Gewachsene Sensibilität

11. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Bilanz: Die Kirchen in Mitteldeutschland engagieren sich gegen Rechtsextremismus – doch was haben diverse Aktionsjahre gebracht?

Nur gemeinsam kann es auf Dauer gelingen, den sich in der Gesellschaft wieder breit machenden alt/neubraunen Ideologien, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus zu begegnen. 	Foto: epd-bild/Jens Schulze

Nur gemeinsam kann es auf Dauer gelingen, den sich in der Gesellschaft wieder breit machenden alt/neubraunen Ideologien, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus zu begegnen. Foto: epd-bild/Jens Schulze

Waren es früher vorwiegend Einzelne, die den Kampf gegen die Ausbreitung rechtsextremen Gedankengutes anmahnten, ­stehen seit einiger Zeit auch die Kirchen in vorderster Reihe – zumindest offiziell.

Nächstenliebe verlangt Klarheit« – mit dieser Feststellung dürfte kaum ein Christ hierzulande Probleme haben, mit dem Zusatz hingegen schon: »Evangelische Kirche gegen Rechtsextremismus«. Die Bilanz der gleichnamigen Aktionsjahre in Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen fällt gemischt aus.

»Die Gemeinden haben das Thema auf die Tagesordnung gesetzt; die Sensibilität ist gewachsen«, zeigte sich Christhard Wagner erfreut. Der Bildungsdezernent der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) war ein entscheidender Motor, als das Aktionsjahr 2008 in seiner Landeskirche – auch gegen ­Widerstände in den eigenen Reihen – in Gang gesetzt wurde. Allerdings ist ihm auch klar: »Kirche ist hier nicht diejenige, die die Welt beglücken kann, sondern sitzt selbst im Glashaus.«

Das bestätigt auch Christian Liebchen, der als Referent im Kinder- und ­Jugendpfarramt der EKM das Thema in zahlreichen Fortbildungen den Gemeinden, Pfarrern, Diakonen und Gemeindepädagogen nahegebracht hat: »Wenn rechtsextreme Einstellungen aus der Mitte der Gesellschaft kommen, kommen sie auch aus der Mitte unserer ­Gottesdienstbesucher, Gemeindekirchenräte und Kirchenchöre.« Vor allem ältere, konservativ eingestellte ­Gemeindeglieder seien hierfür anfällig. »Aber die erreicht man mit keiner Jugendarbeit«, macht Liebchen das Problem deutlich.

Deutlich frustriert zeigte sich Andreas Holtz, Pfarrer im anhaltischen Pretzien. Dort hatten 2006 Neonazis das »Tagebuch der Anne Frank« öffentlich verbrannt. Der evangelische Pfarrer war ­anschließend einer der wenigen, die eine offene Auseinandersetzung mit den Tätern forderten. »Die Kirche tut hier nichts! Dem Werben und der Hintergrundarbeit der Nazis können wir nichts entgegensetzen.« Ihn mache diese Situation regelrecht krank, denn auch die ­Kirchengemeinden in seiner Gegend seien »so gut wie tot. Das Aktionsjahr ist an ­denen regelrecht vorbeigerauscht«, verdeutlichte der engagierte Pfarrer die ­Misere.

Doch davor scheinen auch kirchliche Mitarbeiter nicht gefeit zu sein: »Manche ›Hauptamtliche‹ fassen das Thema immer noch mit spitzen Fingern an«, hat Karl-Heinz Maischner festgestellt, der die Evangelische Erwachsenenbildung in Sachsen leitet. Vor einigen Jahren habe selbst in der sächsischen Kirchenleitung noch die Meinung vorgeherrscht: »Wir brauchen keinen Kampf gegen Rechtsextremismus, wir haben doch die Bibel!« Und gar mancher Engagierte werde selbst jetzt noch in die linksextreme Ecke gestellt. »Das Tückische ist: Die NPD besetzt Themen, die den Konservativen heilig sind, wie Familie, Heimat, Ordnung und Disziplin.« Erst genaues Nachfragen entlarve die Dema­gogie dieser Parolen, doch das mache kaum jemand.

Wie die Schleichwerbung funktioniert, zeigt das Beispiel von Henry ­Nitzsche: Der ehemalige Landtagsabgeordnete war nach Äußerungen wie ­»Multikultischwuchteln in Berlin« und »Deutschlands Schuldkult« aus der sächsischen CDU geflogen und hatte sein ­eigenes Bündnis »Arbeit, Familie, Vaterland« gegründet, für das er inzwischen im Kreistag Bautzen sitzt. Als Kirchenmitglied nutzt er seine Kontakte, bekennt sich zu »christlichen Werten«. Doch bei seiner Kandidatur als Ausländerbeauftragter 2008 wollte er »den hier ansässigen Ausländern bei der Organisation ­ihrer Heimreise behilflich sein«, womit er sich offen als Rassist zu erkennen gab und den Beifall der NPD einheimste.

Dass derartige Äußerungen und die Zustimmung zu ihnen Ausdruck von Demokratie-Defiziten sind, ist sich David Begrich, Fachreferent bei »Miteinander e.V.« (Magdeburg) sicher: »Das Vakuum, gerade im ländlichen Raum und in Abwanderungsgebieten, wird durch die Rechtsextremen gefüllt.« Hier seien dringend Visionen der Kirche gefragt, die weit über den Kampf gegen Rechtsextremismus hinausgingen: »Was können wir hier tun für eine demokratische Kultur – und mit welchen Bündnispartnern?«
Die gleichen Fragen stellt sich auch Friedemann Bringt (Kulturbüro Sachsen). Für eine Bilanz in Sachsen sei es noch zu früh. »Das Aktionsjahr kann nur ein Anfang gewesen sein«, unterstreicht er.

»Es ist schwer zu vermitteln, dass wir kontinuierlich daran weiterarbeiten müssen.« bestätigt Susanne Feustel, die das Projekt »Demokratie lernen« des sächsischen Landesjugendpfarramtes leitet. »Manche Kirchgemeinden und Pfarrer sind sehr wach beim Thema Rechtsextremismus, andere haben nur wenig Interesse bis hin zur Ignoranz.« Die aber sollte baldigst weichen, wenn die Neonazis nicht weiter Boden gutmachen sollen.

Von Rainer Borsdorf