»Mut zur Brache« haben

22. Oktober 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Tagung: »Damit die Kirche im Dorf nicht alt aussieht« – in Halle diskutierten Fachleute über die Zukunft der Kirche auf dem Lande

Dörfer werden kleiner, ­Kirchen bleiben leer. Wie kann religiöses Leben und Lernen dennoch gelingen? Tagungsteilnehmer in Halle suchten Antworten.

Wir haben einen Problemvorsprung gegenüber Westdeutschland.« Spätestens mit diesem Satz war Michael Domsgen die Aufmerksamkeit des Publikums ­sicher. Der Dekan der Theologischen Fakultät der Universität Halle-Wittenberg führte am 9. Oktober in Halle in eine Tagung ein, deren Thema großes Interesse gefunden hatte. Es lautete »Damit die Kirche im Dorf nicht alt aussieht. Religiöse Bildung in der Peripherie« und widmete sich dem Land als Lernort des Glaubens mit dem Schwerpunkt auf Mitteldeutschland. Eingeladen hatte die Forschungsstelle »Religiöse Kommunikations- und Lernprozesse« der Fakultät. Wie unter den Bedingungen von Bevölkerungsschwund und Säkularisierung Angebote für den geringen Anteil Jugendlicher auf dem Land aussehen können, kam beispielhaft zur Sprache.

Eine Dorfkirche zieht um – ausgerechnet in die Stadt: Die Emmaus-Kirche des ehemaligen Heuersdorf fand ihren neuen Platz in der Kreisstadt Borna bei Leipzig. Sie musste 2007 allerdings einem Braunkohlentagebau weichen. Foto: picture alliance

Eine Dorfkirche zieht um – ausgerechnet in die Stadt: Die Emmaus-Kirche des ehemaligen Heuersdorf fand ihren neuen Platz in der Kreisstadt Borna bei Leipzig. Sie musste 2007 allerdings einem Braunkohlentagebau weichen. Foto: picture alliance

Michael Domsgen verwies zunächst auf den Bevölkerungsschwund und die Änderung der Alters- und ­Sozialstruktur durch die Abwanderung junger Menschen. »Sachsen-­Anhalt ist nur ein Hotspot dieser Entwicklung«, so der Theologieprofessor. Das Land habe auch die niedrigste Quote an Kirchenmitgliedern in Deutschland. »Diese Minorisierung wirkt sich auf dem Land noch stärker aus als in der Stadt«, umriss er die ­Problematik. »Kirche kann schnell alt aussehen, wenn sie sich nicht umstellt.«

Der Leipziger Theologieprofessor Frank Lütze hat Beispiele dafür gesucht, wie die Kirche jung bleiben kann, wenn der Ort alt wird. Eines hat er in der Weinberggemeinde Garitz bei Zerbst in der Landeskirche Anhalts – 600 Einwohner, ein Drittel Evangelische, vier Kirchen, fünf Dörfer – gefunden. Hier sind die Kirchen in das Dorfleben eingebunden: Dorffeste werden wieder mit Gottes-
diensten eröffnet, an denen viele konfessionslose Menschen teilnehmen. Einwohner aus den jeweiligen Orten gestalten Andachten.

Für Kinder und die 18 Jugendlichen der Weinberggemeinde allerdings gibt es Angebote überwiegend in der Stadt Zerbst, wo sie Grund- und weiterführende Schulen besuchen. Zeitlich schließen sie an das Ende des Schulunterrichts an, manchmal werden sie in Zusammenarbeit mit Schulen angeboten. Die kirchenmusikalische Arbeit hat dort Tradition. »Allerdings«, so Frank Lütze, »sind die Fahrten vom Dorf in die Stadt und zurück ein Problem.« Zudem konkurrierten kirchliche und profane Anbieter. »Und eine Bedrohung ist immer da: Wie lange läuft ein Angebot bei drei bis fünf ­Teilnehmern?«
In Gerbstedt im Mansfelder Land, einer Region, die sich seit 1990 wirtschaftlich nicht erholt hat, ist kirchliche Jugendarbeit ein Alleinstellungsmerkmal neben Sport und Jugendfeuerwehr. Teilweise leben nur noch sieben Prozent evangelische Christen in den kleinen Dörfern. Gottesdienste gibt es auf ­Bestellung, die Mehrzahl der Kirchengebäude sind stumme Zeugen.

In der Christenlehre und bei den Pfadfindern sind zur Hälfte konfes­sionslose Teilnehmer. Die Konfirmandenarbeit ist regional organisiert. Kernstücke kirchlicher Jugendarbeit, wie Junge Gemeinde, Jugendkreuzweg, »Church Night« und der klassische Konfirmandenunterricht, finden sich im benachbarten Hettstedt, wo es auch weiterführende Schulen gibt. Frank Lütze würdigte die Breite des kirchlichen Engagements in der Gemeinde Gerbstedt, schätzte aber angesichts der Situation in von Abwanderung geprägten Gebieten ein: »Gefragt ist eine Kirche, die bereit ist zu säen, ohne die Ernte einfahren zu können.«

Der Geograf und Theologe Karl Martin Born (Vechta) forderte in seinem Vortrag dazu auf, Kirche und ­Gemeindehaus als Ankerpunkt zu erhalten. Auch Gebäude seien identitätsstiftend. Gemeindeleben mit Kinder- und Jugendarbeit, Seelsorge und Angeboten für alte Menschen sei ein weicher Standortfaktor. Zudem warnte er vor der überall anzutreffenden »Kenngrößengetriebenheit« – in der Kirche die Zahl der Gemeindemitglieder je Pfarrer, die immer weiter erhöht wird. »Die Folgen solcher Entscheidungen werden nicht bedacht.«

Dass das Land und kirchliches Leben dort oft aus einem defizitären Blickwinkel wahrgenommen werden, hat der Praktische Theologe Gerald Kretzschmar (Mainz) festgestellt. »Aber: Das Land ist ein Lebensraum, für den sich viele Menschen bewusst entscheiden«, sagte er. Die Dorfkirche verweist auf die Geschichte, in ihr kreuzen sich die Wege der Bewohner. Kommuniziert wird durch Kasualien, die Gottesdienstkultur, durch Aufbau von Nähe und Teilhabemöglichkeiten, durch Orientierung auf bestimmte Themen.

Kretzschmar verwies in seinem Vortrag auf den Marburger Theologen Henning Luther (1947–1991). Der habe Kirche als fortlaufenden Kommunikationsprozess gesehen. Kirche in ihrer pluralen Verfasstheit und der Vielzahl religiöser Überzeugungen sei nicht etwas, wohin Menschen integriert werden müssten. »Wo sich religiöse Kommunikation zwischen Menschen ereignet, da ist – nach Ansicht Hennig Luthers – Kirche.«

In der abschließenden Diskussion wünschten sich Zuhörer eine neue wissenschaftliche Aufmerksamkeit für die sogenannte Peripherie. Es wurde die Sorge laut, dass von der Stadt aus die Dorfgemeinden lediglich »mitversorgt« würden. Und Pfarrer Steffen Weusten aus Gerbstedt rief dazu auf, zu aktiven Gemeindegliedern Vertrauen zu haben, sie machen zu lassen und es auszuhalten, dass in einem Dorf nichts passiert. Auch Ulrich Hahn, Vorsitzender der Weinberggemeinde Garitz, äußerte sich ähnlich. Er forderte, den »Mut zur Brache« zu haben, »damit Felder sich erholen können, damit dort wieder etwas wächst«.

Angela Stoye

Lesen ist »in«, aber die wenigsten tun es

18. März 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Vom 18. bis 21. März findet die Leipziger Buchmesse statt. Ihr besonderes Anliegen ist es, Jugendliche für Bücher zu begeistern. Wie junge Leute zum Lesen stehen, dazu ein Interview mit dem Religionspädagogen Prof. Michael Domsgen.

Michael Domsgen ist Professor für Evangelische Religionspädagogik und Direktor des Instituts für Systematische Theologie, Praktische Theologie und Religionswissenschaf an der Universität in Halle, Foto: privat.

Michael Domsgen ist Professor für Evangelische Religionspädagogik und Direktor des Instituts für Systematische Theologie, Praktische Theologie und Religionswissenschaf an der Universität in Halle, Foto: privat.

Herr Prof. Domsgen, die heutige Jugend, so heißt es immer wieder, liest keine Bücher mehr, sondern sitzt nur noch vorm Computer. Stimmt dieses Klischee?
Domsgen:
Das stimmt so nicht. Allerdings muss man sich die jeweiligen Altersgruppen genauer ansehen. 50 Prozent der 12-/13-Jährigen lesen täglich oder mehrmals in der Woche ein bis mehrere Bücher. Insofern kann man nicht sagen, sie lesen gar nicht mehr. Aber wenn die Kinder älter werden nimmt die Bedeutung von PC und Internet zu.

Doch auch dann lesen sie, zwar keine Bücher, aber die Beschäftigung mit dem Computer, das Surfen im Internet heißt auch Lesen …
Domsgen:
Junge Leute lesen im Internet sogar lange Texte im Gegensatz zu Älteren. Jugendliche haben weniger Ressentiments, einen Text am PC online zu lesen, während bei Älteren das klassische Buch einen Vertrauensvorschuss hat.
Der Computer hat eine große Erfolgsgeschichte geschrieben. Vor allem mit der Entwicklung des Internets. Die Zahl der Internetzugänge hat sich sehr erhöht. Hier sind es vor ­allem die Jungen, die besondere Affinitäten haben zum PC, mehr als Mädchen, vornehmlich auch zum Spiel. Spiele am PC haben für Jungen eine viel höhere ­Bedeutung als für Mädchen.

Mit solchen Fakten sehen allerdings die Chancen für das klassische Buch schlecht aus …
Domsgen:
Ja, wir haben auch das ­Problem, dass die Anzahl der Bücher pro Haushalt abgenommen hat.

Dabei steht Lesen hoch im Kurs. Das Angebot der Buchhandlungen ist unermesslich …
Domsgen:
Die »Stiftung Lesen« hat ­einen interessanten Befund erhoben. Sie sagt: Die Deutschen finden es sehr wichtig, Bücher zu lesen, sie tun es aber nicht. Der grundlegende Befund ist, ungefähr jeder Vierte in der Gesamtbevölkerung liest nicht.
Wenn wir nun über Kinder und Jugendliche reden, müssen wir fragen, wie sie sozialisiert sind? Also ist es zum Beispiel überhaupt noch »in«, ein Buch geschenkt zu bekommen? Die »Stiftung Lesen« ist zu dem Ergebnis gekommen, dass Kinder weniger Bücher geschenkt bekommen.

Dabei haben wir einen ganz interessanten geschlechtsspezifischen Befund: Mädchen bekommen häufiger Bücher geschenkt als Jungen. Damit deutet sich schon an, was dann später deutlich wird: Frauen lesen mehr als Männer.
Ein anderer wichtiger Punkt ist der Bildungsfaktor. Wir können ­relativ ­genau sagen, dass diejenigen, die die mittlere Reife oder das Abitur haben, mehr lesen als diejenigen, die den Hauptschulabschluss haben. Dasselbe gilt übrigens auch für die Sozialisation. Kinder, deren Eltern Hauptschulabschluss haben, lesen weniger und bekommen auch weniger Bücher geschenkt als Kinder, deren Eltern mittlere Reife oder Abitur haben.

Müssen die Fakten als ­gegeben hingenommen werden oder lässt sich das Medienverhalten verändern
Domsgen:
Wenn wir uns für die Kinder interessieren, müssen wir deren Familien in den Blick nehmen. Das heißt, wenn wir wollen, dass Kinder und Jugendliche mehr lesen, müssten wir versuchen, ihren Eltern das Lesen schmackhaft zu machen. Nur ist das schwierig, weil es keine Möglichkeit gibt, direkt in die Familien einzugreifen. So bleibt nur, ein anregendes Umfeld zu schaffen.
Ich denke, es wäre wichtig, dass in Kindergärten und Schulen mehr vorgelesen wird. Nicht nur unter dem Gesichtspunkt des verwertenden Lesens, weil bestimmte Aufgaben gelöst werden müssen, sondern weil Kinder Freude daran haben. Die meisten Kinder lassen sich gern etwas vorlesen. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass jemand, der sich gern etwas vorlesen lässt, später dann auch selber gern mal zum Buch greift.

Wenn sich das Interesse an Büchern so in Grenzen hält, was heißt das für den christlichen Glauben, der eine Buchreligion ist?
Domsgen:
Die Frage, wie wir die Leute allgemein zum Lesen motivieren können, ist schon eine schwierige Frage. Eine noch schwierigere ist die nach dem Lesen der Bibel.

Es ist ernst zu nehmen, wenn die Urkunde des christlichen Glaubens, die Bibel, nicht gelesen wird. Auf der anderen Seite ist das historisch gesehen kein neuer Befund. Die längste Zeit hat sich das Christentum eben nicht über das Lesen der Bibel tradiert, sondern über bestimmte Rituale, über Erzählungen, über Bilder. Bis zur Reformation konnten die meisten Leute gar nicht lesen, es fehlte ihnen die Zugangsvoraussetzung für das Lesen der Heiligen Schrift. Dieser Befund kann uns dazu verhelfen, die Entwicklung etwas gelassener zu betrachten. Trotzdem bleibt die Herausforderung, Zugänge zur Bibel zu eröffnen. Dabei stellen sich neue Aufgaben. Heute steht die Bibel in einer ungeahnten Konkurrenz. Bibeldidaktisch ist das schwierig aufzufangen. Wir haben natürlich spannende Geschichten in der Bibel, die wir auch erzählen wollen, aber die bekommen Konkurrenz durch den großen Medienmarkt. In dieser Situation kommt es umso mehr auf Menschen an, die die Bibel so ­erschließen können, dass die darin verdichteten Erfahrungen zur Sprache kommen können.

Welche Rolle kann hier der Reli­gionsunterricht spielen?
Domsgen:
Das Fach Religion hat eine nicht zu unterschätzende Bedeutung. Die meisten Kinder kennen biblische Geschichten aus dem Religionsunterricht. Allerdings stellen Lehrerinnen und Lehrer immer wieder fest, dass das Arbeiten mit der Bibel nicht ­einfach ist. Das hat verschiedene ­Ursachen. Mitunter liegt es an der ­Methodik.
Andererseits erschließt sich die Bedeutung biblischer Geschichten nicht immer unmittelbar. Es sind Erläuterungen nötig und vor allem ­werden Menschen gebraucht, die die Relevanz biblischer Geschichten für sich entdeckt haben und sie dementsprechend deutlich machen können. Dabei ist wichtig, dass die Bibel nicht nur als Text behandelt wird, sondern die dahinter stehende Erfahrung zur Sprache kommt. Entscheidend ist es, den Kindern und Jugendlichen zu der Einsicht zu verhelfen, dass die biblischen Geschichten etwas mit ihnen selbst und mit ihrem Leben zu tun ­haben. Die biblische Botschaft und das Leben der Kinder sind also wechselseitig zu erschließen.

Das Gespräch führte Sabine Kuschel.

Prof. Michael Domsgen ist auf der Leipziger Buchmesse Gast bei einer Podiumsdiskussion zum Thema »Religiosität und Medienverhalten junger Menschen« Zeit: Freitag 19. März, 17 Uhr; Ort: Halle 3, Stand A 200, Leseinsel Religion