Deutsches Abi in Palästina

3. Juli 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Nachgefragt: Wo junge Christen und Muslime gemeinsam lernen – was Talitha Kumi so besonders macht

Erstmals wurde im Bildungszentrum Talitha Kumi im Westjordanland das Deutsche Internationale Abitur abgelegt. Der anhaltische Kirchenpräsident Joachim Liebig nahm an der Abiturfeier teil. Dietlind Steinhöfel sprach mit ihm.

Herr Kirchenpräsident Liebig, was macht das Bildungszentrum Talitha Kumi in Beit Jala so besonders?
Liebig:
Talitha Kumi hat eine sehr lange Tradition, gegründet durch die Kaiserswerther Diakonie Mitte des 19. Jahrhunderts und seit 50 Jahren in der Trägerschaft des Berliner Missionswerkes. Junge Leute aus Palästina – Christen und Muslime – werden hier zusammengeführt. Theoretisch würden auch jüdische Kinder aufgenommen, aber ihnen ist das Betreten der palästinensischen Gebiete ja verboten. Unter dem Dach der Schule gibt es unterschiedliche Einrichtungen: an der Spitze das Gymnasium, zudem eine Berufsfachschule und ein Gästehaus, das im Augenblick mit Mitteln aus Deutschland unter der Leitung eines Dessauer Architekturbüros mit einem lokalen Partner grundlegend saniert wird.

Welche Abschlüsse können die Schülerinnen und Schüler erwerben?
Liebig:
Hier kann ein arabisches Abitur abgelegt werden, und zum ersten Mal wurden in diesem Jahr Zeugnisse nach deutschen Abiturstandards vergeben – also auch auf Deutsch. Der Abschluss an der Berufsfachschule entspricht einem Sekundarschulabschluss mit angeschlossener Berufsausbildung für die Bereiche Wirtschaft und Tourismus, also Köche oder Restaurantbetreiber. Tourismus ist eines der wenigen wirtschaftlich erfolgreichen Felder in Palästina. Im gymnasialen Zweig kann das übliche arabische Abitur abgelegt werden. Die Absolventen können damit in Palästina und anderen arabischen Ländern ein Studium aufnehmen. Palästinenser gelten wegen ihres hohen Bildungsniveaus im arabischsprachigen Raum ohnehin als die Intellektuellen.

Gemeinsam unter dem Dach der Bildung: In der Schule Talitha Kumi im Westjordanland lernen Christen und Muslime gemeinsam – und feierten in diesem Jahr erstmals den Abiturabschluss nach deutschem Standard. Foto: Berliner Missionswerk

Gemeinsam unter dem Dach der Bildung: In der Schule Talitha Kumi im Westjordanland lernen Christen und Muslime gemeinsam – und feierten in diesem Jahr erstmals den Abiturabschluss nach deutschem Standard. Foto: Berliner Missionswerk

Welche neuen Möglichkeiten bietet das deutsche Abitur?
Liebig:
Mit dem Deutschen Internationalen Abitur können sie sofort ein Studium an einer deutschen Universität oder auch im gesamten EU-Raum aufnehmen. Allerdings: Ein deutsches Abitur abzulegen ist das eine. Doch sie haben kaum Möglichkeiten, dann wirklich hierherzukommen, weil das Geld fehlt. Da müssen wir noch weitere Wege öffnen.

Welche Berufsziele haben die jungen Leute?
Liebig:
Sie bevorzugen die sogenannten MINT-Fächer (Mathematik, Information, Naturwissenschaft, Technik) und Medizin. Ich hatte allerdings auch mit einer jungen Frau Kontakt, die möchte gerne Politik studieren. Ich könnte mir gut vorstellen, dass beispielsweise eine der parteinahen Stiftungen interessiert wäre, so eine junge Palästinenserin zu fördern.

Spielt es noch eine Rolle, dass Talitha Kumi als Mädchenschule gegründet wurde?
Liebig:
Nein, denn es wurde sehr zeitig der gemeinsame Unterricht eingeführt. Das ist einer der Aspekte, die das Besondere ausmachen: eine gemischte Schule in einer arabischen, islamisch geprägten Umgebung. Und daran halten wir weiterhin fest, weil es zu unserem Standard gehört, selbstverständlich auch gemeinsame Sportveranstaltungen und ähnliches durchzuführen.

Haben die Absolventen Nachteile, weil sie sicher auch anders erzogen werden als in einer arabischen Schule?
Liebig:
Das ist genau der Punkt. Sie kommen aus zum Teil sehr traditionellen Elternhäusern, überwiegend aus dem Westjordanland, aber auch Israelis arabischer Herkunft aus Jerusalem sind dabei. Die Schule hat einen vorzüglichen Ruf. Deswegen ist es für viele Eltern eine große Freude und Ehre, dass ihre Kinder hier unterrichtet werden. Und sie stoßen auf ein ­europäisches Bildungsideal, das sie prägt. So gebildet kommen sie zurück in ihre traditionell geformten Elternhäuser. Das ist mitunter eine große Diskrepanz, die sie da überbrücken müssen. Aber sie tun das in bewundernswerter Weise, indem sie sich sowohl hier wie dort anpassen und beides miteinander verbinden.

Wie sieht das konkret aus?
Liebig:
Ein Beispiel: In der Schule sind alle zur Abiturfeier ganz unglaublich gut angezogen. Die jungen Frauen mit bester Frisur, lackierten Fingernägeln und hohen Absatzschuhen. Und dann, zum Frühstück zwei Tage darauf, kommen sie mit Kopftuch, weil eben die Feier vorbei ist. Und ich kann nur zur Kenntnis nehmen, dass es offensichtlich möglich ist, beides zu leben.

www.talithakumi.org
www.berliner-missionswerk.de

Etwas in Bewegung gesetzt

4. Juli 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Das Gottvertrauen gelernt: Rolf Strobelt mit einheimischen Mitarbeitern bei ­einer der wochenlangen Touren durch unwegsames Gelände. Foto:privat

Das Gottvertrauen gelernt: Rolf Strobelt mit einheimischen Mitarbeitern bei ­einer der wochenlangen Touren durch unwegsames Gelände. Foto:privat

Er ist der älteste Überseemitarbeiter des Leipziger Missionswerkes. 20 Jahre hat er anderen gegeben – und selbst gelernt. Denn nur so funktioniert heute Mission.

Es ist der letzte Rundbrief von vielen, die Rolf Strobelt 20 Jahre lang regelmäßig aus Papua-Neuguinea nach Deutschland schrieb. Nun muss er Worte für den Abschied finden: »Es kommt jetzt immer öfter vor, dass ich mir die Naturkonzerte des Morgens mit Wehmut anhöre.« Wenige Wochen später im Haus des Leipziger Missionswerkes (LMW) freut sich Strobelt, mit Gahanema Siniwin aus Papua-Neuguinea zu sprechen. Sie ist Teilnehmerin beim »Mission to the North«-Programm des LMW und gerade für zwei Monate in Sachsen zu Besuch. Dann zeigt er stolz auf eine schwarz-rot-gelbe Blumenkette, die er von Siniwin zur Begrüßung in Deutschland geschenkt bekommen hat – beide Länder vereinen die gleichen Farben auf ihren Flaggen. Strobelt muss nachdenken. »Es ist ein gewaltiger Schritt«, sagt er.

Ein gewaltiger Schritt, das war auch sein Weg als Missionar. Schon während seines Theologiestudiums in Leipzig steht für ihn fest, dass er missionarisch tätig sein will. Dann, kurz nach der friedlichen Revolution, wird der damals 32-Jährige vom Bayerischen Missionswerk in die Evangelisch-Lutherische Kirche Papua-Neuguineas entsandt. Dort soll der gelernte Krankenpfleger ein Krankenhaus im westlichen Hochland leiten. »Am Anfang, wenn man aus Deutschland kommt, will man alles perfekt machen«, erinnert er sich an die Anfangsjahre. »Aber mit der Zeit wird man abgeschliffen. Die Probleme der Menschen dort sind existenziell. Man lernt mit ihnen zusammen zu arbeiten, sie zu verstehen.«

1994 wird Rolf Strobelt nach Rabaul auf die Insel East New Britain versetzt. Schon kurz nach seiner Ankunft bricht der nahe gelegene Vulkan Tavurvur aus. Aus Strobelts Aufgabe, sich um das geistliche Leben in den verschiedenen Kirchgemeinden zu kümmern, wird zunächst ein Hilfseinsatz im Krisengebiet. Von der Stadt wechselt er 1999 in eine schwer erreichbare Station im Kirchenkreis Nomane. Dort bildet er kirchliches Personal aus, leistet Drogen- und Aids-Prävention, baut diakonische Hilfe für Kranke und Menschen mit Behinderung auf. 2007 wechselt er erneut und arbeitet bis 2011 als Dozent am Theologischen Seminar Ogelbeng.

Es sind vier Stationen in 20 Jahren, die seine Vorstellung von Mission geprägt haben: »Man denkt immer, dort, wo man gerade ist, wird man ganz dringend gebraucht. Aber es gibt immer Orte, an denen man noch dringender benötigt wird.« Mission bedeute deshalb, erst einmal etwas in Bewegung zu setzen, damit es von den Einheimischen fortgesetzt werden kann.

In Papua-Neuguinea leben rund fünf Millionen Menschen. Etwa eine Million gehören zur Evangelical Lutheran Church of Papua New Guinea (ELC-PNG), die nach der katholischen die zweitgrößte Kirche des Landes und die größte lutherische Kirche Asiens ist. »Es ist ein junges Land, aber die Jugend findet keine Arbeit.« Die Menschen hätten gespürt, dass sich durch die Hilfe der Kirche etwas entwickelt: Schulen, Krankenhäuser, Flugplätze wurden gebaut. »Von manchem Christ wird deshalb bedauert, dass die Überseemitarbeiter wieder gegangen sind.« Missionsarbeit, da ist sich Rolf Strobelt sicher, braucht Kontinuität in der Aufklärungsarbeit und Entwicklungshilfe und besonders in der theologischen Weiterbildung.

Es fiel ihm deshalb nicht leicht, ­denen den Rücken zu kehren, deren Rücken er jahrelang gestärkt hat. Nur mit Uwe Hummel als Nachfolger war es einfacher. Und schließlich war es seine bewusste Entscheidung. Der ­gebürtige Sosaer möchte wieder näher bei seinen Eltern im Erzgebirge sein. »Es war an der Zeit zurückzukommen, um etwas von der Unterstützung wiederzugeben, die ich jahrelang von hier erhalten habe«, sagt Rolf Strobelt.

Was nimmt er mit aus 20 Jahren in Papua-Neuguinea? »Von den Einheimischen habe ich dieses Gottvertrauen gelernt. Hier in Deutschland funktioniert ja alles. Aber wenn du wochenlang zu Fuß unterwegs bist in unwegsamen Gebieten ohne Infrastruktur, dann bist du einfach froh, lebend zurückzukommen.« Jetzt werde er die Annehmlichkeiten genießen, die seine Heimat zu bieten hat, und Rolf Strobelt ist gespannt auf neue Aufgaben, in die er seinen schwarz-rot-gelben Schatz an Erfahrungen in Zukunft einbringen kann.

Maxie Thielemann

www.lmw-mission.de