Berauscht von der Bibel

21. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Zum Reformationsjubiläum gibt es auf dem Büchermarkt eine Flut von Neuerscheinungen. Noch druckfrisch ist der Luther-Roman »Evangelio« von Feridun Zaimoglu. Wer eintauchen will in die Welt vor 500 Jahren, sollte ihn lesen.

Eine schnelle Nummer war das nicht«, sagt Feridun Zaimoglu (53), Autor und Maler aus Kiel. Seit 22 Jahren schreibt er Bücher und Zeitungsartikel, ist mit vielen Preisen bedacht worden. Der Luther-Roman hat nicht nur ein Jahr intensiver Recherche gekostet, er hat eine Vorgeschichte, die in die Kindheit reicht. Mit 10 Jahren hat der aus Anatolien stammende Schriftsteller Luthers »Biblia Teutsch« gelesen entgegen dem wohlmeinenden Rat der Bibliothekarin. Verstanden habe er erwartungsgemäß nichts, gibt er bei einem Interview im Weimarer Nationaltheater zu, aber er sei von den Worten berauscht gewesen. Seitdem habe er die Bibel ohne zu übertreiben mehr als drei Dutzend Mal gelesen. Wer von uns Christen kann das von sich behaupten?

Ein Andersgläubiger schreibt einen Luther-Roman? »Mit meinen türkischen Wurzeln hat das absolut nichts zu tun.« Zaimoglu sieht sich als gläubigen Muslim, allerdings möchte er »verschont bleiben vom Wahnsinn religiöser Exzentriker aller Abteilungen«. Luther ist für ihn ein großer Mann, er liebt dessen deftige Sprache, die bei Thomas Mann beispielsweise das Gegenteil bewirkt hat: »Das spezifisch Lutherische, Cholerisch-Grobianische, das Schimpfen, Speien und Wüten, das furchtbarlich Robuste erregt meine instinktive Abneigung. Ich hätte nicht Luthers Tischgast sein mögen.« Feridun Zaimoglu seinerseits wäre es liebend gern gewesen. Er ist so tief eingetaucht in die Sprache Luthers und seiner Zeit, dass er sie am Ende unbewusst auch im Gespräch mit kopfschüttelnden Freunden gebrauchte.

Feridun Zaimoglu. Foto: Melanie Grande/DNT Weimar

Feridun Zaimoglu. Foto: Melanie Grande/DNT Weimar

Der Roman beschränkt sich auf eine kurze, aber besonders wichtige Zeit in Luthers Leben. Vom 4. Mai 1521 bis zum 1. März 1522 lebt der vogelfreie Reformator als Junker Jörg auf der Wartburg in Eisenach. Der Burgvogt Hans von Berlepsch hat ihn im Auftrag des sächsischen Kurfürsten Friedrich des Weisen in Schutzhaft genommen. Der Autor stellt dem falschen Junker den fiktiven Landsknecht Burkhard an die Seite, aus dessen Perspektive die Geschichte geschildert wird. Luther selbst als Ich-Erzähler wäre vermessen gewesen, fand Zaimoglu. »Hüt ihn gut«, war dem Katholiken Burkhard aufgetragen worden, und er tut, was er kann, um dem von Selbstzweifeln und Albträumen verfolgten, von Depressionen, Darmkrämpfen und Schlaflosigkeit geplagten Ketzer den erzwungenen Aufenthalt erträglich zu machen. Luther fühlt sich vom Teufel verfolgt. »Oft plagte mich der Satan durch seine Erscheinungen, ganz besonders auf jener Burg, in der ich eine Zeit lang gefangen gehalten wurde.« Den Mitbewohnern sind seine Anfälle unheimlich.

Als gelernter Papist ist Burkhard hin und her gerissen. »Ich achte dich, Mönch, und ich hasse dich.« Sie reden miteinander über Gott und die Welt, über Hexen und Teufel, Zauberei und Höllenangst, Folter und Mord. Beide unterscheiden sich fundamental in Glaubensdingen, Mentalität und Bildung – und kommen doch gut miteinander aus. Der Landsknecht seinerseits hat viel Schreckliches gesehen in seinem Leben, während Luther in der Klosterzelle gebetet hat. Der Leser bekommt eine Ahnung von den Ängsten der Menschen im ausgehenden Spätmittelalter, lernt ihre Albträume kennen. Die Kirche hat nicht wenig Anteil daran mit ihren Bildern von Höllenqual und Sündenpfuhl.

Martin Luther fehlt der Gedankenaustausch mit den Weggenossen. Er schreibt über 100 Briefe und 14 Schriften, die mit reitendem Boten nach Wittenberg gebracht und dort gedruckt und beantwortet werden. Er schreibt an gegen Depressionen und Dämonen. In den Roman eingestreut sind fiktive Briefe. »Ihm raucht die Hand vom Schreiben«, beobachtet Burkhard. In den letzten Wochen auf der Wartburg übersetzt Martin Luther das Neue Testament aus dem griechischen Urtext. Das ist ein Meilenstein für die Entwicklung der deutschen Sprache. Sein Bewacher erkennt aber auch die theologische Bedeutung: »Der teutsche Gott säubert uns die Angst aus der Brust. Dafür schütze ich den Ketzer.«

Christine Lässig

Zaimoglu, Feridun: Evangelio, Ein Luther-Roman, Kiepenheuer & Witsch, 345 S., ISBN 978-3-462-05010-3, 22 Euro

Ganzjährig blühend

13. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Lutherrose: Merkzeichen der Theologie des Reformators

Symbole haben es in sich. Je populärer ein Markenzeichen, je offensichtlicher die Reaktion beim Anblick. Der angebissene Apfel auf dem Deckel eines Notebooks vermag ehrfürchtiges Staunen, neidisches Begehren oder hilfloses Versagen bewirken. Was passiert bei Betrachtung einer Lutherrose? Trotz ihres weltweiten Verbreitungsgebietes schränkt sich ihr Bekanntheitsgrad ein. Wer etwas damit anfangen kann, weiß: Jetzt wird’s ernst. Hinter diesem Signum steht eine Botschaft, die Himmel und Erde umschließt. Es geht um das Leben. Wie kann es sinnvoll gelingen? Wer hat das Sagen und was kommt am Ende? Martin Luther versteht sein Signum als »Merkzeichen« seiner Theologie. Zugleich sieht er seinen Glauben darin zusammengefasst. So möge dieses Zeichen Menschen bewegen wie der Stern den Autofreund.

Nachdem Luther vom Nürnberger Ratsherrn Lazarus Spengler einen Siegelentwurf erhalten hatte, der sich am Vorbild des »Löwen und Papageienfensters« im Erfurter Augustinerkloster orientierte, ergänzt und präzisiert er ihn. Das Evangelium und seine Auswirkung müssen sichtbar auf den Punkt gebracht werden. Ein berühmt gewordener Brief Luthers vom 8. Juli des Jahres 1530 enthält dann quasi den verbalen Aufguss des Dargestellten. Eine Illustration. Denn das Zeichen soll eigentlich für sich sprechen. Es bedürfe keiner Gebrauchsanweisung, meint sein Eigner. Die Zeiten ändern sich.

Im Zentrum des Blütenstandes ruht das Kreuz. Schwarz. Der gehängte Gottessohn wird den Christen zum Aufhänger ihres geretteten Lebens. Weil einer unschuldig die Schuld aller anderen mit dem Tode bezahlte, haben alle anderen das unverdiente Glück, mit unverlierbarem Leben davonzukommen. Verstehen kann man das nicht. Nur glauben. Darum ist und bleibt seliger Glaube reine Herzenssache. Dass wir darauf vertrauen, was von Gott ausgeht. Das Kreuz liegt ins Herz gebettet. Rot zeigt die Leidenschaft an.
Glaube-Alltag-10-2017Diese Mitte wird von fünf voll geöffneten Blütenblättern umgeben. Strahlend weiß. Wie Taufkleider. Was für ein Kontrast. Luther bekennt: »Weiß ist die Farbe der Geister und aller Engel Farbe.« Freude, Trost und Friede wollen sich hell leuchtend erheben, gleich der glänzenden Mittagssonne. Glaube bleibt Vertrauenssache. So wie sich die Lutherrosenblüte ihrem Betrachter öffnet, begegnet ihm Gottes Liebe. Darum geht dieses herrliche Blühen im blauen Himmel auf. Dass seine unendliche Weite, die uns auf Erden berührt, zeige, wohin wir gehören. Des Herrn sind wir, der Himmel und Erde gemacht hat. Ihm verdanken wir, den Tod nicht fürchten zu müssen. Das Ganze nun wird von einem goldenen Ring umschlossen. Martin Luther erklärt: »Um ein solch Feld einen goldenen Ring, dass solche Seligkeit im Himmel währet und kein Ende hat und auch köstlich ist über alle Freude und Güter …«

Kurprinz Johann Friedrich überreichte auf der Veste Coburg dem Festgehaltenen und im Reich Geächteten diesen Siegelring. Ein Goldrand umschließt den kostbaren Schatz. Gott hat den Gekreuzigten dem Menschen ins Herz gelegt. Das daraus folgende Privileg gleicht dem Gold, das »… das edelste, köstlichste Erz ist«. Der Bergmannssohn weiß, welchen Vergleich er hier bemüht.

Man trifft in zahlreichen Kirchen auf dieses Zeichen des befreiten Menschen. Die Lutherrose blüht in Glasfenstern, entfaltet sich in Deckengewölben, auch in manchen Stadtwappen. In einigen Wochen wird vom Bundesfinanzministerium eine Goldmünze mit der Lutherrose darauf herausgegeben. Im Jubiläumsjahr steigt ihre Präsenz. Vielleicht besitzen Sie eine Tasse mit diesem »Merkzeichen« darauf. Sie könnten es auch auf einem Brieföffner oder Schlüsselanhänger finden. Sogar als Einkaufschip. Ehe aber Aufregung darüber entstehen könnte, ob solche Vermarktung angemessen sei oder nicht, mag uns die Botschaft dieses Zeichens aus der Ruhe bringen. Du bist der geliebte Mensch. Um Christi Willen. Symbole haben es in sich.

Karsten Loderstädt

Pfarrerinnen und Pfarrern in den Kleiderschrank geschaut

13. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Liturgische Kleidung: Deutschland ist »eine schwarze Insel im farbigen Meer der Welt« – Geschichte und Bedeutung von Talaren, Alben, Chorhemden und Stolen

In einer Gruppe von Geistlichen verschiedener Konfessionen und Herkunftsländer wird ein evangelischer, deutscher Pfarrer in der Regel schnell erkannt: am schwarzen Talar mit weißem Beffchen. »Deutschland ist eine schwarze Insel im farbigen Meer der Welt«, konstatiert Frank Schmidt, Leiter des Kunstdienstes der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens. »Für viele sind Geistliche in bunter Kleidung etwas Exotisches oder sie werden in erster Linie mit dem Katholizismus in Verbindung gebracht«, so der Kunsthistoriker und Theologe.

Weltweit betrachtet ist der schwarze Talar als gottesdienstliche Kleidung die Ausnahme. Er gilt auch nicht als liturgisches Gewand, sondern war im Ursprung ein Gelehrtengewand; seine Einführung geht auf den preußischen König Friedrich Wilhelm III. zurück. Er verfügte im November 1811, dass Rabbiner, Richter und die Pfarrer der lutherischen und reformierten Gemeinden den schwarzen Talar als Diensttracht zu tragen hatten. Als Beamte des preußischen Staates mussten sie dem Folge leisten. Ausschlaggebend für den Erlass waren fehlende Vorschriften seitens des lutherischen Christentums. Für Luther selbst zählte liturgische Kleidung zu den äußeren Dingen; nützliche, aber für das Heil nicht notwendige Dinge. Im Gegensatz zu Zwingli oder Calvin schaffte er Messgewänder im Gottesdienst nicht ab.

Infolge der Reformation wurde ein sehr individueller Umgang mit liturgischer Kleidung gepflegt, teilweise wurde sie gänzlich abgeschafft. »Fälschlicherweise dachten reformierte Gemeinden, sie müssten sich an gar keine Regeln mehr halten«, erklärt Frank Schmidt. Die Aufklärung und der Pietismus sowie die damit einhergehende Rationalisierung fundierten die Daseinsberechtigung des Talars.

Foto: Mirjam Petermann

Foto: Mirjam Petermann

Dazu gehörte primär das Grundgewand, die Albe. Sie entwickelte sich aus dem römischen Alltagsgewand, der Tunika. Nach der Verdrängung des römischen Stils und dem Einzug der germanischen Hosenmode wurde die alte Kleidungsform weiterhin für Gottesdienste genutzt. Eine symbolische oder gar theologische Bedeutung hatten die Gewänder ursprünglich nicht. Die Albe wird jedoch als Taufkleid mit Christus in Verbindung gebracht. Eine jahreszeitlich bedingte Form der Albe ist das Chorhemd. Es ist weiter geschnitten, um über der warmen Winterkleidung getragen werden zu können.

Weiterhin gehört zur gottesdienstlichen Kleidung die etwa 10 Zentimeter breite und 250 Zentimeter lange Stola, in ihrem Ursprung ein Schweißtuch. Sie symbolisiert das Joch, das Jesus allen, die mühselig und beladen sind, anbietet. Aufgrund seiner besonderen Deutung wird die Stola je nach theologischer Deutung und kirchlicher Zulassung auch als ökumenische Insignie der Ordination verstanden und kann folglich nur von ordinierten Personen getragen werden. Für Lektorinnen und Lektoren kann der Gemeindekirchenrat beschließen, einen Lektorentalar zu tragen.

Nach einer ersten Rückkehr zur liturgischen Kleidung nach dem Ersten Weltkrieg wird seit den 1980er-Jahren vor allem für die Verwendung der liturgischen Gewänder in den liturgischen Farben je nach Kirchenjahreszeit plädiert. Die Ordnung der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) sieht zwar den schwarzen Talar mit weißem Beffchen als Dienstkleidung für Pfarrer vor, kennt aber auch die Möglichkeit der weißen Mantelalbe, auch heller Talar genannt, und des Chorhemds über dem schwarzen Talar – jeweils mit einer Stola in den Farben des Kirchenjahres – als legitime gottesdienstliche Kleidung.

Kritiker sehen darin jedoch die Übernahme eines Priesteramtsverständnisses, was der evangelischen Ämterlehre widerspräche. Sicherlich auch aus diesem Konflikt heraus entwickelte sich ein aktueller Trend: eine Stola über dem schwarzen Talar. Laut Ordnung der EKM ist das zulässig, aber auch hier gibt es Widerspruch: Die Stola als liturgische Insignie und der Talar als Standesinsignie seien nicht miteinander kompatibel. Außerdem fehle dafür eine historische Grundlage, so Frank Schmidt. Denn: »Farbiges gehört auf Weißes.«

Mirjam Petermann

Der Farbkanon

Grün: Farbe des Wachstums, des Heils und der Hoffnung ist die am häufigsten verwendete liturgische Farbe des Kirchenjahres, vor allem in der Trinitatiszeit.
Farbe der Vollkommenheit, symbolisiert Reinheit und Klarheit und ist damit auch Farbe Christi; gehört z. B. zum Weihnachtsfestkreis wie zum Fest der Auferstehung.
Schwarz: Symbolisiert Trauer und ist Karfreitag und -samstag sowie Trauertagen vorbehalten.
Rot: Verweist auf das Leben und den menschlichen Leib, ist auch die Farbe des Leibes Christi, der Kirche für besondere Feste der Kirche, wie zum Reformationstag und Missionsfesten, Konfirmationen und Ordinationen, für die Gedächtnistage an die Zeugen des Glaubens.
Violett: Steht für den Himmel und das Reich Gottes, symbolisiert die Kommunikation zwischen Mensch und Gott in der Erwartung auf Gottes Heil; Verwendung für Fastenzeiten und -tage, als besondere Zeiten der Besinnung der Glaubenden auf ihrem Weg zu Gott.

Luther, Weill und Mendelssohn als Festivalbegleiter

6. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Kurt Weill Fest in Dessau verbindet eine Reminiszenz an die Vergangenheit mit der Aufforderung, unsere Stimme zu erheben

Noch vor einigen Jahren war der damalige Intendant des Dessauer Kurt Weill Festes ratlos hinsichtlich einer Einbindung von örtlichen Kirchen in das Festival. Den bekennenden Atheisten Weill zu integrieren, der außer dem Oratorium »Die Verheißung« kein Werk mit positivem Bezug zur Religion geschrieben hat, das schien an den Haaren herbeigezogen.

Doch das Kurt Weill Fest hat sein thematisches Spektrum deutlich erweitert. 2017 feiert es 25-jähriges Bestehen, und selbstverständlich sind die Auferstehungskirche und die Johanniskirche – ganz normale Gemeindekirchen – geschätzte Aufführungsorte.

Doch noch mehr: Im Reformationsjahr sind christliche Bezüge ganz in den Mittelpunkt des Festivals gerückt, das noch bis zum 12. März dauert. Das Motto lautet »Luther, Weill & Mendelssohn«, womit neben der Wittenberger Nachtigall und dem Genius loci der Philosoph Moses Mendelssohn gemeint ist, ein gebürtiger Dessauer und seinerseits Aufklärer und Reformator des jüdischen Glaubens. Er war für Lessing das Vorbild seines Nathans – und hat mit einem Zitat das Motto »Forschen. Lieben. Wollen. Tun.« des Dessauer Kirchentages auf dem Weg inspiriert. Mendelssohn war zum Kurt Weill Fest unter anderem ein Hörspielabend unter dem Titel »Auf daß die Welt besser sei« mit der Pianistin Julia Hülsmann gewidmet.

Musikalische Lesung in der Auferstehungskirche. Foto: Kurt Weill Fest Dessau

Musikalische Lesung in der Auferstehungskirche. Foto: Kurt Weill Fest Dessau

Der Bezug zur Reformation, den die Fördermittelgeber 2017 wohl auch eingefordert hatten, versteht das Festival keineswegs nur als Feigenblatt, sondern lädt mit Ernst zu einer dreiteiligen theologisch-philosophischen Klangreise ein: Auf die »Freiheit des Glaubens« folgt die »Freiheit zu philosophieren« und schließlich die »Freiheit des Geistes«. Jeder der drei Teile wurde und wird auch dreimal aufgeführt, in der Region Dessau, in Wittenberg und in Halle. Dabei alternieren Beiträge des halleschen Philosophen Lars-Thade Ulrichs, gelesen von der Schauspielerin Anja Schiffel, sinnreich mit Musik von herausragenden Nachwuchskünstlern der Leipziger Musikhochschule.

Die »Freiheit des Glaubens« beinhaltete am Sonntag in der Dessauer Auferstehungskirche eine durchaus anspruchsvolle, dabei trotzdem gut verständliche Einführung in Luthers Theologie und Denken, die in dieser Stringenz und Kompaktheit auch für Berufschristen spannend zu hören war: Rechtfertigungslehre, Zwei-Welten-Theorie, die Rolle der Frauen, die Bildung, das evangelische Pfarrhaus, die Musik – es war alles dabei.

Leider richtete sich der Ausblick am Ende nur zum Pietismus – die calvinistische »zweite« Reformation und die Aufklärungstradition Anhalts, wo man sich schließlich befand, blieben außen vor.

Kongenial war jedenfalls die Musik von acht Cellostudenten unter Leitung ihres Professors Peter Bruns mit Werken von Bach, Mendelssohn, Reger und Schumann: ein symphonisches Klangerlebnis. Weitere Höhepunkte des Festes: das Eröffnungskonzert mit Kurt Weills »Sieben Todsünden« und das Oratorium »Die Verheißung« mit dem MDR Sinfonieorchester unter Leitung von Kristjan Järvi – dieses Jahr sind sie »Artist in Residence«.

Johannes Killyen

www.kurt-weill.de

Das Jahr, in dem Luther zum Nationalhelden der DDR wurde

6. März 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Altbischof Axel Noack über die kuriosen Ereignisse rund um das Lutherjahr 1983 im Arbeiter-und-Bauern-Staat

Die Älteren werden sich noch an das »Lutherjahr 1983« erinnern: SED-Parteichef Erich Honecker persönlich war der Vorsitzende des staatlichen »Luther-Kommitees«. Zur Eröffnung sagte er: »Martin Luther war einer der bedeutendsten Humanisten, deren Streben einer gerechteren Welt galt. Wir dürfen sagen, dass unser Vaterland, die Deutsche Demokratische Republik, dieses kostbare Erbe in sich aufgenommen hat.«

So wurde in der DDR nicht immer über Martin Luther gesprochen. Besonders in den Anfangsjahren der DDR – die alten Schulbücher für den Geschichtsunterricht können das anschaulich belegen – galt Luther als ein »Fürstenknecht« und als »Totengräber der Revolution«. So hatte schon 1836 der Dichter Ludwig Börne formuliert: »Die Reformation war die Schwindsucht, an der die deutsche Freiheit starb und Luther war ihr Totengräber.«

Luther-Souvenirs: Zum Kirchentag 1983 ein Schaufenster in Wittenberg. Foto: epd-bild/Bernd Bohm

Luther-Souvenirs: Zum Kirchentag 1983 ein Schaufenster in Wittenberg. Foto: epd-bild/Bernd Bohm

Was hatte den Wandel des Lutherbildes bewirkt? Letztlich weist er auf den Unterschied zwischen der Ulbricht-Zeit und der Zeit unter Erich Honecker hin. Wurde bei Ulbricht die Ideologie noch groß geschrieben, galt bei Honecker ein viel pragmatischerer Kurs. In der 1968 per Volksentscheid in Kraft gesetzten neuen DDR-Verfassung galt die DDR noch als »sozialistischer Staat deutscher Nation«. Das wurde – ohne jede Volksabstimmung – 1974 geändert. Nun sprach man von der DDR als eigenständiger Nation, die sich damit noch deutlicher von der Bundesrepublik abzugrenzen wünschte.

Natürlich bedurfte die Nation der DDR auch einer Nationalgeschichte. So wurden dann ziemlich schnell wieder Traditionen aufgegriffen, die vorher verpönt oder verschwiegen, zumindest aber – das zeigte das Beispiel Martin Luther – negativ gekennzeichnet worden waren: Zuerst durfte Friedrich II. (»der Große«) wieder auf seinem Denkmal in Berlin, unter den Linden, reiten. Das war verwunderlich, galt doch Preußen bis dahin als der Hort der Reaktion und des Militarismus.

Dann wurden – Weihnachten 1982 war es soweit – erstmalig Karl-May-Filme im DDR-Fernsehen gezeigt. Honecker persönlich hatte sich für die Renovierung der Karl-May-Stätten in Radebeul und Hohenstein-Ernstthal eingesetzt und den Druck von Karl-May-Büchern befürwortet. Karl May hatte als der Lieblingsautor Adolf Hitlers gegolten. In dem vom damaligen Minister für Volksbildung, Paul Wandel, initiierten Beschluss zur Einrichtung von Jugend-und Kinderbuchabteilungen (7. 7. 1950) stand Karl May auf der Liste derjenigen Autoren, die aus den Bibliotheken zu entfernen seien.

Noch im Jahre 1976, als die SED-Zeitschrift »Neues Deutschland« seinen unsäglichen Artikel zur Selbstverbrennung von Pfarrer Oskar Brüsewitz veröffentlichte (31. 8. 1976), wurde Pfarrer Brüsewitz in sehr negativer Weise mit Karl May verglichen: »Seine Handlungen entsprachen sehr oft mehr den Geschichten von Karl May als den Geboten der Kirche.«

Nun also auch Martin Luther. Kirche und Öffentlichkeit waren wirklich überrascht, als Honecker persönlich schon 1978 bei dem berühmten Staat-Kirche-Gespräch vom 6. März mit dem Vorschlag eines Lutherjahres im Jahre 1983 kam. Da wurden dann keine Mühen gescheut. Die Lutherhalle in Wittenberg, Luthers Elternhaus in Mansfeld und das Erfurter Augustinerkloster wurden aufwendig restauriert. »Expertengespräche« zwischen marxistischen Historikern und Kirchengeschichtlern wurden erstmalig offiziell ermöglicht.

Eine riesige, fünfteilige Fernsehfilmserie »Martin Luther« konnte (und kann) sich durchaus sehen lassen. Eine – vornehmlich für das Ausland gefertigte – große Wanderausstellung war sehr beachtlich, was Aufwand und Inhalt betrifft.

Freilich gab es auch Kuriositäten: Die Betriebe waren angewiesen, »Luthersouvenirs« zu produzieren, die man gegen Devisen zu verkaufen hoffte. Das hat nicht wirklich funktioniert. Und dann die acht regionalen Kirchentage. Vermutlich hoffte man, durch die Regionalisierung die Sache etwas klein halten zu können, erreichte aber das Gegenteil: Die Kirchentage wurden zu einem großen Fest und zur Plattform für die Vernetzung von Friedens-, Umwelt- und Bürgerrechtsgruppen aus der ganzen DDR.

Auf dem Kirchentag in Wittenberg (September 1983) war – unter großer Anteilnahme des Publikums und des westdeutschen Fernsehens – ein Schwert zur Pflugschar umgeschmiedet worden (siehe Erinnerungsmal »Schwerter zu Pflugscharen« auf Seite 2). Das wurde zum Symbol einer erstarkenden Friedens- und Bürgerrechtsbewegung in der DDR. So wurde das Lutherjahr 1983, ganz anders als von der Partei geplant, auch zu einem wichtigen Schritt auf dem Weg zum Ende der DDR.

Der Autor ist Kirchenhistoriker an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Buchtipp: Peter Maser: Mit Luther alles in Butter? Das Lutherjahr 1983 im Spiegel ausgewählter Akten, Metropol-Verlag, 576 S., ISBN 978-3-863-31158-2, 29,90 Euro

Was das Glück des Menschen ausmacht

28. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Glaubenskurs zur Theologie Martin Luthers: »Sola gratia« – allein aus Gnade

Dass es ein von irdischen Ambitionen, Machenschaften und Willensakten unabhängiges Institut geben könnte, geht es um die Erreichung oder Herstellung von individuellem oder gesellschaftlichem Glück, ist dem säkularisierten, von Gott entfremdeten Menschen des 21. Jahrhunderts nicht nur einfach unverständlich und fremd: Es empört ihn, bis in die tägliche Anspruchsformulierung hinein, ob politisch ausgedrückt, ideologisch oder hedonistisch-psychotisch. Die Moderne suggeriert dem Menschen in diesem Sinne nicht nur ein Recht auf wunschloses Glücklichsein weit über die Befriedigung elementarer sozialer Bedürfnisse hinaus, sie glaubt auch, Mittel, Wege und Methoden zu finden, das Ziel zu erreichen und eine Art Paradies auf Erden errichten zu können. Doch die jeweiligen individuellen wie kollektiven Bilanzen sehen unvermindert anders aus, defizitär, enttäuschend, katastrophisch: Das Glück des Einzelnen und aller bleibt aus strukturbösem Grund gleichmäßig ungleich verteilt, und der von der modernen Philosophie dafür verwendete Kontingenz-Begriff ist nichts anderes als ein Kapitulationsterminus.
GuA-03-2017An diesem Punkt kommt für den Christen ein Begriff ins Spiel, den wir in der Gegenwart fast nur noch aus dem Bereich von Rechtswissenschaft und -praxis kennen: Gnade. Gnadenrecht ist eine juristische Kategorie, es anwenden zu können, muss man Staatsoberhaupt sein oder Regierungschef. Doch der Christ weiß, dass das Institut der Gnade ein von Gott selbst gestiftetes, über den Glauben an Christus ins Dauernde erneuertes ist – ein Heilsinstitut, die durch den Sündenfall bewirkte »Entzweiung im Ursprung« (Dietrich Bonhoeffer) zwischen Gott und Mensch zu überwinden, bezogen eben nicht nur auf den Sünder im engeren Sinne, den kriminellen Straftäter, sondern auf jeden von uns: Den Sünder im Allgemeinen, den gott- und damit menschenfernen Egoisten, wie ihn die Confessio Augustana in ihrem 4. Artikel voraussetzt: »Die Menschen können vor Gott nicht gerechtfertigt werden durch eigene Kräfte, Verdienste oder Werke, sondern sie werden ohne ihr Zutun gerechtfertigt um Christi willen durch den Glauben, wenn sie gewiss sind, dass sie in die Gnade aufgenommen und ihre Sünden vergeben werden.«

Luther argumentierte an diesem Punkt zeitlebens radikal, in der Spur des Kirchenvaters Augustinus: »Hatte noch vor dem Sündenfall für den Menschen ein posse non peccare gegolten, der Mensch also die Fähigkeit besessen, nicht zu sündigen, so hatte der Sündenfall dies ganz und gar unter ein negatives Vorzeichen gestellt […] Von nun an galt für den Menschen ein non posse non peccare.« (Volker Leppin). Er argumentierte so aber nicht, um den Menschen kleinzumachen, ihn zu destruieren zu einem Fatalismusbündel – er wollte ihn umwenden und aufrichten, von sich ab, hin zu Gott, von dem allein, eben über dessen Gnadenerweis ohne Vorleistung, ohne Berechenbarkeit, ohne Werkgerechtigkeit, das Heil des Menschen bewirkt wird: Es geht um das Gottesverhältnis des Menschen, seine ständige Erneuerung im Glauben an Christus, die ein Teil der ihm immer zuvorkommenden Gnade ist. Erst aus dieser Konstellation kann der Mensch und Glaubende deuten und annehmen, was ihm geschieht.

Erst aus dieser Verbindung, die aus einer radikalen und unaufgebbaren Zuwendung Gottes zum Menschen erwächst, wird erkennbar, was den Grund des Glücks, das der Mensch erfährt, ausmacht: Es ist die Gerechtigkeit Gottes, die den struktursündigen Menschen gerecht macht, also ins erfahrene Heil versetzt, macht er ihn damit doch zu einem, der ihm, Gott, recht gibt.

Ulrich Schacht

Der Autor ist Schriftsteller und Theologe, er steht der evangelischen Bruderschaft St. Georgs-Orden vor.

Unterwegs auf dem Stationenweg

13. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Europäische Stationenweg zum Reformationsjubiläum knüpft ein Band zwischen 68 Orten. In dieser Ausgabe machen wir Station bei den osteuropäischen Nachbarn.

Von Böhmen über Siebenbürgen bis nach Polen – die Ideen von Martin Luther, Jan Hus und vielen anderen beeinflussen Menschen und Gesellschaften auch östlich der heutigen Grenzen Deutschlands.

Praha (Prag): Schon mehr als 100 Jahre vor Martin Luther, fingen viele Theologen der Prager Universität an, den damaligen Stand der Kirche kritisch zu betrachten. Zum einen wurde die Dekadenz des klerikalen Establish­ments an den Pranger gestellt und mehr Nähe zu den einfachen Menschen gefordert. Gottesdienste auf Tschechisch wurden eingeführt. Zum anderen äußerten Professoren und Prediger wie Jan Hus Zweifel an der Idee einer universellen Kirche, die nach dem Prinzip der Konziliarität funktioniert, und nahmen stattdessen ein Selbstbestimmungsrecht der Gemeinden in Anspruch. Zahlreiche Events und ein reiches Kulturangebot erinnerten 2015 an Hus’ Hinrichtung, und auch in diesem Jahr wird die böhmische Reformation in einem allgemein europäischen Kontext gefeiert.

Ljubljana (Laibach): Mehrere Ausstellungen über Luther und die Reformation werden ab April in der Burg sowie in der Nationalbibliothek organisiert. Am 8. Juni feiern die Slowenen den Priester Primož Trubar, der im 16. Jahrhundert das erste Buch in slowenischer Sprache schrieb. Am 30. Oktober folgt dann der Reformationstag mit offiziellen Feierlichkeiten und einem Gottesdienst in der Primož-Trubar-Kirche. Martin Luthers Biografie von Volker Leppin wird ebenfalls im Herbst ins Slowenische übersetzt.

Illustration: GKZ; Daniel Leyva, r2017; jameschipper

Illustration: GKZ; Daniel Leyva, r2017; jameschipper

Puconci (Putzendorf): Der kleine Ort im extremen Nordosten Sloweniens mag heute mit nur 6 000 Einwohnern recht unbedeutend erscheinen, doch er war historisch eine der Hochburgen der evangelischen Kultur in dieser Region. Die erste lutherische Kirche wurde hier 1784 erbaut, als der Ort Teil der K.-u.-k.-Monarchie und stark ungarisch geprägt war. Die Mehrheit der Bevölkerung ist bis heute lutherisch.

Sibiu (Hermannstadt): Vor zehn Jahren war die Stadt im Süden Siebenbürgens Europäische Kulturhauptstadt, und das von den Siebenbürger Sachsen im 17. und 18. Jahrhundert gebaute historische Zentrum wurde vollständig und stilvoll renoviert. Die Bilanz des damaligen Bürgermeisters Klaus Johannis fanden die Rumänen so gut, dass sie den Politiker 2014 zum Staatspräsidenten wählten – und damit Geschichte schrieben, denn der deutschstämmige und evangelische Johannis gehört im stark orthodox geprägten Land in doppelter Hinsicht einer Minderheit an. Hermannstadt ist gleichzeitig die Hochburg der Evangelischen Kirche AB (Abkürzung für »Augsburgischen Bekenntnisses«), die trotz der massiven Auswanderung der Siebenbürger Sachsen bis heute eine wichtige kulturelle und zivilgesellschaftliche Rolle spielt.

Debrecen: Die ostungarische Stadt gehört zu den wichtigsten regionalen Zentren des Calvinismus, gut 20 Prozent der Ungarn bekennen sich zu den Lehren der Reformierten Kirche, die in diesem Jahr ihr 450. Jubiläum feiert. Im Juni findet dementsprechend ein feierliches Treffen des Generalkonvents statt, und im Oktober wird der Reformationstag gewürdigt. Eine neue ungarische Übersetzung des Zweiten Helvetischen Bekenntnisses wird zu diesem Anlass offiziell präsentiert.

Sárvár (Kotenburg): Im Westen Ungarns stand die kleine Stadt am Anfang der Geschichte der ungarischen Reformation und wird auch das »ungarische Wittenberg« genannt. Hier wurde das erste Buch in der Landessprache gedruckt, und auch die erste ungarische Fassung des Neuen Testaments wurde hier 1541 herausgegeben. Mit nur 15 000 Einwohnern hat der Ort heute eher eine historische Bedeutung, aber für die Reformierte Kirche bleibt er ein wichtiger kultureller Bezugspunkt.

Sopron (Ödenburg): An der österreichischen Grenze gelegen, war diese Stadt im Sommer 1989 die Kulisse jener welthistorischen Ereignisse, die einige Monate danach zum Fall der Berliner Mauer führten. Zahlreiche DDR-Flüchtlinge konnten damals über Österreich nach Westdeutschland reisen, weil die ungarischen Grenzbeamten Menschlichkeit und gesunden Verstand zeigten. Ganz anders sieht es hier heute aus: Die rechtspopulistische Regierung von Viktor Orbán lässt Hunderte Schutzbedürftige an der Grenze
erfrieren. Auch die Arbeit der Kirchen, die helfen wollen, wird erschwert. Als wichtiges Zentrum der Reformation hätte Sopron Besseres verdient.

Cieszyn (Teschen): Die kleine Gemeinde im Süden Polens, nah an der heutigen Grenze zu Tschechien, war einer der insgesamt nur sechs Orte im historischen Schlesien, wo trotz offiziellen Katholizismus eine evangelische Kirche gebaut werden durfte. Dies geschah Anfang des 18. Jahrhunderts durch die »Gnade« des Kaisers Jo-
seph I., weshalb die Historiker von »schlesischen Gnadenkirchen« reden. Heute ist das damals gebaute Gotteshaus in Cieszyn das einzige, das noch als evangelische Kirche dient. Auch wenn sie im heutigen, stark katholisch geprägten Polen nur noch eine winzige Minderheit der Bevölkerung darstellen, haben die polnischen Lutheraner hier eine ihrer Diözesen.

Bardejov (Bartfeld): Im Norden der heutigen Slowakei gelegen, zog diese Stadt bereits im späten Mittelalter deutschsprachige Siedler an und wurde noch vor der Reformation dank des intensiven Handels zu einem der wirtschaftlich erfolgreichsten Orte der Region. Im Laufe der späteren Geschichte lebten hier in der Regel katholische Slowaken und Ungarn mit evangelischen Deutschen, sowie mit Juden, Ukrainern und Roma zusammen. Wie so oft in Mittel- und Osteuropa war dieses Mit- oder Nebeneinander nicht immer friedlich. Heute wird in Bardejov kein Deutsch mehr gesprochen, aber mehr als sieben Prozent der Bevölkerung bekennt sich immer noch zum evangelischen Glauben. Der Stadtkern gehört zum UNESCO-Kulturerbe.

Wroclaw (Breslau): Die viertgrößte Stadt im heutigen Polen war während der frühen Reformation die Kulisse gewaltiger religiöser und politischer Auseinandersetzungen, in denen der Konflikt zwischen Hussiten und Katholiken ausgetragen wurde und in denen es auch um die Ernennung des evangelischen Theologen Johann Heß zum Pfarrer in der Magdalenenkirche ging. Später wurde die Stadt während des Dreißigjährigen Kriegs zum Teil zerstört. Noch später bedeutete die NS-Herrschaft die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung und, in den späten 1940er-Jahren, auch das Ende einer langen deutschsprachigen, evangelisch geprägten Kulturtradition. Heute versucht die Stadt, im Geiste einer europäischen Identität wieder an diesen Multikulturalismus anzuknüpfen. Zahlreiche Events widmen sich 2017 der Reformation und ihrem Erbe.

Silviu Mihai

www.r2017.org/europaeischer-stationenweg

Die Symbolgestalt der Pfarrfrau

30. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Katharina von Bora war für Martin Luther Leib- und Seelsorgerin. Sie brachte den Mut auf, den ihr vorbestimmten Lebenslauf einer Nonne zu verlassen. Als Frau an der Seite des Reformators ging sie in die Geschichte ein.

Martin Luthers Testament von 1542 zeigt die hohe Wertschätzung des Reformators für seine Frau. Entgegen allen Rechtsnormen der Zeit, die für Witwen grundsätzlich einen Vormund vorsahen, jedoch die Immobilien den Kindern beziehungsweise männlichen Verwandten des Mannes zusprachen, bestimmte Luther seine Gattin zur Universalerbin und zum Vormund ihrer Kinder, »weil sie mich als ein fromm, treulich Gemahl allzeit lieb, wert und schön gehalten und mir durch reichen Gottessegen fünf lebendige Kinder (die noch vorhanden, Gott gebe, lange) geboren und erzogen hat«.

Das Epitaph für Katharina von Bora befindet sich in der Stadtkirche St. Marien  in der Elbestadt Torgau, in der die Lutherin am 20. Dezember 1552 an den Folgen  eines Unfalls starb. Torgau feiert sie mit einem Katharina-Tag am 24. und 25. Juni.  Außerdem vergibt die Stadt seit 2011 den Katharina-von-Bora-Preis für heraus- ragendes Engagement von Frauen. Foto: Rüdiger Muschke, Inventarisierung EKM

Das Epitaph für Katharina von Bora befindet sich in der Stadtkirche St. Marien in der Elbestadt Torgau, in der die Lutherin am 20. Dezember 1552 an den Folgen eines Unfalls starb. Torgau feiert sie mit einem Katharina-Tag am 24. und 25. Juni. Außerdem vergibt die Stadt seit 2011 den Katharina-von-Bora-Preis für heraus- ragendes Engagement von Frauen. Foto: Rüdiger Muschke, Inventarisierung EKM

Dass Luthers Reformation bis in die praktischen Lebensvollzüge hinein eine neue Entwicklung einleitete, wird an Katharina von Bora besonders deutlich. Berühmt geworden ist sie als Luthers Ehefrau, als erste Pfarrfrau, als »entlaufene Nonne«. Auch wenn nicht alle Zuschreibungen historisch gesehen auf sie zutreffen – eine Pfarrfrau war sie als Professorengattin nicht – und auch, wenn von ihrem außergewöhnlichen Leben vieles unbekannt bleibt: Sie wurde zur Symbolgestalt der Pfarrfrau wie keine andere.

Katharina von Bora wurde 1499 in Lippendorf südlich von Leipzig oder in Hirschfeld bei Nossen geboren. Die Mutter scheint früh verstorben, der Vater wieder geheiratet zu haben, denn schon als Fünfjährige kam sie in das Kloster Brehna als »Kostkind«. Hier konnte sie Bildung in Lesen, Schreiben, Singen, Latein, Handarbeit und Hauswirtschaft erlangen. Das Kloster bot ihr eine lebenslang gesicherte Versorgung, dazu Aufstiegsmöglichkeiten, etwa als Kantorin oder Äbtissin. Katharina kam als Zehnjährige ins Kloster Nimbschen bei Grimma, sechs Jahre später legte sie die Ordensgelübde ab. Wir wissen nicht, ob sie diesen Schritt freiwillig ging.

Was die spätere Lutherin und ihre Mitschwestern bewegte, das Kloster zugunsten einer unabsehbaren Zukunft zu verlassen, lässt sich nur vermuten. Martin Luthers Kritik am mönchischen Ideal, die er 1521 in seinem Gutachten über die Mönchsgelübde dargelegt hatte, war möglicherweise im Kloster bekannt geworden: ein Ablegen der Gelübde könne vor Gott nur freiwillig, nicht aber gegen den Willen eines Menschen erfolgen.

In der Woche nach Ostern 1523 kam Katharina von Bora gemeinsam mit acht Ordensschwestern in Wittenberg an. Ob sie in leeren Heringsfässern geflüchtet waren, wie es die Legende erzählt, bleibt dahingestellt. Dass ihre Flucht mit Gefahren verbunden war, ist jedoch sicher. Dem Fluchthelfer, Leonhard Koppe aus Torgau, und den Geflüchteten hätten auf dem Herrschaftsgebiet des Luthergegners Herzog Georgs von Sachsen Tod, Gefängnis beziehungsweise empfindliche Körperstrafen gedroht. Doch ihre Flucht glückte und Luther sah sich vor der schwierigen Aufgabe, sie zu versorgen. Um die Nonnenflucht zur Nachahmung zu empfehlen, veröffentlichte er die Schrift: Ursache und Antwort, dass Jungfrauen Klöster göttlich verlassen dürfen. Die Frau, argumentierte Luther, »ist nicht geschaffen, Jungfrau zu sein, sondern Kinder zu tragen … wie das auch die weiblichen Gliedmaßen,
von Gott dazu eingesetzt, beweisen« (Weimarer Ausgabe, Bd. 11, S. 394–400). Übertrieben haben dürfte Luther mit seiner Schätzung, wie viele Nonnen freiwillig im Kloster lebten: »sicher unter tausend kaum eine« (ebd.).

Katharinas Mitschwestern gingen eine Ehe ein oder kehrten zu ihren Familien zurück. Bei Katharina von Bora hingegen scheiterten zwei Eheanbahnungen. Als sie den als geizig bekannten 60-jährigen Wittenberger Professor Kaspar Glatz ablehnte, soll Katharina gesagt haben, sie heirate lieber Luthers Mitarbeiter Nikolaus von Amsdorf oder Luther selbst.

Am Abend des 13. Juni 1525 ging Luther mit Katharina von Bora die Ehe ein. Damit überraschte er Feinde wie Freunde, sie reagierten mit Häme oder zumindest mit Unverständnis. Anfangs war die Familie mittellos. Bald gelang es Ka­tharina, ihr Wohnhaus, das »Schwarze Kloster« und ehemalige Klostergebäude der Augustinermönche, zu einem der größten Haushalte in Wittenberg zu entwickeln. Das Lutherhaus war weit mehr als der Wohnort der Familie: ein Begegnungsort lokaler wie europäischer Geistesgrößen und Herrscherhäuser, Zufluchtsstätte für Glaubensflüchtlinge, Krankenhospital, Herberge für Gäste und Pflegekinder, ein überaus begehrtes Studentenwohnheim, Mensa und Ort der Tischreden Luthers. Die Wirtschaftsführung oblag Katharina eigenständig. Sie beaufsichtigte die Mägde und Knechte, leitete die Küche, den Einkauf und die Eigenproduktion der Lebensmittel, ließ ein Badehaus errichten, Öfen aufstellen, einen Keller bauen, erweiterte den Grundbesitz und damit die landwirtschaftlichen Flächen. Obwohl Bargeld im Lutherhaus immer knapp war, wurden unter Katharinas Leitung täglich 30 bis 50 Personen verköstigt – für die damalige Zeit eine enorme Leistung!

Sie gebar sechs Kinder, von denen vier das Erwachsenenalter erreichten. Ihr Anteil an den Diskussionen bei Tisch ist größer, als es die Nachschreiber, die kein Interesse an Katharinas Beiträgen hatten, notierten. Für Luther war sie Leib- und Seelsorgerin, seine Vertraute, die ihn nicht selten nachts im Ehebett, wenn Luther von Glaubenszweifeln heimgesucht wurde, mit Bibelworten tröstete. 1546 starb Luther plötzlich.

Im selben Jahr brach der Schmalkaldische Krieg aus und zwang die Witwe zur Flucht. Bei ihrer Rückkehr waren ihre Felder verwüstet, am Ende ihres Lebens war sie hoch verschuldet. 1552 floh Katharina nach Torgau, dort verstarb sie an den Folgen eines Verkehrsunfalls. Luther kritisierte die bis dahin höher angesehene klösterliche Lebensform zugunsten der Gestaltung des Glaubens in der Welt – in einer Partnerschaft, als Eltern, in einem Beruf. Katharina von Bora brachte den Mut auf, diese Umbrüche an Luthers Seite in ihrem eigenen Leben zu gestalten.

Sabine Kramer

Die Autorin ist promovierte Theologin mit Schwerpunkt Reformationsgeschichte und Pfarrerin an der Marktkirche in Halle.

»Ganz dünnes Eis!« – Ein Versuch, sich Luthers Glauben zu nähern

23. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Teufel muss mich geritten haben, als ich das Schreiben einer Rezension zu einem Lutherbuch zusagte. Nichts qualifiziert mich dafür, kein theologischer Hintergrund, kein literaturwissenschaftlicher, kein geschichtlicher. Ganz dünnes Eis! Ich betrachte mich Religionen gegenüber als aufgeschlossen-neugierig. Dabei habe ich – da bin ich ein »typisches DDR-Kind« – diese nicht mit der Muttermilch aufgesogen. Mir ist Glaube und Kirche oftmals fremd und ich merke, wie sehr ich dies bedaure. Ich möchte mehr verstehen!

Ich las das Neue Testament, ging in Gottesdienste, redete mit gläubigen Freunden, Pastoren, alles mit relativ wenig Erfolg. Es blieb eine fremde, für mich oft undurchdringliche Welt.

Natürlich habe ich mir alle Ausstellungen der letzten Zeit über Luther angeschaut, habe Filme gesehen, gelesen, was mir unter die Finger kam, er ist mir vertraut, unser Herr Luther. Und dennoch: gerade seine theologischen Hintergründe blieben oft im Nebel.

Katja Wolf (Die Linke), Oberbürgermeisterin in Eisenach, rezensierte ein Luther-Buch. – Foto: Willi Wild

Katja Wolf (Die Linke), Oberbürgermeisterin in Eisenach, rezensierte ein Luther-Buch. – Foto: Willi Wild

Also ein neuer Versuch, mich seinem Glauben zu nähern – über ein neu erschienenes Buch. Der Titel etwas sperrig: »Der rebellische Mönch, die entlaufene Nonne und der größte Bestseller aller Zeiten«. Ein Jugendbuch – so war es angekündigt. Die klassische Zielgruppe bin ich mit 40 also nicht.

Die erste Überraschung: ein Hardcover für verhältnismäßig wenig Geld, ein schickes Buch mit schönem Umschlag und gelungenen, großformatigen Illustrationen.

Die größte Kritik ist wahrscheinlich gleichzeitig die größte Stärke dieses Buches. Es hat die falsche Schublade erwischt – es ist partout kein klassisches Jugendbuch. Vielleicht war es hilfreich, ein Buch für Leser und Leserinnen zwischen 14 und 20 schreiben zu wollen. So mussten sich die Autoren auf den Punkt konzentrieren, konnten sich keine intellektuellen Ausschweifungen erlauben, fanden Bezüge zum Hier und Heute.

Ich fühlte mich beim Lesen zu keinem Zeitpunkt unterfordert oder gar gelangweilt, es las sich »einfach so weg«. Lange Rede: Dieses Buch ist für alle Menschen, die sich für Luther interessieren, spannend. Es sei jenen besonders empfohlen, die den christlichen Glauben und das Leben Luthers nicht in die Wiege gelegt bekamen. Das müssten – zumindest im Osten der Republik – circa 85 Prozent der Bevölkerung sein.

Ob ich meine pubertierenden Kinder zum Lesen dieses Buches bewegen kann, bezweifle ich. Zum Buch selbst. Die Sprache ist schön, nicht anbiedernd trivial, nur sehr selten krampfhaft jugendlich; es ist eine moderne, aber trotzdem sorgfältige Sprache, die Wörter sind mit Bedacht und gekonnt gewählt.

Wir werden geführt durch das Leben Martin Luthers. Er gelingt – der Spagat zwischen Sachbuch und romanhafter Erzählung. Man taucht ein in die Welt Luthers. Es bleibt aber nicht bei der bloßen Darstellung der biografischen Fakten. Was wäre das Leben ohne die damit verbundenen Ängste, Sorgen, Hoffnungen, Gedanken?! Und so wird jeweils gut belegt mit Quellen, Luthers Gedanken- und Glaubenswelt verständlich nachgezeichnet. Was dachte Martin Luther in Rom? Was bewegte ihn, als er vor dem Kaiser in Worms stand? Welche Zweifel hatte er an seiner Kirche und welche Schlüsse zog er?

Ebenso wird der Blick auch auf Luthers Frau Katharina von Bora geworfen, auf ihren Weg, ihr Tagewerk, ihre Kämpfe gegen das Patriarchat, ihr Leben.

Der Autor sagte selbst, dass es sich bei diesem Buch um den Versuch der doppelten Übersetzung handle. Zum einen solle das, was Fachleute in Expertensprache schreiben, in verständliches Deutsch übersetzt werden. Zum anderen unternimmt er den Versuch der Übersetzung der 500 Jahre alten Herausforderungen und Fragen ins Hier und Heute. Damit ist die Reformation im weitesten Sinne und das Buch darüber ein Thema, welches nicht nur für Protestanten reserviert ist, sondern ebenso Katholiken, Agnostiker oder Atheisten interessiert und beschäftigt.

Die Verbindungen und Parallelen, die mit größter Aktualität gezogen werden, sind schlüssig und spannend. Luther wird zu keinem Zeitpunkt als Held stilisiert, sondern immer in seiner Vielschichtigkeit und Ambivalenz gezeichnet; dies immer zutiefst menschlich und differenziert. Eine Stärke der Autoren.

Das Buch hat mir eine theologische Welt gezeigt, vor der ich allzu oft fragend stand. Natürlich bietet dieses Buch keine alles umfassende Antwort. Trotzdem: Ich kann dieses Buch uneingeschränkt ans Herz legen – zumindest Menschen wie mir.

Katja Wolf

Nürnberger, Christian, Gerster, Petra: Der rebellische Mönch, die entlaufene Nonne und der größte Bestseller aller Zeiten, Gabriel Verlag, 208 S., mit Illustrationen von Irmela Schautz, ISBN 978-3-522-30419-1, 14,99 Euro

Freiheitsgeschichte(n) im Doppelpack

9. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Viele der Reformationsorte 2017 stehen auch für die friedliche Revolution 1989/90, beleuchtet die ehemalige thüringische Ministerpräsidentin in einem Beitrag für die Kirchenzeitung.

Die 500. Wiederkehr des Thesenanschlags von Martin Luther an die Schlosskirche von Wittenberg ist ein Weltereignis. Daran zweifelt zum Auftakt dieses Jubiläumsjahres 2017 niemand. Dennoch stellt sich die Frage, was dieses epochale Ereignis aus dem Jahr 1517 den heutigen Bewohnern der einstigen reformatorischen Kernlandschaften in Ost- und Mitteldeutschland bedeutet.

Der Grad der Entkirchlichung ganzer Landstriche zwischen Wittenberg, Eisleben, Torgau, Erfurt, Eisenach oder Schmalkalden, um nur einige der wichtigsten Orte der Reformationsgeschichte zu nennen, wiegt schwer. Dabei ist der Grad der Entkirchlichung dieser Gebiete mit einer bisweilen gar unter zehn Prozent tendierenden Kirchenzugehörigkeit der Bevölkerung nicht nur Folge der vergangenen sechs Jahrzehnte Diktaturerfahrung, sondern auch Ergebnis von »Freiheitsgeschichte« der vergangenen 25 Jahre nach 1990. Hier fanden die Verlockungen der neuen Konsumgesellschaft im historischen Materialismus der einstigen DDR-Ideologen durchaus fruchtbaren Boden.

Dieser dramatischen Entkirchlichungsgeschichte steht allerdings ein bemerkenswerter Befund über die offensichtliche Langlebigkeit historischer Prägungen entgegen. Das gilt auch dann, wenn gegenwärtigen Zeitgenossen die eigene Geschichte allenfalls rudimentär im Gedächtnis geblieben sein mag. Nimmt man beispielsweise eine Landkarte mit den Orten der friedlichen Revolution auf dem Gebiet der DDR des Jahres 1989 zur Hand, wird man feststellen, dass neben den im In- und Ausland bekannten Zentren der Revolution mit Berlin, Leipzig und Dresden viele Orte angegeben sind, in denen es ebenfalls offene Demonstrationen gegen Maßnahmen der erstarrten DDR-Staatsführung bereits im Zeitraum vom 13. August bis zum 31. Oktober 1989 gegeben hat; einem Zeitraum, in dem der friedliche Verlauf der Revolution alles andere als ausgemacht galt.

Es sind vor allem Städte und Gemeinden, die sich im Süden der ehemaligen DDR zu einem fast flächendeckenden Revolutionsgebiet bereits vor dem Fall der Mauer vom 9. November 1989 verdichteten. Vergleicht man diese Karte mit einer Landkarte der Ausbreitung der Reformation nach Luthers Thesenanschlag von 1517, hat man einen nahezu identischen Befund. So sind auf dieser Revolutionskarte von 1989 neben den bekannten Lutherstädten wie Wittenberg, Eisleben, Erfurt, Eisenach, Torgau, Schmalkalden, Halle, Jena oder Altenburg auch das thüringische Eisfeld, Hildburghausen, Arnstadt, Gotha, Nordhausen, Schleiz, Greiz und Lobenstein, Eisenberg, Camburg, Neustadt/Orla, Mühlhausen, Tambach-Dietharz, Waltershausen und weitere Städte und Gemeinden ausgewiesen.

Gleiches trifft auf heutige sachsen-anhaltische und sächsische Orte wie Halberstadt, Magdeburg, Calbe, Stendal, Arendsee, Dessau, Zerbst, Köthen, Weißenfels, Merseburg und Naumburg, Plauen, Oelsnitz oder Meißen zu.

Diese Orte haben ihre aus den kirchlichen Friedensgebeten hervorgegangene Revolutionsgeschichte 1989 und sind zugleich Orte, in denen die reformatorische Lehre, mancherorts freilich auch mit Rückschlägen, frühzeitig angenommen wurde.

Die Namen von Luthers Mitstreitern in diesen hier nur exemplarisch aufgeführten Gemeinden sind Legion. Sie reichen von Georg Spalatin in Altenburg über Justus Jonas, der in Leipzig, Halle, Naumburg, Zerbst, aber auch in Eisfeld und Südthüringen wirkte, über Friedrich Myconius in Gotha und Georg Rauth, der von Plauen aus wichtige Orte des Vogt- und Reußenlandes zur Reformation führte. Nicht weniger spannend ist der vorerst erfolglose Volksaufstand von 1524/25 gegen die Obrigkeit in Calbe.

Zu nennen sind der Luther-Vertraute und Dichter Paul Rebhuhn in Oelsnitz, der Jenaer Superintendent Anton Musa, der erster evangelischer Pfarrer in Mittweida wurde, Johann Spangenberg als Reformator Nordhausens oder Nikolaus von Amsdorf als erster evangelischer Bischof von Naumburg. Auf diesen Spuren lohnt es sich im Reformationsjahr 2017 einer doppelten Freiheitsgeschichte nachzugehen: der von 1517 und der von 1989/90.

Christine Lieberknecht

Die Autorin war von 2009 bis 2014 Ministerpräsidentin des Freistaates Thüringen.
Bis 1990 war sie als Pastorin tätig, seit 1991 ist sie durchgehend Abgeordnete der CDU im Thüringer Landtag.

»Vom Himmel hoch …«

25. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Luthers Weihnachtslieder als theologisches Manifest – von Renate Kortheuer-Schüring

Luther selbst musizierte mit Lust. Er schrieb mehr als 30 Kirchenlieder – darunter auch das bekannte Weihnachtslied »Vom Himmel hoch, da komm ich her«.

Aus der Stahlradierung von Carl A. Schwerdtgeburth »Luthers Familie unter dem Christbaum« (1843) scheint dieses Lied förmlich zu leuchten. Luther hatte »Vom Himmel hoch« wohl 1534 zur Bescherung für seine Kinder geschrieben; vielleicht sogar speziell für seine Tochter Margarete, die im Advent geboren wurde. Der Text folgt einem Teil der Weihnachtsgeschichte: Engel, Hirten und letztlich die Gläubigen selbst kommen darin wie in einem Krippenspiel zu Wort, um den neugeborenen Heiland zu verehren.

Dass Luther seinem fünfzehn Strophen umfassenden Gedicht zunächst die Melodie eines Gassenhauers beigab, tat der heiligen Sache keinen Abbruch. Die sogenannte Kontrafaktur war damals verbreitet; neu war es allerdings, weltliche Weisen in geistliche Musik zu transponieren. Dies dürfte – neben dem Buch- und Notendruck – auch dazu beigetragen haben, dass sich die reformatorischen Gedanken so rasch und weit verbreiteten, wie der evangelische Theologe Johann Hinrich Claussen in seiner »Geschichte der Kirchenmusik« schreibt.

»Vom Himmel hoch« ging ursprünglich auf ein mittelalterliches Spielmannslied zurück: »Ich kumm auß fremden landen her und bring euch vil der newen mär«, hieß es, Luther übernahm die erste Strophe mit kleinen Abwandlungen fast komplett. Einige Jahre später komponierte er jedoch noch eine eigene Melodie dazu – diejenige, nach der das Lied bis heute gesungen wird.

Martin Luther im Kreise seiner Familie, singend und Laute spielend, in mittelalterlicher Stube unterm glänzenden Weihnachtsbaum: Das Bild ist eine Ikone des Protestantismus. Auch wenn die Luther-Weihnacht in dieser Form der historischen Realität von 1536 kaum entsprochen hat –  der Christbaum war noch nicht erfunden –, so spiegelt sich in den im 19. Jahrhundert verbreiteten Darstellungen doch ein ganz besonderer Aspekt der Reformation: die Musik wird zur Trägerin der Frohen Botschaft. Repro: epd-bild/akg-images

Martin Luther im Kreise seiner Familie, singend und Laute spielend, in mittelalterlicher Stube unterm glänzenden Weihnachtsbaum: Das Bild ist eine Ikone des Protestantismus. Auch wenn die Luther-Weihnacht in dieser Form der historischen Realität von 1536 kaum entsprochen hat – der Christbaum war noch nicht erfunden –, so spiegelt sich in den im 19. Jahrhundert verbreiteten Darstellungen doch ein ganz besonderer Aspekt der Reformation: die Musik wird zur Trägerin der Frohen Botschaft. Repro: epd-bild/akg-images

Als Luthers theologisch bedeutendster Choral gilt allerdings ein anderes Weihnachtslied. »Nun freut euch, lieben Christen g’mein«, 1523 als Flugblatt veröffentlicht, enthalte in Versen und Tönen Luthers ganzes theologisches Programm, erklärt Claussen. Das heute seltener gesungene zehnstrophige Lied handelt von Gottes Gnade, der Geburt des Erlösers Jesus Christus und der Rechtfertigung des Sünders. Mit der Kernthese, dass der Mensch sein Heil allein aus göttlicher Gnade gewinnen kann und nicht aufgrund eigener Anstrengungen, löste Luther vor 500 Jahren die Reformation aus. Seine Theologie ist den Protestanten allerdings inzwischen fremd geworden, wie Claussen einräumt.

Zur Zeit der Reformation dagegen wurde »Nun freut euch, lieben Christen g’mein« zu einem wichtigen Hymnus. Der »Urkantor« der evangelischen Kirche, der Kirchenmusiker Johann Walter (1496–1570), schrieb, das »Liedlein Lutheri« habe »viel hundert Christen zum Glauben bracht …«, die sonst von dessen Lehre nichts hätten wissen wollen. »Die geistlichen Lieder haben nicht wenig zur Ausbreitung des Evangeliums geholfen«, berichtete der Kantor, der 1525 mit Luther die deutsche Messe entwickelte und das erste evangelische Gesangbuch herausgab. Für viele seien die Lieder Luthers auch Tröster in Todesnot geworden.

In dem bewegten Rhythmus des Weihnachts-Chorals sind Hüpfen und Freudensprünge angedeutet. Zum Singen, Tanzen und Springen angesichts der Frohen Botschaft fordert Luther auch im Text auf: »… lasst uns fröhlich springen, / dass wir getrost und all’ in ein, / mit Lust und Liebe singen.«

An den berührenden Volkston des Lieds »Vom Himmel hoch« reicht der Choral indes nicht heran. Im Lauf der Jahrhunderte griffen viele Komponisten die Melodie dieses »Kinderlieds« auf und verwendeten sie neu, zuerst Johann Sebastian Bach (1685–1750). In seinem berühmten »Weihnachtsoratorium« finden sich allein drei Choräle, die auf Luthers »Vom Himmel hoch« fußen; auch ein Orgelwerk im kontrapunktischen Stil hat Bach dem Lied gewidmet (1748). Felix Mendelssohn Bartholdy, Max Reger und Igor Strawinsky ließen sich ebenso von dem Engelsgesang inspirieren.

Musikalisch-theologisch standen sie damit in der Tradition des leidenschaftlichen Sängers aus Wittenberg, der »von der Musica so herrlich zu reden wusste« (Kantor Walter) und sie der Theologie gleichstellte. Bis heute wird dies zu Weihnachten und mit seinen Liedern für viele Menschen besonders spürbar: Dass das Evangelium eine »gute Nachricht« ist, wie Luther sagt, »davon man singet, saget und fröhlich ist«. (epd)

Der Reformator widersteht der Macht

14. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Lutherstädte: Martin Luthers Auftritt vor dem Wormser Reichstag wurde zum Wendepunkt der Kirchengeschichte. Denn hier misslang der Versuch, die Reformation im Keim zu ersticken. Wer sich in der Stadt auf Luthers Spuren begeben will, braucht heute etwas Fantasie.

Im Wormser Heylshofpark können Besucher vom kommenden Jahr an buchstäblich in die Fußstapfen des Reformators treten. Zwei große bronzene Schuhe sollen genau dort montiert werden, wo der Wittenberger Theologieprofessor Martin Luther (1483–1546) sich 1521 während des Wormser Reichstags weigerte, seiner Lehre abzuschwören. Doch so bedeutend sein gerade einmal zehntägiger Aufenthalt in Worms für die Geschichte der Reformation auch gewesen sein mag – authentische Lutherstätten kann die Stadt kaum bieten.

Das Lutherdenkmal in Worms ist das weltweit größte Denkmal des Reformators. Martin Luther steht in der Mitte einer Skulpturengruppe. Der Dresdner Bildhauer Ernst Rietschel schuf das Reformationsdenkmal, erlebte die feierliche Enthüllung seines Monuments am 25. Juni 1868 jedoch nicht mehr. Foto: epd-bild

Das Lutherdenkmal in Worms ist das weltweit größte Denkmal des Reformators. Martin Luther steht in der Mitte einer Skulpturengruppe. Der Dresdner Bildhauer Ernst Rietschel schuf das Reformationsdenkmal, erlebte die feierliche Enthüllung seines Monuments am 25. Juni 1868 jedoch nicht mehr. Foto: epd-bild

»Nach dem Zweiten Weltkrieg war Worms die Lutherstadt schlechthin im Westen, denn die anderen waren ja nicht zugänglich«, erzählt der städtische Kulturkoordinator Volker Gallé. Weil Eisenach und Wittenberg hinter dem Eisernen Vorhang lagen, wurde die 80 000-Einwohner-Stadt in Rheinland-Pfalz zum Schauplatz vieler zentraler westdeutscher Gedenkveranstaltungen und Kirchenkonferenzen.

»Wenn so viel Teufel zu Worms wären als Ziegel auf den Dächern, so wollt’ ich hinein«, soll Luther die Warnungen vor einer Reise nach Worms zerstreut haben. Seine Anhänger hatten in dem zugesicherten freien Geleit eine List gewittert. Angeblich soll der 37-Jährige vor der historischen Rede sogar in seiner Herberge, dem Johanniterhof, knapp einem Giftanschlag entgangen sein. Gästeführerin Gisela Neumeister erzählt Touristen auf den Reformationsführungen zumindest die Legende über das Weinglas, das gerade noch rechtzeitig zersprungen sein soll, als Luther daran nippen wollte.

Im Frühjahr 1521 war Luther wegen seiner Thesen bereits von der Kirche exkommuniziert. Allerdings hatte er die Unterstützung einer Reihe deutscher Fürsten, die ihm die Gelegenheit einer letzten Verteidigungsrede vor dem Wormser Reichstag und Kaiser Karl V. verschafften. Und auch auf seiner von heftigen Bauchkrämpfen begleiteten Reise wurde er begeistert von Anhängern begrüßt.

Der Auftritt des als »großer Ketzermeister« verschrienen Luthers in Mönchskutte verlief jedoch anders als von Kaiser und Kirche erwartet: Der Reformator erklärte, er könne seine Ansichten nicht gegen das eigene Gewissen widerrufen. Durch die Bibel fühle er sich bestätigt. Der Ausruf »Hier stehe ich und kann nicht anders« fiel dabei nicht, was die historische Bedeutung der Rede jedoch nicht schmälerte. Überliefert ist: »Gott helf mir! Amen.«

Das ließen sich Fürsten und Kaiser nicht gefallen. Mit dem Wormser Edikt verbot Karl V. nicht nur die Schriften Luthers, er untersagte auch dessen Unterstützung und erklärte ihn für vogelfrei. Als das Edikt jedoch im Mai veröffentlicht wurde, befand sich Luther schon in Sicherheit auf der Wartburg bei Eisenach.

Ein flüchtiger Rundgang auf Luthers Spuren durch die in vielen Kriegen zerstörte Stadt am Rhein ernüchtert: Wo einst der Johanniterhof stand, ragt seelenlose Nachkriegsarchitektur in die Höhe. Neben dem Woolworth-Kaufhaus erinnert lediglich eine Gedenkplakette an den berühmten Gast. Der Wormser Bischofspalast, Ort des Reichtags, wurde im 17. Jahrhundert zerstört. Eine private Stiftung hat einen Park angelegt. Insbesondere ausländische Besucher ziehe es dennoch magisch an den Originalschauplatz, sagt Gästeführerin Neumeister: »Das ist für viele Leute das Highlight.«

Unter dem Mangel an Luther-Sehenswürdigkeiten litten die Bürger der mehrheitlich protestantischen Stadt schon im 19. Jahrhundert. So entstand mit Spenden aus dem In- und Ausland 1868 das weltgrößte Lutherdenkmal. Der überlebensgroße Reformator steht auf einem Sockel im Zentrum einer Skulpturengruppe zwischen Weggefährten wie Philipp Melanchthon und Philipp dem Großmütigen sowie Vordenkern der Kirchenreform wie Jan Hus und Petrus Waldus. Der Rundgang führt auch zu der kleinen evangelischen Magnuskirche, in der früh im Sinne Luthers gepredigt wurde.

Obwohl sich Worms seit der Wiedervereinigung im Marketing stärker der Nibelungensage und dem bedeutenden jüdischen Erbe zuwandte, rechnet man für 2017 mit einem kleinen Besucherboom. Zum 500. Jahrestag des Thesenanschlags werde die Stadt die eigene Reformationsgeschichte inszenieren, kündigt Kulturkoordinator Gallé an. Neben den übergroßen Bronzeschuhen ist ein »Bildungs- und Erlebnisparcours« geplant. Und am Schauplatz des Reichstags werden Lautsprecher von Bäumen herab die Passanten mit Gewissensfragen beschallen.

Karsten Packeiser (epd)

Gemeinsam auf dem Weg

8. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Ein starkes Zeichen: Erstmals nach 499 Jahren der Trennung eröffnen Lutherischer Weltbund (LWB) und Vatikan gemeinsam das Jubiläumsjahr der Reformation.

Bewahre uns Gott, behüte uns Gott …«, singen die Menschen in der Domkirche der schwedischen Universitätsstadt Lund. Dort, wo 1947 der Lutherische Weltbund gegründet wurde, gibt es am Reformationstag erneut ein kirchenhistorisches Ereignis: 499 Jahre nach dem Thesenanschlag Martin Luthers feiern Papst Franziskus und der Präsident des Lutherischen Weltbunds, Bischof Munib Younan, einen Gottesdienst zur Eröffnung des Reformationsjubiläums. Gemeinsam beten sie, gemeinsam singen sie – und gemeinsam umarmen sie sich zum Friedensgruß.

»Wir Katholiken und Lutheraner haben begonnen, auf dem Weg der Versöhnung voranzugehen«, sagt Papst Franziskus. »Wir dürfen uns nicht mit der Spaltung und der Entfremdung abfinden, die durch die Teilung unter uns hervorgerufen wurden.« Dankbar erkenne man an, »dass die Reformation dazu beigetragen hat, die Heilige Schrift mehr ins Zentrum des Lebens der Kirche zu stellen«, sagt Franziskus. Martin Luther habe mit seiner Frage »Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?« die entscheidende Frage des menschlichen Lebens gestellt. »Als Lutheraner und Katholiken beten wir gemeinsam in dieser Kathedrale und sind uns bewusst, dass wir getrennt von Gott nichts vollbringen können.«

Brüderliche Umarmung in Lund: Munib Younan, Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land und Präsident des Lutherischen Weltbundes (l.), und Papst Franzikus am vergangenen Montag beim Friedensgruß. Foto: epd-bild/Svenska kyrkan/Mikael Ringlander

Brüderliche Umarmung in Lund: Munib Younan, Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land und Präsident des Lutherischen Weltbundes (l.), und Papst Franzikus am vergangenen Montag beim Friedensgruß. Foto: epd-bild/Svenska kyrkan/Mikael Ringlander

Einige Dutzend Kilometer entfernt, in der Arena von Malmö, hat Pastor Thomas Waack aus Eutin in Schleswig-Holstein Platz genommen. Er verfolgt den Gebetsgottesdienst in Lund zusammen mit mehr als Zehntausend Menschen über eine Großbildleinwand. »Ich hoffe, dass es weitere Signale des Aufeinanderzugehens gibt«, sagt Waack. Ähnlich sagt es die dänische Pfarrerin Helle Rosenquist, die für den Gottesdienst extra aus dem Norden Jütlands nach Lund kam: »Ich hoffe, dass die Kontakte zwischen den beiden Kirchen besser werden.«

Und das wurden sie in Lund tatsächlich. Zumindest, wenn man daran denkt, dass Martin Luther den Papst einst noch als »Antichrist« verurteilte. In Lund dagegen bekannten der Generalsekretär des Lutherischen Weltbunds, Martin Junge, und der Präsident des Päpstlichen Einheitsrates, Kardinal Kurt Koch, die Schuld, die die Kirchen mit solchen Äußerungen ebenso wie mit den Glaubenskriegen der frühen Neuzeit auf sich geladen hatten.

Und in einer gemeinsamen Erklärung verpflichten sich Katholiken und Lutheraner zu intensiverer Zusammenarbeit: »Viele Mitglieder unserer Gemeinden sehnen sich danach, gemeinsam die Eucharistie zu empfangen, als konkretes Zeichen völliger Einheit.« In den Blick genommen werden in dem Text vor allem konfessionsverschiedene Ehepaare: Man spüre den Schmerz derer, die ihr ganzes Leben teilten, aber nicht gemeinsam am Tisch des Herrn sein könnten. »Wir sehnen uns danach, diese Wunde im Leib des Herren zu heilen«, heißt es in der Erklärung. »Das ist das Ziel unserer ökumenischen Bemühungen, die wir voranbringen wollen, auch durch eine Erneuerung unseres Versprechens zum theologischen Dialog.«

Doch über manche Brücken geht Papst Franziskus auch in Lund nicht. Immer noch ist von den Protestanten nur als »kirchliche Gemeinschaften«, nicht als »Kirchen«, die Rede. »Der Papst hat deutlich vermieden, von Kirchen zu sprechen«, sagt der Landesbischof der Nordkirche, Gerhard Ulrich, Leitender Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD).

Insgesamt sei der Gottesdienst aber ein »wichtiges ökumenisches Signal« gewesen. »Mir ist wichtig, dass auch die Gemeinden in Deutschland Gottesdienste nach dem Vorbild von Lund feiern«, sagt Ulrich. »Wir dürfen nicht den Eindruck erwecken, als ob mit dem 1. November 2017 die Arbeit getan sei.« Er gehe davon aus, dass zwischen dem LWB und dem Vatikan nun Gespräche über die »Big Points« von Amtsverständnis, Kirchenverständnis und Eucharistie folgen werden.

Der Vizepräsident des Lutherischen Weltbunds, der Württemberger Landesbischof Frank-Otfried July, nannte die Erklärung von Lund ein »starkes Wegzeichen« zur Einheit. »Vielleicht kommt ja auch in der katholischen Kirche künftig der Gedanke stärker zum Tragen, dass die gemeinsame Eucharistie schon auf dem Weg zur Einheit und nicht erst am Ende des Weges gefeiert werden kann.«

Benjamin Lassiwe

Der protestantische Petersdom

7. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Sonderfall Schlosskirche: Sie ist Reformationsdenkmal, Touristenmagnet und evangelische Selbstvergewisserung, Ausbildungskirche für den ostdeutschen Pfarrernachwuchs und nicht zuletzt auch Gemeindekirche.

Die Kirchengeschichte: Sie wurde »Allen Heiligen« gewidmet, war Kirche des Kurfürsten, des Kaisers, sogar des DDR-Staats. Aktuell gehört sie dem Land Sachsen-Anhalt. 500 Jahre nach dem Thesenanschlag Martin Luthers geht die Schlosskirche 2017 in das Eigentum der EKD über. Damit endet ein de facto jahrzehntelanger unklarer Rechtszustand.

Jener ist der Geschichte geschuldet: Die Schlosskirche war seit 1507 Kirche der Universität. Als Wittenberg nach den Befreiungskriegen preußisch wurde, verlegte der König die Universität nach Halle und erließ 1816 eine Kabinettsorder, wonach »ein lutherisches Predigerseminarum« anstelle der ehemaligen Universität in Wittenberg einzurichten sei. Sitz wurde das Augusteum; zur Ausbildungskirche wurde die Schlosskirche erkoren.

Kirchliches Leben in staatlichen Gemäuern – so blieb es über die Jahre und durch die Zeitenwenden hindurch. Aktuell trägt das Land Sachsen-Anhalt die Verantwortung, auch wenn das Bundesland juristisch gesehen natürlich nicht der Rechtsnachnachfolger des preußischen Staates ist. Sind die Bauarbeiten am Schlosskirchenensemble Anfang 2017 beendet, übernimmt die EKD die Kirche in ihr Eigentum.

Die Schlosskirche mit dem markanten Turmhelm gehört seit 1996 zum Weltkulturerbe. Sie war einst Schauplatz des Thesenanschlags und beherbergt bis heute die unversehrten Grabstätten der beiden Reformatoren Martin Luther und Philipp Melanchthon. Foto: Harald Krille

Die Schlosskirche mit dem markanten Turmhelm gehört seit 1996 zum Weltkulturerbe. Sie war einst Schauplatz des Thesenanschlags und beherbergt bis heute die unversehrten Grabstätten der beiden Reformatoren Martin Luther und Philipp Melanchthon. Foto: Harald Krille

Die Reformationskirche: »Die rechtlichen und tatsächlichen Verhältnisse werden jetzt neu geordnet«, sagt Thomas Begrich. Der ehemalige Finanzdezernent der Kirchenprovinz Sachsen und der EKD betreut und begleitet heute für die EKD das Bauvorhaben Schlosskirchenensemble. Der Oberkirchenrat findet das Engagement der Evangelischen Kirche Deutschlands richtig und nötig. »Die Schlosskirche ist schließlich nicht irgendeine Kirche, sie ist der Ursprungsort der Reformation, Ort des Thesenanschlags und Grabstätte von Luther und Melanchthon. Wenn die EKD als Gemeinschaft und Dachorganisation die Schlosskirche übernimmt, agiert sie im Interesse all ihrer 20 lutherischen, reformierten und unierten Gliedkirchen«, betont Oberkirchenrat Begrich. Da geht es um die inhaltliche Gestaltung, um den Umgang mit bis zu einer halben Million Gästen im Reformationsjahr, um Kontinuität und, ja, auch um Finanzkraft.

»Ich bin der EKD sehr dankbar, dass sie bereit ist, die Schlosskirche ins Eigentum zu übernehmen. Das Land Sachsen-Anhalt hätte ja auch einen anderen Eigentümer wählen können«, sagt Hanna Kasparick. Die promovierte Theologin ist Direktorin des Predigerseminars – die Einrichtung hat das primäre Nutzungsrecht der Schlosskirche. Auch nach dem Eigentümerwechsel. Mit dem Engagement der EKD sei klar, dass die Schlosskirche Kirche ist und bleibt, kein Museum wird. »Die EKD, und damit die Gemeinschaft der Gliedkirchen, übernimmt für diesen Ursprungsort der lutherischen Reformation besondere Verantwortung«, freut sich die Direktorin.

Die Ausbildungskirche: Schon seit 200 Jahren ist die Schlosskirche Ausbildungskirche des Predigerseminars. Während die Vikare über all die Jahre hindurch in dem mächtigen, eindrucksvollen Gotteshaus das Predigen übten, lebten und studierten sie mit ihren Dozenten bis vor wenigen Jahren im Augusteum. Im Zuge des Eigentümerwechsels der nun generalsanierten Kirche wird auch das ehemalige Universitätsgebäude umstrukturiert. Das Predigerseminar bezieht einen neuen Campus an der Kirche, das Augusteum bietet nun der Stiftung Luthergedenkstätten Sachsen-Anhalt mehr Platz und Raum. Aktuell verabschiedet sich das Predigerseminar mit einer Ausstellung von der alten Heimstatt: »Gehrock, T-Shirt und Talar« heißt die Schau über die Geschichte des Seminars, die gemeinsam mit der Stiftung realisiert wurde. Die »Wittenberger Rochade«, wie es Hanna Kasparick nennt, sei ein Gewinn für Predigerseminar, Ausbildung und Schlosskirche. »Wir befinden uns jetzt direkt neben unserer Ausbildungskirche, können sie viel intensiver für die Ausbildung, für Andachten, das Mittagssingen und liturgische Übungen nutzen«, nennt sie Beispiele. Dies sei auch ein Gewinn für die Kirchenbesucher: Sie erleben, dass die Reformation nicht bloß Thesenanschlag und 500 Jahre alte Geschichte ist, sondern »eine Aufgabe, vor der jede neue Generation steht«. Das Predigerseminar sei wie eine »Zukunftswerkstatt des Protestantismus«.

Neben dem Predigerseminar gehören auch das Zentrum für evangelische Predigtkultur, die Evangelische Akademie und die Evangelische Wittenbergstiftung zu den Akteuren in der Schlosskirche. Letzte übernimmt etwa die Schulung der Kirchenführer. Auch mit dem Zentrum des Lutherischen Weltbunds arbeitet man eng zusammen. Als anregend, unterstützend und kreativ bezeichnet Hanna Kasparick das Miteinander. Ein Verwaltungsrat soll alle Belange, Rechte und Pflichten klären. Freunde und Unterstützer aus vielen Ländern und Kirchen haben sich in der Internationalen Schlosskirchengemeinschaft versammelt.

Die Gemeindekirche: Erst spät in ihrer Geschichte wurde die Schlosskirche auch zu einer Art Gemeindekirche: 1949 gründete man die Schlosskirchengemeinde, auch um in der DDR die kirchlichen Belange aufrechtzuerhalten. Aktuell gehören ihr rund 110 Menschen an. Etwa zwei Dutzend leben im unmittelbaren Umfeld. Die meisten werden aufgrund ihres Wohnorts eigentlich der weitaus größeren Stadtkirchengemeinde zugeordnet, treten aber der Schlosskirchengemeinde bewusst bei. Die Schlosskirchengemeinde ist stark personell geprägt. Lehrer, Rentner, Angestellte in sozialen Berufen, Handwerker, aber natürlich auch die Dozenten des Predigerseminars sind Glieder. »Trotz des besonderen Orts, wollen wir eine ganz normale Gemeinde sein«, sagt Kirchenältester Matthias Pohl. Mit allem, was dazugehört. »Ja, das ist unsere Kirche. Wir identifizieren uns mit ihr, auch wenn sie uns nicht gehört«, erzählt der 58-jährige Matthias Pohl vom Selbstverständnis der Gemeinde. Nicht einmal einen Schlüssel für den Kirchenbau haben sie. Die Schlosskirchengemeinde genießt Gastrecht in der Kirche. Und sie gerät auch schnell in eine Gastrolle bei durchschnittlich 100 Gästen und 10, 15 Gemeindegliedern im sonntäglichen Gottesdienst.

Aber die Gemeindeglieder sind selbstbewusst, einsatzfreudig und prägen das gottesdienstliche Leben mit. Sie helfen dem Predigerseminar, bei dem Kanzelrecht und liturgische Ordnung liegen, etwa mit Lektoren- und Begrüßungsdienst das geistliche Innere zu gestalten. Die Beziehungen zum Seminar sind eng und persönlich. Wenn es einen neuen Adventsstern zu beschaffen und Altargeräte auszusuchen gilt, »regeln wir das mit dem Predigerseminar«, sagt Matthias Pohl.

Die Kirche in der Zukunft: Es klafft eine Lücke. Seit dem Tod von Propst Siegfried Kasparick ist die Gemeindepfarrstelle vakant. »Er fehlt überall«, sagt Matthias Pohl. Die Vertretung hat Wittenbergs Superintendent Christian Beuchel übernommen.

»Traditionell war der Propst von Wittenberg Schlosskirchenpfarrer«, blickt Beuchel in die Geschichte. Aber seit dem Zusammenschluss zum Sprengel Halle-Wittenberg sitzt der Regionalbischof in Halle. Undenkbar, dass Propst Johann Schneider von dort aus eine Gemeinde betreut.

Entschieden, wie es künftig weitergeht, ist noch nichts. Varianten gäbe es einige: sie reichen von der EKD über das Predigerseminar und die Stadtkirchengemeinde bis zur Suptur. Superintendent Beuchel stellt klar: »Die Schlosskirchengemeinde ist Gemeinde des Kirchenkreises. Er hat die Pflicht und das Recht, die Gemeinde zu versorgen.« Wichtig sei vor allem, die Kontinuität geistlichen Lebens in der Schlosskirche zu sichern. »Gibt es eine Gemeinde, gibt es auch Gemeindeglieder. Und sie sind Garant für ein geistliches Leben.«

Einig sind sich alle: Zum Reformationsmuseum darf die Kirche nicht verkommen. Gerade hier muss gelebt werden, was Luther predigte.

Katja Schmidtke

Der Reformator war ein Luder

7. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Wer sich mit dem Reformator beschäftigt, weiß: Martin Luther wurde einst als Martin Luder geboren. Mit 35 Jahren änderte er seinen Namen. Warum, das wollte Willi Wild von dem Namenskundler Professor Jürgen Udolph wissen.

Herr Professor Udolph, was gab es für Gründe, zu Luthers Zeiten den Nachnamen zu ändern?
Udolph:
Am meisten hat man den Namen geändert, um etwas schicker zu klingen. Die normale Namensänderung war die, dass man seinen Namen ins Lateinische oder Griechische übertrug. Das konnten natürlich nur die Leute machen, die auch ein bisschen Ahnung hatten davon. Schulmann Neander, nach dem das Neandertal in Düsseldorf benannt ist, hieß Neumann. Er konnte etwas Griechisch: neos – neu, antros – Mann. Oder Melanchthon. Der hieß eigentlich Schwarzert. Aus schwarz und Erde hat er Melanchthon gemacht.

Bei Luther waren es aber offenbar andere Gründe?
Udolph:
Martin Luther wurde als Martin Luder geboren. Luder ist ein Name, der in Thüringen entstanden ist. Er ist eigentlich niederdeutscher Herkunft. Luther änderte seinen Namen in Wittenberg mit 35 Jahren. Das Volk in Wittenberg sprach niederdeutsch. Als Professor an der Universität gehörte er zur Oberschicht und die sprach hochdeutsch.

Warum hat er Luder zu Luther geändert?
Udolph:
Luder klang zu der Zeit absolut negativ. Ich habe ein früh-neuhochdeutsches Wörterbuch. Luder hat darin folgende Bedeutung: Verlockung, betrügerischer Anschlag, Fallstrick, Hinterhalt, liederliche Lebensführung, der Üppigkeit, dem Wohlleben, schwelgen, schlemmen, verfallenes Lotterleben. Im Luder liegen bedeutet: Sich dem Lotterleben, speziell dem Suff, der Trunkenheit ergeben.

In seinem Buch beschäftigt sich Jürgen Udolph mit der Frage, warum der Reformator seinen Namen änderte. Foto: Willi Wild

In seinem Buch beschäftigt sich Jürgen Udolph mit der Frage, warum der Reformator seinen Namen änderte. Foto: Willi Wild

Er schreibt Luder bis Herbst 1517. Und dann kommt der wichtige Brief an seinen kirchlichen Vorgesetzten von Brandenburg, in dem er am 31. Oktober seine 95 Thesen an ihn in einem langen Brief erläutert, und auch mit Luther unterschreibt. Die Theologen glauben, dass das der Auslöser für seinen Namen gewesen ist. Er habe sich theologisch neu orientiert.

Welche Bedeutung hat der Name Luder oder Luther?
Udolph:
Er besteht aus zwei Teilen. Im ersten Teil steckt das Wort Laut drin, im Sinne von bekannt, berühmt. Und im zweiten steckt Haria drin, das ist das Heer, die Kriegerschar. Das ist ein ganz typischer altgermanischer Vorname, aus zwei Teilen gebildet. Er hat zu tun mit Lothar. Das ist auch eine andere Form. Und Luder ist die niederdeutsche Form wegen des »d«.

Das ist wie bei dem fränkischen Fußballer Lothar »Lodda« Matthäus?
Udolph:
Durchaus. Mundartig Lodda, hochdeutsch Lothar. Das entspricht etwa niederdeutsch Dochter – hochdeutsch Tochter.

Warum Luther dann mit »th«?
Udolph:
Das haben wir ja auch in Matthäus oder Thor. Damit sollten die Wörter einen höheren Stellenwert bekommen. Es galt als schicker.

Was hat es nun mit Eleutherius auf sich?
Udolph:
Eleutherius ist eine theologisch begründete Namensänderung. Griechisch: Eleutherios, das heißt frei. In Eleutherius kommt die Freiheit des Christenmenschen zum Ausdruck. Freigeworden von Gottes Zorn.

In welchem Zusammenhang hat er diesen Namen verwendet?
Udolph:
Nur in einem ganz begrenzten Kreis. In Briefen an etwa sechs bis sieben engere Freunde und Bekannte hat er mit diesem Namen unterschrieben. Diesen Namen hat er nie unter ein offizielles Schriftstück gesetzt. Eleutherius spielte demnach nicht die Rolle, die von der Forschung bisher angenommen wurde.

Buchtipp:
Udolph, Jürgen: Martinus Luder – Eleutherius – Martin Luther. Warum änderte Martin Luther seinen Namen? Universitätsverlag Winter, 150 S., ISBN 978-3-8253-6640-7, 26 Euro

Mit Martin Luther in den Staaten

2. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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USA: Im öffentlichen Leben spielt das Reformationsjubiläum kaum eine Rolle. Dennoch hat Martin Luther seine Fans und so manchen großen Auftritt jenseits des Atlantiks.

Die »Morgan Library and Museum« (Morgan Bibliothek und Museum) im Herzen von Manhattan gilt in den USA als eine edle Adresse für Künstler und Kunstliebhaber. Seit Anfang Oktober begegnen Besucher dort dem deutschen Reformator Martin Luther oder zumindest seinem Abbild, einem Luther-Porträt des Malers Lucas Cranach. 500 Jahre nach Beginn der Reformation kommt Martin Luther in die USA.

Das Cranach-Porträt sowie Cranachs berühmtes »Christus und Maria«-Gemälde, beheimatet »normalerweise« in der Stiftung Schloss Friedenstein im thüringischen Gotha, sind Teile von drei Ausstellungen in den USA rund um Martin Luthers Leben und Wirken. Der Reformator ist auch zu Gast im Minneapolis Institute of Art in Minnesota und in der Pitts Theology Library der Chandler School of Theology in Atlanta in Georgia.

Niemals zuvor konnte man in den USA so viele und so kostbare Materialien zu Luther und der Reformation begutachten und bestaunen. Im »Morgan«, einer von dem Bankier John Pierpont Morgan Anfang des 20. Jahrhunderts geschaffenen Einrichtung, sieht der Besucher Schriftstücke und Handschriften aus Luthers Leben und Wirken, vom Thesenanschlag bis hin zur Bibelübersetzung auf der Wartburg und dem Schaffen in Wittenberg.

Bunte Halbinsel Manhattan: Hier im Herzen der Metropole New York hat bereits seit 7. Oktober die erste Ausstellung unter dem Slogan »Here I stand …« zum Thema Luther und die Reformation geöffnet. Weitere Expositionen sind seit 11. Oktober in Atlanta und ab 30. Oktober in Minneapolis zu sehen. Foto: sborisov – Fotolia

Bunte Halbinsel Manhattan: Hier im Herzen der Metropole New York hat bereits seit 7. Oktober die erste Ausstellung unter dem Slogan »Here I stand …« zum Thema Luther und die Reformation geöffnet. Weitere Expositionen sind seit 11. Oktober in Atlanta und ab 30. Oktober in Minneapolis zu sehen. Foto: sborisov – Fotolia

Als »Kronjuwelen« der rund einhundert Exponate gelten unter anderem ein zeitgenössischer Plakatdruck der 95 Thesen, eines der wenigen solchen Druckwerke, die noch existieren. Kurator John McQuillen sagte im Informationsdienst »Religion News Service«, Luther habe sich moderner Vervielfältigungsverfahren bedient. »Es war eine Art ›Tweeten‹ im Stil des 16. Jahrhunderts, diese kurzen Pamphlete, diese kurzen einseitigen Traktate und plakatartigen Holzschnittdrucke«, meint der Kurator.

Bei der Ausstellung in Minnesota (der Staat ist das geografische Zentrum der US-Lutheraner) geht es um den Alltagskontext der Reformation. Zahlreiche archäologische Funde aus Luthers Elternhaus und aus dem Lutherhaus in Wittenberg, darunter ein grün lackiertes Schreibset, das vielleicht gar vom Vielschreiber Luther selber benutzt wurde, sollen damalige Lebensumstände greifbar machen. Und es geht um Martin Luthers Theologie und Frömmigkeit, die bildlich verständlich gemacht werden sollen in dem monumentalen Gothaer Tafelaltar mit seinem biblischen Bilderzyklus.

Schwerpunkt in der Pitts Theological Library der protestantischen Chandler School of Theology ist Lucas Cranachs Gemälde »Gesetz und Gnade« (1536). Das Werk sei »der wichtigste Beitrag der deutschen Reformation zu der bildlichen Kunst«, sagte der Leiter der Bibliothek, M. Patrick Graham. Und es bringe Luthers Rechtfertigungslehre auf den Punkt.

Chandler ist nach eigener Darstellung geprägt von »evangelikaler Frömmigkeit, ökumenischer Offenheit und sozialem Engagement«. Bekannt ist Chandler wegen seiner Theologievorlesungen auch in Gefängnissen. Der deutsche Theologe Jürgen Moltmann hat von 1983 bis 1993 in Chandler gelehrt und wird der Einrichtung einmal sein gesamtes Archiv vermachen.

Ein kleiner Teil von Chandlers Ausstellung befasst sich auch mit Martin Luther King. Es sei in den USA relativ unbekannt, wie viel Einfluss der Bürgerrechtsführer auf den »Freiheitskampf im kommunistischen Ostdeutschland« gehabt habe, steht im Ausstellungskatalog. Besucher sehen dazu Fotos von Kings Aufenthalt in Ostberlin 1964.

Die drei Ausstellungen wurden vom Landesmuseum für Vorgeschichte Halle, der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt, dem Deutschen Historischen Museum Berlin sowie der Stiftung Schloss Friedenstein realisiert. Man wolle die Luther-Ausstellungen nutzen, »um eine möglichst große Zahl von lutherisch geprägten und geschichtlich interessierten Amerikanern für einen Besuch in Thüringen und Sachsen-Anhalt zu begeistern«, sagt Bärbel Grönegres, Geschäftsführerin der Thüringer Tourismus Gesellschaft.

In den USA nimmt der 500. Geburtstag weniger gesellschaftlichen Raum ein als in Deutschland. Und so viele Lutheraner gibt es nicht. Die meisten gehören der größten lutherischen Kirche an, der »Evangelischen Lutherischen Kirche in Amerika« (ELCA), die 3,7 Millionen Mitglieder zählt. Daneben gibt es als zweitgrößte lutherische Gemeinschaft die theologisch konservative »Lutherisch Kirche – Missouri-Synode«, zu der 2,3 Millionen Amerikaner gehören. Letztere betreibt auch eine spezielle Internetseite mit vielen Informationen rund um die Reformation sowie Hinweisen auf zahlreiche Veranstaltungen im Jubiläumsjahr.

Und auch die Vermarktung kommt nicht zu kurz: Das Concordia Publishing House bietet in einem Internetshop nicht nur die auch in Deutschland bekannte Playmobil-Figur des Reformators an. Ebenso sind Luther und seine Frau Käthe als Wackelkopfpuppen erhältlich, neben T-Shirts und Frisbee-Scheiben mit Lutherrose und vielem mehr an Nippes rund um 500 Jahre Reformation.

Konrad Ege

http://lutheranreformation.org/
www.cph.org/t-reformation.aspx?

Wenn einer wie Luther wieder da wäre …

2. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Der ehemalige Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit, Heiner Geißler (86), provoziert gern, auch wenn es um den Reformator Martin Luther geht. Mit ihm sprach Claudia Götze.

Herr Geißler, warum haben Sie sich mit Luther beschäftigt?
Geißler:
Obwohl ich katholisch bin? Aber jeder intelligente Katholik ist in seinem Innern auch protestantisch.

Wann sind Sie Luther das erste Mal begegnet?
Geißler:
Als kleiner Junge verbrachte ich die Ferien Ende der 1930er-Jahre in Oberndorf (Neckar). Dort begegnete ich dem Stadtpfarrer, und der sagte immer: Wenn es den Luther nicht gegeben hätte, dann hätten wir nur einen Glauben und eine Kirche. Ich dachte, mit Luther muss was Besonderes sein, von dem geht ein eigener Glaube aus.

Luther hat ein neues Frauenbild geschaffen und das Zölibat abgeschafft. Was hat er damals vergessen oder nicht wissen können?
Geißler:
Damals war eine frauenfeindliche Theologie die herrschende Lehre. Die Frau wurde als Tor des Teufels gesehen, durch die der Mann in Sünde fällt, als »ianua diaboli«, wie Thomas von Aquin sagte. Er hat das Zölibat abgeschafft, das Scheidungsrecht und die Frau im Priesteramt eingeführt. Ich sehe heute Parallelen zu Papst Franziskus. Für die Beendigung der Kirchenspaltung eine große Chance.

Was ist Luthers Erfolgsgeheimnis?
Geißler:
Er hat die Probleme der einfachen Menschen gesehen. Er hat die Buchdruckerkunst in seinen Dienst gestellt und eine einheitliche deutsche Sprache geschaffen.

Hat er alles richtig gemacht?
Geißler:
Natürlich nicht. Er hat in der Theologie ein Defizit hinterlassen. Er hat an die Vorherbestimmung geglaubt, die Pest in Wittenberg hat er als von Gott geschickt erklärt. Sein Gottesbild gibt keine Antwort auf die Frage nach Gerechtigkeit auf Erden. Wie beispielsweise kann es sein, dass Kinder an Krebs sterben müssen? Gibt es Gott nach Auschwitz?

Wenn Luther heute hier wäre, was würde er den Leuten sagen?
Geißler:
Für Luther war Gott der liebende und gütige Gott, der alle Menschen erlöst. Mit dem Ablass hat er ein zentrales Problem angesprochen: die Verbindung von Religion und Geld sowie Glauben und Kapital. Auch das Verhältnis von Frau und Mann hat Luther positiv beantwortet.

Heiner Geißler war Jesuitenschüler, langjähriger CDU-Generalsekretär und ist jetzt ehrenamtlicher Vorsitzender eines Gleitschirmfliegervereins und einer großen ökumenischen Sozialstation. Foto: Claudia Götze

Heiner Geißler war Jesuitenschüler, langjähriger CDU-Generalsekretär und ist jetzt ehrenamtlicher Vorsitzender eines Gleitschirmfliegervereins und einer großen ökumenischen Sozialstation. Foto: Claudia Götze

Die katholische Kirche hinkt der evangelischen Kirche 500 Jahre hinterher, was das Zölibat und die kirchlichen Ämter für Frauen angeht. Und Luther argumentiert folgerichtig, dass das gemeinsame Abendmahl unverzichtbar ist, wenn alle getaufte Christen sind.

Ökumene – wie weit sind die Kirchen mit ihr?
Geißler:
In beiden Kirchen gibt es viele, die nichts von Ökumene halten. Dennoch wird der ökumenische Gedanke bei allen Christen unabhängig von der Konfession immer stärker.

Wie könnte die Kirche wieder mehr Zulauf bekommen?
Geißler:
Jemand kann Christ sein, auch wenn er zweifelt, dass es Gott gibt. Wenn wir am Ende des Lebens sind, hat dieses Leben trotz der Zweifel an Gott einen Sinn gehabt, wenn wir nicht nur Trompete blasen und mit vertikal gerichtetem Blick nach oben beten. Es geht um den horizontalen Blick. Wir haben die Pflicht, denen zu helfen, die in Not sind.

Luther hatte aber auch dunkle Seiten …?
Geißler:
Beim Bauernkrieg und den Juden gab es schlimme Verirrungen, vor allem mit seiner Schrift gegen die Bauern, in der er die Rache an den Bauern begrüßt hat. Es wäre auch besser gewesen, er wäre gestorben, bevor er die Schrift über die Juden verfasste. Sein Hass entsprang der Enttäuschung darüber, dass die Juden seine Theologie nicht mittragen.

Was müsste anders laufen?
Geißler:
Die Kirche müsste mehr Widerstand leisten gegen die Entwicklungen auf der Erde, die nicht von christlichen Werten hergeleitet, sondern vom Kapital bestimmt werden. Wir brauchen eine globale öko-soziale Marktwirtschaft. Wir müssen Ursachen beseitigen und nicht Zäune und Mauern bauen.

Luther würde sagen, warum wehrt ihr euch nicht gegen den Absolutismus des Kapitals, so wie ich mich damals gegen den Unfehlbarkeitsanspruch der Kurie gewehrt habe. Beseitigt die Spaltung und werdet wieder eine Kirche, die Gründe von damals gelten nicht mehr.

Buchtipp
Geißler, Heiner: Was müsste Luther heute sagen? Ullstein Buchverlage, 285 S., ISBN 978-3-550-08045-6, 20 Euro

»Alles in uns schweige …«

25. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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»Kirche des pastoralen Dauergeredes« nennen Kritiker inzwischen die einstige Kirche des Wortes. Ein Plädoyer für die Stille im Gottesdienst.

Alles in uns schweige und sich innigst vor ihm beuge«, so dichtete Gerhard Tersteegen, und so wird es nicht selten zum Beginn evangelischer Gottesdienste gesungen (EG 165,1). 1925 legte der evangelische Theologe Rudolf Otto (1869–1937) sein Buch mit dem Titel »Zur Erneuerung und Ausgestaltung des Gottesdienstes« vor – eine praktisch orientierte Programmschrift zur Zukunft des evangelischen Gottesdienstes. Einer der Vorschläge Ottos war es, den Höhepunkt des Gottesdienstes in einer minutenlangen, gemeinsamen Phase des Schweigens zu sehen.
Er nannte dies »schweigenden Dienst« – auf Latein: sacramentum silentii – und schlug vor, dass die Gemeinde dazu knien sollte und dass drei Töne einer Gebetsglocke das Schweigen beenden sollen. Im Anschluss solle die Gemeinde gemeinsam das Vaterunser beten.

Der Schweigende Dienst Rudolf Ottos hat viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen, aber auch viel Spott geerntet. Wort-Theologen wie Karl Barth verhöhnten die Idee Ottos, den evangelischen Gottesdienst ausgerechnet im Schweigen kulminieren zu lassen.

Bild: Im »Raum der Stille« beim diesjährigen Jugendfestival »Christival« im Mai in Karlsruhe. Foto: epd-bild

Bild: Im »Raum der Stille« beim diesjährigen Jugendfestival »Christival« im Mai in Karlsruhe. Foto: epd-bild

Hätten Karl Barth und andere die Ergebnisse der neueren empirischen Untersuchungen zum Gottesdienst gekannt, so wären sie in ihrer Kritik vielleicht etwas vorsichtiger gewesen. Die Stille kann als einer der Überraschungssieger dieser Untersuchungen bezeichnet werden. Sie wird von vielen quer durch alle Altersgruppen und Milieus sehr geschätzt – ein Umstand, der ausgerechnet in einer Kirche, die sich gerne »Kirche des Wortes« nennt, nicht einer gewissen Ironie entbehrt.

In der Stille können Menschen sich bergen

Vielleicht haben Kritiker ja doch recht, die schon seit Jahren meinen, die Kirche des Wortes sei zu einer Kirche des »pastoralen Dauergeredes« verkommen. Gottesdienste würden, so etwa Fulbert Steffensky, zerredet und in einen einzigen großen Kommunikationsfluss des plaudernd-moderierenden, angeregt-unterhaltenden Liturgen verwandelt. Sie würden so zu funktionalisierten und pädagogisierten Veranstaltungen, die den Einzelnen kaum mehr Raum lassen.

Darum aber geht es in der Stille wohl vor allem: Sie ist ein Raum, in dem sich unterschiedliche Menschen mit dem, was sie bewegt, einfinden und bergen können. Stille wird daher vor allem im Kontext der Gebete geschätzt.

Lena, eine 20-jährige Schülerin, sagt: »Manchmal wird’s bei uns auch gemacht, dass in der Fürbitte so ’n Moment Stille ist, dass man sozusagen selber noch was anhängen kann. Und das find ich eigentlich ganz schön. Weil, die meisten haben, denk’ ich mal, wenn sie da sitzen, auch wirklich irgendwas, wofür sie vielleicht selber auch bitten wollen. Und dann kommt aber wieder ’n gemeinsamer Schluss. Das find ich sehr schön eigentlich.«

Umgekehrt leiden Gottesdienstfeiernde darunter, dass Stillephasen oft so kurz ausfallen. Gefühlte drei Sekunden Stille genügen nicht, so sagt ein Befragter, um sich zu sammeln und das Eigene vorzubringen.

Für alle Liturginnen und Liturgen tut sich hier ein nicht ganz leicht zu lösendes Spannungsfeld auf: Was den einen zu lang wird, ist den anderen zu kurz. Wo manche schon wieder einen sich steigernden Chor der Huster bilden, bräuchten die anderen noch einige Momente der Ruhe.

Aber nicht nur, weil Stille den Einzelnen Raum bietet, gilt es meines Erachtens für Stille im evangelischen Gottesdienst zu plädieren, sondern auch, weil Stille unser Reden unterbricht und uns öffnen kann für das Reden Gottes, um das es im evangelischen Gottesdienst entscheidend geht.

Martin Luther meinte ja bekanntlich, nichts anderes solle im Gottesdienst geschehen, als dass »Gott selbst mit uns rede durch sein heiliges Wort und wir wiederum mit ihm durch Gebet und Lobgesang«. Das erste Wort hat Gott – und sollte nicht beständig übertönt werden durch das, was wir zu sagen haben.

Gott begegnet dem Propheten in der Stille

In diese Richtung interpretiere ich auch die biblische Erzählung vom Propheten Elia auf dem Gottesberg (1. Könige 19). Gott begegnet ihm nicht im Wind, nicht im Erdbeben und nicht im Feuer. Irgendwann hört Elia nur noch ein »stilles sanftes Sausen«, eine »Stimme verschwebenden Schweigens« (Vers 12) – fast nichts mehr. Gott selbst ist nicht einfach in der Stille, aber die Stille wird zur Voraussetzung, so deute ich die Erzählung, dass der beschäftigte und (über)eifrige Prophet Gottes Wort neu hören kann.

Ob dem gemeinsamen Gebet und einem Gottesdienst in der Erwartung des göttlichen Wortes gedient wäre, wenn es noch viel mehr Stille gäbe?

»… lass mich so still und froh deine Strahlen fassen und dich wirken lassen« (EG 165,6).

Alexander Deeg

Alexander Deeg ist Professor für Praktische Theologie an der Universität Leipzig.

Reformation in der Blechbüchse

24. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Reformation rundum: Kurz vor Beginn des Jubiläumsjahres macht die Lutherstadt Wittenberg ihrem Namen alle Ehre. Am Sonnabend eröffnet das Panorama »Luther 1517« von Yadegar Asisi.

Wie war das damals? Martin Luther, der ob des kirchlichen Ablasshandels wütende Mönch und Bibelgelehrte, zieht einen Tag vor Allerheiligen mit Hammer und Nägeln los, um an der Wittenberger Schlosskirche sein Thesenpapier anzuschlagen.

Wissenschaftler und Theologen streiten, ob es diesen Thesenanschlag wirklich gegeben hat. Neue Forschungen deuten darauf hin, dass das Papier angeklebt wurde, berichtet Jörg Bielig, Kurator des Schlosskirchen-Ensembles. Und auch Mirko Gutjahr von der Stiftung Luthergedenkstäten raunt geheimnisvoll, dass sich an diesem 31. Oktober 1517 wirklich etwas zugetragen hat, vertröstet dann doch auf einen Pressetermin im Frühjahr. Es gibt in Bezug auf den Ausgangspunkt der Reformation – oft erzählt, verfilmt, zur Legende stilisiert – weiße Flecken. Und die nutzt die Kunst, um mit Farbe zu malen. Einer, der dieses Handwerk auf besondere Weise beherrscht, ist Yadegar Asisi.

Der in Wien geborene, in Sachsen aufgewachsene und seit 1979 in West-Berlin lebende Asisi hat Malerei an der Hochschule der Künste in Berlin studiert und kam mit der Kunstform des Panoramas erstmals 1983 in Kontakt, als er für die Bundeskunsthalle in Bonn arbeitete. Vor 13 Jahren machte er in Leipzig Furore, als er ein denkmalgeschütztes ehemaliges Gasometer in ein »Panometer« verwandelte: ein 360-Grad-Kunstwerk, das in seiner Art mit dem Tübke-Rundbild aus Bad Frankenhausen nur noch wenig gemein hat.

Rundherum: 15 mal 75 Meter misst das imposante Panorama »Luther 1517 – Glaube, Wissen, Selbstbestimmung«, das Yadegar Asisi für die Lutherstadt in der eigens gebauten Rotunde, die von Wittenbergern liebevoll »Blechbüchse« genannt wird, geschaffen hat. Ausschnitt aus Panorama LUTHER 1517 von Yadegar Asisi mit Besuchern, Visualisierung © asisi

Rundherum: 15 mal 75 Meter misst das imposante Panorama »Luther 1517 – Glaube, Wissen, Selbstbestimmung«, das Yadegar Asisi für die Lutherstadt in der eigens gebauten Rotunde, die von Wittenbergern liebevoll »Blechbüchse« genannt wird, geschaffen hat. Foto: Ausschnitt aus Panorama LUTHER 1517 von Yadegar Asisi mit Besuchern, Visualisierung © asisi

Immer wieder bringt Asisi Menschheitsgeschichte auf die Leinwand. Historische Darstellungen, etwa von der Völkerschlacht bei Leipzig, der Teilung Berlins durch die Mauer oder dem zerstörten Dresden, sind sein Repertoire. Nun zeigt er in Wittenberg ein Reformationspanorama: »Luther 1517 – Glaube, Wissen, Selbstbestimmung« heißt das rund 15 mal 75 Meter große Werk. Dabei geht es in der eigens geschaffenen Rotunde, von den Wittenbergern liebevoll »Blechbüchse« genannt, nicht ausschließlich um den Thesenanschlag. Vielmehr zeigt »Luther 1517« die dreißig Jahre währende Epoche um das Ereignis herum.
Das kurfürstliche Schloss ist in voller Pracht zu sehen, der Kurfürst reitet mit seinem Gefolge zur Jagd. An der Amtsmühle leisten die Wittenberger derweil ihre Abgaben in Naturalien. Und im Schatten der Schlosskirche – ausgerechnet! – floriert der Ablasshandel. Vor der Schlosskirche steht Martin Luther und streitet mit Gelehrten und Bürgern; in der Tür Priester, sich ratlos fragend, was hier gerade passiert.

Dann hebt sich der Schatten, das Licht bricht durch: Und im Lichte sieht der Betrachter Buchdruck, die Bibel lesende Menschen, die Gründung von Mädchenschulen, die Familie Luther einträchtig beim Apfelbaumpflanzen und Unterrichten, Melanchthon und andere Wissenschaftler beim Erforschen der Welt. Das ist sie – die Selbstbestimmung –, die den Atheisten Asisi an Luther und der von ihm angestoßenen Reformation fasziniert. In einem Interview sagte er: »Luther sagt, wenn ihr das Wort Gottes erkennen und spüren wollt, müsst ihr es lesen. Es gibt niemanden, der euch das erklären kann.« Diese Erkenntnis und die Tatsache, dass etwas Banales wie das Anschlagen eines Papieres an eine Tür, etwas Großes auslösen kann, sei allgemeingültig und komme auch heute immer wieder vor in der Welt.

Doch Asisis Panorama beschwört keine schöne neue Welt durch die rosarote Brille; da ziehen Kriege am Horizont auf, da lodern die Scheiterhaufen. Imposant und bildgewaltig wie gewohnt inszeniert der Künstler die Reformations-Ära, mit einem changierenden Tag-Nacht-Rhythmus und erstmals einem Blick hinter die Häuserfassaden. Besucher können die 15 Meter hohen Stoffbahnen aus drei Ebenen betrachten, ein Podest in der Mitte der Rotunde gewährt Ein- und Überblicke aus drei und sechs Metern Höhe. Ein dreijähriges Kind soll hier ebenso entdecken und staunen wie ein studierter Theologe, verspricht Asisis Pressesprecher Karsten Grebe.

Reformation auf 360 Grad, Reformation rundum. Die Erwartungen sind groß: Asisis Pergamon-Panorama in Berlin wurde innerhalb eines Jahres von einer Million Menschen besucht.

Katja Schmidtke

www.wittenberg360.de

Gottesdienst verstehen mit Martin Luther

17. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Gottesdienst ist Ritual, die sonntägliche Wiederholung des Vertrauten und Beruhigenden, so kann man es oft hören und lesen. Für Luther aber waren Gebet und Gottesdienst zuerst Kampf.

In Eric Tills Lutherfilm aus dem Jahr 2003 wird gezeigt, wie dramatisch sich der junge Luther im Kloster den Glauben erkämpfen musste – gegen den eigenen Unglauben. Wenn ihn wieder alle teuflischen Mächte packen würden, so sagte ihm sein väterlicher Freund und Ordensvorgesetzter Johannes von Staupitz, dann solle er ein Kreuz in die Hand nehmen und sich daran festhalten. Im Film sieht man den jungen Luther in einer schweren Angstkrise, wie er das Kreuz packt, sich auf den Boden wirft, in der Form des Kreuzes die Arme von sich streckt und »Christus, hilf mir!« ruft.

Gottesdienst soll Begegnung mit Jesus sein, keine Routineveranstaltung. Im Bild: Teilnehmer eines Gottesdienstes während der diesjährigen Allianzkonferenz in Bad Blankenburg. Foto: Harald Krille

Gottesdienst soll Begegnung mit Jesus sein, keine Routineveranstaltung. Im Bild: Teilnehmer eines Gottesdienstes während der diesjährigen Allianzkonferenz in Bad Blankenburg. Foto: Harald Krille

Wenn es ganz schlimm kommt, dann heißt es einfach nur, sich festhalten, vielleicht an dem einen Satz: »Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben!« (Markus 9,24). Gebet ist Leben ohne Netz und doppelten Boden. Nur so ist es auch Aufscheinen des Glanzes, der den Dingen trotz allem eigen ist. Davon lebt der Gottesdienst, der nach Luther keine gemächliche Wiederholung des schon Bekannten ist, sondern Begegnung mit Jesus selbst. Wie könnte die Begegnung mit jemandem, den man liebt, Routine und Wiederholung sein?

Nicht wir dienen Gott, Gott dient uns

Der eigentliche Akteur im Gottesdienst ist nicht der Mensch, der Gott lobt und preist. Es geht in der Liturgie nicht um unseren Dienst an Gott, sondern um Gottes Dienst an uns. Der eigentliche Akteur ist Gott, der dem Menschen etwas Gutes tut, der ihn tröstet und aufrichtet. Gott macht den Menschen gewiss, dass er oder sie zwar vielleicht nicht in Ordnung, aber gerade so (und nicht »trotzdem«!) gut, schön und geliebt ist. So erweist Gott dem Menschen seinen Dienst.

Darum soll sich der Gottesdienstbesucher gar keine Gedanken machen, ob er Gott recht dient oder nicht. Alle Konzepte von Gottesdienst als einer Gott erwiesenen Ehre, alle Formen von Kult zu Gottes Lob sind damit zwar nicht hinfällig, aber zweitrangig.

Im Zentrum steht das Herz, nicht der Altar

Für Luther ist der wichtigste Ort des Gottesdienstes das Herz des glaubenden Menschen. Es kommt nicht darauf an, dass ein Priester das Heilsgeschehen in kultisch angemessener Form zelebriert – so schön das ist, und evangelische Liturgen legen oft viel zu wenig Wert darauf. Aber der eigentliche liturgische Ort ist der Altar nicht.

Denn es kommt vor allem darauf an, das, was dort geschieht, als etwas »für mich« zu begreifen. Darum ist die entscheidende menschliche Person in der Liturgie nicht der Priester, sondern der einzelne Gläubige. Die jahrhundertelange Herrschaft der Geistlichen über die Menschen ist aufgehoben, indem jeder Einzelne gefragt und selbst verantwortlich ist. Jeder ist sein eigener Priester mit dem eigenen Altar im Inneren.

Das allgemeine Priestertum bezieht sich also auf den Kern des Glaubens, auf die eigene Gewissheit, ein guter, ein anerkannter, ein Mensch Gottes zu sein. Diese Gewissheit kann einem keiner abnehmen – und bisweilen muss sie erkämpft werden, so wie das bei Luther selbst der Fall war.

Es geht darum, in richtiger Weise nichts zu tun

Der erste Satz aus Luthers »Deutscher Messe« von 1526 warnt vor dem Überschätzen der liturgischen Form. Für den Gottesdienstbesucher kommt es nicht darauf an, etwas Bestimmtes und Richtiges zu tun. Vielmehr ist das Gegenteil gefragt: Es geht darum, liturgisch in bestimmter und richtiger Weise nichts zu tun. Der Mensch soll alle seine Aktivität darauf verwenden, passiv zu sein.

Diese paradoxe Regel wurde am Anfang der Neuzeit formuliert, und sie stellt für uns spätmoderne Menschen eine erhebliche Herausforderung dar. Aus dem aktiven Arbeiter, dem Homo Faber, wird der passive Mensch, das Kind vor Gott, das sich beschenken lässt. Darum ist die erste liturgische Aufgabe – nicht zuletzt für diejenigen, die predigen und die Liturgie leiten – das Hören und Empfangen.

Mehr als Predigt mit Umrahmung

Ein Missverständnis wäre es allerdings, den Gottesdienst als Predigt mit Umrahmung aufzufassen. Gute Predigten sind gewiss das wichtigste Markenzeichen der evangelischen Kirche. Aber nicht die Predigt ist das Eigentliche, sondern das Hören auf Gott, jene umfassende Form von aktivischer Passivität, die nicht unvernünftig ist, wohl aber höher denn alle Vernunft.
Darum ist auch die Musik für Luthers Gottesdienst- und Glaubensverständnis so wichtig. Wenn man mit schönen Tönen in Resonanz gerät, dann ist man in der Weise aktiv und passiv zugleich, wie das dem Menschen auch vor Gott guttut.

Michael Meyer-Blanck

Michael Meyer-Blanck lehrt als Professor für Religionspädagogik an der Theologischen Fakultät der Universität Bonn.

Royaler Glanz in Lutherstadt

16. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Das schwedische Königspaar zeigt sich beeindruckt von den Kirchen der Stadt und wird freundlich von den Wittenbergern empfangen.

Die neunjährige Lena Herzer ist aufgeregt: Sie darf dem schwedischen Königspaar vor der Schlosskirche einen Blumenstrauß überreichen, gebunden aus Hortensien, Enzian und Rosen in den schwedischen Landesfarben. König Carl XVI. Gustaf und Silvia von Schweden kommen zum Abschluss ihres viertägigen Staatsbesuches in Deutschland auch in die Lutherstadt Wittenberg, zu der es bereits seit der Reformationszeit gute Beziehungen gibt. Zuletzt waren sie 1993 kurz hier.

Trotz kühler Herbsttemperaturen harren viele Schaulustige hinter den Absperrungen aus, um das Königspaar zu begrüßen. So auch die 65-jährige Rosel Emmer, die sich sehr gewünscht hat, Carl Gustaf und Silvia von Schweden einmal live zu erleben. Eigentlich ist sie Autogramm-Jägerin, für die Schauspieler Johnny Depp oder Tom Cruise wartet sie dafür schon mal bis zu acht Stunden. Das Königspaar sei aber auch ohne Aussicht auf ein Autogramm etwas ganz Besonderes, meint sie.

Als das Königspaar eintrifft, brandet Applaus auf, schwedische Fähnchen werden geschwenkt. Direkt am roten Teppich dürfen auch Schüler des Luther-Melanchthon-Gymnasiums, das eine Partnerschule in Schweden hat, mit ihrer Lehrerin Stefanie Kirbach die Delegation empfangen. Die Lehrerin für Englisch und Religion ist selbst ein großer Schweden-Fan, hat dort studiert, kann die Sprache fließend und würde Schwedisch auch gern selbst unterrichten an der Hundertwasserschule. Mit dem König darf sie nur reden, wenn sie angesprochen wird. Das Protokoll muss eingehalten werden.

Die Direktorin des Wittenberger Predigerseminars, Hanna Kasparick (l.), erklärte dem Königspaar die Schlosskirche, die als Ausgangspunkt der Reformation vor rund 500 Jahren gilt. Martin Luther soll dort am 31. Oktober 1517 seine kirchenkritischen 95 Thesen an die Tür geschlagen haben. Foto: epd-bild/Jens Schlüter

Die Direktorin des Wittenberger Predigerseminars, Hanna Kasparick (l.), erklärte dem Königspaar die Schlosskirche, die als Ausgangspunkt der Reformation vor rund 500 Jahren gilt. Martin Luther soll dort am 31. Oktober 1517 seine kirchenkritischen 95 Thesen an die Tür geschlagen haben. Foto: epd-bild/Jens Schlüter

Durch die berühmte Thesentür der Schlosskirche, an die der Reformator Martin Luther am 31. Oktober 1517 seine 95 kirchenkritischen Thesen angeschlagen haben soll, schreitet das Königspaar in die Schlosskirche. Gerade mal eine Woche ist vergangen, seitdem die dänische Königin Margrethe II. das Gotteshaus ebenfalls durch diese Tür betrat. Nach mehrjährigen Restaurierungsarbeiten war die Schlosskirche mit einem Festgottesdienst offiziell wiedereingeweiht worden. Das Geschenk der dänischen Königin, ein selbst gefertigtes, rotes Antependium, schmückt nun den Altar.

Die schwedischen Gäste sind beeindruckt und sehr interessiert an den Ausführungen der Direktorin des Predigerseminars, Hanna Kasparick, und Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU). In der Atmosphäre der Kirche tragen sich die Gäste noch in das Goldene Buch der Stadt sowie in das Buch der Landesregierung ein. Der ledergebundene Band der Stadtverwaltung fasst mehr als 200 Seiten, das schwedische Königspaar schreibt den 55. Eintrag in das 1997 begonnene Buch.

Der Zeitplan sieht ein straffes Programm vor, aber für einzelne Punkte scheinen sich die Royals dennoch Zeit zu nehmen. Dann geht es, begleitet von einer historischen Stadtwache, zu Fuß durch die Stadt. Dabei gibt es für die Anwohner trotz hoher Sicherheitsvorkehrungen durchaus Gelegenheit, dem König und der Königin nahezukommen. So ist immer wieder am Rande auch die Freude über eine gute Fotogelegenheit zu hören. Aus einem Fenster ruft ein kleines Mädchen: »Hallo, Königin!« Die Monarchin blickt hinauf, lächelt und winkt zurück.

Im Luthergarten übernimmt der König mit einer symbolischen Baumpflanzung die Patenschaft für einen Trompetenbaum. König Carl XVI. Gustaf greift zum Spaten, Ministerpräsident Haseloff hilft mit der Gießkanne und verspricht noch, den Baum auch künftig nicht vertrocknen zu lassen. Der Trompetenbaum steht in unmittelbarer Nachbarschaft zur Blumen-Esche, dem Baum, für den die dänische Königin vor einer Woche die Patenschaft übernommen hatte.

In der Stadtkirche St. Marien, der Predigtkirche Martin Luthers, überreicht Pfarrer Johannes Block eine Luthermedaille, einen Kirchenführer und einen Brief der Stadtkirchengemeinde. »Es ist eine große Ehre, dass ein schwedischer Monarch unsere Kirche besucht«, sagt er. Das Königspaar bestaunt den Cranach-Altar und bleibt an der 1931 errichteten Gedenkplatte für Gustav II. Adolf stehen.

Als der Besuch weiterfährt in Richtung Leipzig, bleiben zufriedene Wittenberger zurück. Regierungschef Haseloff sagt: »Es war ein toller Tag.« Glücklich war an diesem Tag auch Lehrerin Kirbach. Die 47-Jährige wurde vom König angesprochen und konnte schwedisch sprechen, und das noch viel länger als gedacht. Mit ihrem Anliegen, Schwedisch als Schulfach anzubieten, traf sie an diesem Tag auf offene Ohren. Der Ministerpräsident selbst sicherte seine Unterstützung zu. Die royalen Besuche gehen im kommenden Jahr zum Reformationsjubiläum weiter. Dann hat sich das niederländische Königshaus in der Lutherstadt Wittenberg angekündigt.

Romy Richter

Lutherbibel: Der Hirsch schreit wieder

14. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Die neue, alte Bibel: Der Thüringer Altbischof Professor Christoph Kähler leitete die Überarbeitung, an der 70 Experten beteiligt waren. Mit ihm sprach Sabine Kuschel.

Herr Professor Kähler, was ist neu an der revidierten Lutherbibel?
Kähler: Es ist wieder etwas mehr Luther drin. Wir haben schätzungsweise bei einem Drittel unserer 16000 Änderungen wieder den Text hergestellt wie ihn Luther konzipiert hat. Zweitens ist die revidierte Fassung eine genauere Übersetzung des griechischen und hebräischen Textes. Wenn Luthers ursprünglicher Text den Ausgangstext sorgfältiger wiedergegeben hatte, dann stellten wir seine Übersetzung wieder her. Wir sind näher bei Luther und näher bei dem Ausgangstext, also näher bei dem Urtext.

Können Sie einige Textbeispiele nennen, wie sie vor der Revision lauteten und wie Sie übersetzt haben?
Kähler: Ja, am einfachsten ist Psalm 42: “Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir.” So lesen wir es jetzt in unseren Bibeln. Luther hatte sich aber genauer an das Hebräische gehalten und das gleiche Verb gleich wiedergegeben: “Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott zu dir.” In dieser Revision kehren wir zum alten Wortlaut zurück. Das hat den Vorzug, dass das Bild einer schreienden Seele unterstreicht, wie elementar die Not ist, die der Psalmbeter ausdrückt.

In der Matthäus-Fassung der Sturmstillung steht jetzt nicht mehr, dass sich ein Sturm erhebt (Mt 8,24). So steht es nicht im griechischen Text. Darum hatte Luther übersetzt: »Da erhob sich ein groß Ungestüm im Meer.« Diese Formulierung ist heute schwer verständlich.

Wir haben jetzt an diese Stelle gesetzt: “Da war ein großes Beben im Meer.” Das „große Beben im Meer“ ist genauer am Text dran: Es beschreibt die Katastrophen der Endzeit, wie Matthäus sie sieht, und beschreibt damit genauer das, was im griechischen Text steht.

Auf der Wartburg übergab Altbischof Christoph Kähler (li.) vor einem Jahr die neue Lutherbibel an den EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm. Foto: epd-bild/Sascha Wilms

Auf der Wartburg übergab Altbischof Christoph Kähler (li.) vor einem Jahr die neue Lutherbibel an den EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm. Foto: epd-bild/Sascha Wilms

An anderen Stellen haben wir Korrekturen zurückgenommen. In der Offenbarung, Kapitel 2, Vers 9, und Kapitel 3, Vers 9, ist 1956 übersetzt worden: »Synagoge des Satans«. Das kann zu schrecklichen Missverständnissen führen. Luther selbst sprach von einer »Schule des Satans«, was andere Missverständnisse nahelegt. Deshalb haben wir das griechische Wort Synagoge wörtlich übersetzt als »Versammlung« des Satans. Aber eben nicht Kirche oder Moschee oder Synagoge des Satans. Sondern es ging darum: Da gibt es eine Gruppe, die von dem Seher in der Offenbarung als eine Versammlung angesehen wird. Sie behaupten, sie seien Juden, sie sind es aber nicht, sie sind eine Versammlung des Satans.

Und bei den Paulus-Briefen ist aus der Anrede “Liebe Brüder” sogar “Liebe Brüder und Schwestern” geworden…
Kähler: Ja, im Griechischen ist das Wort für Brüder und für Schwestern fast dasselbe Wort. Es gibt nur verschiedene Endungen. Im deutschen Sprachgebrauch sind Brüder und Schwestern sehr verschiedene Worte. Deswegen haben wir gesagt: Wenn Paulus ganze Gemeinden anredet, die aus Frauen und Männern bestehen, dann muss das heute hörbar werden und vom Sinn her übersetzt werden. So hat Luther auch an vielen Stellen gearbeitet. Dann muss man die »Brüder und Schwestern« übersetzen. Das machen übrigens die beiden anderen großen deutschen Gebrauchsbibeln genauso: Die Zürcher Bibel 2007 und die kommende revidierte Einheitsübersetzung, die 2017 erscheinen wird. Die reden auch von Brüdern und Schwestern, weil wir wissen, dass Frauen dabei gewesen sind, zum Teil in leitenden Funktionen, was man gelegentlich übersehen hat.

Ich könnte mir aber vorstellen, dass das manche bibeltreue Christen empört…
Kähler: Wir haben in der Regel keine weiblichen Ausdrücke gewählt, wo sie nicht da sind. Aber wenn ganze Gemeinden angeredet werden, von denen wir wissen, dass Frauen führende Funktionen hatten, können wir nicht so tun, als ob es nur Männer gegeben hat. Natürlich steht im griechischen Text nur der Begriff für Brüder. Aber der ist dem Begriff für Schwestern so ähnlich, dass damals jedenfalls Frauen sich mit gemeint gefühlt haben. Das ist in Deutschland noch bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts der Fall gewesen. Aber wenn wir “Brüder” anreden, hören Frauen heute nicht mehr, dass sie da auch noch gemeint seien. Das ist die Wirklichkeit der Gemeinde, die ich als Pfarrer wahrnehmen muss. Ich muss den Frauen signalisieren, damals sind die Frauen mit angeredet worden, sie hatten wichtige Funktionen in den Gemeinden. Paulus hat eine Frau wie Phöbe, die in Kenchreä Gemeindeleiterin war, als seine Patronin bezeichnet. Das muss man irgendwie wiedergeben können.

Ja, ich denke, zur Bibeltreue gehört, dass man wie Luther den Sinn der Bibel wiedergibt und nicht nur den Wortlaut.

Das Dolmetschen war für Luther und seine Mitstreiter ein mühsamer Prozess. Sie haben um die Worte gerungen. Wie war das in dem Team von 70 Experten?
Kähler: Wir sind ähnlich wie Luther vorgegangen. Einer hat sich zu Hause an den Schreibtisch gesetzt und ist mühsam Wort für Wort durchgegangen: Ist das noch sinnvoll und korrekt oder müssen wir anders formulieren? Wir hatten ausführliche schriftliche Vorlagen, eine Tabelle mit dem griechischen oder hebräischen Text, der katholischen Einheitsübersetzung, der reformierten Zürcher Bibel, Luthers Fassung von 1545, also der letzten, die er noch gesehen hat, und der Revision von 1984, also der, die im Moment im gottesdienstlichen Gebrauch ist. Dann ist der Bearbeiter eines Bibelabschnittes mit seinem Übersetzungsvorschlag in seine sechs- bis zehnköpfige Gruppe gegangen. Diese hat entweder gesagt: Was der Bearbeiter gedacht hat, leuchtet uns ein. Das machen wir genau so, wie er es vorschlägt. Oder sie haben gesagt: Das Problem, das der Bearbeiter anzeigt, ist ein Problem, aber seine Lösung ist nicht gut, deswegen haben wir an der Stelle einen anderen Vorschlag. Oder: Der alte Text ist besser, darum bleiben wir dabei.

Die Gruppe hat dann ihrerseits ihre Entscheidung begründet und ihre Vorlage mit neuen Tabellenspalten in den Lenkungsausschuss gegeben. Der Lenkungsausschuss hat dasselbe wie die Gruppe gemacht. Er hat gesagt: Der Vorschlag der Gruppe leuchtet uns ein. Das machen wir. Oder er hat gesagt: Das Problem braucht eine andere Lösung. Entweder haben wir die eingesetzt oder gesagt, das hat Luther so gut übersetzt, das kann gar nicht verbessert werden, das bleibt so, wie es ist. Wir haben sehr viele Vorschläge abgelehnt. Wir haben im Lenkungsausschuss sehr darauf geachtet, dass wir möglichst nahe bei Luther bleiben.

Es gab auch Texte, die für Streit und Diskussion gesorgt haben?
Kähler: Problematisch war für uns die Frage, wie wir das Vaterunser übersetzen. Es ging vor allem um die Frage, ob wir übersetzen: “Erlass uns unsere Schulden” oder “Vergib uns unsere Schuld”. Der Lenkungsausschuss hat dann endgültig entschieden: Wir bleiben bei dem Vaterunser-Text. Weil das, was im Griechischen steht, zwar im Plural formuliert ist, aber im Deutschen sind Schuld und Schulden als Plural zwei ganz verschiedene Begriffe geworden. Schuld ist etwas Moralisches, Ethisches, eine Verfehlung. Und Schulden sind Finanzverbindlichkeiten. Es geht primär um die Schuld vor Gott, die man im Deutschen nur in der Einzahl bezeichnen kann. Deswegen sind wir dabei geblieben, auch wenn die Einheitsübersetzung und die Zürcher Bibel es anders machen. Damit man vergleichen kann, haben wir in der Lutherbibel eine Anmerkung gemacht, dass man wörtlich übersetzen kann: “Erlass uns unsere Schulden.”

An anderen Stellen war die Frage, ob wir bei “Heiland” bleiben oder eine andere Übersetzung wählen. Die andere Übersetzung wäre “Retter” gewesen. “Euch ist heute der Retter geboren.” Wir wollten das Wort “Heiland” im Deutschen nicht verlieren. Es ist eine altertümliche Vokabel. Die wird heute wenig gebraucht. Aber wir meinten, dass im “Heiland” mehr drinsteckt, das Heil, sodass wir den “Heiland” belassen und nicht durch “retten” und “Retter” ersetzt haben.

Eher am Rande gab es ein bisschen Streit zwischen den Nordlichtern und denen, die jetzt im Süden wohnen, ob wir wie Luther von dem Wassergefährt auf dem See Genezareth sagen, dass das ein Schiff ist. So hat Luther übersetzt. Oder ob wir bei Boot bleiben? So hat man das vor 50 Jahren konsequent geändert. Leute, die eher im Norden zu Hause sind, haben gesagt: Also das ist wirklich nur ein Boot, mit dem die über den See geschippert sind, aber doch kein Schiff. Ein Schiff ist etwas anderes als ein Boot. Wenn man sich heute die Boote anguckt, mit denen die auf dem See Genezareth gefischt habendann ist ganz klar nach unserem Sprachgebrauch ein Boot. Daher bleiben wir bei dieser Bezeichnung.

Was Sie schildern, sind Streitpunkte um einzelne Worte?
Kähler: Ja. In der Regel haben wir uns kaum noch darum streiten müssen, wie wir mit ganzen Sätzen umgehen? Den Streit gab es vor 50 Jahren. Damals ging es um die Frage, ob man sozusagen das moderne Deutsch spricht, in dem Verben ziemlich konsequent an einer bestimmten Stelle im Satz stehen? Wenn ich einen Nebensatz bilde, dann wird in der Regel das Verb an das Ende des Nebensatzes gestellt: “Was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt”, so hat man vor 50 Jahren formulieren wollen. Die Umstellung an den Anfang des Satzes ist aber inzwischen von Germanisten sehr wohl als eine Stilmöglichkeit wieder anerkannt. Man darf auch sagen: “Was ihr getan habt einem von meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.” Und die Betonung, die dann eher auf den “geringsten Brüdern” liegt, diese deutsche Betonung, die wollten wir erreichen. Also haben wir die etwas größere Freiheit im Satzbau Luthers wieder aufgenommen. Weil wir inzwischen vorzügliche Germanisten und Linguisten kennen, die uns sagen: Das Idealmaß, die eine deutsche Sprache, nach der sich alle und immer richten müssen, auch in Luthers Bibel, dieses Ideal, das ist unrealistisch und engt die lebendige Sprache unnötig ein.

Was glauben Sie, wie wird diese revidierte Lutherbibel bei der jüngeren Generation ankommen?
Kähler: Es gibt, um ein Extrembeispiel zu nennen, die sogenannte “Volxbibel”, die versucht, den Rapper-Slang nachzumachen. Die hat den Anfang von Psalm 23 “Der Herr ist mein Hirte” so wiedergegeben: “Gott höchstpersönlich ist mein Dauergastgeber [whoa]« – ich kenne keinen Jugendlichen, der sich mit dieser Sprache völlig identifiziert. Wenn man das einmal vorträgt, dann finden das manche ganz lustig. Aber ist es wichtig? Und: Kann man sich den ganzen Psalm merken?

Viele Erfahrungen in den Gemeinden lauten: Wenn wir Konfirmanden und Schüler sorgfältig einführen und sie nicht allein lassen mit der “Lutherbibel”, dann hören sie daraus, dass es um etwas ganz Besonderes geht, was auch eine besondere Sprache hat. Das muss man miteinander besprechen. Ich weiß, dass manche Sätze von den Konfirmanden und von jüngeren Schülern nicht sofort aufgenommen werden können. Gut. Damit muss man umgehen. Für Leute, die nur mit einem moderneren Deutsch klarkommen, braucht man Einstiegsbibeln, die das Lesen erleichtern. Dafür gibt es inzwischen gute Beispiele.

Für mich hat die sprachlich beste Form die Basis-Bibel. Relativ gut ist die Gute-Nachricht-Bibel, die verbessert wurde. Sie war zum Teil problematisch, ist aber im Lauf der Zeit sehr viel zuverlässiger und sorgfältiger geworden. Aber die Grunderfahrung ist die, dass Leute die es ernsthaft meinen, irgendwann endgültig zu Luther zurückfinden.

Vielleicht kann man so viel sagen: Die Lutherbibel hat ein bestimmtes Profil. In den Buchhandlungen werden heute über 40 verschiedene Übersetzungen der Bibel angeboten. Es ging nicht mehr darum, die Lutherbibel zu der einen einzigen Gebrauchsbibel in der evangelischen Kirche zu machen. Das schaffen wir nicht. Wir haben drei große Gebrauchs-Bibeln in Deutschland: Die reformierte Zürcher Bibel, die katholische Einheitsübersetzung und die Lutherübersetzung. Wir wollten das Profil der Lutherbibel schärfen. Wo ernsthaft gelesen und nachgedacht wird, erweist sich die Lutherbibel als unverzichtbar. Die ist nach wie vor ein Wurf, den nicht wir, sondern Luther und seine Mitarbeiter geschaffen haben.

Sie blicken ganz zufrieden auf Ihr Werk?
Kähler: Also, man muss dazu das sagen, was auch andere zur revidierten Einheitsübersetzung gemeint haben und was auch die Zürcher zu ihrem Werk sagen: Es gibt nicht die perfekte Bibel-Übersetzung. Wir haben zum Teil schnelle Entscheidungen gefällt. Auch wenn wir sie gründlich vorbereitet haben, wird es immer mal ein Ungenügend geben. Jetzt, wenn ich einzelne Kapitel insgesamt durchgehe, gibt es Entscheidungen, von denen ich sage: Nun ja, die hätten wir vielleicht anders fällen können oder die hätten wir gar nicht fällen müssen oder wir hätten gut beim alten Text bleiben können. Insgesamt aber bin ich froh und zufrieden über das, was geleistet worden ist. Es ist ein besserer Text geworden nach diesen beiden Kriterien: Mehr Luther, und er ist genauer und an manchen Stellen auch deutlich lesbarer geworden.

Wann wird es die nächste Revision geben?
Kähler: Das weiß ich nicht. Eine Bibelübersetzung muss etwa alle zwei Generationen lang auf den Prüfstand gestellt werden, weil es neue Erkenntnisse der Wissenschaft gibt. Auch die Sprache kann sich so verändern, dass Ausdrücke so missverständlich geworden sind, dass man sie nicht weiter verwenden kann.

»Welch wunderbare Mondlichtnacht«

11. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Aus einem Missverständnis wurde eine »Schicksalsfügung«, sagt Stephan Krawczyk und erzählt, wie er dazu gekommen ist, sich mit Martin Luther zu beschäftigen. Zum Reformationsjubiläum geht der Liedermacher mit anderen Künstlern auf »Luther Lieder Tour«.

Der Anfang beruhte auf einem Missverständnis. Das Auswärtige Amt fragte beim Management von Stephan Krawczyk an, ob er auf einem Kongress in Wittenberg einen 20-minütigen Vortrag über Martin Luther halten könne. Er habe gedacht, erzählt der in Berlin lebende Liedermacher, laut lachend: »Wie kommen die auf mich?« Aber der Mensch wachse mit seinen Aufgaben. Also fuhr Kraw­czyk mit dem ausgefeilten Text gen Wittenberg. Noch heute ist er, der aus einer bildungsfernen Schicht stammt, stolz darauf. In der Lutherstadt angekommen, stellte sich heraus, dass es sich um einen Irrtum handelte. Der Poet war für ein Lied, nicht für den Festvortrag gebucht worden.

Es sagt einiges über Krawczyks gut ausbalanciertes Selbstwertgefühl, dass er diese Anekdote preisgibt und sich selbst am meisten darüber amüsiert.

Stephan Krawczyk. Foto: Nadja Klier

Stephan Krawczyk. Foto: Nadja Klier

Im vergangenen Jahr feierte der zu Silvester in Weida in Thüringen geborene Liedermacher seinen 60. Geburtstag. 36 Jahre Berufserfahrung hätten ihn angstfrei gemacht, erzählt er beiläufig, als wir unsere Fahrräder zum nahen Café in Berlin schieben, in dem wir uns unterhalten wollen. Aus dem Missverständnis in Wittenberg wurde eine »Schicksalsfügung«. »Ich hätte mich sonst nie mit Luther befasst«, sagt Krawczyk. Das wäre bedauerlich, denn einige der überzeugendsten Lieder in seinem Repertoire und auf der 2012 erschienenen CD »Erdverbunden, luftvermählt« drehen sich um den Reformator. Was interessiert den Künstler an Martin Luther? »Wenn ich ein Konzert mache und ihn mit ins Boot hole, zeige ich den Kanon eines höheren Sinnzusammenhangs, der in unserer Zeit fortwirkt. Luther sagt Gott, bei mir heißt es die Allheit, das All. Und da ist Gott auch mit drin. Ich finde es bei den Auftritten schön, wenn ein Wir entsteht, das gemeinsam klingt. Es ist Ausdruck von Sympathie und Friedensliebe. Ich denke, das wollte Luther mit seinen Thesen. Er wollte sinnerfüllte, liebevolle Gemeinsamkeit.«

Zum Reformationsjubiläum im kommenden Jahr geht Krawczyk mit fünf weiteren Künstlern auf »Luther Lieder Tour«; Start war Mitte August auf Schloss Mansfeld nahe der gleichnamigen Stadt, wo Luther seine Kindheit verbrachte. Mit Kritik am offiziellen Jubiläum hält der Sänger trotzdem nicht hinterm Berg. Es werde Luther nicht gerecht. »Es wird wie immer vermasst. Er wird in Verniedlichungen hergestellt. Es gab einen kleinen Luther, da konnte man ein Bierglas draufstellen. Und jetzt gibt es diese Playmobil-Figur. Dieser Riese im Geist wird permanent kleingemacht.« Krawczyk setzt einen Kontrapunkt mit seinem Lied »Ich, Martin Luther«: »Es muss in jeder Zeit mindestens einen geben, sei’s eine Frau, die widersteht, oder ein Mann. Ich bin geboren für die Freude, in Gott zu leben, weswegen ich hier stehe und nicht anders kann.«

Widerstand gehört zu seiner Biografie. 1985 bekam der Sänger, der erfolgreich freiberuflich in der DDR tätig war, Berufsverbot. Fortan konnte er mit seinen kritischen Liedtexten ausschließlich unter dem Dach der Kirche auftreten – wenn den Pfarrern die Sache nicht zu heiß wurde. Im Januar 1988 verhaftete die Staatssicherheit ihn und seine damalige Ehefrau Freya Klier und schob das Paar zwei Wochen später in den Westen ab. Krawczyk hat darüber gesprochen und geschrieben, etwa in den Romanen »Der Narr« (2003) und »Der Himmel fiel aus allen Wolken« (2009). Wie lebt es sich heutzutage als »Symbolfigur der DDR-Bürgerbewegung«? Wieder lacht Krawczyk. »Das ist eine Außensicht auf die Dinge. Ich kann mich nicht damit identifizieren. Ich war nie eine Symbolfigur. Andere haben mich dazu gemacht, weil sie ein Symbol brauchten. Weil sie einen Erklärungsbedarf hatten, keine anderen Worte oder sich nicht die Mühe machten, das Ganze differenziert zu betrachten.« Er winkt ab. »Wenn ich mir Gedanken machte, dass ich als Symbolfigur gelte, würde ich mich verrückt machen.«

Zurück zu Martin Luther, zu dem Menschen, der wie er für seine Überzeugungen einstand. Sein eigenes Glaubensverständnis, sagt Krawczyk, habe sich über die Jahre verändert. »Durch die Erfahrungen, die manchmal so wunderbar waren, dass ich sie mit den Mitteln der Logik nicht erklären konnte. Ich habe versucht, Zusammenhänge wiederzuerkennen, die von der Wissenschaft nach Kräften zerlegt wurden. Sich innerhalb dieser Wurzeln aufgehoben zu fühlen, war eine neue Erfahrung für mich.« Seine Lieder spiegeln diese Verfasstheit mit der »Allheit, diesem Großen und Ganzen« wider, das er als »Unterfutter« seines Selbstverständnisses bezeichnet. Als Künstler sei er gefragt, dem voranzuhelfen. Bei einem Konzert steht man dann vielleicht gedanklich in einer lauschigen Sommernacht mit auf dem Balkon, über sich das All, und spürt einer Verszeile in ihrer Zartheit nach: »Was hat sich Gott da ausgedacht, welch wunderbare Mondlichtnacht.« Im formgewandten Ausdruck von Text und Lied, ist das am Ende eine punktgenaue Landung künstlerischer Unbekümmertheit. Und damit lassen sich viele Missverständnisse aus der Welt schaffen.

Ulrike Mattern

Das Wunder des Jona

19. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Klassiker der Bibel: Der Prophet im Bauch eines großen Fisches

Über den historischen Jona Ben-Amittai wissen wir so gut wie nichts. Nur dies, dass er aus Gat-Hefer stammte und ein Heilsprophet im 8. Jahrhundert vor Christus war, der die Wiederherstellung des arg gerupften Nordreichs Israel weissagte (2. Könige 14,25). Der literarische Jona aber machte Karriere. Er fand Eingang in die erzählte Welt der Meeresstürme, der zerborstenen Schiffe und Seeungeheuer, in der der lange Faden des Seemannsgarns von Jahr zu Jahr weitergesponnen wird. Denn da war ja die Sache mit dem großen Fisch, von der Martin Luther sagte: »Das kann wohl eine seltsame Schifffahrt heißen. Wer wollt’s auch glauben und nicht für eine Lüge und Märlein halten, wenn es nicht in der Schrift stünde?«

Ja, am Wunder des Jona haben sich viele Generationen abgearbeitet. Da waren die Biblizisten, die auf dem Wortsinn des erzählten Geschehens bestanden. Schlunde von Walfischen und anderen Seeungeheuern wurden vermessen. Seemannsgeschichten wie die vom verschlungenen und doch geretteten Fischer James Barthy von den Falklandinseln machten die Runde und stellten sich als Fälschung heraus. Und da waren die Rationalisten, die ihrer vernunftbesessenen Fantasie freien Lauf ließen. Der große Fisch sei gar kein Fisch gewesen, sondern ein Schiff mit dem Namen »Großer Fisch« habe den renitenten Propheten aus dem Wasser gezogen.
Glaube-Alltag-38-2016

Noch besser, da kurioser, vermutet ein Ausleger des 19. Jahrhunderts, der wahrscheinlich gerne zu tief ins Weinglas schaute, der schiffbrüchige Jona sei an Land gespült worden und daraufhin in einer Seemannskneipe »Zum Walfisch« versackt. So sind sie eben, die Biblizisten und die Rationalisten, verblendet von ihrer Aufklärungswut. Die einen halten das in der Realität Unmögliche für möglich, die anderen das in der Literatur Mögliche für unmöglich. Beide lassen das Wunder nicht Wunder sein! Worin aber besteht das Wunder des Jona? Darin, dass er drei Tage und drei Nächte im Bauch des großen Fisches überlebte?

Erstens darin, dass der große Fisch zur »Kathedrale« wurde! Es sind die Psalmen Israels, die er im Bauch des Fisches betete, die ihm in aller Todesnot Trost und Hilfe brachten. Sie wurden dem, der vor Gott geflüchtet war, zum Rettungsanker.

Zweitens darin, dass es sie gibt, die verkehrte Welt. »Da muss der Fisch, der vorher des Todes Werkzeug war, des Lebens Werkzeug sein, und Jona muss durch denjenigen zum Leben kommen, durch welchen er zum Tode gefangen und geführt wurde« (M. Luther).

Dass die Umkehrung vom Tod zum Leben das eigentliche Wunder des Jona ist, das haben die Jesuserzähler scharfsichtig erkannt. Für sie war der dreitägige Aufenthalt Jonas im Fisch eine Analogie zu den drei Tagen, die der Menschensohn im Schoß der Erde ruhte (Matthäus 12,40), bevor er am Ostermorgen auferweckt wurde.

Drittens darin, dass Ninive, die böse Stadt, nicht böse bleiben muss. Aus dem ärgsten Feind Israels kann ein reuiger Sünder werden. Eine ganze Stadt kehrt um, mit Mann und Maus. Die Kurzpredigt des rebellischen Propheten? »Vierzig Tage noch, und Ninive wird untergehen!«, hat geholfen. Ninive, der Todeskandidat, darf leben. Jona aber, der verstockte, larmoyante Prophet, will sterben. Was für eine Ironie! Ist ihm noch zu helfen? Nur dadurch, dass ihn die göttliche Pädagogik unterm Rizinus einführt in die Schule der Barmherzigkeit, in der auch der zornige Gott umkehrt zum Menschen.

Nicht zuletzt aber ist das Wunder des Jona auch ein Wunder der Poesie. Es hat schon einen guten Grund, dass die alten Griechen das Wunder der Erschaffung des Lebens mitten in der Welt des Todes und das Wunder der Dichtkunst in ein und demselben Wort zusammenfallen ließen: Poiesis, Poesie, Schöpfung! Es ist diese vom biblischen Erzähler erschaffene narrative Welt selbst, die in ihrer Fabulierkunst für viele Dichter und ihre Leser durch Jahrhunderte hindurch zu einem Lebenselixier geworden ist. »Und jener Prophet? Vielleicht ist er noch immer unter uns. Vielleicht geht er wieder auf ein Schiff, zahlt gut, um vor Gott zu flüchten. Vielleicht schläft er sogar in einem entlegenen Winkel über seinem Gewissen, und der Sturm hat ihn noch nicht wachgerüttelt« (M. Strigler).

Rüdiger Lux

Der Autor ist emeritierter Theologieprofessor für Alttestamentliche Wissenschaft. Er lehrte bis 2012 an der Universität Leipzig.

Beten und denken mit Gymnastik

5. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Zum Abschluss unserer diesjährigen Sommerinterview-Serie traf Angela Stoye Landesbischöfin Ilse Junkermann in ihrem Magdeburger Büro. Dabei ging es um offene Kirchen, das Reformationsjubiläum und Mission.

Am Elbufer lässt Landesbischöfin Ilse Junkermann gerne die Gedanken schweifen. Foto: Viktoria Kühne

Am Elbufer lässt Landesbischöfin Ilse Junkermann gerne die Gedanken schweifen. Foto: Viktoria Kühne

Frau Junkermann, wie war Ihr Urlaub?
Junkermann:
Wunderschön. Wir waren auf Langeoog. Ich hab mich sehr gefreut, im ersten Gottesdienst am Sonntag einen unserer Pfarrer aus der Altmark zu treffen, der als Kurpastor wunderbar gepredigt hat. Mein Mann und ich waren jeden Tag am und im Meer. Ich habe viel gelesen und mit meinem Mann gespielt: Malefiz und Rummikub.

Und jetzt hat der Alltag Sie wieder – zum Beispiel mit dem Echo auf Ihren Aufruf, 2017 alle 4 000 Kirchen in der EKM zu öffnen. Was überwiegt da?
Junkermann:
Es überwiegt die Grundbereitschaft, darüber nachzudenken. Das ist mir viel wichtiger als Lob oder Kritik. Der Aufruf hat eine sehr breite Resonanz. Denn hinter der praktischen Frage der Kirchenöffnung steht die geistliche: Was verkünden unsere verschlossenen Kirchentüren? Ich finde: Zur Kirchenöffnung gehört auch das Vertrauen darauf, dass Kirchenbesucher keine Aufsicht benötigen, sondern Ruhe wollen.

Eine Kritik ist mir sehr nahegegangen. Eine Pfarrerin sagte mir: Sie sagen, wir sollen das Risiko eingehen. Gleichzeitig geht es im größten Teil der Handreichung zu offenen Kirchen aber um Sicherungsmaßnahmen.

Für mich zeigt das die Spannung zwischen Vertrauen und Befürchtungen, zwischen Sicherheitsbedürfnissen und Risiko. Aber: Welches Risiko ist Gott mit uns Menschen eingegangen?! Und wie nehmen wir das als Beispiel und sagen: Das Risiko, das wir eingehen, ist vergleichsweise gering. Es gehört zum Evangelium, im Glauben nicht Sicherheit zu finden, sondern Vertrauen.

Es gibt Gemeinden, die nach Diebstählen Probleme haben, oder?
Junkermann:
Ja. Aber unser Ziel erreicht man in kleinen Schritten. Wenn Gemeinden Aufsicht oder andere Absicherungen haben wollen, sind das solche Schritte. Ich bitte noch einmal alle Gemeinden, Vertrauen zu wagen.

Themenwechsel: Das 500. Reformationsjubiläum – was bedeutet es für Sie?
Junkermann:
Noch einmal zurück zu den offenen Kirchen, denn sie hängen mit 2017 zusammen – mit der Frage, wo wir heute zur Umkehr gerufen sind in unserem praktischen Verhalten. Das ist der Grundruf Jesu, den Luther in seinen Thesen neu zur Sprache gebracht hat: Der Ruf zu wahrer Buße und Umkehr. 2017 können wir als Riesen-Event feiern oder als Umkehr, zum Beispiel von geschlossenen zu offenen Kirchentüren. Reformation heißt auch, dass auch wir uns heute neu vom Evangelium formen lassen. Sie bedeutet nicht Reform oder Veränderung um jeden Preis.

Was unterscheidet 2017 von 1917 oder 1817?
Junkermann:
Dass es 2017 keine Heldenverehrung gibt, sondern die differenzierte Beschäftigung mit dem Menschen Martin Luther, der seiner Einsicht über das, was er in der Bibel gefunden hat, vertraut hat. Und sich nicht durch äußeren Druck hat beirren lassen. Das fasziniert viele bis heute an ihm, wie er seinem Gewissen mehr verpflichtet war als dem Kaiser oder Papst. Gleichzeitig wusste Luther, dass es das Gespräch braucht. Seine Thesen waren ja eine Aufforderung zur Disputation. Auch das brauchen wir heute sehr.

Deutlich wird 2017 auch, dass Luther ein Mensch mit Fehlern und Schwächen war: sein aufbrausendes Wesen, seine Schimpftiraden oder die Tatsache, dass er sich an eigene Einsichten nicht gehalten hat. So ist er im Blick auf das Verhältnis zu Juden oder zu den Bauern eben nicht beim Diskurs geblieben, sondern hat Gewalt befürwortet und gefördert.

Haben Sie eine Lieblingsschrift?
Junkermann:
Ja, »Von der Freiheit eines Christenmenschen«. Weil darin sehr deutlich wird, dass zur Freiheit auch Verantwortung und Bindungen gehören – im Gegensatz zu einer Vorstellung von Freiheit als Schrankenlosigkeit.

Oder ein Lieblingswort?
Junkermann:
Das habe ich als Vikarin in Horb am Neckar im Lutherjahr 1983 am Anfang des Gottesdienstes zitiert: »Die Heilige Schrift ist wie ein Kräutlein. Je länger du daran reibst, desto mehr duftet es.« Das hilft mir bis heute bei der Arbeit an meinen Predigten.

Was erhoffen Sie sich von 2017 für Impulse?
Junkermann:
Dass die Menschen hier merken, wie stolz sie sein können, in dieser Region mit ihrer reichen Geschichte zu leben. Was hier geschah, hat weltweit Bedeutung gewonnen.
Andererseits ist 2017 eine Herausforderung für uns als Kirche und die Gemeinden. Die Kirchenkreise müssen Stellen abbauen, wir Christen werden immer weniger. Dass passt schlecht mit den großen Events zusammen.

Was folgt daraus?
Junkermann:
Die EKM will 2017 ein guter Gastgeber sein. Für die Zeit danach wünsche ich mir, dass unsere Glaubenszuversicht gestärkt wird, auch wenn der Weg unserer Kirche und unserer Gemeinden schwierig ist. Wir können darauf vertrauen, dass Gott uns führt. Wir beschäftigen uns ganz viel mit Defiziten. Das ist berechtigt; das tut weh. Aber wir sollten einen Blick dafür bekommen, was uns geschenkt ist, worin wir (stein-)reich sind. Damit bin ich wieder bei den offenen Kirchen.

Ihrem Lieblingsthema?
Junkermann:
Ja, denn es ist fast unglaublich, in welchem Maß in den vergangenen 25 Jahren die Kirchen wieder aufgebaut worden sind. Diese Schätze sollten wir mit anderen teilen! Vor allem die Menschen, die sich einbringen, sind Schätze. Ich hoffe sehr, dass wir als Kirche offener werden und dass Gottes Geschichte mit uns eine lebendige Geschichte für uns ist. Dass wir nicht an festen Bildern hängen, wie Kirche und Gemeinde sein sollen, vielmehr schauen, was Gott uns jetzt an Menschen und Ressourcen schenkt.

In »Luthers Land« leben die wenigsten Christen. Missionarische Aktionen haben kaum etwas gebracht. Wie kann der Schrumpfungsprozess aufgehalten werden?
Junkermann:
Den Glauben können wir nicht machen. Es gibt dazu ein Wort von Carl Friedrich von Weizsäcker: »Rede nicht über deinen Glauben, wenn du nicht gefragt wirst. Aber lebe so, dass du gefragt wirst.« Das ist die Herausforderung: Wie lebe ich selber so, dass Menschen mich fragen. Ob der Samen auf fruchtbare Erde fällt oder unter Dornen oder auf Felsen, haben wir nicht in der Hand. Wir sind Säe-Leute. Manchmal dürfen wir ernten. Aber wir wissen nicht, wann die Ernte kommt.

Sommerlogo GuHWie gelingt es Ihnen, Privatleben und Beruf unter einen Hut zu bringen?
Junkermann:
Mit meinem grünen Filzstift. Damit kennzeichne ich im Kalender die Verabredungen mit meinem Mann. Ich bin froh, dass er als Selbstständiger flexibel sein kann. Mir persönlich hilft es sehr, wenn ich morgens eine Stunde für mich habe für das Gebet, für das Nachdenken – auch das Denken an Menschen, die es schwer haben. Das gelingt mir am besten bei Gymnastik.

Was tun Sie, wenn Sie in Magdeburg frei haben?
Junkermann:
Im Sommer sitze ich gerne auf dem Balkon. Brauche ich Bewegung, bin ich in wenigen Schritten an der Elbe. Mein Mann und ich lieben die Weite der Landschaft, sitzen aber auch gerne in einem Lokal an der Elbe.

Und wenn es regnet?
Junkermann:
Dann lese ich.

Viele Pfarrer sollen ja Krimis lieben …
Junkermann:
Die liebe ich auch. Sehr gerne lese ich zudem Gedichte und Romane. Im Urlaub zum Beispiel »Unterleuten« von Juli Zeh. Es ist unglaublich, wie sie Menschen und die Atmosphäre erfasst.

Auch amerikanische Autoren liebe ich sehr, tauche in ihren Büchern – zum Beispiel denen von Paul Auster oder T. C. Boyle – in eine andere Gesellschaft, Geschichte und Lebensart ein.

Hereinspaziert!

5. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Den Tag des offenen Denkmals am zweiten Septemberwochenende nutzt das Landeskirchenamt der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und öffnet sonnabends 10. September seine Türen für interessierte Besucher. Sie können bei dieser Gelegenheit die Arbeit der Kirchenverwaltung »hautnah« erleben und ganz nebenbei ein architektonisches Kleinod in der Erfurter Altstadt entdecken.

Kirchenamtspräsidentin Brigitte Andrae bringt es auf den Punkt: »Das Landeskirchenamt möchte ein offenes Haus sein, keine in sich verschlossene Behörde. Es ist auch ein Stück Kirche mitten in der Erfurter Altstadt. Das wollen wir nutzen, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen – und laden deswegen immer wieder zu Veranstaltungen in unserem Haus ein. Am ›Tag der offenen Tür‹ wollen wir allen Interessenten unser Haus vorstellen, die Menschen, die dort arbeiten, die Themen, die uns hier bewegen.«

Zu diesem Anlass wird es nicht nur Besichtigungsmöglichkeiten geben, auch verschiedene aktuelle Projekte der EKM werden präsentiert (siehe Infokasten rechts). Außerdem warten ganztägig folgende Angebote auf die Besucher: die Ausstellungen »Vom Seemannspastor zum Propst« zum 50. Todestag von Propst Oskar Zuckschwerdt sowie zu »Kirchendecken«, Präsentationen zum »Bau des Landeskirchenamtes«, zu »Daten und Fakten zur Landeskirche« und zum Projekt »Querdenker (EKM und IBA)«. Zum Programm gehören auch Informationen rund um »Bildung und Schule«, »Archive«, »Die EKM im Ohr«, »Siegel- und Stiftungswesen«, »Personalregistratur« sowie »Halt Gehalt – die Zentrale Gehaltsabrechnungsstelle«.

Das markante Kielbogenportal des Collegium maius. Foto: Adrienne Uebbing

Das markante Kielbogenportal des Collegium maius. Foto: Adrienne Uebbing

Und auch für Kinder gibt es an diesem Tag spezielle Angebote, unter anderem eine Buttondruckmaschine, Maltische, Kegeln oder ein Forstquiz.

Vor fünf Jahren bezog das Landeskirchenamt das »Collegium maius« im Herzen der Landeshauptstadt. Gegenüber der Michaeliskirche im ehemaligen »Lateinischen Viertel« Erfurts gelegen, war dieses Bauwerk einst das Hauptgebäude der Alten Universität Erfurt, deren Gründung auf das Gründungsprivileg aus dem Jahr 1379 zurückgeht. Damit repräsentiert das Collegium maius die wohl älteste Alma mater Deutschlands, deren bekanntester Student und Lehrer Martin Luther war.
Im 15. Jahrhundert galt sie als eine der angesehensten Hochschulen Mitteleuropas und war für die Stadt ein wichtiger Wirtschaftsfaktor; die dort um das Jahr 1500 lehrenden Humanisten übten eine große Anziehungskraft aus.

Zum Ensemble gehört das Bibliotheksgebäude von 1847, dessen Aussehen vom aufgearbeiteten Bruchstein- mauerwerk geprägt wird. Blickfang ist das Boineburgsche Portal, heute der Zugang zum Landeskirchenamt. Foto: Volker Hielscher/EKM

Zum Ensemble gehört das Bibliotheksgebäude von 1847, dessen Aussehen vom aufgearbeiteten Bruchstein- mauerwerk geprägt wird. Blickfang ist das Boineburgsche Portal, heute der Zugang zum Landeskirchenamt. Foto: Volker Hielscher/EKM

Ein Jahr nach dem als »Tolles Jahr« in die Stadtgeschichte eingegangenen Aufstand der Erfurter Bevölkerung gegen ihre Ratsherren wegen des Bankrotts des städtischen Finanzhaushaltes wurde 1510 damit begonnen, das Collegium maius zu erbauen. Das spätgotische Portal zierte seit 1513 die Front des Gebäudes. In diese Zeit fällt wohl auch die Anfertigung der filigranen Maßwerkfenster im gotischen Stil. Das Obergeschoss mit dem repräsentativen Auditorium wurde zwischen 1549 und 1550 fertiggestellt. Eine Besonderheit sind hier die Steinmetzarbeiten an der Fensterfront des Nordgiebels. Im 19. Jahrhundert kam es zum Niedergang der Universität; als sie 1816 nur noch 20 Studenten hatte, wurde sie geschlossen. Den prächtigen Festsaal nutzte die Stadt weiterhin für Veranstaltungen.

Am 9. Februar 1945 zerstörten amerikanische Sprengbomben das Collegium maius bis auf die Erdgeschossmauern. Sorgsam wurden seinerzeit wertvolle Bauteile aus den Trümmern geborgen. Erst 1983 erfolgte der erste Schritt zum Wiederaufbau: anlässlich der Feierlichkeiten zum 500. Geburtstag Martin Luthers erstand das imposante Portal neu. Im Herbst 1989 galt das Collegium maius als Symbol für den geistig-kulturellen Aufbruch. Angeregt durch die bereits 1987 ins Leben gerufene Universitätsgesellschaft Erfurt, wurde die Universität 1994 neu gegründet. Viele Bürger beteiligten sich am Wiederaufbau ab1998.

Zum historischen Gebäudekomplex gehört das Bibliotheksgebäude aus dem Jahr 1847, das beim Umbau als Verwaltungssitz der EKM in seiner Grundstruktur erhalten blieb. Blickfang dieses Gebäudeteils ist zweifellos das sanierte Boineburgsche Portal, durch das die Besucher heute das Landeskirchenamt betreten. Philipp Wilhelm Reichsgraf von Boineburg war kaiserlicher und kurmainzischer Geheimer Rath, Statthalter von Erfurt und Rektor der Universität. Er stiftete ihr die von ihm noch ergänzte Bibliothek seines Vaters sowie ein beträchtliches Kapital. So konnte die Bibliothek in der Mainzer Hofstraße 12 errichtet werden. Nach deren Abbruch infolge eines Brandes im Jahr 1899 wurde das prächtige Tor gesichert und kam zunächst ins Städtische Museum. Seinen heutigen Platz erhielt das Portal dann 1935 am damaligen Bibliotheksgebäude.

Dort, wo sich einst das Gebäude der philosophischen Fakultät befand, steht nun der U-förmige Neubau; der entstandene Innenhof bildet die Klammer zwischen alter und neuer Bau-
substanz. Innen wechseln sich geschlossene Flure mit natürlicher Belichtung ab und bieten Ausblicke in den Hof. Die rund 150 Menschen, die im Landeskirchenamt in rund 100 Büros arbeiten, erleben das Gebäudeensemble als gemeinsames Haus. Um einen großzügigen Raumeindruck zu erreichen, sind die Räume geschosshoch verglast. Der Neubau ist der Schöpfungsbewahrung verpflichtet: hoch wärmegedämmt und mit begrüntem Flachdach; für die elektrische Versorgung bezieht das Kirchenamt ausschließlich Ökostrom. Die Gesamtkosten für den Um- und Ausbau betrugen 11,7 Millionen Euro. Das Land Thüringen und der Bund stellten davon 7,2 Millionen Euro aus Städtebaufördermitteln zur Verfügung. 4,5 Millionen stammen aus Eigenmitteln der Kirche.

Großen Wert legt das Landeskirchenamt auf den offenen Charakter der Einrichtung; so gibt es die gemeinsam mit der Universitätsgesellschaft angebotene Vortragsreihe der »Collegium Maius Abende« zur Historie der Universität, aber auch zu Themen der Kultur- und Geistesgeschichte. Besonders am Herzen liegen Präsidentin Brigitte Andrae außerdem die wechselnden Ausstellungen im Landeskirchenamt, zum Beispiel »Fotografien demenzkranker Menschen«, »Frauen der Reformation« oder »Malerei von Menschen mit Beeinträchtigungen«.

Adrienne Uebbing

Interessante Einblicke:
Das Landeskirchenamt in Erfurt lädt am 10. September von 10 bis 14 Uhr zu einem Tag der offenen Tür in die Michaelisstraße 39


www.ekmd.de

Programm
10 Uhr          Eröffnung mit Begrüßung durch die Präsidentin, anschl. Kurzvorstellung der Dezernate (»Großer Saal«)

10.30 Uhr    Präsentation / Workshops »Finanzen in der EKM« (Raum »Magdeburg«) sowie »Erprobungsräume« (Raum »Eisenach«)

11 Uhr           Vorstellung der Dezernate (»Großer Saal«)

11 Uhr           Vernissage »Vom Seemannspastor zum Propst« (Foyer)

11 Uhr            Hausführung

11.30 Uhr      Präsentation/Workshops »Der Kirchenwald« (Raum »Magdeburg«) sowie »GKR-Wahlen 2019« (Raum »Eisenach«)

12 Uhr           Andacht (vor dem »Großen Saal«)

12.30 Uhr     Hausführung

12.30 Uhr     Präsentation / Workshops »Offene Kirchen« (Raum »Magdeburg«) sowie »Refomationsjubiläum 2017« (Raum »Eisenach«)

13 Uhr           Hausführung


Das Marburger Religionsgespräch

23. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Lutherstädte: 1529 kam der bekannteste Mann Europas an die Lahn: Martin Luther nahm auf dringenden Wunsch des hessischen Landgrafen Philipp am Marburger Religionsgespräch teil. Aber eine Einigung scheiterte. Dieser Beitrag ist Teil einer Porträt-Serie über Lutherstädte.

Es war der 30. September 1529. Ein wichtiger Termin stand an: Der Reformator sollte seinen Kontrahenten Ulrich (Huldrych) Zwingli treffen, auf dringenden Wunsch des hessischen Landgrafen Philipp. »Man weiß: Luther ist aus seiner Kutsche ausgestiegen«, erzählt Christoph Becker. »Die Marburger haben sich die Augen ausgeguckt. Denn Luther war der bekannteste Mann Europas.«

Christoph Becker, Pferdeschwanz und Hut, ist Historiker und Schriftsteller, er schreibt historische Krimis. Jetzt begleitet er zwei Jahre lang für die Stadt Marburg das Reformationsjubiläum 2017. Er hat ein Buch über die Stadt und die Reformation geschrieben, mit vielen Anekdoten aus dem Alltag. Marburg rechnet mit vielen Besuchern. Am 31. Oktober 1517, vor 500 Jahren, veröffentlichte Luther in Wittenberg seine 95 Thesen – der Tag symbolisiert den Beginn der Reformation, in der Marburg eine zentrale Rolle spielte.
Luther ging an diesem Septembertag 1529 den steilen Weg hinauf in die Stadt, über den Marktplatz, zu einem Eckhaus, an dem heute ein Schild hängt: »Hier wohnte Dr. Martin Luther 1529.« Becker lacht. »Man könnte drunter schreiben: für vier Stunden.« Denn der Reformator zog sich in dem Gasthaus nur um und eilte weiter, hoch ins Schloss, wo ihn der Landgraf erwartete. Und sein Kontrahent Zwingli.

Bis zum 4. Oktober blieben die Reformatoren auf dem Schloss. Versammelt war die theologische Elite der Zeit: Luther, der mit Philipp Melanchthon aus Wittenberg angereist war, Zwingli aus Zürich und Martin Bucer aus Straßburg, Justus Jonas aus Sachsen, weitere Theologen, weltliche Ratsherren und Militärs. Luther und Zwingli trennte ein heftiger Streit um die Auslegung des Abendmahls: Für Luther war Christus real gegenwärtig in Brot und Wein, für Zwingli bedeuteten Brot und Wein symbolisch den Leib und das Blut Christi. »Luther wollte gar nicht nach Marburg kommen«, sagt Historiker Becker. »Er fürchtete, dass er verlieren konnte.« Aber Landgraf Philipp, eine politische Kraft hinter der Reformation, bestand auf dem Treffen. »Philipp war durch und durch Machtmensch«, sagt Becker. »Er war der zweite Landesfürst, der in seinem Land die Reformation eingeführt hat.« Und er hatte 1527 die erste protestantische Universität der Welt gegründet.

Auf dem Schloss ging es sehr laut zu. Die Kontrahenten wohnten teilweise im selben Zimmer. Die Diskussionen in der Fürstenwohnung wurden auf Deutsch und auf Latein geführt, es gab eine Redeordnung, Treffen unter vier Augen, ein Abschlussgespräch.

Philipp zwang die Reformatoren, sich in so vielen Punkten wie möglich zu einigen. Doch eine Einigung scheiterte am Ego Luthers. »Er hat auf stur gestellt«, sagt Becker. Es gab zwar eine Abschlusserklärung mit 15 Artikeln, doch in der entscheidenden Abendmahlsfrage blieben die Differenzen.

Stiegen führen hoch zum Schloss, Fachwerkhäuschen schmiegen sich an den Berg. Auf dem Marktplatz sitzen Touristen beim Kaffee in der Sonne, sie sprechen deutsch, englisch, holländisch. 1529 lebten nur 3 500 Menschen in der Stadt. In den Hinterhöfen waren die Schweineställe, Fäkalien wurden über die Gosse entsorgt oder den Schweinen verfüttert. »Hier wollen wir eine ›Stinkstation‹ aufbauen«, sagt Becker und deutet auf eine dunkle Ecke hinter der lutherischen Pfarrkirche. Der Plan für das Marburger Jahr zum Reformationsjubiläum steht. »Wir wollen das 16. Jahrhundert lebendig werden lassen«, erklärt Kulturamtsleiter Richard Laufner.

Am Fronleichnams-Wochenende im Juni 2017 ist eine Zeitreise geplant. In der »Stinkstation« soll es so riechen wie damals. Ein Schauspieler trägt Tischreden Luthers vor, es gibt eine Armenspeisung, ein Pfarrer braut Bier. Das ganze Jahr über sind in Zusammenarbeit mit Universität und Kirchen Ausstellungen, Tagungen und ein Lutherstück im Landestheater vorgesehen.

Luther reiste am 5. Oktober aus Marburg ab. Das – im Grunde ergebnislose – Religionsgespräch ist noch heute bekannt. »Es hat was Folkloristisches«, findet Becker. Religionsgeschichtlich war es ein entscheidender Schritt zur Trennung zwischen lutherischen und reformierten Protestanten.

Stefanie Walter (epd)

Flamme der Reformation angefacht

9. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Heidelberg: In der Stadt am Neckar konnte Martin Luther 1518 erstmals seine um-strittenen Thesen diskutieren. Später gab es vor dem Altar der Heiliggeistkirche ein handfestes Gerangel zwischen Katholiken, Lutheranern und Reformierten.

Der 26. April 1518 war für Martin Luther eine Premiere: Ein halbes Jahr nach Veröffentlichung seiner 95 Thesen hatte er zum ersten Mal außerhalb Wittenbergs die Möglichkeit, mit Akademikern darüber zu diskutieren. Bei den Heidelberger Professoren biss er allerdings mit seinen Vorstellungen über die Rechtfertigung – was also einen Menschen »gut« macht vor Gott – auf Granit.

»Wie das Mönchlein Martin zu Heidelberg die Flamme der Reformation anfacht«: Unter diesem Motto bietet die Stadt am Neckar einen unterhaltsamen und informativen Rundgang zu Luthers Besuch in Heidelberg an. Foto: Heidelberg Marketing GmbH

»Wie das Mönchlein Martin zu Heidelberg die Flamme der Reformation anfacht«: Unter diesem Motto bietet die Stadt am Neckar einen unterhaltsamen und informativen Rundgang zu Luthers Besuch in Heidelberg an. Foto: Heidelberg Marketing GmbH

Viel nachhaltiger sollte der 34-jährige Theologie-Professor Luther bei den Studenten wirken, die ihm in diesen Stunden zu Füßen saßen. Die Rechtfertigungslehre war die Basis für die Kritik am Ablasshandel, die Luther in den am 31. Oktober 1517 veröffentlichten 95 Thesen formuliert hatte.

Heidelberg gilt historisch nicht als Zentrum des lutherischen, sondern des reformierten Glaubens. Die kurpfälzischen Herrscher entschieden sich für diesen Teil der Reformation. Hier wurde 1563 der Heidelberger Katechismus verabschiedet, der stärker den Ideen von Johannes Calvin folgte als denen Luthers. Da die Reformierten Bildern gegenüber noch kritischer

waren als die Lutheraner, sind manche Kirchen Heidelbergs bis heute im Inneren sehr schlicht.
Stadtführer Reinhard Störzner bietet spezielle Luther-Touren an. Der Heidelberg-Experte hat zur Kirchengeschichte der Stadt einen sehr persönlichen Zugang – er ist Vorsitzender des Ältestenkreises der Heiliggeistkirche im Herzen der Altstadt. Er berichtet lebendig von den heftigen Auseinandersetzungen zwischen Katholiken, Lutheranern und Reformierten. So gab es wegen des Streits um das richtige Verständnis vom Abendmahl vor dem Altar der Heiliggeistkirche ein handfestes Gerangel unter den Geistlichen. Diese Kirche war zudem 230 Jahre lang, bis 1936, durch eine Mauer in zwei Teile getrennt, Katholiken und Protestanten hatten verschiedene Eingänge.

Auf dem heutigen Universitätsplatz, wo im 16. Jahrhundert das Augustinerkloster stand, wurde 1983 zum 500. Geburtstag Martin Luthers eine Gedenkplatte in den Boden gelassen. Luther hatte im Kloster übernachtet und vermutlich in der benachbarten Artistenfakultät disputiert, berichtet Störzner. Anlass war die Generalversammlung des Augustiner-Ordens, dessen Generalvikar Johann von Staupitz Luthers Beichtvater war. Der Augustiner-Mönch Luther war, teilweise zu Fuß, aus Wittenberg gekommen.

Luther lobte drei Wochen nach seinem nur einige Tage währenden Aufenthalt in einem Brief die Atmosphäre der Disputation. Die Dozenten hätten sich ihm »aufs Beste empfohlen«. Nur einer der Doktoren habe die ganze Zuhörerschaft zum Lachen gebracht mit dem Spruch: »Wenn das die Bauern hörten, würden sie Euch gewiss steinigen und totschlagen.« Gleichzeitig bedauerte Luther, dass er bei den altgedienten Professoren mit seiner Botschaft nicht landen konnte. Er äußerte die Hoffnung, dass die »wahre Theologie, von jenen eingebildeten Alten verstoßen, sich zur Jugend wende«.

Und genau das passierte: Unter den Zuhörern saßen mehrere junge Männer, die später die Reformation im Südwesten durchsetzten: Martin Bucer (Reformator in Straßburg), Johannes Brenz (Schwäbisch Hall/Stuttgart), Martin Frecht (Ulm) und Theobald Billican (Nördlingen). So hatte Luthers Auftritt am Neckar eine viel nachhaltigere Wirkung, als er wohl selbst nach seiner Disputation erwartet hätte.

Erinnerungen an den kurzen Besuch des 34-jährigen Reformators gibt es in der Stadt kaum. Neben der Peterskirche, die heute als Universitätskirche dient, steht seit 1883 eine Luther-Eiche. Ein Glasfenster weist Kirchenbesucher auf die großen Köpfe der Reformbewegung hin. Außerdem steht ebenfalls in der Altstadt die Providenzkirche, ein 1661 fertiggestellter lutherischer Kirchenbau, den Kurfürst Karl-Ludwig seiner Zweitfrau Louise von Degenfeld errichten ließ. Der Streit der Konfessionen ging manchem Heidelberger in den vergangenen Jahrhunderten auch mächtig auf die Nerven. Stadtführer Störzner zitiert dazu einen historischen Spottvers: »Die Katholiken sind voller List und Tücken. Die Calvinisten sind keine rechten Christen. Doch die größten aller Ochsen – sind die lutherischen Orthodoxen.«

Die eigentliche Renaissance erlebt der Reformator Martin Luther derzeit im Foyer der Heiliggeistkirche. Dort steht er als Playmobilfigur zum Verkauf. »Unser Bestseller«, schmunzelt Störzner.

Marcus Mockler

Beim Rundgang zu Luthers Besuch in Heidelberg wird besonderes Augenmerk auf die frühe Entwicklungsphase der Reformation gerichtet, um von da einen Bogen zu schlagen zu den Folgen und Wirkungen der Umwälzungen für Hof, Stadt und Land bis in die Gegenwart (Dauer: 2 Stunden), Anmeldung: E-Mail <guide@heidelberg.de> Telefon (0 62 21) 14 22-23/-24/-25/-26

www.heidelberg-tourismus.de

Wenig Schlaf für den jungen Luther

26. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Lutherstädte: In Erfurt begann Martin Luther zu studieren, bis ein heftiges Gewitter ein Leben veränderte. Der wohlhabende Student wurde zum Bettelmönch. Dieser Beitrag ist Teil einer Porträt-Serie über Lutherstädte.

In Erfurt erzählt fast jeder Pflasterstein eine Geschichte. Auf einige von ihnen hat zu Beginn des 16. Jahrhunderts auch der junge Martin Luther (1483–1546) seine Füße gesetzt. Im Jahr 1501 kam der spätere Reformator nach seiner Schulzeit in Mansfeld, Magdeburg und Eisenach nach Erfurt. Rund zehn Jahre später verließ er sie als Mönch. Zunächst studierte er, wie damals oft üblich, an der »Hierana« die »Sieben Freien Künste«, wie Grammatik, Rhetorik und Astronomie.

Die Erfurter Universität bestand schon mehr als 100 Jahre. Manch ortsansässiger Historiker nennt sie gar die älteste Universität Deutschlands, stammt doch das Privileg zu ihrer Einrichtung aus dem Jahr 1379. Erfurt hatte damals 20 000 Einwohner und zählte zu den fünf größten Städten im Reich. Heute hat die thüringische Landeshauptstadt gut 200 000 Einwohner und bietet einen großen mittelalterlich geprägten Altstadtkern.

Damals übte der Ruf von Stadt und Universität auf den jungen Mann aus wohlhabendem Hause eine magische Anziehungskraft aus. Zudem versprach sich sein strenger Vater vom späteren Studium der Jurisprudenz einen Grundstein für eine steile Karriere als Beamter an einem Fürstenhof.

Doch es kam anders. Die Legende berichtet, dass der junge Mann am 2. Juli 1505 auf der Rückreise von einem Besuch bei seinen Eltern im rund 90 Kilometer entfernten Mansfeld auf einem Feld bei Stotternheim, das heute zu Erfurt gehört, von Blitz und Donner überrascht wurde. In Todesangst rief er: »Ich will Mönch werden!« Das setze er um und trat zwei Wochen später in das strenge Augustinerkloster ein. Forscher vermuten, dass er schon vorher mit dem Gedanken gespielt hatte, aber Angst vor der Reaktion des Vaters hatte.

Augustinerkloster in Erfurt. Foto: privat

Augustinerkloster in Erfurt. Foto: privat

Im heutigen Augustinerkloster wird deutlich, wie die Mönche des Bettel­ordens vor 500 Jahren lebten. Und wie Luther sich mit der Frage quälte: »Wie kriege ich einen gnädigen Gott?« In der Dauerausstellung unter dem Dach sind Mönchszellen zu sehen. Allerdings dienten sie nicht privaten Bedürfnissen, erzählt Kurator Carsten Fromm. Geschlafen wurde in einem Raum, die Zellen dienten allein als Rückzugsorte für die Glaubensarbeit.

In einem der kleinen Räume werden hinter dicken Eisenstäben schwere Folianten aufbewahrt. Sie sind Teil der berühmten Bibliothek des Klosters. Durch eine Glasscheibe hindurch können die Besucher aus der Ausstellung in ihren Lesesaal blicken. Im Fenster der Kirche ist die Rose zu sehen, die den Reformator zu seinem Siegel inspiriert haben soll. Im Kapitelsaal bekommt der Gast eine kleine Vorstellung von der Strenge des klösterlichen Lebens. Mehr als vier Stunden Schlaf waren für die Mönche nicht drin, den Rest des Tages widmeten sie sich Gebet und Studium der Heiligen Schrift.

Heute ist das Kloster eine Bildungs- und Begegnungsstätte. Wer ohne Parkplatz und Telefon auskommen kann, ist hier richtig. »Wir versuchen eine Reduktion auf das Wesentliche«, beschreibt Kurator Fromm das Anliegen seines Hauses. Von hier aus lässt sich Luthers Erfurt erkunden.

Nur wenige Schritte sind es vom Kloster hinüber zum Dom, wo Luther 1507 zum Priester geweiht wurde. Der Weg führt durch das alte lateinische Viertel der Universität, über kurze Abstecher gelangt man zur Krämerbrücke, der einzigen bebauten Brücke nördlich der Alpen, und in die Waagegasse zur ältesten erhaltenen Synagoge Mitteleuropas. Dort ist seit einigen Jahren auch der Goldschatz zu sehen, den ein reicher Jude vor dem Pogrom von 1349 vergrub.

Vieles lässt sich in Erfurt entdecken, was an Luthers Aufenthalt bis 1511, seinem Wechsel nach Wittenberg, erinnert. Die Humanistenstätte Engelsburg zum Beispiel, die heute Studentenclub ist. Dort soll der kranke Martin Luther 1537 behandelt worden sein. Und die pittoresken Bursen, Fachwerkhäuser am Flussufer, die als Studentenwohnheime dienten. So gründete sich vor einigen Jahren der Verein »Georgenburse Erfurt«, der das Haus betreut, in das der Student Luther Ende April 1501 eingezogen sein soll. Es gibt eine kleine ökumenische Pilgerherberge und eine Ausstellung darüber, wie die Studenten im Mittelalter so lebten.

Von Dirk Löhr und Wiebke Rannenberg (epd)

Luthers Erben in Tansania

18. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Leipziger Missionare brachten neben der Bibel vor allem Luthers Tradition des Gemeindegesangs in das damalige Deutsch-Ostafrika. Eine Tradition, die im heutigen Tansania ungeahnte Früchte trägt.

Der Filmtrailer beginnt mit Szenen aus ländlicher Gegend Tansanias, dazu sieht man eingeblendete Fotos aus der Missionsgeschichte. Unterlegt ist das Ganze mit dem Gesang aus einem Bach-Oratorium. Dann erscheint das Gesicht von Kelvin: »Diese Lieder sind wir nicht gewohnt zu singen«, sagt der junge Musiker mit entschuldigendem Lächeln. Schnitt: Vorbereitungen zu einem Chortreffen im südöstlichen Afrika, fröhliche Stimmen, mitreißender Rhythmus, sich im Takt wiegende Menschen in bunten Gewändern. Das ist das Lebensgefühl von Luthers Erben im ehemaligen Deutsch-Ostafrika heute.

Filmemacherin Julia Peters. Foto: Harald Krille

Filmemacherin Julia Peters. Foto: Harald Krille

Die aus Mitteldeutschland stammende und jetzt in Frankfurt lebende Filmemacherin Julia Peters hat diese Art von Gemeindegesang vor einigen Jahren kennengelernt. Bei einer Begegnungsreise mit dem Leipziger Missionswerk, das vor rund 130 Jahren die ersten Missionare in das heutige Tansania entsandte. Nicht, um der damaligen Kolonialmacht, dem Deutschen Reich, zu dienen, sondern allein dem Reich Gottes, wie man ausdrücklich betonte. Im Gepäck hatten die lutherischen Christen nicht nur Gottes Wort, sondern auch Luthers Tradition des Choralgesangs.

Heute gehören zur Evangelisch-Lutherischen Kirche Tansanias rund 5,5 Millionen Menschen. Und es gibt seit 60 Jahren einen der wohl größten Chorwettbewerbe der Welt: 1 500 Chöre treten jährlich gegeneinander an. Zunächst in Vorausscheiden in den Diözesen, die 20 Besten dann im großen Finale. Bestreiten müssen sie dabei einen Pflichtteil und die Kür. Die Pflicht: ein europäischer Choral, der von der Kirchenleitung vorgegeben wird. Die Kür: eine eigene Komposition, in der sie zeigen, wie das Evangelium auch in traditionellen afrikanischen Musikformen seinen Ausdruck finden kann.

Seit Julia Peters die fröhlichen Menschen mit ihrem ebenso hingebungsvollen wie im wahrsten Sinne des Wortes bewegenden Gesang erlebt hat, hat sie einen Traum: Sie will diesem einzigartigen Ausdruck echter Volksfrömmigkeit in einem Dokumentarfilm nachspüren. »Es ist die Chance, etwas über Tansania, über Afrika zu erzählen, ohne die Menschen dort, wie so oft üblich, als die hilflosen Opfer darzustellen«, so die Filmemacherin. Denn so unterschiedlich die Chöre auch sind, was sie eint: Es gibt keine Profis. Alles sind einfache Menschen, musikalische Autodidakten, aber voller Begeisterung und Kreativität. Und voller Glauben, der ihr Leben ebenso wie ihren Gesang prägt.

Wie zum Beispiel Martha, Witwe und Kleinbäuerin in bescheidenen Verhältnissen. Der Glaube und der Gesang gaben ihr in schwerer Zeit die Kraft zum Überleben. Heute leitet sie den Neema-Chor, der aus Menschen ihrer Dorfgemeinschaft besteht und für den sie inzwischen eigene Lieder im Stile des WaGogo komponiert. Oder der Kanaani-Jugendchor aus Arusha, einer Großstadt im Nordosten Tansanias. Kelvin leitet den Chor, der nicht nur musikalisch aktiv ist: Seit einiger Zeit hat der Chor ein eigenes Projekt für Straßenkinder in Arusha initiiert.

Drei Chöre will Julia Peters gemeinsam mit ihrer Partnerin Jutta Feit in diesem Sommer begleiten und filmisch porträtieren, bis hin zum Finale des diesjährigen Wettbewerbs. Premiere für den Film »Luthers Erben – Sing it Loud« soll im kommenden Frühjahr sein. Als Höhepunkt wünscht sie sich im Jahr des Reformationsjubiläums dann eine Kino- und Konzerttour mit dem Jugendchor Kanaani durch Deutschland, bis hin zu den Kirchentagen auf dem Weg und dem Kirchentag in Berlin und Wittenberg.

Doch um das ehrgeizige Projekt zu realisieren, braucht die Filmemacherin zunächst einmal genügend Geld. Sie sucht deshalb Einzelspender oder auch Kirchengemeinden, die das Projekt als Partner begleiten oder vielleicht sogar einen Kino- und Konzertabend im kommenden Jahr organisieren wollen. Auf einer eigenen Internetseite sind außer dem Filmtrailer weitere Angaben zum Projekt und vor allem Kontakt- und Spendenmöglichkeiten angegeben. »›Luthers Erben‹ aus Tansania hätten es wirklich verdient, gerade im kommenden Jahr hier nach Deutschland zu kommen«, ist Julia Peters überzeugt.

Harald Krille

www.singitloud.de

www.facebook.com/singitloud/thefilm

Ein Poet im Pfarrhaus

18. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Bad Köstritz gedenkt des Dichterpfarrers Julius Sturm, der vor 200 Jahren geboren wurde

Die letzte Ruhestätte des Dichterpfarrers Julius Sturm auf dem Friedhof in Bad Köstritz. Foto: Wolfgang Hesse

Die letzte Ruhestätte des Dichterpfarrers Julius Sturm auf dem Friedhof in Bad Köstritz. Foto: Wolfgang Hesse

Julius Sturm (1816–1896) war zu seiner Zeit, der Spätromantik, ein bekannter Dichter und Märchenerzähler. In Fachkreisen geschätzt als Kleinmeister der Literatur und Schriftsteller der kleinen und leisen Dinge. Bis 1910 waren seine Werke in fast jeder Gedicht-Sammlung zu finden. Anfang des 20. Jahrhunderts ist er jedoch vergessen worden. In Bad Köstritz ist das Erbe des Pfarrers und Liederdichters seit jeher unvergessen. Geboren wurde Julius Karl Reinhold Sturm am 21. Juli 1816 in Köstritz. Er besuchte das Geraer Rutheneum, Theologie studierte er in Jena. Zunächst arbeitete Sturm als Erzieher in Heilbronn und danach im Hause der Fürstenfamilie Reuß in Schleiz. Die Heirat brachte ihn zurück nach Köstritz, wo er die Nachfolge seines Schwiegervaters im Pfarramt antrat. Bis zu seinem Tod am 2. Mai 1896 ist Julius Sturm seiner Geburtsstadt treu geblieben. Viele historische Stätten in Bad Köstritz erinnern an diesen Sohn und Förderer der Stadt. Ein Denkmal, eine Gedenktafel am Pfarrhaus, in dem er von 1860 bis 1885 wirkte, das Sturmzimmer im Palais und seine letzte Ruhestätte auf dem neuen Köstritzer Friedhof gehören dazu. Bad Köstritz gedenkt in diesem Jahr nicht nur Sturms 200. Geburtstages, sondern sein Todestag jährt sich ebenfalls zum 120. Mal. Das ganze Jahr 2016 steht daher im Zeichen der Erinnerung an den geheimen Kirchenrat, Doktor der Theologie und Ehrenbürger von Köstritz. Friederike Böcher, Direktorin im Heinrich-Schütz-Haus, berichtet allein von zwei Ausstellungen in ihrem Haus. Im Frühjahr zeugte eine Schau vom Einfluss Martin Luthers auf Sturms Leben und Schaffen mit Gedichten zur und über die Person des Reformators. Bis September beschäftigt sich die aktuelle Ausstellung »Dein Lied, o Luther, tönt wie Meeresrauschen« mit Sturms Liedern. »Etwa 35 Choräle, nach Worten von Julius Sturm, hatten oder haben den Weg in evangelische Gesangbücher gefunden, zum Beispiel: Nun geh’ uns auf, du Morgenstern«, weiß Friederike Böcher. Sturm nutzte das Schreiben vorrangig zur Alltagsbewältigung. Seine Gedichte, Fabeln und Märchen sind Ausdruck von Freude und Traurigkeit, handeln von den kleinen Dingen des Alltags, von der Schönheit der Natur und berichten Vers für Vers von seinem tiefen unerschütterlichen christlichen Glauben. »Josef Gabriel Rheinberger, Carl Reinecke, Franz Schreker, Hugo Wolf und viele andere mehr haben Lieder oder vierstimmige Sätze nach Worten von Julius Sturm verfasst«, ergänzt Friederike Böcher. »Mehrere davon werden zur 14. Köstritzer Museumsnacht am 26. August 2016 erklingen.«

Die Fest- und Gedenktage vom 21. bis 24. Juli 2016 in Bad Köstritz bilden den Höhepunkt der Feierlichkeiten. Die Gäste erwartet ein abwechslungsreiches Programm. Bürgermeister Dietrich Heiland wird in die Rolle von Julius Sturm schlüpfen und Geschichten und Gedichte vortragen. Alle Gedenkstätten in Bad Köstritz können erkundet werden. Ein Vortrag wird sich mit der Bedeutung des Dichters zu seiner Zeit beschäftigen. Zum Abschluss wird zu einem Gottesdienst 10 Uhr in die Köstritzer Kirche St. Leonhard, in Ablauf und Gestaltung angelehnt an die Zeit von Julius Sturm, eingeladen.

Wolfgang Hesse

Das unaufgeklärte Luthertum klingt nach

12. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Die Judenfeindlichkeit Luthers ist eine schwere Hypothek der Reformation. In Bachs Musik klingt sie bis heute nach, woran das Eisenacher Bachhaus mit seiner neuen Sonderausstellung erinnert.

Eisenach hält Kurs auf das Reformationsjubiläum. Mit »Luther, Bach – und die Juden« wurde Ende Juni im Bachhaus die aktuell dritte Sonderausstellung in der Stadt eröffnet, die Martin Luther in den Mittelpunkt rückt. Wobei der Ton ein auffällig anderer ist als auf der Wartburg (»Martin Luther und die deutsche Sprache«) und im Stadtschloss (»Face to Face – Martin Luther und Martin Luther King«). Kurator Dr. Jörg Hansen, der Direktor des Bachhauses, setzt der allseitigen Würdigung am Vorabend des Jubeljahres noch einmal eine unliebsame Wahrheit entgegen: den Judenfeind, welcher der Kirchenerneuerer eben auch war.

Die Ausstellung im Eisenacher Bachhaus »Luther, Bach – und die Juden«. Foto: André Nestler

Die Ausstellung im Eisenacher Bachhaus »Luther, Bach – und die Juden«. Foto: André Nestler

In mehreren Schriften hat Luther seine antijüdische Position polemisch niedergelegt. Das ist unbestritten, das brachte ihn als Leitfigur und Werbeträger für die Feierlichkeiten 2017 in die Kritik. Nun haben sich die evangelischen Kirchen zwar von diesem Teil des reformatorischen Erbes verabschiedet, aber das unaufgeklärte Luthertum des Barock klingt nach. Und das ausgerechnet in Gottes Häusern. Es klingt nach in den Passionen von Johann Sebastian Bach. Am wohl eindringlichsten ist dabei jene Passage der Matthäus-Passion, als Pilatus im Prozess gegen Jesus keine Schuld feststellen kann. Das Volk aber antwortet: »Sein Blut komme über uns und unsere Kinder«. Verantwortlich für Jesu Tod sind die Juden.

Wie geht man mit so einer bewegend vertonten Botschaft um? Man begeistert sich unbeirrt von ihr für Bachs Musik. So hielt es das jüdische Bürgertum des 19. Jahrhunderts, wie die Eisenacher Ausstellung zeigt. Ausgerechnet die ursprünglich jüdische, zum Christentum konvertierte Familie Mendelssohn ist maßgeblich verantwortlich für die Bach-Renaissance. 1829 bringt der gerade 20-jährige Felix Mendelssohn-Bartholdy in der Berliner Sing-Akademie Bachs Matthäus-

Passion erstmals nach dem Tod des Komponisten wieder zur Aufführung. Über die alte Bach-Gesellschaft und die 1900 gegründete Neue Bachgesellschaft lassen sich die Linien von Berlin über Leipzig bis nach Eisenach führen. Hier wird nicht nur die Errichtung eines Bach-Denkmals, sondern auch des Bachhauses als Museum initiiert. Noch einmal ein Jahrhundert später und mit der Erfahrung des Holocaust tut sich mancher schwerer mit der lutherischen Botschaft in Bachs Musik. Um Kommentierung wird gerungen. So lässt 1989 der damalige Leipziger Superintendent zu einer Bach-Aufführung ein erklärendes Beiblatt verteilen. Einen Schritt weiter ging vor einigen Jahren das internationale Projekt »ha’atelier«, und schlug neue Texte für die Arien der Johannes-Passion vor. Wie das klingt, lässt sich im Bachhaus anhören. Als akustischer Denkanstoß, bevor das große Jubeljahr beginnt.

Susann Winkel

Sonderausstellung »Luther, Bach – und die Juden« bis zum 6. November im Bachhaus Eisenach; geöffnet täglich von 10 bis 18 Uhr.

www.bachhaus.de

Zusammenführung zweier Rebellen

22. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Die Annäherung der beiden Martins in Eisenach ist ein reizvolles Kunstabenteuer

Von Angesicht zu Angesicht stehen sich der Kirchenerneuerer Martin Luther und der US-Bürgerrechtler Martin Luther King in einer neuen Ausstellung im Eisenacher Stadtschloss gegenüber.
Eisenach. Ein Abenteuer. So nennt Reinhard Lorenz die Arbeit an dieser Ausstellung. Und: eine Reise. Zweieinhalbtausend Kilometer waren er und sein Kollege Michael Kunze im ganzen Land unterwegs gewesen, um Bilder, Fotografien und Skulpturen zu Martin Luther und Martin Luther King zu suchen, zu sichten und in Auftrag zu geben. Hundert etwa haben sie mitgebracht nach Eisenach, seit Sonnabend sind sie im ehemaligen Marstall des Stadtschlosses unter dem Titel »Face to face« zu sehen.

Der Kurator der Ausstellung, Reinhard Lorenz, der zugleich das Kulturamt der Stadt Eisenach leitet, vor dem Ölgemälde »Via Dolorosa«, das Johannes Heisig auf Anfrage für diese Schau gemalt hat. Foto: Susann Winkel

Der Kurator der Ausstellung, Reinhard Lorenz, der zugleich das Kulturamt der Stadt Eisenach leitet, vor dem Ölgemälde »Via Dolorosa«, das Johannes Heisig auf Anfrage für diese Schau gemalt hat. Foto: Susann Winkel

Zwei Fragen drängen sich dem Betrachter sofort auf. Zum Ersten: Warum ist eigentlich noch keiner früher drauf gekommen, den Kirchenerneuerer und den US-Bürgerrechtler in einer Ausstellung zusammenzubringen? Immerhin eint beide mehr als der Name, für den der Ältere dem Jüngeren Pate stand. Zum Zweiten: Warum 2016? Auf die erste Frage weiß Kurator Reinhard Lorenz auch keine rechte Antwort. Beide seien ihrem Wesen nach Rebellen und Visionäre, deren Schriften und Lieder den Menschen bis heute und vielleicht ganz besonders heute viel zu sagen haben.

Auf die zweite Frage kann er gleich zwei Antworten geben. Vor zwanzig Jahren waren Martin Luther und Martin Luther King schon einmal Thema in Eisenach. In der Georgenkirche gab es 1996 die Performance »Play Luther«, die Wort, Musik und Tanz verwendete für die Konfrontation des widerspenstigen Theologen mit dem schwarzen Prediger. Kings Tochter Yolanda sang damals Spirituals, Hannelore Elsner las – ein großes Spektakel. Das nun 2016 eine Fortsetzung erfährt, diesmal nicht mit den Mitteln der Darstellenden, sondern mit jenen der Bildenden Kunst. Der zweite Grund für den Termin im Jahr vor dem großen Trubel heißt Aufmerksamkeit. Einer, der wie Reinhard Lorenz seit 1990 bereits Kulturamtsleiter ist, weiß, dass eine Ausstellung zum falschen Zeitpunkt verschenkt ist. 2017 buhlen zu viele mit dem Namen Luther um die Gunst der Besucher.

Auch diese Ausstellung wird es tun, allerdings nicht in Eisenach, sie wandert nach Eisenhüttenstadt und vielleicht auch weiter. Eisenhüttenstadt war eine der Reisestationen von Reinhard Lorenz und Michael Kunze auf dem langen Vorbereitungsweg. Dort, im Städtischen Museum, fanden sie das Ölgemälde »Merkwürdige Zusammenkunft oder Napoleon war nicht geladen« der aus Eisenach stammenden Künstlerin Susanne Kandt-Horn. 1982 hatte sie die beiden Martins bereits zusammengedacht und -gebracht.

Ihr Atelier hatte sie damals im Stadtschloss.

Mehrere solcher Verbindungslinien in die Wartburgstadt lassen sich ausmachen beim Rundgang durch den Marstall. Johannes Heisig etwa war im Jahr 2004 »Stadtgast«: Während seines Aufenthalts schuf er Malerei und Grafik zu Persönlichkeiten der Eisenacher Geschichte – von der heiligen Elisabeth über Johann Sebastian Bach bis Richard Wagner. Für »Face to face« hat er »Via Dolorosa« gemalt, den Leidensweg des Martin Luther King, der sich hilfesuchend in einer Demonstration umblickt, die an jene immer montags in Dresden erinnert.

Ergiebig waren aber nicht nur die seit Jahrzehnten aufgebauten Kontakte von Reinhard Lorenz, sondern auch die Reise zum Martin-Luther-King-Zentrum Werdau in der Nähe von Zwickau. Oder der Besuch im Landesverwaltungsamt Sachsen-Anhalt, in dessen Depot sich viele Arbeiten fanden, die 1983 zum 500. Geburtstag Martin Luthers entstanden waren, aber von den DDR-Bürgern nicht gesehen werden sollten. Vieles, erzählt der Kurator, sei vor dieser Ausstellung überhaupt noch nie zu sehen gewesen. Auch das macht diese beinahe spielerische Annäherung an die beiden Martins, von denen der eine zunächst auf den Namen Michael getauft war, so reizvoll. Ein Kunst-Abenteuer – für die Macher wie für die Besucher.

Susann Winkel

Die Sonderausstellung »Face to face – Martin Luther und Martin Luther King« ist bis zum 25. September mittwochs bis sonntags von 11 bis 17 Uhr im Thüringer Museum im Stadtschloss Eisenach zu sehen.

Afrikaner, die deutsch sprechen

24. Mai 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Vorgestellt: Die Deutsche Evangelisch-Lutherische Kirche in Namibia gehört zu den Gastgebern der LWB-Vollversammlung

Zum Erbe der deutschen Kolonialzeit im heutigen Namibia gehört auch die Existenz einer deutschen lutherischen Kirche im Gastgeberland der nächsten Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes.

Wer die namibianische Nationalstraße B 2 von Windhoek zur Atlantikküste nimmt, wird 300 Kilometer lang Zeuge verschwindenden Lebens. Aus Bäumen werden Sträucher, dann Gräser und Flechten, am Ende bleiben Steine und Sand. Bis am Horizont erste Palmen und Häuser erscheinen, goldene Dünen und ein Streifen blaues Meer: Swakopmund.

Nach der Stille der Wüste zuerst auf Martin Luther zu stoßen – das hat schon surrealen Erlebniswert. Er hat 1897 die Arbeit eingestellt, steht seither hier »und kann nicht anders«. »Martin Luther« ist Opfer des Versuches, ein Dampflokomobil als Transportfahrzeug in der Namib-Wüste einzusetzen. In feuchtfröhlicher Runde kam dem Bevollmächtigten der Deutschen Kolonial-Gesellschaft, Max Rhode, nach dem technischen Debakel Luthers berühmtester Satz in den Sinn. Geboren war ein Denkmal, das mittlerweile den Schutz eines kleinen Museums genießt.

Freilich hat der Reformator im südwestlichen Afrika nicht nur diese Spuren hinterlassen. Finnische und rheinische Missionare brachten Ende des 19. Jahrhunderts den evangelischen Glauben nach Namibia, das ab 1884 deutsches Schutzgebiet war und bis zum Ende des Ersten Weltkriegs eine deutsche Kolonie. Jahrzehnte unter südafrikanischer Besatzung folgten, bis 1990 die Unabhängigkeit ausgerufen wurde. Heute gibt es hier über eine Million Lutheraner in drei lutherischen Kirchen. Die kleinste von ihnen hat rund 5 000 Mitglieder und feiert bis heute in 14 Gemeinden überwiegend deutschsprachige Gottesdienste. Die Kirchen, in denen sie stattfinden, könnten auch in Deutschland stehen. Und doch sind die Menschen, die sie besuchen, tief im trockenen namibischen Boden verwurzelt.

Eine Kirche, wie sie auch in Deutschland stehen könnte: die Christuskirche in der namibischen Hauptstadt Windhoek. An der Stelle des früheren deutschen Reiterdenkmals steht heute die Sam-Nujoma-Statue als Denkmal für den ersten Präsidenten des unabhängigen Namibias. Fotos: Johannes Killyen

Eine Kirche, wie sie auch in Deutschland stehen könnte: die Christuskirche in der namibischen Hauptstadt Windhoek. An der Stelle des früheren deutschen Reiterdenkmals steht heute die Sam-Nujoma-Statue als Denkmal für den ersten Präsidenten des unabhängigen Namibias. Fotos: Johannes Killyen

»Wir sprechen deutsch, aber wir sind Afrikaner«, sagt Burgert Brand, seit gut einem Jahr Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Namibia (ELKIN-DELK). Gerade in Deutschland werde das immer wieder verkannt, aber auch in Namibia selbst. »Meine Familie lebt väterlicherseits seit dem 17. Jahrhundert in Afrika. Wenn Landsleute mich vor allem als Deutschen sehen, frage ich dann: Wie lange soll ich noch hier leben, um ein richtiger Afrikaner zu sein?« Das klingt verzweifelt, ist es aber nicht. Burgert Brand ist die Ruhe selbst, ein Mann Gottes und ein Mann der Tat, herzlich und zäh. Noch seine Eltern waren Farmer.

Heute lebt er nach einer langen Zeit in Südafrika mit seiner Frau Ute in der namibischen Hauptstadt Windhoek, wie viele Menschen hier hinter einer hohen Mauer mit Elektrozaun – notgedrungen. Es passt nicht zu ihm. »Wir müssen uns als evangelische Kirche öffnen, wir müssen zu den Menschen gehen«, sagt Brand. Im Armenviertel Katutura unterhält die lutherische Kirche ein kleines Heim für geistig behinderte Menschen. Ein entscheidender Punkt ist auch die sprachliche Vielfalt. Deutsch überwiegt als Muttersprache bei den Gemeindegliedern, doch englische und afrikaanse Gottesdienste werden zunehmend attraktiv und passen auch gut zu einem multikulturellen Land.
Welt-2-21-2016Gerade in Windhoek ist die deutsche Tradition und Vergangenheit aber mehr als deutlich präsent. Auf einem Hügel mitten in der Stadt thront die 1910 erbaute Christuskirche, die zentrale Kirche der deutschsprachigen Gemeinde. Gleich daneben erhebt sich monumental das Nationalmuseum, das viele Windhoeker freundlich als »Kaffeemaschine« bezeichnen. Ein »Reiterdenkmal« zur Erinnerung an die Deutsche Schutztruppe wurde 2013 in einen Innenhof verbannt, denn noch sind die Wunden der Vergangenheit nicht geschlossen: Die Aneignung weiter Flächen durch Deutsche und der Mord an rund 100 000 Angehörigen der Herero und Nama durch deutsche Soldaten zwischen 1904 und 1908.

Gerade in den letzten Jahren gab es mehrere Zeichen der Versöhnung, bilaterale Besuche von Politikern etwa und die Rückgabe von Totenschädeln, die in die Berliner Charité gebracht worden waren. Die Verhandlungen, gerade um den Begriff »Völkermord«, sind jedoch nicht abgeschlossen.

Zur Versöhnung in Namibia selbst gehört nicht zuletzt der Austausch zwischen den lutherischen Schwesterkirchen mit einer großen Mehrheit von schwarzen Mitgliedern. »Jede Versöhnung beginnt mit Begegnung«, sagt Burgert Brand. Ganz im Zentrum der Begegnung werden die Lutheraner in Namibia nächstes Jahr stehen, wenn vom 10. bis 17. Mai 2017 die Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes zu Gast ist.

Johannes Killyen

www.elcin-gelc.org/

Der sprachgewaltige Reformator

3. Mai 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung:  Auf der Wartburg geht es vor dem Reformationsjubiläum um Martin Luther und die deutsche Sprache

Er war übler Grobian und einfühlsamer Poet in einer Person. Die deutsche Sprache war für Martin Luther stets Werkzeug und Waffe zugleich.

Vorsicht. Es geht nicht um »Luther und die Deutschen«. So lautet der ähnlich klingende Titel der Nationalen Sonderausstellung, zu sehen ab dem 4. Mai 2017 auf der Wartburg. Im Jahr vor dem großen Reformationsjubiläum geht es um »Luther und die deutsche Sprache«. Kuratorin Jutta Krauß benötigt für die Schau nicht die gesamte Burg, sondern nur einen Raum. Dabei bearbeitet sie ein weites Feld, ein immens weites sogar. Denn Luther hat mehr zu Papier gebracht als jene glückliche Übersetzung, für die der geächtete Reformator vom 4. Mai 1521 an auf der Wartburg einen sicheren Ort fand.

Er hat so viel Schrift hinterlassen – 127 Bände mit 80 000 Seiten umfasst die in Weimar erstellte Gesamtausgabe –, dass ihn Jutta Krauß gar nicht ganzlassen konnte. »Zerhackt« habe sie ihn, sagt sie, um die verschiedenen Facetten seiner Autorenschaft zu veranschaulichen. Der schreibende Luther wird dem Besucher als gelehrter Mönch, als übersetzender Theologe, als Lehrer, unermüdlicher Publizist, zorniger Streiter, Dichter und Privatmann vorgestellt. Die jeweiligen Zeugnisse dafür stammen aus der Lutherbibliothek der Wartburg. »Luther war ein gewaltiger Redner und ein gewaltiger Dolmetscher«, sagt Jutta Krauß. Der Schöpfer der deutschen Sprache, wie oft behauptet, sei er allerdings nicht gewesen.

Luther übersetzt die Bibel, Gemälde von Paul Thumann, 1872. Foto: Wartburg-Stiftung

Luther übersetzt die Bibel, Gemälde von Paul Thumann, 1872. Foto: Wartburg-Stiftung

Es hat ein paar Jahrhunderte gedauert, bis ausgehend vom Mittelhochdeutschen des Mittelalters über das Frühneuhochdeutsche die Sprachstufe des Neuhochdeutschen, also des heute gebräuchlichen Deutsch, erreicht war. Etwa in die Mitte dieses dreihundertjährigen Prozesses fällt Luthers Bibelübersetzung, das bekannteste Schriftwerk des Frühneuhochdeutschen. Ein »entscheidendes Etappenziel«, wie es Burghauptmann Günter Schuchardt treffend in der Begleitschrift zur Ausstellung formuliert. Und zugleich ein »reformatorisches Sprachereignis«, wie Kuratorin Jutta Krauß erklärt. Die Bibel wurde – in Luthers Deutsch übertragen – zu einem Volksbuch. Mit dem wiederum die wenigen der Schrift Mächtigen das Lesen lernten. Der Gleichklang von Bibel und Fibel ist kein Zufall.

Luthers Deutsch war dabei keineswegs ein Sonderfall, das kann die moderne Germanistik mittlerweile belegen. Es fügt sich vielmehr ein in den Sprach- und Schreibstil des Wittenberger Gelehrtenkreises und der Druckersprache jener Zeit. Was Luther darüber hinaus aber auszeichnet, das sind sein Sprachtalent und seine lebenslange Sprachneugier. Um seine Lehren zu verbreiten, musste er sich für das Volk verständlich ausdrücken. Also schaut er ihm aufs Maul. Auf seinen Reisen hörte er genau hin, erzählt Jutta Krauß. Er sammelte gebräuchliche Redewendungen und fragte auch nach, ließ sich etwa von einem Tischler die Fachbegriffe seiner Arbeit erklären.

So wuchs Luthers Wortschatz, den er zudem um einprägsame lautmalerische Neuschöpfungen erweiterte. Letztere werden in der Ausstellung in einer sich wiederholenden Abfolge an die Wand geworfen: Lückenbüßer, Lästermaul, Fallstrick, Sündenbock, Bluthund, Gottesacker, Freigeist … Die Projektion ist ein Präsentationsmittel, um das abstrakte Thema Sprache anschaulich zu machen. Daneben gibt es eine Medienstation, die gebräuchliche Wendungen der jeweiligen Herkunftsregion zuordnet. Ob sie richtig liegt, können die Besucher eingehend testen.

Den Glauben wecken, stärken, lebendig machen: Dafür eignet sich Sprache in vielfältiger Form. Als Text eines Kirchenliedes, von denen allein 37 auf Luther zurückgehen, darunter sein Bekenntnislied »Ein’ feste Burg ist unser Gott«. Aber auch als moralische Fabeldichtung. Luther übersetzte Fabeln des griechischen Dichters Äsop aus dem 6. Jahrhundert vor Christus ins Frühneuhochdeutsche. Stets mit einer Lehre am Ende. So heißt es in »Vom Wolf und Lämmlein«: »Wenn es nach dem Willen des Wolfes geht, so ist das Lamm im Unrecht.« Illustrationen zu den Fabeln sowie ein Animationsfilm aus den 1930er-Jahren zur Fabel »Vom Raben und Fuchs« richten sich vor allem an das jüngste Publikum.

Luther konnte aber auch noch ganz anders. Grob sein nämlich, zornig, cholerisch, was mit zunehmendem Alter mehr Raum einnimmt in seinen Schriften. Garstige Tiraden gegen seine Widersacher finden sich etwa auf den Flugschriften und -blättern der Reformationszeit. Beispielhaft dafür ist die Schmähschrift »Wider Hans Worst« auf Herzog Heinrich von Braunschweig-Wolfenbüttel.

Die deutsche Sprache – sie war Luther stets Werkzeug und Waffe zugleich.

Susann Winkel

Sonderausstellung »Luther und die deutsche Sprache« vom 4. Mai bis 8. Januar 2017 auf der Wartburg bei Eisenach. Vertieft wird das Thema in der 136-seitigen Begleitschrift, die im Verlag Schnell & Steiner erschienen ist. Mit der Ausstellung wird auch die neue Schaubibliothek in der Vogtei eröffnet, in der Schätze reformatorischen Schrifttums verwahrt werden.

Luther 2017: Schämen statt feiern?

10. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Streitpunkt: Der abgrundtiefe Antijudaismus liegt wie ein schwerer Schatten über dem Lebenswerk des Wittenberger Reformators

Seine Ausführungen über die Juden sind wirklich schwer zu ertragen. Die Synode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) wird sich in dieser Woche damit befassen. Denn ein Papier der Kreissynode von Erfurt fordert, dass sich die EKM öffentlich von judenfeindlichen Äußerungen Luthers distanziere. Die Kirchenzeitung bat zwei Theologen um ihre Meinung.

Ja – Teja Begrich ist Pfarrer in Mühlhausen und Beauftragter der EKM für den christlich-jüdischen Dialog.

eja Begrich

eja Begrich

Wir feiern: Unser Jubiläum. Unsere Kirche. Ein großes Fest. Und natürlich feiern wir den Primus inter Pares – den Ersten unter den gleich großen Reformatoren ganz besonders. Also Martin Luther!

Wir sind nicht nur die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland, wir sind auch eine lutherische Kirche. Theologisch und geografisch: von Möhra nach Eisleben über Mansfeld, Magdeburg und Eisenach, später nach Erfurt und Wittenberg und zum Lebensende wieder zurück nach Eisleben. Luthers Leben spielte sich fast ausschließlich auf dem Gebiet der heutigen Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland ab. Wir leben und glauben also am historischen Ort! Und natürlich sind wir ohne Zweifel darüber froh, dass Martin Luther, unser Reformator, die Bibel als frohe und heilmachende Botschaft wiederentdeckt hat.

Doch auch für Martin Luther gilt die Erfahrung der Natur: »Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten«, oder lutherisch gesprochen: Der Mensch ist immer Sünder und Gerechter zugleich. Und Luther mühte sich mächtig darum, dass sich diese Erkenntnis »fürchterlich praktisch« entfaltete. Deshalb müssen wir auf Luthers längsten Schatten und größte Sünde blicken: sein Verhältnis zu den Juden!

Gerne wurde zwischen einem jungen, judenfreundlichen, und einem alten, judenfeindlichen Luther unterschieden. Dies kann man jedoch höchstens als verzweifelten Versuch einer evangelischen »Heiligsprechung« Martin Luthers interpretieren. Seine Schriften sprechen eine andere und deutlichere Sprache: Nur der getaufte Jude ist ein guter Jude. Und wir müssen eingestehen, dass Luther an einem Gespräch mit Juden nie interessiert war. Für das, was er über und zu den Juden schrieb, können wir unseren Reformator nicht entschuldigen. Das ist und bleibt eklig auch mit jeder historischen Kontextualisierung. Seine Schrift »Von den Juden und ihren Lügen« von 1543 ist so ziemlich das Widerwärtigste, was wir uns vorstellen können. Dort wiederholt er gebetsmühlenartig, wie man mit Juden verfahren solle: »Erstlich, dass man ihre Synagoge oder Schule mit Feuer anstecke und, was nicht verbrennen will, mit Erde überhäufe, dass kein Mensch einen Stein davon sehe ewiglich … Zum anderen, dass man auch ihre Häuser zerbreche und zerstöre … Zum dritten, dass man ihnen nehme alle ihre Betbüchlein … Zum Vierten, dass man ihren Rabbinern bei Leib und Leben verbiete zu lehren …«, und endet: »Drum immer weg mit ihnen!«

Luthers Ablehnung der Juden ist jedoch nicht nur theologisch begründet. Als er am 28. Januar 1546 durch Rißdorf kurz vor Eisleben fuhr, machte er die dort lebenden Juden für seinen erlittenen Herzanfall verantwortlich. In seinem Judenhass schien er sich mit seiner Frau Katharina einig, so schrieb er über eben jenen Herzanfall: »Aber wenn Du wärest dagewesen, so hättest Du gesagt, es wäre der Juden oder ihres Gottes Schuld gewesen.« Wie so oft, verrät das Personalpronomen die Gesinnung! Ist »ihr« Gott nicht der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs und der Vater Jesu Christi?

Dennoch und auch angesichts des jüdischen Flüchtlingslagers vor den Toren Eislebens hat Luther beim Grafen Albrecht von Mansfeld darauf gedrungen und von der Kanzel gepredigt, dass auch diese geflohenen und vertriebenen Juden preisgegeben werden. Damit war auch die letzte Lutherstadt »judenfrei«. Und damit wird klar: Es ist nicht nur eine Freude, evangelisch und lutherisch zu sein. Auch nicht bei einem Fest!

Nein – Uwe Siemon-Netto ist Journalist und promovierter Theologe. Der gebürtige Leipziger lebt und arbeitet heute in Kalifornien.

Uwe Siemon-Netto

Uwe Siemon-Netto

Luthers Stimme schallt aus 80?000 Seiten der Weimarer Ausgabe seines Gesamtwerkes. »In dieser Stimme hören wir seltene Resonanzen der Stimme Gottes«, schrieb der amerikanische Historiker Mark A. Noll.

Luther war ein überdimensionaler, aber auch fehlbarer Mensch mit lichten und dunklen Seiten. Er sagte grandiose Wahrheiten, die wir in unserem, aus dem Leim geratenen Zeitalter dringend brauchen. Er gab aber im Alter auch Verwerfliches von sich. Das macht nur einen Bruchteil der 80?000 Seiten aus, soll aber heute ebenso wenig verschwiegen werden wie schon zu Luthers Lebzeiten, als sich selbst seine Freunde wie Andreas Osiander (1498–1552) von seinen ausschließlich theologisch motivierten Aussagen gegen die Juden distanzierten.
Statt nun am Vorabend des 500-jährigen Reformationsjubiläums das unersetzlich Wertvolle an Luthers Lehre zu betonen, suhlen sich Publizisten und Theologen fast nur im überdimensional Verwerflichen, wobei sie Luther oft geschichtsklitternd als den Wegbereiter Hitlers verleumden. Diese Leute müssen sich Fragen gefallen lassen:

Wenn der Holocaust in Luthers Lehre wurzelte, wieso wurde er dann nicht im einheitlich lutherischen Skandinavien verbrochen, sondern im gemischt katholisch-lutherisch-calvinistisch geprägten Deutschland?

Wie erklären sich Luthers Kritiker, dass sich im Zweiten Weltkrieg nicht nur deutsche Regimegegner wie die Lutheraner Dietrich Bonhoeffer und Hermann Sasse auf ihn beriefen, sondern vor allem auch skandinavische Widerstandsführer, darunter der mutige Bischof von Oslo, Eyvind Berggrav?

Überhaupt: Wieso ignorieren deutsche Theologen heute Luthers eiserne Lehre vom Widerstand gegen Despoten, eine Doktrin, die Männern wie Bonhoeffer und Berggrav Kraft gab?
Wieso übersehen sie, dass die ärgsten Bösewichte des Dritten Reiches ehemalige Katholiken waren, namentlich Hitler, Himmler, Goebbels und Julius Streicher, der den evangelischen Kirchen sogar vorwarf, Luthers judenfeindliche Schriften jahrhundertelang unterschlagen zu haben?

Warum verschweigen sie die Erkenntnis des Holocaust-Forschers Simon Wiesenthal, dass 75 Prozent der Kommandanten von Vernichtungslagern Österreicher waren, also mutmaßlich Ex-Katholiken?

Nicht dass jetzt die Schuld am Holocaust der katholischen Kirche untergeschoben werden sollte; auch das wäre ein schwachsinniges Klischee. Vielmehr war’s doch wohl so, wie der evangelische Theologe und NS-Gegner Helmut Thielicke 1945 schrieb, nämlich dass »ein Schuldverhältnis über der Welt brütet, über ihren Kontinenten und Meeren«. So ist es auch heute. Umso verwerflicher erscheint es mir, dass zum Reformationsjubiläum nicht nachdrücklich an den Schatz erinnert wird, den Luther unserer verwirrten Zeit hinterlassen hat und von dem der große britische Theologe Gordon Rupp bereits unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg schrieb, dass er uns von Hitler heilen könne.

Dieser Schatz besteht einmal aus Luthers Wegweiser zu einem gnädigen Gott, der uns von Sünde, Tod und Teufel befreit: Nur der Glauben an Christi Erlösungswerk am Kreuz kann dies bewirken. Zum anderen weist er uns den einzigen Ausweg aus der weltumspannenden Ichsucht, an der unsere Zivilisation zu zerbrechen droht. Und hier bietet sich nur Luthers Lehre an, wonach Gott jeden Einzelnen beruft, in allen Alltagswerken dem Nächsten zu dienen – dem Nächsten, dem Anderen, und nicht sich selbst.

Was nun das düstere Vermächtnis von Luthers judenfeindlichen Schriften anbelangt, sollten wir ganz einfach sein letztes geschriebenes Wort zitieren: »Wir sind Bettler, das ist wahr.«

Dokumentiert: Wie ein Bischof mit Martin Luther die Politik der Nazis unterstützte
Der Thüringer evangelisch-lutherische Landesbischof und vormalige Lauschaer Pfarrer Martin Sasse schrieb im Vorwort zu seiner Schrift »Martin Luther und die Juden – Weg mit ihnen!« im Jahre 1938: »Am 10. November 1938, an Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen. Vom deutschen Volk wird … die Macht der Juden auf wirtschaftlichem Gebiet im neuen Deutschland endgültig gebrochen und damit der gottgesegnete Kampf des Führers zur völligen Befreiung unseres Volkes gekrönt. In dieser Stunde muss die Stimme des Mannes gehört werden, der als der Deutschen Prophet im 16. Jahrhundert einst als Freund der Juden begann, der, getrieben von seinem Gewissen, getrieben von den Erfahrungen und der Wirklichkeit, der größte Antisemit seiner Zeit geworden ist, der Warner seines Volkes wider die Juden.«

Hoffnung, Hoffnung, Hoffnung

29. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Für Fernsehmoderator Peter Hahne heißt an die Auferstehung zu glauben, den Verstand einzuschalten

Der Fernsehjournalist Peter Hahne ist der bestplatzierte christliche Autor auf der Jahresbestsellerliste 2015 für religiöse Bücher. Sein Buch »Niemals aufgeben« rangiert auf Platz vier. Darüber und über Ostern sprach mit ihm Sabine Kuschel.

Herr Hahne, was würden Sie predigen, wenn Sie Ostern auf der Kanzel stünden?
Hahne:
Hoffnung, Hoffnung und nochmal: Hoffnung. Und keine politischen Ratschläge zu Flüchtlingen oder Parteien! Weil das Grab Jesu leer ist, sind seine Verheißungen keine leeren Versprechungen. Bei ihm gibt es Leben angesichts des Todes, denn er hat den Tod besiegt. Allein daraus resultiert sein Anspruch, die Hoffnung der Welt zu sein. Deshalb gibt es für Christen keine hoffnungslosen Fälle.

Was heißt es für Sie, an die Auferstehung Christi zu glauben?
Hahne:
Meinen Verstand einzuschalten – denn der Bericht von der Auferstehung ist die bestbezeugte Tatsache der Antike. Als Paulus das aufschrieb (1. Korintherbrief, Kapitel 15), lebten ja die Zeugen noch. Lüge wäre sofort entlarvt worden! Und für Lug und Trug hätte ein Bonhoeffer oder die heute (bis in die Flüchtlingslager!) verfolgten Christen ihr Leben wohl kaum geopfert. Glauben heißt: Wissen, was trägt.

Angesichts des Glaubensnotstandes ist Ihr Buch »Niemals aufgeben« ein Appell, sich der lebensnotwendigen christlichen Wurzeln zu besinnen. Woran kranken Gesellschaft und Kirche?
Hahne:
An Oberflächlichkeit und Beliebigkeit. Interessant ist nur, was uns konkurrenzlos wichtig ist und macht. Wir haben die freiheitlichste Verfassung der Welt, weil das Grundgesetz aus den Quellen der Bibel gewachsen ist: »In Verantwortung vor Gott und den Menschen.« Zurück zu den Wurzeln! Offensiv unseren Glauben bekennen und leben! Deshalb fürchte ich mich nicht vor der Stärke des Islams, sondern vor der Schwäche des Christentums.

Was hilft Christen in ausweglos erscheinenden Situationen, nicht aufzugeben?
Hahne:
Nicht der Appell: »Steh auf, reiß dich zusammen!«, sondern sich helfen lassen. Das schlüssele ich in dem Buch auf: Glaube, Gottes Wort, Gebet und vor allem Gemeinschaft schenken Motivation in Resignation. Allein geht man ein.

Peter Hahne. Foto: privat

Peter Hahne. Foto: privat

Das Leid in der Welt ist groß – wie lautet Ihrer Meinung nach die Antwort des Glaubens?
Hahne:
Niemand kann tiefer fallen als in die Hand Gottes, das ist unser Trost. Christen werden ja nicht aufs Jenseits vertröstet, sondern aus dem Jenseits getröstet. Glaube ist ein Vertrauen, das einen auch mit unbeantworteten Fragen leben lässt. Viele bezeugen: Erst das Leid brachte mich zu Gott und damit zu sinnvollem Leben.

Osterfreude – hat Sie Raum im Alltag eines Fernsehmoderators?
Hahne:
O ja! Ich bin ein Sonntagskind, am 9. November geboren. Dass ich mit Ihnen jetzt reden kann, ist dem schönsten Geburtstagsgeschenk vor 26 Jahren zu verdanken. Schon Luther sagte: »Die Freude ist der Doktorhut des Glaubens.« Deshalb verstehe ich nicht, dass viele Christen mit einem Gesicht herumlaufen, als wären sie dauernd auf dem Weg zum Zahnarzt …

Es ging das Gerücht, Sie wollten zur katholischen Kirche konvertieren?
Hahne:
Ich halte es mit Martin Luther, der ist auch nicht konvertiert, sondern hat reformiert. Bis er merkte, dass politische Predigt und volle Kassen seiner Kirche wichtiger waren als Jesus Christus und sein Wort von Gericht und Gnade, Gesetz und Evangelium, Himmel und Hölle. Eine Kirche, die sich nach dem Evangelium und nach Luther nennt, sollte radikal werden, das heißt (lateinisch: radix = Wurzel) zu ihren reformatorischen Wurzeln zurückkehren. Sonst ist alles Etikettenschwindel, den die Leute durchschauen.

Ich bin froh und dankbar über jeden Pfarrer, der sich der Theologie der leeren Kirchenbänke widersetzt! Es gibt lebendige Gemeinde, Gott sei Dank!

Am 15. April erscheint ein weiteres Buch von Peter Hahne:
Hahne, Peter: Finger weg von unserem Bargeld! Wie wir immer weiter entmündigt werden, Bastei Lübbe, 128 S., ISBN 978-3-8699-5085-3, 10 Euro

Alle Wege führen nach Rom – doch wo ist der Lutherplatz?

16. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Er fand Rom widerlich. Luther hatte bei seinem Rombesuch an vieles gedacht, sicher nicht, dass nach ihm in der Ewigen Stadt einmal ein Platz benannt werden würde. Vermutlich hätte er sich das verbeten. Rom war für ihn »eine Bestie«. Jetzt ist es doch geschehen, im Herbst des vergangenen Jahres, 507 Jahre nach der Rom-Reise des Reformators! Die Anregung kam von der evangelisch-lutherischen Gemeinde. Der Stadtrat hat »Ja« gesagt. Für den Pfarrer der evangelischen Christuskirche in Rom, Jens-Martin Kruse, »ein Ausdruck gelebter Ökumene«. Er hätte sich auch eine Treppe an der Augustinerkirche Santa Maria dell’popolo, wo Luther möglicherweise übernachtet hat, vorstellen können. Aber so sei es auch gut.

Endlich seinen Platz gefunden: Luther in Rom. Foto: Willi Wild

Endlich seinen Platz gefunden: Luther in Rom. Foto: Willi Wild

Ich mache mich also auf die Suche. Kruse gibt mir noch den Tipp, Richtung Kolosseum, am Colle Oppio (dt. Opium-Hügel). Der Taxifahrer schaut mich ratlos an. Nach mehrmaliger Wiederholung schreibe ich ihm die Adresse auf: Piazza Martin Lutero. Auf der Straßenkarte ist der Ort nicht verzeichnet. Plötzlich hat er etwas gefunden, allerdings handelt es sich um eine Piazza Martin Lutero in Gubbio, oberhalb von Perugia. Rom: Fehlanzeige. Der freundliche Taxifahrer steigt aus und fragt seine ortskundigen Kollegen am Fuße des Petersplatzes. Achselzucken und Kopfschütteln. Nichtsdestotrotz bitte ich ihn, mich Richtung Kolosseum zu fahren. Er lässt mich raus, an der Via Luigi Cremona, in Sichtweite des Kolosseums. Zu meiner Freude treffe ich gleich zwei hilfsbereite Polizisten, die gerade dabei sind, die Ausweise einer kleinen Menschenansammlung am Opium-Hügel zu kontrollieren. Piazza Martin Lutero geben sie in ihr Dienst-Smartphone ein und deuten auf die Spitze des Colle Oppio.

Ich bedanke mich und laufe schnellen Schrittes nach oben, denn es dämmert bereits. Die Kamera im Anschlag, um den Moment festzuhalten. Vorbei an der Via deli Orte di Mecenate, über die Via Carlo Saviotti. An einem Spielplatz erklären mir zwei junge Frauen gestenreich, dass der Platz nicht hier, sondern außerhalb des Parks am Osteingang zu finden sei. Wer Martin Luther war, wussten sie nicht. Sie nicken aber anerkennend, als ich ihnen erkläre, dass sich heute eine weltweite Kirche nach ihm benennt. Die Sonne geht unter und im Laternenschein erreiche ich den besagten Eingang. Von Luther keine Spur. Drei »mittelalterliche« Römer mit einem ausgewachsenen Golden Retriever kreuzen meinen Weg. Ja, Martin Lutero ist ihnen ein Begriff, aber von dem Platz im Colle-Oppio-Park haben sie noch nichts gehört. Ich wünschte mir, der Hund könnte eine Fährte aufnehmen. Ich bin kurz davor aufzugeben. Auf der Viale della Domus Aurea springen mich zwei Straßenköter an. Ich nehme die Beine in die Hand. Als sie von mir ablassen, bleibe ich stehen. Mein Blick geht nach oben. Ich traue meinen Augen kaum. Da stehe ich und kann nicht anders, ich bin ergriffen: »Piazza Martin Lutero« steht auf dem Schild und darunter »Teologo Tedesco della Riforma (1483–1546)«.

Etwa sieben Kilometer vom Petersdom entfernt versteckt sich der kleine Platz des großen Reformators. Außer dem Schild erinnert nichts an Martin Lutero. In der Mitte ein Springbrunnen: Ein Plätzchen zum Ausruhen und Luftholen in der hektischen Metropole. Vielleicht hätte dieser Ort mit Volksnähe dem Signor Lutero doch gefallen.

Willi Wild

Es gibt sie doch – die Fastnacht in der evangelischen Kirche!

8. Februar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Merkwürdige Ereignisse: Die Enthüllungsredaktion auf Spurensuche im Landeskirchenamt

Haben Sie, liebe Leserin, lieber Leser, schon einmal etwas von einem kirchlichen Aschermittwoch oder generell von Fastnacht in der Kirche gehört? Nein? Woran mag das wohl liegen?! Vielleicht an der Tatsache, dass das Feiern der Fastnacht unter Steinigung in der evangelischen Kirche verboten ist? Durch das Fröhnen der Sünde während der fünften Jahreszeit geht die protestantische Arbeitsethik den Bach herunter. Unsere Vorstellungen von Fastnacht sind jedoch geprägt von Unproduktivität in Verbindung mit Alkohol und exzessiven Feiern, die dadurch gekrönt werden, dass sich Pfarrer sogar als der Teufel persönlich maskieren. Dies war auch die Meinung des großen Reformators Martin Luther höchst persönlich. »Verlacht den Feind und sucht Euch jemand, mit dem Ihr plaudern könnt […] oder trinkt mehr, oder scherzt, treibt Kurzweil oder sonst etwas Heiteres. Man muss bisweilen mehr trinken, spielen, Kurzweil treiben und dabei sogar irgendeine Sünde riskieren […]«, teilte Martin Luther unserer Redaktion in einem früheren Exklusivinterview mit.

Doch warum widerspricht die Kirche heute so vehement ihrem einstigen Gründervater? Wie kam es zu dem plötzlichen Sinneswandel, der bereits kurz nach seinem Tod einsetzte? Und ist Martin Luther wirklich tot? Ihre Enthüllungsredaktion ist im Landeskirchenamt auf Spurensuche gegangen. Was uns dort begegnete, ließ unseren Glauben in seinen Grundfesten erschüttern: Während des Besuches unserer vertraulichen Quelle am 11. 11. 2015 wurden wir gegen 11.10 Uhr zum Aufbruch gedrängt. Vor der Glasfassade des Amtes stehend, schlug die Turmuhr 11.11 Uhr. Im Inneren des Gebäudes wurde es unruhig und Mitarbeiter eilten von Büro zu Büro. Bunte Girlanden wurden aufgehangen, Pfannkuchen verteilt und plötzlich traten kostümierte Gestalten auf die Flure. Das ganze Amt – ein Haufen voller Narren. Bis heute meinen wir, es wäre Landesbischöfin Junkermann selbst gewesen, die als Papst verkleidet einen gigantischen Umzug anführte.

»Glaube + Einfalt« inkognito mit dem Original. Foto: Anonymus

»Glaube + Einfalt« inkognito mit dem Original. Foto: Anonymus

Auf verstärkte Nachfragen unserer Redaktion zu diesen merkwürdigen Ereignissen, erfolgte bis heute bedauerlicherweise keine Antwort. So bleibt uns nur übrig, Vermutungen anzustellen. Unsere schlüssigste Theorie lautet daher wie folgt: Es liegt ein klarer Fall von Wasser predigen und Wein trinken vor. Denn die Amtskirche sah – und sieht bis heute – in der Fastnachtsfeier eine Gefahr für den Otto-Normal-Gläubigen, der sich dem Suff und der Völlerei hingibt und anschließend nicht angemessen fastet. Im Landeskirchenamt muss sich jedoch der Versuchung hingegeben werden, um der bevorstehenden Passionszeit einen angemessenen Respekt zu zollen und die Unfehlbarkeit des Amts zu wahren. Dies kann jedoch einzig unter der allmächtigen theologischen Anleitung der Bischöfin geschehen, um die Sünden der Kirchenbeamten nicht auf Fegefeuerjahre anzurechnen.

Doch, um noch einmal Luther zu zitieren: »Eine Fastnachtsfeier gilt erst als gelungen, wenn Bierkrüge durch die Wirtshäuser fliegen und auf den Köpfen der Gäste des Nebentisches zerspringen.«

Nach den Ereignissen, die wir im Landeskirchenamt verfolgt haben, stellten wir uns die Frage, ob wir diese Erkenntnisse veröffentlichen können. Schließlich sind dies intime Details aus der Amtskirche. Außerdem fragen wir uns, was dies für das Feiern der Fastnacht in der evangelischen Kirche bedeutet und überlegten so in unserer Redaktion, wie wir mit dem Brauch der Fastnachtsfeier umgehen sollen und was wir Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, mit auf den Weg geben können. Folgenden Entschluss haben wir gefasst: Was das Landeskirchenamt kann, das können wir schon lange! Also veranstalteten wir in unserer Redaktion eine Fastnachtsfeier, ganz im Sinne des Reformators und feierten ausgelassen und feuchtfröhlich. Denn warum veranstaltet die Evangelischen Kirche eine Aktion namens »7 Wochen ohne …«? Warum sollten wir überhaupt fasten, wenn wir nicht wenigstens ausgiebig vorher gefeiert haben? Gewiss nicht, weil mit dem Aschermittwoch die Passionszeit beginnt.

Denn Jesus hat vor seinem Tod nicht gefastet. Also feiern Sie ausgiebig, außerhalb des Gottesdienstes darf auch mal gelacht werden und viel Spaß beim Verkleiden! In diesem Sinne: Ein dreifach gedonnertes HELAU! Bleiben Sie fromm.

Ihre Fastnachtsredaktion in Zusammenarbeit mit Ihrer Enthüllungsredaktion.

»Warum rülpset und furzet ihr nicht«

21. Januar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Geflügelte Worte Martin Luthers

Wer würde heute wohl seine Gäste fragen »Warum rülpset und furzet Ihr nicht, hat es euch nicht geschmecket?« Obgleich nicht bei Luther nachzuweisen, würde die ihm in den Mund gelegte Frage gut zu ihm passen, hinterließ er uns doch Aussprüche wie »Wenn ich hier einen Furz lasse, dann riecht man das in Rom«, oder die treffende Bemerkung »Aus einem verzagten Arsch fährt kein fröhlicher Furz«. Dagegen klingt seine Feststellung »Wer es riecht, aus dem es kriecht« sehr gemäßigt. – Ungeachtet der Urheberschaft Luthers fügt sich die Frage »Warum rülpset …« problemlos in die seinerzeit üblichen Tischsitten ein. So empfahl Caspar Scheidt 1549 in seinem »Grobianus. Von groben Sitten und unhöflichen Gebärden«: »Was du im Mund gehabt hast, leg nicht zurück …, wenn du schneuzen musst, dann tue es nicht mit der Hand, die das Fleisch anfasst. Bei Tisch kratzt man sich nicht und spuckt nicht über den Tisch.« Solche Empfehlungen sind von Luther nicht überliefert, dagegen finden sich zahlreiche Sprüche über das Essen und Trinken. Beidem war er überaus zugetan, wie auch die überlieferten Porträts bezeugen. Schon Brathering und Erbspüree, dazu eine »Pfloschen« von Katharinas selbst gebrautem Bier, konnten sein Herz erfreuen. Luther stand zu seinen Vorlieben, u. a. mit dem unschlagbaren Argument: »Darf unser Herrgott gute, große Hechte, auch guten Rheinwein schaffen, so darf ich auch wohl essen und trinken.« Und seine Käthe ließ er wissen: »Ich fresse wie ein Böhme und saufe wie ein Deutscher«. Kritisch bemerkt er aber auch: »Wir sind allzu lang genug deutsche Bestien gewesen, die nicht mehr können, denn kriegen und fressen und saufen«. An anderer Stelle mahnt er: »Trinken ohne Durst, Studieren ohne Lust, Beten ohne Innigkeit – sind verlorne arebeyt (Mühe)«.

Wenn es viel zu essen gab, langten die Leute im Mittelalter tüchtig zu. »Die Bauernhochzeit«, Gemälde (ca. 1568) von Pieter Bruegel dem Älteren. – Repro: Archiv

Wenn es viel zu essen gab, langten die Leute im Mittelalter tüchtig zu. »Die Bauernhochzeit«, Gemälde (ca. 1568) von Pieter Bruegel dem Älteren. – Repro: Archiv

Sprichwörter flossen auch in Luthers Predigten ein. So unterstreicht er in der Predigt zum 1. Buch Mose seine Auslegung »Angst lehrt beten« mit dem bekannten Sprichwort »Hunger ist der beste Koch«. Zum 23. Psalm interpretiert er »Auf einen vollen Bauch gehört ein fröhliches Haupt« und ergänzt »Ein guter Trunk hält Leib und Seele zusammen«. Der »gute Trunk« konnte für Luther sowohl Wein als auch Bier sein, wobei er dem Wein den Vorzug gab. Ihm sprach er die Kraft zu »fröhlich zu machen« und stellte fest »Bier ist Menschenwerk, Wein aber ist von Gott!« Obgleich nicht bezeugt, gehört der viel zitierte Spruch »Wer nicht liebt Wein, Weib, Gesang, der bleibt ein Narr sein Leben lang« wohl ebenso zu Luther wie sein Einspruch »Für die Toten Wein, für die Lebenden Wasser: das ist eine Vorschrift für Fische«. Wein aber war nicht für jedermann erschwinglich, so blieb das oft selbst gebraute Bier das allgemein übliche Getränk. Das Ergebnis wird in beiden Fällen gleich gewesen sein; denn Luther wetterte häufig gegen die Trunkenheit. »Das Saufen ist in unseren Landen eine Art von Pest … Unser Herrgott muss uns Deutschen die Trunkenheit als eine tägliche Sünde anrechnen; denn wir können’s wohl nicht lassen.« Dennoch ist der Reformator überzeugt: »Ein Christ kann besser reden, wenn er voll ist, als ein Papist, wenn er nüchtern ist«. Luther wusste, wovon er sprach. Er selber litt wegen seiner ungesunden Lebensweise an Nierensteinen und Gicht, tröstete sich aber: »Ich esse, was mir schmeckt, und leide danach, was ich kann«, oder »Ich esse, was ich mag, und sterbe, wann Gott will.«

Luthers Feststellung »Wer das Bierbrauen erfunden hat, der ist ein Unheil für Deutschland gewesen« wird heute wohl keine Mehrheit finden. Doch seinem Tipp »Traurige Leute soll man mit Essen und Trinken erquicken«, kann man getrost zustimmen.

Sylvia Weigelt

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