Der weiße Strich

18. August 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Ausstellung in Bautzen erzählt über eine Kunst- und Protestaktion an der Berliner Mauer.

Eine Fotografin hatte die Männer, die alle maskiert waren, am ersten Tag ihrer Malaktion begleitet. (Foto: Pressefoto)

Eine Fotografin hatte die Männer, die alle maskiert waren, am ersten Tag ihrer Malaktion begleitet. (Foto: Pressefoto)


Im November 1986 war die Mauer auf Westberliner Seite längst übersät mit Graffiti. Prominente Künstler wie der französische Maler Thierry Noir oder der US-Amerikaner Keith Haring hatten ihre Spuren auf dem sogenannten »antifaschistischen Schutzwall« hinterlassen und lockten damit Touristen an.

Die Grenzschützer der DDR, die auch für die Mauer auf der Westseite verantwortlich waren, reagierten darauf, wie die Politführung, kaum. Wohl auch, weil die Mauer so viel weniger auffiel, weil sie nicht mehr als die bei Nacht und Nebel gebaute Barriere wahrgenommen wurde, vermuten Historiker.

Hingegen war es ein weißer Strich, der die Oberen auf die Palme brachte.

Über diesen Strich – eine Kunst- und Protestaktion von fünf jungen Männern – erzählt nun eine Ausstellung in der Gedenkstätte Bautzen II. Im ehemaligen Stasiknast wird so an den Mauerbau vor 50 Jahren erinnert.

Zur Eröffnung in der vergangenen Woche berichteten drei der fünf damals Beteiligten, von der »spontanen und schlecht vorbereiteten Aktion«, wie Frank Schuster, einer der Akteure, heute einschätzt.

Fünf ostdeutsche Jungs waren sie. Jahrgang 1962 bis 1966. Alle unter dem Dach der Kirche in Weimar engagiert. Gesprüht haben sie gegen den DDR-Staat. Sie wurden bespitzelt, verhaftet, eingesperrt, bedroht. Und schließlich gingen Frank Willmann, Frank Schuster, Wolfram Hansch sowie Thomas und Jürgen Onißeit nacheinander nach Westberlin.

Dort war erstmal ­»alles so schön bunt«, erinnert sich Frank Willmann, der heute als freier Autor in Berlin lebt und die Ausstellung in der Bautzener Gedenkstätte mitgestaltet hat.

Doch bald wuchs ­Ärger über die schöne bunte, schön verdrängte, schön zur Gewohnheit gewordene Mauer.

Und die Männer entschieden: Wir machen etwas. Ohne Kommentar.

Ein weißer Strich mit billiger Farbe aus dem Baumarkt auf 178 Kilometern, gezogen in zwei Wochen.

Weit kamen sie nicht in jenem November 1986.

Am zweiten Tag tauchten plötzlich DDR-Grenzsoldaten aus einer Tür in der Mauer auf, schnappten sich Wolfram Hansch und verschwanden mit ihm in den Osten.

Trotz aller Proteste, trotz großer Medienresonanz wurde der Krankenpfleger, damals 23 Jahre jung, zu einem Jahr und sechs Monaten Haft verurteilt. Acht Monate musste er absitzen – in Bautzen, in jener Stasihaftanstalt, die traurige Berühmtheit erlangt hat, wegen all der politisch Gefangenen, die hier aus teilweise nichtigen Gründen einsaßen.

Die Kunstaktion an der Mauer war mit der Festnahme beendet.

Die Ausstellung »Mauer Punks und Haft in Bautzen«, die in der Garage der Ex-Haftanstalt auf drei schlichten Holztischen aufgebaut ist, schlägt ­einen weiten Bogen.

Erzählt von den jungen Protestlern aus Weimar, von DDR-Repressionen, öffnet Gerichtsakten und Geheimreports. Sie macht in Tondokumenten Radioberichte von 1986 über den Fall nachhörbar. Und zeigt auf Fotos junge Männer mit strubbligem Haar, deren Leben durch den DDR-Repressions-Alltag und die Haft des Freundes grundlegend verändert wurde. Auch von der Malaktion selbst sind Bilder geblieben. Eine heute unbekannte Fotografin hatte die Männer, die alle maskiert waren, an ihrem ersten Tag begleitet.

Mehr als 20 Jahre später gab es für die Beteiligten dann noch einmal einen Schock.

Jürgen Onißeit, ältester der Fünfergruppe, Bruder von Thomas und Ideen-Geber der Malaktion, hatte vor der Ausreise in den Westen für die Stasi gespitzelt. Bei der Arbeit an der Ausstellung kam das ans Licht. »Wir haben versucht, mit ihm darüber zu reden. Aber er wollte nicht«, erzählen die Männer.

Nun gibt es keinen Kontakt mehr zu ihm. Doch die anderen habe das wieder neu und noch mehr zusammengeschweißt.

Irmela Hennig

Die Ausstellung ist bis 31. Oktober montags bis donnerstags von 10 bis 16 Uhr, freitags von 10 bis 20 Uhr, sonnabends und sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Zur Kunstaktion ist außerdem ein Buch mit dem Titel »Mauer, Punks und Haft in Bautzen« erschienen.