Uns selbst zuwider – vor Gott

21. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Buß- und Bettag am 22. November: Vom Sinn und Ziel der Buße

Wer Buße sagt als Christ, muss sie auch tun. Aber was heißt Buße? Was meint sie, wenn sie nicht in einem formal-juristischen Sinne abgeleistet werden soll für eine (Straf-)Tat, eine Schuld, die nach Buße verlangt, nach Ablass oder Ableistung aber getilgt ist?

Luther hat das »dritte Sakrament«, wie er die Buße auch nennt, in seinem »Großen Katechismus« nicht nur scharf umrissen, er hat sie vor allem tief verankert. Verankert im Ur-Sakrament der Taufe selbst, deren »Kraft und Bedeutung« sich in der Buße wiederhole: »Denn was heißet Buße anders als den alten Menschen mit Ernst angreifen und in ein neues Leben treten?« Darum stünde jeder, der in der Buße lebe, »in der Taufe, welche solches neues Leben nicht allein deutet, sondern auch wirkt, anhebt und treibt«. Werde darin doch »Gnade, Geist und Kraft gegeben, den alten Menschen zu unterdrücken, daß der neue hervorkommt und stark werde«.

Der alte Mensch und der neue Mensch – wenn Luther davon spricht, dann spricht er nicht von äußeren, von gesellschaftlichen oder geschichtlichen Umständen, sondern von uns und unserem innersten Sein. Es geht um mehr als nur um vieles, es geht, fernab von Wandlung durch Pädagogik oder Psychoanalyse, um alles oder nichts, um die ganze Existenz und die Existenz als Ganzes. Der Kampfplatz zwischen altem und neuem Menschen, heißt das, ist nicht die politische Stunde Null, nicht die fortschrittliche Operation Zukunft, schon gar nicht die Revolution im Sinne Münzers oder der Wiedertäufer und ihrer säkularen Nachfolger aller Varianten und Zeiten. Sie wollten der himmlischen Gerechtigkeit eine blutige Schneise ins Irdische schlagen. Aber auch nicht der Auftritt wohlfeiler Ablasshändler, wie wir sie heute, in orwellschem Säkular-Sprech und kommissarischer Erlösungs-Gestalt, geradezu inflationär erleben, ist gemeint.

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Der Kampfplatz ist unsere Seele zwischen Teufel und Gott. Schon in seiner »Ersten Psalmvorlesung« geht Luther dem Konflikt radikal auf den Grund, stößt vor in eine Tiefe, die wir gerne zu erreichen vermeiden. Besonders in unserer Fähigkeit, Bußfertigkeit zu simulieren, indem wir uns von negativ gedeuteten Umständen und ihren Verursachern distanzieren. Oder uns rechtfertigen, indem wir sie verurteilen – ob geschichtlich kontaminierte oder solche, die dem Zeitgeist als Übel gelten. Der Zeitgeist für Luther manifestierte sich in den Texten und Reden der Scholastiker seiner Zeit: »Was unsere Scholastiker«, heißt es in seiner Auslegung von Psalm 1, »also in ihrer theologischen Sprache Bußhandlungen nennen, nämlich sich selbst missfallen, sich zuwidersein, verdammen, anklagen, rügen wollen, sich selbst strafen, züchtigen und wirklich das Böse hassen und sich zürnen, das nennt die heilige Schrift mit einem Wort ›Gericht‹ (V. 5).«

Das aber ist Luther zu wenig, das ist nicht einmal die halbe Buße, geschweige denn die ganze Rechtfertigung. Denn solange »wir uns … nicht selbst verurteilen, exkommunizieren, uns vor Gott zuwider sind, solange bestehn wir nicht und werden nicht gerechtfertigt«. Worauf Luther hier abzielt, hat Eberhard Jüngel einmal den Verlust der »ungehemmten Lebensgemeinschaft mit Gott« genannt. Um sie wieder zu erhalten, müssen wir erkennen, dass es nicht reicht, wenn wir uns in unserem Verhalten vor der Welt zuwider sind, sondern zuerst und zuletzt vor Gott, weil wir die Lebensgemeinschaft mit ihm verlassen, angegriffen, zerstört haben – erst dann ist Umkehr möglich, Metanoia, wie der Begriff im neuen Testament dafür lautet.

In Lukas 3,7 ist dieser Bußaufruf – mit Zorn verkündet von Johannes dem Täufer einer zwar taufbereiten, aber immer noch zu selbstgewissen »Schlangenbrut« – verbunden mit einer unmissverständlichen Gerichtsankündigung, einer Generalabrechnung: »Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt; jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.« Diesen Aufruf zu totaler Metanoia verbindet Jesus schließlich mit der Ankündigung der entscheidenden befreienden Perspektive, der Königsherrschaft Gottes: »Doch sollt ihr wissen: Das Reich Gottes ist nahe zu euch gekommen.« (Lukas 10,9).

Diese bevorstehende Königsherrschaft Gottes aber ist das absolute Gegenteil eines eintretenden Politikums. Sie ist die Wahrheit, die frei macht, wie es bei Johannes heißt (8,32). Und nur in ihr »erfüllt sich die Bestimmung des menschlichen Lebens« (Eberhard Jüngel). Buße ist somit nicht Aufbruch in eine »hypertrophe Gewissensethik« (Klaus Berger), um mit sich wieder ins Reine zu kommen, sondern der so wieder wahr werdende Mensch, sagt Luther, tut »frei, fröhlich und umsonst«, »mit Lust«, »aus Liebe und Freiheit«, was Gott wohl gefällt. Metanoia, heißt das, ist die einzige Revolution, aus der der Mensch je und je neu werden, zum neuen Menschen werden kann.

Ulrich Schacht

Der Autor ist Schriftsteller und Theologe, er steht der evangelischen Bruderschaft St.-Georgs-Orden vor.

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»Martini« auf dem Erfurter Domplatz

19. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Foto: Jens-Ulrich Koch

Foto: Jens-Ulrich Koch

Das Recht auf eine fröhliche und unbeschwerte Kindheit hat Margot Käßmann, Reformationsbotschaf­terin der Evangelischen Kirche in Deutschland zum Abschluss des 500. Reformationsjubiläums in Thüringen betont. »Wenn jetzt Koalitionsverhandlungen laufen, sollte die Lage der Kinder in unserem Land und auf unserer Welt auf die Tagesordnung gesetzt werden und zwar ganz oben«, sagte die Theologin bei einer Predigt am 10. November auf dem Erfurter Domplatz. Dort feierte sie mit Tausenden Kindern und deren Angehörigen im Schein vieler Laternen zu Ehren des Heiligen und katholischen Bischofs Martin von Tours (um 316–397; Beisetzung am 11. November) sowie des Reforma­tors Martin Luther (1483–1546; Geburtstag am 10. November) das Fest der zwei Namensvetter – »Martini«. Das in der Thüringer Landeshauptstadt traditionell ökumenisch begangene Fest markierte in diesem Jahr auch das Ende des 500. Reformationsjubiläums in Thüringen.

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Programm für christliches Leben

7. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Glaubenskurs: Martin Luthers Schrift »Von der Freiheit eines Christenmenschen«

Was Freiheit ist, scheint unsere Zeit, respektive das, was sie für ihren Geist hält, besonders gut zu wissen: Sie nennt Freiheit einen »westlichen Wert«, den alle übrigen Weltteile nur annehmen können. Die Wirklichkeit hinter solcher Proklamation sieht ziemlich anders aus: Die aktuelle Freiheitsversion des Westens steht vor allem für eines: für die Auflösung aller gewachsenen Lebens-Verhältnisse, Moral- und Denk-Traditionen: Glauben, Familie, Geschlecht, Nation, Grenzen. Damit trifft sie mit destruktiver Macht bewährte Regeln des Zusammenlebens, der Wirtschaft, geistiger Pluralität: Wer nicht fortschrittlich ist, modern, alternativ, der ist rückschrittlich, reaktionär, der Vergangenheit verhaftet. Für Marx und Engels, die gottlosen Propheten des kommunistischen Paradieses, verdichtete sich im »Manifest der Kommunistischen Partei« der Freiheitsbegriff im Rahmen solchen, die Welt radikal zertrümmernden kapitalistisch-globalen Fortschritts, ein von ihnen begeistert begrüßtes Verflüssigungsprojekt aller gewachsenen Verhältnisse, zu jener »einen gewissenlosen Handelsfreiheit«, die heute offenbar das Proprium der westlichen Freiheitsideologie ausmacht. Ein geschichtspolitisches Himmelsgesetz, dem geopfert wird wie einst in Karthago dem Götzen Moloch. Und die reaktionärste, weil retardierende Größe in diesem Diskurs- und Praxiskontext ist natürlich Gott selbst.

Das Zentrum des innerlichen Menschen ist seine Seele, die nur frei sein kann, wenn sie auf Gottes Wort hört, sich an ihn bindet. Ulrich Schacht. Foto: Joseph – stock.adobe.com

Das Zentrum des innerlichen Menschen ist seine Seele, die nur frei sein kann, wenn sie auf Gottes Wort hört, sich an ihn bindet. Ulrich Schacht. Foto: Joseph – stock.adobe.com

Gott geht in der modernen westlichen »Freiheitsgesellschaft« gar nicht oder wenn, dann nur noch in einem zukünftig zu schaffenden »House of One«, in dem sich die Religionen wie gleichwertige Whiskeysorten im Spirituosenladen zu privatem Test-Kauf und individueller Geschmacksprobe anbieten. Mit anderen Worten: Im Westen ist diesbezüglich der Teufel los; das Freiheitsversprechen des Teufels aber hat sich schon immer den Fortschrittsmantel umgehängt. Was also tun gegen den großen Verwirrer und seine zahlreichen Helfershelfer in Politik, Ökonomie, Kultur und ja, leider auch in den großen Kirchen zwischen Rom und Hannover?

Vielleicht dies: Luthers auf revolutionäre Weise hochreaktionäre Thesen »De libertate christiana« oder im Deutsch seiner Zeit: »Von der Freyheyt eyniß Christen menschen« wieder und wieder lesen! 1520 erschienen, waren sie zunächst und vor allem eine geharnischte Antwort des Reformators auf die Bannandrohungsbulle aus Rom. In der Folge jedoch sind sie bis heute, vielleicht noch gravierender als die 95 Thesen zum Ablasshandel von 1517, die entscheidende Programmschrift für das, was man in der Summe »die christliche Freiheit« nennen könnte, kulminierend in der scheinparadoxen Formel: »Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.« Logisch wird diese Paradoxie, wenn man der ihr zugrunde liegenden Doppelthese über den Menschen an sich folgt, unterscheidet Luther doch scharf zwischen einem innerlichen und äußerlichen Menschen, der über »zweierlei Natur« verfüge.

Der innerliche Mensch als Christ ist der »geistliche Mensch«, der äußere »leiblich«. Das Zentrum des innerlichen Menschen ist seine Seele, die nur frei sein kann, wenn sie auf Gottes Wort hört, sich an ihn bindet. Das aber wiederum ist kein Vernunfts-, sondern ein Vertrauensakt via Christus, der wie in einem Tausch Gottesferne und Sünde der Christenseele auf sich nimmt, sie mithin davon und grundsätzlich befreit.

Der äußere Mensch aber ist die praktische Konsequenz des inneren, indem er an seinem Nächsten so handelt wie Christus an ihm. In diesem dialektischen Freiheitsprozess zwischen Seelenbefreiung und christusgebundener Liebestat erfüllt sich ein Weltverhältnis, dem kein politischer Freiheitsbegriff gewachsen ist.

Dietrich Bonhoeffer hat in seinem Gedicht »Stationen auf dem Wege zur Freiheit«, geschrieben unter der Drohung seines gewaltsamen Todes im Tegeler Gefängnis, Luthers Schrift in nicht weniger herausfordernde Verse überführt. Sie sprechen in der Summe von »wunderbarer Verwandlung«. Deren Beginn zeigt jene Grundrichtung an, in die wir zu gehen haben, sind wir erfüllt von eben jener »Freiheit eines Christenmenschen«. Dieser hat Luther eine nie verblassende Kontur gegeben: »Ziehst du aus, die Freiheit zu suchen, so lerne vor allem / Zucht der Sinne und deiner Seele, daß die Begierden / und deine Glieder dich nicht bald hierhin, bald dorthin führen … // Tritt aus dem ängstlichen Zögern heraus in den Sturm des Geschehens, / nur von Gottes Gebot und deinem Glauben getragen, / und die Freiheit wird deinen Geist jauchzend empfangen.«

Ulrich Schacht

Der Autor ist Schriftsteller und Theologe, er steht der evangelischen Bruderschaft St. Georgs-Orden vor.

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Luther bei den Katholiken

6. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Chile: 12 000 Kilometer von Wittenberg entfernt wird nicht nur das Reformationsjubiläum groß gefeiert. Der 31. Oktober ist sogar seit mehreren Jahren staatlicher Feiertag.

Es mag verwundern, dass der Reformationstag in einem sehr katholisch geprägten Land wie Chile im Feiertagskalender steht. Und in der ersten Verfassung des Landes aus dem Jahr 1812 wird auch betont, dass Chile katholisch ist »und für immer sein wird«. Doch wenige Jahrzehnte später brachten deutsche Siedler nicht nur ihre Hoffnungen von einem besseren Leben mit nach Chile, sondern auch Luthers Kleinen Katechismus, ihre Gesangbücher und ihren Glauben.

Heute gibt es zwei lutherische Kirchen im Land »am anderen Ende der Welt«. Das ist allerdings nicht Ausdruck der großen Zahl ihrer Mitglieder, sondern einer Spaltung, die in den 1970er- Jahren stattfand. Die unterschiedliche Bewertung der Präsidenten Augusto Pinochet und des von ihm durch einen Militärputsch gewaltsam abgesetzten Salvador Allende spaltete damals das ganze Land und leider auch die lutherischen Christinnen und Christen.

Das große Ziel, im 500. Jahr die beiden Kirchen wieder zu vereinigen oder wenigstens unter einem gemeinsamen strukturellen Dach zusammenzuführen, ist trotz intensiver Bemühungen im Mai gescheitert. Alte Wunden und neue Ängste verhindern immer noch, dass man gemeinsam Zeugnis gibt – vom lutherischen Glauben, aber auch davon, dass Versöhnung möglich ist.

Lutherrose für die Pfarrerin: Nicole Oehler bekommt ein selbst gestaltetes Geschenk von den Schülerinnen des Colegio Belén O’Higgins. Foto: Versöhnungsgemeinde Santiago de Chile

Lutherrose für die Pfarrerin: Nicole Oehler bekommt ein selbst gestaltetes Geschenk von den Schülerinnen des Colegio Belén O’Higgins. Foto: Versöhnungsgemeinde Santiago de Chile

Unsere Gemeinde trägt die Versöhnung im Namen und wir sind traurig, dass es nicht gelungen ist, diesen Schritt aufeinander zuzugehen. Wir haben uns aber trotzdem nicht davon abhalten lassen, zahlreiche Aktionen zum Reformationsjubiläum gemeinsam mit der anderen Kirche zu veranstalten: Filme und Vorträge, Diskussionsreihen und Ausstellungen standen dabei auf dem Programm. Außerdem haben wir als Versöhnungsgemeinde versucht, nicht nur Geschichte und Theologie Luthers und seiner Mitstreiterinnen und Mitstreiter lebendig werden zu lassen, sondern vor allem auch mit dem Leben heute zu verknüpfen.

So fand zum Beispiel ein großes Luther-Essen in unserer Kirche »Zum Guten Hirten« statt. Mit gutem Essen, Wein, Bier, dem chilenischen Nationalgetränk Pisco Sour und vielen Infos rund um die Reformation. Wir haben dabei unseren Glauben diskutiert und an den Tischen unter anderem Werbekampagnen entwickelt – zum Beispiel mit der Fragestellung: »Warum ist es gut, heute in Chile lutherisch zu sein?«

In unserem Sozialprojekt, einer Schule für 400 Kinder im armen Süden der chilenischen Hauptstadt Santiago, fanden vor zwei Wochen Projekttage statt. Hier stand eines der »4 solus« im Mittelpunkt: die Schrift. Jede Klasse bearbeitete ein Thema rund um die Bibel und Martin Luthers Entdeckungen in ihr. Tolle Werke sind dabei entstanden, die an einem Ausstellungstag der Schulöffentlichkeit und weiteren Interessierten präsentiert wurden.

Foto: Aus dem Fotoalbum der Versöhnungsgemeinde in Santiago de Chile: Banner an der Kirche – »Wir feiern 500 Jahre Reformation!«

Foto: Aus dem Fotoalbum der Versöhnungsgemeinde in Santiago de Chile: Banner an der Kirche – »Wir feiern 500 Jahre Reformation!«

Ausgerechnet in diesem Jubiläumsjahr wurde der nationale Feiertag in Chile auf den 27. Oktober vorverlegt. Das macht deutlich, dass er hier eben der »Tag der evangelischen und protestantischen Kirchen« (»Día Nacional de las Iglesias Evangélicas y Protestantes«) und nicht der Reformationstag ist. Denn damit sind weniger wir Lutheraner, die Reformierten oder Methodisten gemeint, sondern die hier in den letzten Jahren stark gewachsenen Freikirchen (evangélicos). Zu ihnen gehören knapp 20 Prozent der Bevölkerung, dagegen nur einige Zehntausend zu den lutherischen Gemeinden.

Nichtsdestotrotz hat es sich Staatspräsidentin Michelle Bachelet nicht nehmen lassen, am »echten« Reformationstag am 31. Oktober zu uns in die Kirche zu kommen, wo beide lutherische Kirchen gemeinsam (!) an Luther erinnern. Bereits am vergangenen Sonntag hat unsere Gemeinde einen Reformationsgottesdienst in deutscher Sprache unter dem Motto »Ein feste Burg ist unser Gott« gefeiert.

Pfarrer Johannes Merkel

Der Autor wuchs in Moritzburg auf und hat in Leipzig Theologie studiert. Seit 2014 sind er und seine Frau Nicole Oehler, Pfarrer in Chile.

www.lareconciliacion.cl/de

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Ökumene in der »Ewigen Stadt«

2. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Ein Protestant in Rom: Hier ist Jens-Martin Kruse seit 2008 Pfarrer der evangelischen Christuskirche. Vor seinem Amtsantritt als Hauptpastor der Hamburger Petrikirche stellte er sich den Fragen von Willi Wild.

Begegnung: Papst Franziskus bei seinem Besuch in der evangelischen Christuskirche mit Pfarrer Kruse. Fotos: epd-bild

Begegnung: Papst Franziskus bei seinem Besuch in der evangelischen Christuskirche mit Pfarrer Kruse. Fotos: epd-bild

Wie sieht Ihre persönliche ökumenische Bilanz im Reformationsjahr aus?
Kruse:
Die Ökumene ist die entscheidende Dimension 2017 gewesen. Es hat angefangen mit dem großen ökumenischen Gottesdienst in Lund am 31. Oktober 2016 mit Papst Franziskus und Bischof Younan vom Lutherischen Weltbund. Und das hat im Grunde genommen das ganze Jahr 2017 unter ein ökumenisches Vorzeichen gestellt. Das hat sich niemand vorher vorstellen können. Das hat auch keiner zu hoffen gewagt, dass dieses Jahr 2017 in Italien einen ökumenischen Impuls gibt, wie wir das jetzt staunend erleben.

Was ist passiert?
Kruse:
Die öffentliche Aufmerksamkeit für diese ganz kleine evangelische Gemeinde hier in Rom mit 500 Gemeindemitgliedern in dem großen Meer der römisch-katholischen Kirche ist ganz erstaunlich. Ob es das Fernsehen ist, ob es das Radio ist, ob es die Printmedien sind, ob es die Universitäten sind oder die Gemeinden, überall ist ein ganz großes und sehr ehrliches, wohlwollendes Interesse an Martin Luther.

Ich hätte jemand einstellen können, der sich nur um die Anfragen kümmert. Bislang ist Luther hier nicht vorgekommen. Auch mit dem Namen konnten bis vor Kurzem die wenigsten etwas anfangen. Jetzt erlebe ich neugieriges offenes Interesse: Wer war Luther? Was zeichnet die Reformation aus? Und wer seid ihr eigentlich, ihr Evangelischen?

Aus Rücksicht auf die katholische Kirche wurde aus dem Lutherjahr ein Christusfest. Für die Kritiker hat man damit den Reformator und die Reformation weichgespült.
Kruse: I
ch finde, es ist eine Stärke für die evangelische, aber auch für die katholische Kirche, dass man dieses Jahr gemeinsam als Christusfest feiert. Und ich hab überhaupt keine Angst oder Sorge, dass eine der beiden Kirchen irgendwie etwas weichspülen würde oder etwas nicht klar genug wäre – im Gegenteil. Also von außen gesehen mit Blick auch von Rom oder den Blick der römisch-katholischen Weltkirche auf die ganze Welt, brauchen wir genau dieses ökumenische Zeugnis heute.

Wäre nach Ihrer Einschätzung mehr Ökumene drin gewesen?
Kruse:
Dass dieses Jahr in einer großen Übereinstimmung und Gemeinsamkeit von evangelischen und katholischen Kirchen gefeiert wird, ist per se erst mal ein sehr positives Zeugnis. Mein Eindruck ist, dass man aufgrund dieses positiven Verlaufs durchaus noch mehr aus diesem Jahr 2017 rausholen könnte. Man sollte sich nicht zufrieden zurücklehnen, sondern die Verpflichtung, den Auftrag für mehr Ökumene angehen.

Was heißt das konkret?
Kruse:
Stichwort »Gemeinsames Abendmahl für konfessionsverbindende Ehen« – der Schwung des Jahres 2017 sollte genutzt werden, um zu konkreten Vereinbarungen zu kommen.

Warum ist das gemeinsame Abendmahl so wichtig?
Kruse:
Zum einen ist es ein sichtbares Zeichen der Einheit der Christenheit. Außerdem leiden die konfessionsverbindenden Ehepaare ganz existenziell darunter, dass wir als Kirchen noch nicht mehr Einheit haben. Deshalb ist es wichtig, dass dieser Not abgeholfen wird.

Ist eine Lösung in Sicht?
Kruse:
Es gibt eine berechtigte Hoffnung, mit guten Gründen, dass wir nicht über Jahrzehnte reden, sondern über Monate und wenige Jahre. Das gemeinsame Abendmahl ist eben auch innerkatholisch denkbar und vom Kirchenrecht her heute schon abgedeckt.

Im Grunde braucht es weder theologisch noch kirchenrechtlich viel, um zu einer Vereinbarung zu kommen. Papst Franziskus hat dazu ausdrücklich Mut gemacht. Und da darf man diesen Papst sehr ernst nehmen. Es ist gut, nicht zu drängen, aber deutlich zu machen, dass wir darauf zugehen.

Wie halten Sie es in Ihren Abendmahlsgottesdiensten?
Kruse:
Sowohl in evangelischen als auch katholischen Kirchen gilt die Gastfreundschaft. Es ist gängige Praxis – auch in Rom –, dass niemand vom Tisch des Herrn abgewiesen wird. Wichtig ist, dass zukünftig keiner mehr ein schlechtes Gewissen dabei haben muss.

Menschen ist es gelungen die Trennung herbeizuführen, dann müssten sie doch auch die Einheit wieder hinbekommen, oder?
Kruse:
Das ist richtig, nur dürfen wir uns nicht überheben. Mit unseren menschlichen Kräften gelingt uns Einheit eher selten. Deshalb ist die geistliche Ökumene, das Gebet um Einheit, die Gebetswoche für die Einheit der Christen eben tatsächlich so was wie die Herzkammer der Ökumene. Das lässt uns nicht aus der Pflicht, all das zu tun, was uns möglich ist. Aber ohne den Beistand des Heiligen Geistes kommen wir an der Stelle nicht weiter.

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Lesen macht die Seele heil

1. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Buchmarkt nahm vor 500 Jahren seinen enormen Aufschwung – auch dank der Reformation. Noch immer steckt Luther in der deutschen Lesekultur.


Allen Krisen des Buches zum Trotz: Deutschland hat auch 2017 noch den zweitgrößten Buchmarkt der Welt, und im 500. Jahr des Reformationsjubiläums gibt es hier noch immer eine Lesekultur, die ihresgleichen sucht. Zwölf Bücher erwarb im Schnitt jeder Deutsche im vergangenen Jahr, laut Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Dabei ist es Theologen und Kulturforschern zufolge kein Zufall, dass das Leseland zugleich dasjenige der Reformation ist.

Als eine der »großen kulturellen Errungenschaften des Protestantismus« bezeichnet es der Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Johann Hinrich Claussen, das »Lesen fast zu einer religiösen Tätigkeit« gemacht zu haben. Aus lutherischer Sicht gehört dies zum Glaubensleben dazu wie der Kirchengang: Dass ein Mensch sich selber bildet, indem er sich zurückzieht, ein Buch liest, den Text auf sich wirken lässt und ihn laut Claussen »in sich hineinbildet«. Dieses Bildungsverständnis hat die Deutschen seiner Meinung nach stark und letztlich konfessionsübergreifend geprägt.

Bildung: Dass Kinder lesen lernen, ist eine der großen Errungenschaften des Protestantismus. Foto: Konstantin Yuganov – fotolia.com

Bildung: Dass Kinder lesen lernen, ist eine der großen Errungenschaften des Protestantismus. Foto: Konstantin Yuganov – fotolia.com

Martin Luther (1483–1546) hatte die Alphabethisierung vorangetrieben, um den Gläubigen das Lesen der Bibel zu ermöglichen. Durch die Lektüre sollten sie sich – unabhängig von kirchlichen Autoritäten – selbst ein Bild vom gnädigen Gott machen. Das war das vornehmste Ziel. Die Bibel sei alles, was ein frommer Christ brauche, schrieb der Wittenberger Theologieprofessor. Der Reformator, der 1517 seine 95 Thesen zur Erneuerung der Kirche veröffentlicht und dadurch unbeabsichtigt deren Spaltung ausgelöst hatte, las selber begeistert im »Buch der Bücher«. Er las immer wieder, hatte geradezu ekstatische Leseerlebnisse. Ihm ging es vor allem darum, nicht möglichst viel, sondern das Richtige zu lesen. Das aber mit großer Intensität.

Eine Bücherflut beklagte er schon damals, als der Buchdruck – nicht zuletzt wegen der aufrüttelnden theologischen Dispute der Zeit – einen ungeheueren Aufschwung nahm. In seiner Schrift »An den christlichen Adel deutscher Nation« appellierte Luther 1520 an die Obrigkeit, die Schulbildung für das Volk voranzubringen, aber auch auf die Qualität die Bücher achten.

Zunächst erschienen Bibeln, Gebetsbücher und Erbauungsliteratur, die in Schulen und Hauskreisen gelesen wurden. Im 18. Jahrhundert rief die Entstehung des weltlichen Romans zugleich die Kritik auf den Plan: Theologen, für die Lesen und Glauben eng verbunden war, betrachteten die neue Unterhaltungsliteratur und die mit ihr verbundene »Lesesucht« mit Sorge.

Was dem Einzelnen als Tipp angesichts der Informations- und Bücherflut helfen mag, wird der Buchhandel nicht gerne hören. Heute hat die Branche, die ihren Aufschwung der Reformation vor 500 Jahren verdankt, tatsächlich zu kämpfen. In fünf Jahren (bis 2016) brach laut »Frankfurter Allgemeine Zeitung« der Umsatz gedruckter Bücher um 13 Prozent ein, E-Books konnten den Verlust nicht auffangen.

Die heutige von Digitalisierung, Smartphone und E-Mails bestimmte Kultur sei dem Lesen abträglich, sagt auch Claussen. Lesen bedeute, sich für eine längere Zeit zurückzuziehen aus dem »öffentlichen Dauergequassel«. Das werde heute immer schwieriger, weil man dauernd erreichbar sein müsse. Der Hamburger Theologe plädiert dafür, sich die Auszeit dennoch zu nehmen, gut lutherisch weniger und intensiver zu lesen. Dabei vor allem den eigenen »Lese­spuren« zu folgen statt algorithmisch vorgeschlagener Titel und Bestseller-Empfehlungen.

Dass das Lesen dem Seelenheil dient, sieht auch Claussen so. »Der Glaube kommt durch das Wort.« Und das könne man nicht nur hören, sondern auch lesen. Lesen heiße bei Luther immer auch deuten, es auf das eigene Leben beziehen, sagt Claussen. Und das sei die Grundbewegung des Glaubens, eine Botschaft nicht nur zu schlucken, sondern sie sich »kreativ anzueignen«.

Renate Kortheuer-Schüring (epd)

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»Marseillaise der Reformation«

1. November 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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»Ein feste Burg ist unser Gott«: Religiöses Trostlied und Schlachtengesang

Menschen singen es seit bald 500 Jahren, aber nicht immer war der Gesang rühmlich: Martin Luthers Lied »Ein feste Burg« haben verschiedene Gruppierungen für sich vereinnahmt, auch die Nationalsozialisten.

Einmal im Jahr, da singen sie alle! Selbst die Männer schmettern mit, wenn am Reformationstag »Ein feste Burg« gesungen wird – obwohl die Melodie gleich in den höchsten Tönen beginnt.

Liegt es am Text, der Gott mit einem trutzigen, Schutz bietenden Bauwerk gleichsetzt, oder an der Melodie, die in kräftigen gleichmäßigen Viertelnoten einherschreitet? Vermutlich ist es diese Kombination, die das Lied zur »Marseillaise der Reformation« (Heinrich Heine) gemacht hat.

Martin Luther ließ sein Lied 1529 drucken. Vorlage war der Psalm 46, ein vertrauensvoller Text, der die Stadt Gottes beschreibt, die trotz des drohenden Weltuntergangs »fein lustig bleiben soll mit ihren Brünnlein«. Keine Trutzburg – da ist etwas in Bewegung, im Fluss. Vertont ist dieser Text mit einer typischen Renaissance-Melodie mit tänzerischem Schwung, die den Inhalt der ersten Strophe nachzeichnet.

Feldpostkarte aus dem Ersten Weltkrieg mit dem Schriftzug des Choraltitels »Ein feste Burg ist unser Gott« von Martin Luther. Aus dem Glaubenslied wurde in Bismarcks Kaiserreich ein vaterländischer Kampfgesang. Das Lied fand in Druckschriften des Ersten Weltkrieges inflationäre Verwendung. Foto: epd-bild

Feldpostkarte aus dem Ersten Weltkrieg mit dem Schriftzug des Choraltitels »Ein feste Burg ist unser Gott« von Martin Luther. Aus dem Glaubenslied wurde in Bismarcks Kaiserreich ein vaterländischer Kampfgesang. Das Lied fand in Druckschriften des Ersten Weltkrieges inflationäre Verwendung. Foto: epd-bild

Im zweiten Teil gerät der Rhythmus ins Wackeln, wenn »der alt böse Feind« vorgestellt wird. Dieser marschiert im Gleichschritt, wenn er »es jetzt mit Ernst meint« und »groß’ Macht und viel List« einsetzt. Seine »grausame Rüstung« bringt ihn aber rhythmisch wieder ins Straucheln. Die Macht des bösen Feindes wird durch den Melodieverlauf ironisch gebrochen.

Psalmlieder gehören in Luthers Gottesdienstpraxis zu den ersten Gesängen, die der Gemeinde neben den Katechismusliedern anvertraut werden. Dabei geht Luther sehr frei mit der biblischen Vorlage um, ergänzt sie christologisch und führt neue Bezüge ein.

So hat Luther mit dem »alt bösen Feind« ein Gegenbild zu Gott vorgestellt, das nicht aus dem Psalm stammt. Allerdings bleibt dieses Bild unklar – wer oder was ist damit gemeint? Diese Unbestimmtheit hat es vielen Generationen leicht gemacht, ihre je eigenen Bedeutungen einzutragen. War es zunächst der Teufel, der für Luther eine reale Bedrohung war, wurden es später die Gegner der lutherischen Lehre oder im Kriegsgeschehen die politischen Feinde.

Mittlerweile war die ehemals stark rhythmische Melodie durch den Gruppengesang erstarrt, die Gemeinden hatten sie sich in gleichmäßigen Notenwerten zurechtgesungen. 1738 wird sie erstmalig im geraden Vierteltakt gedruckt. Dann ist es nicht mehr weit bis zur Marschmusik.

Im Psalm 46 wird Gott gepriesen, der den Kriegen ein Ende macht und Kriegsgerät zerstört.

Bald übernahmen die Menschen die Kriegsführung und nutzten das »Feste-Burg-Lied« als Schlachtengesang. Wo Luther auf die Kraft des Wortes zur Überwindung des Gegners vertraute: »ein Wörtlein kann ihn fällen«, wurden im Dreißigjährigen Krieg Söldner mit diesem Lied in den Kampf geschickt. Gemeinsames lautes Singen stärkt den Einzelnen und die Gruppe – und die »Feste Burg« spielt dabei nicht nur rühmliche Rollen. Der Choral wird zum erhebenden Feiergesang der Reformationsjubiläen. Im 18. Jahrhundert kommen nationalistische Töne dazu. In der Liedersammlung »Des Knaben Wunderhorn« wird der Choral als »Kriegslied des Glaubens« geführt und von Studentenverbindungen, Turnervereinigungen und anderen Männerbünden kraftvoll zelebriert. 1871 verarbeitet Richard Wagner den Choral in seinem »Kaisermarsch«, im Ersten Weltkrieg wird das Lied zum nationalen Kriegsgesang gegen die »altbösen Feinde« Frankreich und England, im Nazideutschland geht es nicht mehr um Christus: »der rechte Mann« heißt Hitler und »das (deutsche) Reich muss uns doch bleiben«.

Gleichzeitig hat Luthers Lied aber auch bedrohten Christinnen und Christen Trost gespendet, zur Stärkung verfolgter Gemeinden beigetragen und sich weltweit im Protestantismus verbreitet.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert wird das Lied, wie schon im Barock, liturgisch wieder dem Sonntag Invokavit, dem Beginn der Passionszeit, zugeordnet, um der triumphalistischen Verwendungstradition entgegenzuwirken. Im Evangelischen Gesangbuch sind beide Melodien abgedruckt – ich wünsche mir, dass viel öfter die erste, originale Melodie in einem flüssigen Tempo gesungen wird. Das muss in unseren Gemeinden sicher ein bisschen geübt werden – aber dann fängt die »Feste Burg« an zu swingen!

Christa Kirschbaum

Die Autorin ist Landeskirchenmusikdirektorin der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau

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Ein Zeichen für alle

15. Oktober 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Sich bekreuzigen: Warum ein katholischer Lehrer evangelische Christen für einen alten Ritus gewinnen will

Ein Thüringer Katholik will ein sichtbares Zeichen für die Ökumene setzen – das Kreuzzeichen. Ginge es nach Klaus Töpfer, bekreuzigten sich schon bald auch die Protestanten nach dem Gottesdienst und überließen die Geste nicht nur dem Mann oder der Frau vor dem Altar. Mit vielen Christen spricht der 73-Jährige in den letzten Monaten darüber, mit hochstudierten Professoren, mit Amtsträgern und Laien. Auch die Bischöfe in Magdeburg und Erfurt versucht er, für seine Idee zu gewinnen.

Seine Argumentation klingt schlüssig. Der Glaube an den einen Gott sollte wichtiger sein als die über Jahrhunderte gepflegte Betonung alles Trennenden zwischen den Konfessionen. In seinem Heimatdorf, Salomonsborn vor den Toren Erfurts, könne man sich das auch gar nicht mehr leisten.

Katholiken und Protestanten feierten hier zusammen Gottesdienst; mal seien die einen, mal die anderen in der Mehrheit. Immer – außer zu Weihnachten – blieben dennoch viele Kirchenbänke frei. Im Ort selbst seien die Christen eh in der Minderheit, so Klaus Töpfer. Mehr noch, beschwört der pensionierte Lehrer die gemeinsame Stärke, keine der beiden Konfessionen allein hätte die Sanierung der inzwischen so schmucken Dorfkirche allein stemmen können. Nur eine Seite hätte auch nicht die stolze Summe von 84 000 Euro zusammengebracht. So viel Geld ging nach seinen Angaben in den letzten Jahren in Form von Spenden und Zuwendungen beim Förderverein von St. Dionysius ein. Nein, es ist nur noch zusammen zu schaffen; sprich: ökumenisch. Also schreibt er freundliche Briefe an die beiden Bischöfe. Und bekommt freundliche Antworten.

Das Kreuzzeichen sei ein Gestus, den auch Martin Luther praktiziert und empfohlen hat, schreibt Anfang Juli Ilse Junkermann an den gebürtigen Eichsfelder. Das Zeichen zeige »die Verbundenheit mit Christus und ist deshalb immer auch eine Tauferinnerung«, so die Bischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Wenn es die Protestanten heute nicht praktizierten, sei das keine »Herabsetzung« mehr, sondern ein »Vergessenhaben«. Allerdings, schränkt sie ein, spielten für ihre Konfession Gebetshaltungen und Gesten generell eine sehr untergeordnete Rolle. Und dennoch – gerade von den Jüngeren werde das Kreuzzeichen inzwischen wieder entdeckt und immer häufiger angewandt.

Also gibt die Landesbischöfin grünes Licht? Nicht ganz. Da das Kreuzzeichen ein sehr persönlicher Gestus sei, könne dieser »nicht einfach für die eigene Frömmigkeitspraxis verordnet werden«. Eine starke Verankerung sei nur »über Vorbild, Nachahmung und Einübung« möglich, endet ihr Antwortschreiben an Klaus Töpfer ein wenig im vagen Unverbindlichen.

Auch ihr Amtsbruder lehnt sich nicht zu weit aus dem Fenster. Er bitte um Verständnis, dass er als katholischer Bischof nicht in die Gottesdienstagenda evangelischer Pfarrer eingreifen möchte, heißt es im Brief von Ulrich Neymeyr ein paar Wochen später. Es wäre für Klaus Töpfer als ökumenisch engagierten katholischen Christen »wesentlich leichter«, diesen Vorschlag zu machen. Es könne nicht seine – des Bischofs des Bistums Erfurt – Aufgabe sein, evangelische Christen darüber zu belehren, »dass sie beim katholischen Segen das Kreuzzeichen mitmachen können, ohne dabei ihre evangelische Identität zu verraten«.

Klaus Töpfer lässt sich davon nicht entmutigen. In Ricklef Münnich findet er den richtigen Partner. Dann ist es so weit. In der kleinen Kirche zu Salomonsborn lädt der evangelische Pfarrer zum Ende des ökumenischen Gottesdienstes die Protestanten dazu ein, es den Katholiken gleichzutun und ein Kreuz zu schlagen. Trotz Anleitung und Erklärung trauen sich aber noch nicht alle an das ungewohnte Ritual heran.

Jegliches hat seine Zeit. Auch das Kreuzzeichen. Ob in Erfurt, wie vor über 500 Jahren schon einmal, wieder Weltgeschichte beginnen kann? Klaus Töpfer schmunzelt. Als Martin Luther am 17. Juli 1505 an die Pforte des Augustinerklosters klopft, will er nur ein Mönch unter vielen sein. Historische Bedeutung bekommt dieser Moment erst Jahre später …

Dirk Löhr (epd)

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Mit Christus ein Kuchen werden

25. September 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Glaubenskurs: Martin Luthers Abendmahlsverständnis – Fleisch gewordenes Evangelium

Martin Luthers Abendmahlsverständnis wird wegen seiner Fokussierung auf die Vergebung der Sünden häufig kritisiert. Zusammen mit der vorgeschalteten Beichte sei es verantwortlich für das Missverständnis des Abendmahls als »traurige Unterhaltung« (Immanuel Kant) und der damit verbundenen Distanz vieler Kirchenmitglieder zum Abendmahlsempfang. Tatsächlich ist Luther überzeugt, dass sich im Abendmahl die Vergebung der Sünden erfahren lässt – nicht auf dem Weg des Hörens wie bei der Predigt, sondern auf sinnliche Weise in Form von Sehen, Riechen, Tasten und Schmecken. Das Abendmahl ist Fleisch gewordenes Evangelium. Es schenkt Versöhnung mit Gott dadurch, dass Jesus Christus jeden Menschen, so wie er ist – als wirklichen Sünder – an seinen Tisch einlädt.
Logo-CredoIm Kleinen Katechismus schreibt der Reformator: »Was nützt denn solch Essen und Trinken? Das zeigen uns diese Worte: Für euch gegeben und vergossen zur Vergebung der Sünden; nämlich, dass uns im Sakrament Vergebung der Sünden, Leben und Seligkeit durch solche Worte gegeben wird; denn wo Vergebung der Sünden ist, da ist auch Leben und Seligkeit.« Damit ist klar: Auch für Luther geht es beim Abendmahl nicht bloß um die Vergebung der Sünden. Diese ist jedoch das Nadelöhr, um die anderen Aspekte – Leben und Seligkeit – zu erfahren. Das Abendmahl ist für Luther ein geistliches Lebensmittel. Es will in den Belastungen des Alltags Kraft zum Leben vermitteln und Horizonte der Hoffnung eröffnen. Dazu gehört die Aussicht auf die endgültige Überwindung der Nöte und Sorgen in Gottes neuer Welt, wobei diese Hoffnung die Erwartung einschließt, dass bereits in dieser Welt Veränderungen zum Guten möglich sind. Dadurch, dass die Kommunizierenden Leib und Blut Jesu Christi zu sich nehmen, erhalten sie Teil an seinem ewigen göttlichen Leben und an den Kräften der unsichtbaren Welt. Luther entdeckte den Charakter des Abendmahls als Gemeinschaftsmahl wieder. Es lässt die Feiernden erfahren, dass sie nicht allein sind, sondern zusammen mit Schwestern und Brüdern den Weg des Glaubens gehen. Das gemeinsame Essen und Trinken verbindet stärker als das bloße Miteinander-Reden!

Martin Luther legte die Grundlage für ein mystisches Verständnis des Abendmahls im Luthertum. In ihm vollzieht sich die Vereinigung von Braut und Bräutigam, d. h. des Gläubigen mit Christus. Beide werden »ein Kuchen, ein Brot, ein Leib, ein Trank und alles gemein«. Die Initiative für die innige Vereinigung mit Christus ging von dessen Liebe zum Menschen aus. Die Liebe Christi im Abendmahl zu erfahren, entzündet im Menschen seinerseits die Liebe zum Nächsten: »Denn wenn die Liebe nicht täglich wächst und den Menschen so verwandelt, dass er an seinem Mitmenschen Anteil nimmt, da bleibt das Sakrament für ihn ohne wirkliche Bedeutung.« Luther bestand Zeit seines Lebens entsprechend der mystischen Tradition auf der Realpräsenz Jesu Christi im Abendmahl. Er ist in, mit, unter Brot und Wein mit seinem Leib und Blut leibhaftig gegenwärtig. Die Realpräsenz ist für den Reformator unaufgebbar. Denn sie lässt die Kommunizierenden auf sinnliche Weise – unabhängig von gedanklichen Einsichten, Gefühlen und Stimmungen – die Nähe Gottes erfahren.

Luther schreibt im Großen Katechismus, dass das Abendmahl nur bei häufigem Empfang seine spirituelle Kraft entfalten kann. Es war deshalb ein großer Fortschritt, dass es in der evangelischen Kirche seit den 1970er-Jahren nicht länger bloß dreimal im Jahr, sondern in den meisten Gemeinden wenigstens einmal im Monat im Hauptgottesdienst gefeiert wird.

Peter Zimmerling

Der Autor ist Professor für Praktische Theologie mit Schwerpunkt Seelsorge und Spiritualität an der Universität Leipzig.

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Klingende Zukunft

7. September 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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30 Jahre Handglockenchor Gotha

Wieder einmal: Luther. Zu seinem 500. Geburtstag, den 1983 auch die DDR-Staatsführung groß feierte, rückten Augustinerkloster und -kirche Gotha in den Fokus. Mehrfach hatte hier der Reformator gepredigt. Das faszinierte bei seinem Besuch den amerikanischen Pastor Larry Hoffsis aus Ohio ebenso wie die Historie der Gebäude. Er wollte unbedingt mit seiner Gemeinde eine Partnerschaft mit der Augustinergemeinde begründen. Ein nicht zu erfüllender Wunsch in jenen Jahren. »Wenn was ging, dann auf kultureller oder sportlicher Ebene«, sagt Kirchenmusikerin Elke Eichhorn.

1985 reiste der Handglockenchor aus Dayton (Ohio) nach Thüringen und gastierte auch in Gotha. »Was wir da hörten, war so ungewöhnlich wie einmalig«, erinnert sich die Musikerin. Wenig später fragte der Landeskirchenmusikdirektor sie rundheraus, ob sie sich zutraue, einen Handglockenchor zu leiten. Warum nicht mal tun, was völlig unbekannt ist, entschied Elke Eichhorn. Dann dauerte es noch zwei Jahre, ehe alle Formalitäten erledigt waren und Larry Hoffsis mit seiner Frau Cindy einen Satz Handglocken als Geschenk der Epiphany Lutheran Church an die Augustinergemeinde übergeben konnte.

Foto: Tino Sieland

Foto: Tino Sieland

Ein Geschenk, das nachhaltig ist. Damit wurde eine dreißigjährige Geschichte begründet. Vom 8. bis 10. September feiert der Chor sein 30-jähriges Bestehen.

»Nach einem Schnellkurs konnten wir in langsamem Tempo drei, vier Lieder spielen«, so Elke Eichhorn. Aber der Anfang war gemacht. 1988 reiste sie zu einem Workshop für Handglockenspieler und -chorleiter in die USA.

Unter den jungen Handglockenspielern vor 30 Jahren war auch der achtjährige Sohn der Kirchenmusikdirektorin. Matthias Eichhorns Begeisterung für diese Musik ist seitdem ungebrochen. 2005 hat er von seiner Mutter die Leitung des Handglockenchors übernommen. »Als Jazzmusiker hat er weitere Klangfarben in unsere Musik gebracht«, freut sich die Mutter, die natürlich weiterhin im Ensemble aktiv ist.

Die Liste der Konzerte ist lang. Zu Hause in der Augustinerkirche erspielte er in Benefizkonzerten Geld für den Orgelneubau. Mit der Wiedervereinigung weitete sich auch der Radius der Aufführungsreisen. Eine erste CD bringt der Chor 1995 auf den Markt, die vierte erscheint pünktlich in diesen Tagen zum Jubiläum.

Nachwuchssorgen, sagt Elke Eichhorn, hat der Handglockenchor nicht. Und das zeigt, mit seinen 30 Jahren ist er erstaunlich jung. Und blickt in eine klingende Zukunft.

Klaus-Dieter Simmen

Programm zum Festwochenende:

8. September, 18 Uhr Auftaktabend,

9. September, 18 Uhr Festkonzert in der Augustinerkirche,

10. September, 10 Uhr Festgottesdienst in der Margarethenkirche

www.hgcg.de

Dem Hamsterrad entkommen

4. September 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Neue Wege: Die MDR-Moderatorin Katrin Huß verließ überraschend das Fernsehen – und entdeckt seither das Leben neu. Sie macht Mut, das loszulassen, was einen ausbremst.

Vor etwa einem Jahr hat die langjährige MDR-Moderatorin Katrin Huß (47) mitten im prallen Leben innegehalten – und eine überraschende Entscheidung getroffen: Sie hat ihren Vertrag beim MDR nicht verlängert und die erfolgreiche Kar­riere als Moderatorin und Reporterin an den Nagel gehängt. Nach fast 20 Jahren. Eigentlich – so sollte man meinen – hätte alles noch mindestens 20 Jahre so weitergehen können. Katrin Huß liebte ihren Beruf. Und strahlte das auch immer aus, zum Beispiel bei der Sendung »Hier ab vier«.

Friedenslauf von Rom nach Wittenberg: Katrin Huß und Laufpartner  Timo Hoffmann. Foto: Facebook.com/Friedenlauf

Friedenslauf von Rom nach Wittenberg: Katrin Huß und Laufpartner Timo Hoffmann. Foto: Facebook.com/Friedenlauf

Doch dann kam der 14. Juli 2016. Auf ihrer Facebook-Seite verkündete Huß mit wenigen Zeilen ihren Rückzug: »Irgendwann kam der Punkt, an dem ich gemerkt habe, dass ich vergessen hatte, meine eigene Lebensgeschichte zu schreiben. Ich habe keine Kinder, keine eigene Familie, wenig Zeit für Freunde und noch weniger Zeit für die Liebe. Ich bin erfolgreich mit dem was ich tue, aber bin ich erfüllt?« Und sie schreibt von ihrer einschneidenden Erkenntnis: »Auch ein Hamsterrad sieht von innen aus wie eine Karriereleiter und oft merkt man zu spät, dass man auf der Stelle tritt.«

Katrin Huß entflieht dem Hamsterrad. Sie bezeichnet den Schritt als eine »180-Grad-Wendung«. »Ich musste mich in den letzten Jahren manches Mal verbiegen, die Leichtigkeit und Fröhlichkeit war weg.« Und dann kamen auch noch Rückenbeschwerden. Für Huß lief es auf eine Entscheidung hinaus. Ein Motto, das sie beim Yoga gelernt hatte, ging ihr im Kopf herum: »Lass los, was dich ausbremst.« Und das habe sie dann einfach gemacht, sagt sie.

Freilich sprang sie nicht ganz ins Leere. Seit einem Jahr betreibt sie ein kleines Yoga-Studio in Markkleeberg bei Leipzig. Doch trotzdem gab es auch Befürchtungen. Wird das Leben mit weniger Einkommen und weniger Rampenlicht funktionieren? Heute kann Katrin Huß aus vollem Herzen sagen: Ja, es funktioniert. Und zwar sehr gut. »Ich fühle mich leicht und bin dankbar, intuitiv die richtige Entscheidung getroffen zu haben«, bekennt sie und ergänzt schmunzelnd: »Ich warte immer noch auf das Loch, in das ich falle, aber da kommt keines.«

Endlich habe sie nun mehr Zeit für ihre Eltern. Und für alles, was bisher zu kurz gekommen ist – das Gärtnern oder das Kaffeetrinken mit Freunden. »Ich mache das jetzt alles, ich warte nicht mehr«, sagt sie. Nebenbei bildet sie sich weiter zur Übungsleiterin im Reha-Sport. Und auch Veranstaltungen moderiert sie noch. Sie will Menschen Mut machen, ihr Leben in die Hand zu nehmen und zum Positiven zu verändern. »Dabei bin ich selbst das beste Beispiel, wenn ich den Leuten sage: Entschleunigt mal, fahrt mal runter, ihr müsst nicht perfekt sein.« Manchmal muss sie dann über ihre Lebenswende schmunzeln. »Früher habe ich die Menschen dazu ›verdonnert‹, nachmittags zwei Stunden vor dem Fernseher zu verbringen. Und heute animiere ich sie, hinauszugehen und selbst aktiv zu werden.«

Zu einem erfüllten Leben gehört für Huß immer auch der Blick auf diejenigen, denen es nicht so gut geht. Deshalb war sie im April mit dabei beim Friedenslauf von Rom nach Wittenberg – vom Papst zu Luther. »Damit wollten wir einfach ein Zeichen setzen für Frieden, Demokratie und Toleranz und gegen Fremdenfeindlichkeit.« Einen schöneren Ausklang der Luther-Dekade kann sich Huß nicht vorstellen. Doch die vergangenen Monate von Katrin Huß zeigen: Der wichtigste Lauf ist der zu sich selbst – und zu dem, was wirklich zählt im Leben.

Stefan Seidel

Rettungsfloß im Lebensfluss

28. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Glaubenskurs: Martin Luthers Schrift »Von der Babylonischen Gefangenschaft der Kirche«

Drei Jahre nach dem Thesenanschlag zu Wittenberg, dessen lebensgefährliche Folgen Luther nicht schwächer noch zahmer gemacht haben, legt der deutsche Schismatiker wider Willen in kürzester Zeit eine Serie von theologischen Traktaten vor. Diese bilden in ihrer programmatischen Dichte und Radikalität den eigentlichen Sprengsatz unter dem in anderthalb Jahrtausenden errichteten macht- und prachtvollen Gebäude der römisch-katholischen Kirche. Sie lassen Kirche, Kaiser und Reich endgültig in eine Richtung zerbersten, deren Pointe nicht nur die konfessionelle Spaltung des Kontinents ist, auch die politischen Strukturen und Verhältnisse sind danach nicht mehr wiederzuerkennen. »Warum das plötzlich alles aus ihm herausdrängt wie eine magmatische Eruption, ist Luther selbst unbegreiflich« (Heimo Schwilk: »Luther, der Zorn Gottes«). Aber der Wahrheitsfuror, der ihn ergriffen hat, ist nicht mehr aufzuhalten.
Logo-CredoDie, wenn man so will, Gründungsschriften des Protestantismus, seiner zukünftigen evangelischen Kirche, zu der er die ganze, ungespaltene katholische Kirche leidenschaftlich gerne gemacht hätte, sind nun in der Welt, und sie wirken: »An den christlichen Adel deutscher Nation«, »Vorspiel von der Babylonischen Gefangenschaft der Kirche«, schließlich die vielleicht berühmteste von ihnen: »Von der Freiheit eines Christenmenschen.« Die mittlere richtet sich vordergründig scheinbar nur an die »lateinische Fachwelt« der Zeit. Ihre vorherrschende, mittelalterlich formierte Auffassung, dass es sieben Sakramente gäbe, sie ist aber in Wirklichkeit nichts anderes als ein totaler Angriff auf das gesamte juristische und lehramtliche Fundament der Kirche des Papsttums: Taufe, Abendmahl, Buße, Firmung, Ehe, Priesterweihe und letzte Ölung. Luther, der auch in diesem Fall allein vom Schriftprinzip »sola scriptura« her argumentiert, sieht jedoch nur für Taufe und Abendmahl biblische Legitimität gegeben. Der Rest ist ihm ausgeklügeltes Menschenwerk. Allein der Buße kann er noch sakramentales Gewicht abgewinnen, sogar die Ohrenbeichte bleibt ihm »nützlich, ja notwendig«, nur im Unterschied zu Taufe und Abendmahl fehlt ihm ihr Zeichencharakter.

Gottesdienst mit Taufe eines Kindes. Alle anwesenden Kinder sind eingeladen, mit vor den Taufstein zu treten und zu schauen, was geschieht. Foto: epd-bild

Gottesdienst mit Taufe eines Kindes. Alle anwesenden Kinder sind eingeladen, mit vor den Taufstein zu treten und zu schauen, was geschieht. Foto: epd-bild

Mit der Taufe aber beginnt alles; sie ist für Luther »das einzige Sakrament«, das Gott »nach dem Reichtum seiner Barmherzigkeit« (Epheser 1,7) nicht nur »in seiner Kirche ungeschmälert und unbefleckt erhalten hat«, er hat es auch »für alle Völker und alle Stände der Menschen freigehalten«. Eine ursprüngliche Unbeflecktheit, die dem Kind zugutekommt, ist hier am Wirken. Warum? Weil die Kinder, im Unterschied zu den Erwachsenen, »des Geizes und des Aberglaubens noch nicht fähig sind«. Denn »obwohl der Teufel die Kraft der Taufe in den Kindern nicht hat auslöschen können, hat er sie doch in allen Erwachsenen zu vertilgen vermocht, sodaß es … fast niemanden mehr gibt, der es beherzigt, daß er getauft worden ist, viel weniger, daß er sich dessen rühmt, nachdem so viele andere Wege zur Sündenvergebung und in den Himmel zu kommen erfunden worden sind«.

Für Luther ist in diesem diabolisch verwirrten Kontext die Taufe geradezu die Urbuße, die es überhaupt erst ermöglicht, ist der Mensch in Sünde gefallen, das Rettungsfloß »Buße« zu erreichen. Am Verheißungscharakter der Taufe, wie er in Markus 16,16 proklamiert wird: »Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden.« – »an dieser Verheißung«, sagt Luther, »hängt unsere ganze Seligkeit«. Doch ist die Taufe ihm damit kein billiger Versicherungsscheck, vielmehr ist sie Leben spendende Rettungsperspektive nach der je und je eintretenden individuellen Sündenkatastrophe.

Nur wäre Luther nicht Luther, ließe er gerade an diesem elementaren Rettungsakt falsche Gewissheit zu: »Aber man muß sie«, die Seligkeit, »so beachten, daß wir den Glauben an ihr üben und ganz und gar nicht zweifeln, daß wir selig sind, nachdem wir getauft sind«, straft »solcher Unglaube … die göttliche Verheißung Lügen, was die größte Sünde überhaupt ist«. Luther weiß also, dass »diese Übung des Glaubens« zum Schwersten gehört, was der Mensch, im Wissen um seine Sündhaftigkeit, zu leisten vermag. Dennoch: »die Wahrheit der einmal geschehenen Verheißung bleibt allezeit bestehen, die uns mit ausgestreckten Händen aufnehmen will, wenn wir umkehren« – und damit zurückkehren »zu der Kraft und dem Glauben der Taufe, daraus wir gefallen sind«. Sie kann ja »durch keine Sünde verändert werden«.

Ulrich Schacht

Der Autor ist Schriftsteller und Theologe, er steht der evangelischen Bruderschaft St.-Georgs-Orden vor.

Die Predigten des Tafelaltars

7. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Das bilderreichste Werk der Reformationszeit ist nach seiner Restaurierung und Präsentation in den USA jetzt im Herzoglichen Museum in Gotha zu sehen.

Die Inszenierung »seines« Altars durch die Gothaer Ausstellungsmacher um Kurator Timo Trümper anlässlich der Reformationsdekade hätte vermutlich auch Herzog Ernst I., dem Frommen, gefallen. Vom 30. Juli bis 5. November steht »Der Gothaer Tafelaltar« in der Säulenhalle des Herzoglichen Museums Gotha im Blickpunkt der interessierten Öffentlichkeit. Die kann dann dem wohl monumentalsten und zugleich detailreichsten Bilderbuch der Reformationszeit sehr nahe kommen, denn die zwölf Seiten- und zwei Standflügel können erstmals seit der Vorkriegszeit wieder einzeln und aus nächster Nähe betrachtet werden. Möglich wurde dies 2015/16 durch eine umfangreiche, 17-monatige Restaurierung eines sechsköpfigen Teams um Beatrix Kästner und Johannes Schaefer. Dabei gelang es vor allem, den ursprünglichen Fassungsbestand freizulegen und die originale Rahmung des Mittelteils farblich anzupassen. Ohne die großzügige Unterstützung der Ernst von Siemens Kunststiftung, der Oetker-Stiftung, der Kulturstiftung der Länder, des Auswärtigen Amtes und des Freistaates Thüringen wäre das rund 200 000 Euro teure Unterfangen nicht möglich gewesen.

Nach der Restaurierung: Farbenprächtig und deutlich aufgehellt können die einzelnen Motive aus nächster Nähe bewundert werden. Foto: Stiftung Schloss Friedenstein

Nach der Restaurierung: Farbenprächtig und deutlich aufgehellt können die einzelnen Motive aus nächster Nähe bewundert werden. Foto: Stiftung Schloss Friedenstein

Nichts ohne Anlass: Der Altar war im Vorjahr Teil dreier großer Ausstellungen deutscher Museen in den USA, die den Menschen in Minneapolis, New York und Atlanta die Ideenwelt der Reformation und besonders die Person Martin Luthers nahebrachten. Die Ausstellung schlug eine Brücke nach Europa, die beiderseits mit außerordentlichem Interesse wahrgenommen wurde. Einen anderen Brückenschlag verfolgten die Gothaer Kunsthistoriker um Martin Eberle, indem sie die Staatsgalerie Stuttgart als Kooperationspartner der jetzigen Schau gewannen. Dies kam nicht von ungefähr, denn der seit dem 17. Jahrhundert in Gotha nachweisbare Altar war um 1538 im württembergischen Herrenberg in der Werkstatt Heinrich Füllmaurers (um 1497–1548) entstanden.

Die Geschichte des Altars wurde erstmals 1939 in einer Dissertation behandelt und ab 1965 in mehreren Büchern des Thüringer Theologen und Kirchenhistorikers Herbert von Hintzenstern kunstgeschichtlich aufgearbeitet. Einer größeren Öffentlichkeit war sie jedoch unbekannt. Das soll sich nun ändern! Und so gelang es, für die Gothaer Ausstellung hochkarätige Werke aus Stuttgart zu gewinnen, die ihrerseits den Bogen von der vorreformatorischen Zeit bis in die Zeit Heinrich Füllmaurers spannen und dabei Objekte in den Blick nehmen, die noch ganz der katholischen Tradition verpflichtet sind. Neben einer Mondsichelmadonna von Hans Holbein d. Ä. ist es vor allem der Wildensteiner Altar des Meisters von Meßkirch von 1536, der die Gothaer Schau auch thematisch ergänzt. Während der Tafelaltar und der wenig später entstandene Mömpelgarder Altar (heute im Kunsthistorischen Museum Wien) als Aufträge der evangelischen Herzöge von Württemberg gelten können, entstand der Wildensteiner Altar in der Reformationszeit für die katholischen Grafen von Zimmern. – Es ist eine spannende Gegenüberstellung von Meisterwerken, die bis dato noch nie in Thüringen gezeigt wurden.

Der Tafelaltar selbst liest sich wie ein großes Bilderbuch mit drei Szenen der Schöpfungsgeschichte und 157 Tafeln zum Leben Jesu. Einziger Wermutstropfen: die Standflügel mit dem Stammbaum Christi befinden sich seit 1946 im Depot des Puschkin-Museums Moskau. In Gotha werden Repliken gezeigt.

Der übergroße Detailreichtum des Altars lädt zum Entdecken ein, denn die Szenen spielen im Württemberg des 16. Jahrhunderts und lesen sich wie eine übergroße Bilderbibel. Tatsächlich ist der Altar wohl zu Lehrzwecken und nicht für eine Kirche geschaffen worden. Zu einer Kuratoren-Führung mit Timo Trümper wird am 31. August, 18 Uhr, eingeladen.

Im November verlässt der Altar Gotha in Richtung Stuttgart und wird ab dem Frühjahr 2018 wieder im Altdeutschen Saal des Herzoglichen Museums zu sehen sein.
Geöffnet ist die Gothaer Ausstellung bis 5. November täglich von 10 bis 17 Uhr. Zur Ausstellung ist ein Begleitband erschienen, der erstmals alle Bildtafeln einzeln zeigt und die Transkription der Inschriften umfasst.

Hartmut Ellrich

Trümper, Timo: Der Gothaer Tafelaltar. Ein monumentales Bilderbuch der Reformationszeit, Michael Imhof Verlag, Petersberg, 304 S., ISBN 978-3-7319-0595-0, 29,95 Euro

www.stiftung-friedenstein.de

»Gott sei mit euch auf dem Wege«

30. Juli 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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117. Deutscher Wandertag: Interview mit der Präsidentin des Thüringer Wanderverbandes Christine Lieberknecht

Die Wartburgregion erwartet mehr als 30 000 Wanderer aus ganz Deutschland. Der 117. Deutsche Wandertag steht unter dem Motto: Wandern auf Luthers Spuren. Schirmherrin ist die ehemalige Thüringer Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht. Mirjam Petermann schilderte sie ihre Sicht auf das Großereignis.

Schirmherrin, ohne Schirm: Die Theologin und einstige Ministerpräsidentin Thüringens, Christine Lieberknecht, beim Wandern auf der Saalfelder Höhe. Foto: privat

Schirmherrin, ohne Schirm: Die Theologin und einstige Ministerpräsidentin Thüringens, Christine Lieberknecht, beim Wandern auf der Saalfelder Höhe. Foto: privat

Frau Lieberknecht, worauf freuen Sie sich beim 117. Deutschen Wandertag persönlich am meisten?
Lieberknecht:
Eisenach ist deutsche Wanderhauptstadt. Besonders freue ich mich auf die 12 000 aktiven Teilnehmer am großen Festumzug, die alle Wanderregionen von Nordelbien bis zum Schwäbischen Albverein in ihrer ganzen Vielfalt vertreten.

Wie kam es dazu, dass Eisenach und die Wartburgregion vom Deutschen Wanderverband in diesem Jahr als Gastgeber des Wandertages ausgewählt wurden?
Lieberknecht:
Der Deutsche Wanderverband möchte in wichtigen Fragen unserer Zeit Zeichen setzen; auch in diesem Reformationsjahr 2017. Wo könnte das für Wanderer unmittelbarer werden als am Fuße der Wartburg, da, wo Natur- und Kulturgeschichte eine wunderbare Einheit bilden? Dort, wo die UNESCO der Wartburg die weltweite Anerkennung als Weltkulturerbe verliehen und die umgebende Landschaft des Hainichs als Weltnaturerbe ausgezeichnet hat. Damit waren Eisenach und der ausrichtende Rennsteigverein für 2017 durch keine andere Wanderregion zu toppen.

Über 30 000 Wanderer werden in Eisenach erwartet, um auf Luthers Spuren zu wandern. Welche Spuren werden sie dort finden?
Lieberknecht:
Zunächst einmal: historische Spuren allenthalben. 95 verschiedene Wanderrouten wurden ins Programm aufgenommen: mit dem Lutherstammort Möhra, der Reformationsstadt Schmalkalden, dem Entführungsweg Luthers von 1521, dem Erlebnisweg Wartburg usw. Über 270 Wanderführer wurden durch die Thüringer Wanderakademie dafür ausgebildet, den Geschichten der landschaftlichen Besonderheiten, von Gedenk- oder Grenzsteinen am Wegesrand oder historischen Bauten nachzugehen und ihre Kenntnisse den Wanderern zu vermitteln.

Wie wir wissen, hatte der Reformator nicht nur löbliche Seiten. Der »alte« Luther wünschte so ziemlich alle in die Hölle, die nicht seiner Meinung waren. Auch das wird den Wanderern zum Beispiel anhand des großen Gemäldes von 1617 in der Eisenacher Georgenkirche erzählt werden. Und es gibt die großen Ausstellungen auf der Wartburg, der Brandenburg und der Wilhelmsburg.

Wo werden die Wanderer Spuren des Reformators hinsichtlich seines Glaubens und seiner Theologie finden?
Lieberknecht:
Die Botschaft vom Wort Gottes braucht es, dass man davon »singet und saget, klinget und prediget, schreibet und lieset, malet und zeichnet«, hat Martin Luther einmal gesagt. Ein hochmoderner multimedialer Ansatz! Und genau so wird es sein: musikalisch mit dem Bekenntnis von Bachs »Soli Deo Gloria«, die Bildpredigten in den offenen Kirchen, die ökumenischen Gottesdienste in Eisenach und Bad Liebenstein. Auch wird es darauf ankommen, was die Eisenacher und Thüringer für sich selbst mit der Reformation verbinden. Ich bin gespannt.

Obwohl Sie auch Pfarrerin sind, fehlen beispielsweise in Ihrem Grußwort im Programmheft christliche Bezüge. Warum?
Lieberknecht:
Für mich ist mein Glauben existenziell. Der Wanderverband allerdings ist religiös unabhängig. Viele Mitglieder haben keine kirchliche Bindung, außerdem gibt es auch jüdische, muslimische oder buddhistische Mitglieder. Unsere zentrale Resolution vom letzten Wandertag 2016 heißt »Flüchtlinge willkommen«. Dass wir Wanderer bei der großen Integrationsaufgabe unseren Beitrag leisten, ist für mich gelebter christlicher Glaube.

Sie grüßen mit »Frisch auf« im Programmheft. Gottes Segen wäre doch auch nicht schlecht gewesen?
Lieberknecht:
Als Wanderer sagen wir »Frisch auf!«. Das ist Tradition. Ganz sicher wird für den Wandertag auch gebetet. Mein Lieblingssegen für die Wanderer aus Tobit 5, Vers 23 hat es leider nicht in die aktuelle Lutherbibel geschafft: »Gott sei mit euch auf dem Wege, und sein Engel geleite euch!« Diesen Segen wünsche ich ausdrücklich allen Wanderern.

In einer Reaktion auf meinen Kommentar (Nr. 29, S. 1) schreiben Sie, dass man von Ihnen als weltlicher Schirmherrin eines weltlichen Ereignisses kein frömmeres Grußwort erwarten könne als von der geistlichen Landesbischöfin in den Programmen zum Kirchentag. Wie meinen Sie das?
Lieberknecht:
Landesbischöfin Junkermann schrieb zum Kirchentag: »Seien Sie uns herzlich willkommen!« Bei mir heißt es, ich »grüße Sie mit einem herzlichen ›Frisch auf!‹«. Und den Lesern von »Glaube + Heimat« rufe ich zu: Seien auch Sie in Eisenach dabei!

www.wandertag-2017.de

Angebote der Kirchen zum 117. Wandertag – 27. bis 30. Juli
•    Do. bis Sa., 11 Uhr, Georgenkirche Eisenach: Eisenacher Marktkonzerte
•    Do. und Fr., 12 Uhr, Georgenkirche Eisenach: Mittagsgebet
•    Do. und Fr., 19 Uhr, Annenkirche Eisenach: Abendandacht
•    Do., 19.30 Uhr, Nikolaikirche Eisenach: »Allein auf Gottes Wort« – Kurrende der Kirchlichen Hochschule Naumburg, Leitung: Michael Greßler
•    Fr., 18 Uhr, Georgenkirche Eisenach: Sonderkonzert zum 267. Todestag von Johann Sebastian Bach
•    Sa., 10 bis 18 Uhr, Lutherhaus Eisenach: Werbestand von »Glaube + Heimat« mit Sonderpostkartenaktion
•    So., 9 Uhr, Elisabethplan unterhalb der Wartburg Eisenach: Ökumenischer Gottesdienst (regulärer Busverkehr ab Eisenach bis zum Elisabethplan; ab 10 Uhr Busshuttle zurück zur Werner-Assmann-Halle Eisenach)
•    So., 10 Uhr, Kurpark an der Wandelhalle Bad Liebenstein: Ökumenischer Open-Air-Gottesdienst
•    So., 10 Uhr, Georgenkirche Eisenach: Kantaten-Gottesdienst »Kyrie« aus der Messe in h-Moll von J. S. Bach und »Da pacem, Domine« von Arvo Pärt; Ensemble Consart, Leitung: Andreas Reuter
•    So., 16 Uhr, Georgenkirche Eisenach: Kammermusik an Bachs Taufstein – Mitteldeutsche Barock-Compagney


Kriegsdienst, um das Böse einzudämmen

25. Juli 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Glaubenskurs: Martin Luthers Schrift »Ob Kriegsleute auch in seligem Stande sein können«

Die Frage danach, ob Christen mit gutem Gewissen Wehrdienst leisten und in der Folge auch an einem Krieg aktiv teilnehmen können, hat schon die frühe Christenheit umgetrieben. Das beweist die Tatsache, dass in Lukas 3,14 die Frage der Soldaten an Johannes den Täufer überliefert wird: »Was sollen denn wir tun?« Seine Antwort lautet: »Tut niemandem Gewalt noch Unrecht und lasst euch genügen an eurem Sold!« Dahinter steht die Forderung nach Humanisierung des Krieges, nicht aber nach seiner Abschaffung. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist das Problem des Wehrdienstes und der Kriegsteilnahme von Christen in beiden deutschen Staaten äußerst kontrovers diskutiert worden. Angesichts der furchtbaren Gräuel des Zweiten Weltkriegs und der vielen Opfer aufgrund des Abwurfs der ersten Atombomben auf Japan durchzog gerade die evangelische Kirche eine breite pazifistische Strömung. In der Bundesrepublik lautete schließlich die kirchenamtliche Auffassung, dass der Dienst mit und ohne Waffe – also in der Bundeswehr und im Zivildienst – gleichermaßen Dienst für den Frieden sei.
Logo-CredoMartin Luthers Schrift »Ob Kriegsleute auch in seligem Stande sein können« erschien Ende 1526. Es handelt sich dabei – wie viele der einfluss­reichsten Schriften des Reforma­tors – um eine Gelegenheitsschrift. Er schrieb sie auf Bitten des Ritters Assa von Kram, eines der Feldobersten des sächsischen Kurfürsten, offensichtlich ein frommer Mann. Dessen Gewissen war durch die Teilnahme an der Niederschlagung des Bauernkrieges mit seinen Blutgerichten verunsichert worden. In dem kleinen, äußerst gehaltvollen Büchlein skizziert Luther seine Stellung zum Wehrdienst, zum Krieg und zum Widerstandsrecht. Er knüpft dabei an die Schrift »Von weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei« von 1523 an. Mit dieser zusammen hat das Buch über die Kriegsleute in den folgenden Jahrhunderten die politische Ethik im Luthertum maßgeblich bestimmt. Trotz der mehrfachen Veränderung der Regierungsform auf dem Weg zur freiheitlichen Demokratie sind Luthers Überlegungen erstaunlicherweise noch heute aktuell. Der Grund dafür sind ihre seelsorgerliche Grund­orientierung und die biblische Begründung.

Luther geht davon aus, dass Kriegsstand, -amt und -werk ein göttliches Werk sind. Daher vertragen sich Soldatsein und Kriegführen mit dem Glauben an Jesus Christus. Weil Gott zweierlei Regimente unter den Menschen aufgerichtet hat, unterscheidet der Reformator zwischen der Person des Christen und seinem Amt als Soldat. In der christlichen Gemeinde regiert Gott mit dem Wort, um Menschen freiwillig zum Glauben und zum ewigen Leben zu führen. In der Welt aber herrscht er durch das Schwert, um den Frieden unter den Menschen zu erhalten. Dahinter verbirgt sich Luthers Menschenbild: Jeder Mensch, selbst der religiöse, bleibt bis an sein Lebensende zugleich Gerechter und Sünder. Bestünde die Menschheit allein aus guten Menschen, wäre »Kriegführen die größte Plage auf Erden«. Da dem nicht so ist, kann ein Krieg notwendig sein, um das Böse einzudämmen. Trotz grundsätzlicher Bejahung des Krieges warnt Luther gleichzeitig eindringlich vor seinen Gefahren. Darum ist nur ein Verteidigungskrieg erlaubt – und auch der sollte nur mit Furcht vor Gott geführt werden. Luther ist sogar überzeugt, dass ein Soldat sich dem Kriegführen entziehen muss, wenn er erkennt, dass sein Kriegsherr Unrecht hat. Dann gilt für ihn das Gebot: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen (Apostelgeschichte 5,29).

Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass Luthers Meinung angesichts der Wirklichkeit am Ende humaner ist als ein Pazifismus, der sich um eines Prinzips willen davor scheut, Verantwortung zugunsten des tödlich bedrohten Nächsten zu übernehmen.

Peter Zimmerling

Der Autor ist Professor für Praktische Theologie mit Schwerpunkt Seelsorge und Spiritualität an der Universität Leipzig.

Hahne zwischen Torte und Tatort

30. Juni 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Donnerwetter in Stotternheim: Der TV-Moderator, Kolumnist, Bestseller-Autor und Theologe Peter Hahne kommt an jenen Ort bei Erfurt, wo einst Martin Luther in Todesangst gelobte, Mönch zu werden. Der streitbare Journalist stand Willi Wild Rede und Antwort.

Die Form des Reformations-Gedenkens ist umstritten. Wie erleben Sie das Lutherjahr?
Hahne: Ich persönlich, mit überfüllten Veranstaltungen voller neugieriger, erwartungsfroher Leute! Und ich merke: Luthers uralte Frage nach dem gnädigen Gott ist topaktuell. Am zweiten Januarsonntag stand ich auf Luthers Kanzel in Wittenberg und sagte: »Hoffentlich hat seine Grabeskirche nebenan eine gute Statik, denn der Reformator rotiert, wenn er manche Programmpunkte sieht.« Mir ist da zu viel Politik und Allotria. Vor allem: viel zu defensiv, akademisch und voller Selbstmitleid über das, was Luther angeblich alles falsch gemacht hat.
Am Lutherstein werde ich bekennen: Ich bin stolz, ost-westfälischer Lutheraner zu sein, denn ihm verdanke ich das Wichtigste: die Bibel, den Blick aufs Kreuz.

Warum mischen Sie sich nach wie vor in die innerkirchlichen Debatten ein und löcken wider den Stachel?
Hahne: Weil ich die Kirche noch nicht aufgeben will, wie die allermeisten meiner Kollegen, um Gottes und auch Luthers Willen. Es gibt so viele lebendige Gemeinden und prima Pastoren! Aber wenn man von kirchensteuer-bezahlten Funktionären belächelt wird, weil man an die Auferstehung oder die Wunder von Jesus Christus glaubt oder meint, dass der Weg zum Himmel allein über das Kreuz führt, dann platzt mir der Kragen.

Stein des Anstoßes: TV-Moderator Peter Hahne ist gespannt darauf, an dem Ort zu sprechen, wo für Martin Luther alles begann. Am Sonntag, 17 Uhr, predigt er bei einem Gottesdienst unter freiem Himmel am Lutherstein bei Stotternheim. – Foto: ZDF

Stein des Anstoßes: TV-Moderator Peter Hahne ist gespannt darauf, an dem Ort zu sprechen, wo für Martin Luther alles begann. Am Sonntag, 17 Uhr, predigt er bei einem Gottesdienst unter freiem Himmel am Lutherstein bei Stotternheim. – Foto: ZDF

Sie kritisieren den Kirchentag und die EKD, obwohl Sie selbst 18 Jahre als Mitglied des Rates der EKD der Kirchenleitung angehörten. Warum?
Hahne: Ja, genau darum. Mitarbeiten ist die einzig legitime Kritik. Ich halte bis heute unentwegt Vorträge in Kirchengemeinden mit Klartext aus der Bibel, wie Luther es uns lehrte. Das zieht Menschen an, die noch nie eine Kirche von innen gesehen haben. Ich will weder ein Wohlfühl- und Wellness-Evangelium à la Kirchentag noch diese alles infrage stellende Theologie der leeren Kirchenbänke! Da weiche ich keinem Streit aus.

Was halten Sie in diesem Zusammenhang vom Rau-Motto »versöhnen statt spalten«?
Hahne: Ich kannte ihn gut, nicht nur aus vielen Interviews. Knallhart in Wahlkämpfen, aber immer mit Humor. Er war sich mit Richard von Weizsäcker einig: Kirche ist nicht dazu da, Politik zu machen, sondern Politik möglich zu machen. Deshalb sage ich nein, wenn ausgerechnet Kirchen bestimmte Parteien und deren Wähler ausgrenzen, statt ihnen den Raum für differenzierte Debatten zu geben. Unsere Gesellschaft ist in der Gefahr, dramatisch auseinanderzubrechen, bis hinein in Familien und Gemeinden.

Mit der katholischen Kirche gehen Sie nicht so hart ins Gericht. Vor einiger Zeit kursierte das Gerücht, Sie würden katholisch. Was ist da dran?
Hahne: Gerüchte zeigen, dass man noch am Leben ist (lacht laut). Nein, ich bin durch einen erwecklichen, pietistischen Pfarrer als Konfirmand zum Glauben gekommen, diese Wurzeln verleugne ich in keiner Talkshow, wie unlängst wieder bei den »Riverboat«-Kollegen im MDR. Nur wenn die aktuellen Päpste Benedikt und Franziskus in puncto Jesus oder Bibel lutherischer sind als Luthers Erben, dann kommt man schon ins Grübeln (schmunzelt) …

Was halten Sie von den Ökumene-Bemühungen im Reformationsjahr, wie »Healing of memories« (Heilung der Erinnerung) oder anderen gemeinsamen Gottesdiensten?
Hahne: Das wird alles längst an der Basis praktiziert! Und darauf kommt es mir an. Die TV-Inszenierungen mit theatralischen Umarmungen sind nicht mein Ding. Aber wenn eine engagierte erz-katholische Familie extra ihren Urlaub verlegt, um zum Lutherstein am kommenden Sonntag zu kommen, dann ist das gelebte Basis-Ökumene.

Die beiden großen Kirchen verlieren immer mehr Mitglieder. Wie kann dieser Trend Ihrer Meinung nach gestoppt werden?
Hahne: Einziger Trend-Stopper, und das beantwortet auch Ihre Frage nach den Gründen: Zurück zum kirchlichen Marken-Kern und zu dem, was uns Christen konkurrenzlos wichtig macht: die Hoffnung des auferstandenen Christus über den Tod hinaus! Finger weg von Parteipolitik! Alles lassen, was Gewerkschaften oder Krankenkassen besser können. Ich wünsche mir eine missionarisch-fröhliche Kirche, die aus der Frohbotschaft keine Drohbotschaft macht, voller Vorschriften von Ökologie bis Gender oder Politik.

Sommerlogo GuH

Was verbindet Sie mit dem Reformator Luther?
Hahne: Moderator Hahne und Reformator Luther haben das gleiche Handwerkszeug, so wie Sie und Ihre gern gelesene Zeitung: Wir wollen, dass eine wichtige Nachricht ankommt. Dazu müssen beide sauber recherchieren, verständlich formulieren, ansprechend präsentieren, damit es die Leute interessiert und motiviert. Nichts anderes will ich in Stotternheim.

Stotternheim ist nun nicht das Zentrum der Reformation. Warum kommen Sie zum Lutherstein-Gottesdienst?
Hahne: Weil mich die sehr lebendige Gemeinde vor Ort eingeladen hat und weil ich es spannend finde, genau an der Stelle reden zu dürfen, wo quasi alles begann. Insofern ist Stotternheim doch der Nabel der Reformation (lacht).

Welche Botschaft haben Sie im Gepäck?
Hahne: Die von Luthers Wende in Stotternheim: Wer sich auf Gott verlässt, ist nie verlassen. Wer sich an den hängt, der am Kreuz hängt, hängt nicht durch. Denn wer auf sein Wort baut, steht auf festem Fundament.
Also lade ich alle herzlich ein, mit Klappstuhl und Sonnenschirm, zu: Hahne zwischen Torte und Tatort!

——————————————-

Am Sonntag, 2. Juli, 17 Uhr, wird der ZDF-Moderator und Theologe Peter Hahne am Lutherstein bei Stotternheim (Kirchenkreis Apolda-Buttstädt) in einem Gottesdienst unter freiem Himmel die Predigt halten. Musikalisch wird der Gottesdienst von der Stotternheimer Kirmesband umrahmt. Bei starkem Regen wird der Gottesdienst in die Stotternheimer Kirche verlegt. In diesem Gottesdienst wird ein neuer Steinaltar in Dienst genommen, der auf den Lutherstein Bezug nimmt.

Auf dem Lutherstein steht: »In einem Blitz vom Himmel wurde dem jungen Luther hier am 2. Juli 1505 der Weg gewiesen.« Auf dem Steinaltar wird ein Satz aus der Bibel stehen, der zum Nachdenken anregen soll: »Weise mir, Herr, deinen Weg, dass ich wandle in deiner Wahrheit.« (Psalm 86, Vers 11) Mit diesem Steinaltar soll das Projekt der Grünen Kirche am Lutherstein vollendet werden, dass vor einigen Jahren mit einer Baumpflanzung begonnen wurde. Die Bäume erinnern in ihrer Anordnung an die Säulen eines Kirchenschiffs.

Hintergrund: Am 2. Juli 1505 kam Martin Luther, damals noch Jura-Student, auf dem Weg von Mansfeld nach Erfurt nahe Stotternheim in ein schweres Gewitter. In Todesangst betete er und legte ein Gelübde ab: »Hilf du, Sankt Anna, ich will ein Mönch werden.« 14 Tage später erfüllte er dieses Gelübde und trat in das Erfurter Augustinerkloster ein. Dieses Ereignis war eine wichtige Weiche in Luthers Leben und auf seinem Weg zum Reformator. Auf dem Lutherstein wird es sogar als »Werdepunkt der Reformation« bezeichnet. Der Lutherstein wurde im Jahr des 400. Reformationsjubiläums, 1917, errichtet. In diesem Jahr wird er 100 Jahre alt.

www.kirche-stotternheim.de

Journalist: Evangelische Kirche biedert sich an

27. Juni 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Verriss: Ein kirchenkritisches Lutherbuch von Uwe Siemon-Netto

Die Lutheraner sind obrigkeitshörig und die Reformierten demokratisch gesinnt. Diese Ansicht wird in verschiedenen Varianten gerne gepflegt. Die »Deutschen Christen« hingegen hingen mit Luthers Zwei-Reiche-Lehre unterm Arm ihrem vermeintlich gottgesandten Führer an den Lippen und vergaßen vor lauter Obrigkeitshörigkeit, wie unchristlich und -menschlich dessen krude Ideologie war.

So war es wohl – wenn man denn verallgemeinern will oder muss. Dem in Leipzig geborenen Theologen und Publizisten Uwe Siemon-Netto gehen diese Verallgemeinerungen allerdings gegen den Strich. Er hält ihnen entgegen, der lutherische Protestantismus habe die Deutschen nicht zu »obrig­keitsduseligen Duckmäusern« gemacht – im Gegenteil. Luther sei ein »Lehrmeister des Widerstandes« gewesen. »Dieses Buch ist ein Plädoyer für den Freispruch Martin Luthers von dem stereotypen Vorwurf, der Wegbereiter Adolf Hitlers gewesen zu sein«, verspricht Siemon-Netto.

Feuilli-2017-25Das Vorhaben scheint ehrenwert, baut aber bei näherem Hindenken auf einer populistischen Verzerrung auf, schließlich wirft niemand Luther vor, bewusst Weichen in Richtung antisemitischer Ideologie des 20. Jahrhunderts gestellt zu haben. Dass er von den Nazis instrumentalisiert wurde, ist hingegen unbestreitbar. Sei’s drum: Die Argumente, mit denen Siemon-Netto Luther vor ideologischer Vereinnahmung schützen will, sind gar nicht schlecht. Penibel analysiert er Luthers Schriften und entmachtet das Vorurteil, Luther sei ein Fürstenknecht gewesen. Ja, es kann sich lohnen, Luther von Klischees zu befreien und noch einmal gründlich zu lesen. Und es ist erhellend zu sehen, wie fromme Männer im Geiste Luthers den Nazis die Stirn boten, zum Beispiel Carl Goerdeler oder Dietrich Bonhoeffer.

Siemon-Netto geht allerdings noch weiter. »In Wahrheit«, schreibt er, »war Luther der Lehrmeister der Résistance gegen jegliche Tyrannei.« Mit einem Augenzwinkern könnte man das behauten und Luther in ein Che-Guevara-Gewand kleiden. Bei Siemon-Netto klingt das jedoch wie undifferenzierte Lobhudelei. Ebenso seine Deutung, die friedliche Revolution sei ein »sehr lutherisches Ereignis« gewesen. Der christliche Glaube kann Menschen zweifellos darin bestärken, gegen Tyrannen vorzugehen. Aber, dass die Lutheraner da gegenüber den Reformierten oder Katholiken im Vorteil wären, ist eine bloße Behauptung.

Wie besessen schimpft Siemon-Netto auf »Kirchenführer« der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und behauptet, sie würden einen »Kotau vor dem extremen Feminismus und dem Massenmord an ungeborenem Leben« machen. Dann folgt ein Rundumschlag. Siemon-Netto prangert die Gleichstellung Homosexueller und das Gender Mainstreaming an, da die göttliche Schöpfungsordnung dadurch unterminiert werde.

Der EKD-Reformationsbotschafterin Margot Käßmann wirft er »klerikale Hypokrisie« vor, sie habe Luther nicht begriffen. »Kirchenfunktionäre« weigerten sich »gefühlsduselig«, Muslimen das Evangelium zu verkünden, und die »Tragik« der EKD bestehe darin, dass dort viele zu »bibelwidrigem Denken« zurückgekehrt seien.

Mit seinen Rundumschlägen stellt sich Siemon-Netto selbst ins Abseits und disqualifiziert sich als ernst zu nehmender Dialogpartner. Schade eigentlich.

Uwe Birnstein

Siemon-Netto, Uwe: Luther. Lehrmeister des Widerstands. Fontis-Verlag, 234 S., ISBN 978-3-03848-092-1, 15,99 Euro

Himmlisches und irdisches Regiment

20. Juni 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Glaubenskurs zur Theologie Martin Luthers: Zwei-Reiche-Lehre

Auf den ersten Blick erscheint Luthers Zwei-Reiche-Lehre oder genauer, seine Lehre von den zwei Regimenten Gottes, dem himmlischen und dem irdischen, wie ein besonders vergilbter Anachronismus oder noch schlimmer: als eine theologische Gewaltrechtfertigung um jeden Preis.

Der Himmel, so tönen täglich stattdessen die Siegestrompeten des alles überrollenden Säkularismus, ist durchschaut, so gut wie restlos, auf jeden Fall prinzipiell: Kein Gott weit und breit, weder oben noch unten, nicht hinten, nicht vorne – bis an den Rand der Quasare, kurz vor dem Urknall: Nein, kein Gott. Nirgends! Alles nur Staub, Trümmer, Gravitationen, Explosionen, Chaos zuerst und zuletzt. Dazwischen Evolution. Milben, Mäuse, Menschen. Was bedeutet: Hier spielt die Musik, wenn es um uns geht: Ordnungs-Musik! Hier tönt die Heils-Melodie. Und für diese Musik, die hier aufgeführt wird, sind wir zuständig, wir, die Menschen, wir allein: Wir können das. Wir wollen das. Wir schaffen das! Das Reich der Welt, ein Welt-Reich wachsender Vernunft! Wer es glaubt, wird selig! Selig in den politischen Sinnkonjunkturen zwischen Demokratie und Diktatur, Monarchie und Republik, National- und Weltstaat.

Selig im Irdischen aber, das wissen wir doch, kann auch werden, wer nur zynisch ist, frivol, terroristisch. Wer ausbeutet, schindet, unterdrückt. Wer lügt, betrügt, mordet. Im fürstlichen Eroberungskrieg, im sozialrevolutionären Befreiungskrieg, im imperialistischen Handelskrieg, in den Blutexpeditionen des demokratischen Interventionismus. Was Luther alles schon wusste. Wusste wie kaum ein anderer Theologe bis heute: Seine Lehre von den zwei Regimenten war eine fundamentale Antwort auf die Hydra Hybris, diese elende Versuchungsstärke des Menschen seit Adams Fall.

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In seiner Schrift »Von weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei« aus dem Jahre 1523 lässt er kein gutes Haar an machtgierigen Fürsten, die glauben, im Recht zu sein, wie an tobendem Revolutionspöbel ebenso, der noch heute für die gute Welt von Morgen mordet, mithin an entfesselten Herrschern wie Beherrschten gleichermaßen, und bindet die einen wie die anderen an das erste Reich, das Reich Gottes, wenn ihr Tun im zweiten, dem weltlichen Reich, nicht böse sein, werden oder enden soll: »Aufs Erste müssen wir das weltliche Recht und Schwert gut begründen, dass nicht jemand daran zweifle, es sei durch Gottes Willen und Ordnung in der Welt.« Warum?

Luthers Antwort ist klar, von keiner Vernunftillusion getrübt, denn diese Anbindung wiederum ist die Voraussetzung klarer Trennung, Unterscheidung: »Wo das nicht wäre, sintemal alle Welt böse und unter Tausenden kaum ein rechter Christ ist, würde eines das andere fressen, dass niemand Weib und Kind aufziehen, sich nähren und Gott dienen könnte, wodurch die Welt wüst würde.« Und eben deshalb habe Gott »die zwei Regimente verordnet: das geistliche, welches durch den Heiligen Geist Christen und fromme Leute macht, unter Christus, und das weltliche, welches den Unchristen und Bösen wehrt, dass sie gegen ihren Willen äußerlich Frieden halten und stille sein müssen«. Denn eines ist auch klar: »Wenn nun jemand die Welt nach dem Evangelium regieren und alles weltliche Recht und Schwert aufheben und vorgeben wollte, sie wären alle getauft und Christen … Lieber, rate, was würde der machen? Er würde den wilden, bösen Tieren die Bande und Ketten auflösen, dass sie jedermann zerrissen und zerbissen, und daneben vorgeben, es wären feine, zahme, kirre Tierlein.«

Wo Luther fundamental unterschied und essenziell verband in einem, den Geschichtshorizont mit dem Ewigkeitsgrund in unauflöslicher Heilsdialektik erfasste, um so etwas wie einen christlich inspirierten, in der Normativität der Gesetzestafeln verankerten Rechtsstaat zu begründen, modern gesprochen – da kommt, ein halbes Jahrtausend nach ihm, immer stärker ins Spiel eine rechtsphilosophische Luxus-Theorie, die glaubt, es sich leisten zu können, eben jene unaufgebbaren Voraussetzungen, von denen Luther spricht und auch der freie, säkularisierte Rechtsstaat lebt, nicht mehr garantieren zu können (Wolfgang Böckenförde).

Aber solche Leerstelle, als zunehmende Praxis bis ins unschuldig gedeutete Mörderische, verweist zuletzt nur auf eines: auf die Aktualität der Lehre Martin Luthers von den zwei Regimenten: Sie füllt sie.

Ulrich Schacht

Der Autor ist Schriftsteller und Theologe, er steht der evangelischen Bruderschaft St.-Georgs-Orden vor.

Gott in allem, was wir sind und tun

19. Juni 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Gott wohnt im Gehirn: Diese These vertreten manche Hirnforscher, doch kann man sie ganz unterschiedlich verstehen. Aus christlicher Perspektive ist man versucht zu sagen: Ja, da auch!

Der christliche Glaube versteht Gott als jemanden, der uns allen jederzeit gegenwärtig ist. Und so wie er in uns und in allen Dingen der Schöpfung gegenwärtig ist, so ist er es auch in unserem Gehirn.

Martin Luther hat deshalb behauptet, dass Gott nicht nur größer ist als alles, was überhaupt groß genannt zu werden verdient, von ihm gilt auch: »Nichts ist so klein, Gott ist noch kleiner …« Für Luther waren solche Überlegungen der Hinweis darauf, dass Gott nicht ein ausgestrecktes, langes, breites, dickes, hohes oder tiefes Wesen ist, sondern dass für ihn gilt, dass er auf wunderbare Weise allen und in allem ganz gegenwärtig sein kann. Im Gehirn eingesperrt ist er auf jeden Fall nicht.

Aber die These von Gott im Hirn ist ja meist so gemeint, dass Gott verstanden werden muss als Hirngespinst oder Kopfgeburt. Wann immer wir eine Hand oder einen Fuß bewegen, geschieht dies aufgrund von Gehirnvorgängen. Kann es nun nicht auch sein, dass unsere Gehirne überhaupt oder die Gehirne von religiösen Menschen im Besonderen so gebaut sind, dass sie religiöses Empfinden und damit dann auch Gottesvorstellungen hervorbringen? Immerhin hat man nachgewiesen, dass bei Menschen, die im Gebet oder in der Meditation versunken sind, bestimmte Bereiche im Stirnhirn, die mit Konzentration, Aufmerksamkeit und sozialem Empfinden zu tun haben, verstärkt aktiv sind. Andere Bereiche dagegen, die beim rationalen Denken, beim Sehen oder bei der Raum-, Zeit- und Köperwahrnehmung besonders beansprucht werden, zeigen eine reduzierte Aktivität.

Gibt es das »Gottesmodul« in unserem Gehirn? Forscher haben angeblich Hirnstrukturen entdeckt, die für Religion, Spiritualität und möglicherweise den Gottesgedanken direkt verantwortlich sind. Illustration: Yuriy Mazur-fotolia.com

Gibt es das »Gottesmodul« in unserem Gehirn? Forscher haben angeblich Hirnstrukturen entdeckt, die für Religion, Spiritualität und möglicherweise den Gottesgedanken direkt verantwortlich sind. Illustration: Yuriy Mazur-fotolia.com

Was sagt das über damit verbundene Gottesvorstellungen? Zunächst einmal herzlich wenig. Denn das dürfte schon seit Langem klar sein, dass alles, was wir wahrnehmen, empfinden und denken, auf Vorgängen im Gehirn beruht und deshalb auch einen Niederschlag in diesen Vorgängen findet. Auch Religion und Spiritualität spiegeln sich in den Untersuchungen der Hirnforscher, ebenso wie Kunst, Musik, Gefühle, aber auch die Prozesse, die die Hirnforschung selbst möglich machen.

Aufregender wird der Befund durch die Behauptung einiger Forscher, man habe Gehirnstrukturen entdeckt, die für Religion, Spiritualität und möglicherweise den Gottesgedanken direkt verantwortlich sind. Ein Forscher hat gar vom »Gottesmodul« gesprochen und ein wenig selbstironisch darüber spekuliert, ob eine operative Entfernung von Teilen des Schläfenlappens einer Entfernung des Gottesglaubens aus dem Denken dieser Person gleichkäme. Gott selbst wäre dann nichts anderes als das Produkt des Gehirns.

Da es Religion mit etwas zu tun hat, was wir mit unseren Sinnen in der Erfahrungswirklichkeit nicht direkt wahrnehmen können, liegt die These nahe, dass die Vorstellungen, die Begriffe und Bilder der Religionen, wie Wunder, Seele, Geist, ein Leben nach dem Tod oder eben die Vorstellung eines Gottes, nichts anderes sind als Gedanken. Und ihre Überzeugungskraft würden diese Gedanken dadurch erhalten, dass sie durch die Strukturen unseres Gehirns wie von selbst entstehen und sich unserem Denken und unserer Vorstellungskraft aufdrängen, ohne dass es etwas Entsprechendes in der Wirklichkeit gibt. Durch die in unserem Gehirn gelegten neuronalen Pfade bringt unser Denken Gott hervor.

Doch das alles ist durch Experimente schwer zu belegen. Im Jahr 2004 hatte ein »Manifest« von elf deutschen Hirnforschern noch behauptet, man werde bald allen menschlichen Empfindungen auf ihre neuronale Spur kommen und sie mit Hilfe der Hirnforschung erklären können. Und das würde dann auch ihre Manipulation durch Psychopharmaka oder gar operative Eingriffe möglich machen. Religion oder Religionslosigkeit auf Rezept, gewissermaßen. Doch inzwischen ist deutlich geworden, dass Gefühle überhaupt und religiöse Erfahrungen oder gar Glaubensvorstellungen viel zu komplex sind und zum Beispiel auch von sprachlichen, kulturellen, körperlichen und je individuellen Prägungen abhängen, als dass man sie auf die Aktivität von Gehirnarealen reduzieren und sie einfach an- oder abschalten könnte.

Man kann sich das auch an anderen Phänomenen klarmachen. Wenn wir zum Beispiel Schmerzen empfinden, werden bestimmte Areale in unserem Gehirn besonders aktiv. Wir können auch die diese Aktivität auslösenden Nervenleitungen feststellen. Wir haben dann ein ganzes Netz von Ursachen und Wirkungen, von denen wir sagen, dass sie das Schmerzempfinden auslösen. Das alles macht aber den Schmerz in seiner Schmerzhaftigkeit nicht erträglicher. Erklärter Schmerz hört nicht auf, wehzutun und uns in unserem Leben zu beeinträchtigen. Der Schmerz verlangt nach einem Verstehen, das über das Erklären hinausgeht. Wir müssen ihm eine Deutung, einen Sinn geben. Aber niemand kann garantieren, dass die Deutung sich für jemanden konkret bewährt. Oft ist fraglich, ob der Sinn, den wir dem Schmerz geben, dem konkreten Schmerz standhält.

Ähnlich verhält es sich mit der Freude, der Liebe, der Gelassenheit. Der Sinn, den wir unseren Erfahrungen oft erst nachträglich geben können, liegt nicht in den Erfahrungen, er liegt jenseits von ihnen. So ähnlich scheint es mir mit »religiösen« Erfahrungen zu sein. Sie sind mit bestimmten Gehirnvorgängen verbunden. Aber dass wir sie als etwas verstehen, in dem uns Gott begegnet oder sich uns der Sinn unserer Existenz erschließt, ein bestimmter Schmerz für uns erträglich wird, wir uns unserer Schuld schmerzhaft bewusst werden oder gelassen mit uns ins Reine kommen, ist etwas, das jenseits dieser Erfahrungen liegt.

Nichts ist von sich aus eine Erfahrung Gottes, aber alles kann zur Got­teserfahrung werden. Denn Gott ist nicht eine Erfahrung unter anderen, Gott ist der Grund und das Ziel aller Wirklichkeit. Dass uns das aufgeht, dass wir uns als getragen und herausgefordert sehen durch den alles tragenden Grund der Wirklichkeit, ist ein Hinweis auf Gott selbst, der größer ist als alles, was uns groß erscheint, und der kleiner ist als alles, was unbedeutend scheint, der uns vielmehr näherkommt, als wir uns selbst nahekommen können, weil er auch das noch in unserem Leben zurechtbringt, bei dem wir versagen: bei unserer Lieblosigkeit uns und anderen gegenüber. Dann »wohnt« Gott nicht nur im Gehirn, sondern in allem, was wir sind und tun.

Dirk Evers

Mehr Hinweise dafür als dagegen

Wissenschaft und Glaube: Ein Physiker auf der Suche nach Gott

Albrecht Kellner wurde 1945 in Namibia geboren und studierte in Göttingen und Kalifornien Physik. Er promovierte über Einsteins Relativitätstheorie und war zuletzt stellvertretender Technischer Direktor der europäischen Raumfahrtfirma Astrium, einer EADS-Tochter. Über das schwierige Verhältnis zwischen Wissenschaft und Glaube sprach er mit Katja Schmidtke.

Der Physiker Albrecht Kellner. Foto: privat

Der Physiker Albrecht Kellner. Foto: privat

Herr Kellner, Sie sind Physiker und Christ. Was war zuerst in Ihnen, die Suche nach den Naturgesetzen oder die nach Gott?
Kellner:
Eigentlich beides. Ich bin christlich erzogen worden, evangelisch getauft, konfirmiert, aber meine persönliche Beziehung zu Gott habe ich erst viel später, mit 25 Jahren, gefunden. Als ich begann, Physik zu studieren, war ich neugierig auf ihre Gesetze, weil ich glaubte, in ihnen die Antwort auf die große Frage nach dem Sinn des Lebens zu finden. Ich wollte, um es mit Faust zu sagen, wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Aber ich merkte schnell: Darauf geben die Naturwissenschaften keine Antwort. Sie entdecken und beschreiben Gesetze, aber nicht, woher sie kommen, was ihr Hintergrund ist.

Es ist nicht möglich, Gott durch die Naturgesetze auf die Spur zu kommen?
Kellner:
Sie kennen das Heisenberg-Zitat: Der erste Trunk aus dem Becher der Naturwissenschaft macht atheistisch, aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott. Tatsächlich herrschte ja bis zur modernen Physik, also bis zu Schrödinger, Einstein, Planck und Heisenberg eine große Dissonanz zwischen Naturwissenschaft und Glaube. Dann wandelte sich das Bild. Die Physik entdeckte, erforschte und beschrieb Gesetzmäßigkeiten, die biblischen Aussagen nicht fremd sind.

An was denken Sie konkret?
Kellner:
Bis zu Einstein ging die Wissenschaft beispielsweise davon aus, das Universum sei schon immer da gewesen, es habe keinen Anfang und kein Ende, und weil es keinen Anfang habe, hat es auch keinen Urheber. Aber die Urknall-Theorie besagt, dass das Universum aus dem Nichts entstanden ist, dass es vorher weder Materie noch Raum oder Zeit gab – und das finden wir auch in der Bibel, in der Schöpfungsgeschichte natürlich: »Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.« Oder im Hebräer-Brief: »Durch den Glauben erkennen wir, dass die Welt durch Gottes Wort geschaffen ist, dass alles, was man sieht, aus nichts geworden ist.« Der Urknall ist ein Schöpfungsakt par excellence. Oder die Biologie: Bis vor etwa 150 Jahren war es für Wissenschaftler unvorstellbar, dass die Erde einmal wüst und leer war, so wüst und leer wie im 1. Buch Mose beschrieben und dass sich das Leben dann schrittweise entwickelt hat. Heute gehört das zum Allgemeinwissen.

Das allein ist kein Gottesbeweis.
Kellner:
Das stimmt. Wir können Gott nicht beweisen, zumindest nicht mit naturwissenschaftlichen Experimenten, und wir sollten biblische Aussagen auch nicht auf die naturwissenschaftliche Goldwaage legen. Aber für mich ist nicht zu leugnen, dass hinter all unseren Lebensbedingungen, der Art, wie unser Weltall und die Erde gemacht sind, hinter all den Naturgesetzen eine immense Intelligenz steckt.

Sie sind ein Vertreter des Intelligent Designs?
Kellner:
Ich bin kein Verfechter eines engen Kreationismus, nein. Ich möchte durch meine Vortragsarbeit für die Internationale Vereinigung Christlicher Geschäftsleute und Führungskräfte (IVCG) Vorurteile abbauen, dass Naturwissenschaft und Glauben dissonant sind, ich möchte darauf hinweisen, dass die moderne Physik zu Erkenntnissen gekommen ist, die mit biblischen Aussagen zumindest konvergent sind; auch wenn beispielsweise die Frage der zeitlichen Dimension noch offen ist. Die Naturgesetze liefern jedenfalls aus meiner Sicht mehr Hinweise für die Existenz eines Schöpfers als dagegen. Aber natürlich kann man Menschen durch naturwissenschaftliche Erkenntnisse nicht dazu bringen, zu glauben. Nur das Evangelium führt zur Erfahrung des Sinns des Lebens.

www.ivcg.org

Generation 2017: Gebete, Schweiß und Reformation

4. Juni 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

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Fotos: Steffen Giersch, epd-bild, Willi Wild

Fotos: Steffen Giersch, epd-bild, Willi Wild

Das Festwochenende in der Lutherstadt

Als die Sonne über der Wittenberger Elbwiese aufging, erklang leise, sphärische Musik aus den Lautsprechern. Noch etwas müde wischte sich der Stuttgarter Pfarrer Dieter Heugel den Schlaf aus den Augen. Und auch Petra und Julia Zott aus Oberroth schälten sich aus ihren Schlafsäcken. Gemeinsam mit gut 10 000 anderen hatten sie unter freiem Himmel die »Nacht der Lichter« der Brüder aus Taizé miterlebt und gleich auf dem Festgelände übernachtet.

Impressionen vom  Festwochenende am Elbufer Fotos: Steffen Giersch, epd-bild, Willi Wild

Impressionen vom Festwochenende am Elbufer. Fotos: Steffen Giersch, epd-bild, Willi Wild

Auf der schattenlosen Festwiese waren in der Frühsommerhitze alle erdenklichen Arten von Sonnenschutz willkommen – Schlafsäcke aus der Nacht wurden zu Sonnensegeln umfunktioniert. Am Ende sind 120 000 Menschen zum Abschlussgottesdienst auf die Festwiese gekommen. Das sind deutlich weniger als die ursprünglich erhofften 200 000 Besucher. Der guten Stimmung tat das keinen Abbruch. »Ich glaube: Martin Luther wäre sehr zufrieden mit uns«, rief Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) der Kirchentagsgemeinde zu.

Und die erlebten in jedem Fall den größten Gottesdienst, den Deutschlands Protestanten im Lutherjahr 2017 feierten.

Fotos: Steffen Giersch, epd-bild, Willi Wild

Fotos: Steffen Giersch, epd-bild, Willi Wild

Entsprechend intensiv wurde der Reformator gewürdigt: »Man kann den Beitrag Martin Luthers zu dem Teil der Welt, der durch Europa beeinflusst ist, gar nicht hoch genug einschätzen«, sagte der südafrikanische Erzbischof Thabo Makgoba in seiner Predigt (siehe letzte Seite).

Der EKD-Ratsvorsitzende, Bischof Heinrich Bedford-Strohm, hoffte gar auf das Entstehen einer »Generation 2017, in der junge Leute aufbrechen«. »Eine Generation, die aus dem Reformationsjubiläumsjahr einen Neuaufbruch zum Glauben mitnimmt und uns alle einschließt«, so Bedford-Strohm.

Fotos: Steffen Giersch, epd-bild, Willi Wild

Fotos: Steffen Giersch, epd-bild, Willi Wild

Die Bundespolizei war mit mehr als 700 Einsatzkräften aus neun Bundesländern im Einsatz in Wittenberg und sicherte vor allem die An- und Abreise der Teilnehmer mit der Bahn. Die von der Bundeswehr über die Elbe errichtete Pontonbrücke war stark frequentiert. Schätzungen zufolge soll sie für den Hin- und Rückweg etwa 50 000 Mal genutzt worden sein. Die Bundeswehr hatte 250 Soldaten im Einsatz.

Die Johanniter-Unfall-Hilfe war mit 750 Kräften für den Sanitätsdienst vor Ort. 715 Hilfeleistungen wurden regis­triert. Aufgrund der hochsommerlichen Temperaturen litten die meisten Patienten unter Überhitzung und Überanstrengung, hieß es.

(GKZ/epd)


Der düstere Prophet mit Charisma

23. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

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Johannes Calvin: Wo Martin Luther keinen Einfluss hatte, wurde Calvin als großer Reformator geehrt

Es ist ein merkwürdiges Phänomen: Dieser Johannes Calvin, zunächst Jurist und dann erst Seelsorger, hielt eine um die andere düstere Predigt über die abgrundtiefe menschliche Sündhaftigkeit und über einen zornigen Gott – aber gerade dadurch zog er die Massen magisch an. Johannes Calvin ist für die Schweiz und Frankreich und später auch für die USA, Kanada, Australien das gewesen, was Martin Luther für Deutschland und die skandinavischen Länder war. Ein charismatischer Reformator mit einer Ausstrahlung weit über den Tod hinaus.

Geboren wurde Jehan Cauvin, wie er eigentlich hieß, 1509 im nordfranzösischen Noyon in der Picardie, als Sohn eines bischöflichen Sekretärs und Finanzbeamten. Die Mutter starb früh. Der Vater bestimmte ihn und zwei seiner Brüder für die geistliche Laufbahn. Plötzlich kommandierte der Vater, nicht Theologie solle er studieren, sondern Jura, damit lasse sich mehr Geld verdienen. Johannes gehorchte, vertiefte sich in die Logik und Präzision juristischer Beweisführungen. Und dann gehorchte er nicht mehr. Er lernte die aufmüpfigen Ideen des deutschen Kirchenreformers Martin Luther kennen, war Feuer und Flamme – und entdeckte sein Talent, andere mitzureißen.

Das Verhängnis nahte, als Calvins Freund Nicolas Cop zum Rektor der Pariser Universität gewählt wurde. Gemeinsam mit Calvin schrieb er eine provokante Antrittsrede voll reformatorischer Parolen und Visionen. Der König höchstpersönlich befahl die Verhaftung der beiden. Calvin tauchte zunächst unter und floh später in die Schweiz. Und vollendete hier im Exil als Sechsundzwanzigjähriger seine »Institutio Christianae Religionis«, auf Deutsch »Unterricht in der christlichen Religion«.

Sandsteinstatue des französischen Reformators Johannes Calvin (1509–1564) im Berliner Dom. Foto: epd-bild

Sandsteinstatue des französischen Reformators Johannes Calvin (1509–1564) im Berliner Dom. Foto: epd-bild

Wie Luther und seine Gesinnungsgenossen drüben in Deutschland verlangt Calvin eine geistige und geistliche Reform der Kirche. Die Bibel und das vertrauensvolle Gebet statt des halb heidnischen Reliquienkults und des Geschäfts mit Ablässen. Die Kirche als unsichtbare Gemeinschaft der Freunde Gottes statt eines hierarchisch gegliederten Machtapparats.

Die Motive und die Ziele teilt Calvin tatsächlich mit all den religiösen Aufbruchsbewegungen seiner Zeit. Aber härter, illusionsloser als alle anderen vertritt er die Ansicht, dass es letztlich überhaupt nicht auf die Anstrengungen, die Gebete, das fromme Handeln des Menschen ankommt, sondern einzig und allein auf den Willen Gottes. Ob ein Mensch scheitert oder nach dem Tod in die Seligkeit eingeht, ist seit Ewigkeit vorherbestimmt. Das ist Calvins Antwort auf das Problem, warum der eine glaubt und der andere sich nicht um Gott schert. Dass sein Gott so willkürlich über das ewige Glück und Unglück seiner Menschen entscheiden kann, das entzückt Calvin – offenbart das doch die absolute Macht und Majestät dieses Gottes, und nur darauf kommt es ihm an.

Sogar eine frühe demokratische Tendenz steckt in dieser harten Disziplin dem Evangelium gegenüber, denn aus der privaten Moral des einzelnen Christenmenschen wird flugs eine gesellschaftliche. Und auch gekrönte Häupter müssen sich plötzlich fragen lassen, wie sie mit ihrer von Gott verliehenen Macht umgehen. Wie ein Prophet aus dem alten Israel verkündet Calvin den Tyrannen ihren Sturz – nicht unbedingt durch eine Volkserhebung, sondern durch einen dynamischen Robin Hood, der sich zum Retter der Ausgebeuteten macht. Später wird er für eine Kontrolle der Regierung durch Volksvertreter plädieren beziehungsweise für eine von den Klügsten und Anständigsten geführte Republik, wie er es in Genf vorexerziert.

In Genf kommt er 1536 auf der Flucht aus Frankreich an. Eigentlich ist er nur auf der Durchreise nach Straßburg. Doch in Genf geht es drunter und drüber. Immer wieder haben sich die Bürger der reichen Handelsstadt gegen die Herrschaft der Herzöge von Savoyen und der von diesen protegierten Bischöfe aufgelehnt. Schließlich verjagen sie den Bischof und nehmen aus Trotz den evangelischen Glauben an. Calvin bleibt, als Pastor, ohne je die Priesterweihe erhalten zu haben. Er wirft sich voll in die Konflikte, predigt, schreibt Briefe, führt Verhandlungen, macht Wahlkampf für den Stadtrat, taktiert, intrigiert, lockt Gesinnungsgenossen aus Frankreich nach Genf – und arbeitet an einem Sittenregiment, mit Überwachungsmaßnahmen, Kontrollorganen und saftigen Sanktionen.

Wallfahrten und Rosenkranzbeten steht genauso unter Strafe wie eine zu auffällige Frisur, Würfelspiel und Tanzen. Und die Strafen sind hart: nicht etwa eine symbolische Geldbuße, sondern Pranger, Gefängnis, Ausweisung – bei Ehebruch, Gotteslästerung und Götzendienst sogar die Hinrichtung. In einem einzigen Jahr schleppt man vierzehn vermeintliche Hexen zum Scheiterhaufen. Was freilich alles nicht Calvins Erfindung ist. Ähnliche moralische Reglements gab es in Genf schon vor seiner Zeit und es gibt sie in vielen Städten.

Nach 22 Monaten schickt der Rat Calvin in die Verbannung, aus ziemlich nichtigen Gründen. Calvin lebt jetzt im weltläufigeren Straßburg. Er heiratet eine arme Witwe, die schon mehrere Kinder hat. Als sie nach neun Jahren stirbt, spricht er sehr freundlich über sie und bleibt bis zu seinem Tod allein. Drei Jahre nach seiner Verbannung holen die Stadtväter Johannes Calvin zurück nach Genf.

Die Kirchenleitung ist, mit durchaus demokratischen Ansätzen, in Pfarrer, Lehrer, Diakone und »Älteste« gegliedert. Die Ältesten kommen aus dem Rat der Stadt und sollen garantieren, dass geistliche und weltliche Obrigkeit an einem Strang ziehen und das private und öffentliche Leben der Einwohnerschaft lückenlos überwachen. Am Sonntag müssen alle am Gottesdienst teilnehmen. Wirtshäuser, Theater sind verboten, zu üppige Gastmähler und auffallende Kleidung natürlich auch. Die Ältesten besuchen einmal pro Jahr jeden Genfer Haushalt und notieren unbarmherzig jede Abweichung von den Anordnungen. Frauen, die ihr Haar modisch hochfrisieren, werden verwarnt, und Familienväter, die ihren Kindern Vornamen aus dem verpönten katholischen Heiligenkalender geben, wandern ins Gefängnis. Doch diese harten Bestimmungen wurden nicht von einem Diktator Calvin, sondern von der Stadtregierung erlassen und von den Bürgern akzeptiert – von den meisten jedenfalls.

Die Kehrseite der Medaille ist eine wirksame Armenfürsorge – und ein hervorragendes Bildungswesen. Calvin gründet Schulen und eine Akademie, die sich ohne Scheuklappen mit den aktuellen Denkströmungen auseinandersetzt, er holt Latein- und Griechischlehrer und Theologen aus ganz Europa nach Genf und schickt dafür gut ausgebildete Missionare nach Frankreich, Holland, England, Schottland. Ausländische Besucher sind begeistert. Sogar Papst Pius IV. muss grimmig einräumen: »Die Stärke dieses Ketzers bestand darin, dass Geld nie die leiseste Anziehungskraft für ihn hatte. Hätte ich solche Diener, reichte meine Herrschaft von Meer zu Meer.«

Johannes Calvin, der düstere Prophet, schmächtig, ausgezehrt, blasses Gesicht mit langem dünnem Bart, durchdringende, kalte Augen, dieser finstere Asket muss ein unwiderstehliches Charisma gehabt haben.

Calvin wurde immer kränker, er sah aus wie ein Skelett, aber in seinen eingesunkenen Augenhöhlen brannte immer noch ein Feuer. Bis zuletzt hielt er Bußpredigten, selbst wenn er sich auf einem Stuhl in die Kathedrale tragen lassen musste. Am 27. Mai 1564 starb er 55-jährig, nachdem er alle Anwesenden um Verzeihung für seine Zornesausbrüche gebeten hatte.

Überall dort, wo der als typisch deutsch geltende Martin Luther keinen Einfluss gewann, verehren sie heute Johannes Calvin als den großen Reformator und Erneuerer der Christenheit. Bis zu hundert Millionen Menschen gehören einer reformierten Kirche an. Seine autoritäre Moral und seine rigorose Lehre von der Vorherbestimmung sind längst geglättet und humanisiert, der barmherzige Gott des Evangeliums hat sich auch in Calvins Kirche durchgesetzt. Geblieben ist seine Überzeugung, dass Christus der einzige Herr jeder Kreatur ist und sich von daher jede Herrschaft von Menschen über Menschen verbietet.

Christian Feldmann

Ein Gefängnis wird zum Ort der Freiheit

22. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Internationale Gegenwartskunst trifft auf Martin Luther, den Avantgardisten seiner Zeit. Ein Rundgang durch die Ausstellung »Luther und die Avantgarde«.

Ein ehemaliges Gefängnis wird zu einem Ort der Freiheit, der künstlerischen Auseinandersetzung mit der geistigen Freiheit. Am 19. Mai öffnet das Alte Gefängnis in Lutherstadt Wittenberg seine Türen für die Besucher und präsentiert bis 17. September in der Ausstellung »Luther und die Avantgarde« zeitgenössische Kunst. Der Reformator steht nicht als historische Person im Vordergrund. Er dient als Denkmodell, als Ideengeber und wird als Avantgardist seiner Zeit verstanden. Luther habe die Religion und die Sprache revolutioniert und die Welt verändert, so Kuratorin Dan Xu. Die Ausstellung im Alten Gefängnis in Wittenberg frage nach der aktuellen Bedeutung der Reformation und
zeige dabei die Perspektive der Kunst.

Wandmalerei des chinesischen Künstlers Sun Xun: Ihn interessiert, wie geschichtliche Ereignisse reflektiert werden. Foto: Sun Xun

Wandmalerei des chinesischen Künstlers Sun Xun: Ihn interessiert, wie geschichtliche Ereignisse reflektiert werden. Foto: Sun Xun

70 Künstlerinnen und Künstler aus fünf Kontinenten setzen sich wie einst Martin Luther mit gesellschaftlichen Themen auseinander. Der Ausstellungsort, das Alte Gefängnis in Wittenberg mit seiner rustikalen Atmosphäre, ist außergewöhnlich. Die ehemalige Haftanstalt wurde eigens für die Ausstellung öffentlich zugänglich gemacht. Jeder Künstler gestaltete eine der auf drei Etagen befindlichen Zellen. Zu sehen sind Gemälde, Skulpturen, Installationen, Wandmalereien, Fotografien, Filme und Videos.

Mehrere Künstler nehmen Luthers Bibelübersetzung zum Anlass, sich der Sprache zuzuwenden. Die Wände im Treppenaufgang zieren chinesische Schriftzeichen. Es sind Schriftzeichen, die in China verboten wurden und deshalb verloren gingen. Etwa zwei Drittel der traditionellen Schriftzeichen seien aus dem Schrift- und Sprachgebrauch verschwunden. Die chinesische Künstlerin Jia wolle zeigen, wie mit dem Verlust der Schriftzeichen zugleich Kultur und Tradition in ihrem Land verloren gegangen sei. Der Text aus diesen Schriftzeichen, der sich den Treppenaufgang des Gefängnisses hinaufzieht, ist ästhetisch ansprechend, er sei jedoch bedeutungslos, so Kuratorin Xu.

Ein Roboter schreibt in handschriftlicher Kalligrafie die gesamte Bibel ab, eine Arbeit, die früher Mönche erledigten.

Xu Bing, ein chinesischer Künstler, beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Sprache und Schrift. Er schuf eine Sammlung von Büchern mit Schriftzeichen, ähnlich den chinesischen, die jedoch keine lesbare Bedeutung haben. Im Gegensatz dazu enthält sein »Book from the ground« Bildschriftzeichen, Emojis, die jeder Mensch interpretieren kann. Das 2014 veröffentlichte Buch ist als erstes belletristische Werk nur mit Emojis als Schriftzeichen geschrieben. Für die Ausstellung in Wittenberg übersetzte Xu Bing die Bibel in eine Symbolsprache.

Sun Xun, ebenfalls ein chinesischer Künstler, wuchs in der Zeit unmittelbar nach der chinesischen Kulturrevolution auf. Wie Kuratorin Dan Xu sagt, beeinflussen diese Erfahrungen seine Arbeit. Ihn interessiere, wie geschichtliche Ereignisse von den Menschen wahrgenommen und von den Medien dargestellt werden. Mit Luther habe er sich aus der Distanz heraus beschäftigt und gehe der Frage nach, was die heutige Lutherbibel mit der von damals zu tun habe.

Thema der tschechischen Künstlerin Eva Kotátková ist die Anatomie des menschlichen Körpers. In ihren Arbeiten geht es darum, wie Regeln, Erziehung, Konventionen und Kon­trollmechanismen auf den Menschen wirken. In Wittenberg präsentiert sie Folterinstrumente, unter anderem eine zur Foltermaschine umgebaute Druckmaschine.

»Licht ins Dunkel bringen« ist das Thema der Arbeit von Monica Bonvicini, einer Lichtinstallation.

Neben den genannten präsentieren auch bekannte Künstler wie Ai Weiwei, Stephan Balkenhol und Günther Uecker ihre Werke. Zum Teil wurden die Arbeiten eigens für die Ausstellung angefertigt, einige entstanden vor Ort oder wurden gezielt ausgewählt. Die künstlerischen Reflexionen kreisen um Themen wie Freiheit und deren Gefährdung, Demagogie und Widerstand, Verantwortung und Toleranz.

Sabine Kuschel

Große Bühne für die Reformation

22. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Drei, zwei, eins und … los! Jetzt heißt es »Bühne frei« für die Weltausstellung Reformation in Wittenberg.

Noch in der letzten Woche brauchte man viel Vorstellungskraft, um zu erahnen, was hinter den Bauzäunen entsteht. Aus Holz und Stahl und Lehm wuchsen in der Lutherstadt Pavillons und Bühnen. Für mehr als 100 Veranstaltungen pro Woche sollen sie vom 20. Mai bis 10. September Platz bieten für Gottesdienste und Podiumsdiskussionen, Workshops, Klassik- und Popkonzerte. Zum Startschuss der Weltausstellung anlässlich des 500. Reformationsjubiläums will die Wittenberger Altstadt von sieben Themengebieten umgeben sein, den »Toren der Freiheit«.

Eine Freiluftausstellung entlang der Altstadtgrenzen Wittenbergs lenkt ab dem 20. Mai den Blick auf die historischen Ereignisse und ihre Folgen bis in die Gegenwart. Bei der Weltausstellung Reformation dienen sieben »Tore der Freiheit« bis Mitte September als Präsentationsfläche für mehr als 80 Aussteller. Kirchen und Organisationen aus aller Welt fragen dabei nach den Herausforderungen unserer Zeit und laden zum Informieren, Mitdiskutieren und Feiern ein. Illu: r2017/G+H

Eine Freiluftausstellung entlang der Altstadtgrenzen Wittenbergs lenkt ab dem 20. Mai den Blick auf die historischen Ereignisse und ihre Folgen bis in die Gegenwart. Bei der Weltausstellung Reformation dienen sieben »Tore der Freiheit« bis Mitte September als Präsentationsfläche für mehr als 80 Aussteller. Kirchen und Organisationen aus aller Welt fragen dabei nach den Herausforderungen unserer Zeit und laden zum Informieren, Mitdiskutieren und Feiern ein. Illu: r2017/G+H

Wer am Hauptbahnhof mit dem Rundgang durch die ehemaligen Wallanlagen um die Lutherstadt startet, kann sich von der größten erklimmbaren Bibel der Welt aus einen Überblick verschaffen. Die Treppe im Turminneren bringt die Gäste im Zickzack dem Himmel näher und soll ihnen einen Perspektivwechsel ermöglichen. Auch der Platz für den Truck des Europäischen Stationenweges ist im Willkommensbereich vorgesehen. Er zeigt Reformationsgeschichten, die er aus verschiedenen Ländern mit nach Wittenberg bringt.

Daneben schicken alle Stationen der vergangenen Monate Städtebanner nach Sachsen-Anhalt. Von ihnen wird der Fußweg vom Bahnhof in die Innenstadt flankiert.

Zu den Themen Spiritualität, Jugend, Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung, Globalisierung, Kultur sowie Ökumene und Religion haben Institutionen aus Politik und Gesellschaft verschiedene Orte zum Innehalten, Lernen und zum Austausch geschaffen, zum Beispiel das »House of One« als interreligiöses Begegnungszentrum oder die Stege am Bunkerberg neben dem Lutherhaus zur Selbsterfahrung und Meditation.

Auch Landeskirchen aus dem Verbund der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) tragen mit eigenen Projekten zur Weltausstellung bei. So lassen die Bayern im Torraum Ökumene einen Garten entstehen, der aus jedem Jahrhundert seit Martin Luther einen Reformator der bayerischen Kirchengeschichte vorstellt. Hannover schafft einen »Erlebnis-Raum«, in dem sich Besucher mit der Bedeutung der Taufe auseinandersetzen und an ihr eigenes Christwerden erinnern lassen können.

Einen weiteren Erlebnisraum bietet die Landeskirche Hessen und Nassau rund um das Thema »Segen«. Neben ihrer preisgekrönten »LichtKirche«, die für Trauungen und Taufen gebucht werden kann, soll im Torraum Globalisierung der Segens-Roboter »BlessU-2« zur Diskussion anregen.

Dienstags ist Ruhetag auf der Welt­ausstellung, was aber keine Langeweile bedeutet. Vier Besuchermagnete der Lutherstadt werden durchgehend geöffnet sein: das Riesenrad »Zwischen Himmel und Erde« in den südlichen Wallanlagen dreht sich für Aussichts- und Gesprächssuchende gleichermaßen, denn auf Wunsch steigt ein Seelsorger mit in die Gondel. Yadegar Asisis Panorama »Luther 1517« lädt zu einem Rundgang durch das damalige Wittenberg ein. Und auch die beiden Kunstausstellungen (»Luther! 95 Schätze – 95 Menschen« mit der Mitmachausstellung »Der Mönch war’s!« sowie »Luther und die Avantgarde«) am Ost- und Westende der Altstadt haben Dauerbetrieb.

Christina Özlem Geisler (epd)

Intellektueller Kopf der Reformation

16. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Ohne Philipp Melanchthon gäbe es die evangelische Kirche nicht

Wittenberg, 29. August 1518. Der größte Hörsaal der Universität ist überfüllt. Die Studenten warten auf ein Wunderkind, das ihr neuer Professor sein soll. Erst 21 Jahre ist er alt, dieser Philipp Melanchthon (1497–1560), und schon zum Lehrstuhlinhaber für griechische Sprache ernannt. Ein sagenhafter Ruf eilt ihm voraus. Ein kleines Männchen erklimmt den Katheder, schüchtern und mit hängenden Schultern. Leise, stockend beginnt der knabenhafte Professor zu reden, einen Sprachfehler hat er auch.

Was er zu sagen hat, reißt die Hörer mit. »Zu den Quellen«. Zurück zum Urtext der Bibel. Das ist – bereits in der allerersten Vorlesung – das Programm für eine Revolution des ganzen Bildungswesens. Auch Melanchthons vierzehn Jahre älterer Kollege Martin Luther, in Wittenberg Professor für biblische Theologie, ist fasziniert.

Das war der Beginn einer nicht gerade überschwänglichen, aber beständigen Freundschaft. Die beiden Männer waren in ihrer Persönlichkeit denkbar verschieden: Luther der stürmische Kraftmensch, der gern mit dem Kopf durch die Wand wollte, hitzig, reizbar, cholerisch, in seinen Attacken oft maßlos übertreibend. Melanchthon vorsichtig, stets auf Ausgleich bedacht, klug abwägend, aber auch ängstlich und risikoscheu. Bei der Motivation aber war dieselbe: die leidenschaftliche Sehnsucht nach einer geläuterten, zum Ursprung zurückgeführten Kirche, und die Liebe zur Bibel, die wieder zum alleinigen Maßstab christlicher Lehre werden sollte.

Philipp Melanchthon ist jener messerscharfe Denker gewesen, der die luthersche Vision mit humanistischer Gelehrsamkeit verbunden und damit den reformatorischen Ideen ihre solide gedankliche Basis gegeben hat.

Melanchthon war es, der Luther zu seiner Bibelübersetzung anregte. Es war Melanchthon, der die reformatorische Theologie in geschliffenen wissenschaftlichen Abhandlungen verteidigte, bei Religionsgesprächen und auf Reichstagen als Wortführer der Protestanten auftrat und die ersten Bekenntnisschriften verfasste. Die Reformation hatte ja erst begonnen, die alte römische Kirche und die neue protestantische Bewegung waren noch nicht getrennt, und es gab intensive Diskussionen über die richtige Lehre.

1521 landete er einen theologischen Bestseller. Das waren seine »Loci communes«, auf Deutsch könnte man »Theologische Grundbegriffe« sagen. Das beherrschende Thema in dieser griffigen, systematischen Zusammenfassung reformatorischer Theologie: Der Glaube allein macht selig. Melanchthon hatte unzweifelhaft seinen eigenen Kopf. Doch gerade weil er nicht einfach der unkritische Parteigänger einer bestimmten Richtung war, konnte er bei den vom Kaiser und von Rom veranstalteten Religionsgesprächen als idealer Vermittler dienen.

Das Denkmal des Reformators Philipp Melanchthon auf dem Marktplatz der Lutherstadt Wittenberg. Foto: epd-bild

Das Denkmal des Reformators Philipp Melanchthon auf dem Marktplatz der Lutherstadt Wittenberg. Foto: epd-bild

Einen ersten Höhepunkt erreichten die zähen Verhandlungen auf dem Reichstag von Augsburg 1530: Kaiser Karl V. wollte hier endlich einen Ausgleich zwischen den Religionsparteien herbeiführen. Alle Kräfte im Reich sollten einig sein, denn die Türken standen vor den Toren. Mit einem von ihm redigierten Kompromisspapier gelang es Melanchthon, zumindest die verschiedenen Fraktionen der Reformation unter einen Hut zu bringen. Dieses »Augsburger Bekenntnis«, lateinisch »Confessio Augustana«, sollte zeigen, dass die Protestanten keine wilden Rebellen waren, sondern auf dem Boden der kirchlichen Tradition standen – treu dem Evangelium und dem
unverfälschten Glauben der Väter.

Melanchthon stellte klar: Die reformatorische Lehre ist die gute, alte Lehre der Kirche abzüglich der in Rom eingerissenen Missstände. Damit war auch Luther völlig einverstanden; er mokierte sich allerdings etwas über Melanchthons behutsam-versöhnlerischen Ton – »ich kann so sanft und leise nicht treten!« Hatte »Magister Philippus« doch im Bemühen, die Römer nicht zu verprellen, auf die Erörterung solcher Reizthemen, wie der Stellung des Papstes und der Mittlerfunktion des Priesters, verzichtet. Das Gemeinsame war ihm stets wichtiger als das Trennende.

Melanchthon beschränkte sich nicht auf Verteidigungsschriften und theologische Summen. Die organisatorische Gestalt des deutschen Protestantismus mit Kirchenverfassung und Disziplin ist ohne ihn nicht denkbar. Und er setzte die tiefgreifendste Bildungsreform aller Zeiten in Deutschland in Gang, getreu seinem stolzen Motto: »Bildung ist mehr als Troja erobern!«

Denn mit Bildung, Wissen und Verstand lasse sich der Mensch veredeln und so die Welt verbessern. Deshalb beteiligte er sich unter anderem an der Gründung hoffnungsvoller neuer Universitäten in Jena, Marburg, Königsberg.

Doch der Einigungsprozess scheiterte erneut, weniger an theologischen Differenzen, sondern an Nebensächlichkeiten, Besitz- und Machtfragen. Die politischen Fronten verhärteten sich: Kaiser Karl V. träumte von einem Konzil, das die Lutheraner wieder in den Schoß der römischen Kirche zurückführen und ihm ein lästiges Problem vom Hals schaffen würde. Die protestantischen Fürsten wiederum fürchteten, der Kaiser werde die Einheit gewaltsam wiederherzustellen suchen, und gründeten ein Militärbündnis, den Schmalkaldischen Bund, zur Verteidigung ihrer Sache. Mittendrin Philipp Melanchthon, der immer wieder wesentliche Stücke einer Einigung zustandebrachte, aber eben nie den kompletten Friedensschluss; den hätte die Politik mit allen Mitteln torpediert.

Die zunehmende Kritik aus den eigenen Reihen stärkte Melanchthons Position nicht gerade. Dabei rackerte er sich für seine Kirche ab wie kein anderer, als Verhandlungsführer, als rühriges Mitglied zahlreicher Kommissionen und Gesprächskreise, als Autor und akademischer Lehrer, mit einer seltenen Besessenheit. Täglich hielt er drei bis vier Vorlesungen, doppelt so viele wie seine Kollegen. Ein einziges Mal fiel eines seiner Seminare aus: am Tag seiner Hochzeit mit der Kaufmannstochter Katharina Krapp.

Natürlich hatte Martin Luther die Beziehung eingefädelt; Melanchthon hatte schlicht keine Zeit zur Brautschau. Und wertete seinen Hochzeitstag später mürrisch als »Tag der Trübsale«. Immerhin gingen vier Kinder aus der sonderbaren Beziehung hervor. Philipp Melanchthon stand um zwei oder drei Uhr morgens auf, schrieb Briefe und arbeitete an seinen Vorlesungen. Nach einer Andacht mit Ehefrau und Dienstboten um sieben Uhr eilte er zur Hochschule. Er ging früh schlafen – nicht ohne noch ein Glas Rheinwein getrunken zu haben. Das scheint das einzige Zugeständnis des Asketen an die lustvollen Seiten des Lebens gewesen zu sein.

Als Melanchthon unter der dauernden Überlastung zusammenbrach und mit dem Tod rang, saß Luther stundenlang an seinem Bett und bestürmte den Himmel. Melanchthon wurde tatsächlich wieder gesund und wollte 1545 am Trienter Konzil teilnehmen, musste aber wegen kriegerischer Wirren umkehren. Das Konzil brachte die ernüchternde Erkenntnis, dass die Einheit endgültig verspielt war. »Gegenreformation« statt Dialog. Daheim in Wittenberg, seine Frau war gestorben und auch Luther überlebte die Konzilseröffnung nur um wenige Monate, kämpfte Melanchthon mit Schlaflosigkeit und Augenschwäche – und freute sich, obwohl er erst 48 Jahre alt war, auf den Tod, der ihn von der »Wut der Theologen«, wie er sagte, befreien würde.

Doch der Erlöser kam erst 15 Jahre später, am 19. April 1560. Auf Melanchthons Schreibtisch fand man einen Zettel, auf dem er notiert hatte: »Du kommst zum Licht. Du wirst Gott schauen und den Sohn sehen. Du wirst die wunderbaren Geheimnisse erfahren, die du in diesem Leben nicht begreifen konntest: warum wir so geschaffen sind und nicht anders und was es damit auf sich hat, dass wir Christus als Gott und Mensch zugleich bekennen.«

Christian Feldmann

Der Gesellschaftsreformer

8. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Mit Blick auf Europa können wir von Martin Luther noch eine Menge lernen, findet Klaus-Rüdiger Mai. Mit dem Schriftsteller sprach Sabine Kuschel.

Klaus-Rüdiger Mai bei einer Lesung in der Potsdamer Friedenskirche. Foto: Günter Krawutschke

Klaus-Rüdiger Mai bei einer Lesung in der Potsdamer Friedenskirche. Foto: Günter Krawutschke

Herr Mai, Sie beschäftigen sich in Ihren Büchern als Historiker und Philosoph mit Martin Luther. Was interessiert Sie an ihm?
Mai:
Wir machen einen Fehler, wenn wir Luther als Theologen im heutigen Sinne verstehen. Denn heute ist die Theologie eine Fachwissenschaft – wie Medizin, Geschichte, Philosophie und Physik. Im Mittelalter war sie Allgemeinwissenschaft. Alle Fächer gingen in Theologie über. Für alle alltäglichen und wissenschaftlichen Fragen galt immer die Autorität der Theologie. Ich würde Martin Luther aus heutiger Sicht als Gesellschaftsreformer, Gesellschaftsdenker sehen. Er hat über alles nachgedacht und geschrieben: über Bildung, über Wirtschaft, über Eheleben, Kriegswesen, um nur einige Beispiele zu nennen – Themen, die nicht unbedingt Kernthema von Theologie sind. Insofern hat mich, wenn ich mich mit dieser Zeit beschäftige, Luther interessiert.

Was ist in Ihren Augen die besondere Leistung Luthers?
Mai:
Luthers Ansatz von der Freiheit eines Christenmenschen ist für mich das Gründungsdokument des modernen Europas. Wer nicht genauer hinschaut, mag das übertrieben finden. Aber die Grundlage unserer modernen Gesellschaft beruht auf dem Individuum, auf dem Bürger. Genau das hat Luther definiert. Nämlich die Freiheit der Bürger. Das begeistert mich an dem Reformator. Er ging vom Individuum aus, vom Christen, der die Gnade des Glaubens hat.

Der Gerechte lebt aus Glauben allein. Das heißt auch, er ist nicht Masse, nicht Verfügbarkeit, sondern ein Einzelner, der sich dieses Geschenkes bewusst werden sollte. Luther definiert in seiner Schrift von der Freiheit eines Christenmenschen, was Freiheit ist. Er sagt: Der Christenmensch ist frei und keinem untertan. Und er sagt: Der Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht und aller Dinge und jedem untertan. Damit meint er, dass der Christ eine Verantwortung für die Schöpfung hat. Und deswegen ist Luthers Freiheitsbegriff der modernste. Er balanciert Freiheit, Gewissen und Verantwortung aus. Ich habe in den nachfolgenden 500 Jahren nichts Klareres, Besseres als Luthers Definition gefunden.

Wir können also von Luther noch etwas lernen?
Mai:
Unbedingt! Die Vorstellung von einem Zentralstaat war Luther fremd. Dass es ein Zentrum in Rom gibt, dem alle zuzuarbeiten haben, hat Luther nicht akzeptiert. Er denkt, modern gesprochen, föderaler, regionaler. Seinen Widerstand gegen Rom, gegen eine über allem thronende Macht, wo der Christ, der Untertan als Einzelner nicht mehr vorkommt, finde ich nahezu modern. Wenn wir heute in Europa über zentrale oder regionale Strukturen, über ein EU-Brüssel oder ein Europa der Regionen reden, können wir von Luther eine ganze Menge lernen.

Die nationale Sonderausstellung beleuchtet Luthers Verhältnis zu den Deutschen. Dabei geht es in besonderer Weise um seine Bibelübersetzung …
Mai:
Es gab bereits Bibelübersetzungen ins Deutsche. Die fanden aber keinerlei Anwendung. Denn es war zu Zeiten des Reformators und davor verpönt, die Bibel zu lesen. Martin Luther hatte im Kloster Schwierigkeiten, weil man nicht verstanden hat, warum er so oft, so intensiv die Bibel studierte. Die Kirche fürchtete, dass die Bibel falsch verstanden werden konnte, sie sorgte sich um ihre Deutungshoheit. Deswegen sollten die Leute nicht in die Bibel schauen. Luther aber sagte: Alle Christen sind gleich, es gibt keinen Unterschied zwischen den Christen, zwischen dem Bauern, der ein Christ ist, und dem Papst, keine Über- und keine Unterchristen. Wenn sich alle mit der Bibel beschäftigen sollen, dann muss sie auch für alle verständlich sein.

Luther verbindet seine Bibelübersetzung mit der Forderung an jeden Christen, sie täglich zu lesen. Auch aus diesem Grund tritt er dafür ein, dass alle lesen und schreiben lernen. Die Bibelübersetzung wiederum wird notwendig, damit dieses Ziel erreicht werden kann.

Illustrationen: www.3xhammer.de

Illustrationen: www.3xhammer.de

Da er möchte, dass die Leute die Bibel auch verstehen, »schaut er dem Volk aufs Maul«. Luthers Sprachgenie gilt noch immer als unerreichbar und als Vorbild …
Mai:
Martin Luther hatte ein unglaubliches Gehör für Dialoge, für die Ausdrucksweise der Menschen. Das hat zu tun mit seiner Herkunft. Er ist in der sehr vitalen, sehr vielgestaltigen wirtschaftlichen Welt des Erzbergbaus in Mitteldeutschland groß geworden. Dort entwickelte er das Gespür für die deutsche Sprache, die damals noch keine Literatur- und Kultursprache war. Kultur- und Wissenschaftssprache war Latein.

Mit anderen Worten, Luther hat mit seiner Bibelübersetzung die Volkssprache auf ein literarisches Niveau gehoben, ohne dass dabei die Verständlichkeit verlorenging, ohne dass die Sprache dadurch abstrakt, blutleer wurde, ohne dass sie ihre Verhaftung im Alltagsleben der Menschen einbüßte.

Die Menschen des Mittelalters waren von Angst gepeinigt. Theologisch ist Luther zu der Erkenntnis gelangt, dass der Christ nichts leisten, keine Werke vollbringen muss. Er ist gerecht aus Glauben. Das war das Neue, das Befreiende …
Mai:
Luthers Erkenntnisse öffneten zu Beginn des 16. Jahrhunderts die Tore und Türen zu einem neuen, sehr praktischen Lebensverständnis. Auch Luther hatte zunächst Angst vor Jesus Christus, der für ihn ein schrecklicher Richter war. Aber er kommt schließlich zu der Erkenntnis, dass Gottes Gerechtigkeit vollkommen anders funktioniert, als es bisher gelehrt wurde. Erstens entdeckt Luther in Christus den Liebenden und zweitens begreift er, dass der Gerechte aus Glauben allein lebt. Diese Vorstellung schiebt die ganze Ablasspraxis, die ganze Werkgerechtigkeit vollkommen beiseite. Das bringt eine ungeheure Befreiung. Albrecht Dürer, der ein großer Verehrer von Luther war, schreibt deshalb: »Martin Luther hat mich befreit.«

Luther wies den Menschen seiner Zeit, die in Glaubensbedrängnissen litten, einen neuen Weg. Deswegen diese plötzliche Begeisterung vieler Zeitgenossen für Luther und für das, was er sagte.

Die zehnjährige Beschäftigung mit der Reformation treibt gelegentlich sonderbare Blüten. Wie geht es Ihnen damit?
Mai:
Na ja, ich würde mir Luther nicht als Playmobil kaufen und hinstellen. Aber dem Reformator schadet das nicht. Solche Blüten dürfen jedoch nicht zum Gegenstand ernsthafter Kritik erhoben werden. Ich stimme nicht in die Kritik einiger Kirchenhistoriker ein, die eine zu große Oberflächlichkeit festzustellen meinen. Meine Kritik richtet sich gegen einen anderen Effekt, der eintritt, wenn zehn Jahre lang gefeiert wird. Man wird mäklig. Und dann fängt man an, die dunklen Seiten der Reformation und Luthers aufdecken zu wollen und kippt ahistorisch wohl eher selbst schwarze Farbe hin, als dass man tatsächlich dunkle Stellen ausfindig macht.

Überdies habe ich manchmal den Eindruck, dass die Funktionäre der EKD verführt zu sein scheinen, nicht Martin Luther, sondern sich selbst in der Reformationsdekade zu feiern.

Ich hingegen möchte Martin Luther feiern, indem ich die Aktualität seines Denkens und Handelns immer aufs Neue entdecke.

Klaus-Rüdiger Mai (Jahrgang 1963) ist Dramaturg, Regisseur und Schriftsteller. Er studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie. In seinen Sachbüchern beschäftigt er sich mit religiösen und gesellschaftspolitischen Fragen. Zwei Bücher über Martin Luther stammen aus seiner Feder.

• Mai, Klaus-Rüdiger: Martin Luther – Prophet der Freiheit. Romanbiografie, Kreuz Verlag, 448 S., ISBN 978-3-451-61226-8, 22 Euro (siehe Rezension Seite 13)
• Mai, Klaus-Rüdiger: Gehört Luther zu Deutschland? Herder Verlag, 208 S., ISBN 978-3-451-34846-4, 19,99 Euro

Luther würde andere Zeichen senden

8. Mai 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Sorgte für Furore: Erik Flügges Buch »Der Jargon der Betroffenheit. Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt.« Katja Schmidtke sprach mit Erik Flügge über Luthers Bibelübersetzung und dass sein Deutsch heute nicht zum Vorbild taugt.


Herr Flügge, Martin Luther hat auf der Wartburg die Bibel übersetzt. Mögen Sie sein Deutsch?
Flügge:
Ich kann es nicht nicht mögen, weil ich es – wie wir alle in Deutschland – spreche. Die Kraft seiner Bibelübersetzung war so groß, dass sich die allgemeine deutsche Sprache daran anpasste. Wir sprechen heute alle Lutherisch.

Was wir von ihm lernen können: In seiner Zeit produziert er den dichtesten und kraftvollsten Text. Aber ich bin mir sicher, würde Luther heute leben, würde er nicht noch einmal die Bibel übersetzen. Es gibt ja bereits Dutzende Übersetzungen. Nein, er würde andere Zeichen in diese Welt senden.

Erik Flügge, geboren 1986, ist Kommunikationsberater und politischer Stratege. Zuvor war er in der katholischen Bildungsarbeit tätig. Foto: David Sievers Photography

Erik Flügge, geboren 1986, ist Kommunikationsberater und politischer Stratege. Zuvor war er in der katholischen Bildungsarbeit tätig. Foto: David Sievers Photography

Prediger von heute können sich also an Luthers Deutsch kein Beispiel nehmen?
Flügge:
Nein. Denn es ist ein Deutsch aus Luthers Zeit. Er hat etwas für die Menschen seiner Zeit formuliert. Und diese Menschen hatten Eigenschaften, die wir heute in Deutschland nicht mehr haben: Es handelte sich zum überwiegenden Teil um Analphabeten, um angstgetriebene Menschen, die in tiefer Furcht davor waren, in die Hölle zu kommen. Und für sie produziert Luther den passenden, den befreienden Text.

Das ist das Problem protestantischer Verkündigung: Pfarrer, die heute Luthers Sprache reproduzieren und sich fragen warum es nicht funktioniert. Wir leben in einer anderen Welt, mit anderen Fragen und Bildungsvoraussetzungen.

In Ihrem Buch kritisieren Sie die Sprache der Kirche als Gefühlsduselei und Aneinanderreihung von Worthülsen. Was erwarten Sie von einer guten Predigt?
Flügge:
Ich bin Katholik und habe ein Buch über den Katholizismus geschrieben, der tendiert zur Gefühlsduselei. Der Protestantismus hat eine andere Schwachstelle: Er tendiert zum ewigen Zitat. In Predigten finden sich pausenlos Zitate Luthers, Melanchthons, anderer Denker, wörtlich aus der Bibel. Dabei geht völlig verloren, eigene – auf der Bibel basierende – aber eben eigene Gedanken zu produzieren.

Eine Predigt, über die sich nicht mindestens eine Person aufregt, ist nichts wert. Sie enthält keine Position. Die durchaus umstrittene Margot Käßmann weiß das und sie bezieht in der Frage von Krieg und Frieden klar Position. Sie eckt damit an. Aber sie wird damit auch erkannt.

Also ist Ihre Kritik weniger eine Kritik an der Sprache als an Inhaltslosigkeit?
Flügge:
Sprache ist komplex – deswegen hat es für ein ganzes Buch gereicht. Aber ja. Einer meiner Kritikpunkte lautet: Ihr habt keine Position mehr. Ich finde es dramatisch, dass es das Reformationsjubiläum bis jetzt nicht geschafft hat, auch nur einen einzigen großen gesellschaftlichen Diskurs anzustoßen.

Das bisschen Gerede um die Ökumene interessiert in der Gesamtbevölkerung nicht. Bislang gibt es keine Knallerthese, über die ganz Deutschland zumindest mal eine Woche debattiert und meine Vermutung ist, das wird auch nicht noch passieren. Also bleibt es beim Reformationsgedenken.

Laut idea sind die Gottesdienstbesuche auf einem neuen Tiefstand. Aber bei Hauskreisen, Gesprächsabenden, wenn man anpacken kann, sind Leute da. Wie kommt das?
Flügge:
In solchen Hauskreisen geht es konkret um den Glauben, es wird überhaupt mal statuiert, was ich glaube und dass ich an Gott glaube. Das geht vielen Predigten ab. Da wird Universität gespielt anstatt Zeugnis über den Glauben abzulegen. Hinzu kommt: In kleinen Zirkeln fällt auch die Inszenierung, die Pseudoautorität weg. Und da sind wir bei dem, was frühe Christen gemacht haben: Sie stellten sich nicht mit Mikrofonen in Hallen, sondern sie gingen zu Menschen und aßen rituell gemeinsam und sprachen über ihren Glauben.

Sonntagsreden zu Alltagsfragen: »Was ist uns heilig?«

23. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Sonntagsreden. Nachdenken über das Heilige sonntags um 11 Uhr – nicht in der Kirche, sondern im Deutschen Nationaltheater. Seit 1994 gibt es die Weimarer Reden jedes Jahr im März zu den unterschiedlichsten Themen. Eine Erfolgsgeschichte.

Diesmal also die Gretchenfrage: »Wie hältst du’s mit der Religion?« Oder eben allgemeiner gefragt: »Was ist uns heilig?« Ein weites Feld. Drei Prominente waren auf die Bühne gebeten worden: ein Muslim, ein Katholik und eine Jüdin. Martin Luther hätte wohl für alle drei Redner nicht viel übriggehabt, mutmaßte Feridun Zaimoglu (52), der als Erster auftrat und in einem Vorgespräch mit der Journalistin Liane von Billerbeck auf seinen Luther-Roman »Evangelio« angesprochen wurde. »Es war eine unversöhnliche Zeit.«

Das ist jetzt zum Glück anders, jedenfalls hier und heute. Wer den Sonntagsreden zugehört hat, kann sich lebhaft vorstellen, dass der muslimische Schriftsteller und Künstler mit dem Psychiater und katholischen Theologen Manfred Lütz (63) und der Journalistin und Rabbinerin Elisa Klapheck (54) sehr gut auskommen könnte. Der jeweilige Kontext ist verschieden, man weiß, wo man herkommt, aber allen ist eine große Offenheit gegenüber jedem eigen, für den anderes heilig ist.

Feridun Zaimoglu, Foto: Melanie Grande; Manfred Lütz, Foto: Amanda Berens; Elisa Klapheck, Foto: Rafael Herlich

Feridun Zaimoglu, Foto: Melanie Grande; Manfred Lütz, Foto: Amanda Berens; Elisa Klapheck, Foto: Rafael Herlich (von links)

Auf eine poetisch-literarische Spurensuche nach dem Heiligen im Alltag machte sich eigens für diesen Anlass Feridun Zaimoglu und ging – überraschenderweise – von der ersten Seligpreisung Jesu im Lukasevangelium aus. »Selig seid ihr Armen, denn das Reich Gottes ist euer.« Und weil es für diesen Schriftsteller unverzichtbar ist, dass »Wort und Körper beieinander sind«, wie er sagt, ging er hin zu den Armen.

Was ist kostbar und unverzichtbar, fragte er den Rentner, den man den Krüppel nennt; der immer zwei Schnäpse zu viel trinkt und mit einem jungen Syrer befreundet ist. Heilig sind ihm die Kleider seiner verstorbenen Frau, mit der er jeden Abend spricht. – Und Zaimoglu ging zu der jungen Frau an der Kasse des Discounters, Vater tot, Mutter dement und der Bruder untauglich fürs Leben. Sie putzt nebenbei, hat Probleme mit der Liebe und hasst philosophierende Männer. »Meine Mutter ist mir heilig, mehr musst du nicht wissen.« – Und Zaimoglu ging zu dem verarmten Dichter, der wirre Geschichten erzählt, und zum Kommunisten, mit dem nicht wirklich zu reden ist vor lauter Dogmen. Er sieht die Armen der Bahnhöfe, die Kippengreifer und Pfandflaschensammler, die Obdachlosen und Trinker, Fremde und Einheimische. Aber er sieht auch Menschen, denen es etwas ausmacht, dass ihr Nächster hungert. Spurensuche ganz unten.

Die zweite Rede war ganz anderer Art. Obwohl von seinem Buchhändler gewarnt (Theologensprache ist unverkäuflich), hat Manfred Lütz ein Bestsellerbuch über »Gott. Eine kleine Geschichte des Größten« geschrieben, sehr unterhaltsam, sehr tiefgründig und in einer Sprache, die nachweislich auch sein Metzger versteht. Einen Teil davon hat er unter der Überschrift »Die Werte, die Wahrheit und das Glück« in Weimar zum Besten gegeben. »Geht’s nicht ein bisschen kleiner?«, wurde im vorausgehenden Interview gefragt. In aller Bescheidenheit, nein, findet er, denn Kirche, Beten, Glaube – das gehöre in die Öffentlichkeit. Man müsse den religiösen Bürger im säkularen Staat wieder ernst nehmen.

In einer Zeit, in der Menschen auf Glücksratgeber hören oder Drogen nehmen, als ob das Glück machbar sei, die vorbeugend leben, um dann gesund zu sterben oder die Ewigkeit leugnen und damit ihr Leben verkürzen, sei die Frage nach Gott wichtig. Für ihn als bekennenden katholischen Christen ist klar: »Gott allein ist mir heilig.« Und da Manfred Lütz nicht nur Theologie, sondern auch Humanmedizin, Psychiatrie und Philosophie studiert hat, Humor besitzt und mit offenen Augen durch die Welt geht, war es für Gläubige und Atheisten gleichermaßen ein anregendes Vergnügen, ihm zuzuhören.

Vom »Judentum als politische He­rausforderung« handelte die dritte Rede. Welche Werte sind uns heilig? Säkulares und Religiöses waren schon im Alten Testament zwei Seiten einer Medaille, das wurde im Talmud unter veränderten Bedingungen fortgeschrieben und ist bis heute in der Diskussion. Elisa Klapheck, von Hause aus Politologin und Journalistin, ist eine von insgesamt sieben Rabbinerinnen in Deutschland. Holocaust und Opferrolle sind ihr Thema nicht, sie will sich aktiv in den gesamtgesellschaftlichen Diskurs einmischen – als Rabbinerin in ihrer Frankfurter Einheitsgemeinde, wo orthodoxe und liberale Juden aus vielen Ländern gut miteinander auskommen, als Professorin mit einem Lehrstuhl für jüdische Studien in Paderborn und als Autorin zahlreicher Bücher. Was kann das Judentum auf seinem Weg ins messianische Zeitalter beitragen zu einer gerechteren Gesellschaft? Wie war das doch mit dem Zehnten? Welche Rechte hat der Einzelne in einem Gemeinwesen und welche Pflichten? Wie sieht der Minimalkonsens aus, der Pluralismus möglich macht? Alte Fragen nach heiligen Werten ganz aktuell. Sonntags­reden zu Alltagsfragen.

Christine Lässig

Gott kommt zu seinem Recht

16. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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In der Auferstehung Jesu Christi ist die Macht des Todes gebrochen – Ein Oster-Gedanke Martin Luthers

Das ist eine seltsame, unerhörte Predigt, welche die Vernunft nicht fassen kann, sie muss geglaubt sein, dass Christus lebe, und dennoch tot sei, und so tot, dass doch der Tod in ihm sterben muss und alle seine Macht verlieren. Es wird aber solches uns zum Trost gepredigt, dass wir glauben und lernen sollen, der Tod habe seine Macht verloren. Denn da findet sich – Gott habe ewig Lob! – ein solcher Mensch, welchen der Tod angreift, wie alle anderen Menschen, und würgt ihn: Aber im Würgen muss er selbst sterben und verschlungen werden, und der gewürgte Christus soll ewig leben.

Martin Luther

Auferstanden von den Toten« – das ist nach Luther der im Namen Gottes erfolgende Aufstand des getöteten Christus gegen den Würge-Tod. Gegen die Sieger der Geschichte. Gegen die, die so viele erwürgt haben und über Leichen gegangen sind. Mit Blick auf den Gekreuzigten und Auferstandenen bestreitet der Reformator, dass den Würgern die Zukunft gehört. Es geht stattdessen in der Auferstehung des Christus darum: Gott kommt zu seinem Recht. Und er setzt sich vor aller Augen durch. Und erst recht setzt er die Opfer ins Recht.

Luther besteht auf der neuen Leiblichkeit

Der Wittenberger Professor hätte sich nie damit abgefunden, wenn einer nur von einer geistigen Fortexistenz des Gekreuzigten gesprochen hätte. Vielmehr besteht dieser Lehrer der Kirche auf der neuen Leiblichkeit des Christus. Von der »anderen Gestalt« des Auferstandenen ist im Markusevangelium (16, 12) die Rede. Von dorther speist sich Luthers glühende Hoffnung auf Erneuerung auch seiner Leiblichkeit. Sein Vertrauen in den Gott, der den Menschen mit Leib und Seele geschaffen hat, schreit nach der neuen Leiblichkeit im Licht: »Wo Christus auch immer ist, da ist Licht!«

Handgemalte Szene aus der Bibelabschrift des Künstlers El Shalom Wieberneit (91) aus Ennepetal (Nordrhein-Westfalen). Auf dem Bild zeigt Jesus nach seiner Auferstehung dem zweifelnden Thomas und den anderen Jüngern seine Nägelmale. Wieberneit hat in den vergangenen Jahrzehnten alle 27 Bücher des Neuen Testaments und viele des Alten Testaments abgeschrieben. Zu den biblischen Geschichten malt Wieberneit Ornamente und Bilder. Foto: epd-bild

Handgemalte Szene aus der Bibelabschrift des Künstlers El Shalom Wieberneit (91) aus Ennepetal (Nordrhein-Westfalen). Auf dem Bild zeigt Jesus nach seiner Auferstehung dem zweifelnden Thomas und den anderen Jüngern seine Nägelmale. Wieberneit hat in den vergangenen Jahrzehnten alle 27 Bücher des Neuen Testaments und viele des Alten Testaments abgeschrieben. Zu den biblischen Geschichten malt Wieberneit Ornamente und Bilder. Foto: epd-bild

Martin Luther entnimmt den Ostererzählungen des Neuen Testaments eine beispiellose Hoffnung: In der Auferstehung Jesu Christi ist die Macht des Todes spürbar und unwiderleglich gebrochen. Denn es geht beim auferstandenen Christus um Gott. Gott siegt in einem aufsehenerregenden Krieg, in einem schlimmen Kampf. Luthers Bild: Es ist der Krieg des erwürgten Christus gegen den Erwürger Tod. Hier steht Gott zu seiner Verheißung, es werde einmal mit dem Tod und dessen Herrschaft ganz und gar aus sein. Einmal wird aus dem Es-ist-Versprochen ein Es-ist-Geschehen. Die dem Tod verfallene Welt und unsere Wirklichkeit werden ins ewige Leben verwandelt – in die »andere Gestalt«. Die Auferstehung des Gekreuzigten trägt unsere Auferstehung in sich. Und dem kann dann niemand mehr widersprechen. Der Auferstandene zieht uns durch den Tod zu sich: »Er reißet durch den Tod, durch Welt, durch Sünd, durch Not, er reißet durch die Höll, ich bin stets sein Gesell« (Paul Gerhardt). Und so versteht Luther das Ereignis des Ostertages als ein Kampfgeschehen, dessen Sieg nunmehr schon geschehen ist, aber erst in der Kraft der großen Auferstehung aller vollendet sein wird.

Für Luther ist der zweifelnde Jünger Thomas der wichtigste Oster-Zeuge. Und eben dieser sei vor der Erscheinung des Auferstandenen in die Knie gegangen. So wie ein Gläubiger aus dem Volk Israel vor der Erscheinung Gottes in die Knie geht. Und er habe das klarste Glaubensbekenntnis in der Begegnung mit dem lebendigen Christus ausgesprochen: »Mein Herr und mein Gott!« (Johannes 20, 28). Und dieses Thomas-Bekenntnis nimmt der Reformator auf: »Fragst du, wer der ist, er heißt Jesus Christ, der Herr Zebaoth und ist kein andrer Gott, das (Kriegs-) Feld muss er behalten.«

Erfahrungen, die den Zweifel mildern

Wer sich auf den kampferprobten Jesus verlässt, macht Erfahrungen mit Gott, die – wie bei Thomas – den Zweifel mildern oder gar ausräumen. Es sind schon jetzt Lebenserfahrungen, dass die Hoffnung größer ist als die Angst. Trotz der Bedrohungen bleiben Lebensbejahung, Zuversicht, Menschenfreundlichkeit. Nichts Menschliches wird mehr vergöttert. Auch unser eigener Kampf mit dem Tod kann und soll durchgestanden werden. Auch mein »Madensack«, wie Luther den Leib manchmal nennt, wird in die Auferstehung hineingenommen: Ach, das ist der schöne Gesang, von den alten Christen, die da singen: »Christ ist erstanden von der Marter alle, des solln wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein.« Das unschuldige Lamm Christus hat uns arme irrende Schafe mit seinem Vater versöhnt, und ist ja ein wunderbarer Krieg, dass Tod und Leben miteinander kämpfen, und der Herr des Lebens stirbt, aber dennoch wieder lebt und regiert.

Rolf Wischnath

Der Autor war Generalsuperintendent in Cottbus. Er lehrt Systematische Theologie an den Universitäten Bielefeld und Paderborn.

Reformation ohne Luther

4. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Schweiz: Über das Reforma­tionsjahr bei den Eidgenossen und die Rolle der Reformatoren dort sprach Markus Wetterauer mit Gottfried Locher, dem Ratspräsidenten des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes, zu dem 2,4 Millionen Protestanten gehören.

Sie sind am 31. Oktober, am Reformationstag, geboren. Ist das eine Freude oder Last für Sie als Theologe?
Locher:
Es ist eine Freude! In der Schweiz ist der 31. Oktober nicht so zentral wie hier. Bei uns wird Reformationssonntag gefeiert, nicht Reformationstag. Ich habe erst im Verlauf des Studiums herausgefunden, welche Bedeutung mein Geburtstag hat.

Wie wichtig ist das Reformations-Jubiläum in der Schweiz?
Locher:
Es ist schön, dass Sie vom Reformations-Jubiläum und nicht einfach vom Lutherjahr sprechen. Bei uns ist 2017 nicht so entscheidend wie hier in Deutschland. Bei uns war die Reformation kantonal, also nicht in der ganzen Eidgenossenschaft gleichzeitig, deshalb haben wir einen Termin gefunden, der allen passt – und das ist eben 2017.

Blick in das Reformationsmuseum im Kreuzgang des Großmünsters in Zürich, einem der Fixpunkte der weltweiten Reformation. Am 1. Januar 1519 trat Ulrich Zwingli hier seine Stelle als Pfarrer an. Foto: epd-bild

Blick in das Reformationsmuseum im Kreuzgang des Großmünsters in Zürich, einem der Fixpunkte der weltweiten Reformation. Am 1. Januar 1519 trat Ulrich Zwingli hier seine Stelle als Pfarrer an. Foto: epd-bild

In Mitteldeutschland ist Luther omnipräsent. Wie ist das in der Schweiz?
Locher:
Luther ist der wichtige Reformator auch für die Schweiz. Aber dann hat sich die Schweizer Reformation auch mit eigenen Persönlichkeiten entwickelt. In Zürich mit Huldrych Zwingli, dann mit Heinrich Bullinger, und in Genf mit Johannes Calvin und anderen.

Fangen wir mit Zwingli (1484–1531) an. Was war für ihn wichtig?
Locher:
Es waren dieselben Ideen der Kirchenerneuerung wie in Deutschland. Es ging auch hier darum, Glauben so neu zu fassen, dass er verständlich und zugänglich für die Menschen wird. »Solus christus« war für Zwingli ganz entscheidend: den Blick frei zu bekommen auf Jesus Christus.

Dann gibt es aber Eigenheiten. Zwingli legte viel Gewicht auf soziale Erneuerung. Er war eine politische Figur. Er wollte, dass das Söldnerwesen in Zürich beendet wird. Er wollte die Bildung verstärken. Zwinglis Kirchenerneuerung war eine Erneuerung der ganzen Gesellschaft, und hier unterscheidet er sich ein bisschen vom Augustinermönch, der viel stärker den Glauben im Mittelpunkt hatte.

Calvin (1509–1564) hat dann noch mal andere Schwerpunkte gesetzt.
Locher:
Die sicher etwas vereinfachende Formel gilt noch: Luther hat den Glauben erneuert, Zwingli hat die Gesellschaft erneuert und Calvin hat die Theologie erneuert.
Calvin war der systematische Denker. Ich lese immer noch mit viel Gewinn Calvins »Institutio«. Ich glaube auch, dass Calvin als Reformator der zweiten Generation anders als Luther und Zwingli versucht hat, Brücken zu schlagen. Calvins Sakramentenlehre beispielsweise versucht, die Gräben in der Abendmahlsfrage zu überwinden.

Was ist denn übrig geblieben von den Ideen der beiden heute in der Schweiz – nach fast 500 Jahren?
Locher:
Die Schweiz, wie wir sie heute kennen, wäre nicht so ohne die Reformation. Es gibt bis heute katholisch geprägte Kantone und reformiert geprägte Kantone. Aufs Ganze gesehen waren die reformierten Orte die fortschrittlichen, es waren die Stadt-Kantone, die der Reformation besonders zugetan waren. Das hat dann auch einen Graben geschaffen zwischen progressiven, auch wirtschaftlich erfolgreichen Orten – eher reformiert geprägt – und katholischen, eher ländlichen Gebieten.

Calvin hat ja vor allem in Genf gewirkt, Zwingli überwiegend in Zürich. Hat das die Regionen geprägt?
Locher:
Die Liturgie beispielsweise ist auf calvinischer Seite, also in den französisch-sprachigen Kantonen, näher am Lutherischen. Es ist weniger reduziert. Wenn Sie in einen reformierten Gottesdienst gehen und es nicht gewohnt sind, dann fragen Sie sich: Wo ist die Liturgie? Die Predigt spielt oft eine alles dominierende Rolle. Im Kanton Bern, wo ich herkomme, spricht man noch heute davon, dass man nicht in den Gottesdienst geht, sondern man geht »z’ Prädig«, also man geht »die Predigt hören«.

Kritisch wird hier in Deutschland das Verhältnis von Luther zu den Juden gesehen. War das bei den Schweizer Reformatoren ähnlich?
Locher:
Bei uns ist ein anderes Thema im Mittelpunkt, nämlich der Umgang der Reformierten mit den Täufern. Insbesondere in Zürich, wo sie in der Limmat ertränkt wurden – mit dem Segen der Reformatoren. Da haben schon große Buß-Akte stattgefunden. Das ist weitgehend aufgearbeitet.

Wie ist das Verhältnis zwischen den Konfessionen im Reformationsjahr in der Schweiz?
Locher:
Ich glaube, es würde dem Anliegen der Reformatoren diametral widersprechen, wenn wir hier Konfessionsgrenzen zelebrieren würden. Wir haben drei große Elemente zusammen mit der katholischen Kirche. Erstens haben wir einen gemeinsamen Schweizer Pavillon an der Weltausstellung Reformation in Wittenberg. Zweitens haben wir eine große Nationale Feier in Zug. Wir feiern nicht nur 500 Jahre Reformation, sondern auch 600 Jahre Niklaus von Flüe. Er ist der auch über die Konfessionsgrenzen hinaus verehrte Heilige. Und drittens haben wir einen Festgottesdienst im Juni mit den Spitzen der Konfessionen.

Was ist für Sie persönlich der Kern, das Entscheidende der Reformation?
Locher:
Es ist für mich »solus christus«. Wie sagen wir das in einer Form, dass es nicht einfach frömmlerisch klingt? Oder dass es zwar nett ist, theologisch richtig, aber niemanden bewegt? Was heißt es denn heute: den Blick auf Christus frei bekommen? Was heißt es, in der Nachfolge zu sein? Die Herausforderung ist heute formal nicht dieselbe wie in der Reformationszeit, aber inhaltlich: die Menschen für Christus zu begeistern in einer Form, dass sie zeitgemäß ist.

Von Glaube, Liebe und Hoffnung

3. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Reformationsbotschafter Dr. Eckart von Hirschhausen nimmt sich in einem exklusiven Programm Martin Luther vor. Er will unter anderem der Frage nachgehen, ob der Reformator Komiker war. Maria Socolowsky (MDR) und Willi Wild haben den Entertainer getroffen.

»War Luther Komiker?« Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?
von Hirschhausen:
Das wäre ein schlechter Komiker, der die Pointe vorwegnimmt. Aber ich bin natürlich als Sprachkünstler sehr froh über Luthers Freude an der deutschen Sprache, über sein Geschick, Bilder, Metaphern, geflügelte Worte zu finden. Und die sind ja so geläufig geworden, dass wir oft gar nicht mehr wissen, dass sie von Luther sind, zum Beispiel: Unterhalten sich zwei Säue am Trog. Was gibt es denn heute? Ach, schon wieder Perlen. Wer nicht weiß, dass »Perlen vor die Säue werfen« eine lutherische Bezeichnung ist, kann darüber gar nicht lachen.

Foto: Willi Wild

Foto: Willi Wild

Ich bin selber von Kind auf Protestant und bin mit lutherischem Liedgut aufgezogen worden. Beim großartigen Pop-Oratorium »Luther« von Michael Kunze und dem Komponisten Dieter Falk habe ich kürzlich sogar mitgesungen. Moderne, mitreißende Musicalmelodien – da habe ich Gänsehaut bekommen, als da plötzlich 3 000 Chorsänger und 10 000 Leute im Publikum ergriffen sind, von der Geschichte, von den Konflikten und dem Kampf zwischen weltlicher und geistlicher Macht. Mir wurde plötzlich klar, wie aktuell das alles ist. Wir brauchen heute wie vor 500 Jahren Menschen, die sich hinstellen und sagen: Hier stehe ich und ich stehe zu etwas und ich kann auch nicht anders. Ich widerrufe nicht das, woran ich glaube.

»Humor hilft heilen«, so heißt Ihre Stiftung. An anderer Stelle schreiben Sie von der Wunderwirkung der Musik. Sind Humor und Musik die besseren Tabletten?
von Hirschhausen:
Die Musik wird als Heilkraft unterschätzt, genauso wie Humor und Gemeinschaft. Mein Buch »Wunder wirken Wunder« ist praktisch ein Wiederentdecken von dem, was man gerne unter Selbstheilungskräfte subsumiert. Ganz konkret und wissenschaftlich untermauerbar kann Musik Menschen erreichen, die demenziell erkrankt sind. Ich habe für die ARD eine Reportage gedreht, wo ich mich drei Tage in einem Altenheim einquartiert habe. Ich habe den Bewohnern Musik ihrer Jugendzeit vorgespielt. Es ist rührend, zu erleben, wie Menschen dann plötzlich auftauen – Menschen, die ganz weit weg sind, kaum zu erreichen mit Sprache.

Plötzlich fangen sie an, zu sprechen, zu lachen, mitzutanzen. Das ist die Heilkraft der Musik. Musik spielt im Alter zwischen 15 und 25 eine wichtige Rolle, es ist die Zeit intensiver Ersterfahrungen. Die werden offenbar im Gedächtnis viel stärker eingebrannt. Es gibt einen sehr schönen Satz: »Das Herz wird nicht dement, das Ohr auch nicht.«

Welche Rolle spielt die Musik im Luther-Programm?
von Hirschhausen:
Ich genieße es, wie Luther, auf der Bühne das freie Wort zu ergreifen. Im schönen Spiegelzelt in Weimar werde ich ein bisschen singen und das Publikum auch dazu animieren. Ich bin kein ausgebildeter Sänger und mein Gesang ist sicher nicht der reine Genuss. Da gibt es Leute, die das besser können. Aber ich kann mich mit Musik anders ausdrücken als mit Sprache allein.

Es ist auch kein Zufall, dass Luther Kirchenlieder geschrieben hat, die wir bis heute singen. Wenn es da Hits gibt, die seit mehreren hundert Jahren gesungen werden, von Luther, von Bach im Weihnachtsoratorium oder in Passionen, die uns heute noch bewegen, dann ist das doch auch ein kleines Wunder.

Wie Luther damals, mache auch ich deutsche Texte auf bekannte Melodien, beispielsweise auf die Melodie von »Tears in heaven«. Eric Clapton verarbeitet darin den Unfalltod seines vierjährigen Sohnes, der 1991 aus dem 53. Stock einer Wohnanlage gefallen ist. Was gibt uns Trost? »Man kann nicht tiefer fallen als in Gottes Hand«, das sagt sich leichter als es ist, wenn einem schreckliche Dinge passieren.

Welche Rolle spielen Kirche und Reformation in dem Programm?
von Hirschhausen:
Ich beschäftige mich mit der Frage: Welche Rolle hat Glaube heute? Was ist uns noch heilig? Was ist der Ablasshandel von heute? Die Deutschen geben eine Milliarde Euro für Nahrungsergänzung und Vitaminpräparate aus. Wissenschaftlich ist das totaler Unsinn. Es ist längst nachgewiesen, dass eine Überdosierung davon schadet und niemandem etwas nützt. Man kriegt mehr Krebs und nicht weniger davon. Das ist alles klar. Trotzdem wird es gekauft. Für mich ist das so ein Beispiel von Ablasshandel. Du kaufst etwas Sinnloses, damit deine Seele gerettet wird – ohne dich selbst und dein Verhalten ändern zu müssen. Die Mechanik ist dieselbe wie vor 500 Jahren.

Es gibt lustige Zitate von Luther: »Aus einem verzagten Arsch kommt kein fröhlicher Furz.« Heute heißt das Lactoseintoleranz. Im Kern hat er natürlich recht. Viele beschäftigen sich mehr mit ihrer Verdauung als mit den großen Fragen: Wofür sind wir hier auf der Erde? Was gibt uns Freude? Was inspiriert uns? Was hat uns Jesus vorgelebt? Was ist davon heute noch wichtig?

Letzten Endes geht es um den Placebo-Effekt. Um die große Trias von Glaube und Liebe und Hoffnung. Wenn ich einem Patienten eine Tablette gebe, die keinen Wirkstoff enthält, und sein Zustand bessert sich, dann ist das doch eigentlich ein Wunder. Zuwendung hat einen unglaublichen Effekt. Und dass Menschen, die wieder an sich glauben können, Kräfte zuwachsen, ist doch längst belegt. Die Ärzteschaft hat diese Heilkräfte, die sich nicht in eine Tablette pressen lassen, in den letzten 20, 30 Jahren ziemlich vernachlässigt. Und es ist höchste Zeit, sie wiederzuentdecken.

Wie ernst ist es Ihnen mit den Wirkstoffen Glaube, Liebe, Hoffnung?
von Hirschhausen:
In den Vorlesungen, die ich für Medizinstudenten halte, sage ich: 40 Prozent der Wirkung von jedem Medikament seid ihr selber. Es ist der Kontext. Zu Luthers Zeiten gab es keine wirksamen Medikamente. Damals haben sie einen Bibelspruch oder ein kraftvolles Wort auf einen Zettel geschrieben und den Zettel gekaut und runtergeschluckt. Bis heute sagen wir, dass man lange auf etwas herumgekaut hat. Das kommt von diesen mittelalterlichen Ritualen. Stellen Sie sich mal vor, Patienten würden nicht die Tablette, sondern den Beipackzettel schlucken – sie würden wahrscheinlich alle Nebenwirkungen bekommen, die sie vorher gelesen haben.

Die beiden Veranstaltungen im Spiegelzelt sind zugunsten Ihrer Stiftung »Humor hilft heilen«. Welchen Zweck verfolgen Sie damit?
von Hirschhausen:
In ganz Deutschland gibt es durch die Stiftung ungefähr 500 Klinikclowns. Der Grundgedanke ist sehr einfach. Lachen hilft gegen Schmerzen. Das lässt sich schnell beweisen. Hauen Sie sich einfach mit einem Hammer auf den eigenen Daumen. Machen Sie das einmal allein und dann noch einmal in Gesellschaft. Sie werden feststellen, alleine tut es sehr lange sehr weh. In Gesellschaft müssen Sie über Ihr Missgeschick lachen und der Schmerz lässt nach. Deshalb sollten Menschen mit Schmerzen nicht alleine sein und etwas zu lachen haben. Das ist der Grundansatz von »Humor hilft heilen«.

In der Bibel wird Jesus mit den Worten zitiert: »Wo zwei oder drei versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.« Wir nutzen in der Medizin viel zu wenig die positiven Kräfte von Gemeinschaftserfahrung. Menschen können anderen Menschen guttun.

So wie Luther ein Priestertum aller Gläubigen ausgerufen hat, rufe ich ein »Heilertum aller Gläubigen« aus. Damit meine ich, dass man nicht zu einem Guru rennen, in Indien oder in Japan, oder bei einem ayurvedischen Wunderheiler in Sri Lanka das Heil suchen muss. Das »Heilertum aller Gläubigen« wirkt überall, wo Menschen sich füreinander engagieren und einsetzen. Es tut einfach gut, wenn man im Kreis sitzt, miteinander still wird und das Gefühl hat, die Menschen meinen es gut mit dir und wünschen dir Gutes.

Und du legst ihnen vielleicht die Hand auf oder auch die Hand auf die Schulter. Uralte kleine Rituale könnte man tun, ohne falsche Versprechung, und ohne falsche Hoffnung zu wecken. Dafür möchte ich mich in der evangelischen Kirche einsetzen: Menschen mit existenziellen Fragen und Krisen nicht alleine zu lassen. Ich will nach Formen suchen, die modern, zeitgemäß und verantwortlich sind.

Was bedeutet für Sie heute, evangelisch zu sein?
von Hirschhausen:
Evangelisch wird oft als etwas sehr Nüchternes abgetan. Damit tun wir, glaube ich, dem Luther unrecht. Ich habe mit dem Kirchenhistoriker Volker Leppin studiert. Er schreibt, dass Luther in Teilen auch ein großer Mystiker war. Er wusste sehr wohl um die Kraft von Ritualen. Ich kann jeden verstehen, der mit kirchlichen Formen nichts mehr anzufangen weiß. Aber als Mediziner kann man einfach mal anerkennen, wie viel sozialpsychologische Weisheit in der Bibel steckt. Wer gibt, der empfängt, das ist bis heute wichtig.

Wir leben in einer Zeit, wo es ums Haben geht, um Status, um Besitzen. Das macht die Menschen seelisch total arm. Wir kaufen uns Dinge, die wir nicht brauchen, von Geld, das wir nicht haben, um Leute zu beeindrucken, die wir nicht mögen. Das ist eigentlich ein total idiotisches Spiel.

Da hat Kirche bis heute eine ganz wichtige Aufgabe, nämlich zu sagen: Es gibt einen Raum innerhalb der Gesellschaft, wo Status keine oder zumindest eine geringere Rolle spielt. Ob du mit dem Porsche, dem Fahrrad oder dem Rollstuhl in die Kirche kommst, ist gar nicht wichtig. Und ob du 5 Jahre, 50 oder 95 bist, ist auch nicht entscheidend. Wo gibt es noch Institutionen, die so eine verbindende Kraft haben?

Was schätzen Sie an Luther?
von Hirschhausen:
Ich finde längst nicht alles gut an Luther. Seinen Antisemitismus beispielsweise. Aber mir machen viel mehr die Menschen in Deutschland Sorgen, die heute genauso antisemitisch denken wie vor 500 Jahren. Die haben nichts dazugelernt.

Von Luther kann man die Grundfreiheit lernen, nicht mit der Horde zu grölen, sondern zu sagen, was einem selber wichtig ist. Dafür einzustehen, auch wenn es wehtut und unangenehm wird. Das ist eine Haltung, vor der ich absolut Respekt habe.

Der linke Flügel der Reformation

3. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Opposition: Radikale Reformation ist der Sammelbegriff für die Gruppierungen, die sich neben den lutherischen und zwinglianischen Bewegungen entwickelt haben: Schwärmer, Wiedertäufer oder Nichttrinitarier (die die Dreieinigkeit Gottes nicht anerkennen).

Die Männer kannten sich in der Bibel aus. Dabei waren sie einfache Leute, vor allem ihr Sprecher Nikolaus Storch, ein Tuchmacher. Sie predigten, dass man an ihren Lippen hing. Sie sagten, dass man das Wort Gottes nicht nur hören, sondern tun müsse. Deshalb galt es, alles abzulegen, was nicht aus Gottes Wort zu begründen sei. Zum Beispiel die Kindertaufe. Drei von ihnen waren aus Zwickau gekommen. Dort hatten sie den Pfarrer Thomas Müntzer überzeugt. Jetzt, 1521 in Wittenberg, gewannen sie den jungen Professor Andreas Bodenstein für sich. Sogar Philipp Melanchthon, der Kopf der reformatorischen Bewegung, war von ihnen beindruckt. Luther war verschwunden. Bodenstein ließ Heiligenbilder verbrennen, er zog kein Messgewand mehr an, feierte Gottesdienst auf Deutsch und reichte der Gemeinde in der Eucharistie auch den Kelch. Die Besucher protestierten. Er ließ sich nicht beirren.

Der Theologe und Organisator der Täuferbewegung Menno Simons. Foto: epd-bild

Der Theologe und Organisator der Täuferbewegung Menno Simons. Foto: epd-bild

Auf einmal, im März 1522, war Luther wieder da. In acht Predigten wies er Bodenstein in die Schranken und die frommen Prediger auch. Er verspottete sie als »Zwickauer Propheten«. Nach einer Woche war die Ordnung wieder hergestellt. Melanchthon bereute seine Offenheit für die Zwickauer und meinte fortan, dass man Ketzer wie sie mit dem Tod bestrafen müsse.

Luthers Urteil hat die Sicht auf die Dissidenten der Reformation und ihre Nachfolger über Jahrhunderte geprägt. Erst 1941 hat der amerikanische Theologe Ronald Herbert Bainton einen neutralen Begriff dafür gefunden: der linke Flügel der Reformation. Der mennonitische Theologe Heinold Fast hat ihn ins Deutsche eingeführt.

Zu den Ursprüngen des Christentums zurück

Zum linken Flügel der Reformation werden meist drei Gruppen gezählt: Spiritualisten wie die Männer aus Zwickau, Antitrinitarier, die das Dogma der Dreieinigkeit ablehnen, und die Täufer. Alle drei wollten zu den Ursprüngen des Christentums zurückkehren. Und alle drei, so verschieden sie sonst waren, lehnten die Kindertaufe ab, denn sie ist aus dem Neuen Testament nicht zu begründen. Dieses Nein brachte ihnen Konflikte auch mit der weltlichen Obrigkeit ein. Denn die Taufe war Reichsrecht. Wer sie ablehnte, spaltete die Einheit von Staat und Kirche.

Zu den Spiritualisten gehörte auch Thomas Müntzer, der »Mystiker der Revolution«. Schon als Pfarrer von Zwickau hatte er sich für soziale Gerechtigkeit eingesetzt und ging mit der Obrigkeit hart ins Gericht. Dafür musste er gehen. 1524 brach Müntzer mit Luther. Er veröffentlichte eine Schrift mit dem Titel: »Wider das geistlose sanftlebige Fleisch zu Wittenberg«. Die Theologie der Reformation, meinte er, sei nicht konsequent, schließe Kompromisse und stütze ja doch nur die Herrschaft der Gottlosen.

Thomas Müntzers unbekannte Seite

Als Pfarrer in Mühlhausen schlug er sich auf die Seite der Bauern, die sich gegen die Fürstenherrschaft erhoben. Luther dagegen hatte zwar Verständnis für den Unmut der Bauern, aber er lehnte Gewalt in den Händen der Untertanen ab. Deshalb empfahl er den Fürsten die Niederschlagung des Aufstandes. In der Schlacht bei Frankenhausen im Mai 1525 kamen rund 5 000 Bauern auf dem Schlachtfeld ums Leben. Auch Müntzer wurde gefangen genommen, gefoltert und vor den Toren von Mühlhausen enthauptet. Die DDR machte ihn deshalb zur Ikone der frühbürgerlichen Revolution. Der Fünfmarkschein trug Müntzers Bild.

»Verteidigung des orthodoxen Glaubens von der heiligen Dreieinigkeit gegen die ungeheuerlichen Irrtümer des Spaniers Michel Servet« von Johannes Calvin (1509–1564). Der Streit endet für Servet auf dem Scheiterhaufen. Foto: epd-bild

»Verteidigung des orthodoxen Glaubens von der heiligen Dreieinigkeit gegen die ungeheuerlichen Irrtümer des Spaniers Michel Servet« von Johannes Calvin (1509–1564). Der Streit endet für Servet auf dem Scheiterhaufen. Foto: epd-bild

Seine andere Seite ist kaum bekannt: Er hat als einer der ersten Reformatoren den Gottesdienst erneuert. Schon vor Luther übersetzte er 1523 die lateinische Messe ins Deutsche. Noch Jahrzehnte nach seinem Tod wurde in Thüringen nach seiner Reform Gottesdienst gefeiert. Nur durfte niemand mehr seinen Namen nennen. Und erst bei der letzten Gesangbuchreform 1993 wurde eines seiner Lieder, die Nummer 3, neu aufgenommen: »Gott, heilger Schöpfer aller Stern,/erleucht uns, die wir sind so fern,/dass wir erkennen Jesus Christ,/der für uns Mensch geworden ist.«

Der Sündenfall der Reformation

Zu den bekannten Antitrinitariern gehörte der spanische Arzt Michel Servet. Heute gilt sein Schicksal als Sündenfall der Reformation: Auf Betreiben Johannes Calvins wurde er 1553 wegen seines Glaubens lebendig verbrannt. Servet wollte zurück zur ursprünglichen Religion der ersten Christen. Jesus und seine Jünger, meinte er, seien nie vom Monotheismus des Judentums abgewichen. Das Dogma von der Trinität war in Servets Augen ein Abfall, ein Kompromissprodukt des von Kaiser Konstantin befohlenen Konzils von Nicäa im Jahr 325. Melanchthon befürwortete Servets Hinrichtung. Nach dem Druck der Reformationszeit sind die Antitrinitarier für Jahrhunderte verstummt. Ihre neuzeitlichen Vertreter sind etwa Zeugen Jehovas, die Mormonen und die liberalen Quäker.

Das Täufertum ist an verschiedenen Orten gleichzeitig entstanden. 1525 wurden in Zürich die ersten Täufer zum Tod verurteilt. Doch da gab es schon täuferische Kreise in ganz Süddeutschland und auch in den Niederlanden. Sie beeindruckten den katholischen Priester Menno Simons im friesischen Witmarsum. Er wurde zum Theologen und Organisator der Täuferbewegung. Und er sagt aller Gewalt ab und meint, dass Christen wehrlos sein müssen. 1544 nennt ein Polizeiprotokoll die Täufer zum ersten Mal »Mennoniten«. Doch Menno Simons muss vorsichtig sein. Der Kaiser hat ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt. Er reist nach Köln, aber muss bald wieder nach Norddeutschland zurückkehren.

Von der Täuferbewegung bis heute
1614 wird zum letzten Mal ein Täufer hingerichtet. Doch noch lange werden die religiösen Dissidenten diskriminiert und vertrieben. Erst unter dem Einfluss der Aufklärung wächst ein Freiraum auch für sie heran. Im 19. Jahrhundert gewährt Preußen Versammlungsfreiheit. Zum ersten Mal können Mennoniten in ihrer Heimat unbehelligt zusammenkommen – zusammen mit neuen Täuferkreisen. Sie kommen aus England, etwa die Baptisten, oder wie die Freien evangelischen Gemeinden aus Frankreich und der Schweiz. Aber Mennoniten sind die einzige täuferische Kirche, die auf die Reformationszeit zurückgeht. Heute leben etwa 40 000 Mennoniten in Deutschland.

1919, nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg, macht die junge Weimarer Demokratie Ernst mit der Trennung von Staat und Kirche. Sie schafft die Basis dafür, dass heute Volks- und Freikirchen in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen zusammenarbeiten. An die Geschichte erinnert nur noch, dass die Freikirchen in Deutschland nie auf große Zahlen gekommen sind.

Wolfgang Thielmann

Die Mennoniten
Die Mennoniten sind eine evangelische Freikirche, die aus dem pazifistischen Flügel der Täuferbewegung des 16. Jahrhunderts entstand. Rund 40 000 Mennoniten gibt es in Deutschland. Die Protestanten, die sich nach dem niederländischen Theologen Menno Simons (1496–1561) benannt haben, lehnen Waffendienst und Eid konsequent ab. Sie fordern eine vom Staat unabhängige Kirche, die sich in allen Fragen des Glaubens und Lebens am Modell der neutestamentlichen Gemeinde orientiert.

www.mennoniten.de



»Ich sehe, dass es wahr ist, was ich glaube«

27. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Glaubenskurs zur Theologie Martin Luthers: »Sola fide« – allein durch den Glauben

Luthers Theologie und Spiritualität ist durch eine Konzentration auf den individuellen Glauben bestimmt. Das reformatorische Glaubensverständnis zeichnet sich durch einen im Spätmittelalter höchstens in der Mystik gekannten Gewissheits-, Intensitäts- und Subjektivitätsgrad aus. Inhaltlich versteht Luther den Glauben als ein Sich-Halten an den gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus.

Der Glaube ist der Weg, die Gnade Gottes persönlich zu erfahren. Luther hat an mehreren Stellen in der Sprache der Brautmystik den seligen Tausch beschrieben, den der Glaube zwischen Christus und dem Christen bewirkt: »Darum, mein lieber Bruder, lerne Christum und zwar den Gekreuzigten. Ihm lerne lobsingen und an dir selbst verzweifeln. Dann sprich zu ihm: Du, o Herr Jesu, bist meine Gerechtigkeit, ich aber bin deine Sünde; du hast, was mein ist, angenommen, und mir gegeben, was dein ist. Was du nicht warst, nahmst du an und gabst mir, was ich nicht war.« Indem ich im Glauben Gottes Urteil über mein Sündersein bejahe, trete ich auf seine Seite, auf die Seite der Wahrheit. Glaube besteht für Luther paradoxerweise nicht im sittlichen Streben, sondern primär im Eingestehen der Größe der eigenen Schuld.
GuA-03-2017

Es ist heute notwendig, diese Aussage Luthers vor einem Missverständnis zu schützen. Sünder zu sein war für Luther kein Ausdruck einer entmündigenden und kleinmachenden, sondern einer heilsam rettenden Erfahrung. Das Stehen zu meinem Sündersein ermöglicht mir die Einkehr in eine Selbstbegrenzung, die mir letztlich zugutekommt, weil Schuldigwerden zum Humanum wesentlich dazugehört. Eine Bagatellisierung der Schuld würde eine Missachtung der Würde meines Menschseins bedeuten.

Auf diesem Hintergrund wird auch eine der umstrittensten seelsorgerlichen Ratschläge Luthers verständlich. Mitten in den von den Zwickauer Propheten ausgelösten Wittenberger Wirren schrieb er 1521 von der Wartburg an Melanchthon: »Pecca fortiter, sed fortius fide …« Im Briefkontext lautet dieses Wort übersetzt: »Sündige kräftig, aber glaube noch kräftiger und freue dich in Christus.« Das pecca fortiter wahrt den entscheidenden, weil heilsnotwendigen Unterschied zwischen Glaube und Moral. Im Glauben an Jesus Christus ist der alte Mensch ertränkt samt seines Gewissens. Das Streben nach Heiligkeit hat in sich keinen Wert. Im Gegenteil bedroht es sogar den Glauben, wenn es als dessen eigentliche Aufgabe missverstanden wird.

Durch die Konzentration auf den individuellen Glauben ging evangelischer Spiritualität im Lauf der Geschichte – gegen Luthers Intention – immer mehr die Dimension der Gemeinschaft verloren. Die Konsequenz der Ausblendung der christlichen Gemeinde aus dem Glauben war eine entscheidungs- und profillose protestantische Spiritualität. So sehr Luther den Glauben des Einzelnen von klerikaler Bevormundung befreien wollte, intendierte er doch nie eine Spiritualität unabhängig von der christlichen Gemeinde. Das zeigt besonders schön seine Auslegung des 3. Glaubensartikels im Kleinen Katechismus.

Neben der Dimension der Gemeinschaft ist es höchste Zeit, auch das Moment der Erfahrung für den Glauben zurückzugewinnen. Auch wenn Luther davon ausgeht, dass der Mensch durch den Glauben keine neue sittliche Qualität bekommt, ist für ihn selbstverständlich, dass dieser dem Menschen zur gelebten Erfahrung wird. »Da muss nun angehen die Erfahrung, dass ein Christ könne sagen: Bisher hab ich gehört und geglaubt, dass Christus mein Heiland sei, so meine Sünde und Tod überwunden habe. Nun erfahre ich es auch, dass es so ist. Denn ich bin jetzt und oft in Todes Angst und des Teufels Stricken gewesen, aber er hat mir herausgeholfen und offenbaret sich mir so, dass ich nun sehe und weiß, dass er mich lieb habe, und dass es wahr ist, was ich glaube.«

Peter Zimmerling

Der Autor ist Professor für Praktische Theologie mit Schwerpunkt Seelsorge und Spiritualität an der Universität Leipzig.

Berauscht von der Bibel

21. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Zum Reformationsjubiläum gibt es auf dem Büchermarkt eine Flut von Neuerscheinungen. Noch druckfrisch ist der Luther-Roman »Evangelio« von Feridun Zaimoglu. Wer eintauchen will in die Welt vor 500 Jahren, sollte ihn lesen.

Eine schnelle Nummer war das nicht«, sagt Feridun Zaimoglu (53), Autor und Maler aus Kiel. Seit 22 Jahren schreibt er Bücher und Zeitungsartikel, ist mit vielen Preisen bedacht worden. Der Luther-Roman hat nicht nur ein Jahr intensiver Recherche gekostet, er hat eine Vorgeschichte, die in die Kindheit reicht. Mit 10 Jahren hat der aus Anatolien stammende Schriftsteller Luthers »Biblia Teutsch« gelesen entgegen dem wohlmeinenden Rat der Bibliothekarin. Verstanden habe er erwartungsgemäß nichts, gibt er bei einem Interview im Weimarer Nationaltheater zu, aber er sei von den Worten berauscht gewesen. Seitdem habe er die Bibel ohne zu übertreiben mehr als drei Dutzend Mal gelesen. Wer von uns Christen kann das von sich behaupten?

Ein Andersgläubiger schreibt einen Luther-Roman? »Mit meinen türkischen Wurzeln hat das absolut nichts zu tun.« Zaimoglu sieht sich als gläubigen Muslim, allerdings möchte er »verschont bleiben vom Wahnsinn religiöser Exzentriker aller Abteilungen«. Luther ist für ihn ein großer Mann, er liebt dessen deftige Sprache, die bei Thomas Mann beispielsweise das Gegenteil bewirkt hat: »Das spezifisch Lutherische, Cholerisch-Grobianische, das Schimpfen, Speien und Wüten, das furchtbarlich Robuste erregt meine instinktive Abneigung. Ich hätte nicht Luthers Tischgast sein mögen.« Feridun Zaimoglu seinerseits wäre es liebend gern gewesen. Er ist so tief eingetaucht in die Sprache Luthers und seiner Zeit, dass er sie am Ende unbewusst auch im Gespräch mit kopfschüttelnden Freunden gebrauchte.

Feridun Zaimoglu. Foto: Melanie Grande/DNT Weimar

Feridun Zaimoglu. Foto: Melanie Grande/DNT Weimar

Der Roman beschränkt sich auf eine kurze, aber besonders wichtige Zeit in Luthers Leben. Vom 4. Mai 1521 bis zum 1. März 1522 lebt der vogelfreie Reformator als Junker Jörg auf der Wartburg in Eisenach. Der Burgvogt Hans von Berlepsch hat ihn im Auftrag des sächsischen Kurfürsten Friedrich des Weisen in Schutzhaft genommen. Der Autor stellt dem falschen Junker den fiktiven Landsknecht Burkhard an die Seite, aus dessen Perspektive die Geschichte geschildert wird. Luther selbst als Ich-Erzähler wäre vermessen gewesen, fand Zaimoglu. »Hüt ihn gut«, war dem Katholiken Burkhard aufgetragen worden, und er tut, was er kann, um dem von Selbstzweifeln und Albträumen verfolgten, von Depressionen, Darmkrämpfen und Schlaflosigkeit geplagten Ketzer den erzwungenen Aufenthalt erträglich zu machen. Luther fühlt sich vom Teufel verfolgt. »Oft plagte mich der Satan durch seine Erscheinungen, ganz besonders auf jener Burg, in der ich eine Zeit lang gefangen gehalten wurde.« Den Mitbewohnern sind seine Anfälle unheimlich.

Als gelernter Papist ist Burkhard hin und her gerissen. »Ich achte dich, Mönch, und ich hasse dich.« Sie reden miteinander über Gott und die Welt, über Hexen und Teufel, Zauberei und Höllenangst, Folter und Mord. Beide unterscheiden sich fundamental in Glaubensdingen, Mentalität und Bildung – und kommen doch gut miteinander aus. Der Landsknecht seinerseits hat viel Schreckliches gesehen in seinem Leben, während Luther in der Klosterzelle gebetet hat. Der Leser bekommt eine Ahnung von den Ängsten der Menschen im ausgehenden Spätmittelalter, lernt ihre Albträume kennen. Die Kirche hat nicht wenig Anteil daran mit ihren Bildern von Höllenqual und Sündenpfuhl.

Martin Luther fehlt der Gedankenaustausch mit den Weggenossen. Er schreibt über 100 Briefe und 14 Schriften, die mit reitendem Boten nach Wittenberg gebracht und dort gedruckt und beantwortet werden. Er schreibt an gegen Depressionen und Dämonen. In den Roman eingestreut sind fiktive Briefe. »Ihm raucht die Hand vom Schreiben«, beobachtet Burkhard. In den letzten Wochen auf der Wartburg übersetzt Martin Luther das Neue Testament aus dem griechischen Urtext. Das ist ein Meilenstein für die Entwicklung der deutschen Sprache. Sein Bewacher erkennt aber auch die theologische Bedeutung: »Der teutsche Gott säubert uns die Angst aus der Brust. Dafür schütze ich den Ketzer.«

Christine Lässig

Zaimoglu, Feridun: Evangelio, Ein Luther-Roman, Kiepenheuer & Witsch, 345 S., ISBN 978-3-462-05010-3, 22 Euro

Ganzjährig blühend

13. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Lutherrose: Merkzeichen der Theologie des Reformators

Symbole haben es in sich. Je populärer ein Markenzeichen, je offensichtlicher die Reaktion beim Anblick. Der angebissene Apfel auf dem Deckel eines Notebooks vermag ehrfürchtiges Staunen, neidisches Begehren oder hilfloses Versagen bewirken. Was passiert bei Betrachtung einer Lutherrose? Trotz ihres weltweiten Verbreitungsgebietes schränkt sich ihr Bekanntheitsgrad ein. Wer etwas damit anfangen kann, weiß: Jetzt wird’s ernst. Hinter diesem Signum steht eine Botschaft, die Himmel und Erde umschließt. Es geht um das Leben. Wie kann es sinnvoll gelingen? Wer hat das Sagen und was kommt am Ende? Martin Luther versteht sein Signum als »Merkzeichen« seiner Theologie. Zugleich sieht er seinen Glauben darin zusammengefasst. So möge dieses Zeichen Menschen bewegen wie der Stern den Autofreund.

Nachdem Luther vom Nürnberger Ratsherrn Lazarus Spengler einen Siegelentwurf erhalten hatte, der sich am Vorbild des »Löwen und Papageienfensters« im Erfurter Augustinerkloster orientierte, ergänzt und präzisiert er ihn. Das Evangelium und seine Auswirkung müssen sichtbar auf den Punkt gebracht werden. Ein berühmt gewordener Brief Luthers vom 8. Juli des Jahres 1530 enthält dann quasi den verbalen Aufguss des Dargestellten. Eine Illustration. Denn das Zeichen soll eigentlich für sich sprechen. Es bedürfe keiner Gebrauchsanweisung, meint sein Eigner. Die Zeiten ändern sich.

Im Zentrum des Blütenstandes ruht das Kreuz. Schwarz. Der gehängte Gottessohn wird den Christen zum Aufhänger ihres geretteten Lebens. Weil einer unschuldig die Schuld aller anderen mit dem Tode bezahlte, haben alle anderen das unverdiente Glück, mit unverlierbarem Leben davonzukommen. Verstehen kann man das nicht. Nur glauben. Darum ist und bleibt seliger Glaube reine Herzenssache. Dass wir darauf vertrauen, was von Gott ausgeht. Das Kreuz liegt ins Herz gebettet. Rot zeigt die Leidenschaft an.
Glaube-Alltag-10-2017Diese Mitte wird von fünf voll geöffneten Blütenblättern umgeben. Strahlend weiß. Wie Taufkleider. Was für ein Kontrast. Luther bekennt: »Weiß ist die Farbe der Geister und aller Engel Farbe.« Freude, Trost und Friede wollen sich hell leuchtend erheben, gleich der glänzenden Mittagssonne. Glaube bleibt Vertrauenssache. So wie sich die Lutherrosenblüte ihrem Betrachter öffnet, begegnet ihm Gottes Liebe. Darum geht dieses herrliche Blühen im blauen Himmel auf. Dass seine unendliche Weite, die uns auf Erden berührt, zeige, wohin wir gehören. Des Herrn sind wir, der Himmel und Erde gemacht hat. Ihm verdanken wir, den Tod nicht fürchten zu müssen. Das Ganze nun wird von einem goldenen Ring umschlossen. Martin Luther erklärt: »Um ein solch Feld einen goldenen Ring, dass solche Seligkeit im Himmel währet und kein Ende hat und auch köstlich ist über alle Freude und Güter …«

Kurprinz Johann Friedrich überreichte auf der Veste Coburg dem Festgehaltenen und im Reich Geächteten diesen Siegelring. Ein Goldrand umschließt den kostbaren Schatz. Gott hat den Gekreuzigten dem Menschen ins Herz gelegt. Das daraus folgende Privileg gleicht dem Gold, das »… das edelste, köstlichste Erz ist«. Der Bergmannssohn weiß, welchen Vergleich er hier bemüht.

Man trifft in zahlreichen Kirchen auf dieses Zeichen des befreiten Menschen. Die Lutherrose blüht in Glasfenstern, entfaltet sich in Deckengewölben, auch in manchen Stadtwappen. In einigen Wochen wird vom Bundesfinanzministerium eine Goldmünze mit der Lutherrose darauf herausgegeben. Im Jubiläumsjahr steigt ihre Präsenz. Vielleicht besitzen Sie eine Tasse mit diesem »Merkzeichen« darauf. Sie könnten es auch auf einem Brieföffner oder Schlüsselanhänger finden. Sogar als Einkaufschip. Ehe aber Aufregung darüber entstehen könnte, ob solche Vermarktung angemessen sei oder nicht, mag uns die Botschaft dieses Zeichens aus der Ruhe bringen. Du bist der geliebte Mensch. Um Christi Willen. Symbole haben es in sich.

Karsten Loderstädt

Pfarrerinnen und Pfarrern in den Kleiderschrank geschaut

13. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Liturgische Kleidung: Deutschland ist »eine schwarze Insel im farbigen Meer der Welt« – Geschichte und Bedeutung von Talaren, Alben, Chorhemden und Stolen

In einer Gruppe von Geistlichen verschiedener Konfessionen und Herkunftsländer wird ein evangelischer, deutscher Pfarrer in der Regel schnell erkannt: am schwarzen Talar mit weißem Beffchen. »Deutschland ist eine schwarze Insel im farbigen Meer der Welt«, konstatiert Frank Schmidt, Leiter des Kunstdienstes der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens. »Für viele sind Geistliche in bunter Kleidung etwas Exotisches oder sie werden in erster Linie mit dem Katholizismus in Verbindung gebracht«, so der Kunsthistoriker und Theologe.

Weltweit betrachtet ist der schwarze Talar als gottesdienstliche Kleidung die Ausnahme. Er gilt auch nicht als liturgisches Gewand, sondern war im Ursprung ein Gelehrtengewand; seine Einführung geht auf den preußischen König Friedrich Wilhelm III. zurück. Er verfügte im November 1811, dass Rabbiner, Richter und die Pfarrer der lutherischen und reformierten Gemeinden den schwarzen Talar als Diensttracht zu tragen hatten. Als Beamte des preußischen Staates mussten sie dem Folge leisten. Ausschlaggebend für den Erlass waren fehlende Vorschriften seitens des lutherischen Christentums. Für Luther selbst zählte liturgische Kleidung zu den äußeren Dingen; nützliche, aber für das Heil nicht notwendige Dinge. Im Gegensatz zu Zwingli oder Calvin schaffte er Messgewänder im Gottesdienst nicht ab.

Infolge der Reformation wurde ein sehr individueller Umgang mit liturgischer Kleidung gepflegt, teilweise wurde sie gänzlich abgeschafft. »Fälschlicherweise dachten reformierte Gemeinden, sie müssten sich an gar keine Regeln mehr halten«, erklärt Frank Schmidt. Die Aufklärung und der Pietismus sowie die damit einhergehende Rationalisierung fundierten die Daseinsberechtigung des Talars.

Foto: Mirjam Petermann

Foto: Mirjam Petermann

Dazu gehörte primär das Grundgewand, die Albe. Sie entwickelte sich aus dem römischen Alltagsgewand, der Tunika. Nach der Verdrängung des römischen Stils und dem Einzug der germanischen Hosenmode wurde die alte Kleidungsform weiterhin für Gottesdienste genutzt. Eine symbolische oder gar theologische Bedeutung hatten die Gewänder ursprünglich nicht. Die Albe wird jedoch als Taufkleid mit Christus in Verbindung gebracht. Eine jahreszeitlich bedingte Form der Albe ist das Chorhemd. Es ist weiter geschnitten, um über der warmen Winterkleidung getragen werden zu können.

Weiterhin gehört zur gottesdienstlichen Kleidung die etwa 10 Zentimeter breite und 250 Zentimeter lange Stola, in ihrem Ursprung ein Schweißtuch. Sie symbolisiert das Joch, das Jesus allen, die mühselig und beladen sind, anbietet. Aufgrund seiner besonderen Deutung wird die Stola je nach theologischer Deutung und kirchlicher Zulassung auch als ökumenische Insignie der Ordination verstanden und kann folglich nur von ordinierten Personen getragen werden. Für Lektorinnen und Lektoren kann der Gemeindekirchenrat beschließen, einen Lektorentalar zu tragen.

Nach einer ersten Rückkehr zur liturgischen Kleidung nach dem Ersten Weltkrieg wird seit den 1980er-Jahren vor allem für die Verwendung der liturgischen Gewänder in den liturgischen Farben je nach Kirchenjahreszeit plädiert. Die Ordnung der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) sieht zwar den schwarzen Talar mit weißem Beffchen als Dienstkleidung für Pfarrer vor, kennt aber auch die Möglichkeit der weißen Mantelalbe, auch heller Talar genannt, und des Chorhemds über dem schwarzen Talar – jeweils mit einer Stola in den Farben des Kirchenjahres – als legitime gottesdienstliche Kleidung.

Kritiker sehen darin jedoch die Übernahme eines Priesteramtsverständnisses, was der evangelischen Ämterlehre widerspräche. Sicherlich auch aus diesem Konflikt heraus entwickelte sich ein aktueller Trend: eine Stola über dem schwarzen Talar. Laut Ordnung der EKM ist das zulässig, aber auch hier gibt es Widerspruch: Die Stola als liturgische Insignie und der Talar als Standesinsignie seien nicht miteinander kompatibel. Außerdem fehle dafür eine historische Grundlage, so Frank Schmidt. Denn: »Farbiges gehört auf Weißes.«

Mirjam Petermann

Der Farbkanon

Grün: Farbe des Wachstums, des Heils und der Hoffnung ist die am häufigsten verwendete liturgische Farbe des Kirchenjahres, vor allem in der Trinitatiszeit.
Farbe der Vollkommenheit, symbolisiert Reinheit und Klarheit und ist damit auch Farbe Christi; gehört z. B. zum Weihnachtsfestkreis wie zum Fest der Auferstehung.
Schwarz: Symbolisiert Trauer und ist Karfreitag und -samstag sowie Trauertagen vorbehalten.
Rot: Verweist auf das Leben und den menschlichen Leib, ist auch die Farbe des Leibes Christi, der Kirche für besondere Feste der Kirche, wie zum Reformationstag und Missionsfesten, Konfirmationen und Ordinationen, für die Gedächtnistage an die Zeugen des Glaubens.
Violett: Steht für den Himmel und das Reich Gottes, symbolisiert die Kommunikation zwischen Mensch und Gott in der Erwartung auf Gottes Heil; Verwendung für Fastenzeiten und -tage, als besondere Zeiten der Besinnung der Glaubenden auf ihrem Weg zu Gott.

Luther, Weill und Mendelssohn als Festivalbegleiter

6. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Kurt Weill Fest in Dessau verbindet eine Reminiszenz an die Vergangenheit mit der Aufforderung, unsere Stimme zu erheben

Noch vor einigen Jahren war der damalige Intendant des Dessauer Kurt Weill Festes ratlos hinsichtlich einer Einbindung von örtlichen Kirchen in das Festival. Den bekennenden Atheisten Weill zu integrieren, der außer dem Oratorium »Die Verheißung« kein Werk mit positivem Bezug zur Religion geschrieben hat, das schien an den Haaren herbeigezogen.

Doch das Kurt Weill Fest hat sein thematisches Spektrum deutlich erweitert. 2017 feiert es 25-jähriges Bestehen, und selbstverständlich sind die Auferstehungskirche und die Johanniskirche – ganz normale Gemeindekirchen – geschätzte Aufführungsorte.

Doch noch mehr: Im Reformationsjahr sind christliche Bezüge ganz in den Mittelpunkt des Festivals gerückt, das noch bis zum 12. März dauert. Das Motto lautet »Luther, Weill & Mendelssohn«, womit neben der Wittenberger Nachtigall und dem Genius loci der Philosoph Moses Mendelssohn gemeint ist, ein gebürtiger Dessauer und seinerseits Aufklärer und Reformator des jüdischen Glaubens. Er war für Lessing das Vorbild seines Nathans – und hat mit einem Zitat das Motto »Forschen. Lieben. Wollen. Tun.« des Dessauer Kirchentages auf dem Weg inspiriert. Mendelssohn war zum Kurt Weill Fest unter anderem ein Hörspielabend unter dem Titel »Auf daß die Welt besser sei« mit der Pianistin Julia Hülsmann gewidmet.

Musikalische Lesung in der Auferstehungskirche. Foto: Kurt Weill Fest Dessau

Musikalische Lesung in der Auferstehungskirche. Foto: Kurt Weill Fest Dessau

Der Bezug zur Reformation, den die Fördermittelgeber 2017 wohl auch eingefordert hatten, versteht das Festival keineswegs nur als Feigenblatt, sondern lädt mit Ernst zu einer dreiteiligen theologisch-philosophischen Klangreise ein: Auf die »Freiheit des Glaubens« folgt die »Freiheit zu philosophieren« und schließlich die »Freiheit des Geistes«. Jeder der drei Teile wurde und wird auch dreimal aufgeführt, in der Region Dessau, in Wittenberg und in Halle. Dabei alternieren Beiträge des halleschen Philosophen Lars-Thade Ulrichs, gelesen von der Schauspielerin Anja Schiffel, sinnreich mit Musik von herausragenden Nachwuchskünstlern der Leipziger Musikhochschule.

Die »Freiheit des Glaubens« beinhaltete am Sonntag in der Dessauer Auferstehungskirche eine durchaus anspruchsvolle, dabei trotzdem gut verständliche Einführung in Luthers Theologie und Denken, die in dieser Stringenz und Kompaktheit auch für Berufschristen spannend zu hören war: Rechtfertigungslehre, Zwei-Welten-Theorie, die Rolle der Frauen, die Bildung, das evangelische Pfarrhaus, die Musik – es war alles dabei.

Leider richtete sich der Ausblick am Ende nur zum Pietismus – die calvinistische »zweite« Reformation und die Aufklärungstradition Anhalts, wo man sich schließlich befand, blieben außen vor.

Kongenial war jedenfalls die Musik von acht Cellostudenten unter Leitung ihres Professors Peter Bruns mit Werken von Bach, Mendelssohn, Reger und Schumann: ein symphonisches Klangerlebnis. Weitere Höhepunkte des Festes: das Eröffnungskonzert mit Kurt Weills »Sieben Todsünden« und das Oratorium »Die Verheißung« mit dem MDR Sinfonieorchester unter Leitung von Kristjan Järvi – dieses Jahr sind sie »Artist in Residence«.

Johannes Killyen

www.kurt-weill.de

Das Jahr, in dem Luther zum Nationalhelden der DDR wurde

6. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Altbischof Axel Noack über die kuriosen Ereignisse rund um das Lutherjahr 1983 im Arbeiter-und-Bauern-Staat

Die Älteren werden sich noch an das »Lutherjahr 1983« erinnern: SED-Parteichef Erich Honecker persönlich war der Vorsitzende des staatlichen »Luther-Kommitees«. Zur Eröffnung sagte er: »Martin Luther war einer der bedeutendsten Humanisten, deren Streben einer gerechteren Welt galt. Wir dürfen sagen, dass unser Vaterland, die Deutsche Demokratische Republik, dieses kostbare Erbe in sich aufgenommen hat.«

So wurde in der DDR nicht immer über Martin Luther gesprochen. Besonders in den Anfangsjahren der DDR – die alten Schulbücher für den Geschichtsunterricht können das anschaulich belegen – galt Luther als ein »Fürstenknecht« und als »Totengräber der Revolution«. So hatte schon 1836 der Dichter Ludwig Börne formuliert: »Die Reformation war die Schwindsucht, an der die deutsche Freiheit starb und Luther war ihr Totengräber.«

Luther-Souvenirs: Zum Kirchentag 1983 ein Schaufenster in Wittenberg. Foto: epd-bild/Bernd Bohm

Luther-Souvenirs: Zum Kirchentag 1983 ein Schaufenster in Wittenberg. Foto: epd-bild/Bernd Bohm

Was hatte den Wandel des Lutherbildes bewirkt? Letztlich weist er auf den Unterschied zwischen der Ulbricht-Zeit und der Zeit unter Erich Honecker hin. Wurde bei Ulbricht die Ideologie noch groß geschrieben, galt bei Honecker ein viel pragmatischerer Kurs. In der 1968 per Volksentscheid in Kraft gesetzten neuen DDR-Verfassung galt die DDR noch als »sozialistischer Staat deutscher Nation«. Das wurde – ohne jede Volksabstimmung – 1974 geändert. Nun sprach man von der DDR als eigenständiger Nation, die sich damit noch deutlicher von der Bundesrepublik abzugrenzen wünschte.

Natürlich bedurfte die Nation der DDR auch einer Nationalgeschichte. So wurden dann ziemlich schnell wieder Traditionen aufgegriffen, die vorher verpönt oder verschwiegen, zumindest aber – das zeigte das Beispiel Martin Luther – negativ gekennzeichnet worden waren: Zuerst durfte Friedrich II. (»der Große«) wieder auf seinem Denkmal in Berlin, unter den Linden, reiten. Das war verwunderlich, galt doch Preußen bis dahin als der Hort der Reaktion und des Militarismus.

Dann wurden – Weihnachten 1982 war es soweit – erstmalig Karl-May-Filme im DDR-Fernsehen gezeigt. Honecker persönlich hatte sich für die Renovierung der Karl-May-Stätten in Radebeul und Hohenstein-Ernstthal eingesetzt und den Druck von Karl-May-Büchern befürwortet. Karl May hatte als der Lieblingsautor Adolf Hitlers gegolten. In dem vom damaligen Minister für Volksbildung, Paul Wandel, initiierten Beschluss zur Einrichtung von Jugend-und Kinderbuchabteilungen (7. 7. 1950) stand Karl May auf der Liste derjenigen Autoren, die aus den Bibliotheken zu entfernen seien.

Noch im Jahre 1976, als die SED-Zeitschrift »Neues Deutschland« seinen unsäglichen Artikel zur Selbstverbrennung von Pfarrer Oskar Brüsewitz veröffentlichte (31. 8. 1976), wurde Pfarrer Brüsewitz in sehr negativer Weise mit Karl May verglichen: »Seine Handlungen entsprachen sehr oft mehr den Geschichten von Karl May als den Geboten der Kirche.«

Nun also auch Martin Luther. Kirche und Öffentlichkeit waren wirklich überrascht, als Honecker persönlich schon 1978 bei dem berühmten Staat-Kirche-Gespräch vom 6. März mit dem Vorschlag eines Lutherjahres im Jahre 1983 kam. Da wurden dann keine Mühen gescheut. Die Lutherhalle in Wittenberg, Luthers Elternhaus in Mansfeld und das Erfurter Augustinerkloster wurden aufwendig restauriert. »Expertengespräche« zwischen marxistischen Historikern und Kirchengeschichtlern wurden erstmalig offiziell ermöglicht.

Eine riesige, fünfteilige Fernsehfilmserie »Martin Luther« konnte (und kann) sich durchaus sehen lassen. Eine – vornehmlich für das Ausland gefertigte – große Wanderausstellung war sehr beachtlich, was Aufwand und Inhalt betrifft.

Freilich gab es auch Kuriositäten: Die Betriebe waren angewiesen, »Luthersouvenirs« zu produzieren, die man gegen Devisen zu verkaufen hoffte. Das hat nicht wirklich funktioniert. Und dann die acht regionalen Kirchentage. Vermutlich hoffte man, durch die Regionalisierung die Sache etwas klein halten zu können, erreichte aber das Gegenteil: Die Kirchentage wurden zu einem großen Fest und zur Plattform für die Vernetzung von Friedens-, Umwelt- und Bürgerrechtsgruppen aus der ganzen DDR.

Auf dem Kirchentag in Wittenberg (September 1983) war – unter großer Anteilnahme des Publikums und des westdeutschen Fernsehens – ein Schwert zur Pflugschar umgeschmiedet worden (siehe Erinnerungsmal »Schwerter zu Pflugscharen« auf Seite 2). Das wurde zum Symbol einer erstarkenden Friedens- und Bürgerrechtsbewegung in der DDR. So wurde das Lutherjahr 1983, ganz anders als von der Partei geplant, auch zu einem wichtigen Schritt auf dem Weg zum Ende der DDR.

Der Autor ist Kirchenhistoriker an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Buchtipp: Peter Maser: Mit Luther alles in Butter? Das Lutherjahr 1983 im Spiegel ausgewählter Akten, Metropol-Verlag, 576 S., ISBN 978-3-863-31158-2, 29,90 Euro

Was das Glück des Menschen ausmacht

28. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Glaubenskurs zur Theologie Martin Luthers: »Sola gratia« – allein aus Gnade

Dass es ein von irdischen Ambitionen, Machenschaften und Willensakten unabhängiges Institut geben könnte, geht es um die Erreichung oder Herstellung von individuellem oder gesellschaftlichem Glück, ist dem säkularisierten, von Gott entfremdeten Menschen des 21. Jahrhunderts nicht nur einfach unverständlich und fremd: Es empört ihn, bis in die tägliche Anspruchsformulierung hinein, ob politisch ausgedrückt, ideologisch oder hedonistisch-psychotisch. Die Moderne suggeriert dem Menschen in diesem Sinne nicht nur ein Recht auf wunschloses Glücklichsein weit über die Befriedigung elementarer sozialer Bedürfnisse hinaus, sie glaubt auch, Mittel, Wege und Methoden zu finden, das Ziel zu erreichen und eine Art Paradies auf Erden errichten zu können. Doch die jeweiligen individuellen wie kollektiven Bilanzen sehen unvermindert anders aus, defizitär, enttäuschend, katastrophisch: Das Glück des Einzelnen und aller bleibt aus strukturbösem Grund gleichmäßig ungleich verteilt, und der von der modernen Philosophie dafür verwendete Kontingenz-Begriff ist nichts anderes als ein Kapitulationsterminus.
GuA-03-2017An diesem Punkt kommt für den Christen ein Begriff ins Spiel, den wir in der Gegenwart fast nur noch aus dem Bereich von Rechtswissenschaft und -praxis kennen: Gnade. Gnadenrecht ist eine juristische Kategorie, es anwenden zu können, muss man Staatsoberhaupt sein oder Regierungschef. Doch der Christ weiß, dass das Institut der Gnade ein von Gott selbst gestiftetes, über den Glauben an Christus ins Dauernde erneuertes ist – ein Heilsinstitut, die durch den Sündenfall bewirkte »Entzweiung im Ursprung« (Dietrich Bonhoeffer) zwischen Gott und Mensch zu überwinden, bezogen eben nicht nur auf den Sünder im engeren Sinne, den kriminellen Straftäter, sondern auf jeden von uns: Den Sünder im Allgemeinen, den gott- und damit menschenfernen Egoisten, wie ihn die Confessio Augustana in ihrem 4. Artikel voraussetzt: »Die Menschen können vor Gott nicht gerechtfertigt werden durch eigene Kräfte, Verdienste oder Werke, sondern sie werden ohne ihr Zutun gerechtfertigt um Christi willen durch den Glauben, wenn sie gewiss sind, dass sie in die Gnade aufgenommen und ihre Sünden vergeben werden.«

Luther argumentierte an diesem Punkt zeitlebens radikal, in der Spur des Kirchenvaters Augustinus: »Hatte noch vor dem Sündenfall für den Menschen ein posse non peccare gegolten, der Mensch also die Fähigkeit besessen, nicht zu sündigen, so hatte der Sündenfall dies ganz und gar unter ein negatives Vorzeichen gestellt […] Von nun an galt für den Menschen ein non posse non peccare.« (Volker Leppin). Er argumentierte so aber nicht, um den Menschen kleinzumachen, ihn zu destruieren zu einem Fatalismusbündel – er wollte ihn umwenden und aufrichten, von sich ab, hin zu Gott, von dem allein, eben über dessen Gnadenerweis ohne Vorleistung, ohne Berechenbarkeit, ohne Werkgerechtigkeit, das Heil des Menschen bewirkt wird: Es geht um das Gottesverhältnis des Menschen, seine ständige Erneuerung im Glauben an Christus, die ein Teil der ihm immer zuvorkommenden Gnade ist. Erst aus dieser Konstellation kann der Mensch und Glaubende deuten und annehmen, was ihm geschieht.

Erst aus dieser Verbindung, die aus einer radikalen und unaufgebbaren Zuwendung Gottes zum Menschen erwächst, wird erkennbar, was den Grund des Glücks, das der Mensch erfährt, ausmacht: Es ist die Gerechtigkeit Gottes, die den struktursündigen Menschen gerecht macht, also ins erfahrene Heil versetzt, macht er ihn damit doch zu einem, der ihm, Gott, recht gibt.

Ulrich Schacht

Der Autor ist Schriftsteller und Theologe, er steht der evangelischen Bruderschaft St. Georgs-Orden vor.

Unterwegs auf dem Stationenweg

13. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Europäische Stationenweg zum Reformationsjubiläum knüpft ein Band zwischen 68 Orten. In dieser Ausgabe machen wir Station bei den osteuropäischen Nachbarn.

Von Böhmen über Siebenbürgen bis nach Polen – die Ideen von Martin Luther, Jan Hus und vielen anderen beeinflussen Menschen und Gesellschaften auch östlich der heutigen Grenzen Deutschlands.

Praha (Prag): Schon mehr als 100 Jahre vor Martin Luther, fingen viele Theologen der Prager Universität an, den damaligen Stand der Kirche kritisch zu betrachten. Zum einen wurde die Dekadenz des klerikalen Establish­ments an den Pranger gestellt und mehr Nähe zu den einfachen Menschen gefordert. Gottesdienste auf Tschechisch wurden eingeführt. Zum anderen äußerten Professoren und Prediger wie Jan Hus Zweifel an der Idee einer universellen Kirche, die nach dem Prinzip der Konziliarität funktioniert, und nahmen stattdessen ein Selbstbestimmungsrecht der Gemeinden in Anspruch. Zahlreiche Events und ein reiches Kulturangebot erinnerten 2015 an Hus’ Hinrichtung, und auch in diesem Jahr wird die böhmische Reformation in einem allgemein europäischen Kontext gefeiert.

Ljubljana (Laibach): Mehrere Ausstellungen über Luther und die Reformation werden ab April in der Burg sowie in der Nationalbibliothek organisiert. Am 8. Juni feiern die Slowenen den Priester Primož Trubar, der im 16. Jahrhundert das erste Buch in slowenischer Sprache schrieb. Am 30. Oktober folgt dann der Reformationstag mit offiziellen Feierlichkeiten und einem Gottesdienst in der Primož-Trubar-Kirche. Martin Luthers Biografie von Volker Leppin wird ebenfalls im Herbst ins Slowenische übersetzt.

Illustration: GKZ; Daniel Leyva, r2017; jameschipper

Illustration: GKZ; Daniel Leyva, r2017; jameschipper

Puconci (Putzendorf): Der kleine Ort im extremen Nordosten Sloweniens mag heute mit nur 6 000 Einwohnern recht unbedeutend erscheinen, doch er war historisch eine der Hochburgen der evangelischen Kultur in dieser Region. Die erste lutherische Kirche wurde hier 1784 erbaut, als der Ort Teil der K.-u.-k.-Monarchie und stark ungarisch geprägt war. Die Mehrheit der Bevölkerung ist bis heute lutherisch.

Sibiu (Hermannstadt): Vor zehn Jahren war die Stadt im Süden Siebenbürgens Europäische Kulturhauptstadt, und das von den Siebenbürger Sachsen im 17. und 18. Jahrhundert gebaute historische Zentrum wurde vollständig und stilvoll renoviert. Die Bilanz des damaligen Bürgermeisters Klaus Johannis fanden die Rumänen so gut, dass sie den Politiker 2014 zum Staatspräsidenten wählten – und damit Geschichte schrieben, denn der deutschstämmige und evangelische Johannis gehört im stark orthodox geprägten Land in doppelter Hinsicht einer Minderheit an. Hermannstadt ist gleichzeitig die Hochburg der Evangelischen Kirche AB (Abkürzung für »Augsburgischen Bekenntnisses«), die trotz der massiven Auswanderung der Siebenbürger Sachsen bis heute eine wichtige kulturelle und zivilgesellschaftliche Rolle spielt.

Debrecen: Die ostungarische Stadt gehört zu den wichtigsten regionalen Zentren des Calvinismus, gut 20 Prozent der Ungarn bekennen sich zu den Lehren der Reformierten Kirche, die in diesem Jahr ihr 450. Jubiläum feiert. Im Juni findet dementsprechend ein feierliches Treffen des Generalkonvents statt, und im Oktober wird der Reformationstag gewürdigt. Eine neue ungarische Übersetzung des Zweiten Helvetischen Bekenntnisses wird zu diesem Anlass offiziell präsentiert.

Sárvár (Kotenburg): Im Westen Ungarns stand die kleine Stadt am Anfang der Geschichte der ungarischen Reformation und wird auch das »ungarische Wittenberg« genannt. Hier wurde das erste Buch in der Landessprache gedruckt, und auch die erste ungarische Fassung des Neuen Testaments wurde hier 1541 herausgegeben. Mit nur 15 000 Einwohnern hat der Ort heute eher eine historische Bedeutung, aber für die Reformierte Kirche bleibt er ein wichtiger kultureller Bezugspunkt.

Sopron (Ödenburg): An der österreichischen Grenze gelegen, war diese Stadt im Sommer 1989 die Kulisse jener welthistorischen Ereignisse, die einige Monate danach zum Fall der Berliner Mauer führten. Zahlreiche DDR-Flüchtlinge konnten damals über Österreich nach Westdeutschland reisen, weil die ungarischen Grenzbeamten Menschlichkeit und gesunden Verstand zeigten. Ganz anders sieht es hier heute aus: Die rechtspopulistische Regierung von Viktor Orbán lässt Hunderte Schutzbedürftige an der Grenze
erfrieren. Auch die Arbeit der Kirchen, die helfen wollen, wird erschwert. Als wichtiges Zentrum der Reformation hätte Sopron Besseres verdient.

Cieszyn (Teschen): Die kleine Gemeinde im Süden Polens, nah an der heutigen Grenze zu Tschechien, war einer der insgesamt nur sechs Orte im historischen Schlesien, wo trotz offiziellen Katholizismus eine evangelische Kirche gebaut werden durfte. Dies geschah Anfang des 18. Jahrhunderts durch die »Gnade« des Kaisers Jo-
seph I., weshalb die Historiker von »schlesischen Gnadenkirchen« reden. Heute ist das damals gebaute Gotteshaus in Cieszyn das einzige, das noch als evangelische Kirche dient. Auch wenn sie im heutigen, stark katholisch geprägten Polen nur noch eine winzige Minderheit der Bevölkerung darstellen, haben die polnischen Lutheraner hier eine ihrer Diözesen.

Bardejov (Bartfeld): Im Norden der heutigen Slowakei gelegen, zog diese Stadt bereits im späten Mittelalter deutschsprachige Siedler an und wurde noch vor der Reformation dank des intensiven Handels zu einem der wirtschaftlich erfolgreichsten Orte der Region. Im Laufe der späteren Geschichte lebten hier in der Regel katholische Slowaken und Ungarn mit evangelischen Deutschen, sowie mit Juden, Ukrainern und Roma zusammen. Wie so oft in Mittel- und Osteuropa war dieses Mit- oder Nebeneinander nicht immer friedlich. Heute wird in Bardejov kein Deutsch mehr gesprochen, aber mehr als sieben Prozent der Bevölkerung bekennt sich immer noch zum evangelischen Glauben. Der Stadtkern gehört zum UNESCO-Kulturerbe.

Wroclaw (Breslau): Die viertgrößte Stadt im heutigen Polen war während der frühen Reformation die Kulisse gewaltiger religiöser und politischer Auseinandersetzungen, in denen der Konflikt zwischen Hussiten und Katholiken ausgetragen wurde und in denen es auch um die Ernennung des evangelischen Theologen Johann Heß zum Pfarrer in der Magdalenenkirche ging. Später wurde die Stadt während des Dreißigjährigen Kriegs zum Teil zerstört. Noch später bedeutete die NS-Herrschaft die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung und, in den späten 1940er-Jahren, auch das Ende einer langen deutschsprachigen, evangelisch geprägten Kulturtradition. Heute versucht die Stadt, im Geiste einer europäischen Identität wieder an diesen Multikulturalismus anzuknüpfen. Zahlreiche Events widmen sich 2017 der Reformation und ihrem Erbe.

Silviu Mihai

www.r2017.org/europaeischer-stationenweg

Die Symbolgestalt der Pfarrfrau

30. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Katharina von Bora war für Martin Luther Leib- und Seelsorgerin. Sie brachte den Mut auf, den ihr vorbestimmten Lebenslauf einer Nonne zu verlassen. Als Frau an der Seite des Reformators ging sie in die Geschichte ein.

Martin Luthers Testament von 1542 zeigt die hohe Wertschätzung des Reformators für seine Frau. Entgegen allen Rechtsnormen der Zeit, die für Witwen grundsätzlich einen Vormund vorsahen, jedoch die Immobilien den Kindern beziehungsweise männlichen Verwandten des Mannes zusprachen, bestimmte Luther seine Gattin zur Universalerbin und zum Vormund ihrer Kinder, »weil sie mich als ein fromm, treulich Gemahl allzeit lieb, wert und schön gehalten und mir durch reichen Gottessegen fünf lebendige Kinder (die noch vorhanden, Gott gebe, lange) geboren und erzogen hat«.

Das Epitaph für Katharina von Bora befindet sich in der Stadtkirche St. Marien  in der Elbestadt Torgau, in der die Lutherin am 20. Dezember 1552 an den Folgen  eines Unfalls starb. Torgau feiert sie mit einem Katharina-Tag am 24. und 25. Juni.  Außerdem vergibt die Stadt seit 2011 den Katharina-von-Bora-Preis für heraus- ragendes Engagement von Frauen. Foto: Rüdiger Muschke, Inventarisierung EKM

Das Epitaph für Katharina von Bora befindet sich in der Stadtkirche St. Marien in der Elbestadt Torgau, in der die Lutherin am 20. Dezember 1552 an den Folgen eines Unfalls starb. Torgau feiert sie mit einem Katharina-Tag am 24. und 25. Juni. Außerdem vergibt die Stadt seit 2011 den Katharina-von-Bora-Preis für heraus- ragendes Engagement von Frauen. Foto: Rüdiger Muschke, Inventarisierung EKM

Dass Luthers Reformation bis in die praktischen Lebensvollzüge hinein eine neue Entwicklung einleitete, wird an Katharina von Bora besonders deutlich. Berühmt geworden ist sie als Luthers Ehefrau, als erste Pfarrfrau, als »entlaufene Nonne«. Auch wenn nicht alle Zuschreibungen historisch gesehen auf sie zutreffen – eine Pfarrfrau war sie als Professorengattin nicht – und auch, wenn von ihrem außergewöhnlichen Leben vieles unbekannt bleibt: Sie wurde zur Symbolgestalt der Pfarrfrau wie keine andere.

Katharina von Bora wurde 1499 in Lippendorf südlich von Leipzig oder in Hirschfeld bei Nossen geboren. Die Mutter scheint früh verstorben, der Vater wieder geheiratet zu haben, denn schon als Fünfjährige kam sie in das Kloster Brehna als »Kostkind«. Hier konnte sie Bildung in Lesen, Schreiben, Singen, Latein, Handarbeit und Hauswirtschaft erlangen. Das Kloster bot ihr eine lebenslang gesicherte Versorgung, dazu Aufstiegsmöglichkeiten, etwa als Kantorin oder Äbtissin. Katharina kam als Zehnjährige ins Kloster Nimbschen bei Grimma, sechs Jahre später legte sie die Ordensgelübde ab. Wir wissen nicht, ob sie diesen Schritt freiwillig ging.

Was die spätere Lutherin und ihre Mitschwestern bewegte, das Kloster zugunsten einer unabsehbaren Zukunft zu verlassen, lässt sich nur vermuten. Martin Luthers Kritik am mönchischen Ideal, die er 1521 in seinem Gutachten über die Mönchsgelübde dargelegt hatte, war möglicherweise im Kloster bekannt geworden: ein Ablegen der Gelübde könne vor Gott nur freiwillig, nicht aber gegen den Willen eines Menschen erfolgen.

In der Woche nach Ostern 1523 kam Katharina von Bora gemeinsam mit acht Ordensschwestern in Wittenberg an. Ob sie in leeren Heringsfässern geflüchtet waren, wie es die Legende erzählt, bleibt dahingestellt. Dass ihre Flucht mit Gefahren verbunden war, ist jedoch sicher. Dem Fluchthelfer, Leonhard Koppe aus Torgau, und den Geflüchteten hätten auf dem Herrschaftsgebiet des Luthergegners Herzog Georgs von Sachsen Tod, Gefängnis beziehungsweise empfindliche Körperstrafen gedroht. Doch ihre Flucht glückte und Luther sah sich vor der schwierigen Aufgabe, sie zu versorgen. Um die Nonnenflucht zur Nachahmung zu empfehlen, veröffentlichte er die Schrift: Ursache und Antwort, dass Jungfrauen Klöster göttlich verlassen dürfen. Die Frau, argumentierte Luther, »ist nicht geschaffen, Jungfrau zu sein, sondern Kinder zu tragen … wie das auch die weiblichen Gliedmaßen,
von Gott dazu eingesetzt, beweisen« (Weimarer Ausgabe, Bd. 11, S. 394–400). Übertrieben haben dürfte Luther mit seiner Schätzung, wie viele Nonnen freiwillig im Kloster lebten: »sicher unter tausend kaum eine« (ebd.).

Katharinas Mitschwestern gingen eine Ehe ein oder kehrten zu ihren Familien zurück. Bei Katharina von Bora hingegen scheiterten zwei Eheanbahnungen. Als sie den als geizig bekannten 60-jährigen Wittenberger Professor Kaspar Glatz ablehnte, soll Katharina gesagt haben, sie heirate lieber Luthers Mitarbeiter Nikolaus von Amsdorf oder Luther selbst.

Am Abend des 13. Juni 1525 ging Luther mit Katharina von Bora die Ehe ein. Damit überraschte er Feinde wie Freunde, sie reagierten mit Häme oder zumindest mit Unverständnis. Anfangs war die Familie mittellos. Bald gelang es Ka­tharina, ihr Wohnhaus, das »Schwarze Kloster« und ehemalige Klostergebäude der Augustinermönche, zu einem der größten Haushalte in Wittenberg zu entwickeln. Das Lutherhaus war weit mehr als der Wohnort der Familie: ein Begegnungsort lokaler wie europäischer Geistesgrößen und Herrscherhäuser, Zufluchtsstätte für Glaubensflüchtlinge, Krankenhospital, Herberge für Gäste und Pflegekinder, ein überaus begehrtes Studentenwohnheim, Mensa und Ort der Tischreden Luthers. Die Wirtschaftsführung oblag Katharina eigenständig. Sie beaufsichtigte die Mägde und Knechte, leitete die Küche, den Einkauf und die Eigenproduktion der Lebensmittel, ließ ein Badehaus errichten, Öfen aufstellen, einen Keller bauen, erweiterte den Grundbesitz und damit die landwirtschaftlichen Flächen. Obwohl Bargeld im Lutherhaus immer knapp war, wurden unter Katharinas Leitung täglich 30 bis 50 Personen verköstigt – für die damalige Zeit eine enorme Leistung!

Sie gebar sechs Kinder, von denen vier das Erwachsenenalter erreichten. Ihr Anteil an den Diskussionen bei Tisch ist größer, als es die Nachschreiber, die kein Interesse an Katharinas Beiträgen hatten, notierten. Für Luther war sie Leib- und Seelsorgerin, seine Vertraute, die ihn nicht selten nachts im Ehebett, wenn Luther von Glaubenszweifeln heimgesucht wurde, mit Bibelworten tröstete. 1546 starb Luther plötzlich.

Im selben Jahr brach der Schmalkaldische Krieg aus und zwang die Witwe zur Flucht. Bei ihrer Rückkehr waren ihre Felder verwüstet, am Ende ihres Lebens war sie hoch verschuldet. 1552 floh Katharina nach Torgau, dort verstarb sie an den Folgen eines Verkehrsunfalls. Luther kritisierte die bis dahin höher angesehene klösterliche Lebensform zugunsten der Gestaltung des Glaubens in der Welt – in einer Partnerschaft, als Eltern, in einem Beruf. Katharina von Bora brachte den Mut auf, diese Umbrüche an Luthers Seite in ihrem eigenen Leben zu gestalten.

Sabine Kramer

Die Autorin ist promovierte Theologin mit Schwerpunkt Reformationsgeschichte und Pfarrerin an der Marktkirche in Halle.

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