Mit Zeichen und Gebärden zum Verstehen

13. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Gebärdenkultur ist ausdrucksstark, tiefgründig und humorvoll. Auf jeden Fall zählt der Stolz auf die eigene Sprache dazu. Denn das Selbstbewusstsein wächst, wenn man sich in seiner Sprache mitteilen und anderen helfen kann.

Visuelle Diskussion: Deutsche und norwegische Teilnehmer des Sommercamps verständigen sich in Gebärdensprache. Foto: privat

Visuelle Diskussion: Deutsche und norwegische Teilnehmer des Sommercamps verständigen sich in Gebärdensprache. Foto: privat

An die 50 Jugendliche aus Deutschland und Norwegen entdeckten im August in Strandheim am Oslofjord verschiedene Ausdrucksformen von Gebärdenkultur: Poesie, Theater, Lieder und vieles mehr. Visuell wurde diskutiert, gelernt und geübt. Nicht überall wird Gebärdensprache gefördert. Und nicht überall haben Gehörlose Möglichkeiten, ihre Sprache zu entwickeln. Deshalb waren die Voraussetzungen bei den Teilnehmenden teilweise sehr unterschiedlich. Doch gemeinsam haben es alle geschafft und jede und jeder konnte abends seine Fähigkeiten auf einer Bühne unter Beweis stellen.

Zudem gab es viele Freizeitaktivitäten – von Fußballspielen bis zu Wikingerschach, Schwimmen oder Klettern, von Kajak- und Kanufahren bis zur Schifffahrt auf dem Oslofjord. Dabei galt stets: gemeinsam statt einsam. Mehr als ein Drittel der deutschen Teilnehmer kam aus Mitteldeutschland: Von Hildburghausen über Triptis, Zwickau und Leipzig bis nach Dres-
den.

Helfen ist ein wichtiger Teil von Gehörlosen- und Gebärdenkultur. Dies gilt nicht nur für Hilfe untereinander, sondern auch gegenüber anderen Menschen. Deshalb wurde ein Erste-Hilfe-Kurs angeboten, um dann als Ersthelfer mutiger zu sein und etwa einen Krankenwagen rufen zu können. Auch wenn die technischen Systeme (Apps auf dem Handy oder dreimal Power-Taste drücken auf dem Smartphone ab Android 5) in Deutschland und Norwegen unterschiedlich entwickelt sind.

Weltweit gibt es mehr als einhundert verschiedene Gebärdensprachen. Spannend war daher die Begegnung über die Grenze verschiedener Sprachen hinweg. Nur wenn es unbedingt notwendig war, wurde gedolmetscht. Für viele Teilnehmer war es die erste Gelegenheit, mit Benutzern einer anderen Gebärdensprache zu kommunizieren. Die meisten haben dabei ihre Liebe zur eigenen Gebärdensprache ganz neu entdeckt.

Die Jugendbegegnung wurde von der norwegischen Gehörlosenkirche, der »Døvekirken«, in Zusammenarbeit mit der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Evangelische Gehörlosenseelsorge organisiert und durch das EU-Programm »Erasmus-Plus« gefördert. Das Wichtigste an der Woche war, dass die Jugendlichen über sich selbst hinauswuchsen und mit Stolz auf ihre Leistungen wieder nach Hause reisten. Die Hoffnung aller Beteiligten ist es deshalb, dass im August 2017 eine weitere Jugendbegegnung, dann in Eisenach, möglich wird.

Michael Hoffmann und Andreas Konrath

Michael Hoffmann ist Pfarrer der norwegischen Døvekirken, Andreas Konrath ist Landesgehörlosenpfarrer der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

Ein Land findet zur Normalität

12. August 2015 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Norwegen: Vor vier Jahren tötete ein rechtsradikaler Terrorist 77 Menschen

Es war ein Schock für das als friedlich bekannte Norwegen: Ein rechtsgerichteter Fanatiker ließ in Oslo eine Autobombe detonieren, wenig später verübte er auf der Ferieninsel Utøya ein Massaker unter Jugendlichen. Auch vier Jahre später gibt es noch offene Wunden.

Gerade habe ich von meinem Flugzeugfenster aus die Insel Utøya gesehen. Die grüne Insel im Blau des Sees Tyrifjorden bietet ein friedliches Bild. Vor vier Jahren sah dies anders aus. Nach seinem Bombenschlag in Oslo am 22. Juli 2011 ermordete der Rechtsterrorist Anders Behring Breivik dort 69 Jugendliche während ihres jährlichen Sommertreffens der Jugendorganisation der norwegischen Sozialdemokraten.

Der heutige Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg legte am 22. Juli Blumen zum Gedenken an die Opfer des Massakers auf Utøya ab. Der ehemalige Ministerpräsident war zur Zeit des Anschlages Vorsitzender der Sozialdemokraten Norwegens. Foto: picture alliance/Frederik Varfjell

Der heutige Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg legte am 22. Juli Blumen zum Gedenken an die Opfer des Massakers auf Utøya ab. Der ehemalige Ministerpräsident war zur Zeit des Anschlages Vorsitzender der Sozialdemokraten Norwegens. Foto: picture alliance/Frederik Varfjell

Manches ist seitdem geschehen, anderes nicht. Ein geplantes Monument zur Erinnerung an den Terror, das in einer nahe gelegenen Bucht errichtet werden sollte, wurde bis heute nicht begonnen, da sich die Anwohner dagegen wehren. Es ist ihnen zu viel Verkehr und zu viel Aufmerksamkeit. Manche von ihnen haben damals selbst unter Einsatz ihres Lebens Überlebende gerettet und sind noch immer traumatisiert.

An die damals Getöteten wird allerdings trotzdem erinnert. In den Heimatorten der Opfer stehen Gedächtnisstelen. Auch auf Utøya selbst gibt es einen Ort des Gedenkens: Ein Stahlring wurde an der höchsten Stelle der Insel installiert. Er hat einen Durchmesser von vier Metern und trägt eingraviert die Namen aller Opfer.

Am 22. Juli waren die Gedenkfeierlichkeiten auf Utøya. Doch im August wollen die jungen Sozialdemokraten die Insel wieder in Besitz nehmen. Es wird ein Rekord von fast 1 000 Teilnehmern erwartet. Eskil Pedersen, der damalige Vorsitzende der Jugendpartei, wird dabei sein, auch wenn er sich inzwischen aus der Politik zurückgezogen hat. Ebenfalls wird als Gast die ehemalige Ministerpräsidentin und WHO-Vorsitzende Gro Harlem Brundtland erwartet. Sie wollte der Terrorist auf Utøya eigentlich auch töten. Nur weil sie kurz vorher die Insel verlies, blieb sie unversehrt.

Breivik sitzt inzwischen als Hochsicherheitsgefangener im Gefängnis in Skien und klagt über seine Haftverhältnisse. Ein Fernstudium der Politikwissenschaften an der Universität Oslo wurde ihm genehmigt, auch wenn er es wohl nicht vollenden können wird. Für einige Prüfungen ist nämlich persönliches Erscheinen unabdingbar, und dies wird für den Massenmörder auf absehbare Zeit nicht möglich sein. Doch es fehlt ihm auch so nicht an Grund zu klagen: Er hat nur minimalen Kontakt zu Mitgefangenen, und eine »rechte Gefängnisakademie« wird wohl nicht möglich sein. Auch seine unzähligen Briefe an verschiedene Medien, Organisationen und Privatpersonen werden entweder zensiert oder gänzlich zurückgehalten. Er fühle sich »lebendig begraben«, sagt Breivik.

Sein neuer Anwalt Øystein Storrvik hat deswegen in Breiviks Namen gegen das Gefängnis und den norwegischen Staat wegen »Verletzung der Menschenrechte« geklagt. Sein alter Verteidiger Geir Lippestad war dazu nicht bereit gewesen. Er wurde aus diesem Grund von Breivik entlassen. Wirklich undankbar war Lippestad dafür nicht, zumal er inzwischen als sozialdemokratischer Kandidat für das Amt des Bürgermeisters in Oslo bei den Kommunalwahlen im Herbst im Gespräch war.

Beim Jugendtreffen auf Utøya, das vor vier Jahren durch einen falschen Polizisten zum Massaker wurde, wird es diesmal echte Polizeikontrollen geben. Und die Polizei wird dabei im Gegensatz zu früher bewaffnet sein. Denn obwohl das norwegische Parlament erst im Juni erneut beschlossen hat, dass die Polizei des Landes auch in Zukunft grundsätzlich unbewaffnet sein soll, hat der Justizminister die Ausnahmegenehmigung zur allgemeinen Bewaffnung, die schon fast ein Jahr gilt, erst vor Kurzem bis zum 21. August verlängert. Sicherer fühlen sich die Menschen deswegen allerdings nicht. Sorgen machen ihnen weniger der Terror als beispielsweise Diebesbanden, die in der Ferienzeit generalstabsmäßig Winterräder aus unverschlossenen Garagen stehlen. Während früher fast alle norwegischen Häuser unverschlossen waren, schließt man heute meist hinter sich ab.

Wenn ich am 9. August von einem Jugendaustausch mit gehörlosen Jugendlichen in Deutschland zurückkehre, werde ich sicher am Flughafen in Oslo auf Jugendliche stoßen, die vom Treffen auf Utøya wieder nach Hause reisen. Ich werde mich freuen, denn wieder ist nach dem Schock vom 22. Juli 2011 ein Stück norwegische Normalität zurückgekehrt.

Michael Hoffmann

Der Autor stammt aus Sachsen und ist Gehörlosenpfarrer in Norwegen.

Norwegen: App für Konfirmanden

12. März 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Wie lernen gehörlose Konfirmanden das Vaterunser, das Glaubensbekenntnis, die Zehn Gebote, Johannes 3,16 oder den Missionsbefehl? Natürlich in ihrer Muttersprache, der norwegischen Gebärdensprache, norsk teiknspråk (NTS). Die Gebärdensprache ist seit 2008 als eigenständige norwegische Minoritätssprache anerkannt. 25 000 benutzen diese täglich. Nur 5 000 von ihnen sind gehörlos oder schwerhörig, doch auch Eltern, Geschwister, Kinder sowie Lehrer oder Dolmetscher benutzten die Sprache. Sie hat damit mehr Benutzer als die drei in Norwegen verbreiteten samischen Sprachen zusammen.

Michael Hoffmann stammt aus Sachsen und  ist Pfarrer in Norwegen.

Michael Hoffmann stammt aus Sachsen und ist Pfarrer in Norwegen.

Etwa 80 Prozent davon sind Mitglied der norwegischen Volkskirche. Diese schließt auch einen eigenen landesweiten Kirchenkreis für die Gehörlosen ein. Diese nennen sich selbst stolz »Døve«, »Taube«. Ähnlich wie der reformierte Kirchenkreis in der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands ist dieser Kirchenkreis des Bistums Oslo überregional und für das ganze Land von Alta bis Kristiansand und von Bergen bis Oslo zuständig. Die Mitglieder der Taubenkirche »Døvekirken« sind gleichzeitig Mitglieder der lokalen Gemeinden. Doch da das Mitgliedsregister der norwegischen Kirche ein solches System nicht hantieren kann, sind nur zehn Prozent der Tauben tatsächlich als Mitglieder der Taubenkirche registriert. Diese versucht ihren Mitgliedern, den registrierten und unregistrierten in acht eigenen Gemeinden sowie durch reisende Mitarbeiter im ganzen Land ein vollwertiges kirchliches Angebot anzubieten. Gottesdienste, Beerdigungen, Hochzeiten und Taufen gehören dabei ebenso dazu wie kirchlicher Unterricht. Alles aber auf Gebärdensprache. Jedes Land hat dabei seine eigene Gebärdensprache, doch allen ist gemeinsam, dass sie keine eigene Schriftsprache haben. Lautsprachen haben mit der Stimme einen Artikulator, Gebärdensprachen hingegen haben mehrere gleichzeitig: die Hände, das Gesicht, die Augen, den Mund und den Oberkörper. Die Veränderung eines davon kann den Inhalt eines gebärdensprachlichen Ausdrucks vollkommen verändern. Deshalb ist bisher auch jeder Versuch einer eigenen Schriftsprache gescheitert. Die norwegische wie die deutsche Schriftsprache geben aber nur die jeweilige Lautsprache wider. Wie also sollen taube Konfirmanden ihr Vaterunser lernen? Für sie war die Antwort eindeutig: Mit einer App! Diese Herausforderung nahmen der Propst und seine Mitarbeiter ernst und nun ist eine App mit dem Namen »Konfirmanttekster« für Android Handys verfügbar. Bald soll auch eine Version für Iphones folgen. Die App ist übrigens über den im Play-Store auch in Deutschland kostenlos verfügbar.

Michael Hoffmann

»Wie ein Kriegsgebiet«

4. Februar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Norwegen: Die Katastrophe von Lærdal – von der Welt kaum beachtet, zerstörten Flammen ein Kleinod

In der Nacht zum 19. Januar zerstörte eine Feuersbrunst weite Teile des kleinen Ortes Lærdal an einem Seitenarm des Sognefjords. Die Ereignisse wecken zugleich Erinnerungen an 1904.

Nicht viel ist von dem schmucken kleinen Städtchen Lærdal übrig geblieben. Norwegens Königin Sonja sagte nach einem Besuch in der Gemeinde, es sähe aus »wie ein Kriegsgebiet«. Dabei war der Ort an den imposanten Fjorden zwischen Ålesund und Bergen ein Idyll aus traditionellen Holzhäusern. Viele davon waren denkmalgeschützt, die Gemeinde bei Touristen entsprechend bekannt und beliebt.

Doch am Morgen des 19. Januar 2014 wurde sichtbar, dass der nächtlichen Feuersbrunst 40 Gebäude völlig zum Opfer gefallen und viele andere abrissreif sind. Fast 100 Menschen wurden mit Rauchgas- und Brandverletzungen in Krankenhäuser eingeliefert. Viele mussten mit ansehen, wie all ihr Hab und Gut und ihre Erinnerungen verbrannten. Dabei grenzt es an ein Wunder, dass keine Toten zu beklagen sind. Und auch die 1868 aus Holz erbaute »Hauge Kirke« hat das Inferno in unmittelbarer Nähe zum Flammenmeer unbeschädigt überstanden.

Verkohltes Holz und rauchende Trümmer blieben vom Zentrum der schmucken norwegischen Fjord-Ortschaft Lærdal. Viele der Holzhäuser standen unter Denkmalschutz. Foto: picture alliance/Marit Hommedal

Verkohltes Holz und rauchende Trümmer blieben vom Zentrum der schmucken norwegischen Fjord-Ortschaft Lærdal. Viele der Holzhäuser standen unter Denkmalschutz. Foto: picture alliance/Marit Hommedal

Vielen Menschen wird dabei wieder einmal bewusst, wie ohnmächtig sie den Naturgewalten und Unglücksfällen gegenüberstehen: ein kleiner Brand in einem einzelnen Haus, trockene Kälte und dazu ein Wind, der die Funken wie eine Brandfackel von einem Haus zum nächsten trieb. So wurde ein Brand entfacht, den die Feuerwehren nicht mehr kontrollieren konnten und der ihre Stadt in Schutt und Asche legte.

Nun besuchen Königshaus und Regierung den Ort des Geschehens. Dabei werden Erinnerungen wach: Fast genau vor 110 Jahren, am 23. Januar 1904, brannte nur wenige Kilometer weiter nördlich die Stadt Ålesund fast vollständig nieder. Auch damals war es der Wind, der den Brand erst vorantrieb und dann immer und immer wieder entfachte. Die Bürger Ålesunds bekamen damals nach der Katastrophe unerwartet schnelle Hilfe aus Deutschland: Kaiser Wilhelm II., großer Norwegenliebhaber, der oft im nahe gelegenen Hjørundfjord Urlaub machte, hörte von der Katastrophe und handelte spontan.

Vier Schiffe, die Baumaterial in die deutschen Kolonien transportieren sollten, wurden umgehend nach Norwegen umgeleitet. Finanziert aus dem Privatvermögen des Hohenzollern. Schon am 26. Januar, keine drei Tage nach dem Brand, konnten die kombinierten Fracht- und Passagierdampfer »Weimar« und »Prinz Heinrich« in den Fjorden bei Ålesund die Anker fallen lassen. An Bord hatten sie auch medizinische Ausrüstungen sowie dringend benötigte Lebensmittel. Der Wiederaufbau konnte umgehend beginnen, und die Schiffe selbst dienten vorübergehend sogar als winterliche Notquartiere für die Bevölkerung.

Heute ist das Zentrum von Ålesund, in dem alle Häuser nun aus Stein gebaut werden mussten, als eine Perle des damals herrschenden Jugendstils bekannt. Auch wenn der deutsche Kaiser nicht der Einzige war, der half, so hat sein Ruhm in den Fjorden doch seine politische Karriere und die deutschen Kolonien um vieles überdauert. Noch heute steht sein Standbild in Ålesund und eine Hauptstraße trägt seinen Namen, ebenso wie ein Ausflugsdampfer in der Bucht. Sogar eines der Fenster der Hauptkirche zeigt bis zum heutigen Tag das preußische Wappen. Deutsch hat in und um Ålesund nicht nur den Klang der Besatzer des 2. Weltkriegs, sondern eben auch des Retters der Stadt von 1904.

Ein ähnlicher Retter ist 110 Jahre später für Lærdal nicht in Sicht. Heute hat Norwegen das Geld und die Ressourcen, sich selbst und dem Städtchen im Sognefjord zu helfen. Doch es wird Zeit brauchen, bis die Häuser wieder stehen. Und bis vor allem nicht nur die äußeren Wunden verheilt sind. Für viele, die alle Erinnerungstücke verloren haben, ist es umso mehr ein Trost, dass zumindest ihre Kirche noch steht.

Der Autor stammt aus Sachsen und ist Pfarrer in Norwegen.

Michael Hoffmann

Norwegen: Der Ärger um das »Kreuz auf den Hals«

10. Dezember 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Kors på halsen« – Kreuz auf den Hals, dieser Ausdruck bedeutet im Norwegischen die starke Bestätigung einer Wahrheit. Im Deutschen ist es vielleicht am ehesten mit »beim Leben meiner Großmutter« zu vergleichen. Das Kreuz auf den Hals ist das Gegensymbol zum Lügenkreuz, den gekreuzten Fingern hinter dem Rücken beim Schwur.

Michael Hoffmann stammt aus Sachsen und ist heute norwegischer Pfarrer.

Michael Hoffmann stammt aus Sachsen und ist heute norwegischer Pfarrer.

Doch ein Kreuz auf dem Hals kann einem auch jede Menge Probleme bescheren und eine Mediendebatte über viele Wochen hinweg auslösen, selbst wenn es mit Diamanten besetzt und kaum 1,4 cm groß ist. Ein solches Kreuz trug die Journalistin Kristin Sællmann im Herbst während einer Sendung des Staatsfernsehens NRK, bei dem sie die Lokalnachrichten für Südnorwegen moderiert.

Einige Zuschauer konzentrierten sich wohl mehr auf den Hals als auf die Lippen der Moderatorin und beschwerten sich über das kaum als solches zu erkennende Kreuz. Dies führte zu einem ernsthaften Gespräch zwischen der Leitung des Senders und der Journalistin. Danach wurde ihr und allen anderen Mitarbeitern noch einmal ausdrücklich das Tragen jeglicher religiöser Symbole während ihrer Arbeitszeit untersagt.

Kristin Sællmann selbst bezeichnet das Kreuz – ein Geschenk ihres Mannes – als ihr Lieblingsschmuckstück und möchte es auch als solches verstanden wissen. Sie ist praktizierende Christin, möchte es aber nicht als religiöse Botschaft verstehen. Eine solche könnte die Zuschauer an ihrer Neutralität als Journalistin und Nachrichtensprecherin zweifeln lassen. Als Schmuck und Geschenk ihres Mannes hingegen versteht sie es einfach als einen Teil ihrer Identität. Sie selbst hat die Anordnung ihrer Vorgesetzten akzeptiert und das kleine Kreuz wird in Zukunft wohl nicht wieder so schnell öffentlich an ihrem Hals erscheinen.

Vielen ihrer Zuschauer und Kollegen fällt es wesentlich schwerer, die Entscheidung der Verantwortlichen im Fernsehsender anzunehmen. Sie fragen sich, wie weit man im Namen der Neutralität in die Identität und Religionsfreiheit von Journalisten eingreifen darf, indem man jedes noch so kleine religiöse Symbol verbietet. Die Frage ist berechtigt, ob eine solche Haltung nicht Ausdruck eines falschen Verständnisses von Neutralität ist? Viele empfinden das Fehlen oder das Verbot solcher Symbole als Ausdruck einer Haltung, die Religion grundsätzlich ablehnt und einen öffentlich sanktionierten Atheismus propagiert.

Sicher sollte ein religiöses Symbol bei Journalisten nie so dominant sein, dass seine Botschaft den eigentlichen Nachrichten im Wege steht. Dennoch hat das kleine Kreuz am Hals eine wichtige Debatte angeschoben, die jetzt schon einige Wochen die Zeitungen beschäftigt und die hoffentlich zur weiteren Verbreitung zweier Einsichten führen wird: Glaube ist Teil der menschlichen Identität und auch das Fehlen religiöser Symbole ist ein Symbol.

Michael Hoffmann

»Es ordnet sich« – wirklich?

4. September 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Norwegen: Anders Behring Breivik ist kein kranker Mensch, sondern ein politisch motivierter Gewalttäter

Mit dem Schuldspruch des Gerichts wurde am 24. August der Prozess gegen den Massenmörder von Oslo und Utøya beendet. Doch abgeschlossen ist das nationale Trauma damit noch nicht.

Det ordnar seg« – »Es ordnet sich«. Diese Haltung trägt zum relativ entspannten Lebensgefühl der Norweger bei. Es begünstigt aber auch einen gewissen Schlendrian. Jedes Jahr im Sommer versinkt das Land in eine Art Sommerschlaf, wenn zuerst die eine Hälfte der Einwohner und dann die andere Hälfte Ferien machen. Innerhalb der achtwöchigen Schulferien wenigstens drei Wochen Urlaub machen zu dürfen, ist ein gesetzlich verbrieftes Recht. Es gilt für alle: Politiker, Pfarrer und auch die Polizei.

Uneinsichtig, verbohrt, provozierend: Anders Behring Breivik am Tage der Urteilsverkündung durch das Osloer Gericht. Foto: picture alliance

Uneinsichtig, verbohrt, provozierend: Anders Behring Breivik am Tage der Urteilsverkündung durch das Osloer Gericht. Foto: picture alliance

Deshalb war am 22. Juli 2011 auch im ganzen Land kein Polizeihubschrauber einsatzbereit und die Hälfte der Polizisten und der Regierung im Urlaub. Dies und die Haltung, dass schon nichts passieren wird, haben die Anschläge von Anders Behring Breivik überhaupt erst möglich gemacht. Zehn Jahre wurde diskutiert, die Straße in Oslo, in der Breivik den Transporter explodieren ließ, für den Verkehr zu sperren. Einen Monat nach der verheerenden Bombenexplosion sollte sie gesperrt werden.

Der Notruf nach der Explosion wurde erst einmal abgelegt, bevor er bearbeitet wurde. Verschiedene Polizeieinheiten konnten durch die Einführung des digitalen Polizeifunks nicht aktiviert werden und nicht miteinander kommunizieren. Durch diesen und andere Fehler dauerte es viel zu lange, bis der Terrorist, wie er nun meist in den Medien genannt wird, gestoppt werden konnte. Zu viele starben auf Utøya.
Dies bestätigt ein Bericht, der im Auftrag der Regierung am 13. August vorgelegt wurde. Es wurde dem Terroristen zu leicht gemacht. Trotzdem hat sich wenig verändert: Auch diesen Sommer war kein Polizeihelikopter einsatzbereit und auch dieses Jahr hätte es nicht genügend Personal gegeben, um in einer Krisensituation Polizeikontrollen an den Grenzen durchzuführen.

Doch Norwegen ist weiter ein offenes Land und vieles wird leichter und unbekümmerter gesehen als in Deutschland. Denn bei einem Wohlfahrtsstaat, einer Arbeitslosenquote von unter drei Prozent und einer wachsenden Bevölkerung gibt es kaum Grund für Zukunfts- oder Existenzängste. Vielleicht ist man manchmal dadurch aber auch zu sorglos und unbekümmert.

Die Taten des 22. Juli waren nicht die eines »armen Irren«. Sie waren ­politisch motivierte Gewalt eines ideologisch verblendeten Egomanen. Anders Behring Breivik wurde zur höchsten Strafe verurteilt: 21 Jahre Gefängnis und anschließende Sicherungsverwahrung. Eine höhere Strafe kennt Norwegen nicht. Der Unterschied von Sicherungsverwahrung und einer Gefängnisstrafe ist, dass die Verwahrung auch über 2032 hinaus verlängert werden kann, wenn er dann immer noch als gefährlich angesehen wird.

Sowohl die Angehörigen der Opfer als auch der Terrorist selbst wollten ­einen Schuldspruch. Für jeden der ­Toten wurde er einzeln verurteilt und will dagegen auch keine Berufung einlegen. Die Staatsanwaltschaft, die ihn gern als unzurechnungsfähig eingestuft hätte, hat noch bis zum 7. September die Möglichkeit dazu.

Was nun ansteht ist die Auseinandersetzung mit den Taten. Dieser wird man sich hoffentlich stellen und sich nicht darauf verlassen: »Es ordnet sich«. Es ist eben nicht die Tat eines ­Irren, sondern politisch motivierte Gewalt im sicheren und entspannten Norwegen. Die Konsequenz sollte nicht mehr Überwachung sein, sondern vielleicht nur etwas weniger ­Bequemlichkeit: Vielleicht brauchen wir dann mehr Polizisten auf den ­Wachen – auch in der Urlaubszeit?

Und vielleicht sollten wir uns als Christen mit seiner Ideologie auseinandersetzen? Viele seiner Ideen sind weiter verbreitet als man erwarten sollte. Wie können wir mit der Angst vor der Islamisierung Europas umgehen? Welches Bild zeichnen wir von Einwanderern? Radikalisieren sich Muslime gerade nicht dann, wenn sie sich mit ihrer Identität in der Gesellschaft nicht akzeptiert fühlen?
Das Wichtigste ist jedoch, die Tat nach dem Urteil nicht auf sich beruhen zu lassen. Viele mussten wegen einer Ideologie sterben. Das wird sich niemals ordnen. Ich für meinen Teil meine zumindest, dass die Norwe­gische Kirche mehr Kirche, mehr ­Gemeinschaft der Glaubenden und weniger norwegisch werden sollte.

Michael Hoffmann

Statt »Staatskirche« eine »Staatskirche light«

16. Juli 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Trotz einiger kritischer Anmerkungen, scheint die Norwegische Kirche den Demokratietest bestanden zu haben. Die Politiker waren bereit, ihr mehr Freiheit zu geben. Doch ist sie nun immer noch Staatskirche oder schon nicht mehr? Ist sie schon eine Volkskirche für die ganze Bevölkerung oder doch nur eine Kirche für das norwegische Volk? Einfacher ist es jedenfalls nicht geworden.

Michael ­Hoffmann ­berichtet für ­unsere Zeitung aus Norwegen.

Michael ­Hoffmann ­berichtet für ­unsere Zeitung aus Norwegen.

Bis zum 21. Mai 2012 war die Sache einfach: Norwegen war ein Königreich, der evangelisch-lutherische Glaube Staatsreligion, Die Norwegische Kirche eine Staatskirche und der König ihr weltliches Oberhaupt. Praktisch bedeutete dies, dass die Kirche Teil der Staatsverwaltung und keine eigene ­juristische Person war. Einen Glauben oder eine Weltanschauung zu haben, wird als ein menschliches Grundbedürfnis angesehen und mit der Norwegischen Kirche sichert der Staat eine Grundversorgung als staatliches Religionswesen bis auf die letzte Insel. So war es seit der per ­Dekret durchgeführten Reformation vor 500 Jahren. Seit 1999 entschied die Kirche auch selbst über alle Pfarrstellen. Nur Pröpste und Bischöfe wurden noch von der Regierung ernannt. Alle waren zufrieden, selbst die Muslime, die lieber in einem christlichen als in ­einem säkularen Staat leben. Alle? Nein, nicht alle!

Die organisierten Atheisten, die 1,6 Prozent der norwegischen Bevölkerung ausmachen und sich gern als Retter aller Nichtchristen aufspielen, konnten nicht mehr in einem christlichen Staat leben. In seltener Eintracht mit vielen Kirchenfunktionären, die endlich Herren im eigenen Haus sein wollten, gelang es ihnen, die Politiker zu überzeugen: Staatskirche und ein christlicher Staat sind nicht mehr zeitgemäß. Beides gehört abgeschafft. Doch geht dies nicht am Ziel vorbei? Die meisten Norweger sind mit ihrer Staatskirche zufrieden. Das Problem ist eher, dass es nur die ethnischen Norweger sind, die aufgrund von Einwanderung einen immer geringeren Teil der Bevölkerung ausmachen. Die Norwegische Kirche ist trotz einiger halbherziger Versuche vor allem eine Kirche fast nur für Norweger, und kaum gewillt dies zu ändern. Die Kirche soll die Tradition bewahren und Elemente aus anderen Kulturen werden da eher als störend empfunden. Für die meisten soll die Kirche da sein, wenn sie sie brauchen: zu Taufen, Beerdigungen, Konfirmationen, zur Wertevermittlung für die nächsten Generationen und als sicherer Hafen in Krisensituationen, wie im Sommer 2011. Ansonsten soll sie ihren Alltag so wenig wie möglich stören.

Seit dem 21. Mai ist nun alles anders. Das Grundgesetz ist geändert. Ich bin immer noch Staatsangestellter. Mein Staat hat keine Staatsreligion mehr, sondern nur eine Volkskirche. Diese ist immer noch keine eigene juristische Person, sondern weiter ein Teil der Staatsverwaltung. Aber die Kirche wählt nun auch ihre Pröpste und Bischöfe selbst.

Auch der König wird sich nach eigener Intervention weiter zum evangelisch-lutherischen Glauben bekennen müssen. Seine Bekenntnispflicht hatte man abschaffen wollen, ohne ihn selbst zu fragen. Dies ging Harald V. dann doch zu weit und entgegen allen Gepflogenheiten wagte er es, sich vorsichtig in die Politik seiner Regierung einzumischen.

Alles bleibt anders – statt »Staatskirche« eben »Staatskirche light«.
Michael Hoffmann