfluss im Karpatenland. – Foto: Jürgen Henkel

Islam: Seit alters Bestandteil des religiösen Lebens
Für die orthodoxen Rumänen in der Dobrudscha ist der Islam ein selbstverständlicher Bestandteil der religiösen Landschaft. 1878 kam die Region zwischen der Donau und dem Schwarzen Meer vom Osmanischen Reich zum neuen Fürstentum und späteren Königreich Rumänien. Der neue Staat sicherte den Muslimen, ethnisch meist Krim-Tataren und Türken, volle religiöse Freiheit zu, was diese stets mit Loyalität würdigten. Seit rund 800 Jahren leben Muslime und Christen nun friedlich auf dem Gebiet des heutigen Rumänien zusammen, seit Seldschuken auf ihren Eroberungszügen im 13. Jahrhundert den Islam in der Dobrudscha verbreitet haben. Heute ist der Islam als Religionsgemeinschaft staatlich anerkannt wie die Kirchen.

Dass das Zusammenleben bisher so reibungslos klappt ist auch den Muslimen zu verdanken, die sich nicht abschotten. Muslime und Christen begegnen sich im Alltag mit höchstem Respekt. Großmufti Yussuf Muurat hat bei der orthodoxen Fakultät Konstanza seine Doktorarbeit eingereicht zum Thema »Islam und Menschenrechte«. Betreuer war der orthodoxe Erzbischof Teodosie von Tomis/Konstanza.

Laut Großmufti Muurat gibt es drei Typen von Muslimen in Rumänien: die seit Jahrhunderten in der Dobrudscha ansässigen Krim-Tataren und Türken, die rumänische Staatsbürger sind, dann die Muslime aus dem Ausland, die seit 1970 in kommunistischer Zeit zum Studieren oder Arbeiten ins Land gekommen und geblieben sind und mittlerweile in zweiter Generation im Lande leben. Der dritte Typ besteht aus Geschäftsleuten, die nach 1990 ins Land gekommen sind, meist Türken und Araber. Allein in Bukarest leben seiner Aussage nach rund 10000 Muslime.

Die rumänischen Muslime sind traditionell sehr tolerant. Mädchen besuchen Gymnasien, junge Frauen studieren, es gibt keine Schleierpflicht in der Öffentlichkeit. Mischehen sind nicht häufig, stellen aber auch kein Problem dar. Die Dobrudscha gilt bisher unter Kennern als leider viel zu wenig beachtetes Modell gelingenden Zusammenlebens zwischen Christen und Muslimen in Europa.

Reich an Geschichte, aber arm an Geld
Das Muftiat ist indes mit Problemen konfrontiert. Arabern und auch der Türkei missfällt der tolerante Euro-Islam. Achtzehn aus dunklen Kanälen gesteuerte arabische Stiftungen wirken heute auf dem Territorium Rumäniens und unterhalten eigene Gemeinden und Hinterhofmoscheen. »Wir arbeiten mit solchen Stiftungen nicht zusammen, die das Muftiat nicht anerkennen. Das Muftiat ist die älteste muslimische Institution im Lande. Diese kommen nach Rumänien und wissen, dass es hier seit den Zeiten des Osmanischen Reiches ein Muftiat als historische Institution gibt«, kritisiert Muurat.

Sein Muftiat ist reich an Geschichte und Tradition, aber arm an Geld. Die finanziell bestens ausgestatteten Stiftungen ziehen ein Parallelprogramm auf, das mit dem traditionell toleranten Euro-Islam in Rumänien nicht vereinbar ist. Ziel ist eine andere Ausrichtung der Muslime in Rumänien, das als EU-Mitglied ein wichtiges strategisches Ziel auf der Suche nach Gotteskriegern in der EU ist.

Großen Einfluss übt seit der Wende von 1989 auch die Kultusbehörde Diyanet der türkischen Regierung aus. Sie finanziert mit Millionen von Euros Projekte in Rumänien. Und das Kultusamt entsendet im Rahmen einer gezielten Strategie fundamentalistische Prediger, die sich als »Zweitimame« in den Gemeinden breitmachen.

Der Imam von Tulcea am Donaudelta, Nuredin Amdi, spricht Klartext. »Die türkische Regierung schickt uns diese Imame, um unsere Gläubigen zu beeinflussen. Sie wenden sich vor allem an Türken und Roma und können meist kein Wort Rumänisch oder tun zumindest so. Sie bieten den Gläubigen einen Islam als Wunschkonzert bis hin zu Wunderheilungsgebeten, was wir, die Hodschas aus Rumänien, ablehnen. Wenn du Zahnschmerzen hast, geh zum Zahnarzt, nicht zum Pfarrer«, betont er schmunzelnd. Die türkischen Staatsimame sind finanziell bestens ausgestattet und verdienen ein Vielfaches des Gehalts der hiesigen Imame.

Ausländer bringen den Religionsfrieden in Gefahr
Die Gastimame und Stiftungen versuchen derzeit, systematisch unter den friedlichen Muslimen Rumäniens gegen Christen und den Westen Stimmung zu machen. Sie kritisieren das friedliche religiöse Klima und den Euro-Islam als Leisetreterei und Nachgiebigkeit.

Der Mufti und die Imame aus Rumänien hingegen wollen ihren friedfertigen und traditionsreichen Euro-Islam verteidigen. 2015 sind turnusgemäß Neuwahlen der Führung des Muftiats. Aus dem Ausland wird versucht, das seit 2005 amtierende dialogfreundliche Oberhaupt Yussuf Muurat durch einen fundamentalistischen Mufti zu ersetzen. Es tobt ein Kulturkampf unter Glaubensbrüdern mit ungewissem Ausgang.

Jürgen Henkel

Christen zwischen den Mühlsteinen

6. August 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Irak: Sie nennen sich selbst Assyrer und leben seit Jahrhunderten als christliche Minderheit im Norden des Irak

Iraks Christen gehören zu den ältesten Kirchen der Welt. Doch nun geraten sie zwischen die Mühlsteine der islamistischen und der kurdischen Interessen.

Yakoub Afram ist voller Sorgen. Der Vorsitzende der Assyrischen Föderation in Schweden, der größten Interessenvertretung der Volksgruppe in Europa, beobachtet die derzeitige Situation im Irak sehr genau, telefoniert täglich mit den Betroffenen in seiner Heimat.

Assyrer ist die geläufigste Selbstbezeichnung der Christen im Norden Iraks und Syriens sowie im Südosten der Türkei. Sie gehören verschiedenen Kirchen an, haben jedoch als gemeinsames Idiom das Aramäische, eine altsemitische Sprache.

In Mossul gibt es bereits keine Christen mehr, da dort die Truppen der Gruppe Islamischer Staat (IS), eine Vereinigung radikaler Muslime, die Christen praktisch vertrieben hat. Vor dem Einmarsch der Amerikaner im Jahr 2003 lebten in der zweitgrößten Stadt des Landes 50 000 Christen. Seit dem 22. Juni wurde dort zum ersten Mal seit Jahrhunderten kein christlicher Gottesdienst mehr gehalten.

Hunderte von geflohenen irakischen Christen demonstrierten am 24. Juli vor den Büros der Vereinten Nationen in Erbil, der Hauptstadt der kurdischen Region, und forderten mehr Schutz vor dem Terror der islamistischen Truppen. Foto: picture alliance

Hunderte von geflohenen irakischen Christen demonstrierten am 24. Juli vor den Büros der Vereinten Nationen in Erbil, der Hauptstadt der kurdischen Region, und forderten mehr Schutz vor dem Terror der islamistischen Truppen. Foto: picture alliance

»Die meisten Flüchtenden aus Mossul kommen in die Ninive-Ebene, dort ist die Situation etwas besser«, erläutert Yakoub Afram.Die Region gilt als eine der letzten im Nahen Osten, in der Christen in der Anzahl dominieren. Die fruchtbare Ninive-Ebene gilt als Brotkammer des Irak, worauf freilich die im Norden ansässigen Kurden schon lange öffentlich Ansprüche anmeldeten.

Die Kurden nutzten die Konfliktsituation mit den IS-Truppen aus, um ihre eigene Position in der Ninive-Ebene zu stärken. Demnach hätten am 25. Juni kurdische Einheiten sunnitische Araber nahe der Stadt Al Hamdaniya, rund 30 Kilometer südöstlich von Mossul, angegriffen. Dort gingen bereits Gerüchte um, dass IS-Truppen die Stadt einnehmen würden, was eine Massenpanik unter den vornehmlich assyrischen Einwohnern auslöste.

Ziel der (vornehmlich sunnitischen) Kurden sei es, die Stadt Tigrit als südliche Grenze des autonomen Kurdengebietes zu etablieren. Seit dem 9. Juni, seit die irakischen Streitkräfte nach Süden geflohen sind, weht in allen Gegenden, wo Minderheiten leben und die Kurden militärisch dominieren, die kurdische Fahne. Teils hätten auch die Kurden Assyrer verhaftet und deportiert, so Afram. Afram glaubt, dass den Assyrern die Erlaubnis gegeben werden müsste, sich selbst zu bewaffnen. Es gab seit 2005 Anläufe, für die Bewohner der Region der Ninive-Ebene eine regionale Streitmacht in Bataillonsstärke zu etablieren. Auch das amerikanische »Joint Operation Center« war in den Beschluss mit einbezogen. Aber die Kurdische Regionalregierung sowie Vertreter der Demokratischen Partei Kurdistans hätten dies verhindert. Es existierten darum heute keine bewaffneten Gruppen auf Seiten der Assyrer, die ernsthaften Widerstand leisten können.

Die kurdische Okkupation würde zudem den Autonomiebestrebungen der Region zuwiderlaufen, die vor Kurzem umgesetzt werden sollten. Der irakische Ministerrat stimmte im Januar dafür, der Ninive-Ebene den Status einer Provinz zuzugestehen, um den Assyrern mehr Autonomie zu ermöglichen und sie zum Bleiben zu bewegen. Denn von den einst etwa 1,5 Millionen Christen im Irak sind seit dem zweiten Golfkrieg 2003 bereits mehr als eine Million geflohen.

Die Föderation in Schweden fordert deshalb eine »Fact-Finding-Mission«, die die Ereignisse um Al Hamdaniya untersucht, sowie eine internationale Unterstützung für mehr politische Selbstständigkeit der Bevölkerung der Ninive-Ebene.

Doch die unmittelbare Gefahr für Leib und Leben droht aktuell von den IS-Truppen. Viele Assyrer sind deshalb nach Norden, nach Ankawa geflohen, einer vornehmlich von Assyrern bewohnten Vorstadt der kurdischen Metropole Arbil. Dort versucht sie Ignatius Joseph III., Patriarch der syrisch-katholischen Kirche zur Rückkehr zu motivieren. »Unser Überleben steht auf dem Spiel«, sagte der Geistliche kürzlich gegenüber dem schwedischen Staatsfernsehen. »Wir müssen darum mutig sein und uns verteidigen.«

Die Stadt schwillt von christlichen Flüchtlingen immer mehr an, die teilweise ohne Hab und Gut fliehen mussten. Ignatius Joseph III. sieht die Ursache für den militärischen Erfolg der Islamisten in der Finanzierung durch arabische Staaten. Der Westen kritisiere dies nur deshalb nicht so laut, da er das Öl dieser Staaten brauche, so der streitbare Geistliche.

Wer es sich von den verbliebenen Christen im Irak leisten kann, flieht in den Westen. Schweden fährt eine besonders großzügige Flüchtlingspolitik. Von den Assyrern kennt fast jeder die schwedische Stadt Södertälje, in der Mittelstadt sind bereits ein Drittel der Bevölkerung syrischer Herkunft. Das nordische Land wird so bald das Zentrum der orientalischen Christen sein, sollte sich die Regierung in Bagdad nicht behaupten können.

Jens Mattern

Liebe in dreifacher Weise

17. Juni 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Dem Geheimnis der Dreieinigkeit Gottes auf der Spur

Vor einiger Zeit besuchte eine Gruppe von Juden, Christen und Muslimen gemeinsam die Synagoge, die Moschee und eine der Kirchen am Ort. In der Synagoge wurde ihnen elementar und verständlich die besondere Bedeutung der Thorarollen vor Augen geführt. In der Moschee erklärte ihnen ein Student mit einfachen Worten die fünf Säulen des Islam. In der evangelischen Kirche ging der Pfarrer zu ihrem Erstaunen zunächst auf das Gesangbuch ein, das die Besucher am Eingang erhielten. Er hob die besondere Rolle der Kirchenmusik hervor und ließ dies mit einem ausführlichen Orgelstück unterstreichen. Danach erklärte er Altar, ein wenig die Bibel, ausführlicher Kanzel und Fenster. Wohl aus Rücksicht auf die Besucher fand das Kreuz hinter dem Altar keine Erwähnung. Der Frage einer Muslimin, warum die Christen nicht nur Allah allein verehren, wich er aus. Die Sache mit der Dreieinigkeit Gottes sei ziemlich kompliziert und auch unter Christen nicht ganz unumstritten.

Diese peinliche Situation macht deutlich, welche Unsicherheit und Sprachlosigkeit an den Tag kommt, wenn Christen die Bedeutung der Dreieinigkeit Gottes erklären sollen. Dabei ist sie im Grunde nicht schwer zu verstehen. In einem Gespräch mit Andersgläubigen sollte zunächst einmal klar werden: Christen glauben an den einen und einzigen Gott, nicht weniger als Juden und Muslime. Der christliche Glaube ist eindeutig ein monotheistischer Glaube. Auch für Christen gilt ohne Abstriche das erste Gebot. Der Glaube an den dreieinigen Gott will den Glauben an den Gott Israels nicht ersetzen. Im Licht des Lebens und Sterbens Jesu interpretiert er ihn aber auf neue Weise.

Die Heilige Dreifaltigkeit. Ein Fresko aus dem 15. Jahrhundert. Foto: Archiv für Kunst und Geschichte

Die Heilige Dreifaltigkeit. Ein Fresko aus dem 15. Jahrhundert. Foto: Archiv für Kunst und Geschichte

Die Lehre von der Dreieinigkeit oder Dreieinheit Gottes ist der Versuch der ersten Christengemeinden, sich selbst und andere Menschen von ihrem Gottesglauben denkend Rechenschaft zu geben. Bereits das Neue Testament wirft die Frage auf, in welchem Verhältnis Jesus eigentlich zu Gott steht. Ist er etwa einer der großen Propheten? Für die Jünger ist er mehr. Petrus bekennt, er sei der »Christus, der Sohn des lebendigen Gottes« (Matthäus 16,16).

Auch an vielen anderen Stellen der Evangelien wird hervorgehoben, dass Jesus nicht nur ein besonderer Mensch war, sondern zugleich ganz auf die Seite Gottes gehört. Wenn dafür der Ausdruck »Gottes Sohn« benutzt wird, meint dies nicht ein biologisches Abstammungsverhältnis, sondern die Wesenseinheit zwischen Gott und Jesus. In ihm begegnet der Mensch also Gott selbst, hat das allgegenwärtige, liebende Wesen Gottes menschliche Gestalt angenommen.

Wie aber kommt ein Mensch zu einer solchen Erkenntnis? Sicher nicht aus sich selbst heraus. Dass Jesus der Messias und »Gottes Sohn« ist, diese Erkenntnis muss ihm vielmehr vom »Vater im Himmel« gegeben werden (Matthäus 16,17). Damit kommt eine dritte Größe ins Spiel: Der »Geist Gottes«, auch »Heiliger Geist« genannt.

Das Konzil von Konstantinopel bringt es im Jahre 381 auf den Punkt: Die Gewissheit des Glaubens wird den Christen durch den Heiligen Geist zuteil, der »aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht« (Bekenntnis von Nicäa-Konstantinopel). Damit ist die Lehre von der Trinität im Kern formuliert, dass es Gott selbst ist, der in Jesus Mensch wurde und wirkte. Dass es dreimal ein und derselbe Gott ist, der sich in seinem dreifachen Sein den Menschen liebevoll zuwendet: als fürsorglicher Schöpfer – Vater mit mütterlichen Zügen – befreiender Erlöser und Mut machende Lebenskraft. Drei Seiten des einen Gottes. Der Gott, an den Christen glauben, ist also nicht der Alleinherrscher, der einsam in seinem Himmel thront, sondern der Gott, der sich in Liebe den Menschen zuwendet, ihnen durch Jesus Christus Vergebung und Befreiung schenkt und sie durch seinen Geist tröstet und ermutigt. Keine drei Götter also, sondern ein Gott, der Liebe ist, Liebe in dreifacher Weise.

Verschiedene Bilder können helfen, diese Dreieinheit Gottes zu veranschaulichen: So findet sich in der Kunst immer wieder das Bild vom gleichseitigen Dreieck, in dessen Mitte ein Auge zu sehen ist, das für die personhafte Wirklichkeit Gottes steht. Im Dreieck sind ebenso wie im dreieinigen Gott drei und eins kein Widerspruch.

Ein anderes Beispiel für die Trinität ist der Dreiklang in der Musik: Grundton, Terz und Quinte sind zwar drei unterschiedliche Töne, bilden aber einen Gesamtklang. In diesem Beispiel werden auch die Unterschiede zwischen den drei Seinsweisen deutlich.

Und auch das Bild vom Wasser in seinen drei Aggregatzuständen kann helfen: als Flüssigkeit, Eis und Wasserdampf. Ganz ähnlich ist es mit Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist: Die Kraft, die sie so untrennbar miteinander verbindet, dass sie eins sind, ist die Liebe. Aus Liebe schenkte Gott, der Schöpfer, das Leben. Aus Liebe sandte er den Sohn. Aus Liebe verkündigte Jesus die Botschaft der Versöhnung und des Friedens. Aus Liebe ging er für die Menschen den Weg des Leidens bis zum Kreuz. Liebe ist auch das Wesen des Geistes, denn er macht Menschen bereit, einander zu helfen und beizustehen. »Gott ist Liebe«, heißt es im 1. Johannesbrief (4, 8). Das Geheimnis der Dreieinigkeit ist die Liebe. An den Sonntagen, die dem Trinitatisfest folgen, wird es in den biblischen Texten, über die in den Kirchen nachgedacht wird, immer wieder um diese Frage gehen: Wie kann die Liebe des dreieinigen Gottes in unserem Leben Früchte tragen?

Wolfgang Riewe

Grausam ist der Krieg

20. Mai 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Gottesdienst begleitet internationales Theaterprojekt in Gera

Eine blutverschmierte Folienlandschaft und eine völlig neue Sichtweise auf den Theaterraum erwarten die Besucher der aktuellen Inszenierung »Die Frauen von Troja« der Theater & Philharmonie Thüringen Gera-Altenburg. Die Besucher sitzen auf der Bühne mit Blick in den Theatersaal. Es wurde eine schockierende Kulisse geschaffen, die mit dem Inhalt des Stückes korrespondiert. Diese Produktion ist außergewöhnlich für die Theaterlandschaft. Schauspieldirektor Bernhard Stengele bringt reiche Erfahrungen bei der Umsetzung antiken Materials aus seiner Wirkungszeit in Würzburg mit und kann auf eine gute Zusammenarbeit mit Ulrich Sinn aufbauen. Er ist Altphilologe und hatte über zehn Jahre einen Lehrstuhl für klassische Archäologie an der Universität Würzburg inne. Für das Theater hat Sinn einen antiken Zyklus des Euripides ausgewählt, »Die Troerinnen« übersetzt und ist als wissenschaftlicher Berater zugleich der Projektleiter der aktuellen Inszenierung.

Die Frauen klagen an – Szene aus der internationalen Produktion »Die Frauen von Troja« am Theater Gera-Altenburg. Foto: Wolfgang Hesse

Die Frauen klagen an – Szene aus der internationalen Produktion »Die Frauen von Troja« am Theater Gera-Altenburg. Foto: Wolfgang Hesse

»Die Frauen von Troja« sind eine internationale Kooperation von Theater & Philharmonie Thüringen mit dem Tiyatro Medresesi S¸irince (Türkei) und dem Samos Young Artists Festival (Griechenland). Neben Gera und Altenburg wird die Inszenierung in der Türkei und auf Samos (Griechenland) gezeigt. Schauspielerinnen und Schauspieler aus der Türkei, Griechenland, Deutschland, Bulgarien und Burkina Faso gehören zum Ensemble und unternahmen gemeinsam eine Recherchereise an historische Orte des Euripides. »Während dieser Exkursion wurde allen Beteiligten unmissverständlich klar, wie aktuell das Stück in unsere Zeit passt«, sagt Sinn. »Wir erlebten Flüchtlinge aus Syrien und vom Krieg traumatisierte Frauen. Es gibt noch heute so viel Trennendes zwischen den Völkern. Erstaunt haben die Frauen aus der Türkei und aus Griechenland bei den Proben die gemeinsamen Wurzeln ihrer beiden Kulturen wiederentdeckt. Die Schrecken des Krieges sind nach dem Untergang Trojas allgegenwärtig. Euripides zeichnet die Situation und das Leid aus der Perspektive der Frauen, die zurückbleiben und ihrer Versklavung oder dem Tod ins Auge schauen. Stengele lässt die Wut der Frauen noch intensiver erscheinen, indem er den deutschsprachigen Text mit griechisch und türkisch gesprochenen Passagen verbindet. In einer Zeit, wo Kriege mit der Maßgabe, diese zu gewinnen, ausgelöst werden, stehen die Worte Euripides als Mahnung und Anklage: »Der Krieg kennt keine Sieger, denn jeder Krieg bringt nur Verlierer, vernünftig ist, wer keinen Krieg beginnt.«

Ein Theatergottesdienst in der Geraer Salvatorkirche gehört zum Begleitprogramm der Inszenierung. Die Kantorei St. Salvator unter Leitung von Mike Nych und Chorszenen aus »Die Frauen von Troja« werden im Gottesdienst zum Sonntag Kantate eine ganz besondere und spannungsvolle Verbindung eingehen. Pfarrer Frank Hiddemann wird in seiner Predigt die jüdisch-christliche Auffassung eines Gottes, der sich an Gerechtigkeit bindet, mit dem tragischen Geschichtsverständnis der Antike konfrontieren. Bernhard Stengele rückt in seiner Inszenierung die beiden Welten eher zusammen: »Wir haben relativ oft das Wort Götter durch Gott ersetzt, um den Namen ›Gott‹ auf der Seite der Gewinner anzuprangern. Alle sogenannten gerechten oder heiligen Kriege, ob nun von Muslimen oder Christen geführt, berufen sich bis heute auf Gott und da kommt bei mir das Gefühl auf: Hier stimmt etwas nicht.« Wolfgang Hesse

Bühnen der Stadt Gera, Großes Haus, 24. 5., 19.30 Uhr, 25. 5., 18.00 Uhr, 31. 5., 19.30 Uhr Kirche St. Salvator Gera

»Gedenk, o Mensch, dass du Staub bist«

5. März 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Was hinter dem Aschermittwoch steckt – Bruch, Umkehr, Innehalten, Befreiung und Hoffnung für Burn-out-Kranke

In der Domkirche von Halberstadt trieb sich vor gar nicht so langer Zeit an jedem Aschermittwoch ein zerlumpter, vermummter Mensch herum, den man nach dem Gottesdienst auf die Straße jagte. Bis Mitternacht musste dieser »Adam«, wie man ihn nannte, barfuß durch die Gassen laufen und sich vor jeder Kirche verneigen. Das wiederholte sich nun täglich bis zum Gründonnerstag; da wurde »Adam« feierlich wieder in die Gemeinde aufgenommen und erhielt eine schöne Stange Geld, das man für ihn gesammelt hatte. »Adam« diente den Halberstädtern buchstäblich als Sündenbock, denn man glaubte, dass er mit seinem unentwegten Herumpilgern die Schuld der ganzen Stadt abgebüßt hatte.

So streng und finster ging es einstmals zu in der Fastenzeit. Fleisch zu essen und Tanzveranstaltungen abzuhalten, war vielerorts gesetzlich verboten und wurde von der staatlichen Obrigkeit geahndet.

Spenden des Aschekreuzes. Foto: Wikipedia

Spenden des Aschekreuzes. Foto: Wikipedia

Der barfuß durch die Straßen laufende »Adam« von Halberstadt erinnert an eine drakonische Sitte: die Austreibung der sogenannten öffentlichen Sünder am Aschermittwoch. Mörder, Gottesleugner, Ehebrecher bekannten im frühen Mittelalter ihre Schuld nicht privat im Beichtstuhl, sondern in der Kirche vor der ganzen Gemeinde. Während der Fastenzeit mussten sie dann ein Bußgewand tragen, durften sich nicht waschen und rasieren, stellten sich bisweilen auch am Sonntag vor das Kirchenportal, wo sie von den Gottesdienstbesuchern mit einer Rute geschlagen wurden – wenn auch sanft und dezent, in der Regel. Erst am Gründonnerstag nahm sie der Bischof wieder in die kirchliche Gemeinschaft auf.
Das heute noch im katholischen Aschermittwochsgottesdienst übliche Aschenkreuz ist eine schwache Reminiszenz an solch strenge Bräuche. Den Ritus gibt es seit dem zehnten Jahrhundert, die Asche gewinnt man aus den im Vorjahr bei der Palmprozession geweihten Zweigen. Der Priester segnet die Asche und streut sie den Gottesdienstbesuchern aufs Haupt oder er zeichnet ihnen ein Aschenkreuz auf die Stirn. Dabei zitiert er einen Satz aus der Schöpfungserzählung der Bibel: »Memento homo, quia pulvis es et in pulverem reverteris – gedenk, o Mensch, dass du Staub bist, und zum Staub wirst du zurückkehren.«

In der Bibel und im Volksmärchen – Stichwort Aschenputtel – bedeuten Staub und Asche dasselbe: etwas Flüchtiges, völlig Gewöhnliches, komplett Wertloses. Hiob sitzt traurig in der Asche, nachdem er alles verloren hat, seine Habe und seine Familie. Wenn ein neuer Papst in sein Amt eingeführt wird, verbrennt ein Kardinal vor seinen Augen einen Wollfaden, um ihn daran zu erinnern, dass alle Herrlichkeit der Welt vergeht und auch die Papstwürde nur auf Zeit verliehen wird.

Seit Gott in Jesus Mensch geworden ist, vergänglicher, verwehender Staub, besteht allerdings Hoffnung, dass dieses nichtige Menschenleben geliebt ist, gerettet werden wird und eine Zukunft über den Tod hinaus hat. Burn-out, Tristesse, Depressionen, der Verlust von Schwung und Daseinsfreude, die bittere Sehnsucht nach Visionen und Perspektiven: Viele Menschen leiden heute darunter, dass unter der Asche ihres Lebens jede Glut erloschen ist. Das Bild hat aber auch eine positive Seite: Asche reinigt, wäscht den schmutzigen Belag ab, der vielleicht auch die Seele verkleistert und behindert.

Harte, provokante Bibeltexte sind am Aschermittwoch in den Kirchen zu hören: »Kehrt um zu mir von ganzem Herzen mit Fasten, Weinen und Klagen. Zerreißt eure Herzen (…) und kehrt um zum Herrn, eurem Gott!« – »Hab Mitleid, Herr, mit deinem Volk und überlass dein Erbe nicht der Schande.« – »Jetzt ist sie da, die Zeit der Gnade; jetzt ist er da, der Tag der Rettung. (…)

In allem erweisen wir uns als Gottes Diener: durch Standhaftigkeit, in Bedrängnis, in Not, in Angst, durch Fasten, durch lautere Gesinnung, durch Güte.«

In alten Bräuchen, die anscheinend halb zum Fasching und halb zur Fastenzeit gehören, ist der Bruch spürbar: etwa im Geldbeutelwaschen am Morgen des Aschermittwoch. Die Symbolik ist klar: trauriger Abschied vom großzügigen Herumlumpen während der tollen Tage, aber auch Befreiung vom Besitzdenken und Materialismus. Oder am selben Tag das Fischessen: Schließlich ist der Fisch die älteste Chiffre für Christus, ein geheimes Erkennungszeichen aus der Zeit der Katakomben, denn die griechischen Anfangsbuchstaben der Formel »Jesus Christus, Gottes Sohn, Retter« ergeben das Wort »ichthys«, Fisch. Wenn man das weiß, dann kann dieses Fischessen ein sprechendes Zeichen der Umkehr zu Christus sein.

Viele Menschen – und auch immer mehr Mediziner – entdecken das Fasten heute neu als einen Weg der inneren Freiheit. »Verzichten ist ein Zeichen von Stärke«, sagt der Benediktiner Anselm Grün und zitiert Sigmund Freud: Wer nicht verzichten kann, vermag kein starkes Ich zu entwickeln. Grün: »Und wer immer sofort jedes Bedürfnis befriedigen muss, der kann nicht wirklich genießen.«

Verzicht als Ermöglichung von Freiheit. Befreiung vom Zwang, dauernd zu trinken, klingt doch schon viel besser als Alkoholverbot. Wer Handy und PC nicht auch mal ausschalten kann, wird Schwierigkeiten im direkten Kontakt mit Menschen bekommen. Der Workaholic, der keine Erholung kennt, geht kaputt, seelisch und körperlich. Der Kontrastbegriff zum Verzicht heißt Sucht.

Fastenzeit: Sich von Überflüssigem trennen. Abhängigkeiten überwinden. Sich wieder an einfachen Dingen freuen. Die Lebensmitte wiederfinden. Das Sein höher schätzen als das Haben. Umkehren, sich aus Schuldverstrickungen lösen ist nichts Lebensfeindliches. Und die Einschränkungen beim Essen und Trinken sind nur Chiffre, Symbol für das, was eigentlich gemeint ist: Neuorientierung, Bewusstseinsveränderung, Kehrtwende.

Auch die Muslime kennen eine solche Zeit der Umkehr, arabisch Ramadan genannt, »der heiße Monat«. Muslime kombinieren das Fasten mit Meditieren, Schweigen, Koranlesen. Christen fasten ebenfalls, um Heilung für ein verwundetes, krankes, desorientiertes Leben zu finden und für Gott frei zu werden – aber sie haben noch eine zusätzliche Motivation: Sie fasten, wie es Jesus getan hat; und sie bereiten sich damit auf Ostern vor, das Fest der Auferstehung, wo die Fülle des Lebens gefeiert wird und alle Grenzen überschritten werden, auch die des Todes.

Deshalb sprechen die Katholiken heute lieber von »österlicher Bußzeit« als von Fastenzeit; die Protestanten halten am Begriff »Passionszeit« fest. Dem einen großen Gedanken der Umkehr, der Lebenswende dienen all die uralten und großteils vergessenen Riten und Bräuche in diesen Wochen, in denen zu besonderen »Fastenpredigten« und »Bußgottesdiensten« eingeladen wird und deren Sonntage geheimnisvolle Namen tragen: Okuli, Lätare, Judika nach den lateinischen Anfangsworten der uralten Eingangsgesänge Fastenzeit, Passionszeit, österliche Bußzeit: ein Weg der Umkehr, eine Entdeckungsreise in das eigene Innere, ein Abenteuerurlaub von den eingefahrenen Gewohnheiten, eine aufregende Suche nach neuen Möglichkeiten und Visionen. Die Suche beginnt mit der Frage, woran unser Herz hängt, was wir aufzugeben bereit sind, wonach wir uns sehnen, wo wir eigentlich hin wollen.

Wie es der protestantische Theologe Jörg Zink einmal ganz einfach und doch ziemlich poetisch ausgedrückt hat: »Herr, in deiner Hand verwandelt sich die Welt. Du sprichst: Ich bin die Auferstehung und das Leben! Und alles ändert sich vor unseren Augen. (…) In Christus ist die Erde auferstanden.«

Christian Feldmann

Solche Menschen braucht das Land

12. Februar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Zentralafrikanische Republik: Wenn Christen und Muslime gemeinsam der Gewalt widerstehen

Ein blutiger Bürgerkrieg tobt in der Zentralafrikanischen Republik. Doch es gibt  Menschen, die der Gewalt widerstehen.

Der katholische Pfarrer Xavier Fagba ist ein mutiger Mann. Rund 850 Muslime in der Stadt Boali in der Zentralafrikanischen Republik verdanken ihm ihr Leben. Mit seinem entschlossenen Eingreifen verhinderte er ein Massaker an Angehörigen der muslimischen Minderheit.

Es ist Mitte Januar 2014 und es hatte Übergriffe muslimischer Kämpfer auf Christen gegeben. Nun drohen Milizen mit Rache. Pfarrer Fagba erkennt, wie gefährlich die Lage für die Muslime in Boali ist. Seit zwei Monaten gibt es keine Polizei mehr in der vom Bürgerkrieg heimgesuchten Stadt. Es ist niemand mehr da, der die Zivilisten schützen könnte.

Pfarrer Xavier Fagba setzt Zeichen gegen den auflodernden Hass: Als christliche Milizen im zentralafrikanischen Boali Racheakte an der muslimischen Bevölkerung verüben wollen, nimmt er rund 850 Menschen in seine Kirche auf und bewahrt sie so vor der Gewalt. Foto: FRANCE24 (Screenshot)

Pfarrer Xavier Fagba setzt Zeichen gegen den auflodernden Hass: Als christliche Milizen im zentralafrikanischen Boali Racheakte an der muslimischen Bevölkerung verüben wollen, nimmt er rund 850 Menschen in seine Kirche auf und bewahrt sie so vor der Gewalt. Foto: FRANCE24 (Screenshot)

Am 17. Januar wirft sich Fagba seine Soutane über und geht in den Stadtvierteln der Muslime von Haustür zu Haustür. Er bietet den Menschen Schutz in seiner Kirche an. Auch in die Moscheen geht der Pfarrer und lädt eindringlich dazu ein, nicht zu zögern, sondern vor den mordenden Milizen in sein Gotteshaus zu flüchten.

Fast alle Muslime folgen seinem Ruf. Tatsächlich werden die Moscheen und die Häuser der Muslime von den Milizen verwüstet. Doch in der Gemeindekirche Sankt Peter, in der die muslimischen Zivilisten und rund 200 Christen Schutz gesucht haben, kommt niemand zu Schaden. Pfarrer Fagba hat sie vor dem Schlimmsten bewahrt.

Mutige Taten wie diese braucht die Zentralafrikanische Republik, um den Hass zwischen Christen und Muslimen zu überwinden. Christen stellen rund 80 Prozent der Bevölkerung, während 15 Prozent Muslime sind. Muslimische Seleka-Milizen haben in den vergangenen anderthalb Jahren immer wieder Christen angegriffen und Massaker begangen. Mit dem Ende der von Seleka-Milizen gestützten Übergangsregierung wittern nun andere Milizen die Chance, sich für diese Verbrechen zu rächen.

Ulrich Delius ist Leiter des Asien-/Afrikareferates der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV), Postfach 20 24, 37010 Göttingen, E-Mail:   www.gfbv.de

Ulrich Delius ist Leiter des Asien-/Afrikareferates der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV), Postfach 20 24, 37010 Göttingen, E-Mail: www.gfbv.de

Der Kreislauf der Gewalt wird nur schwer zu durchbrechen sein. Schon warnen die Vereinten Nationen vor einem Religionskrieg, der Züge eines Völkermordes annehmen könne. Zwar betonen führende Vertreter beider Glaubensgemeinschaften, dass Christen und Muslime in der Zentralafrikanischen Republik traditionell in Frieden miteinander leben. Erzbischöfe und Imame weisen aber auch darauf hin, dass Religion in dem vom Bürgerkrieg erschütterten Land von Milizen missbraucht wird, um neuen Hass zu säen. Armut, politische Machtkämpfe und Hoffnungslosigkeit bei der Bevölkerung schüren die Auseinandersetzungen zusätzlich.

So wird der Weg zu einer Versöhnung zwischen Christen und Muslimen in der Zentralafrikanischen Republik lang und steinig sein. Es braucht nicht nur viel Austausch und Kooperation, sondern auch internationale Friedenstruppen, die sich zwischen die verfeindeten Gruppen stellen und für den Wiederaufbau eines funktionierenden Staatswesens sorgen.

Ulrich Delius

Wenn uns die Wahrheit abhandenkommt …

15. Oktober 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Im Gespräch: Der Theologe Michael Trowitzsch sieht in der gegenwärtigen Toleranzdiskussion die Wahrheit der christlichen Botschaft bedroht

Im Rahmen der Reformationsdekade steht das Jahr 2013 ­unter dem Thema »Reformation und Toleranz«. Wo beginnt Toleranz, wo hat sie ihre Grenzen? Für den Theologen ­Michael Trowitzsch gibt es beim Dialog mit anderen ­Religionen klare Grenzen. Mit ihm sprach Sabine Kuschel.

Herr Professor Trowitzsch, im Themenjahr »Reformation und Toleranz« wird auch das Miteinander der Religionen beleuchtet. Wo sehen Sie im interreligiösen Gespräch die Grenzen der Toleranz?
Trowitzsch:
Ich möchte einfach eine Sorge zum Ausdruck bringen: dass uns nämlich über den Begriff der ­Toleranz die Wahrheit abhandenkommt. Ich rede jetzt nicht vom Staat. Der hat sich »weltanschaulich neutral« zu verhalten. Gemeint sind Theologie und Kirche. Das heißt, wenn in Theologie und Kirche »Toleranz« auf Kosten der Wahrheit propagiert wird, dann verlieren zentrale Perspektiven des Neuen Testaments ihre orientierende Kraft. Das wiederum bedeutet, dass wir dann eine ganze Reihe von tragenden, erfreulichen, herrlichen Aussagen des Neuen Testaments einfach ignorieren müssen oder ihnen geradezu widersprechen, etwa: »Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.«

Michael Trowitzsch hatte bis 2010 den Lehrstuhl für Systematische Theologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena inne. Foto: privat

Michael Trowitzsch hatte bis 2010 den Lehrstuhl für Systematische Theologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena inne. Foto: privat

Also, wenn Toleranz heißen sollte, dass dieser Anspruch Jesu relativiert oder durchgestrichen wird, dann müssen Christen, Theologen sagen: In aller Ausdrücklichkeit: Nein. Wohin man schaut im Neuen Testament: Es wird – mit Freude! – von der Offenbarung Gottes selbst geredet: »Das Wort ward Fleisch.« Und Christus ist »das Lamm Gottes, welches die Sünde der Welt trägt«. Die der Welt! Alles das sind Aussagen, die einfach von einer letzten, guten, unüberbietbaren Wahrheit wissen, vom Evangelium Gottes.

Wo genau sehen Sie diese Gefahr?
Trowitzsch:
Etwa beim Gespräch mit dem Islam. Ich beobachte auch unter Christen die verbreitete generelle Meinung, dass die Offenbarung in Jesus Christus nur eine von vielen religiösen Wahrheiten ist. Hier muss ich sehr deutlich sagen: Das ist unerträglich, das geht gar nicht. In diesem Sinne läge mir an einer klaren Bestimmung des Begriffs und der Sache der Toleranz. Die Grenzen sind dort überschritten, wo der einfache, deutliche, überaus positive Wahrheitsanspruch des Neuen Testaments über den Haufen geworfen wird.

Was bedeutet das für das christlich-islamische Gespräch?
Trowitzsch:
Natürlich hat das dann Konsequenzen. Wir Christen sagen: Jesus Christus, das ist die (unantastbare) Wahrheit, der Weg (zum ewigen Leben), das (wache irdische) Leben. Von dieser Erkenntnis aus muss dann ein – sicher kontroverses und konfliktreiches – Gespräch geführt werden. Von diesem guten Anspruch können wir aber nicht abrücken, wenn wir nicht unsere Sache, wenn wir nicht Christus selbst verraten wollen. Auf der anderen Seite vertreten auch die Muslime ihre Wahrheit. Also, es gibt in diesem Sinne keine Möglichkeit, sich zu einigen. Die zentralen Punkte des Glaubens bleiben kontrovers. Friedrich der Große vertrat ja den Grundsatz: »Jeder soll auf seine Fasson selig werden.« Nun gut, das ist der Staat. Dem wird man als Christ, als Theologe, entgegenhalten: Jeder soll auf die Fasson Gottes selig werden. Darauf kommt dann natürlich sofort der Einwand: »Meinst du denn zu wissen, was die Fasson Gottes ist?« Antwort: Ja! Mit dem Neuen Testament geredet: Jeder soll auf die Fasson Jesu Christi selig werden.

Die Frage ist also, ob es eine defi­nitive, universale Offenbarung gibt, ausnahmslos für alle Menschen bestimmt. Im Neuen Testament wird ­genau das – mit Freude! – behauptet. Niemand ist ausgeschlossen, Gott sei Dank! Eine Offenbarung Gottes, die nicht überholt werden kann. Im Islam hingegen wird gesagt: Sie ist überholt worden durch Mohammed und den Koran. Das ist einer der wesentlichen Konfliktpunkte.

Im Gespräch mit dem Islam ist ein weiterer Streitpunkt, ob wir an einen Gott glauben oder nicht. Ist der christliche Gott derselbe, den Muslime anbeten?
Trowitzsch:
Nein. Wer Gott sei, wird im Christentum und im Islam sehr unterschiedlich gesehen. Ob der maßgebliche Prophet, Mohammed, als Heerführer hervortritt oder ob Christus, Gottes Sohn, wehrlos am Kreuz stirbt – das ist eine fundamentale Differenz, die sich im Gottesbild unmissverständlich ausprägt. Man kann natürlich sagen: Jeder Mensch, der sich irgendwie nach einer »Transzendenz« ausstreckt, meint Gott. Nur, der Begriff der Offenbarung sagt: Umgekehrt! Von dort nach hier. Gott hat sich sozusagen zu uns hin ausgestreckt, Gott sei Dank! Das ist die alles entscheidende Differenz. Das Neue Testament weiß: Gott selber wird menschlich bis zum Tod am Kreuz. Das ist die wunderbare, definitive und unüberholbare Bewegung Gottes auf den Menschen zu. Und das geschieht in Jesus Christus.

Der Auffassung mancher Theologen, die die Weltreligionen als verschiedene Wege zu Gott betrachten, können Sie sich nicht anschließen?
Trowitzsch:
Nein.

Was heißt das konkret für das Gespräch mit dem Islam?
Trowitzsch:
Der Islam irrt, wenn er die im Neuen Testament bezeugte Offenbarung in Jesus Christus durch Mohammed und den Koran überholt sieht. Entsprechendes wird uns vom Islam natürlich genauso entgegengehalten. Die Differenz ist auch nicht auszuräumen. Das heißt nun aber nicht, dass beide sich nicht um Dialog bemühen sollten, um zu verstehen, was die jeweils andere Seite meint. Man kann miteinander auskommen. Und – Christen und Muslime können gemeinsame Projekte in Angriff nehmen. Gegen eine Art Koalition für praktische, ethisch orientierte Zwecke und hilfreiche Maßnahmen ist nichts einzuwenden, im Gegenteil.

Also Christen und Muslime können gemeinsame Feste feiern oder Projekte planen, aber wenn es um das Allerheiligste geht, darf nichts vermischt werden?
Trowitzsch:
Nein. So viel Begegnung wie möglich, aber von der Wahrheit darf man nicht abrücken. »Multikulti« darf im religiösen Sinne niemals auf Kosten der Wahrheit gehen.

Und die Toleranz?
Trowitzsch:
Ich denke dabei an das treffende Wort Carl Friedrich von Weizsäckers: »Ich werde niemanden zwingen, zu sagen, dass zwei mal zwei vier ist. Ich werde aber auch nicht davon abrücken.« Das ist meines Erachtens eine sehr brauchbare Definition von Toleranz.

Was wünschen Sie sich diesbezüglich für das Reformationsgedenken?
Trowitzsch:
Die Erinnerung an die Reformation ist sehr hilfreich. Es gibt bei Luther eine heftige, bewundernswerte Leidenschaft für die Wahrheit, eben für den Kernpunkt des Neuen Testaments. Insofern muss die heutige Reforma­tionsfeier immer wieder unbedingt den selbstkritischen Rekurs auf die Grundlage des Neuen Testaments enthalten. Dass faule Kompromisse nicht in Kauf genommen werden dürfen, das kann man nun wirklich bei Luther lernen. Für uns als evangelische Christen gilt keine Unfehlbarkeit, weder die der Kirche noch die von Konzilien oder die des Papstes, sondern nur die Unfehlbarkeit der Wahrheit, Jesu Christi, Gottes. Und darum darf und muss immer erneut aufs Neue Testament zurückgegangen werden – so wie es die Reformation intensiv und leidenschaftlich getan hat. Und dort findet sich die zentrale Botschaft: ­Jesus Christus, Mensch und Gott.

Deutsches Abi in Palästina

3. Juli 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Nachgefragt: Wo junge Christen und Muslime gemeinsam lernen – was Talitha Kumi so besonders macht

Erstmals wurde im Bildungszentrum Talitha Kumi im Westjordanland das Deutsche Internationale Abitur abgelegt. Der anhaltische Kirchenpräsident Joachim Liebig nahm an der Abiturfeier teil. Dietlind Steinhöfel sprach mit ihm.

Herr Kirchenpräsident Liebig, was macht das Bildungszentrum Talitha Kumi in Beit Jala so besonders?
Liebig:
Talitha Kumi hat eine sehr lange Tradition, gegründet durch die Kaiserswerther Diakonie Mitte des 19. Jahrhunderts und seit 50 Jahren in der Trägerschaft des Berliner Missionswerkes. Junge Leute aus Palästina – Christen und Muslime – werden hier zusammengeführt. Theoretisch würden auch jüdische Kinder aufgenommen, aber ihnen ist das Betreten der palästinensischen Gebiete ja verboten. Unter dem Dach der Schule gibt es unterschiedliche Einrichtungen: an der Spitze das Gymnasium, zudem eine Berufsfachschule und ein Gästehaus, das im Augenblick mit Mitteln aus Deutschland unter der Leitung eines Dessauer Architekturbüros mit einem lokalen Partner grundlegend saniert wird.

Welche Abschlüsse können die Schülerinnen und Schüler erwerben?
Liebig:
Hier kann ein arabisches Abitur abgelegt werden, und zum ersten Mal wurden in diesem Jahr Zeugnisse nach deutschen Abiturstandards vergeben – also auch auf Deutsch. Der Abschluss an der Berufsfachschule entspricht einem Sekundarschulabschluss mit angeschlossener Berufsausbildung für die Bereiche Wirtschaft und Tourismus, also Köche oder Restaurantbetreiber. Tourismus ist eines der wenigen wirtschaftlich erfolgreichen Felder in Palästina. Im gymnasialen Zweig kann das übliche arabische Abitur abgelegt werden. Die Absolventen können damit in Palästina und anderen arabischen Ländern ein Studium aufnehmen. Palästinenser gelten wegen ihres hohen Bildungsniveaus im arabischsprachigen Raum ohnehin als die Intellektuellen.

Gemeinsam unter dem Dach der Bildung: In der Schule Talitha Kumi im Westjordanland lernen Christen und Muslime gemeinsam – und feierten in diesem Jahr erstmals den Abiturabschluss nach deutschem Standard. Foto: Berliner Missionswerk

Gemeinsam unter dem Dach der Bildung: In der Schule Talitha Kumi im Westjordanland lernen Christen und Muslime gemeinsam – und feierten in diesem Jahr erstmals den Abiturabschluss nach deutschem Standard. Foto: Berliner Missionswerk

Welche neuen Möglichkeiten bietet das deutsche Abitur?
Liebig:
Mit dem Deutschen Internationalen Abitur können sie sofort ein Studium an einer deutschen Universität oder auch im gesamten EU-Raum aufnehmen. Allerdings: Ein deutsches Abitur abzulegen ist das eine. Doch sie haben kaum Möglichkeiten, dann wirklich hierherzukommen, weil das Geld fehlt. Da müssen wir noch weitere Wege öffnen.

Welche Berufsziele haben die jungen Leute?
Liebig:
Sie bevorzugen die sogenannten MINT-Fächer (Mathematik, Information, Naturwissenschaft, Technik) und Medizin. Ich hatte allerdings auch mit einer jungen Frau Kontakt, die möchte gerne Politik studieren. Ich könnte mir gut vorstellen, dass beispielsweise eine der parteinahen Stiftungen interessiert wäre, so eine junge Palästinenserin zu fördern.

Spielt es noch eine Rolle, dass Talitha Kumi als Mädchenschule gegründet wurde?
Liebig:
Nein, denn es wurde sehr zeitig der gemeinsame Unterricht eingeführt. Das ist einer der Aspekte, die das Besondere ausmachen: eine gemischte Schule in einer arabischen, islamisch geprägten Umgebung. Und daran halten wir weiterhin fest, weil es zu unserem Standard gehört, selbstverständlich auch gemeinsame Sportveranstaltungen und ähnliches durchzuführen.

Haben die Absolventen Nachteile, weil sie sicher auch anders erzogen werden als in einer arabischen Schule?
Liebig:
Das ist genau der Punkt. Sie kommen aus zum Teil sehr traditionellen Elternhäusern, überwiegend aus dem Westjordanland, aber auch Israelis arabischer Herkunft aus Jerusalem sind dabei. Die Schule hat einen vorzüglichen Ruf. Deswegen ist es für viele Eltern eine große Freude und Ehre, dass ihre Kinder hier unterrichtet werden. Und sie stoßen auf ein ­europäisches Bildungsideal, das sie prägt. So gebildet kommen sie zurück in ihre traditionell geformten Elternhäuser. Das ist mitunter eine große Diskrepanz, die sie da überbrücken müssen. Aber sie tun das in bewundernswerter Weise, indem sie sich sowohl hier wie dort anpassen und beides miteinander verbinden.

Wie sieht das konkret aus?
Liebig:
Ein Beispiel: In der Schule sind alle zur Abiturfeier ganz unglaublich gut angezogen. Die jungen Frauen mit bester Frisur, lackierten Fingernägeln und hohen Absatzschuhen. Und dann, zum Frühstück zwei Tage darauf, kommen sie mit Kopftuch, weil eben die Feier vorbei ist. Und ich kann nur zur Kenntnis nehmen, dass es offensichtlich möglich ist, beides zu leben.

www.talithakumi.org
www.berliner-missionswerk.de

Neue Zukunft Eigenheim

5. Juni 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Serbien: Wie eine ökumenische Hilfsorganisation der Roma-Minderheit eine Perspektive gibt

Viele suchten anderswo Asyl, aber wurden zurück­­geschickt: Angehörige der Roma leben in Serbien am Rande der Gesellschaft.

Fast mannshoch sind die Wände schon. Ein Mann in blauem T-Shirt schichtet Ziegel auf. Zadik ist 36 Jahre alt und Roma. Dies, sagt er, solle einmal das neue Haus für seine Familie werden. 40 Quadratmeter Grundfläche für ihn, seine Frau und die sechs Kinder. Groß nicht gerade, gibt er zu. Aber sein Eigentum. Seine Mutter im Kosovo habe Grund und Boden verkauft. So hat er das Geld für das Grundstück zusammenbekommen. Das befindet sich zwischen zwei kleinen, schmucken Einfamilienhäusern in einer Siedlung am Stadtrand von Novi Sad, Hauptstadt der nordserbischen Provinz Vojvodina.

»Meine Privatinitiative«: Der 36-jährige Roma Zadik errichtet mit Unterstützung der kirchlichen Hilfsorganisation EHO am Stadtrand von Novi Sad ein kleines Häuschen. Foto: Annemarie Müller

»Meine Privatinitiative«: Der 36-jährige Roma Zadik errichtet mit Unterstützung der kirchlichen Hilfsorganisation EHO am Stadtrand von Novi Sad ein kleines Häuschen. Foto: Annemarie Müller

»Meine Privatinitiative«, sagt Zadik und tippt sich an die Brust. Unterstützt hat ihn die Ökumenische Hilfsorganisation (EHO), eine Initiative von Kirchen verschiedener Konfessionen in dieser multiethnischen Provinz. 2000 Euro für Baumaterial hat er bekommen. Geld aus Spenden von evangelischen Kirchen in Norwegen, der Schweiz und von der Diakonie in Württemberg. Hilfe für Rückkehrer wie Zadik. Zweimal hat er Asyl in der Schweiz beantragt. Jedes Mal ist er nach elf Monaten wieder abgeschoben worden. Zuletzt im November 2012.

Warum er weg wollte? An Stelle ­einer Antwort zeigt er seine jetzige Unterkunft, ein Stück entfernt. Eine niedrige Hütte, gedeckt mit Well­asbest. »Mein Geburtshaus«, sagt er. Ein kleiner Raum, in der Ecke ein ­Kohleherd. Die Decke hängt gefährlich durch. An einigen Stellen fehlt Putz. Er hofft, das neue Haus so weit fertigzubekommen, dass sie noch vor dem nächsten Winter wenigstens in einen Teil einziehen können. Geld wolle er sich als Taxifahrer verdienen, wie früher. Seine Zukunft, die sehe er jetzt hier.

Ortswechsel. Adice, eine von mehreren Roma-Siedlungen. Hier leben Osmani Sabri und seine Frau Vesira. Sie sind Muslime. Ihnen hat EHO geholfen, ein Bad in ihr kleines Haus einzubauen und eine Klärgrube im Hof auszuschachten. Eine von 54 Roma-Familien, die sie so unterstützt haben. »Das Prinzip dabei: Unsere Meister zeigen, wie es geht. Bauen müssen die Familien dann selbst«, erläutert Vladislav Iviciak. Der Pfarrer der slowakisch-lutherischen Kirche ist Direktor von EHO.

Inzwischen steuern vier Kommunen sogar etwas Geld zur Arbeit mit den Roma bei. »Geradezu unvorstellbar«, sagt Iviciak. Noch vor Jahren wäre das undenkbar gewesen. Freilich unterstütze die Stadt Novi Sad nur Projekte, die auf ein Jahr befristet sind. »Weil wir als privater sozialer Dienstleister gelten«, sagt Iviciak. Etwa 20 Prozent mache die staatliche Hilfe so inzwischen aus. »80 Prozent des Geldes kommt von unseren ausländischen Partnern.«

Stammgäste sind Roma-Familien auch in der Kleiderkammer von EHO. Stadtbewohner spenden die Second-Hand-Sachen. »Viele von denen, die von uns etwas bekommen, sind Flüchtlinge«, berichtet eine Mitarbeiterin. »Sie sind einigermaßen integriert in die Stadtbevölkerung, allerdings sehr arm.« Im Erdgeschoss eines Zwölfgeschossers hat EHO einen Zufluchtsort für Straßenkinder eingerichtet, die meisten davon stammen aus Roma-Familien. Hier können sie sich duschen, ihre Wäsche waschen, unter Anleitung von Sozialarbeitern in Workshops malen, basteln oder sich im Jonglieren üben. Betreut werden sie von Ehrenamtlichen, Psychologen, Lehrern, dazu zwei Frauen aus den Roma-Siedlungen, erläutert Leiterin Daliborka Batrnek Antonic. Regelmäßig kommt eine Krankenschwester.

Zu etwa 500 Straßenkindern haben sie Kontakt. »Sie betteln, klauen in ­Supermärkten, sammeln Pappe und Plastikflaschen, manche bieten sich für Sex-Dienste an.« Alle von der Straße zu holen, sei nicht zu schaffen, sagt Daliborka Batrnek Antonic. »Aber zumindest können wir Risiken minimieren.«

Mit einigen Nothilfeprojekten hat EHO die Arbeit vor 20 Jahren begonnen. Mittlerweile ist eine diakonische Organisation daraus geworden, die außer Roma auch Senioren, Behin­derten und anderen Menschen mit sozialen Problemen längerfristig hilft. »Die akute Not ist gelindert«, sagt ­Vladislav Iviciak. »Jetzt ist die Zeit, den Ärmsten zu helfen und so eine gerechtere Gesellschaft zu bauen.«

Tomas Gärtner

Latenter Kulturkampf

7. Juli 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Gespräch mit Staats­kirchenrechtler


In der vergangenen Woche erklärte das Landgericht Köln, die von Juden und Muslimen praktizierte Beschneidung von Kindern sei als Körperverletzung einzustufen, und damit strafbar. Benjamin Lassiwe sprach dazu mit Prof. Hans Michael Heinig, dem Leiter des kirchenrechtlichen Instituts der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Herr Professor Heinig, wie bewerten Sie das Urteil des Kölner Landgerichts?
Heinig:
Ich halte das Urteil für schwierig, weil es dem Recht der Eltern auf religiöse Erziehung ihres Kindes nicht hinreichend Rechnung trägt. In der Logik der Entscheidung dient die Beheimatung eines Kindes in einer religiösen Tradition nicht dem Kindeswohl.

Hans Michael Heinig

Hans Michael Heinig

Doch es läuft auf ein Zerrbild von Religionsfreiheit hinaus, wenn man darunter versteht, Kinder so lange von Religionen fernzuhalten, bis sie selbst entscheiden können, ob sie dazugehören wollen.

Betrifft das auch die Kirchen?
Heinig:
Wir haben in Deutschland schon so etwas wie einen latenten Kulturkampf, mit immer stärker werdenden antikirchlichen Kräften. Da muss man sich dann fragen, ob es im nächsten Schritt nicht konsequent wäre, die Kindertaufe zu verbieten. Denn natürlich: Die Taufe ist keine Körperverletzung. Aber theologisch ist sie ein unauslöschliches Prägemal eines Kindes – wer das Recht der Eltern auf religiöse Erziehung nicht akzeptiert, wird auch damit Probleme bekommen.

Es gibt Forderungen, die Juden und Muslime sollten nun ihre Tradition ändern…
Heinig:
Wenn Christen solche Forderungen erheben, waren 60 Jahre christlich-jüdischer Dialog umsonst. Die Apostelgeschichte spricht vom »Bund der Beschneidung« und macht auch uns Christen deutlich, welche besondere Rolle die Beschneidung im Judentum spielt. Sie ist für die Juden und ihre Religion konstitutiv, und kann nicht weggelassen werden!

Wie geht es jetzt weiter?
Heinig:
Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder der Gesetzgeber regelt die Angelegenheit oder die Gerichte. Nun besteht allerdings die Besonderheit, dass der in Köln angeklagte Arzt mangels Schuld freigesprochen wurde. Eine Berufung ist also nicht möglich. Wer jetzt einen neuen Prozess, etwa vor dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, erreichen will, müsste bereit sein, sich potenziell strafbar zu machen.

Und was kann der Bundestag tun?
Heinig:
Der Gesetzgeber könnte etwa im Bürgerlichen Gesetzbuch eine Formulierung einfügen, wonach kunstgerecht durchgeführte Knabenbeschneidung aus religiösen Gründen zulässig ist. Oder er ergänzt das »Gesetz über religiöse Kindererziehung«, das den Eltern schon heute das Recht zuspricht, über die religiöse Erziehung ihres Kindes zu entscheiden.

Das Kreuz mit dem Halbmond

Kreuz und Halbmond, Foto: EKvW

Kreuz und Halbmond, Foto: EKvW

Streitfrage: Glauben Christen und Muslime an denselben Gott? – Versuch einer salomonischen Antwort

Oft wird betont, dass Juden, Christen und Muslime doch letztlich an denselben Gott glauben. Andere widersprechen dem entschieden. Ein scheinbar unlösbarer Widerspruch.

Das Zusammenleben mit Muslimen in Deutschland gelingt nicht überall ohne Probleme. In den zum Teil sehr heftig ausgetragenen Debatten über Integrationspolitik und kulturelle Unterschiede wird immer wieder auch auf die Religion des Islam Bezug ­genommen. Insbesondere dort, wo der Eindruck der Fremdheit überwiegt und Angst erzeugt, wird oft versucht, dies auch theologisch im Gottesbild festzumachen. Aus dem ­Vergleich gegensätz­licher Aussagen in Bibel und Koran wird festgestellt: Solche ­einander widersprechenden Texte können nicht von dem gleichen Gott stammen. Folglich glaubt der Islam an einen anderen Gott als das Christentum.

Auf der anderen Seite kann man beobachten, dass diejenigen, die sich für Dialog und Verständigung engagieren, demgegenüber stärker geneigt sind, die bedeutsamen Gemeinsamkeiten zwischen Islam und Christentum zu betonen. Sie kommen ebenfalls unter Verweis auf den Koran und die historische Entwicklung zu dem Schluss: Judentum, Christentum und Islam ­beziehen sich auf den gleichen Gott: den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der die Welt erschaffen hat und das Schicksal aller Menschen lenkt.

Wer von ihnen hat recht? Beide – aber jeweils nur in bestimmter Hinsicht. Der erste wichtige Punkt besteht in der Erkenntnis, dass die Aussage von »verschiedenen Göttern« in Islam und Christentum ihre Wurzel und Begründung in der Existenz verschiedener Offenbarungen hat. Es gibt zwei Schriften mit dem Anspruch, Offenbarung Gottes zu sein (Bibel und Koran), die sich aber in wesentlichen Aussagen unterscheiden. Dafür gibt es grundsätzlich zwei Lösungen: Entweder eine der beiden Schriften ist keine Offenbarung Gottes, sondern von Menschen produziert oder verfälscht. Dies behauptet der Islam von den widersprechenden Teilen in der Bibel. Oder sie sind beide echte Offenbarungen, stammen aber von verschiedenen Göttern.

Letzteres führt aber in schwierige ­logische Probleme, denn Christen und Muslime glauben beide, dass es nur einen einzigen wahren Gott gibt und dass dieser die Welt geschaffen hat. Unmöglich ist es daher für Christen und Muslime zu meinen, dass es diesen Gott nicht gebe oder dass er ein anderes göttliches Wesen (aber nicht der Schöpfer) sei. Möglich bleibt es hingegen, etwas Gott zu nennen, was nicht Gott ist oder etwas Unterschiedliches darüber auszusagen, wie dieser Gott, der die Welt geschaffen hat, in seinem Wesen ist.

Ist es dann so, dass die Muslime etwas Gott nennen, was nicht Gott ist? Dieses Argument wird in der Diskussion immer wieder vorgebracht – oft in der Zuspitzung, Allah sei ein Götze, ein heidnisches Gottesbild, welches aus vorislamischer Zeit übernommen wurde. Dafür spräche, dass man keinen zweiten wahren Gott ­behaupten würde – was nach christlichem Bekenntnis ja unmöglich ist –, sondern menschliche Verirrungen in der Gottesvorstellung benennt. Allerdings ist der Begriff »Götze« ungeeignet, denn er bezeichnet in der Bibel eindeutig dingliche Figuren, geschnitzte Götzenbilder und damit die Verwechselung von Schöpfer und Geschöpf. Solches kann man dem Islam nun wahrlich nicht vorwerfen, der diese Unterscheidung im Bilderverbot sogar auf die Spitze treibt.

Ist »Allah« dann ein (Wüsten-)Dämon oder gar der Teufel selbst? Auch dies kann man in manchen Kreisen immer wieder behauptet finden. Oft wird dabei auf den 1. Johannesbrief, Kapitel 2, Vers 22 verwiesen, wo jeder als »Antichrist« bezeichnet wird, der leugnet, dass Jesus der Christus ist. Diese biblische Aussage gilt aber ursprünglich nicht für den Islam (der damals noch gar nicht existierte), sondern für die Juden – von denen heute aber niemand behauptet, sie würden den Teufel anbeten. Eine solche einfache Umkehrung taugt daher nur für billige Polemik, aber nicht für eine ernsthafte Auseinandersetzung.

Was folgt daraus? Bei genauer Betrachtung zeigt sich, dass Christen und Muslime nicht darüber streiten, wer Gott ist (Gott oder Allah), sondern wie Gott ist (nah oder fern, trinitarisch oder nicht). Der Streit geht nicht darum, welcher Gott richtig ist, sondern welche Offenbarung richtig ist.

Damit bleiben genügend Probleme zu diskutieren. Unter anderem ist aus christlicher Sicht zu betonen, dass die Trinität unteilbar ist. Ein Treffen zum »Abrahamitischen Dialog« lediglich auf der Ebene des ersten Artikels des Glaubensbekenntnisses unter Leugnung oder Ignoranz von Christus und Heiligem Geist entspricht nicht der christlichen Überzeugung.

Fazit: Auf die Frage, »Glauben Christen und Muslime an denselben Gott?«, gibt es keine ganz einfache Antwort. Ein schlichtes »Ja« wäre falsch, denn es unterstellt eine grundlegende Übereinstimmung über das Wesen Gottes, die so nicht besteht. Ein schlichtes »Nein« wäre ebenso falsch, denn es unterstellt die Existenz ­anderer Götter. Der Versuch einer Antwort könnte folglich lauten: Christen und Muslime glauben nicht dasselbe von dem einen Gott.

Harald Lamprecht

Dr. Harald Lamprecht ist Beauftragter für Weltanschauungs- und Sektenfragen der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens.

Mit Koran und Koptenkreuz

11. Februar 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Ägypten: Verbrüderung von Christen und Muslimen – die ersten Tage einer neuen Zeit?

Geeint im Protest gegen das alte Regime halten am vergangenen Sonntagmorgen in Kairo ein Muslim den Koran und ein koptischer Christ das Kreuz in die Höhe. (Foto: picture alliance/dpa/Amel Pain)

Geeint im Protest gegen das alte Regime halten am vergangenen Sonntagmorgen in Kairo ein Muslim den Koran und ein koptischer Christ das Kreuz in die Höhe. (Foto: picture alliance/dpa/Amel Pain)


 

Neue Bilder aus Kairo: ­Christen schützen Muslime während des Gebets, ­Muslime schützen Christen beim Gottesdienst – der ­gemeinsame Protest schweißt die Menschen zusammen.

 
Rund 20 Besucher sind am ­Sonntag (6. Februar) zum ­evangelischen Gottesdienst der deutschsprachigen Gemeinde in Kairo gekommen. In der vergangenen Woche musste der Gottesdienst in der ägyptischen Hauptstadt ausfallen, denn die evangelische Kirche liegt nur wenige hundert Meter vom Tahrir-Platz entfernt, der seit fast zwei Wochen Schauplatz von Massendemonstrationen gegen Präsident Hosni Mubarak ist. »Selten haben sich die Menschen so daran gefreut, die hupenden Autos zu hören und die verstopften Straßen dieser Stadt zu sehen«, sagt der Theologe Gerald Lauche in seiner Predigt.

Kairo am Tag 13 der Revolte: Für viele fühlt sich dieser an wie der erste Tag einer neuen Zeit. Die Banken sind wieder geöffnet, selbst die Filialen der großen Handy-Anbieter haben ihre Rollläden hochgezogen, und viele Angestellte kehren in die Büros zurück. Das alte Leben kehrt zurück, doch zugleich ist nichts mehr wie es war.

Auf dem Tahrir-Platz halten die Demonstranten durch. Am Sonnabendabend ergoss sich ein gewaltiger Schauer auf den Platz, große Pfützen bildeten sich dort. Doch die Demonstranten blieben, sie trotzen dem Wetter so wie sie allem anderen getrotzt haben: den Schlägen der Polizei und dem Tränengas.

Der Angst, dass das Militär auf sie schießen könnte. Sie machten auch weiter, als die Regierung Schlägertrupps auf sie hetzte. Ihr Erfolg gab der Beharrlichkeit der Demonstranten recht: Tag für Tag gab das Regime ihnen ein Stück nach – ­Salamitaktik.

Am Sonntagmorgen wurde dann auch auf dem Tahrir-Platz ein Gottesdienst gefeiert. Über knarzende Lautsprecher erscholl das Gebet des koptischen Priesters. Die Messe musste verschoben werden, weil die koptische Kirche offiziell Distanz zur Revolte hält. Doch schließlich fand sich dann ein Priester, der bereit war, auch gegen das ­Verbot des koptischen Papstes auf den Platz zu kommen.

Christen und Muslime standen beieinander, so wie an den anderen Tagen die Muslime ihr Gebet verrichteten und die Christen eine Menschenkette um sie bildeten, um sie gegen Angriffe zu schützen. Die Jugendrevolte hat in Ägypten auch ein Zeichen gesetzt, was das Zusammenleben von Christen und Muslimen angeht.

Viele der Jugendlichen, die sich seit dem 25. Januar auf dem Platz versammelten, hatten drei Wochen zuvor T-Shirts getragen mit ineinanderverschlungenen Halbmond und Kreuz. Sie hatten nach dem blutigen Anschlag auf die Kirche von Alexandria, bei dem seit der Silvesternacht 24 Menschen starben, den Christen ihre Solidarität bekundet.

Trotz der Beteiligung der Muslimbruderschaft an den Protesten sind auf dem Platz selten islamistische Sprüche zu hören. »Dieses neue Miteinander ist etwas ganz Tolles und Neues«, freut sich eine Demonstrantin. Dass dies nicht selbstverständlich ist, zeigte sich auch an dem Hass, der bei den Pro-Mubarak-Demonstrationen aufkam: »Die Jugendlichen auf dem Platz sind alles Ungläubige! Sie ­kennen ­keinen Gott und bekommen Geld aus dem Ausland«, brüllte am Freitag ein aufgebrachter Mann mit Schnauzbart.

Gerald Lauche schaut in die Runde seiner Gemeinde. Viele, die sonst kommen, sind nicht da, denn sie ­haben das Land wegen der Unruhen verlassen. Dafür sind andere Besucher da, die sonst kaum kommen.

»Die Leute haben jetzt ein besonderes Bedürfnis nach Kirche und nach Gemeinsamkeit«, sagt der evangelische Theologe. In seinem Gebet bittet er Gott, er möge weise Menschen, die Ägypten lieben, die Weichen für die Zukunft des Landes stellen lassen.

Julia Gerlach (epd)
 

»Wie neugeboren«

22. Juli 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Leben unter den wachsamen Augen der Staatsreligion – eine verschleierte Frau im Iran. Viele Flüchtlinge fühlen sich in Deutschland vom christlichen Glauben angezogen.  Foto: epd-bild/Walter G. Allgöwer

Leben unter den wachsamen Augen der Staatsreligion – eine verschleierte Frau im Iran. Viele Flüchtlinge fühlen sich in Deutschland vom christlichen Glauben angezogen. Foto: epd-bild/Walter G. Allgöwer


Migranten: Ein Pfarrer aus Hannover begleitet iranische Flüchtlinge – Dutzende lassen sich jeden Monat taufen.

Nach Deutschland ­geflüchtete Iraner haben die Nase voll vom islamistischen Mullahregime. Für viele wird nicht nur westliche Demokratie, sondern auch christlicher Glaube zu einer neuen Erfahrung.

Noch vor einem Jahr unterrichtete die 30-jährige Parysa mit Kopftuch an einer Schule in der iranischen Stadt Isfahan. Heute lebt sie in Deutschland, trägt Jeans und ihre Haare offen. Vor einem halben Jahr hat sie sich in Hannover christlich taufen lassen und nahm ­dabei den armenischen Namen Arpi an. Wie sie bekennen sich in Deutschland jeden Monat mehrere Dutzend iranische Flüchtlinge bei Festgottesdiensten zum Christentum. Erst kürzlich erwartete die evangelische Landeskirche Hannovers wieder rund 40 von ihnen zu einem Tauffest in der Landeshauptstadt.

Pastor Hans-Jürgen Kutzner betreut bundesweit bis zu 1000 Iraner und veranstaltet mit ihnen Gottesdienste auf Deutsch und Farsi. Der Theologe aus Hannover ist der einzige hauptamtliche evangelische Iraner-Seelsorger innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und hat selbst schon zahlreiche Iraner getauft. »Sie kommen aus einem Gottesstaat, in dem Religion und Politik nicht getrennt sind«, sagt er. Viele ­hätten Gewalt und Folter im Namen des Islam erlitten. »Wenn man eine Diktatur auf diese Weise erlebt, will man davon frei sein.«

Die Abkehr vom Islam und die Hinwendung zum Christentum sei für die Flüchtlinge deshalb oft mit einer politischen Botschaft verbunden. So sei die Zahl der Hilfesuchenden und der Täuflinge nach den Präsidentschaftswahlen und den großen Demonstrationen im Iran im vergangenen Jahr spürbar gestiegen. »Es geht uns nicht um Mission, sondern um die Menschen«, betont Kutzner. »Wir helfen natürlich auch denen, die sich nicht taufen lassen.«

Arpi weigerte sich im Iran, den Ganzkörperschleier Tschador zu tragen, und wurde deshalb an eine Dorfschule versetzt. Kurze Zeit später floh sie nach Deutschland. Ihr sonst fröhliches Gesicht verfinstert sich, als sie davon spricht. »Ich war nie eine überzeugte Muslima«, sagt sie. Zudem sei es ihr schwergefallen, die ungleiche Behandlung von Männern und Frauen zu akzeptieren.

Für sie ist die im deutschen Grundgesetz festgelegte Religionsfreiheit ­etwas Besonderes, das sie sich lange gewünscht hat. Wenn sie an ihre Taufe denkt, wirkt die junge Frau euphorisch: »Ich fühlte mich wie neugeboren.« Auch ihre Familie im Iran habe sich für sie gefreut. Arpi ist sich sicher: Wenn sie zurück in die alte Heimat müsste, drohe ihr der Tod durch Steinigung oder Erhängen.

Um getauft zu werden, müssen sich die Interessenten Grundkenntnisse des Christentums aneignen – meist über das Internet. »Wir sagen ihnen auch ein paar unbequeme Wahrheiten«, betont Kutzner. So ebne ihnen die Taufe keineswegs automatisch den Weg in die westliche Gesellschaft. Und sie sei ein Risiko, wenn sie wieder in den Iran zurückkehren müssten. Denn: Die deutschen Behörden nähmen bei einer drohenden Abschiebung kaum noch Rücksicht auf die ­Religionszugehörigkeit.

Der 31-jährige Dariush hat sich vor zwei Jahren bei einem Tauffest zum Christentum bekannt. Der gelernte Maschinenbau-Ingenieur wohnt in ­einem Asylbewerberheim und weiß nicht, ob er in Deutschland bleiben darf. »Als ich meinen Eltern von ­meiner Taufe erzählt habe, haben sie gedroht, mich umzubringen«, erzählt er. »Sie sagten, ich sei nicht mehr ihr Sohn.« (epd)

Von Charlotte Morgenthal und Michael Grau