Das schwere Erbe des Terrors

9. April 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Katyn: 70 Jahre nach dem Massaker ist eine polnisch-russische Annäherung in Sicht

Bis heute vergiftet der Umgang mit dem Stalinterror gegen polnische Offiziere und Intellektuelle die Beziehungen zwischen Polen und Russland.

Müde, aber dennoch stolz: Andrzej Skapski kämpft als Vorsitzender der »Katyner Familien« für die geschichtliche Wahrheit. Foto: Jens Mattern

Müde, aber dennoch stolz: Andrzej Skapski kämpft als Vorsitzender der »Katyner Familien« für die geschichtliche Wahrheit. Foto: Jens Mattern

Katyn«, sagt Andrzej Skapski, ein Mann mit buschigen Augenbrauen und einem müden wie stolzen Zug im Gesicht, »wenn der ­Katyn-Fall nicht in Ordnung gebracht wird, dann wird jedes andere russisch-polnische Projekt weiterhin belastet sein.«
Skapski ist Vorsitzender der »Katyner Familien«, einer Organisation von Polen, deren Väter 1940 im Wald bei der westrussischen Stadt Katyn und anderen Orten in der ehemaligen Sowjetunion vom Geheimdienst NKWD hingerichtet wurden. Nun verbindet der Hinterbliebene Hoffnungen mit dem 7. April: dann sollten (nach Redaktionsschluss dieser Zeitung) erstmals ein russischer und ein polnischer Staatschef, die Ministerprä­sidenten Donald Tusk und Wladimir ­Putin, auf dem Katyner Gräberfeld zusammenkommen.

Der pensionierte Ingenieur empfängt in seiner Krakauer Altbauwohnung, das gleichzeitig sein Büro ist. Ein Familienbesitz, mit Ölbildern, Biedermeier-Sofa, riesigen Spiegeln und hohen Wänden. Hier knarrten schon die Schritte Boleslaw Skapskis über die Dielen. An ihn, seinen Vater, einen Staatsanwalt im Justizministerium, kann sich Andrzej Skapski nicht mehr erinnern; zu Kriegsbeginn war er gerade zwei Jahre alt. Der Staatsbedienstete war vor der heranrückenden deutschen Front nach Osten geflohen. Doch dort wurde er von der Roten Armee verhaftet, die drei große Lager für die Elite Polens errichtete.

Propaganda auf dem Rücken der Hinterbliebenen
Der NKWD-Chef Laerentij Pawlowitsch Berija charakterisierte die Inhaftierten nach Verhören als »harte und unbelehrbare Feinde der Sowjetunion«, das Politkommissariat entschied auf Erschießen ohne Gerichtsurteil. Die Sowjets benutzten zur Vertuschung deutsche Munition und als Berlin am 13. April 1943 das Verbrechen mit großem Propaganda-Aufwand bekannt machte, kam zwei Tage später aus Moskau eine Gegendarstellung: die Deutschen selbst hätten das Verbrechen begangen. Dies war dann bis zur Wende die offiziell vorgeschriebene Version im Ostblock, »belegt« von einer durch die Sowjets einberufenen Ärztekommission.

»Von uns Hinterbliebenen glaubte das niemand«, meint Skapski. Doch das war gefährlich. Denn Katyn strafte die Version von einer totalen Opposition zwischen Nationalsozialismus und Kommunismus Lügen – und wurde so für Stalin bis zum Lebensende zur Obsession. Darum wurden Katyn-Angehörige im jungen kommunistischen Polen schikaniert. Viele mussten in den Uran- und Kohlegruben schuften. Bis zur Tauwetterzeit (1956) nach Stalins Tod verwehrte ihnen der polnische Staat höhere Bildung.
Mit Beginn der Solidarnosc-Bewegung in Polen nahm der Druck zu, die wahren Täter zu benennen. Doch erst zur 50. Jährung des Verbrechens, im April 1990, bekannte Gorbatschow dass die Täter »stalinistisch« waren.

Nach einer polnisch-russischen Eiszeit verkündete Putin im September vergangenen Jahres, er werde alle Archiv-Unterlagen zu Katyn veröffentlichen. »Ein solcher Schritt nach vorn wäre zu begrüßen«, meint Skapski. »Und eine Entschuldigung die nicht politisch erzwungen ist.«

Zu politischen Fragen will er sich auch nicht äußern, die Hinterbliebenen-Organisation sei apolitisch. Dafür ist
eine »russisch-polnische Kommission für schwierige Angelegenheiten« zuständig, die zurzeit versucht, ein gemeinsames Papier vorzubereiten, das dann am 7. April in Katyn verlesen werden sollte. Parallel dazu suchen auch die beiden Kirchen die Versöhnung: Vertreter der Katholischen Kirche aus Polen und der Orthodoxen aus Russland wollen ­gemeinsam auf dem Gräberfeld beten. Auch hier arbeiten die Kirchen an einer gemeinsamen Erklärung.

Wenn auch in Russland immer wieder »Experten« laut werden, die »Beweise« für eine deutsche Täterschaft aufführen, so scheint die russische Führung die Annäherung wirklich zu wollen: Der drastische Spielfilm »Das Massaker von Katyn« (siehe Filmtipp) soll demnächst zur besten Sendezeit im russischen Staatsfernsehen laufen. Gedreht hat ihn der polnische Regisseur Andrzej Wajda, auch er verlor seinen Vater in jenem Wald durch Genickschuss.

Jens Mattern

Weder Dschihad noch Kreuzzug

19. März 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Nigeria: Der Grund für die Massaker ist eine fatale Mischung aus Armut und Politikversagen

Was steckt hinter den Unruhen rund um die zentralnigerianische Stadt Jos, ­denen am Wochenende 6. und 7. März erneut Hunderte ­Menschen zum Opfer fielen?

Zu den rund 500 Toten der jüngsten Unruhen in Nigeria gehören viele Frauen und Kinder – »alle die, die nicht schnell genug weglaufen konnten«, wie ein Augenzeuge berichtete.  Foto: picture alliance/dpa

Zu den rund 500 Toten der jüngsten Unruhen in Nigeria gehören viele Frauen und Kinder – »alle die, die nicht schnell genug weglaufen konnten«, wie ein Augenzeuge berichtete. Foto: picture alliance/dpa

Für die Überlebenden in Dogo Nahawa, einem Dorf nicht weit von der nigerianischen Stadt Jos entfernt, steht fest, wer hinter dem Massaker in der Nacht zum Sonntag steckt. »Ich habe die Täter flüstern ­hören, während ich mich mit meinem Baby im Haus versteckt habe«, sagt Peter, einer der Überlebenden. »Sie haben Haussa gesprochen und Arabisch und gesagt: Da drin sind noch Ungläubige, zündet das Haus an.« Während andere einem regelrechten Blutbad zum Opfer fielen, konnte Peter fliehen. »Es waren die Haussa-­Fulani, sie wollten Rache üben für ­einen Überfall auf ihr eigenes Dorf.«

Moslem gegen Christen und genauso umgekehrt
Rund 500 Menschen in drei Dörfern kamen bei den zeitgleich ausgeführten Überfällen ums Leben, sagen ­Beobachter. »Die meisten sind Christen«, so Polizeisprecher Mohammed Lerama. »49 Verdächtige werden angeklagt, fast alle sind Fulani.« Seine Aussagen scheinen Informationsminister Gregory Yenlong zu bestätigen, der konstatierte: »Es handelt sich um eine ethnische Säuberungsaktion gegen die Berom.«

Berom gegen Haussa-Fulani, Muslime gegen Christen: Wer in Jos, der Hauptstadt des nigerianischen Bundesstaates Plateau, nach Tätern und Opfern fragt, hört immer wieder die gleichen Vorwürfe. Hier, an der Nahtstelle zwischen dem mehrheitlich christlichen Süden und dem überwiegend muslimischen Norden Nigerias, hat Religion eine ganz besondere Bedeutung. Radikale Dschihadisten predigen hier ebenso wie kreuzzüglerische Missionare. Zu denen zählt Tassie Ghata von »Gnade und Licht International« sich zwar nicht. Trotzdem macht sie eine muslimische Verschwörung für die Kämpfe verantwortlich, die Mitte Januar begonnen haben.

»Was hier passiert, das ist ein Heiliger Krieg gegen uns Christen und die einheimischen Stämme, ein Dschihad«, so Ghata. Zwar rate sie Christen von Angriffen auf Muslime ab. »Aber ich rate niemanden davon ab, sich zur Wehr zu setzen.« Genau solche Äußerungen macht Umar Farouk von der muslimischen Bürgerbewegung »Jamaat Nazrel Islam« für den Ausbruch der Gewalt verantwortlich. »Ende Dezember haben Prediger in einer Pfingstkirche im Gottesdienst behauptet, die Muslime würden bereits Waffen sammeln.«

Farouk dementierte, doch das Gerücht war in der Welt. Nicht zufällig, sagt er. Und ist selbst nicht weniger radikal als die Christin, die er kritisiert: »Was wir hier von den Christen gesehen haben, ist der Versuch ethnischer Säuberungen, die wollen uns vertreiben.« Da sei es kein Wunder, gibt Farouk zu, dass muslimische Jugendliche sich organisieren und zurückschlagen würden.

Moderate Stimmen sind selten in Jos. Eine gehört Ogoh Alubo, einem Soziologieprofessor an der Univer­sität. Er hält die ethnische Komponente des Konflikts für bedeutend, weil rückständige Gesetze »Einheimischen« Vorrechte gegenüber Zuge­zogenen oder »Siedlern« garantieren. »Ich lebe seit 1983 in Jos und meine Kinder sind alle hier geboren«, beschreibt Alubo die Lage am eigenen Beispiel. »Aber ich und selbst meine Kinder gelten als Siedler: deshalb haben sie keine Stipendien bekommen, sie können nicht in der Verwaltung ­arbeiten und bekommen kein politisches Amt.«

Das Problem sei, dass nirgends definiert sei, wer einheimisch sei und wer nicht. »Die Brom nennen die traditionell aus dem Norden kommenden Haussa-Fulani Siedler, aber die Haussa-Fulani sagen: Wir waren hier, seit Jos vor 100 Jahren gegründet wurde, wir sind Einheimische.«

Es geht um Stämme, Religion, Armut und Macht
Das allein, gibt der Professor zu bedenken, sei nicht der einzige Grund. »Es geht hier nicht um Dschihad noch um Kreuzzug, es geht um Armut und Macht.« In den vergangenen Jahren sei der größte Arbeitgeber der Stadt in die Pleite gerutscht, es gebe immer weniger Jobs. Ackerland werde immer knapper. »Die immer ärmere Bevöl­kerung entzweit sich, angefacht von Politikern, die damit bei ihrer Wählerschaft punkten wollen.«

Darin, dass das Versagen von Politik und Staat für das inzwischen zehnjährige Schwelen des Konflikts verantwortlich ist, sind sich Muslime und Christen, Fulani und Berom einig. »Unsere Politiker sind Lügner, sie ­heizen die Unruhen an, damit sie die wahren Probleme nicht angehen müssen«, wettert der Muslim Farouk. Und die christliche Missionarin Ghata stimmt zu: »Den Politikern geht es nur um Macht, Geld, Land, wir müssen unsere Zukunft selbst in die Hand nehmen.« (epd)

Marc Engelhardt