Türen auf von Nord bis Süd

31. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Mit gutem Beispiel voran: Pressefahrt der EKM zu offenen Kirchen

Nord: 2017 will die EKM eine gute Gastgeberin sein. Dazu gehört auch das Herzensprojekt der Landesbischöfin: »Offene Kirchen«.

»Unsere Kirchentür ist geöffnet«, so heißt ein kleines Schild Menschen  in der Kirche zu Flechtingen will- kommen. Nicht alle  Gemeinden,  die Pfarrerin Irene Heinecke (links) betreut, stehen  der EKM-Initiative »Offene Kirchen«  so wohlwollend gegenüber. Foto: Katja Schmidtke

»Unsere Kirchentür ist geöffnet«, so heißt ein kleines Schild Menschen in der Kirche zu Flechtingen will- kommen. Nicht alle Gemeinden, die Pfarrerin Irene Heinecke (links) betreut, stehen der EKM-Initiative »Offene Kirchen« so wohlwollend gegenüber. Foto: Katja Schmidtke

»Nein, hier ist noch nie etwas passiert. Kein Diebstahl, kein Vandalismus«, sagt Irene Heinecke. Nur einmal, erinnert sich die Pfarrerin, haben zwei Jungen Scheiben der Kirche von Flechtingen im Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt eingeworfen. Von außen. Damit, dass die Türen des Gotteshauses seit mehreren Jahren tagsüber unverschlossen sind, hatte dieser Ausdruck von Frust und Liebeskummer wahrlich nichts zu tun. Das Altarbild vom Jüngsten Gericht, die seltene Moses-Kanzel aus Stuck oder der Tetzel-Kasten – all dies sind Schätze, Hunderte Jahre alt, mit Geld nicht zu bezahlen, aber der größte Schatz der Kirche ist wohl ihre offene Tür. »Die Möglichkeit, außerhalb der Gottesdienst- und Andachtzeiten hierherzu­kommen, einen Raum zu finden für das Gebet, die Stille, auch zum Weinen, ohne Aufsicht, das ist so wichtig und wertvoll«, sagt Pfarrerin Heinecke, sie lacht, ihre Augen strahlen.

Landesbischöfin Ilse Junkermann steht neben ihr und nickt. Die Bischöfin spazierte im vergangenen Jahr während eines Reha-Aufenthalts regelmäßig zur Kirche. »Das war eine besondere geistliche Erfahrung«, erinnert sie sich.

Flechtingen, Wegenstedt, Etingen

Es sind aber nicht persönliche Empfindungen, die die Initiative der »Offenen Kirchen« für die Landesbischöfin zur Herzensangelegenheit machen. Das wohl ehrgeizigste Projekt der EKM zum Reformationsjubiläum stellt für die Theologin auch eine Umkehr dar, es ist ein Bußruf: »Verschlossene Türen bedeuten, wir sind uns selbst genug. Aber wir wollen doch für alle da sein, für alle offen sein.«

Eine Order von oben kann die Initiative nicht sein. Das wird besonders im Pfarrbereich von Irene Heinecke deutlich. Während die Flechtinger Kirche bereits seit mehr als 25 Jahren täglich von mittags bis abends geöffnet ist, hat sich der Gemeindekirchenrat des benachbarten Wegenstedts erst in diesem Frühjahr dazu entschlossen. »Wir fanden den Vorschlag der Landeskirche gut. Jeder hat das Bedürfnis nach Stille, und das nicht nur sonntags«, sagt Kirchenälteste Rosemarie Pötsch. Angst vor Vandalismus hat sie nicht. »Falls etwas passiert, steht die EKM hinter uns.«

Die Versicherung gegen Diebstahl und Vandalismus speziell für »Offene Kirchen« wird ab Januar 2017 angeboten, sie kostet 65 Euro pro Jahr und Kirchengebäude. Der Beitrag wird von der Landeskirche subventioniert, dafür sind laut Haushaltsplanung 300 000 Euro eingestellt.

In Etingen, das auch zu Irene Heineckes Pfarrbereich gehört, konnte dieses Angebot von EKM und Ecclesia-Versicherung nicht überzeugen. »Es gingen im Fall der Fälle auch ideelle Werte verloren«, meint Friedrich Widdicke vom Gemeindekirchenrat. Die Kirche zu Etingen wurde 1893 nach achtzehn Monaten Bauzeit errichtet, sie ist innen wie außen aus einem Guss, funkelnde Kron- und Altarleuchter, detailreiche Wandbemalungen –das alles habe man geerbt von den Vorfahren und wolle es in gutem Zustand weitergeben. Die Kirche für jedermann zugänglich zu machen, könne der Gemeindekirchenrat nicht verantworten. Pfarrerin Heinecke kann das nicht nachvollziehen: »Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott.«

Katja Schmidtke

Derzeit sind 140 der 4 031 Kirchen in Mitteldeutschland geöffnet, weitere 477 werden auf Ver­langen aufgeschlossen. Bis Frühjahr 2017 sollen möglichst alle Kirchen geöffnet werden; das geht auf einen Beschluss der Herbstsynode 2015 zurück. Die tatsächliche Entscheidung liegt beim Gemeindekirchenrat. Aktuell läuft eine Umfrage zur Kirchenöffnung, deren Ergebnis auf der Synode im November vorgestellt werden soll.

Derzeit sind 140 der 4 031 Kirchen in Mitteldeutschland geöffnet, weitere 477 werden auf Ver­langen aufgeschlossen. Bis Frühjahr 2017 sollen möglichst alle Kirchen geöffnet werden; das geht auf einen Beschluss der Herbstsynode 2015 zurück. Die tatsächliche Entscheidung liegt beim Gemeindekirchenrat. Aktuell läuft eine Umfrage zur Kirchenöffnung, deren Ergebnis auf der Synode im November vorgestellt werden soll.


Süd: Porta patet, cor magis – das Tor steht offen, das Herz noch mehr. Diese alte Zisterzienser-Regel könnte Wahlspruch der Initiative »Offene Kirchen« sein und ist es vielmehr seit 30 Jahren für Pfarrer i. R. Rainer Schmidt aus Mühlberg im Kirchenkreis Gotha. 1986 öffnete er mit Beschluss des Gemeindekirchenrates die St. Lukaskirche. Und das mit Erfolg. Viele Reisende, Familien, Ausflügler und Radler machten seither in der Barockkirche Station. »Kirchen sollten so geöffnet sein«, erklärt Pfarrer Schmidt, »dass die Leute hineingehen und aus dem Getriebe der Welt herauskommen können.« Er wolle diesen heiligen Ort, der auch ein künstlerisches Gesamtwerk sei, niemandem vorenthalten.

Natürlich gäbe es in der Gemeinde bis heute unterschiedliche Meinungen über die Öffnung von 8 bis 18 Uhr. Einige tragen sich immer noch mit Sicherheitsbedenken. Dafür hat Schmidt Verständnis, die bisherige Praxis habe jedoch gezeigt, dass die Menschen durch eine Öffnung des Gotteshauses mehr gewinnen als verlieren. Nur einmal sei in den vergangenen 30 Jahren etwas gestohlen worden.

Mühlberg, Kapellendorf, Weimar

Angesichts dieser Erfolgsgeschichte hofft Bischöfin Ilse Junkermann, dass noch viele weitere Gemeinden die von ihr bei der Herbstsynode im vergangenen Jahr angestoßene Frage der offenen Kirchen intensiv durchdenken und besprechen. Denn wenn die Kirche geöffnet wird, soll, wie in Mühlberg, die Gemeinde dahinterstehen. Von oben will und kann die Kirchenleitung dies nicht verordnen. »Die Initiative ist aber die Chance«, so Bischöfin Junkermann, »das Kirchengebäude als Ort der Predigt neu zu entdecken.«

(v. li.) Pfarrer i. R. Rainer Schmidt und Propst Diethard Kamm vor der St. Lukaskirche in Mühlberg (Kirchenkreis Gotha). Foto: Diana Steinbauer

(v. li.) Pfarrer i. R. Rainer Schmidt und Propst Diethard Kamm vor der St. Lukaskirche in Mühlberg (Kirchenkreis Gotha). Foto: Diana Steinbauer

Eine Entdeckung der besonderen Art ist ebenso die Dorfkirche von Kapellendorf im Kirchenkreis Apolda-Buttstädt. Als ältestes Gebäude des Ortes – erstmals urkundlich erwähnt im Jahre 800 – spielt die Kirche auch bei den Führungen in der Wasserburg Kapellendorf immer eine bedeutende Rolle. »Ich freue mich sehr, dass ich bei jeder Führung darauf hinweisen kann, dass die Kirche für jeden offen steht – unabhängig von den Öffnungszeiten der Burg«, sagt Marie Petermann, Kuratorin der Wasserburg.

Bereits seit den 1980er-Jahren schließen Vertreter der kleinen Gemeinde jeden Tag ihre Kirche für Besucher auf. Und von den 19 000 Besuchern der Wasserburg im Jahr kommen die meisten auch in der Kirche vorbei. Wie dieses Angebot geschätzt wird, davon zeugen die Eintragungen im Gästebuch. Aber es gibt auch stille Zeichen davon, wie sehr die Kirche Anlauf- und Ankerpunkt der Menschen geworden ist. »Immer wenn ich die Kirche betrete, brennen am Kerzenständer Lichter. Das zeigt mir, die offene Kirche wird angenommen und regelmäßig genutzt«, so Vikar Conrad Neubert.

Während unverschlossene Häuser und Höfe schon der Vergangenheit angehören, setzt die EKM mit der Initiative »Offene Kirchen« ein Zeichen gegen diesen Trend. Denn eine unverschlossene Kirche nehmen die Menschen als sehr positiv wahr, berichtet Hardy Rylke, Pfarrer der Jakobskirche in Weimar. Auch deren Pforten sind bereits seit vielen Jahren geöffnet. »Ich möchte den Menschen die Gelegenheit geben, das kennenzulernen, was mir zum Leben hilft und was vielleicht auch etwas für sie sein könnte«, so Rylke. Eine geöffnete Kirche zeige den Menschen, ja, ich habe wirklich Interesse an dir. Eine abgeschlossene Kirche dagegen bezeichnet Rylke als Katastrophe, denn jeder Mensch, der die Klinke herunterdrücke, verbinde mit seinem Besuch ein besonderes Bedürfnis. »Wenn wir als Kirche für alle offen sein wollen, dann muss das doch auch für die Gebäude gelten«, so Rylke.

Die Beispiele zeigen, dass das Projekt »Offene Kirchen« ehrgeizig, aber realisierbar ist. Laut Ralf-Uwe Beck, Pressesprecher der EKM, strebt die Evangelische Kirche hier einen Paradigmenwechsel an. »Heute sind die meisten Kirchen auf dem Gebiet der Landeskirche noch verschlossen. 2018 soll dies umgekehrt sein.« Und zwar auch noch lange über das Reformationsjubiläum hinaus. Propst Diethard Kamm betont: »Die Initiative ›Offene Kirchen‹ ist keine Schaufensteraktion. Wir öffnen unsere Gotteshäuser, und offen sollen sie bleiben.«

Diana Steinbauer

Hofjagd vor Schloss Hartenfels

17. März 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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In Torgau stattete Cranach mit Gehilfen ein spektakuläres Hochzeitsfest aus


In diesem Jahr würdigt die Lutherdekade unter dem Motto »Bild und Bibel« den 500. Geburtstag von Lucas Cranach dem Jüngeren. Die Kirchenzeitung nimmt das Cranachjahr zum Anlass, in einer Beitragsserie mit der Malerdynastie verbundene Orte vorzustellen. Diesmal Torgau.

Im November 1513 erlebte die Stadt an der Elbe ein Familien-Spektakel von einzigartigem Ausmaß: Die Hochzeit des späteren Kurfürsten Herzog Johann mit Margarete von Anhalt. Dass von den Gastgebern in jenen Tagen allein 3 265 fremde Pferde versorgt werden mussten, lässt die Dimension des Zeremoniells erkennen. Und natürlich wurde der Hauptort des Geschehens, das Torgauer Schloss Hartenfels, für diesen Anlass besonders ausstaffiert. Hauptauftragnehmer für diese Leistungen war Hofmaler Lucas Cranach mit seiner Wittenberger Werkstatt. Rechnungen und andere Belege gewähren Einblicke in das aufwendige, aber auch besonders einträgliche Geschäft. Um das »furstlich eheliche Beilager zu Torgaw« und dessen Rahmenprogramm, wie wir heute sagen würden, in punkto Zeit und Qualität realisieren zu können, hatte sich Werkstattchef Lucas sieben Gesellen und einige Lehrlinge zur Verstärkung geholt. In das im engeren Sinne Künstlerische reichten vermutlich die in Rechnungen als »tebicht« bezeichneten Werke.

»Hofjagd in Torgau zu Ehren Karls V.«, Gemälde von Lucas Cranach dem Jüngeren. Foto: Archiv für Kunst und Geschichte

»Hofjagd in Torgau zu Ehren Karls V.«, Gemälde von Lucas Cranach dem Jüngeren. Foto: Archiv für Kunst und Geschichte

Anstelle von raumschmückenden gewirkten Teppichen waren dies auf Tuch gemalte Bilder für die Wände der »stuben do die fursten an der Hochzceyt gesessen«. In Rechnung stellte er auch »gemelde … in den gemachen und kirchen«, die nicht näher bezeichnet werden. Überkommen ist von alledem nichts. Auch nicht das von Cranach bemalte Brautbett, von dem in dem offiziellen Hochzeitslied zu hören war.

Aufstieg Torgaus zur bevorzugten Residenz

Mit der zwischen den Brüdern Ernst und Albrecht auf dem Landtag zu Leipzig am 17. Juni 1485 verabredeten Trennung des Hauses Wettin in die Linien der Ernestiner und der Albertiner waren auf der Landkarte des Deutschen Reiches zwei neue Territorialstaaten einzuzeichnen. Torgau, die kursächsische Hauptresidenz der ernestinischen Linie der Wettiner, erlebte eine politische, wirtschaftliche und kulturelle Hoch-Zeit. Die Stadt wurde zum wohl wichtigsten politischen Zentrum der evangelischen Bewegung.

Eine erneute grundlegende Änderung der Machtkonstellation im Reich brachte der mit der Schlacht von Mühlberg an der Elbe (bei Torgau) im April 1547 beendete Schmalkaldische Krieg. Einen Monat danach besiegelte die Wittenberger Kapitulation, dass der vom Kaiser gefangen genommene Johann Friedrich, Kurkreis und Kurwürde an seinen Vetter Moritz von Sachsen abgeben musste, der sich in der Schlacht mit den Kaiserlichen verbündet hatte.

Der Aufstieg Torgaus zu einer bevorzugten Residenz spiegelt sich in der großzügigen, bis in die Gegenwart fast vollständig erhaltenen Renaissancebebauung der Altstadt wider. Einen der interessantesten Blicke auf die Stadt gewährt ein Standort von Norden über die Elbe. Die von hier zu betrachtende Silhouette war so schon im 16. Jahrhundert erlebbar: Wie auf einer Perlenschnur reihen sich zwischen Marienkirche und Schloss zahlreiche repräsentative Bauwerke aneinander. Das hat offenbar auch den alten Lucas Cranach beeindruckt. Ganz im Sinne fürstlichen Repräsentationsbedürfnisses wird das von ihm 1544 geschaffene Gemälde »Hofjagd zu Ehren Kaiser Karls V. vor Schloss Hartenfels« im Bildhorizont vom Schloss Hartenfels gekrönt.

Heinz Stade