Nachtigallen, Tagtigallen

1. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Vor 100 Jahren starb Christian Morgenstern

Er war einer der großen Humoristen unter den deutschen Lyrikern, ein Sprachschöpfer, der eine komisch-surreale Welt erfand. Vor 100 Jahren, am 31. März 1914, starb Christian Morgenstern im Alter von 42 Jahren. Sein Vorbild war Wilhelm Busch. Er selbst wurde zum Anreger für Dada-Poeten und Kabarettisten, für Dichter wie Joachim Ringelnatz, Ernst Jandl oder Robert Gernhardt, für Heinz Erhardt und Loriot.

Morgensterns humoristische Gedichte, gesammelt in »Galgenlieder«, »Palmström«, »Palma Kunkel« und »Der Gingganz« spielen in einer fantastischen Welt, in der es von seltsamen Gestalten nur so wimmelt.

Treffend ist Morgensterns Widmung für die »Galgenlieder«, frei nach Nietzsche: »Dem Kind im Manne«. Gemeint ist die Freiheit der Kinder, der Jungen wie der Mädchen, mit der Sprache zu spielen, Geschichten zu erfinden, eine eigene Logik zu entwickeln, die dem ra­tionalen Denken der Erwachsenen fremd ist. Auch der Tod ist in vielen Versen so selbstverständlich wie das Leben.

Es gibt bei ihm aber auch den reinen, intelligenten Sprach-Witz, zum Beispiel im berühmten Gedicht »Das aesthetische Wiesel«: »Ein Wiesel / saß auf einem Kiesel / inmitten Bachgeriesel. / Wißt ihr /weshalb? / Das Mondkalb / verriet es mir / im Stillen: / Das raffinier- / te Tier / tat’s um des Reimes willen.«

Morgenstern kam am 6. Mai 1871 in München zur Welt. Nach einem abgebrochenen Jurastudium in Breslau zog er 1894 nach Berlin und schrieb für Kulturzeitschriften wie »Neue deutsche Rundschau«, »Jugend« oder »Freie Bühne«. Ab 1897 arbeitete er auch als Übersetzer der skandinavischen Schriftsteller August Strindberg, Henrik Ibsen und Knut Hamsun.

Christian Morgenstern

Christian Morgenstern

1903 wurde er Redakteur der Zeitschrift »Das Theater« im Verlag Bruno Cassirer. Parallel zu seiner Brotarbeit hat er schon ab 1895 Gedichtbände herausgebracht. Am bekanntesten und erfolgreichsten wurden die »Galgenlieder«. Insgesamt erschienen 15 Gedichtsammlungen bis zu seinem frühen Tod 1914 in Meran. Er starb an Tuberkulose, an der er lange gelitten hatte und die ihn immer wieder zu Kuraufenthalten zwang.

In diesen von Krankheit bestimmten Jahren fand Morgenstern zur Religion, und er schloss sich der Anthroposophischen Gesellschaft von Rudolf Steiner an. 1910 heiratete er seine Freundin und Mitarbeiterin Margareta Gosebruch. Sie gab später aus dem Nachlass weitere Lyriksammlungen heraus, darunter auch heute weithin vergessene Liebes- und Naturgedichte.

Morgensterns Nonsens-Verse stecken voller Seitenhiebe gegen Bürokraten, Schwätzer, Ideologen, Politiker. Und sie sind erstaunlich hellsichtig in ihrer Welterklärung.

Christian Morgenstern ist auch ein Vorläufer der konkreten Poesie: »Fisches Nachtgesang« besteht nur aus kleinen Strichen und konkaven Bögen, so angeordnet, dass sie den Umriss eines Fisches ahnen lassen. Stiller kann ein Gedicht nicht sein, Morgenstern selbst nannte es »das tiefste deutsche Gedicht.«

Wilhelm Roth (epd)

Brot und Steine an der Isar

4. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Der 2. Ökumenische Kirchentag in München – ein Gespräch mit Ellen Ueberschär

Erwartet in München ein »Gänsehautgefühl«: Ellen Ueberschär, evangelische Generalsekretärin des 2. Ökumenischen Kirchentags 	Foto: epd-bild

Erwartet in München ein »Gänsehautgefühl«: Ellen Ueberschär, evangelische Generalsekretärin des 2. Ökumenischen Kirchentags Foto: epd-bild

Ellen Ueberschär trägt als evangelische Generalsekretärin die Mitverantwortung für den 2. Ökumenischen Kirchentag vom 12. bis 16. Mai in München. Benjamin Lassiwe sprach mit der Theologin.

Frau Ueberschär, wo steht die Ökumene heute?
Ueberschär:
Die Ökumene ist an einem Höhepunkt angekommen. Wenn man einmal das vergangene Jahr-
hundert ansieht, haben wir in diesen 100 Jahren ökumenisch mehr erreicht als in den drei Jahrhunderten zuvor. Natürlich gibt es harte Nüsse, die es noch zu knacken gilt, aber genau deswegen gibt es ja Veranstaltungen wie den Ökumenischen Kirchentag.

Was kann der Ökumenische Kirchentag an dieser Stelle erreichen?
Ueberschär:
Der Ökumenische Kirchentag ist eine Veranstaltung, in dessen Verlauf viele Hunderttausend Menschen zeigen können, dass ihnen die Ökumene nicht egal ist. Es geht da weniger um prominente Redner oder steile Thesen, sondern um das Gemeinschaftsgefühl der Christen aller Konfessionen und die Begeisterung für die Zusammenarbeit. Wenn man auf den Kirchentag von 2003 zurückblickt, dann sieht man, was aus solch einer Begeisterung erwachsen kann: Überall in Deutschland gibt es ökumenische Stadtfeste, Gesprächskreise oder Veranstaltungen, die unter dem Eindruck des ersten Ökumenischen Kirchentags begonnen haben und bis heute fortgesetzt werden.

Was sind denn die Herausforderungen, vor denen die Ökumene derzeit steht?
Ueberschär:
Da gibt es sicher eine Menge Themen, die man jetzt nennen könnte. Wir werden auf dem Ökumenischen Kirchentag eine Themenreihe »Ökumenische Brennpunkte« veranstalten, bei der wir uns mit den wichtigen theologischen Fragen beschäftigen werden: Dazu zählen etwa das Amtsverständnis, das Kirchenverständnis und die Abendmahls-Eucharistie-Diskussion. Auf dem Kirchentag werden wir diese Probleme sicher nicht lösen können. Aber wir können dafür sorgen, dass diese Themen ökumenisch im Gespräch bleiben.

Während der Gottesdienste am Kirchentags-Freitag soll eine orthodoxe Brotsegnung stattfinden. Warum?
Ueberschär:
Das wird ein Gottesdienst sein, bei dem alle Teilnehmer um große Tische herumsitzen und gemeinsam Wasser, Äpfel und das von einem orthodoxen Priester gesegnete Brot teilen. Wir wollen damit zeigen, dass wir als Christen gemeinsam Tischgemeinschaft halten können, beten, in der Bibel lesen und zusammen feiern können. Wichtig ist uns, dass wir an ein orthodoxes Ritual anknüpfen – das zeigt, dass die Ökumene nicht nur aus Protestanten und Katholiken besteht.

Aber wird die Brotsegnung in den Augen mancher Kirchentagsteilnehmer nicht wie der verschämte Versuch eines Ersatz-Abendmahls aussehen?
Ueberschär:
Nein, das wird es nicht. Die Form dieses Gottesdienstes wird so sein, dass keine Verwechslungen möglich sind. Wir wollen mit der Brotsegnung nicht zu einem heimlichen Abendmahl aufrufen. Es ist einfach so, dass die Brotsegnung in der Praxis der orthodoxen Kirche zum Alltag gehört – dort wird am Ende des Gottesdienstes gesegnetes Brot verteilt, auch zum Weitergeben an Menschen, die selbst nicht in die Kirche kommen konnten.

In Berlin 2003 haben Laiengruppierungen Abendmahlsfeiern neben den Kirchentag durchgeführt. Was machen Sie, wenn so etwas in München wieder passiert?
Ueberschär:
Als Veranstalter des Ökumenischen Kirchentags haben wir verabredet, die in unseren Kirchen geltenden Regeln gegenseitig zu achten. Als Evangelische achten und respektieren wir es, wenn uns unsere katholischen Geschwister sagen: »Wir sind noch nicht soweit. Wir können uns die Teilnahme von Protestanten an der Eucharistie im Moment nicht vorstellen.« Wenn es Gruppen gibt, die dennoch solche Feiern ausrichten, werden sie allein die Verantwortung dafür übernehmen müssen – auch für die Folgen, die daraus für die Ökumene entstehen. Persönlich bedauere ich auch, dass wir kein gemeinsames Abendmahl feiern werden. Aber man muss festhalten, dass die Abendmahlsfeiern in Berlin 2003 nicht zu Fortschritten in der Ökumene, sondern nur zu einer Verhärtung der Fronten geführt haben. Und die war überflüssig.

An der Vorbereitung für den Kirchentag haben sich auch Orthodoxe und Freikirchler beteiligt. Welchen Effekt hat das für den Kirchentag?
Ueberschär:
Das ist einer der großen ökumenischen Zugewinne gegenüber dem 1. Ökumenischen Kirchentag. Zum ersten Mal sind in allen Vorbe­reitungsgruppen Christen aus vielen verschiedenen ACK-Kirchen dabei. Die gesamtchristliche Beteiligung zieht sich durch alle Veranstaltungen – ob Podien, Gottesdienste, Workshops. Und diese Beteiligung ist ein wirklicher Mehrwert.

Zum Abschluss bitte noch eine kleine Prognose: Was wird der Höhepunkt des Ökumenischen Kirchentages sein?
Ueberschär:
Das ist nicht leicht zu beantworten. Der ganze Ökumenische Kirchentag wird ein Höhepunkt sein. Aber wenn Sie nach dem Moment mit dem besonderen Gänsehautgefühl fragen, dann wird das wohl im Schlussgottesdienst sein, wenn Hunderttausende Menschen in München und Millionen an den Fernsehgeräten gemeinsam einen Gottesdienst feiern.