Mein Sehnsuchtsort ist das Meer

6. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Volkskirche: Viele Menschen bekennen sich in der Region um Meiningen und Suhl zur evangelischen Kirche. Pröpstin Kristina Kühnbaum-Schmidt ist dort Regionalbischöfin. Mit ihr sprach Diana Steinbauer.

Im Juli hat das größte Rechtsrock-Konzert deutschlandweit im thüringischen Themar für großes Aufsehen gesorgt. Wie sehen Sie die Funktion der Kirchengemeinden vor Ort?
Kühnbaum-Schmidt:
Zunächst einmal hat mich beeindruckt, wie sich die Zivilgesellschaft in Themar über Wochen und Monate klar und eindeutig gegen dieses Konzert positioniert hat. Dass es nach diversen Gerichtsverfahren schließlich als politische Versammlung genehmigt wurde, war zu akzeptieren und zu respektieren. Gedanklich nachvollziehen konnten das viele Menschen in der Region nicht – auch ich nicht.

Kristina Kühnbaum-Schmidt an ihrem Urlaubsort. Foto: privat

Kristina Kühnbaum-Schmidt an ihrem Urlaubsort. Foto: privat

Die Kirchengemeinde in Themar und der Kirchenkreis Hildburghausen haben sich im Vorfeld und während des Konzertes absolut klar und gewaltfrei gegen den Hass und die Hetze, die von dieser Veranstaltung ausgingen, gewandt. Wie richtig und notwendig das war, haben die Berichte zu dem Konzert bestätigt.

Die Einladung der Kirchengemeinde zu einem ökumenischen Friedensgebet am Vorabend des Konzertes hat auch den Menschen, die sich am Veranstaltungstag selbst vielleicht nicht nach Themar gewagt haben, ermöglicht, ihrem Protest und ihrer Bitte um Frieden Ausdruck zu verleihen.

Ich habe großen Respekt vor dem entschiedenen, klaren und selbstverständlichem Engagement der Kirchengemeinde und ihrer Pfarrerin Frau Polster. Gemeinsam mit einem breiten Bündnis sind sie für Demokratie, Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe eingetreten und haben einen Auftrag der Kirche, sich für Frieden einzusetzen, eindrücklich wahrgenommen.

Wie verleben Sie diese Sommertage in Meiningen?
Kühnbaum-Schmidt:
Im vergangenen Jahr haben wir den Sommerurlaub zu Hause in Meiningen verbracht. Das habe ich sehr genossen. Die Stadt bietet viele kulturelle Möglichkeiten, vom Parkgeflüster über das Sommerfestival, Konzertmöglichkeiten oder den Meininger Orgelsommer.

An der Werra spazieren zu gehen oder die schönen Grünanlagen zu genießen, dazu nehme ich mir auch sonst manchmal Zeit. In diesem Jahr allerdings nicht so viel. Das hat auch mit der Zahl 2017 zu tun.

Apropos Reformationsjubiläum: Die Kirchentage auf dem Weg und andere Veranstaltungen zu 500 Jahren Reformation haben viele Menschen bewegt. Auch Nichtchristen?
Kühnbaum-Schmidt:
Die vielen Veranstaltungen – regional und überregio­nal –, in denen wir dieses besondere Ereignis feiern, waren und sind eine Möglichkeit, wie Kirche und Glaube auch für Nichtchristen überhaupt einmal wieder in den Bereich des Möglichen kommen. Ansonsten sind es oft ethische Fragen, aber auch persönliche Begegnungen, die die Frage nach Gott und christlichem Glauben aufwerfen.

Bei den Kirchentagen auf dem Weg war das ja schön zu sehen. Die Veranstaltungen, die draußen angeboten wurden und niedrigschwellig waren, wo es persönliche Begegnungen gab, wo Menschen gemeinsam gegessen haben, feiern und erzählen konnten, Musik erlebt haben, die hatten großen Zulauf. Offensichtlich wurden sie wahrgenommen als willkommene Gemeinschaftserlebnisse ohne große Schwelle.

Wie können die Schwellen und Barrieren abgebaut werden?
Kühnbaum-Schmidt:
Offen zu sein für andere ist wichtig. Ich denke, wir sollten aber auch die Frage klären, wie wir uns als Gemeinschaft zu denen verhalten, die uns, warum auch immer, fernstehen.Wir werden uns in den nächsten Jahren also intensiver mit der Frage nach der Kirchenmitgliedschaft beschäftigen müssen. Gibt es nur die Alternative des Ja oder Nein? Viele Menschen engagieren sich in christlichen Verbänden oder bei Vereinen und diakonischen Einrichtungen, in der Flüchtlingshilfe, einem Kirchbauverein oder Kirchenchor. Nicht immer gehören sie auch formell zur Kirchengemeinde.

Wie können wir ihnen das Gefühl geben, wirklich dazuzugehören? Also nicht sagen, ihr dürft gerne mittun, aber es gibt für euch keine Möglichkeit, auch Rechte wahrzunehmen.

Das würde aber die Kirchenlandschaft wie wir sie kennen, wesentlich verändern. Eine Art neue »Reformation«?
Kühnbaum-Schmidt:
Jedenfalls gehört es für mich ganz klar zum Thema »Die Reformation geht weiter«. Aber das ist kein leichtes Feld. Denn ich verstehe auch, dass Menschen, die zur Kirche gehören, getauft sind und Kirchensteuer bezahlen, fragen: Ist das für die Frage der Kirchenmitgliedschaft denn bedeutungslos? Wenn alle gleich sind, welchen Sinn hat dann die Kirchenmitgliedschaft?

Wir werden also diskutieren müssen: Welche Unterschiede sind nötig und welche sind vielleicht auch nicht nötig? Wie weit können und wollen wir gehen? Gemeinschaft heißt ja nicht, jeder macht sein Ding und dann gucken wir mal, ob und wie das zusammenpasst. Sondern Gemeinschaft – auch in der Kirche – braucht Verbindlichkeit in der Verantwortung füreinander.

Welche Themen beschäftigen Sie darüber hinaus hier vor Ort?
Kühnbaum-Schmidt:
Wir stellen uns im Propstsprengel den gleichen Herausforderungen wie die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM)insgesamt. Dennoch muss ich sagen, dass es im Vergleich in unserem Propstsprengel einen relativ hohen prozentualen Anteil von Kirchenmitgliedern an der Gesamtbevölkerung gibt. Das lässt uns in manchen Bereichen ein bisschen entspannter sein.

Das heißt aber auch, dass es an die Hauptamtlichen im Verkündigungsdienst eine hohe Erwartungshaltung gibt. Eine kirchliche Beerdigung, eine Hochzeit, eine Aussegnung im Sterbefall, die Präsenz – beispielsweise bei der Kirmes und anderen öffentlichen Anlässen – gehört hier selbstverständlicher zum Gemeindeleben dazu als in manch anderen Bereichen der EKM. Dass sie gebraucht werden, bekommen die Pfarrerinnen und Pfarrer, aber auch alle anderen Mitarbeitenden, hier ganz deutlich zu spüren.

Veränderungen, wie zum Beispiel größere Pfarrbereiche oder andere Zusammenlegungen, sind deshalb eine besondere Herausforderung für alle, die das zu schultern haben.

Wie fangen Sie das auf?
Kühnbaum-Schmidt:
Mein Eindruck ist, dass nicht unbedingt die Arbeitsbelastungen allein als anstrengend erlebt werden. Bedrückend ist für viele, dass sie ihre Selbstbestimmung als immer kleiner werdend erleben. Die Freiheit des Dienstes macht zum Beispiel im Pfarramt einen großen Teil der Arbeitszufriedenheit aus.

Genau diese Freiheit ist ja auch Zeichen der Professionalität. Also die Freude und Herausforderung, den Dienst in hoher Eigenverantwortung strukturieren zu können, Schwerpunkte zu setzen und dabei auf die jeweilige Situation vor Ort einzugehen.

Wenn der Eindruck entsteht, dass man in diesen Kernbereichen der eigenen Professionalität zunehmend fremdbestimmt ist, dann ist die Gefahr der Demotivation, der Überforderung oder auch des Burn-outs größer.

Wie können Sie helfen, damit es nicht so weit kommt?
Kühnbaum-Schmidt:
Zunächst einmal bin ich persönlich ansprechbar und aufmerksam. Ich bin regelmäßig in den Konventen, mindestens einmal im Jahr in jedem Hauptkonvent. Wenn es möglich ist, fahre ich auch mit zu Klausurtagungen. Da habe ich einen sehr intensiven Kontakt zu den einzelnen Personen, ihren Fragen und Sorgen.

Natürlich stehe ich auch sonst für Gespräche, Beratung und Besuche zur Verfügung. Ich denke aber auch, dass wir über die sich hier stellenden Fragen nicht nur als sich individuell stellende Fragen nachdenken müssen, sondern auch strukturell. Also beispielsweise dazu, was Pfarramt heute bedeutet. Und ich bin deshalb sehr froh, dass das Personaldezernat an dieser Thematik ganz dicht und konzentriert arbeitet.

Wo kommen Sie zur Ruhe?
Kühnbaum-Schmidt:
Sehnsuchtsort für mich persönlich ist immer das Meer. Sei es Nord- oder Ostsee. In diesem Jahr fahren wir wieder an die Ostsee. Schon der Weg dorthin – dieses Mal zum Mönchgut auf Rügen – bringt für mich den ersten Abstand.

Und was genießen Sie im Ostseeurlaub besonders?
Kühnbaum-Schmidt:
Strandspaziergänge, im Meer baden, Fahrradfahren, Lesen. Und ich genieße es sehr, wenn ich mit meinem Mann ganz klassisch und auch ein bisschen kitschig den Sonnenuntergang am Strand erleben kann. Wenn wir dort an einem lauen Sommerabend noch ein Glas Wein zusammen trinken, dann ist das ein perfekter Tag. Da bin ich furchtbar romantisch.

Bleibt denn das Handy auch zu Hause?
Kühnbaum-Schmidt:
Das Handy kommt mit. Aber ich vertraue darauf, dass es genug Gegenden gibt, wo man kaum Empfang hat.

Kristina Kühnbaum-Schmidt stammt aus Sickte bei Braunschweig. Nach ihrem Theologiestudium hat sie als Vikarin und Pfarrerin in Braunschweig gearbeitet. Die Landessynode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) wählte sie im November 2012 zur Regional­bischöfin des Propstsprengels Meiningen-Suhl.
Seit Mai 2013 ist sie Pröpstin der sieben Südthüringer Kirchenkreise der EKM und damit die einzige Frau in dieser Position. Außerdem ist sie Mitglied der Kirchenleitung der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) und Sprecherin beim Wort zum Tag »Augenblick mal« im MDR.
Kristina Kühnbaum-Schmidt ist verheiratet und hat eine Tochter.

Herzenssache »Kinderhilfe«

31. Juli 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Spannung auf das, was sie erwartet, ist allen ins Gesicht geschrieben: Eva, Dietrich, Karin und Tabea sind vier von 27 Freiwilligen, die der Ostthüringer Verein Kinderhilfe Westafrika ab September nach Benin und Ghana entsendet.

Im letzten Vorbereitungsseminar vor ihrem Einsatz wird noch einmal alles besprochen, es wird aufgeklärt, diskutiert und gezeigt, was die jungen Leute in der Ferne erwartet. Der Ort des Seminars, das Gemeindezentrum der Evangelischen Christengemeinde in Gera-Ernsee gleicht in diesen Tagen einer internationalen Konferenz. Ein Sprachengewirr aus Deutsch, Englisch und Französisch umgibt die Freiwilligen, Verantwortlichen und die Gäste aus Westafrika, die zu einer Partnerkonferenz nach Deutschland gekommen sind. Vertreter von insgesamt zehn afrikanischen Partnerorganisationen aus vier Ländern pflegen auf Seminaren den Dialog auf Augenhöhe und lernen Land und Kultur der Freiwilligen aus Deutschland kennen. Richtig passend erweist sich, dass parallel zu den Seminaren in Gera-Ernsee der 10. Jahrestag der Kinderhilfe Westafrika begangen werden kann.

Vorfreude: Eva Stübiger, Dietrich Neubert, Karin Gräßer und Tabea Heck (v. li.) beim letzten Vorbereitungsseminar Mitte Juli in Gera-Ernsee. Alle vier kommen aus den neuen Bundesländern, sind in Plauen, Bad Brambach und Jena zu Hause. Ihre Einsatzländer werden Ghana und Benin sein. Foto: Wolfgang Hesse

Vorfreude: Eva Stübiger, Dietrich Neubert, Karin Gräßer und Tabea Heck (v. li.) beim letzten Vorbereitungsseminar Mitte Juli in Gera-Ernsee. Alle vier kommen aus den neuen Bundesländern, sind in Plauen, Bad Brambach und Jena zu Hause. Ihre Einsatzländer werden Ghana und Benin sein. Foto: Wolfgang Hesse

Doch wie hat das alles angefangen? Die Wurzeln der Arbeit in Afrika liegen in Burkina Faso und fast 20 Jahre zurück. Rein zufällig lernte Torsten Krauße aus Kahmer, einem Ortsteil von Mohlsdorf-Teichwolframsdorf im Thüringer Landkreis Greiz, Pastor Moise Oubda und seine Frau Elisabeth kennen. Dieses Zusammentreffen bildete die Basis einer wunderbaren Freundschaft, die bis heute anhält.

Von Elisabeth Oubda erfuhr Torsten Krauße von einem Projekt, das sie im Jahre 2001 in Bobo Dioulasso (Burkina Faso) aufgebaut hat. Es ist das Dorcas Center, ein christliches Hilfszentrum für Frauen und Kinder. Hier werden Mädchen und junge Frauen zu Schneiderinnen ausgebildet, Waisenkinder und Straßenjungs betreut und ein Kindergarten betrieben. Torsten Krauße war von diesem Programm fasziniert und wollte seinen Freunden in Burkina Faso helfen. »Wir mussten einfach etwas machen«, erinnert er sich.

Heute, zehn Jahre nach der Gründung des Vereins Kinderhilfe Westafrika, ist diese Vision Wirklichkeit geworden. Die intensive Zusammenarbeit mit Partnerorganisationen vor Ort erstreckt sich inzwischen neben Burkina Faso auch auf Benin, Ghana und Nigeria. Seit acht Jahren entsendet der Verein Freiwillige zu den Organisationen in Westafrika.

Möglich wird das durch die Zusammenarbeit mit der Entsendeorganisation »weltwärts« und Engagement Global, einem Ansprechpartner im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Eva Stübiger, Tabea Heck, Karin Gräßer und Dietrich Neubert gehören zu den Freiwilligen, die 2017 die Arbeit in Westafrika fortsetzen. Alle vier kommen aus den neuen Bundesländern, sind in Plauen, Bad Brambach und Jena zu Hause.

Für Tabea (18), Eva (18) und Karin (19) beginnt mit diesem Einsatz nach der Schule ein neuer Lebensabschnitt. Gerade noch in den Abiturprüfungen, stehen sie vor einer neuen Herausforderung. »Auf diesen Freiwilligendienst von Kinderhilfe Westafrika sind Karin und ich im christlichen Jugendmagazin Teensmag aufmerksam geworden«, erinnert sich Tabea. Eva aus Bad Brambach erfuhr davon von ihrem Pfarrer, der die Organisation bereits kannte. Für Dietrich Neubert ist der Freiwilligendienst in Westafrika eine konsequente Fortsetzung seiner Arbeit in sozialen Einrichtungen. Dieser Herausforderung möchte sich der 26-Jährige jetzt gern stellen.

Eva hat sich für Benin entschieden. Sie liebt Französisch und weiß, dass es in Benin die Amtssprache ist. Die anderen drei werden nach Ghana gehen, wo vorwiegend Englisch gesprochen wird. Anfänglich, so schätzen alle, sind sie mit den schulischen Sprachkenntnissen gut vorbereitet. Das haben die Gespräche mit den Partnerorganisationen bestätigt. Dennoch gilt für jeden Einzelnen, der in diese neue Umgebung kommt: »Learning by Doing«. Während des Vorbereitungsseminars haben sich die Freiwilligen ausführlich mit den Projekten beschäftigt, in denen sie arbeiten werden.

Es ist eine gute Vorbereitung, die die Freiwilligen von der Entsendeorganisation bekommen. Keiner wird auf sich allein gestellt sein. Sie sind immer zu zweit im Land, wohnen mitunter bei den leitenden Pfarrern und bekommen Betreuer zur Seite gestellt, die sie stets erreichen können. Eigentlich ist alles rund, könnte man denken – doch die vier jungen Menschen haben Respekt vor dem, was sie erwartet. Für Tabea, Eva und Karin ist es das erste Mal, dass sie so lange Zeit auf sich gestellt sind und ihre gewohnte Umgebung verlassen. »Mittlerweile überwiegt die Vorfreude gegenüber der anfänglichen Angst. Das Vorbereitungsseminar hat mich motiviert«, sagt Eva.

Für Torsten Krauße und die anderen haupt- und ehrenamtlichen Helfer der Kinderhilfe Westafrika gehört der christliche Glaube zu ihrem Leben und bildet das Fundament ihrer Arbeit. Es sind vor allem christliche Partnerorganisationen in Afrika, die der Verein unterstützt. Gerade die Pfarrer in den Dörfern und Städten sind diejenigen, die etwas für die Menschen vor Ort tun. Anders als bei uns stehen die christlichen Zentren und die Gemeinden im Mittelpunkt des Zusammenlebens.

Dies wird ganz besonders beim Entsendegottesdienst in Gera-Ernsee sichtbar. Die tiefe Verbundenheit zu Gott schwingt bei allem mit, was in diesen zwei Stunden passiert. Mit großer Begeisterung berichten die afrikanischen Gäste von ihrer Arbeit. Immer wieder kommt ein Halleluja über ihre Lippen. Dankbar schauen sie auf das zurück, was der Herr durch ihr Werk getan hat und dass man ohne die Unterstützung der Kinderhilfe Westafrika nicht so weit wäre.

In den Ausbildungsprojekten in Ghana werden Tabea, Karin und Dietrich arbeiten. Sie werden in sogenannten Extra Classes beim Unterricht helfen und Fächer wie Englisch, Mathematik und Informatik unterrichten. Eva wird im College Sion, einem Gymnasium in Benin, beim Deutsch- und Informatikunterricht helfen. Direktor Rene Sobabé ist von dort gekommen und berichtet, dass im vorrangig muslimischen Norden Benins durch Bildung den Kindern und Jugendlichen geholfen werde, sich aus traditionellen familiären Strukturen zu lösen.

Für die jungen Frauen aus Mitteldeutschland gehört Gott ganz selbstverständlich zu ihrem Leben. Eva nimmt ihren Glauben als ein Stück Heimat mit nach Benin. Sie ist gespannt, wie dort die Religion gelebt wird. Als Christen möchten Tabea und Karin in Afrika gemeinsam im Glauben wachsen. Dietrich hingegen sieht sich nicht als frommen oder gläubigen Menschen. Dennoch möchte er das Leben im Glauben vor Ort respektieren, offen und in Demut den Menschen begegnen.

Für Tabea ist es wichtig, dass die Kinderhilfe Westafrika eine christliche Organisation ist, »das macht schon einen großen Unterschied zu anderen Hilfsorganisationen weltweit und hilft mir, mit dem Herzen dabei zu sein«.

Wolfgang Hesse

www.kinderhilfe-westafrika.de

Wir müssen raus in die normale Welt

24. Juli 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Reformationssommer in Mitteldeutschland: Über enttäuschte Erwartungen, Christsein in einer konfessionsfreien Welt, die Lust am Streit und das schwierige Gefühl der Heimat sprach Propst Johann Schneider, Regionalbischof von Halle-Wittenberg, mit Katja Schmidtke.Sommerlogo GuH

Wir treffen uns nicht in Halle, wo Ihr Büro ist, sondern in Wittenberg, wo in diesem Jahr die Musik spielt. Sie spielt ziemlich laut, aber vor weniger Publikum als erwartet.
Schneider:
Auf den ersten Blick stimmt das, aber wir müssen genau hinsehen. Die Gottesdienste in der Stadtkirche und in der Schlosskirche sind sehr gut besucht. Die Herausforderung, die ich sehe: Die Gruppen, die die Stadt besuchen, haben in der Regel ihr eigenes Programm und für zusätzliche Aktivitäten kaum Zeit. Einige Veranstaltungen sind gut besucht, einige werden kaum wahrgenommen.

Johann Schneider im Luthergarten in Wittenberg, einem Lieblingsplatz – im Hintergrund der Turm der Schlosskirche. Foto: Thomas Klitzsch

Johann Schneider im Luthergarten in Wittenberg, einem Lieblingsplatz – im Hintergrund der Turm der Schlosskirche. Foto: Thomas Klitzsch

Wir werden mit den enttäuschten Erwartungen klarkommen müssen, gerade bei Menschen, die von weither kommen, sich ehrenamtlich beteiligen oder ihren Urlaub einbringen. Da bleibt eine Spannung. Ein gutes Beispiel: Ich war auf einer nicht gut besuchten Veranstaltung, der Wind wehte, und eine Teilnehmerin schlug vor, nach drinnen zu gehen. Das ist eine typische Reaktion in der Kirche.

Wie meinen Sie das?
Schneider:
Wir ziehen uns in geschützte Räume zurück. Natürlich verlieren sich 15 Menschen auf einer Bühne mit 250 Plätzen. Aber all diese Formate auf der Weltausstellung sind doch eine gute Übung. Wir müssen als Kirche raus aus den Kirchenräumen auf die Marktplätze. Das ist auch die Quintessenz der Kirchentage auf dem Weg – bei aller Kritik. Dieses Hinausgehen in die normale Welt ist die zentrale Handlung.

Hinaus in die normale Welt – wir und die anderen? Woher kommt diese Trennung?
Schneider:
Was ich in fünf Jahren als Propst gelernt habe: Die konfessionslose Kultur bestimmt das Denken und tabuisiert subtil den Glauben. Glauben spielt einfach keine Rolle, er ist vollkommen irrelevant. Menschen verhalten sich wie religiöse Analphabeten. Wer glaubt, zieht sich in die Kirche zurück, weil er dort Menschen trifft, die ähnlich denken. Es erfordert einen Kraftakt, hinauszugehen.

So wie in Tröglitz: Nach dem Brandanschlag auf die geplante Flüchtlingsunterkunft bat mich ein Gemeindekirchenrat, zum Friedensgebet zu kommen, die Stimmung war wie gelähmt. Ich legte den Bibelvers aus, dass Gott uns nicht einen Geist der Furcht, sondern der Kraft, Zuversicht, Hoffnung gegeben hat und wollte den Gottesdienst mit einem Vaterunser, einer Segensbitte vor dem ausgebrannten Haus abschließen. Das war ganz schwer durchzusetzen. »Was sollen wir da machen?«, lautete die Gegenfrage. Einfach gehen, sich als Christ zeigen, singen und beten. Wir taten es und die Leute aus der Schrebergartensiedlung gegenüber standen am Zaun und guckten uns zu. Eine typische Situation.

Es ist ungewöhnlich, wenn Christen öffentlich zusammenkommen?
Schneider:
Es ist in dieser konfessionsfreien Welt seltsam, sich öffentlich zu treffen und etwas gemeinsam zu tun. Nach 1990 haben wir einen Schub von Individualisierung und Vereinzelung erlebt, in Ost wie West, sodass Gemeinschaftliches erst einmal verdächtig ist. Aber wir wollen die Botschaft, an die wir glauben, teilen. Und das gelingt aus meiner Sicht nur, wenn Menschen sich begegnen.

Als Regionalbischof begegnen Sie den Menschen. Wir haben das Gefühl, gerade bei heißen Themen klaffen die Meinungen zwischen Kirchenvolk und Kirchenleitung auseinander.
Schneider:
Ich denke an den Trägerverein des Schlosses Mansfeld, der in die Kritik geraten war. Der Verein hatte der Stadt die Vermietung eines Raumes im Schloss, das die Stadt Mansfeld als Standesamt nutzte, gekündigt. Es gab Streit um die Eintragung einer Lebenspartnerschaft und die anschließende Feier auf Schloss Mansfeld. Wir dürfen bei unserem Urteil nicht außer Acht lassen: Das sind alles engagierte Ehrenamtliche, sie legen die Grundlage unseres Glaubens, die Bibel, in einer gewissen Weise aus, und diese Auslegung entspricht manchmal nicht den Trends der theologischen Forschung. Es ist eine traditionelle Auslegung, besonders bei heißen Themen wie Homosexualität, Familie, Ehe.

Wir Theologen müssen uns prüfen, wie schnell wir mit unserer Position anderen sagen wollen, was geht und was nicht. Mir ist bei der Moderation in Mansfeld aufgefallen, dass auch ich schnell ein Korrektiv im Kopf habe, »nein, so kann man das nicht auslegen«. Aber wir sind gemeinsam Hörer des Wortes. Wir ringen um die Wahrheit, sie ist nichts Statisches.

Wie ging es in Mansfeld weiter?
Schneider:
Die Mitgliederversammlung hat die Kündigung zurückgenommen, aber man muss da sehr genau hinschauen. Der Vorstand hat nicht unverantwortlich gehandelt, die Mitgliederversammlung hat ihm weiterhin ihr Vertrauen geschenkt. Ergebnis des Gesprächs: Das Standesamt kann dort wieder Eintragungen gleichgeschlechtlicher Paare vornehmen. Ich bin dankbar für eine friedliche, zivilisierte Auseinandersetzung mit dem Standesamt und auch im Verein.

Wir streiten viel, aber oft unsachlich. Ich denke an all die Debatten um die AfD, an Tröglitz und Schnellroda.
Schneider:
Uns fehlen hier die öffentlichen Räume. Wo treffen wir andere Menschen, Menschen außerhalb unserer Kreise? Außerdem ist ein Verlust an zivilisierter Gesprächskultur festzustellen. Es gehört ein Maß an Zuhörenwollen und Ertragen, dass der andere eine andere Meinung hat, dazu. Wir sind als Kirche – und da nehme ich mich nicht aus – sehr schnell bei einem Urteil. Gerade in politischen Fragen formulieren wir schnell einen moralischen Anspruch.

Ich bin kein Freund von Appellen. Ich mag nicht moralisieren. Wenn Sie in einem sozialistischen Schulsystem aufwachsen, haben Sie genug Appelle gehört. Das wunderbarste Geschenk ist doch, dass wir frei denken und frei reden können.

Zu Schnellroda: Ich bin sehr dankbar, dass die Pfarrerin zuversichtlich und fröhlich ihren Dienst tut. Sie ist eine unbefangene Christin, kommt aus einem völlig säkularen Elternhaus, sie ist so normal, sie passt ganz genau da hin. Und sie hat die Gabe, mit allen zu reden, die ihr zuhören wollen.

Sie trafen während Ihrer Studienzeit in Erlangen auf Fairy von Lilienfeld, eine Theologin des Katechetischen Oberseminars Naumburg, die die DDR verlassen durfte und in Bayern die erste Theologin und ordinierte Pfarrerin war. Was haben Sie von ihr gelernt?
Schneider:
Ich habe bei ihr viel gelernt. Menschlich und inhaltlich. Menschlich verdanke ich ihr zum Beispiel den Impuls, als junger Vater und an der Endstation meiner Promotionsarbeit den Fernseher abzuschaffen. Und im ökumenischen Gespräch, dass es hilft, die Position des Gesprächspartners sehr gut zu kennen. Fairy kannte die theologischen Grundlagen der Orthodoxie oft besser als die orthodoxen Theologen.

Teilten Sie mit ihr die Erfahrung, in einem anderen Land neu anzufangen?
Schneider:
Ja. Sie sagte: »Lieber Herr Schneider, es wartet hier niemand auf Sie – aber es ist trotzdem gut, dass Sie hier sind.« Das lässt sich auf heute übertragen, egal ob Sie aus einem fremden Land kommen oder in eine neue Stadt ziehen. In der Regel wartet niemand auf Sie. Sie müssen selbst auf die Menschen zugehen. Das habe ich auch den Stipendiaten geraten, mit denen ich durch meine Arbeit an der Universität und später für die EKD zu tun hatte. Deutschland ist eine geschlossene Gesellschaft, und die Kirche gleich noch einmal. Die Aufgabe ist es, selbst die Kirchentür aufzumachen.

Welche Tür haben Sie aufgestoßen, als Sie 1985 von Siebenbürgen nach Würzburg gekommen sind?
Schneider:
Ich habe es in der Kirchengemeinde versucht, das war nicht leicht. Wir waren Exoten. Ich suchte mir einen Studentenkreis, obwohl ich noch kein Student war; ich musste ja in Deutschland mein Abitur zum zweiten Mal ablegen. Das Studium war dann das Tor, um Menschen wirklich kennenzulernen. Ich habe aber auch in dieser Zeit oft gespürt, mein Leben, meine Geschichte haben für die anderen etwas Fremdes. Ich habe gelernt, wo ich etwas über mich erzählen kann und wo nicht.

Haben Sie das Gefühl, Ihre Heimat verloren zu haben?
Schneider:
Verloren – nein. Wir sind zwar schweren Herzens gegangen, aber kurioserweise haben uns die Jugendlichen aus der DDR ermutigt. Sie sagten: »Christus geht mit euch.«

Verloren – ja. Das waren die Freunde, der persönliche Umgang, die vertraute Umgebung. Aber ich bin inzwischen fast jedes Jahr in Rumänien, und so ist es mir nicht verloren gegangen. Das Gefühl der Heimat hat sich verlagert in die Sprache.

Was ist für mich Heimat? Es ist die Vielfalt der Sprachen: Siebenbürgisch-Sächsisch, Ungarisch, Rumänisch, und es ist auch das Miteinander. Sie werden es nicht glauben, aber wenn ich in Halle bettelnde Roma treffe, fühle ich mich nicht unbehaglich. Wir kommen miteinander ins Gespräch.

Die Emigration war ein ungemeiner Zuwachs an Freiheit. Frei zu sagen, was ich denke, nicht zu unterscheiden, was ich privat und öffentlich sagen kann, und zu kritisieren. Ich kann an Texten kritisieren, ich kann sogar die Kirche kritisieren – und bleibe dennoch drin. Das ist doch wunderbar!

»Reformation geht weiter«, heißt ein EKM-Slogan. Was heißt das für Sie?
Schneider:
Ich hadere etwas damit, weil der Slogan etwas Appellatives hat. Was heißt das für mich – »Reformation geht weiter«? Dass wir die Offenheit zu einem kritischen Streit innerhalb der Kirchen brauchen. Ich sehe diese Bereitschaft noch nicht, auch nicht in unserer Kirche. Unsere Synode streitet aus meiner Sicht viel zu wenig über kon­troverse Themen im Licht der Schrift.

»Reformation geht weiter« heißt für mich: Mut zu klaren Aussagen, zu einem Bekenntnis, das herausfordert, aber nicht abstößt, sondern einlädt, und dass wir das, was wir teilen, in einer freundlichen Weise mitteilen und mit der Ablehnung, die wir auch erfahren, umgehen lernen.

Aber der Slogan ist für Kirchenleute. Fragen Sie Menschen auf dem Wittenberger Markt dazu, greifen diese sich wahrscheinlich an die Stirn: Oh Gott, kommen die nächstes Jahr alle wieder? Es wird sich zeigen, welche Wirkung dieses Jubiläumsjahr über Wittenberg hinaus hat. Es wird auch kritische Fragen geben, natürlich. All der Aufwand. Aber es ist eine große Chance für die mitteldeutsche Kirche.

Dr. Johann Schneider wurde 1963 im siebenbürgischen Mediasch (Rumänien) geboren. Nach der Lehre als Werkzeug­macher studierte er Theologie in Neuendettelsau, Tübingen, München, Erlangen und Rom. Später arbeitete er als Pfarrer und Dozent an der Universität Erlangen, beim Diakonischen Werk der EKD und beim Lutherischen Weltbund.

Seit 2007 war er als theologischer Oberkirchenrat im Kirchenamt der EKD in Hannover, insbesondere im ökumenischen Bereich, tätig. Im November 2011 wählte ihn die Landessynode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland zum Regional­bischof des Propstsprengels Halle-Wittenberg. Er ist verheiratet und hat zwei Söhne.

Mit Zeichen und Gebärden zum Verstehen

13. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Gebärdenkultur ist ausdrucksstark, tiefgründig und humorvoll. Auf jeden Fall zählt der Stolz auf die eigene Sprache dazu. Denn das Selbstbewusstsein wächst, wenn man sich in seiner Sprache mitteilen und anderen helfen kann.

Visuelle Diskussion: Deutsche und norwegische Teilnehmer des Sommercamps verständigen sich in Gebärdensprache. Foto: privat

Visuelle Diskussion: Deutsche und norwegische Teilnehmer des Sommercamps verständigen sich in Gebärdensprache. Foto: privat

An die 50 Jugendliche aus Deutschland und Norwegen entdeckten im August in Strandheim am Oslofjord verschiedene Ausdrucksformen von Gebärdenkultur: Poesie, Theater, Lieder und vieles mehr. Visuell wurde diskutiert, gelernt und geübt. Nicht überall wird Gebärdensprache gefördert. Und nicht überall haben Gehörlose Möglichkeiten, ihre Sprache zu entwickeln. Deshalb waren die Voraussetzungen bei den Teilnehmenden teilweise sehr unterschiedlich. Doch gemeinsam haben es alle geschafft und jede und jeder konnte abends seine Fähigkeiten auf einer Bühne unter Beweis stellen.

Zudem gab es viele Freizeitaktivitäten – von Fußballspielen bis zu Wikingerschach, Schwimmen oder Klettern, von Kajak- und Kanufahren bis zur Schifffahrt auf dem Oslofjord. Dabei galt stets: gemeinsam statt einsam. Mehr als ein Drittel der deutschen Teilnehmer kam aus Mitteldeutschland: Von Hildburghausen über Triptis, Zwickau und Leipzig bis nach Dres-
den.

Helfen ist ein wichtiger Teil von Gehörlosen- und Gebärdenkultur. Dies gilt nicht nur für Hilfe untereinander, sondern auch gegenüber anderen Menschen. Deshalb wurde ein Erste-Hilfe-Kurs angeboten, um dann als Ersthelfer mutiger zu sein und etwa einen Krankenwagen rufen zu können. Auch wenn die technischen Systeme (Apps auf dem Handy oder dreimal Power-Taste drücken auf dem Smartphone ab Android 5) in Deutschland und Norwegen unterschiedlich entwickelt sind.

Weltweit gibt es mehr als einhundert verschiedene Gebärdensprachen. Spannend war daher die Begegnung über die Grenze verschiedener Sprachen hinweg. Nur wenn es unbedingt notwendig war, wurde gedolmetscht. Für viele Teilnehmer war es die erste Gelegenheit, mit Benutzern einer anderen Gebärdensprache zu kommunizieren. Die meisten haben dabei ihre Liebe zur eigenen Gebärdensprache ganz neu entdeckt.

Die Jugendbegegnung wurde von der norwegischen Gehörlosenkirche, der »Døvekirken«, in Zusammenarbeit mit der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Evangelische Gehörlosenseelsorge organisiert und durch das EU-Programm »Erasmus-Plus« gefördert. Das Wichtigste an der Woche war, dass die Jugendlichen über sich selbst hinauswuchsen und mit Stolz auf ihre Leistungen wieder nach Hause reisten. Die Hoffnung aller Beteiligten ist es deshalb, dass im August 2017 eine weitere Jugendbegegnung, dann in Eisenach, möglich wird.

Michael Hoffmann und Andreas Konrath

Michael Hoffmann ist Pfarrer der norwegischen Døvekirken, Andreas Konrath ist Landesgehörlosenpfarrer der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

Hereinspaziert!

5. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Den Tag des offenen Denkmals am zweiten Septemberwochenende nutzt das Landeskirchenamt der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und öffnet sonnabends 10. September seine Türen für interessierte Besucher. Sie können bei dieser Gelegenheit die Arbeit der Kirchenverwaltung »hautnah« erleben und ganz nebenbei ein architektonisches Kleinod in der Erfurter Altstadt entdecken.

Kirchenamtspräsidentin Brigitte Andrae bringt es auf den Punkt: »Das Landeskirchenamt möchte ein offenes Haus sein, keine in sich verschlossene Behörde. Es ist auch ein Stück Kirche mitten in der Erfurter Altstadt. Das wollen wir nutzen, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen – und laden deswegen immer wieder zu Veranstaltungen in unserem Haus ein. Am ›Tag der offenen Tür‹ wollen wir allen Interessenten unser Haus vorstellen, die Menschen, die dort arbeiten, die Themen, die uns hier bewegen.«

Zu diesem Anlass wird es nicht nur Besichtigungsmöglichkeiten geben, auch verschiedene aktuelle Projekte der EKM werden präsentiert (siehe Infokasten rechts). Außerdem warten ganztägig folgende Angebote auf die Besucher: die Ausstellungen »Vom Seemannspastor zum Propst« zum 50. Todestag von Propst Oskar Zuckschwerdt sowie zu »Kirchendecken«, Präsentationen zum »Bau des Landeskirchenamtes«, zu »Daten und Fakten zur Landeskirche« und zum Projekt »Querdenker (EKM und IBA)«. Zum Programm gehören auch Informationen rund um »Bildung und Schule«, »Archive«, »Die EKM im Ohr«, »Siegel- und Stiftungswesen«, »Personalregistratur« sowie »Halt Gehalt – die Zentrale Gehaltsabrechnungsstelle«.

Das markante Kielbogenportal des Collegium maius. Foto: Adrienne Uebbing

Das markante Kielbogenportal des Collegium maius. Foto: Adrienne Uebbing

Und auch für Kinder gibt es an diesem Tag spezielle Angebote, unter anderem eine Buttondruckmaschine, Maltische, Kegeln oder ein Forstquiz.

Vor fünf Jahren bezog das Landeskirchenamt das »Collegium maius« im Herzen der Landeshauptstadt. Gegenüber der Michaeliskirche im ehemaligen »Lateinischen Viertel« Erfurts gelegen, war dieses Bauwerk einst das Hauptgebäude der Alten Universität Erfurt, deren Gründung auf das Gründungsprivileg aus dem Jahr 1379 zurückgeht. Damit repräsentiert das Collegium maius die wohl älteste Alma mater Deutschlands, deren bekanntester Student und Lehrer Martin Luther war.
Im 15. Jahrhundert galt sie als eine der angesehensten Hochschulen Mitteleuropas und war für die Stadt ein wichtiger Wirtschaftsfaktor; die dort um das Jahr 1500 lehrenden Humanisten übten eine große Anziehungskraft aus.

Zum Ensemble gehört das Bibliotheksgebäude von 1847, dessen Aussehen vom aufgearbeiteten Bruchstein- mauerwerk geprägt wird. Blickfang ist das Boineburgsche Portal, heute der Zugang zum Landeskirchenamt. Foto: Volker Hielscher/EKM

Zum Ensemble gehört das Bibliotheksgebäude von 1847, dessen Aussehen vom aufgearbeiteten Bruchstein- mauerwerk geprägt wird. Blickfang ist das Boineburgsche Portal, heute der Zugang zum Landeskirchenamt. Foto: Volker Hielscher/EKM

Ein Jahr nach dem als »Tolles Jahr« in die Stadtgeschichte eingegangenen Aufstand der Erfurter Bevölkerung gegen ihre Ratsherren wegen des Bankrotts des städtischen Finanzhaushaltes wurde 1510 damit begonnen, das Collegium maius zu erbauen. Das spätgotische Portal zierte seit 1513 die Front des Gebäudes. In diese Zeit fällt wohl auch die Anfertigung der filigranen Maßwerkfenster im gotischen Stil. Das Obergeschoss mit dem repräsentativen Auditorium wurde zwischen 1549 und 1550 fertiggestellt. Eine Besonderheit sind hier die Steinmetzarbeiten an der Fensterfront des Nordgiebels. Im 19. Jahrhundert kam es zum Niedergang der Universität; als sie 1816 nur noch 20 Studenten hatte, wurde sie geschlossen. Den prächtigen Festsaal nutzte die Stadt weiterhin für Veranstaltungen.

Am 9. Februar 1945 zerstörten amerikanische Sprengbomben das Collegium maius bis auf die Erdgeschossmauern. Sorgsam wurden seinerzeit wertvolle Bauteile aus den Trümmern geborgen. Erst 1983 erfolgte der erste Schritt zum Wiederaufbau: anlässlich der Feierlichkeiten zum 500. Geburtstag Martin Luthers erstand das imposante Portal neu. Im Herbst 1989 galt das Collegium maius als Symbol für den geistig-kulturellen Aufbruch. Angeregt durch die bereits 1987 ins Leben gerufene Universitätsgesellschaft Erfurt, wurde die Universität 1994 neu gegründet. Viele Bürger beteiligten sich am Wiederaufbau ab1998.

Zum historischen Gebäudekomplex gehört das Bibliotheksgebäude aus dem Jahr 1847, das beim Umbau als Verwaltungssitz der EKM in seiner Grundstruktur erhalten blieb. Blickfang dieses Gebäudeteils ist zweifellos das sanierte Boineburgsche Portal, durch das die Besucher heute das Landeskirchenamt betreten. Philipp Wilhelm Reichsgraf von Boineburg war kaiserlicher und kurmainzischer Geheimer Rath, Statthalter von Erfurt und Rektor der Universität. Er stiftete ihr die von ihm noch ergänzte Bibliothek seines Vaters sowie ein beträchtliches Kapital. So konnte die Bibliothek in der Mainzer Hofstraße 12 errichtet werden. Nach deren Abbruch infolge eines Brandes im Jahr 1899 wurde das prächtige Tor gesichert und kam zunächst ins Städtische Museum. Seinen heutigen Platz erhielt das Portal dann 1935 am damaligen Bibliotheksgebäude.

Dort, wo sich einst das Gebäude der philosophischen Fakultät befand, steht nun der U-förmige Neubau; der entstandene Innenhof bildet die Klammer zwischen alter und neuer Bau-
substanz. Innen wechseln sich geschlossene Flure mit natürlicher Belichtung ab und bieten Ausblicke in den Hof. Die rund 150 Menschen, die im Landeskirchenamt in rund 100 Büros arbeiten, erleben das Gebäudeensemble als gemeinsames Haus. Um einen großzügigen Raumeindruck zu erreichen, sind die Räume geschosshoch verglast. Der Neubau ist der Schöpfungsbewahrung verpflichtet: hoch wärmegedämmt und mit begrüntem Flachdach; für die elektrische Versorgung bezieht das Kirchenamt ausschließlich Ökostrom. Die Gesamtkosten für den Um- und Ausbau betrugen 11,7 Millionen Euro. Das Land Thüringen und der Bund stellten davon 7,2 Millionen Euro aus Städtebaufördermitteln zur Verfügung. 4,5 Millionen stammen aus Eigenmitteln der Kirche.

Großen Wert legt das Landeskirchenamt auf den offenen Charakter der Einrichtung; so gibt es die gemeinsam mit der Universitätsgesellschaft angebotene Vortragsreihe der »Collegium Maius Abende« zur Historie der Universität, aber auch zu Themen der Kultur- und Geistesgeschichte. Besonders am Herzen liegen Präsidentin Brigitte Andrae außerdem die wechselnden Ausstellungen im Landeskirchenamt, zum Beispiel »Fotografien demenzkranker Menschen«, »Frauen der Reformation« oder »Malerei von Menschen mit Beeinträchtigungen«.

Adrienne Uebbing

Interessante Einblicke:
Das Landeskirchenamt in Erfurt lädt am 10. September von 10 bis 14 Uhr zu einem Tag der offenen Tür in die Michaelisstraße 39


www.ekmd.de

Programm
10 Uhr          Eröffnung mit Begrüßung durch die Präsidentin, anschl. Kurzvorstellung der Dezernate (»Großer Saal«)

10.30 Uhr    Präsentation / Workshops »Finanzen in der EKM« (Raum »Magdeburg«) sowie »Erprobungsräume« (Raum »Eisenach«)

11 Uhr           Vorstellung der Dezernate (»Großer Saal«)

11 Uhr           Vernissage »Vom Seemannspastor zum Propst« (Foyer)

11 Uhr            Hausführung

11.30 Uhr      Präsentation/Workshops »Der Kirchenwald« (Raum »Magdeburg«) sowie »GKR-Wahlen 2019« (Raum »Eisenach«)

12 Uhr           Andacht (vor dem »Großen Saal«)

12.30 Uhr     Hausführung

12.30 Uhr     Präsentation / Workshops »Offene Kirchen« (Raum »Magdeburg«) sowie »Refomationsjubiläum 2017« (Raum »Eisenach«)

13 Uhr           Hausführung


Als Christen erkennbar bleiben

8. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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In der Reihe der Sommerinterviews sprach Katja Schmidtke mit Oberkirchenrat Eberhard Grüneberg, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Mitteldeutschland, über seine Zeit als Schriftsetzer, über Flüchtlingsintegration und Großvaterfreuden.

Sie haben in den 1980er-Jahren bei »Glaube + Heimat« gearbeitet. Was war das für eine Zeit?
Grüneberg: Im VOB Druckform Weimar war ich Setzer an einer Bleiguss-Setzmaschine, eine große laute Maschine, und einen halben Meter von mir entfernt stand der kochende Bleitopf. Arbeiten, die im Zeitalter des Computers nur noch im Museum zu finden sind. Mein Beruf ist ausgestorben.

In der Zentrale der Diakonie Mitteldeutschland in Halle gibt es kleine grüne Oasen. Hier treffen sich die Mitarbeiter auch mit dem Chef, Oberkirchenrat Eberhard Grüneberg, zum Pausengespräch. Foto: Katja Schmidtke

In der Zentrale der Diakonie Mitteldeutschland in Halle gibt es kleine grüne Oasen. Hier treffen sich die Mitarbeiter auch mit dem Chef, Oberkirchenrat Eberhard Grüneberg, zum Pausengespräch. Foto: Katja Schmidtke




Bevor Sie zum Druck kamen, waren Sie Hilfspfleger in einer Einrichtung für körperlich und geistig behinderte Menschen. Wie hat Sie das geprägt?
Grüneberg: Ich wollte nach Abitur und Armee nicht studieren, sondern etwas mit den Händen machen. Damals haben viele Freunde in diakonischen Einrichtungen gearbeitet. Diese Häuser waren in den 1970er-Jahren Nischen für Unangepasste. Dort konnte man sich politischen Anforderungen ein Stück weit entziehen. Ich bin umgeschwenkt, als mir die Leitung des Hauses eine Qualifizierung angeboten hatte, Freunden aber nicht. Also ging ich in die Druckerei.

Sie sagten, Häuser wie in Templin waren damals etwas für Unangepasste. Waren Sie auch einer?
Grüneberg: Ja, ich suchte Alternativen. Ein Studium hätte eine Richtung vorgegeben und die hatte ich damals nicht. In den 1980er-Jahren reisten viele Freunde in den Westen aus. Auch für uns stellte sich die Frage, bleiben wir oder nicht, gibt es hier eine sinnvolle Tätigkeit? Damals wuchs der Gedanke, Theologie zu studieren – angestoßen durch meine Frau, die aus einem Pfarrhaus stammt.

Haben Sie auch erst dann zum Glauben gefunden?
Grüneberg: Meine Eltern waren nicht besonders fromm, aber sie gehörten der Kirche an. Als Jugendlicher und junger Erwachsener ging ich zum kirchlichen Leben auf Abstand. Das änderte sich in Templin, das ja ein diakonisches Haus war. Aber der Entschluss, Pfarrer zu werden, brauchte doch Zeit. Erst mit 28 Jahren habe ich angefangen zu studieren.

Für einen jungen Menschen in der DDR war das ein untypischer Weg.
Grüneberg: Ich habe diese Umwege gebraucht, ohne sie wäre es nicht richtig gewesen. Ich habe alles sehr gern gemacht, nichts war verlorene Zeit.

Sommerlogo GuHKönnen Sie die Sorgen und Nöte Ihrer Mitarbeiter nachvollziehen?
Grüneberg: Die Arbeit in der Pflege ist überhaupt nicht mehr zu vergleichen. Als ich in Templin angefangen habe, wurde ich am ersten Tag bekannt gemacht mit der Gruppe von zehn, zwölf Jugendlichen und am nächsten Tag betreute ich sie allein. Da habe ich Lehrgeld gezahlt. Keine Frage, die Umgebung war sehr liebevoll, aber es hatte reinweg gar nichts zu tun mit den Standards in Pflege und Förderung heute.

Es gelten hohe Standards, aber auch hohe Anforderungen, ein großer Zeitdruck. Steht das nicht im Widerspruch zu christlichen Werten, mit denen sich die Diakonie von anderen abhebt?
Grüneberg: Es ist zumindest ein Spannungsverhältnis, denn wir erwarten von uns, dass wir uns unterscheiden mit Blick auf Zuwendung, Begleitung, kirchliche Angebote. Das ist mit Geld nicht aufzuwiegen und muss immer wieder neu durchbuchstabiert werden.

Sind die Diakonie-Mitarbeiter gut in diesem Durchbuchstabieren?
Grüneberg: Ich denke schon. Sie sind sich des Umfelds bewusst und der Erwartungen, die Eltern oder Angehörige von Pflegebedürftigen an uns als kirchliches Haus stellen.

Nun ist aber ein Großteil der Mitarbeiter konfessionslos.
Grüneberg: Zurzeit sind 46 Prozent der Mitarbeiter Angehörige einer Kirche. Wir unterbreiten seit Jahren Angebote, um sie bei Glaubens- und Lebensfragen zu begleiten, es gibt ein richtiges Programm für geistliches Profil und einen Fachverband Geistliches Leben. Dass wir seit elf Jahren die 46 Prozent halten – damals noch mit 22 000 statt 29 000 Mitarbeitern –, hängt auch mit diesem Programm zusammen.

Wenn mehr als die Hälfte konfessionslos ist, wie christlich ist die Diakonie tatsächlich an der Basis?
Grüneberg: Für den einen ist es eine Arbeitsstelle, für den anderen ein echtes Glaubenszeugnis. Es ist in der Regel Aufgabe von Leitungen, darauf aufmerksam zu machen, dass wir als Diakonie noch andere Aufgaben haben – im Unterschied zu anderen sozialen Einrichtungen –, dass Glaube, Dienstgemeinschaft und kirchlicher Auftrag eine Rolle spielen. Wenn die Einrichtungsleiter das diakonische Profil betonen, wird es auch für Mitarbeiter erlebbar und bedeutsam.

Anfang Juni kochte die von Verdi angestoßene Debatte um den Tarifvertrag hoch. Ist bei den Auseinandersetzungen ein Unterschied zu spüren zwischen christlichen und konfes­sionslosen Mitarbeitern?
Grüneberg: Das weiß ich nicht. Meine Überzeugung ist, unser System der paritätisch besetzten arbeitsrechtlichen Kommissionen ist modern. Es bedeutet Kompromiss, Gespräch und gemeinsame Verantwortung. Wer aber eigene Interessen verfolgt, wird sagen: »Das System funktioniert nicht.« Stimmt. Weil sich ein Partner entzieht.

Sie glauben also an die arbeitsrechtliche Kommission …
Grüneberg: Halt, halt! Ich glaube an den dreieinigen Gott. Aber ja, ich denke unser Weg ist richtig und modern. Ich kann jedenfalls nicht erkennen, dass es modern ist, zu streiken und damit Teile der Gesellschaft lahmzulegen, wie es bei Eisenbahner- oder Pilotenstreiks passiert. Und am Ende sitzen alle an einem Tisch und müssen sich einigen.

Sie haben in der Flüchtlingsfrage immer wieder Ihre Stimme erhoben für Nächstenliebe und Barmherzigkeit. Die Wahlergebnisse sprechen eine andere Sprache. Kann man der Angst Argumente entgegensetzen?
Grüneberg: Angst ist irrational. Wer Ängste vorsätzlich schürt, zieht daraus einen Nutzen für sich. Ohne das wäre die AfD nicht zu diesem Erfolg gekommen. Unser Grundsatz ist und bleibt: Wir können uns den Bitten der Menschen, die auf der Flucht sind, nicht entziehen. Das gebietet der eigene Glaube. Wir wollen zeigen, dass das kein Bedrohungspotenzial hat, sondern unsere Gesellschaft reicher machen kann.

Sonne-webJetzt geht es um die Integration. Welche Aufgaben hat die Diakonie und wie sind die Mitarbeiter vorbereitet?
Grüneberg: Dass momentan weniger Flüchtlinge ankommen, hängt nicht damit zusammen, dass sich die Thematik erledigt hätte. Die Menschen sitzen jetzt an den Außengrenzen der EU, und es kommen wieder mehr Boote über das Mittelmeer. Es braucht immer noch politische Antworten. Für uns ist die praktische Aufgabe, unsere Angebote neu zu bedenken, sodass sie auch für Menschen aus anderen Kulturkreisen verständlich und wahrnehmbar sind. Andererseits müssen wir als Christen erkennbar bleiben. Spannend wird es dann, Menschen anderen Glaubens nicht nur als Klienten zu sehen, sondern auch als mögliche Mitarbeiter.

Gibt es bereits solche Fälle?
Grüneberg: Noch nicht, aber die Kollegen stellen solche Fragen wie: Können wir eine Kollegin mit Kopftuch einstellen und wie verträgt sich das mit der evangelischen Ausrichtung des Hauses?

Wie ist dazu Ihre Meinung?
Grüneberg: Ein evangelisches Haus muss als solches erkennbar sein und deshalb muss auf das demonstrative Tragen von Zeichen anderer Religionen während der Arbeitszeit verzichtet werden. Das ist natürlich ein Spannungsfeld zwischen der verfassungsmäßig garantierten Glaubensfreiheit einerseits und dem ebenfalls in der Verfassung garantierten Selbstbestimmungsrecht der Kirchen andererseits.

Sie schrieben für »Glaube + Heimat«, arme Menschen brauchen keine Almosen, sondern strukturelle Veränderungen. Welchen Beitrag leistet die Diakonie?
Grüneberg: Leider ist die Herkunft, damit meine ich auch die soziale, immer noch entscheidend für Bildungschancen. Vor zehn Jahren habe ich den ersten Armutsbericht vor der Synode gegeben, damals wurde das übrigens mit sehr viel Widerstand aufgenommen, und bis heute ist es so, dass Kinder aus armen Familien es schwerer haben, Zugang zu Bildung zu bekommen. Wir haben viel unternommen, etwa mit der Aktion »Kindern Urlaub schenken« oder unserem Plädoyer für einen öffentlich geförderten Arbeitsmarkt, denn der größte Grund für Armut ist Langzeitarbeitslosigkeit. Wir können es uns nicht erlauben, auch nur einem Kind wegen seiner Herkunft den Weg zu Bildung zu versperren.

Sie sind zweifacher Großvater. Was wünschen Sie sich für Ihre Enkel?
Grüneberg: Dass sie in Frieden und glücklich in ihrer Familie aufwachsen, und dass ich das noch lange miterleben kann. Ein Enkelkind auf dem Arm zu halten, ist noch einmal ein ganz anderes Erleben als bei den eigenen Kindern. Weil man damals noch mit ganz anderen Dingen beschäftigt war. Es braucht offensichtlich Zeit und eine gewisse Altersweisheit zu merken, was Kinder für ein Wunder sind.

Haben Sie in der Bibel Lieblingsgeschichten, die Sie den beiden Mädchen gern vorlesen wollen?
Grüneberg: Nein, keine konkreten, aber eine Kinderbibel haben wir noch von den eigenen Kindern und daraus werden wir vorlesen.

Und was liegt bei Ihnen selbst auf dem Lesetischchen?
Grüneberg: Im Moment lese ich – aber ziemlich schleppend – »Die Ehre des Scharfrichters«. Aber ehrlich gesagt, ich bin niemand, der abends im Bett lange liest, deshalb liegt auch kein Buch auf meinem Nachtschrank.

Wie entspannen Sie nach der Arbeit?
Grüneberg: Ich jogge, ich höre Musik, spiele nach der Arbeit ein paar Nummern auf der Gitarre oder gehe spazieren, besuche, wenn ich in Halle bin, unsere Kinder und die Enkel.

Haben Sie Lieblingsplätze in Halle und in Eisenach, wo Sie wohnen?
Grüneberg: In Halle bin ich gern auf der Peißnitz oder ich fahre den Radweg nach Wettin. Und in Eisenach ganz klar unser Garten, dort könnte ich den ganzen Tag sein!

»Unser Herz an die Angel hängen«

25. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Gespräche über Gott und die Welt mit mitteldeutschen Kirchenvertretern in entspannter Atmosphäre. Harald Krille traf sich zum Auftakt dieser Reihe mit Kirchenpräsident Joachim Liebig (58) in einem Restaurant am Elbufer in Dessau-Roßlau. Sie sprachen über Kirche, Politik und Vorlieben.

Herr Kirchenpräsident, Ihre Begeisterung für Bärentatzen der Bäckerei Rose in Weimar hat sich in der Redaktion herumgesprochen. Wie begann Ihre Liebe zu diesem Gebäck?
Liebig:
In meiner früheren Gemeinde in Schaumburg-Lippe gab es einen selbstständigen Bäcker und Konditor. Der stellte wunderbare Schweinsohren und Bärentatzen her. Ich war der Meinung, es gäbe keine Bärentatzen vergleichbarer Qualität. Doch bei einem Besuch in der Redaktion von »Glaube und Heimat« in Weimar bin ich eines Besseren belehrt worden. Seitdem bin ich ein großer Fan der Bärentatzen des gegenüberliegenden Cafés.

Sie wurden 1958 in Hildesheim geboren, haben in Bethel und Hamburg studiert, aber schon vor der Wende ein Praktikum im Erzgebirge gemacht. Wie kam es dazu?
Liebig:
Die Verbindung nach Sachsen ist zunächst schon durch die Familiengeschichte bestimmt. Die Familie meines Vaters flüchtete zum Kriegsende, mein Großvater erfror unterwegs in Thüringen und wurde dort beigesetzt. Ein Teil der Familie ist dann auf dunklen Wegen bis Niedersachsen geraten, aber eine Reihe von Verwandten lebt bis heute in Zittau und Umgebung. Da gab es schon in meiner Kindheit Besuchsreisen in den Osten.

Der Kirchenpräsident der Evangelischen Landeskirche Anhalts, Joachim Liebig, am Elbufer, einem seiner Lieblingsplätze. Foto: Harald Krille

Der Kirchenpräsident der Evangelischen Landeskirche Anhalts, Joachim Liebig, am Elbufer, einem seiner Lieblingsplätze. Foto: Harald Krille

Im Vikariat war ich ein Jahr in Paris und bemühte mich anschließend, in den Partnerkirchenkreis nach Dippoldiswalde zu einem Praktikum zu kommen. Zur großen Überraschung war das auch möglich und so verbrachte ich einen langen Herbst und kurzen Winter in der Gemeinde Reinhardtsgrimma. Daraus sind Freundschaften entstanden, die bis heute anhalten.

Stehen bei Ihnen zu Hause in der Weihnachtszeit auch Pyramide und Räuchermann?
Liebig:
Natürlich, das volle erzgebirgische Programm. Auch der Schwibbogen darf nicht fehlen.

Die kirchliche Situation in Ihrem Ost-Praktikum war sicher eine ganz andere als in Schaumburg-Lippe?
Liebig:
Ja, aber nicht im Sinne von frustrierend. Im Gegenteil, ich fand das wirklich hochinteressant, es hat mich richtig elektrisiert. Weil ich schon damals das Gefühl hatte, hier auf eine kirchliche Situation zu stoßen, die im Grunde auch im Westen bevorsteht.

Finden Sie die kirchliche Situation in Mitteldeutschland immer noch elektrisierend?
Liebig:
Sie ist nicht elektrisierend im Sinne von hocherfreulich. Das ist sie meines Erachtens im Augenblick nirgendwo in Westeuropa. Aber wir sind hier bei uns in Mitteldeutschland in besonderer Weise jeden Tag herausgefordert zu fragen: Wo wollen wir eigentlich hin, was wollen wir machen und wie muss Kirche in Zukunft aussehen? Was sind unsere Aufgaben als Kirche in unserer Gesellschaft? Diese existenziellen Anfragen finde ich in der Tat immer noch elektrisierend.

Haben Sie den Eindruck, dass es zumindest ansatzweise Antworten gibt?
Liebig:
Ja, die gibt es. Aber sie sind in mancherlei Hinsicht völlig anders als die Antworten, die im Augenblick im deutschen Protestantismus gegeben werden. Drei Beispiele: Die Neuorganisation von Kirche bei uns findet nicht durch missionarische Programme statt. Wie inzwischen missionstheologisch weithin bekannt, lassen sich Menschen nur für eine Sache interessieren, wenn man Auge in Auge, persönlich, eins zu eins mit ihnen spricht. Wenn wir Menschen erreichen wollen, müssen wir, salopp gesagt, unser Herz an die Angel hängen.
Zweitens müssen wir uns bei allen gewünschten Veränderungen auf sehr lange Zeiträume einrichten. Alle Programme, die sagen, wir wollen jetzt innerhalb von einer benennbaren Zahl von Jahren um so und so viel wachsen, sind völlig abwegig. Es geht hier um Generationen.
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Und das Dritte und vielleicht Entscheidende: Welche Art von Struktur und Organisationsform muss Kirche in diesem Zusammenhang gewinnen? Das ist im Moment noch offen. Dietrich Bonhoeffers Anspruch, dass Kirche immer Kirche für andere sein muss, werden wir nicht aufgeben. Aber ob es uns gelingen wird, tatsächlich in absehbarer Zeit volkskirchliche Strukturen in der Gesamtfläche zu behalten, da bin ich mehr im Zweifel denn je. Da brauchen wir neue Antworten, auch wie die Rollen des Ehrenamtes und der Hauptberufler im Verkündigungsdienst sowie der Verwaltungsmitarbeiter künftig aussehen sollen.

Theologen lernen im Studium, eine Sequenz von 30 Worten aus dem Alten Testament vier verschiedenen Quellen zuzuordnen. Aber lernen sie auch, das Herz an die Angel zu hängen?
Liebig:
Ich würde das nicht gegeneinanderstellen. Wenn jemand ins Pfarramt geht, muss er in der Lage sein, auf jeder Ebene auskunftsfähig zu sein. Und dazu gehört eine akademische Ausbildung. Aber es kann und darf nicht dabei bleiben. Als Hirte oder Hirtin der Gemeinde kommt die Frage: Welche Rolle spiele ich dabei? Und da galt leider über lange Zeit in der praktischen Theologie eher der Gedanke: Halten Sie sich selbst zurück, lassen Sie die Botschaft in den Mittelpunkt treten. Nur: Die Botschaft braucht immer Menschen, die damit identifizierbar sind. Und das hat dann Konsequenzen für das Berufsbild, bis hin zu der Frage der Arbeitszeit eines Pastors.

Unabhängig von den kirchlichen Problemen zeigen die Auseinandersetzungen um AfD und Pegida sowie die letzten Wahlen hier in Mitteldeutschland, welch tiefer Riss durch die Bevölkerung geht.
Liebig:
Ich muss mir selbst vorwerfen, dass ich seit Jahren diesen nun zutage tretenden Riss, wahrscheinlich sind es sogar mehrere Risse, unterschätzt habe. Ich muss konstatieren, dass eine gesellschaftliche Entwicklung stattgefunden hat, in der die Eliten, und dazu würde ich jetzt auch Kirche zählen, nicht wahrgenommen haben, dass eine signifikante Zahl von Menschen sich abgekoppelt hat von gesellschaftlichen Entwicklungen. Die Flüchtlingsfrage war dann nur der Auslöser, nicht die Ursache.

Was bedeutet dies für die Kirchen?
Liebig:
Ganz prinzipiell sind wir Christenmenschen gerufen, die Versöhnung zu predigen. Nicht nur die Versöhnung zwischen Gott und den Menschen, sondern auch die Versöhnung zwischen den Menschen. Praktisch heißt das: Wo immer es geht, müssen wir ins Gespräch kommen, gerade auch mit denen, die sich abgekoppelt haben oder dabei sind, es zu tun. Ihnen müssen wir ein Gegenbild zeigen.

Bisher ist aber auch kirchlicherseits vor allem viel von Abgrenzung geredet worden.
Liebig:
Es muss sehr deutlich sein: Wir stehen für ein anderes Bild vom Menschen, für ein anderes Bild von Gesellschaft, als es von Pegida und der AfD vertreten wird. Wir stehen aber auch für eine Gesprächskultur, die sich eben nicht in Verweigerung äußert. Ich weiß, dass viele Kolleginnen und Kollegen solche Gesprächsforen in ihren Gemeinden anbieten. Das erfordert einen gewissen Mut, denn die Äußerungen, die auch ich immer wieder höre, sind ja oftmals nicht diskussionsfähig. Da gibt es eine immense Welle von Hass und eine auf keinen Fall kirchenspezifische Artikulationsweise. Aber wir müssen lernen, das auszuhalten und dem Vorgebrachten dann in ruhiger Freundlichkeit etwas entgegenzuhalten. Auch ich muss das erst lernen. Aber das geht. Es gibt natürlich Grenzen. Etwa, wenn jemand sich überhaupt nicht davon abbringen lässt, sich rassistisch oder menschenfeindlich zu äußern. Aber wir machen es uns zu leicht, wenn wir sagen, wir reden einfach nicht mit denen.

Sommerlogo GuHWas heißt das konkret – kann in der anhaltischen Kirche auch ein AfD-Mitglied im Gemeindekirchenrat sein?
Liebig:
Die AfD ist hier im Augenblick eine demokratisch gewählte Partei. Und deswegen ist die Mitgliedschaft in der AfD noch kein Grund zu sagen: Der auf jeden Fall nicht. Aber jemand, der sich offensiv zur AfD hält, ist dann auch bei bestimmten Positionen begründungspflichtig. Da muss man schon sehr genau hinschauen, ob bestimmte Haltungen noch kompatibel zum Evangelium sind.

Gilt das Gleiche nicht auch bei Mitgliedern der Linkspartei?
Liebig:
Da gilt dasselbe Verfahren. Auch die Linkspartei ist eine demokratisch gewählte Partei, die jetzt ganz gewiss nicht dem Verdacht ausgesetzt ist, besonders kirchenfreundlich zu sein. Aber auch da würde ich sagen: Am Einzelfall ist zu entscheiden. Denn ich glaube, gerade Pauschalierungen sind eine falsche Reaktion, weil sie eine Sicherheit der Entscheidung suggerieren, die letztlich nicht besteht.

Sie werden in der Öffentlichkeit als ruhig und ausgleichend wahrgenommen. Was kann den Kirchenpräsident Anhalts richtig auf die Palme bringen?
Liebig:
Privat habe ich mich, seit unsere Kinder erwachsen sind, kaum mehr richtig aufgeregt. Vorher – nun, jeder der Kinder hat, weiß, was da alles so passieren kann.

Dienstlich ärgert mich zunehmend eine Verrechtlichung kirchlichen Dienstes. Und zwar nicht so sehr von den Juristen, sondern eine Berufshaltung, die sich darin erfreut zu sagen: Ich habe meine freien Tage und meinen geregelten Dienst und da passiert dann auch nichts. Ich bleib noch mal bei diesem Begriff, »das Herz an die Angel hängen«: Das kennt keinen Urlaub. Natürlich weiß ich um Überforderungsdiskussionen und Burnout-Situationen. Aber die Lösung für solche Fragen besteht nicht darin, den eigenen, im Grunde sehr freien Berufsalltag in dieser Weise zu strukturieren.

Was mich auch aufregt, ist eine immer wiederkehrende Selbstminimierung unserer Region. Ja, wir haben keine Dax-Konzerne in Sachsen-Anhalt. Aber daraus abzuleiten, dass wir irgendwie die abgehängte Region sind – das erzeugt bei mir wirklich richtigen Ärger. Da steigt mein Blutdruck, das nehme ich nicht hin. Ich kenne andere Regionen, die bei weitem nicht dieses historische Potenzial haben. Ich sehe in Sachsen-Anhalt vor allem die vielen Möglichkeiten.

Stimmt das Gerücht, dass Sie inzwischen Grundbesitzer in Anhalt geworden sind?
Liebig:
Ja das stimmt. Meine Frau und ich haben einen Bauplatz gekauft und werden im nächsten Jahr dann zu Bauherren mutieren. Jeder Pfarrer baut ja gerne. Ich hab jetzt schon eine klare Vorstellung, was alles schiefgehen kann, bin aber dennoch zuversichtlich, dass wir da weitestgehend verschont bleiben. Mal sehen.

Luthers Erben in Tansania

18. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Leipziger Missionare brachten neben der Bibel vor allem Luthers Tradition des Gemeindegesangs in das damalige Deutsch-Ostafrika. Eine Tradition, die im heutigen Tansania ungeahnte Früchte trägt.

Der Filmtrailer beginnt mit Szenen aus ländlicher Gegend Tansanias, dazu sieht man eingeblendete Fotos aus der Missionsgeschichte. Unterlegt ist das Ganze mit dem Gesang aus einem Bach-Oratorium. Dann erscheint das Gesicht von Kelvin: »Diese Lieder sind wir nicht gewohnt zu singen«, sagt der junge Musiker mit entschuldigendem Lächeln. Schnitt: Vorbereitungen zu einem Chortreffen im südöstlichen Afrika, fröhliche Stimmen, mitreißender Rhythmus, sich im Takt wiegende Menschen in bunten Gewändern. Das ist das Lebensgefühl von Luthers Erben im ehemaligen Deutsch-Ostafrika heute.

Filmemacherin Julia Peters. Foto: Harald Krille

Filmemacherin Julia Peters. Foto: Harald Krille

Die aus Mitteldeutschland stammende und jetzt in Frankfurt lebende Filmemacherin Julia Peters hat diese Art von Gemeindegesang vor einigen Jahren kennengelernt. Bei einer Begegnungsreise mit dem Leipziger Missionswerk, das vor rund 130 Jahren die ersten Missionare in das heutige Tansania entsandte. Nicht, um der damaligen Kolonialmacht, dem Deutschen Reich, zu dienen, sondern allein dem Reich Gottes, wie man ausdrücklich betonte. Im Gepäck hatten die lutherischen Christen nicht nur Gottes Wort, sondern auch Luthers Tradition des Choralgesangs.

Heute gehören zur Evangelisch-Lutherischen Kirche Tansanias rund 5,5 Millionen Menschen. Und es gibt seit 60 Jahren einen der wohl größten Chorwettbewerbe der Welt: 1 500 Chöre treten jährlich gegeneinander an. Zunächst in Vorausscheiden in den Diözesen, die 20 Besten dann im großen Finale. Bestreiten müssen sie dabei einen Pflichtteil und die Kür. Die Pflicht: ein europäischer Choral, der von der Kirchenleitung vorgegeben wird. Die Kür: eine eigene Komposition, in der sie zeigen, wie das Evangelium auch in traditionellen afrikanischen Musikformen seinen Ausdruck finden kann.

Seit Julia Peters die fröhlichen Menschen mit ihrem ebenso hingebungsvollen wie im wahrsten Sinne des Wortes bewegenden Gesang erlebt hat, hat sie einen Traum: Sie will diesem einzigartigen Ausdruck echter Volksfrömmigkeit in einem Dokumentarfilm nachspüren. »Es ist die Chance, etwas über Tansania, über Afrika zu erzählen, ohne die Menschen dort, wie so oft üblich, als die hilflosen Opfer darzustellen«, so die Filmemacherin. Denn so unterschiedlich die Chöre auch sind, was sie eint: Es gibt keine Profis. Alles sind einfache Menschen, musikalische Autodidakten, aber voller Begeisterung und Kreativität. Und voller Glauben, der ihr Leben ebenso wie ihren Gesang prägt.

Wie zum Beispiel Martha, Witwe und Kleinbäuerin in bescheidenen Verhältnissen. Der Glaube und der Gesang gaben ihr in schwerer Zeit die Kraft zum Überleben. Heute leitet sie den Neema-Chor, der aus Menschen ihrer Dorfgemeinschaft besteht und für den sie inzwischen eigene Lieder im Stile des WaGogo komponiert. Oder der Kanaani-Jugendchor aus Arusha, einer Großstadt im Nordosten Tansanias. Kelvin leitet den Chor, der nicht nur musikalisch aktiv ist: Seit einiger Zeit hat der Chor ein eigenes Projekt für Straßenkinder in Arusha initiiert.

Drei Chöre will Julia Peters gemeinsam mit ihrer Partnerin Jutta Feit in diesem Sommer begleiten und filmisch porträtieren, bis hin zum Finale des diesjährigen Wettbewerbs. Premiere für den Film »Luthers Erben – Sing it Loud« soll im kommenden Frühjahr sein. Als Höhepunkt wünscht sie sich im Jahr des Reformationsjubiläums dann eine Kino- und Konzerttour mit dem Jugendchor Kanaani durch Deutschland, bis hin zu den Kirchentagen auf dem Weg und dem Kirchentag in Berlin und Wittenberg.

Doch um das ehrgeizige Projekt zu realisieren, braucht die Filmemacherin zunächst einmal genügend Geld. Sie sucht deshalb Einzelspender oder auch Kirchengemeinden, die das Projekt als Partner begleiten oder vielleicht sogar einen Kino- und Konzertabend im kommenden Jahr organisieren wollen. Auf einer eigenen Internetseite sind außer dem Filmtrailer weitere Angaben zum Projekt und vor allem Kontakt- und Spendenmöglichkeiten angegeben. »›Luthers Erben‹ aus Tansania hätten es wirklich verdient, gerade im kommenden Jahr hier nach Deutschland zu kommen«, ist Julia Peters überzeugt.

Harald Krille

www.singitloud.de

www.facebook.com/singitloud/thefilm

Luther 2017: Schämen statt feiern?

10. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Streitpunkt: Der abgrundtiefe Antijudaismus liegt wie ein schwerer Schatten über dem Lebenswerk des Wittenberger Reformators

Seine Ausführungen über die Juden sind wirklich schwer zu ertragen. Die Synode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) wird sich in dieser Woche damit befassen. Denn ein Papier der Kreissynode von Erfurt fordert, dass sich die EKM öffentlich von judenfeindlichen Äußerungen Luthers distanziere. Die Kirchenzeitung bat zwei Theologen um ihre Meinung.

Ja – Teja Begrich ist Pfarrer in Mühlhausen und Beauftragter der EKM für den christlich-jüdischen Dialog.

eja Begrich

eja Begrich

Wir feiern: Unser Jubiläum. Unsere Kirche. Ein großes Fest. Und natürlich feiern wir den Primus inter Pares – den Ersten unter den gleich großen Reformatoren ganz besonders. Also Martin Luther!

Wir sind nicht nur die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland, wir sind auch eine lutherische Kirche. Theologisch und geografisch: von Möhra nach Eisleben über Mansfeld, Magdeburg und Eisenach, später nach Erfurt und Wittenberg und zum Lebensende wieder zurück nach Eisleben. Luthers Leben spielte sich fast ausschließlich auf dem Gebiet der heutigen Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland ab. Wir leben und glauben also am historischen Ort! Und natürlich sind wir ohne Zweifel darüber froh, dass Martin Luther, unser Reformator, die Bibel als frohe und heilmachende Botschaft wiederentdeckt hat.

Doch auch für Martin Luther gilt die Erfahrung der Natur: »Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten«, oder lutherisch gesprochen: Der Mensch ist immer Sünder und Gerechter zugleich. Und Luther mühte sich mächtig darum, dass sich diese Erkenntnis »fürchterlich praktisch« entfaltete. Deshalb müssen wir auf Luthers längsten Schatten und größte Sünde blicken: sein Verhältnis zu den Juden!

Gerne wurde zwischen einem jungen, judenfreundlichen, und einem alten, judenfeindlichen Luther unterschieden. Dies kann man jedoch höchstens als verzweifelten Versuch einer evangelischen »Heiligsprechung« Martin Luthers interpretieren. Seine Schriften sprechen eine andere und deutlichere Sprache: Nur der getaufte Jude ist ein guter Jude. Und wir müssen eingestehen, dass Luther an einem Gespräch mit Juden nie interessiert war. Für das, was er über und zu den Juden schrieb, können wir unseren Reformator nicht entschuldigen. Das ist und bleibt eklig auch mit jeder historischen Kontextualisierung. Seine Schrift »Von den Juden und ihren Lügen« von 1543 ist so ziemlich das Widerwärtigste, was wir uns vorstellen können. Dort wiederholt er gebetsmühlenartig, wie man mit Juden verfahren solle: »Erstlich, dass man ihre Synagoge oder Schule mit Feuer anstecke und, was nicht verbrennen will, mit Erde überhäufe, dass kein Mensch einen Stein davon sehe ewiglich … Zum anderen, dass man auch ihre Häuser zerbreche und zerstöre … Zum dritten, dass man ihnen nehme alle ihre Betbüchlein … Zum Vierten, dass man ihren Rabbinern bei Leib und Leben verbiete zu lehren …«, und endet: »Drum immer weg mit ihnen!«

Luthers Ablehnung der Juden ist jedoch nicht nur theologisch begründet. Als er am 28. Januar 1546 durch Rißdorf kurz vor Eisleben fuhr, machte er die dort lebenden Juden für seinen erlittenen Herzanfall verantwortlich. In seinem Judenhass schien er sich mit seiner Frau Katharina einig, so schrieb er über eben jenen Herzanfall: »Aber wenn Du wärest dagewesen, so hättest Du gesagt, es wäre der Juden oder ihres Gottes Schuld gewesen.« Wie so oft, verrät das Personalpronomen die Gesinnung! Ist »ihr« Gott nicht der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs und der Vater Jesu Christi?

Dennoch und auch angesichts des jüdischen Flüchtlingslagers vor den Toren Eislebens hat Luther beim Grafen Albrecht von Mansfeld darauf gedrungen und von der Kanzel gepredigt, dass auch diese geflohenen und vertriebenen Juden preisgegeben werden. Damit war auch die letzte Lutherstadt »judenfrei«. Und damit wird klar: Es ist nicht nur eine Freude, evangelisch und lutherisch zu sein. Auch nicht bei einem Fest!

Nein – Uwe Siemon-Netto ist Journalist und promovierter Theologe. Der gebürtige Leipziger lebt und arbeitet heute in Kalifornien.

Uwe Siemon-Netto

Uwe Siemon-Netto

Luthers Stimme schallt aus 80?000 Seiten der Weimarer Ausgabe seines Gesamtwerkes. »In dieser Stimme hören wir seltene Resonanzen der Stimme Gottes«, schrieb der amerikanische Historiker Mark A. Noll.

Luther war ein überdimensionaler, aber auch fehlbarer Mensch mit lichten und dunklen Seiten. Er sagte grandiose Wahrheiten, die wir in unserem, aus dem Leim geratenen Zeitalter dringend brauchen. Er gab aber im Alter auch Verwerfliches von sich. Das macht nur einen Bruchteil der 80?000 Seiten aus, soll aber heute ebenso wenig verschwiegen werden wie schon zu Luthers Lebzeiten, als sich selbst seine Freunde wie Andreas Osiander (1498–1552) von seinen ausschließlich theologisch motivierten Aussagen gegen die Juden distanzierten.
Statt nun am Vorabend des 500-jährigen Reformationsjubiläums das unersetzlich Wertvolle an Luthers Lehre zu betonen, suhlen sich Publizisten und Theologen fast nur im überdimensional Verwerflichen, wobei sie Luther oft geschichtsklitternd als den Wegbereiter Hitlers verleumden. Diese Leute müssen sich Fragen gefallen lassen:

Wenn der Holocaust in Luthers Lehre wurzelte, wieso wurde er dann nicht im einheitlich lutherischen Skandinavien verbrochen, sondern im gemischt katholisch-lutherisch-calvinistisch geprägten Deutschland?

Wie erklären sich Luthers Kritiker, dass sich im Zweiten Weltkrieg nicht nur deutsche Regimegegner wie die Lutheraner Dietrich Bonhoeffer und Hermann Sasse auf ihn beriefen, sondern vor allem auch skandinavische Widerstandsführer, darunter der mutige Bischof von Oslo, Eyvind Berggrav?

Überhaupt: Wieso ignorieren deutsche Theologen heute Luthers eiserne Lehre vom Widerstand gegen Despoten, eine Doktrin, die Männern wie Bonhoeffer und Berggrav Kraft gab?
Wieso übersehen sie, dass die ärgsten Bösewichte des Dritten Reiches ehemalige Katholiken waren, namentlich Hitler, Himmler, Goebbels und Julius Streicher, der den evangelischen Kirchen sogar vorwarf, Luthers judenfeindliche Schriften jahrhundertelang unterschlagen zu haben?

Warum verschweigen sie die Erkenntnis des Holocaust-Forschers Simon Wiesenthal, dass 75 Prozent der Kommandanten von Vernichtungslagern Österreicher waren, also mutmaßlich Ex-Katholiken?

Nicht dass jetzt die Schuld am Holocaust der katholischen Kirche untergeschoben werden sollte; auch das wäre ein schwachsinniges Klischee. Vielmehr war’s doch wohl so, wie der evangelische Theologe und NS-Gegner Helmut Thielicke 1945 schrieb, nämlich dass »ein Schuldverhältnis über der Welt brütet, über ihren Kontinenten und Meeren«. So ist es auch heute. Umso verwerflicher erscheint es mir, dass zum Reformationsjubiläum nicht nachdrücklich an den Schatz erinnert wird, den Luther unserer verwirrten Zeit hinterlassen hat und von dem der große britische Theologe Gordon Rupp bereits unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg schrieb, dass er uns von Hitler heilen könne.

Dieser Schatz besteht einmal aus Luthers Wegweiser zu einem gnädigen Gott, der uns von Sünde, Tod und Teufel befreit: Nur der Glauben an Christi Erlösungswerk am Kreuz kann dies bewirken. Zum anderen weist er uns den einzigen Ausweg aus der weltumspannenden Ichsucht, an der unsere Zivilisation zu zerbrechen droht. Und hier bietet sich nur Luthers Lehre an, wonach Gott jeden Einzelnen beruft, in allen Alltagswerken dem Nächsten zu dienen – dem Nächsten, dem Anderen, und nicht sich selbst.

Was nun das düstere Vermächtnis von Luthers judenfeindlichen Schriften anbelangt, sollten wir ganz einfach sein letztes geschriebenes Wort zitieren: »Wir sind Bettler, das ist wahr.«

Dokumentiert: Wie ein Bischof mit Martin Luther die Politik der Nazis unterstützte
Der Thüringer evangelisch-lutherische Landesbischof und vormalige Lauschaer Pfarrer Martin Sasse schrieb im Vorwort zu seiner Schrift »Martin Luther und die Juden – Weg mit ihnen!« im Jahre 1938: »Am 10. November 1938, an Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen. Vom deutschen Volk wird … die Macht der Juden auf wirtschaftlichem Gebiet im neuen Deutschland endgültig gebrochen und damit der gottgesegnete Kampf des Führers zur völligen Befreiung unseres Volkes gekrönt. In dieser Stunde muss die Stimme des Mannes gehört werden, der als der Deutschen Prophet im 16. Jahrhundert einst als Freund der Juden begann, der, getrieben von seinem Gewissen, getrieben von den Erfahrungen und der Wirklichkeit, der größte Antisemit seiner Zeit geworden ist, der Warner seines Volkes wider die Juden.«

Der Weg ins Leben

7. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Klassiker der Bibel: Die Emmausjünger

Ein schlimmer Tag. Der Tag kann mächtig sein. So mächtig, dass alles andere dahinter verschwindet. Du siehst nichts mehr. Nur noch diesen einen Tag. Den schlimmen. Den Tag, an dem die Diagnose kam. Als das Unglück geschah. Den Tag, an dem du das eine falsche Wort gesagt hast. Den Tag, als dein liebster Mensch gestorben ist. Ein Tag wie ein Gefängnis. Einzelzelle. Du bist allein mit diesem schlimmen Tag. Deine Augen sehen nur noch Wände. Wände aus lauter Traurigkeit.

Was da sonst noch ist – du kannst nichts mehr sehen. Stiefmütterchen und Lindenknospen. Die Sonnenflecken auf dem Waldboden. Wenn du Zeitung liest, siehst du die Buchstaben. Aber die Worte erreichen dich nicht. Der schlimme Tag ist mächtiger als alles. Alles verschwindet hinter seinen grauen Wänden. Die Menschen neben dir. Du selbst. Und du fragst dich, ob du dich je im Leben wieder freuen kannst.

»Am selben Tag waren zwei Jünger unterwegs zu dem Dorf Emmaus. … Sie unterhielten sich über alles, was sie in den letzten Tagen erlebt hatten. Und während sie noch miteinander redeten und hin und her überlegten, kam Jesus selbst dazu und schloss sich ihnen an. Aber ihre Augen wurden gehalten, dass sie ihn nicht erkannten.«

Der Tag kann mächtig sein. Du siehst nur noch diesen einen schlimmen Tag. Für alles andere bist du blind. Sogar für Jesus. Und »… ihre Augen wurden gehalten.«

Der Tod kann mächtig sein. So mächtig, dass alles dahinter verschwindet. Du siehst nichts mehr. Nur noch den Tod.

Kleophas und sein Freund waren gegangen. Es hatte ja keinen Sinn mehr. Jesus war tot. Sie hatten ihn sterben sehen – von Weitem natürlich nur. Näher hatten sie sich nicht herangetraut. Nur ein paar Frauen waren so verrückt gewesen, sich zum Kreuz zu stellen. Und die hatten jetzt behauptet, alles wäre wieder gut. Jesus würde leben. Völlig verrückt. Träumereien.

Glaube-Alltag-14-2016

Nun gingen sie heim. »Aber ihre Augen wurden gehalten.« Augen im Gefängnis. Einzelzelle. Sie sehen nur diesen einen Tod. Jesu Tod. Gottes Tod. Der Tod ist so groß, dass sogar Gott dahinter verschwindet.

»Und während sie noch miteinander redeten, kam Jesus selbst dazu und schloss sich ihnen an. …

Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in der ganzen Schrift von ihm gesagt war.«

Dieser eine Tag. Dieser eine Tod. Mit Macht greift es nach dir. Und nimmt deinen Augen allen Glanz und alle Freude. Aber Jesus ist längst da. Und redet. Und tröstet.

»So kamen sie zu dem Dorf, zu dem sie unterwegs waren. Jesus tat so, als wollte er weiterziehen. Da drängten sie ihn: Bleibe bei uns; denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt. Und er ging hinein, bei ihnen zu bleiben. Und es geschah, als er mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, dankte, brach’s und gab’s ihnen. Da wurden ihre Augen geöffnet, und sie erkannten ihn.«

Der Tag kann mächtig sein. Und der Tod. Aber dann spürst du die anderen Mächte. Die guten. Stiefmütterchen und die Lindenblüten. Sonnenaufgang und Mondlicht in milden Nächten. Einer, der sich zu dir setzt und zuhört. Und tröstet. Es kommt der Morgen, an dem du aufwachst, und die Seele tut nicht mehr so weh. Und der Tag, wo du am Grab stehst und die Tränen zum ersten Mal nach Dankbarkeit schmecken. Auferstehung. Worte, die lebendig machen. Brot und Wein auf dem Tisch. Jesus. Und Gott. Sie waren die ganze Zeit da. »Brannte nicht unser Herz, als er mit uns redete?« Jetzt kannst du sie wieder sehen. Endlich. Und du merkst: Sie sind mächtiger als dieser eine schlimme Tag. Und mächtiger als der Tod. »Der Herr ist wahrhaftig auferstanden.«

Michael Greßler

Der Autor ist Pfarrer in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland

Er wusch seine Hände in Unschuld

9. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Klassiker der Bibel: Wer war Pilatus? Philosoph, Feigling, Judenhasser?

Jesus vor Pilatus. In etwa sechs Stunden wird er sterben. Pilatus will wissen, was das für ein Mensch ist: »So bist du dennoch ein König?« Und Jesus sagt: »Ja. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeugen soll.« – Wahrheit? »Was ist Wahrheit?«, fragt Pilatus. Damit endet das Gespräch. So der Evangelist Johannes. Bei ihm ist Pilatus ein Denker. Skeptiker. Fast ein Philosoph. Er will Jesus nicht verurteilen. Er verhört ihn. Aber es ist kaum ein Verhör. Fast ein Disput unter Denkern. Am Ende bleibt die Frage nach der Wahrheit offen. Und Jesus stirbt daran.

Das byzantinische Fresko aus dem 14. Jahrhundert zeigt Christus vor Pilatus, der sich die Hände wäscht. Foto: Archiv für Kunst und Geschichte

Das byzantinische Fresko aus dem 14. Jahrhundert zeigt Christus vor Pilatus, der sich die Hände wäscht. Foto: Archiv für Kunst und Geschichte

Was ist Wahrheit?

Matthäus, Markus und Lukas erzählen es anders. Da gibt es keinen Disput. Nur die Frage: »Bist du der König der Juden?« Und Jesus darauf: »Du sagst es.« Ansonsten schweigt er.

Was ist Wahrheit?

Matthäus erzählt noch eine besondere Geschichte: Die Frau des Pilatus setzt sich für Jesus ein: »Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten, ich habe heute seinetwegen im Traum viel erlitten«. Darauf wäscht Pilatus die Hände vor dem Volk: »Ich bin unschuldig an dem Blut dieses Gerechten.« Ich war es nicht – es waren die anderen … die Umstände … die Sachzwänge. Lieber die Hände in Unschuld waschen als Verantwortung übernehmen?

Was ist Wahrheit?

In einem sind sich alle vier Evangelisten einig: Pilatus wollte den Tod Jesu nicht. Und so steht er in einem merkwürdig positiven Licht. War er wirklich so? Philosoph bei Johannes, Feigling bei Matthäus, eingeknickt vor dem Druck der Straße – in jedem Falle Jesus wohlgesonnen?

Es gibt andere Quellen. Flavius Josephus, der jüdische Historiker, beschreibt Pilatus als einen ausgesprochen skrupellosen Machtpolitiker. Und als Judenhasser. Er ließ keine Gelegenheit aus, das jüdische Volk zu demütigen und zu provozieren. Und er war grausam. Trotzdem – oder gerade deshalb – konnte er sich in der Unruheprovinz Judäa erstaunlich lange an der Macht halten: Von 26 bis 36 nach Christus. Erst ein Massaker an samaritischen Gläubigen wurde ihm zum Verhängnis. Der Legende nach wurde er dafür vom Kaiser nach Gallien verbannt.

Warum erzählen die Evangelisten so positiv? Wollten sie Pilatus entlasten und dafür den Juden eine größere Schuld am Tod Jesu geben? Oder wollten sie »römerfreundlich« schreiben, damit die christlichen Gemeinden weniger Probleme mit der Staatsmacht haben? Auch Evangelisten sind schließlich nur Menschen mit ihrenInteressen.

Was ist Wahrheit?

Jesus am Kreuz. Über seinem Kopf die Tafel: »Jesus von Nazareth, König der Juden«. Das hat Pilatus schreiben lassen. So war es üblich. Man gab dem Gekreuzigten ein Etikett: »Aufrührer. Räuber.« – Und eben: »König der Juden«. Pilatus wollte Jesus mit dieser Aufschrift ganz sicher nicht ehren. Er wollte das jüdische Volk verhöhnen – da, bitteschön, ich kreuzige euren König. Pilatus höhnt und spottet. Doch ohne es zu wollen, sagt er genau so die Wahrheit. Jesus ist König. Nicht nur der König der Juden. Der König, der die Wahrheit bezeugt. »Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.«

Jeden Sonntag nennen Christinnen und Christen auf der ganzen Welt den Namen des Pilatus. Im Glaubensbekenntnis. Man sagt, das ist wichtig, denn damit wird deutlich: Jesus ist eine reale Person der Weltgeschichte. Das stimmt auch. Aber noch wichtiger ist: Ungewollt hat Pilatus die Wahrheit gesagt. Sie lässt sich nicht verhindern. Und jedes Mal, wenn Christen ihren Glauben bekennen, bekennen sie auch: Die Wahrheit setzt sich durch.

Michael Greßler

Der Autor ist Pfarrer in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

Sind wir noch imstande, uns geduldig »behindern zu lassen«?

14. Juli 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Behinderung soll verhindert werden – das ist doch ein gutes Ziel, oder? Es spart Leid und Geld. Wenn ich weiß, dass ein Mensch behindert sein wird – dann sollte er doch gar nicht erst die Möglichkeit haben, mich zu behindern, oder?

Das Unfallopfer mit irreparablen Folgen, egal ob geistig oder körperlich – gleich die Maschinen abschalten? Die Schmerzen, Nerven, das Geld und das Leid – können wir uns sparen, oder?

Der Patient mit bösartigem Tumor – wäre es nicht besser, schnell ein Ende zu machen, bevor eine lange Schmerzenszeit beginnt?

Der älter werdende Mensch – ist es nicht vernünftiger, all dem, was noch kommt, die Fragezeichen zu nehmen und dem Leben rechtzeitig ein Ende zu setzen?

Ist es nicht genial, wenn man das erwachende Leben im Mutterleib diagnostizieren und im Zweifelsfall sicherheitshalber gleich »einschläfern« kann (klingt besser als töten, oder?). Mit einem solchen Eingriff wird doch Leid und Behinderung verhindert, oder?

Und bei einer Behinderung darf es auch ein »später« Schwangerschaftsabbruch sein. Warum nicht auch in den ersten vier oder acht Wochen (oder Monaten?) nach der Geburt? Da könnte man doch noch – oder?

Leben mit Behinderung – das muss heute nicht mehr sein? Da war man in Deutschland doch schon mal »weiter«. Oder?

Wo setzen wir den Punkt? Welche Grenzen gibt es, wenn wir uns erlauben, das Leben vor der Geburt auf seinen Lebenswert zu taxieren – und zu töten? Die Fragen sind komplex, und folglich gibt es keine einfachen Antworten. Doch es gibt auch kein leidfreies Leben.

Mir scheint, dass wir diesen Satz grundlegend wieder in unser gesellschaftliches Bewusstsein bekommen müssen: Es gibt kein leidfreies Leben! Leben und Leiden gehören zusammen wie Essen und Trinken, Ruhe und Arbeit, Glück und Schmerz. Doch bedeutet Behinderung immer Leid?

Thomas Günzel (l.) mit seinem Sohn Florian als Gäste bei dem Bundestagsabgeordneten Thomas Feist (hinten Mitte). Foto: privat

Thomas Günzel (l.) mit seinem Sohn Florian als Gäste bei dem Bundestagsabgeordneten Thomas Feist (hinten Mitte). Foto: privat

Menschen mit Behinderung sind oft Freudenbringer! Sie bereichern unser Leben! Wie oft haben wir mit unserem behinderten Sohn gelacht, sind wir beeindruckt und begeistert von seinen Ideen, seiner Kreativität, seinem Mut, seiner Lebensfreude, seiner Ausdauer und Geduld, seiner Stärke, das Schwere in seinem Leben auszuhalten und seiner Zielstrebigkeit, Neues zu entdecken und uns zu motivieren, das Ungewöhnliche anzugehen. Ist er behindert – oder bereichernd? Sind wir durch ihn behindert – oder mit ihm beschenkt?

Wie reagieren wir, wenn Menschen Behinderung erleben oder von Schmerz und Leid betroffen sind? Beten wir im Stillen und zucken die Achseln? Schauen wir weg und verweisen auf die Spezialisten? Werden wir Aktionisten, die den Betroffenen auf die Nerven gehen? Oder schaffen wir es, die ganz konkrete Situation aufmerksam zu erfassen, bewusst wahrzunehmen, auszuhalten? Können wir behutsam und einfühlsam nachfragen und Hilfe anbieten, ohne sie aufzudrängen? Sind wir imstande, dauerhaft zu begleiten und uns fröhlich und geduldig »behindern zu lassen« – vielleicht weil es uns selbst guttut?

So könnte es gehen, und ich bin überzeugt: Jedes Leben und jede Lebensphase ist Geschenk Gottes, bereichert uns und es bleibt der menschlichen Verfügbarkeit entzogen: »Herr, in deine Hände sei Anfang und Ende, sei alles gelegt.« (Eduard Mörike)

Thomas Günzel

Der Autor, Jahrgang 1960, ist Direktor des Bad Blankenburger Allianzhauses und gehört zum Leitungskreis des Fachverbandes Diakonie und geistliches Leben innerhalb der Diakonie Mitteldeutschland. Er ist verheiratet und hat drei erwachsene Söhne, darunter einen mit Behinderung.

Bestellt und nicht bezahlt

14. Januar 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Kultur und Geld: Warum die traditionsreiche Potsdamer Orgelbaufirma Schuke in wirtschaftliche Schieflage geraten ist

Ihre Meisterwerke erklingen auch in vielen Kirchen Mitteldeutschlands. Doch derzeit ist das bekannte Orgelbauunternehmen Schuke in akuten finanziellen Nöten.

Vor fast 200 Jahren wurde der Grundstein für den Orgelbauer Schuke gelegt: 1820 gründete Gottlieb Heise sein Unternehmen in Potsdam, damals Hochburg der Orgelfertigung. 1848 übernahm die Familie Gesell, 1898 Alexander Schuke die Firma. Wer will sagen, wie oft in dieser langen Zeit wirtschaftliche Probleme den Betrieb belasteten? In der DDR wurde er 1972 als »VEB Potsdamer Schuke-Orgelbau« verstaatlicht, bevor Matthias Schuke, seit 1974 dort tätig, das Traditionsunternehmen nach der Wende 1990 reprivatisierte.

Die Geschäfte liefen bald gut. Eine Expansion war auf dem alten Gelände im Potsdamer Holländischen Viertel nicht möglich und so wurden 2004 Fläche und Mitarbeiterstamm im Nachbarort Werder/Havel erweitert. Große Instrumente wie im Königsberger Dom entstanden, Schuke baute in Europa und von Mexiko bis Taiwan. In diese erfolgreiche Entwicklung will es so gar nicht passen, dass momentan der Insolvenzverwalter bei Schuke das Sagen hat. Seit Kurzem ist es Anwalt Christian Graf Brockdorffs Aufgabe, die wirtschaftliche Schieflage der Firma wirksam und schnell zu beseitigen.

Matthias Schuke hat das alte Familienunternehmen 1990 reprivatisiert und baute und sanierte seither weltweit Instrumente. Foto: Andrea von Fournier

Matthias Schuke hat das alte Familienunternehmen 1990 reprivatisiert und baute und sanierte seither weltweit Instrumente. Foto: Andrea von Fournier

»Wir hoffen, schon in wenigen Monaten wieder auf eigenen Füßen zu stehen«, sagt Firmeninhaber und Geschäftsführer Matthias Schuke. In die Situation ist sein Unternehmen gekommen, weil zwei ausländische Kunden ihre Ware nicht vollständig bezahlt haben. Die Außenstände sind nicht riesig – 400 000 Euro – doch bei einer Firma dieser Größe rütteln sie an den Grundfesten.

Dass so etwas passierte, war nicht absehbar, obwohl Matthias Schuke die Schuld auch bei sich sucht. Natürlich hat er vor der Vertragsschließung mehrfach mit beiden Kunden – den Vertretern der Philharmonie Charkiw/Charkow in der Ukraine sowie einem privaten Investor für ein Hotel in der Nähe von Moskau – gesprochen. Vertrauen sei die wichtigste Basis in diesem Geschäft, meint Schuke. Und das sei dagewesen, sonst hätte er die Aufträge nicht übernommen.

Wie üblich haben beide Kunden eine Vorauszahlung und später eine erste Anzahlung geleistet. Die 21 Mitarbeiter in Werder, unter ihnen eine Frau und ein Lehrling, haben daraufhin sorgfältig und fleißig gearbeitet. Vor zwei Jahren wurde die große viermanualige Konzertorgel für die Philharmonie in Charkiw fertig, eine knappe Million Euro waren bis dahin bezahlt. Sie wurde in die Ukraine transportiert und bis zur Restzahlung eingelagert.

Die Königin der Instrumente schläft seitdem ihren Dornröschenschlaf, ein dortiger Orgelsachverständiger kontrolliert regelmäßig vor Ort Temperatur und Luftfeuchte. Sowie die ausstehenden 100 000 Euro überwiesen werden, können die Experten von Schuke die Orgel aufbauen und intonieren. Doch Charkiw ist zurzeit Krisen- und Kriegsgebiet, niemand weiß, wann in der 1,4 Millionen-Einwohner-Stadt wieder Kunst und Kultur wichtig sind.

Bei Schukes zweitem Sorgenkind wurde dem russischen Investor eines großen Hotelneubaus laut dessen Aussage der Kredithahn gesperrt. So ruht nicht nur der Bau, sondern auch die Arbeit an der Orgel dafür. Die befindet sich jedoch noch in Werder. Matthias Schuke sagt, dass sie, lichtgeschützt gelagert, um dem wertvollen Furnier nicht zu schaden, auch demontiert und anderweitig verkauft werden kann, wenn die 300 000 Euro Restzahlung ausbleiben.

In der Orgelbaufirma wird derzeit normal gearbeitet, obwohl die Belegschaft natürlich nervös ist. Nun ist es an ihnen, so viele zusätzliche Aufträge für Neu- und Umbauten, Reinigungen oder Sanierungen von Orgeln zu bekommen, dass das nicht gezahlte Geld kompensiert wird. Der Insolvenzverwalter will den Betrieb 100-prozentig weiterführen. Doch auch er kann keine Schulden im Nicht-EU-Ausland eintreiben, und staatliche Hilfsprogramme greifen erst, wenn eine Firma pleite ist.

Doch dazu soll es nicht kommen. Vielmehr akquiriert er Banken und Leasingfirmen, die Zwischenfinanzierungen für mögliche Kunden übernehmen, seien es Kirchengemeinden oder andere Träger. Solidarität erfährt die Firma auch aus der eigenen Heimatregion. »Die Pfingstgemeinde in Potsdam und der Fürstenwalder Dom haben Bauabschnitte vorzeitig bei uns beauftragt«, sagt Matthias Schuke sichtlich bewegt.

Was ihn in diesen Tagen nachdenklich macht, ist die Sache mit der Menschenkenntnis. Auf seine hat er sich bei seinen Vertragspartnern immer verlassen und ist gut gefahren. »In Zukunft werden wir mehr Sicherheiten verlangen müssen«, sagt er fast bedauernd. Er ist ein Fachmann, Christ, Vater dreier Kinder, dessen Sohn Michael sich zurzeit beim Meisterstudium auf eine Betriebsübernahme vorbereitet. Aber er muss auch Geschäftsmann sein. Manchmal, so scheint es, mehr als ihm lieb ist. Er und seine Belegschaft jedenfalls wollen um jeden Auftrag kämpfen, um so schnell wie möglich die finanziellen Probleme zu überwinden.

Andrea von Fournier

»Hirte sein hat nichts mit Romantik zu tun«

5. Mai 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Zum »Hirtensonntag«: Gisela Roßmeier versorgt täglich 300 Schafe, 15 Ziegen und derzeit 140 Lämmer

Christus als der gute Hirte steht traditionell im Zentrum dieses Sonntags, der unter der Überschrift »Miserikordias Domini« die »Barmherzigkeit des Herrn« thematisiert. Wem stehen bei dem Gedanken an den guten Hirten nicht Bilder einer lieblichen Landschaft vor Augen? Abendsonnendurchflutet, rosa Wölkchen am Himmel und auf der Wiese vor dem Waldrand inmitten seiner munter grasenden Schafe steht der Hirte mit Stab und Hut. Ein Bild des Friedens und des Glücks. Geradezu paradiesisch.

»Ich bin der gute Hirte, der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.«

Johannes 10,11

»Großer Quatsch«, winkt Gisela Roßmeier energisch ab. »Schäfer sein hat nichts mit Romantik zu tun, es ist harte Arbeit, ein Knochenjob.« Die resolute Frau, Jahrgang 1955, weiß, wovon sie spricht. Auch wenn sie »zur Schafhaltung wie die Jungfrau zum Kinde« kam. Als Anfang der 1990er Jahre die in Agrargenossenschaften gewendeten LPGs die wirtschaftlich wenig effektive Schafhaltung aufgaben, machte sich ihr damaliger Mann als Schäfer mit eigener Herde selbstständig. 1992 wurde der neueerbaute Stall am Ortsrande von Liebenrode bei Nordhausen eingeweiht. Doch als ihr Mann 1995 plötzlich starb, stand die gelernte Wirtschaftskauffrau und spätere Verkaufsstellenleiterin vor der Gretchenfrage in Sachen Schafe. Gemeinsam mit der Familie entschloss sie sich, nun selbst Schäferin zu werden.

Heute versorgt Gisela Roßmeier gemeinsam mit ihrem neuen Lebenspartner ihre Herde mit rund 300 Schafen und derzeit 15 Ziegen. Für die romantischen Bilder vieler Menschen hat sie allerdings Verständnis. »Wann sehen normale Menschen denn überhaupt mal einen Schäfer? Wenn schönes Wetter ist und sie wandern gehen.« Aber dass der Schäfer oder die Schäferin 365 Tage im Jahr, auch bei Wind und Wetter, bei Regen und Sturm sich um die Schafe kümmern muss, »sieht doch niemand«. Ein Acht-Stunden-Tag ist dabei Illusion. »Wenn die Lammzeit kommt, bin ich auch nachts im Stall«, sagt Roßmeier. Schließlich brauchen die lammenden Schafe und natürlich die Lämmer besondere Fürsorge.

Gisela Roßmeier aus Hohenstein-Liebenrode bei Nordhausen mit je einem ihrer Lämmer und Zicklein auf dem Arm. Foto: Harald Krille

Gisela Roßmeier aus Hohenstein-Liebenrode bei Nordhausen mit je einem ihrer Lämmer und Zicklein auf dem Arm. Foto: Harald Krille

»Das Lamm muss vor allem von seiner Mutter angenommen werden und innerhalb von zwölf Stunden die lebensnotwendige Vormilch, die sogenannte Kolostralmilch, aufnehmen«, erklärt die Schäferin. Diese sei wie ein Lebenselixier und bewirkt eine Initialzündung für Verdauung und Immunsystem des Lammes. Erhält es sie nicht, stirbt es. Die Pflege der Zitzen der Mutter und die Nabelpflege gehören für die Schäferin natürlich auch zur Geburtsbegleitung. 140 Lämmer sind in diesem Jahr bisher geboren, weitere werden in den nächsten Wochen noch folgen. »Der letzte milde Winter kam den Lämmern sehr entgegen, der davor war allerdings hart«, erinnert sich Roßmeier.

Derzeit stehen Schafe und Lämmer auf den Wiesen rund um den Stall hinter einem Netzzaun. Doch bald geht es auf die Wanderschaft. Das »Grüne Band« entlang der ehemaligen DDR-Grenze ist Roßmeiers »Revier«. Als Maßnahme der Landschaftspflege beweidet sie den ehemaligen Grenzstreifen, um die Verbuschung der Landschaft zu verhindern. Keiner kann das so effektiv wie das Schaf.

»Und wenn er alle seine Schafe hinausgelassen hat, geht er vor ihnen her, und die Schafe folgen ihm nach, denn sie kennen seine Stimme.«

Johannes 10,4

Doch stimmt es eigentlich, dass die Schafe die Stimme ihres Hirten kennen und ihm folgen? »Ich brauche nur zu pfeifen, dann sollten Sie mal sehen, wie sie angerannt kommen«, bestätigt die Schäferin. »Allerdings vor allem, wenn sie satt sind«, fügt sie leicht einschränkend hinzu. »Wenn sie Hunger haben und fressen wollen, lassen sie sich eher Zeit … »

»Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht – und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie …«

Johannes 10,12

Bis zu 20 Kilometer entfernt vom Stall zieht die Herde im Laufe des Jahres. Jeden Tag bauen Gisela Roßmeier und ihr Mitstreiter Netzzäune um jeweils einen halben bis einen Hektar Fläche und treiben die Schafherde anschließend auf das neue Geviert. Früher habe sie auch mit dem Hund die Herde frei geweidet, aber in den eingezäunten Bereichen fressen die Schafe das Gras und vor allem das aufkommende Buschwerk effektiver ab, erklärt sie. Selbstverständlich gehört auch die tägliche Wasserversorgung zum Hirtendienst – ein großes Wasserfass wird mit dem Trecker zur Herde gebracht.

Vom wiederkommenden Wolf ist derzeit auch in Mitteldeutschland viel die Rede, am Harzrand kommt noch der Luchs als Raubtier hinzu. Gisela Roßmeier hat mit beiden bisher noch keine Erfahrungen gemacht. Wohl aber mit anderen »Feinden« der Schafhaltung. So wurde sie vor einigen Jahren von einem Jagdpächter vor Gericht gezerrt. Der Vorwurf: Ihre Schafe verschmutzen die Flächen mit Kot und vergrämen so das Wild. »Zum Glück stellte das Gericht klar, dass Landwirtschaft vor Jagd geht«, berichtet Roßmeier. Doch an den Nerven zehren solche Erfahrungen. Ebenso wie manche aufgebrachte »Naturfreunde«, die sich aufregen, »nur weil« – Roßmeier nimmt kein Blatt vor den Mund – »Schafscheiße auf ihrem geliebten Wanderweg liegt«.

Überhaupt gebe es immer mehr Menschen, die zwar für das Landleben und die Natur schwärmen, denen aber jeder krähende Hahn zu viel Krach mache und jeder Misthaufen eine unerträgliche Geruchsbelästigung bedeute. Und auch offiziell werde es den Schäfern immer schwerer gemacht: ausufernde Bürokratie, immer mehr einschränkende Vorschriften, immer mehr Kontrollen und Nachweise, immer höhere Kosten für Futter und Kraftstoff oder für die Berufsgenossenschaft. Allein der Beitrag für die Letztgenannte habe sich in den vergangene Jahren verfünffacht. »Da reden wir über etliche Tausend Mark«, sagt die Schäferin.

»Ich bin gekommen, damit sie Leben und volle Genüge haben sollen.«

Johannes 10,10 b

Dennoch wird sie weitermachen. Mindestens bis zur Rente. Schließlich hat sie ja auch Verantwortung für ihre Herde, und ohne Liebe zu den Tieren könne man den Beruf sowieso nicht ausüben. Doch von Tierliebe allein kann ein Schäfer nicht leben – die Nachwuchssituation ist entsprechend schwierig. Denn Schafhaltung lohne sich letztlich kaum noch.

Fünf Monate muss ein Lamm gefüttert werden, bis es sein Schlachtgewicht von rund 40 Kilo hat. »Und dann bekommt man 2,30 Euro für das Kilo Lebendgewicht«, resümiert Gisela Roßmeier. Und fügt hinzu: »Gern würden wir ohne Subventionen und Staatshilfen arbeiten.« Aber dazu müsste wohl auch die Gesellschaft den Wert von gesunder Nahrung wieder schätzen lernen und zu honorieren bereit sein.

Harald Krille

Ungebetene Gäste

24. Februar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Experten suchen Ursachen von Pilzbefall an Kirchenorgeln

Dass Kirchenorgeln nach Jahrhunderten wegen mechanischer Schäden repariert werden müssen, ist bekannt. Doch in jüngster Zeit sind auch neuere Instrumente bedroht: Schimmel an Pfeifen verändert den Ton und verursacht enorm hohe Reinigungskosten.

Steile, schmale Treppchen führen durch das Innere der Orgel, links und rechts stoßen die Ellbogen an Balken. Es riecht nach Holz und Staub. In der Ladegast-Orgel des Merseburger Doms lauert der Feind versteckt. An den Querstreben zwischen den Holz- und Metallpfeifen taucht er auf: der Schimmelpilz. Die größte Gefahr seien Anhaftungen an den Pfeifen, sagt Christoph Zimmermann, Orgelreferent der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

Dombaumeisterin Regine Hartkopf begutachtet das Innenleben der Ladegast-Orgel des Merseburger Doms auf der Suche nach Schimmelpilzen. Foto: epd-bild

Dombaumeisterin Regine Hartkopf begutachtet das Innenleben der Ladegast-Orgel des Merseburger Doms auf der Suche nach Schimmelpilzen. Foto: epd-bild

Ohne Säuberung verändert der Schimmel den Ton. Wenn er nicht beseitigt wird, bildet der Pilz schließlich Kolonien. Die Konsequenz: Jede einzelne Pfeife muss entnommen und gereinigt werden. »Da können je nach Größe der Orgel leicht Kosten in einem fünfstelligen Euro-Betrag zusammenkommen«, sagt Zimmermann. Im Extremfall kann eine Orgel nicht mehr gespielt werden – für die jährlichen Merseburger Orgeltage wäre das eine Katastrophe.

Das Instrument im Dom umfasst rund 5 700 Pfeifen. Es wurde von dem bekannten Orgelbaumeister Friedrich Ladegast (1818–1905) geschaffen und 1855 feierlich in Betrieb genommen als erste romantische Großorgel in Mitteldeutschland.

Als Problem tauchte Schimmelpilz an Kirchenorgeln erst in den vergangenen Jahren auf. Um die Ursachen herauszufinden, plant die mitteldeutsche Kirche ein Forschungsprojekt. Aus den Ergebnissen sollen Gegenstrategien entwickelt werden.

Feuchtigkeit, Temperaturschwankungen und mangelnder Luftaustausch zählt Zimmermann als mögliche Ursachen für die Schimmelbildung auf. »Bislang sind das aber alles nur Vermutungen«, räumt der Fachmann ein. Schwierig ist eine Beurteilung auch, weil Angaben über einen Befall aus vergangenen Jahrhunderten fehlen. Die Anzahl von Kirchenorgeln auf dem Gebiet der mitteldeutschen Kirche schätzt Zimmermann auf 4 000. Vielleicht 100 davon könnten von Schimmelpilzen akut befallen sein.

Bei der Merseburger Domorgel wurde vor wenigen Jahren erstmals Schimmelbefall entdeckt. Die Pilze wuchsen auf dem Staub, der das Holz überzog. Bei einer mikrobiologischen Untersuchung seien rund 15 verschiedene Pilzvarianten festgestellt worden, berichtet Dombaumeisterin Regine Hartkopf. »Wenn sich über Jahrzehnte Staub ansammelt, wächst auch der Schimmel«, warnt Hartkopf.

»Schimmel an Orgeln ist ein in wachsendem Maße ernst zu nehmendes Problem«, sagt Martin Ammon, der das gemeinsame Büro der Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Stiftung Orgelklang in Hannover leitet.
Zwar existierten bereits Merkblätter und Handreichungen zu Ursachen und Bekämpfung des Schimmels, über das genaue Ausmaß lägen jedoch keine verlässlichen Daten vor.

Orgeln sind wartungsbedürftige Instrumente, der finanzielle Aufwand ist erheblich, erläutert der Theologe. Nach aktuellen Förderanträgen sind seinen Angaben zufolge für Sanierungen durchschnittlich 123 000 Euro pro Instrument notwendig. Schätzungen zufolge gibt es deutschlandweit insgesamt 50 000 Orgeln in katholischen und evangelischen Kirchen. Etwa ein Fünftel davon stammt aus der Zeit vor dem 19. Jahrhundert.

Im sachsen-anhaltischen Merseburg bleiben die Experten am Ball. Schließlich soll 2015, wenn der 1 000. Jahrestag der Grundsteinlegung für die ottonische Vorgängerkirche gefeiert wird, auch die Domorgel sauber klingen.

Karsten Wiedener (epd)

www.ekmd.de
www.stiftung-orgelklang.de

Erster Korintherbrief: Was Gemeinde ausmacht

3. Juli 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Es gab regen Kontakt zwischen den Korinthern und Paulus. Briefe gingen hin und her. Gemeindeglieder besuchten den Apostel. Er hatte großes Interesse am Ergehen dieser Gemeinde, die ihm so viele Sorgen machte wie keine andere.

Doch gerade die Probleme in Korinth nötigten Paulus zu der Frage:
Was ist eigentlich Gemeinde? Worauf kommt es an, wenn Christen zusammenleben, zusammen glauben, zusammen Gottesdienst feiern?

So hat der erste Korintherbrief die Praxis des Gemeindelebens im Auge – mehr als alle anderen Briefe des Apostels.
Es gab in Korinth gravierende Missstände. Paulus erfuhr davon, als eine korinthische Delegation ihn besuchte (Kapitel 1). Spaltungen, Parteien und Grüppchen, die sich gegenseitig verachteten. So, wie das manchmal unter Christen geschieht. Unsicherheiten in der Sexualethik. Chaotische Zustände im Gottesdienst. Ja, für manche Korinther war sogar die Auferstehung Jesu fraglich.

Michael Greßler

Michael Greßler

Paulus setzt sich Stück für Stück mit den Fragen und Problemen auseinander. Aber er verliert sich nicht in Einzelheiten. Kein Problem ist so alltäglich, dass er es nicht ganz grundsätzlich angehen würde. Und für Paulus gibt es nur einen Grund: Jesus Christus (Kap 3,11) und die Verkündigung von ihm, das »Wort vom Kreuz« (Kapitel 1 und 2). So steigert sich der Brief bis zum 12. Kapitel, wo Paulus zum ersten Mal den Gedanken formuliert: Kirche ist der Leib Christi. Wenn Christen zusammenleben, dann nicht wegen ­ihres guten Willens, sondern weil ihr Herr sie verbindet.

Die Kapitel 9 bis 11 geben Aufschluss über das gottesdienstliche Leben in der Frühzeit der Kirche. Auch hier beruft sich Paulus auf grundlegende Überlieferungen des Glaubens. So werden in 11,23-25 die Abendmahlsworte Jesu zitiert.

Einen weiteren Höhepunkt erreicht der 1. Korintherbrief in Kapitel 13. Das »Hohelied der Liebe« – es fasst alle bisherigen ­Gedanken des Apostels zusammen: Die Liebe Christi ist der Königsweg, wenn Menschen von einer Gemeinschaft zur Gemeinde werden sollen.

Am Ende des Briefes steht der Blick auf die Auferstehung. Das 15. Kapitel gehört zu den grandiosesten Texten im Neuen Testament. Doch bei allem Scharfsinn und aller Beredtheit: Paulus sagt nichts Neues, sondern greift wieder zurück auf den Grund. Er zitiert das wohl älteste christliche Glaubensbekenntnis (Kapitel 15, 3-5). Grundsätzlicher geht es nicht. Gemeinde ist, was sie ist, weil sie dem auferstandenen Jesus Christus gehört – und nicht sich selbst.

Michael Greßler

Der Autor ist Pfarrer in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

Das Prinzip Nachhaltigkeit

7. April 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Erinnert: Vor 300 Jahren entstand in Mitteldeutschland die moderne Waldwirtschaft

Auf der Ostermesse 1713 in Leipzig erschien ein Buch mit dem Titel »Von der wilden Waldaufzucht«. Es legte den Grundstein zu dem, was wir heute Nachhaltigkeit nennen. Sein Autor: Hans Carl von Carlowitz.

Hans Carl von Carlowitz, aus uraltem Adel, wird 1645 auf der Burg Rabenstein am westlichen Rand von Chemnitz geboren. Noch ist der 30-jährige Krieg nicht beendet. Sein Vater ist kurfürstlicher Oberaufseher des Floßwesens im Erzgebirge, Oberforst- und Landjägermeister. Der junge Hans von Carlowitz erhält sein Rüstzeug auf dem Gymnasium zu Halle an der Saale, auf  der Universität Jena und während einer »grand tour« quer durch Europa. Hans Carlowitz – ein mitteldeutscher Weltbürger.

Der »Vater« der Nachhaltigkeit: Hans Carl von Carlowitz (1645–1714)

Der »Vater« der Nachhaltigkeit: Hans Carl von Carlowitz (1645–1714)

Ein besonderes Problem drückte damals europaweit die Wirtschaft: Holzmangel. Die leidige Energiefrage, uns gut bekannt. Die Holznot bedrohte um 1700 auch den sächsischen Silberbergbau mit den zugehörigen Schmelzhütten in seiner Existenz. Die Umgebung der Bergstädte war entwaldet. Die Holzpreise stiegen unaufhörlich. Das Silber aus dem Erzgebirge aber war der Treibstoff der unstillbaren Baulust wie Prunksucht August des Starken. Der Edle von Carlowitz, als Oberberghauptmann und damit Rohstoffminister, dachte staatstragend aber auch sozial: Handel und Wandel, die »florirenden Commercia« müssten »zum Besten des gemeinen Wesens« dienen. Auch die »armen Untertanen« hätten ein Recht auf »sattsam Nahrung und Unterhalt«. Aber dasselbe Recht stehe »der lieben Posterität«, den Nachkommen in Generationen ebenfalls zu.

In klaren Umrissen wird schon das Dreieck der modernen Nachhaltigkeit sichtbar: Die Ökonomie hat der »Wohlfahrt« des Gemeinwesens zu dienen. Sie ist zu einem schonenden Umgang mit der »gütigen Natur« verpflichtet und an die Verantwortung für künftige Generationen gebunden. Von Carlowitz kritisiert das auf kurzfristigen Gewinn, auf »Geld lösen«, ausgerichtete Denken. Gegen den Raubbau am Wald setzt von Carlowitz die ­eiserne Regel: »Daß man mit dem Holtz pfleglich umgehe.«

Dabei ist für den frommen Lutheraner die Natur kein bloßes Ressourcenlager, sondern zunächst das Werk göttlicher Allmacht und Vorsorge (»Providentia«): Der Mensch müsse in dem »grossen Welt-Buche der Natur studiren«. Er müsse erforschen, wie »die Natur spielet«, und dann »mit ihr agiren« und nicht wider sie und gegen Gott.

In seinem Buch plädiert von Carlowitz für ein Bündel von Maßnahmen: Eine – modern ausgedrückt – Effizienzrevolution schwebt ihm vor. Zum Beispiel durch die Verbesserung der Wärmedämmung beim Hausbau und die Verwendung von energiesparenden Schmelzöfen und Küchenherden, die planmäßige Aufforstung durch das Säen und Pflanzen von Bäumen, die Suche nach »Surrogata« (Ersatz) für das Holz. Bei der Erörterung, »wie eine sothane Conservation und Anbau des Holtzes anzustellen, daß es eine continuirliche, beständige und nachhaltende Nutzung gebe«, taucht dann zum ersten Mal der uns heute so geläufige Begriff auf.

Das Buch entfaltete eine beachtliche Tiefenwirkung. Für die Kameralisten der deutschen Kleinstaaten wird es Pflichtlektüre. In den Harzforsten der Grafen Stolberg-Wernigerode tauchte der Carlowitzsche Begriff 1757 in den »Grundsätzen der Forst-Oeconomie« auf. Und nur drei Jahre später unterzeichnet in Weimar die blutjunge wie bildschöne herzogliche Witwe Anna Amalia eine sanfte »Taxation« der herrschaftlichen Wälder und damit Finanzpfründe. »… diese sollten geometrisch gemessen und forstmäßig beschrieben werden und eine auf richtigen Grundsätzen der Forstwissenschaft festgesetzte neue und nachhaltige Forsteinrichtung erhalten.«

Diese Unterschrift gilt als Start der ­ersten flächendeckenden Forstreform, die sich ausdrücklich auf das Prinzip Nachhaltigkeit beruft. Wenig später beginnt Minister Goethe mit der systematischen Umsetzung. Nachhaltigkeit erlangte im Laufe des 19. Jahrhunderts weltweite Geltung. Absolventen deutscher Forsthochschulen wirkten in Russland, in Frankreich, selbst in Indien und in den USA. Sie machten »sustained yield forestry«, »nachhaltige Forstwirtschaft« zu einem Schlüsselbegriff.

Bis zu »sustainable development«, der »nachhaltigen Entwicklung«, des globalen Diskurses an der Schwelle zum 21. Jahrhundert war es zumindest begrifflich dann nur noch ein kleiner Schritt. Der für die aktuelle Diskussion maßgebliche Brundtland-Bericht der Kommission der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung aus dem Jahre 1987, benannt nach der taffen Protestantin und damaligen norwegischen Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland, die ihre Sozialethik beim Ökumenischen Rat der Kirchen gelernt hatte, beschrieb »nachhaltige Entwicklung« in Anlehnung an Carlowitz: »Im wesentlichen ist dauerhafte bzw. nachhaltige Entwicklung ein Wandlungsprozess, in dem die Nutzung von Ressourcen, das Ziel von Investitionen, die Richtung technologischer Entwicklung und institutioneller Wandel miteinander harmonieren und das derzeitige und künftige Potenzial vergrößern, menschliche Bedürfnisse und Wünsche zu erfüllen.«

Freilich: Guter Umgang mit lebenserhaltenden Ressourcen und Rücksichtnahme auf Nachkommende gab es schon vor Carlowitz und in vielen Kulturen. Eine sehr frühe Nachhaltigkeitsregel ist in der Heiligen Schrift enthalten. Sie steht im 5. Buch Mose, Kapitel 22, Verse 6-7, und beschreibt ganz unromantisch, wie tragfähige Ressourcenschonung praktiziert werden sollte, damit Segen bleibt. »Wenn du unterwegs ein Vogelnest findest auf ­einem Baum oder auf der Erde mit Jungen oder mit Eiern und die Mutter sitzt auf den Jungen oder auf den Eiern, so sollst du nicht die Mutter mit den Jungen ­nehmen, sondern du darfst die Jungen ­nehmen, aber die Mutter sollst du fliegen lassen, auf dass dir’s wohlgehe und du lange lebest.«

Hans-Joachim Döring

Der Autor ist Umweltbeauftragter der EKM und Leiter des Lothar-Kreyssig-Ökumenezen­trums in Magdeburg.

www.carlowitz-gesellschaft.de

Literaturtipp: Grober, Ulrich: Die Entdeckung der Nachhaltigkeit. Kulturgeschichte eines Begriffs, Kunstmann Verlag, 300 Seiten, ISBN 978-3-88897-824-1, 14,95 Euro