»Herzschlag der Kirche«
10. November 2011 von Gemeinsame Redaktion
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Eine Teilnehmerin des Dresdner Kirchentages formt mit ihren Händen ein Herz, das Symbol des Kirchentages. »... da wird auch dein Herz sein«, lautete das Motto. Das Herz der Kirche gehört der Mission. Foto: epd-bild.
EKD-Synode: Das Thema Mission stand im Mittelpunkt der Beratungen des Kirchenparlamentes in Magdeburg.
Lange war Mission allenfalls ein Randthema im Protestantismus. Inzwischen hat die evangelische Kirche die Bedeutung erkannt. Die zentrale Frage lautet: Wie können Christen ihren Glauben so leben, dass er auch andere anspricht?
Die Zahlen lügen nicht: Der Artikel zum Kirchenaustritt der Internet-Enzyklopädie Wikipedia sei im November 1269 Mal aufgerufen worden, der Beitrag zum Kircheneintritt dagegen nur 37 Mal. Sehr offen gibt Pavel Richter, Geschäftsführer von Wikimedia Deutschland e.V., Auskunft über sein Verhältnis zur Religion und zur Frage, was ihn daran hindert, Christ zu werden.
Diese Frage, eröffnet er am 7. November seinen Beitrag vor der EKD-Synode in Magdeburg, komme im Alltag kaum vor. »Ich weiß nicht mal, wann ich danach das letzte Mal gefragt worden bin.« Dabei versteht sich der Geschäftsführer durchaus als Christ im Sinne einer kulturellen Prägung, aber eben nicht als gläubig. Als einen Grund, warum er nicht in die Kirche eintritt, nennt er unter anderem die Kirchensteuer.
Zugleich gibt Richter aber auch eine Frage an die Synode zurück: »Was lockt mich, in die Kirche einzutreten?« Für sein »Christsein« brauche er die Kirche eigentlich kaum, gibt er zu Protokoll.
Vier ganz unterschiedliche Voten sollen die Synodalen auf das Schwerpunktthema Mission einstimmen. Neben dem Wikimedia-Geschäftsführer kommt Max Bank von »attac« zu Wort, der sich erst als 27-Jähriger hat taufen lassen. Die Ostberliner Jazzsängerin Pascal von Wroblewsky dagegen macht unmissverständlich klar, dass der Glaube für sie kein Thema ist. »Offenbar hat Religion auf mich keine Wirkung, hier bin ich immun.«
Die Tübinger Theologieprofessorin Birgit Weyel wirft schließlich einen Blick auf die fortschreitende Entkirchlichung. Gründe dafür sieht sie in
der Individualisierung des Religiösen. Dennoch sei das Christentum in Deutschland durchaus präsent. Etwa 62 Prozent der Menschen würden sich als Christen bekennen.
Aufgabe der Kirche sei es, das Gespräch über die christlichen Lebensdeutungen zu fördern. Dabei müssten die Menschen ernst genommen werden. »Sie sind keine Konsumenten, an die man vermeintlich passgenaue Angebote adressieren kann.« Bereits zum zweiten Mal nach 1999 hat die EKD-Synode das Thema Mission auf die Tagesordnung gesetzt.
Einen Tag lang nehmen sich die Synodalen Zeit, um über die Impulsreferate und den Kundgebungsentwurf unter dem Titel »Was hindert’s, dass ich Christ werde?« zu diskutieren. Der Grund liegt auf der Hand: In den letzten acht Jahren hat die evangelische Kirche rund zwei Millionen Mitglieder verloren.
Derzeit zählt die EKD noch 24 Millionen Christen. Vor allem im Osten stellt sich die Situation dramatisch dar. In Magdeburg etwa, dem Tagungsort der Synode, gehören gerade einmal 8,9 Prozent der Einwohner der evangelischen Kirche an. Bis 2040 rechnet die EKD mit einem Rückgang auf insgesamt 16 Millionen Mitglieder.
Trotzdem soll das Thema Mission keinesfalls als Programm zur Mitgliedergewinnung missverstanden werden. Weder gehe es um eine »christliche Motivationsstrategie« noch um die »Rekrutierung neuer Mitglieder«, so der hannoversche Landesbischof Ralf Meister, der als Vorsitzender des Vorbereitungsausschusses den Kundgebungsentwurf einbringt.
»Die Kirche bedarf einer neuen Sprachfähigkeit des Glaubens, um die Botschaft fantasievoll, überzeugend und leidenschaftlich zu vermitteln.« Christliche Mission spüre sowohl »ihrem eigenen Herzschlag« nach, aber nehme gleichzeitig auch offen wahr, was die Menschen ihr zu sagen haben und was die Gesellschaft heute bewegt, sagt der Bischof bei der Einbringung. Die geistliche Herausforderung sieht er in der »geistlichen Konzentration und eine konsequente Ausrichtung auf das Zentrum, auf Gott und Christus selbst«.
Zugleich warnt Meister vor einer aktionistischen Engführung. Bei der Mission gehe es immer um die Freiheit des Gegenübers.
Doch der Entwurf, der am Mittwoch (nach Redaktionsschluss) verabschiedet werden soll, stößt im Kirchenparlament nicht nur auf Zustimmung.
Etliche Synodale kritisieren die »depressive Grundstimmung« und bemängeln die Ausrichtung. Die Ostberliner Sängerin Pascal von Wroblewsky kann der Diskussion ohnehin nichts abgewinnen. Für sie ist die Frage ebenso irrelevant wie für die Mehrheit der Ostdeutschen. Das allerdings spielt im Plenum der EKD-Synode keine Rolle.
Martin Hanusch

»Nicht über unsere Verhältnisse leben«
EKD-Chef bekräftigte Reformnotwendigkeit in der Kirche und las der Finanzwirtschaft die Leviten
Am Anfang stand ein deutliches Bekenntnis des Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zur Fortsetzung des Reformprozesses. Die evangelische Kirche sei ein offenes und missionarisches Haus und habe den Mut zu Reformen unter Beweis gestellt, sagte der rheinische Präses Nikolaus Schneider zum Auftakt der in Magdeburg tagenden EKD-Synode. Das geschehe nicht in »blindem Reformeifer zur Selbstprofilierung«, sondern im Blick auf die künftigen Aufgaben.
Es gebe allerdings auch in der Kirche so etwas wie eine »Reformmüdigkeit« und eine prinzipielle Zurückhaltung gegenüber notwendigen Veränderungen, räumte der EKD-Ratsvorsitzende ein, der seinen Bericht unter das Motto »Haus der lebendigen Steine« gestellt hatte. Die demografische Entwicklung, zurückgehende Kirchenmitgliedschaft und der Relevanzverlust der Institutionen stellten die Kirche »zwingend« vor die Aufgabe, nachhaltig lebbare Strukturen anzustreben. »Wir wollen und sollen als Kirche nicht in die Gefahr geraten, auf Dauer über unsere Verhältnisse zu leben.«
Ausführlich ging der EKD-Chef in seinem Bericht zudem auf die Papstvisite in Deutschland ein. Mit seinem Besuch im Erfurter Augustinerkloster habe Benedikt XVI. ein »starkes ökumenisches Signal« gesetzt, lobte Schneider. Zugleich äußerte er sich jedoch enttäuscht über das Treffen am 23. September. Es dürfe nichts schöngeredet werden, »was nicht schön war«.
Brennende Fragen des ökumenischen Dialogs seien im Gottesdienst gar nicht oder nur missverstehend und missverständlich angesprochen worden, kritisierte Schneider. Besonders irritiert habe viele Menschen die Rede des Papstes von einem »Gastgeschenk«, das er nicht dabei hätte. Niemand habe das erwartet, wohl aber inhaltliche Impulse. Trotz dieser ökumenischen Irritation lud der Ratsvorsitzende die katholische Kirche dazu ein, das Reformationsjubiläum 2017 mitzufeiern.
Breiten Raum nahmen in dem Bericht schließlich die gesellschaftlichen Entwicklungen vom Atomausstieg und der Suche nach einem Endlager über den Flüchtlingsschutz bis zur Eurokrise ein. So mahnte der EKD-Ratsvorsitzende Konsequenzen aus der internationalen Finanz- und Schuldenkrise an. »Wir benötigen eine Politik, die Finanzakteure so zügelt und Finanzstrukturen so steuert, dass sie nicht der Bereicherung Einzelner, sondern dem Leben vieler Menschen dienen.«
Die gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftskrise drohten dagegen die Stabilität ganzer Staaten die Existenzgrundlage vieler Menschen zu gefährden, sagte Schneider. Von den Folgen der Finanzkrise seien weltweit die Armen am stärksten betroffen. Auch in Deutschland vergrößere sich die soziale Kluft. Er sei dankbar, dass die Politik wieder über Mindestlöhne diskutiere. Grundsätzlich müsse unter sozialethischen Gesichtspunkten gelten: »Eine volle Berufstätigkeit soll so entlohnt werden, dass ein eigenverantwortetes Leben möglich ist.«
Zugleich ging Schneider vor dem Kirchenparlament auch auf das umstrittene kirchliche Arbeitsrecht ein, das während der Synode beraten wurde. Dabei verteidigte der Ratsvorsitzende die Sonderregelungen, nach denen Arbeitgeber und Arbeitnehmer in einer Dienstgemeinschaft verbunden sind. »Wir wollen eine Leitwährung für den Dritten Weg.« Letztlich ziele dieser auf ein gleichberechtigtes Miteinander und wolle dem Gegeneinander von Dienstgebern und Dienstnehmern im Sinn von Arbeitskämpfen wehren. Allerdings drohe das Verhalten einzelner Träger durch Ausgründungen und Zeitarbeit die Gemeinschaft auszuhöhlen. Hier brauche es bessere Sanktionsmöglichkeiten bei Verstößen durch die Dienstgeber, forderte der Ratsvorsitzende.
Martin Hanusch
Eine Kirche im Staub
20. Mai 2010 von Gemeinsame Redaktion
Abgelegt unter Eine Welt
Comments Off

Die Jugend soll aufstehen um die Welt zu verändern, lautet die Botschaft der Pfingstler in Guatemala. Fotos: Andreas Boueke
Reportage: Kein Wohlstandsevangelium – in Guatemala stehen die Missionare der Pfingstler den Ärmsten bei
Pfingstkirchen sind die weltweit am stärksten wachsende christliche Konfessionsgruppe. Meist gelten sie als fundamentalistisch und reaktionär. Doch das stimmt nur noch bedingt.
Die holprige Straße ohne Asphalt führt bis zu einer Ansammlung wackliger Bretterhütten, schäbiger Lehmhäuser und weniger Bauten aus unverputzten Steinen. Die Siedlung Las Huertas liegt in einer kargen Einöde im Osten des kleinen, mittelamerikanischen Landes Guatemala. Es gibt keine Abwasserkanäle, keine Straßenbeleuchtung, keine Gesundheitsstation und keine Rechtssicherheit.
Zweimal im Monat kommt die junge Frau Ester Raxón in diesen verstaubten Ort, um den Aufbau der Jugendarbeit der lokalen Pfingstgemeinde zu unterstützen. Sie sitzt auf einer Lehmstufe am Eingang der Kirche und beobachtet zwei Jungen, die im Staub des Vorplatzes mit selbst gebastelten Autos aus Draht spielen. Neben ihr grunzt ein Schwein, hinter ihr piepsen Küken. »Die Armut ist extrem«, klagt Ester Raxón. »Gerade die Kinder haben viele Probleme, auch mit sexuellen und psychischen Misshandlungen. Viele der Kleinsten sind deutlich unterernährt.«
Konservativ im Sinne von wertebewahrend
Der Vorgesetze von Ester Raxón, Samuel Regalado, ist in der Missionsverwaltung der Asambleas de Dios beschäftigt, der mit weltweit 60 Millionen Mitgliedern größten Kirche der Pfingstbewegung. International ist sie unter ihrem englischen Namen »Assemblies of Good« bekannt. Er sitzt in einem spartanisch ausgestatteten Büro der »Zone 3« von Guatemala-Stadt – keine besonders exklusive Adresse. An manchen Tagen trägt der Wind den Gestank der nahe gelegenen Müllhalde herüber.
Samuel Regalado bezeichnet sich selbst als konservativ, in dem Sinne, dass er christliche Werte bewahren will. Er sieht seine Aufgabe darin, der Jugend klare moralische und ethische Werte zu vermitteln. Politisches Engagement lehnt er für sich ab: »Unsere Lehre besagt, dass die Kirche unpolitisch sein soll. Aber wir motivieren die Leute dazu, ihr Wahlrecht auszuüben, auch wenn wir nie eine spezifische Partei unterstützen würden.« Dennoch vermittelt Regaldo eine Botschaft, die den gesellschaftlichen Status quo infrage stellt: »Wir müssen den Jugendlichen und den Kindern beibringen, dass sie aufwachen müssen, dass sie nicht dieselbe Mentalität ihrer Großeltern und ihrer Eltern haben sollen, die apathisch geblieben sind. Die Jugend soll aufstreben und eine Front bilden, um der Welt Veränderung zu bringen.«
Derzeit erlebt kein anderer religiöser Sektor ein schnelleres Wachstum als die charismatischen Pfingstler. Im Zuge des Anstiegs ihrer Mitgliederzahlen kommt es zu einer deutlichen inhaltlichen Ausdifferenzierung innerhalb der Pfingstbewegung. Noch vor wenigen Jahren galten Pfingstler per se als konservativ, untheologisch und anti-ökumenisch. Heute gibt es große Pfingstkirchen, die sich politisch eindeutig links positionieren; Bibelinstitute, die Schrifttexte neu interpretieren wollen, um ihre aktuelle Relevanz zu verdeutlichen; Pastoren, die sich in breiten Allianzen mit anderen Protestanten und selbst mit Katholiken zusammenschließen.
Die Kirche gibt Menschen Würde und Selbstvertrauen
José Muñoz, ein älterer Mann, sitzt auf einem Stuhl und lässt die Arme baumeln. Eben noch hat er einige Girlanden an die Decke der Kirche der Siedlung Las Huertas gehängt. Jetzt macht er eine Pause. Er war dabei, als die Gemeinde vor vier Jahren gegründet wurde: »Unsere Kirche macht diese Arbeit in Orten, in denen es kein Geld gibt. Wenn du versuchst, mit der Religion Geschäfte zu machen, verlieren die Leute das Vertrauen.«
Eigentlich sollte der Gottesdienst schon vor einer Stunde begonnen haben. Doch noch immer kommen mehr Leute und plaudern in den Gängen. Endlich nimmt ein junger Mann das Mikrofon in die Hand. Es beginnt der erste Akt des Gottesdienstes: der Lobgesang.
Pastor Carlos Morales stand eben noch am Eingang der Kirche und begrüßte die ankommenden Gemeindemitglieder mit einem herzlichen Händedruck und einigen persönlichen Worten. Dann aber hat er sich zurückgezogen, um vor seiner Predigt zur Ruhe zu kommen. Er sitzt auf einem alten Baumstumpf hinter den Wellblechplatten der Rückwand der Kirche. »Wir wollen erreichen, dass die Menschen in den Gemeinden ein Leben in Würde führen können, so wie es Jesus Christus gelehrt hat. Ein Leben mit Werten, moralischen Prinzipien, mit Gerechtigkeit, besonders für die junge Generation.«
Der Pastor ist überzeugt davon, dass seine Kirche in diesem gesellschaftlichen Prozess einen wichtigen Beitrag leisten kann, indem sie das Selbstvertrauen ihrer Gemeindemitglieder stärkt: »Für sie ist die Kirche ein Ort, der sie motiviert. Das ändert ihre Vision. Sie sagen: ›Wauw! All die Jahre über habe ich vereinzelt gelebt. Ich habe mich selbst als eine Person angesehen, die nicht wichtig ist, die nichts leisten kann. Aber hier finde ich einen Ort, an dem ich geschätzt werde.‹ Diese Erfahrung stimuliert und ändert das Bewusstsein der Leute.«
Aus den ehemals kleinen, vorwiegend jenseitsbezogenen Pfingstgemeinden ist eine pluralistische, in allen sozialen Schichten verankerte, theologisch ausdifferenzierte Bewegung geworden, die das Gesicht der globalen Christenheit deutlich verändert hat.
Andreas Boueke
