Das Bauernopfer der Politik

7. Oktober 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Landwirtschaft: Große Agrargenossenschaften, industrielle Produktion – ein kritischer Blick auf den Niedergang der ländlichen Räume.
 
Begonnen hat er mit der ­Kollektivierung, seine Fortsetzung erfährt er bis heute: der Strukturwandel in der Landwirtschaft. Er hat weitreichende Folgen für die ländlichen Räume und die Ernährungssicherheit.
 
»Die Struktur einer Landwirtschaft ist ein Spiegelbild der politischen Verhältnisse.« Diesen Satz sprach der spätere Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, Tierarzt Berndt Seite, im Frühjahr 1989 bei einem kirchlichen Umweltseminar in Schwerin. Er verglich die Einfalt der DDR-Agrarstruktur mit der Einfalt der Politbürokratie im SED-Staat.<br />
Und heute?<br />
Die Landwirtschaftsstrukturen in den ostdeutschen Bundesländern spiegeln noch weitgehend die DDR-Verhältnisse wider. Es scheint an der Zeit, danach zu fragen, warum das so ist und welche Folgen das für das Land hat.<br />
(Foto: ddp images)

»Die Struktur einer Landwirtschaft ist ein Spiegelbild der politischen Verhältnisse.« Diesen Satz sprach der spätere Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, Tierarzt Berndt Seite, im Frühjahr 1989 bei einem kirchlichen Umweltseminar in Schwerin. Er verglich die Einfalt der DDR-Agrarstruktur mit der Einfalt der Politbürokratie im SED-Staat.
Und heute?
Die Landwirtschaftsstrukturen in den ostdeutschen Bundesländern spiegeln noch weitgehend die DDR-Verhältnisse wider. Es scheint an der Zeit, danach zu fragen, warum das so ist und welche Folgen das für das Land hat.
(Foto: ddp images)

Rund um das Erntedankfest geht unser Dank in zwei Richtungen: Zuerst an Gott, der alles wachsen lässt, was als Lebensmittel auf unseren Tisch kommt. In den Zeiten von Hochleistungszucht und Gentechnik muss man sich ja immer mal wieder bewusst machen, dass kein Lebe-
wesen durch den Menschen belebt und ­organisiert wird.

Der andere Teil unseres Dankes richtet sich an die Bauern, die in ­einer harten, aber erfüllenden Arbeit an der Erde die Gesamtbevölkerung ernähren.

Doch was heißt heute eigentlich noch Bauern?

Die mitteldeutschen Dörfer sind zwar durch schöne Bauernhöfe geprägt, aber Bauern im eigentlichen Sinne gibt es hier kaum noch.

Als die Vierseithöfe gebaut wurden, konnte eine Familie mit ein paar Angestellten auf und von einem solchen Hof und den dazugehörigen Äckern und Wiesen gut leben.

Die Mehrheit der ländlichen Bevölkerung arbeitete als Kleinunternehmer im selbst gestalteten Wohnumfeld. Solange das so war, gab es in den Dörfern auch noch Schmiede und Tischler, Läden und Gastwirtschaften, Schulen und Arztpraxen, Gemeinde- und Pfarrämter.

Heute ist davon kaum noch etwas übrig – weil die Bauernschaft als tragende Schicht des ländlichen Raumes nicht mehr existiert.

Die Wenigen, die immer noch auf ihrem eigenen Hof eine bäuerliche Wirtschaft führen, werden oft mitleidig belächelt.

Als »modern« gilt die industrielle Agrarproduktion, die im Osten Deutschlands meist durch die LPG-Nachfolgeunternehmen betrieben wird.

Aus welcher Geschichte ist die ostdeutsche Landwirtschaft eigentlich hervorgegangen?

Die historische Analyse zeigt, dass die Bodenreform von 1945/46 und die Kollektivierung von 1952 bis 1960 zusammengehörten und zwei Teile desselben Plans waren. Dieser Plan sah nichts anderes vor, als die komplette Liquidierung der selbstständigen Bauern als Klasse.

Die leninsche Strategie zur Umsetzung der marxistischen Klassenideologie bestand aus einem Zweischritt: Zuerst Enteignung und Vertreibung der Groß- und Mittelbauern zugunsten von Kleinbauern und dann die Kollektivierung, das heißt die faktische Enteignung des gesamten Bauernstandes mit dem Ziel seiner Proletarisierung – und der hierfür erforderlichen Konzentration und Industrialisierung der gesamten Landwirtschaft.

In der Sowjetunion und in China wurden beide Teile dieses Plans mit einer unglaublichen Brutalität umgesetzt. Die Vernichtung der Bauernhaushalte löste Hungersnöte aus, deren Opfer im 1998 erschienenen »Schwarzbuch des Kommunismus« mit insgesamt 30 bis 50 Millionen beziffert werden.

Auch wenn in der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR der Kampf gegen die Bauern nicht mit systematischen Erschießungen und Massendeportationen einherging – Bodenreform und Kollekti­vierung wurden in Ostdeutschland nach demselben Fahrplan umgesetzt, wie in der Sowjetunion.

Hier wie dort ging es um die ideologisch begründete Absicht, eine als »Klasse« definierte soziale Gruppe vollständig auszulöschen. Auch die Industrialisierung der DDR-Landwirtschaft seit Beginn der 1970er Jahre diente der Auslöschung des Bauernstandes. Mit der flächendeckenden Zerschlagung der selbstständigen Bauernwirtschaften war die Basis von nahezu allem vernichtet, was die gewachsenen Strukturen im ländlichen Raum – und damit die Identität der Menschen mit ihrer Heimat – geprägt hatte.

Neu- und Wiedereinrichter sind bis heute benachteiligt

Da es in der DDR keine Aussicht auf eine Existenz als selbstständiger Landwirt mehr gab, ergriffen die meisten Bauernsöhne und -töchter nichtlandwirtschaftliche Berufe.

Nach der Wende von 1989/90 gab es hier außer den LPG-Funktionären kaum noch jemanden, der in der Lage war, ein landwirtschaftliches Unternehmen selbstständig zu führen.

Noch schlimmer ist allerdings, dass bis heute die Wieder- und Neueinrichter in Ostdeutschland allen Grund dazu haben, über eine systematische Benachteiligung gegenüber den LPG-Nachfolgebetrieben zu klagen.

Obwohl kleinere Landwirtschaftsbetriebe mehr Arbeitskräfte je Fläche beschäftigen, begünstigt man mit den flächenbezogenen EU-Agrarsubventionen die Großbetriebe. Zudem führen die Flächensubventionen in Verbindung mit langfristigen (auch bei Eigenbedarf nicht kündbaren) Pachtverträgen zu einer faktischen Bodensperre.

Somit sind seit fast 20 Jahren neue landwirtschaftliche Unternehmensgründungen blockiert.

Im Gegensatz zu den historisch durch große Güter geprägten und ärmeren Regionen Nordostdeutschlands, dominierten in den mitteldeutschen Ländern bis vor 50 Jahren die leistungsstärkeren klein- und mittelbäuerlichen Bauernwirtschaften.

Hier war 1990 durchaus noch das Potenzial dafür vorhanden, ländliche Räume nach dem Vorbild der Schweiz wieder zu beleben.

Doch in der Landwirtschaftspolitik gab und gibt es in allen ostdeutschen Bundesländern eine ganz große Koalition von der PDS bis zur CDU, die nach dem agrarpolitischen Leitbild Kasachstan unsere ­Heimat nivelliert.

Was es bedeutet, die Ernährung der Gesamtbevölkerung von einer kleinen und privilegierten Minderheit abhängig zu machen, wird sich erst später zeigen.

Bei aller Unsicherheit von Zukunftsprognosen ist doch eines gewiss: Irgendwann zählt nicht mehr der Mehrwert an der Börse, sondern der Nährwert auf dem Teller.

Oder hat doch Oswald Spengler recht? Schon 1923 schrieb er in seinem Buch »Der Untergang des Abendlandes«, dass die allgemeine Verachtung des Bauernstandes und das Herabsinken der Regionen zugunsten weniger Metropolen ein Symptom von untergehenden Kulturepochen sei.

Schließlich hat unter dem ökonomischen Leitbild vom »Wachsen oder Weichen« auch der Westen Deutschlands seit 1960 eine Million Bauernhöfe und vier Millionen landwirtschaftliche Arbeitsplätze verloren. Was der Agrarwissenschaftler Hermann Priebe 1985 mit einem Satz auf den Punkt brachte, ist nicht nur im Blick auf die Vergangenheit relevant: »Die bäuerliche Familienwirtschaft war die soziale und wirtschaftliche Grundlage aller geschichtlichen Hochkulturen.«

Michael Beleites

Michael Beleites wurde 1964 in Halle geboren und gehörte zu dem Mitbegründern einer unabhängigen Umweltbewegung in der DDR. Von 1992 bis 1995 studierte er Landwirtschaft und amtierte unter anderem 2000 bis 2010 als Sächsischer Landesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen.

Für Sie gelesen: Wegbereiter der Wende

25. September 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Der Chefreporter der Leipziger Volkszeitung Thomas Mayer zeichnete »18 Porträts von Wegbereitern aus Leipzig«, die maßgeblich zum Erfolg der Friedlichen Revolution beigetragen haben.

eva_cover_9783374027125Er bezeichnet sie als »eher stille Helden, die mutig, jede, jeder auf seine Weise dazu beigetragen haben, dass im Herbst 1989 die SED-Diktatur ihr Ende fand«.

Nicht zu Unrecht steht an erster Stelle der Beitrag über den sächsischen Pfarrer Christoph Wonneberger: Auf seine Initiative hin sind die Friedensgebete ins Leben gerufen worden. Außerdem gründete er 1987 die kirchliche ­Arbeitsgruppe Menschenrechte, »was für damalige Zeiten auch ein mutiges Novum darstellte« schreibt Mayer und erwähnt die damit verbundenen Konflikte mit staatlichen und kirchlichen Stellen.

Auch die anderen im Buch vorgestellten Helden engagierten sich fast allesamt vor 1989 in Menschenrechts-, Friedens- oder Umweltgruppen und trugen zum erfolgreichen Gelingen der Friedlichen Revolution bei: so u. a. Jochen Läßig, der das Straßenmusikfestival organisierte, Gisela Kallenbach, eine engagierte Umweltschützerin, Thomas Rudolph, der heute im Leipziger Osten als Sozialarbeiter wirkt, Edgar Dusdal, einer der sieben Sprecher des Neuen Forums, der Theologe Friedel Fischer, der es ­bedauert, dass die Bürgerrechtler nach 1989 kein Programm hatten, »um den schnell die Szene bestimmenden (West)-Parteien etwas entgegensetzen zu können«.

In seinem Vorwort würdigt Michael Beleites, der Sächsische Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, diese Menschen wegen ihrer Zivilcourage, »die spontan und beherzt gehandelt haben« und zitiert den Naturschützer Reimar Gilsenbach, der angesichts der 1989er Revolution sagte: »Um in Umbruchsituationen überlebensfähig zu sein, braucht jede Population fünf Prozent Unangepasste.« Ein paar dieser unangepassten und engagierten »Helden der Friedlichen Revolution« hat Thomas Mayer dankenswerterweise noch einmal zu Wort kommen lassen.
Matthias Caffier

Mayer, Thomas: Helden der Friedlichen Revolution. 18 Porträts von Wegbereitern aus Leipzig. Evangelische Verlagsanstalt 2009, 160 S., ISBN 978-3-374-02712-5, 12,80 Euro