Gottesdienst verstehen mit Martin Luther

17. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Gottesdienst ist Ritual, die sonntägliche Wiederholung des Vertrauten und Beruhigenden, so kann man es oft hören und lesen. Für Luther aber waren Gebet und Gottesdienst zuerst Kampf.

In Eric Tills Lutherfilm aus dem Jahr 2003 wird gezeigt, wie dramatisch sich der junge Luther im Kloster den Glauben erkämpfen musste – gegen den eigenen Unglauben. Wenn ihn wieder alle teuflischen Mächte packen würden, so sagte ihm sein väterlicher Freund und Ordensvorgesetzter Johannes von Staupitz, dann solle er ein Kreuz in die Hand nehmen und sich daran festhalten. Im Film sieht man den jungen Luther in einer schweren Angstkrise, wie er das Kreuz packt, sich auf den Boden wirft, in der Form des Kreuzes die Arme von sich streckt und »Christus, hilf mir!« ruft.

Gottesdienst soll Begegnung mit Jesus sein, keine Routineveranstaltung. Im Bild: Teilnehmer eines Gottesdienstes während der diesjährigen Allianzkonferenz in Bad Blankenburg. Foto: Harald Krille

Gottesdienst soll Begegnung mit Jesus sein, keine Routineveranstaltung. Im Bild: Teilnehmer eines Gottesdienstes während der diesjährigen Allianzkonferenz in Bad Blankenburg. Foto: Harald Krille

Wenn es ganz schlimm kommt, dann heißt es einfach nur, sich festhalten, vielleicht an dem einen Satz: »Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben!« (Markus 9,24). Gebet ist Leben ohne Netz und doppelten Boden. Nur so ist es auch Aufscheinen des Glanzes, der den Dingen trotz allem eigen ist. Davon lebt der Gottesdienst, der nach Luther keine gemächliche Wiederholung des schon Bekannten ist, sondern Begegnung mit Jesus selbst. Wie könnte die Begegnung mit jemandem, den man liebt, Routine und Wiederholung sein?

Nicht wir dienen Gott, Gott dient uns

Der eigentliche Akteur im Gottesdienst ist nicht der Mensch, der Gott lobt und preist. Es geht in der Liturgie nicht um unseren Dienst an Gott, sondern um Gottes Dienst an uns. Der eigentliche Akteur ist Gott, der dem Menschen etwas Gutes tut, der ihn tröstet und aufrichtet. Gott macht den Menschen gewiss, dass er oder sie zwar vielleicht nicht in Ordnung, aber gerade so (und nicht »trotzdem«!) gut, schön und geliebt ist. So erweist Gott dem Menschen seinen Dienst.

Darum soll sich der Gottesdienstbesucher gar keine Gedanken machen, ob er Gott recht dient oder nicht. Alle Konzepte von Gottesdienst als einer Gott erwiesenen Ehre, alle Formen von Kult zu Gottes Lob sind damit zwar nicht hinfällig, aber zweitrangig.

Im Zentrum steht das Herz, nicht der Altar

Für Luther ist der wichtigste Ort des Gottesdienstes das Herz des glaubenden Menschen. Es kommt nicht darauf an, dass ein Priester das Heilsgeschehen in kultisch angemessener Form zelebriert – so schön das ist, und evangelische Liturgen legen oft viel zu wenig Wert darauf. Aber der eigentliche liturgische Ort ist der Altar nicht.

Denn es kommt vor allem darauf an, das, was dort geschieht, als etwas »für mich« zu begreifen. Darum ist die entscheidende menschliche Person in der Liturgie nicht der Priester, sondern der einzelne Gläubige. Die jahrhundertelange Herrschaft der Geistlichen über die Menschen ist aufgehoben, indem jeder Einzelne gefragt und selbst verantwortlich ist. Jeder ist sein eigener Priester mit dem eigenen Altar im Inneren.

Das allgemeine Priestertum bezieht sich also auf den Kern des Glaubens, auf die eigene Gewissheit, ein guter, ein anerkannter, ein Mensch Gottes zu sein. Diese Gewissheit kann einem keiner abnehmen – und bisweilen muss sie erkämpft werden, so wie das bei Luther selbst der Fall war.

Es geht darum, in richtiger Weise nichts zu tun

Der erste Satz aus Luthers »Deutscher Messe« von 1526 warnt vor dem Überschätzen der liturgischen Form. Für den Gottesdienstbesucher kommt es nicht darauf an, etwas Bestimmtes und Richtiges zu tun. Vielmehr ist das Gegenteil gefragt: Es geht darum, liturgisch in bestimmter und richtiger Weise nichts zu tun. Der Mensch soll alle seine Aktivität darauf verwenden, passiv zu sein.

Diese paradoxe Regel wurde am Anfang der Neuzeit formuliert, und sie stellt für uns spätmoderne Menschen eine erhebliche Herausforderung dar. Aus dem aktiven Arbeiter, dem Homo Faber, wird der passive Mensch, das Kind vor Gott, das sich beschenken lässt. Darum ist die erste liturgische Aufgabe – nicht zuletzt für diejenigen, die predigen und die Liturgie leiten – das Hören und Empfangen.

Mehr als Predigt mit Umrahmung

Ein Missverständnis wäre es allerdings, den Gottesdienst als Predigt mit Umrahmung aufzufassen. Gute Predigten sind gewiss das wichtigste Markenzeichen der evangelischen Kirche. Aber nicht die Predigt ist das Eigentliche, sondern das Hören auf Gott, jene umfassende Form von aktivischer Passivität, die nicht unvernünftig ist, wohl aber höher denn alle Vernunft.
Darum ist auch die Musik für Luthers Gottesdienst- und Glaubensverständnis so wichtig. Wenn man mit schönen Tönen in Resonanz gerät, dann ist man in der Weise aktiv und passiv zugleich, wie das dem Menschen auch vor Gott guttut.

Michael Meyer-Blanck

Michael Meyer-Blanck lehrt als Professor für Religionspädagogik an der Theologischen Fakultät der Universität Bonn.

Das inszenierte Geheimnis

6. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Die Gottesdienste der anderen: Was können Christen von den Geschwistern aus der Ökumene lernen? Mit dieser Frage beschäftigt sich eine dreiteilige Beitragsserie. Den Abschluss bildet der katholische Gottesdienst.

In der letzten Generation ist der protestantische Gottesdienst katholischer und der katholische Gottesdienst protestantischer geworden. Das ist im Wesentlichen eine positive Entwicklung. Darüber hinaus folgen beide großen Kirchen schon immer demselben liturgischen Grundschema. Dennoch ist es reizvoll, beide Gottesdienstformen typologisch gegenüberzustellen. In diesem Sinne kann eine liebevolle Karikatur der genaueren Wahrnehmung helfen. In den folgenden vier kurzen Thesen setze ich voraus, dass meine Beschreibungen dem Idealtypus des katholischen Gottesdienstes entsprechen, aber nicht jeder tatsächlich abgehaltenen Messfeier; und ich setze voraus, dass diese Prinzipien den Wahrheitsgehalt des evangelischen Gottesdienstes erschließen können. Einfacher gesagt: Ein bisschen mehr Geheimnis wäre auch für uns Evangelische nicht schlecht. Aber zunächst zum Katholischen. Erstens: Der Katholik glaubt vor allem mit den Augen. Das Messgewand des Priesters, die Kleidung der Ministranten, der Einzug und die Handlungen am Altar folgen einer tief verwurzelten Ordnung, die weder erklärt werden kann noch muss. Die erhobene Hostie und die sorgfältige, umständliche Reinigung des Kelchs nach der Eucharistie zeigen, dass hier das Unerklärliche und Überintellektuelle geschieht. Das Sterben und Auferstehen und das Sich-Schenken des Gottessohnes an diejenigen, die daran schauend teilhaben, wird Wirklichkeit: »Kommt und seht!« (Johannes 1,39).

Die katholische Messe transportiert damit zweitens keine Gedanken oder Informationen. Sie ist in ihrem Kern nichts anderes als das rituell vergegenwärtigte Geheimnis selbst. Es geht nicht um eine zu übermittelnde Botschaft, sondern um die Realität des Mysteriums. Ein Mysterium aber ist wie ein Rätsel nicht zu entschlüsseln, sondern zu feiern. Das Geheimnis der Erlösung, wie es im Gottesdienst erfahren werden kann, ist der Abstieg Gottes in die Welt (»Katabasis«), der Aufstieg des menschlichen Herzens zu Gott (»Anabasis«) und der Durchgang der Welt von der jetzigen Zweideutigkeit zur Vollendung (»Diabasis«). Um weniger geht es nicht in der Liturgie – also um alles.

Drittens: Für den Katholiken gehört die Predigt zwar zum Gottesdienst – aber sie gehört dennoch nicht so recht zur Liturgie. Die offiziellen Dokumente sprechen seit der Konzilskonstitution »Sacrosanctum Concilium« des 2. Vatikanums von 1963 zwar vom Zusammenhang von Predigt und Mahl, aber die Empfindung ist bisweilen eben doch eine andere. Ein konservativer Liturgietheoretiker, der katholische Schriftsteller Martin Mosebach, schrieb darum vor einigen Jahren: »Die Predigt zerreißt das Kleid der Liturgie. Auch wenn man es nicht so scharf ausdrücken möchte: Die Predigt steht in der katholischen Messe immer in der zweiten Reihe. Sie dient dazu, den Zugang zu dem Geheimnis zu bahnen bzw. die ethisch-moralischen Konsequenzen des Geheimnisses zu erläutern und einzuschärfen. Sie ist der Weg zum oder vom Mysterium. Aber die Predigt selbst ist nicht Mysterium. Christus selbst spricht im Geschehen am Altar und in den Lesungen, nicht aber in der Predigt. Denn zu einer derartigen Aussage konnte sich auch das 2. Vatikanum nicht durchringen. Nach »Sacrosanctum Concilium« von 1963 sind Liturgie und Predigt weiterhin deutlich zu unterscheiden.

Viertens ist der katholische Priester damit Geheimnisträger. Er ist nicht vor allem Prediger. Er ist Gleichnis des Mysteriums, Gleichnis der Menschwerdung des Göttlichen und der Transformation des Menschlichen. In einer eher missverständlichen Formulierung heißt es in den katholischen Dokumenten, der Priester handele »in persona Christi«. Das kann hierarchisch und autoritär aufgefasst werden, als ob der Priester mit einer Gloriole versehen werden solle, die man psychologisch kaum (er)tragen kann. Das hätte in der Tat etwas Neurotisierendes für den Amtsträger wie für die Gemeinde. Und doch: Richtig an dieser Sicht ist – auch aus protestantischer Sicht –, dass der Pfarrer kein Volksredner, Conférencier oder Alleinunterhalter ist, sondern der Sachwalter und das lebendige Zeichen des die Welt durchdringenden Geheimnisses Jesu.

Protestantisch wird man diese Charakterisierung auch auf die Predigt ausdehnen. Der Prediger steht und steht ein für dieses Geheimnis: Die Lebensgeschichte Jesu, meine Lebensgeschichte und die Geschichte Gottes sind – wenn auch in verborgener Weise – miteinander verbunden. Diesen Zusammenhang deutlich zu machen, das ist die Aufgabe der am Gottesdienst Beteiligten, also auch des Predigers.

Mit dem Einstehen für das Geheimnis befindet sich der Prediger nicht über oder neben der Gemeinde. Im Gegenteil verhält er sich nur so, wie es nach Paulus allen Christen aufgegeben ist: »Dafür halte uns jedermann: für Diener Christi und Haushalter über Gottes Geheimnisse.« (1 Korinther 4,1)

Michael Meyer-Blanck

Der Autor ist Professor für Religionspädagogik an der Universität Bonn.