Erziehung im Vertrauen

19. Februar 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Familie

Zusammenleben: Eltern und Kinder brauchen Lösungen, die die Bedürfnisse aller Beteiligten berücksichtigen.


Der Vorschlag, mit Lob statt mit Strafen zu erziehen, ­erscheint auf den ersten Blick einleuchtend. Doch beide – Lob und Strafen – ­haben unerwünschte Nebenwirkungen.



Vertrauen ist die Grundlage jeder Erziehung. (Foto: Karin Vorländer)

Vertrauen ist die Grundlage jeder Erziehung. (Foto: Karin Vorländer)

Körperliche Gewalt als Mittel der Erziehung ist seit mehr als zehn Jahren in Deutschland gesetzlich verboten. Zum Glück. Aber, die Meinung, ein Klaps habe noch ­keinem Kind ­geschadet, ist immer noch verbreitet. Auch die Furcht, Kinder könnten bei allzu lascher Erziehung zu kleinen ­Tyrannen mutieren, ist nach wie vor lebendig. Denn an die Stelle des ehemals selbstverständlichen Einsatzes von Strafe ist weithin eine große Verunsicherung getreten.

Die Pädagogen Thomas Gordon und Marshall Rosenberg setzen auf Erziehung im Vertrauen – und können an vielen Praxisbeispielen aufzeigen, dass Erziehung, ohne »die Dressurmittel« von Strafe oder Lob auskommen kann.

Strafe sorgt kurzfristig dafür, dass ein Kind mit einem unerwünschten Verhalten aufhört oder das erwünschtes Verhalten an den Tag legt. Aber sie hat, wie der amerikanische Psychologe Thomas Gordon es nennt, lediglich einen »Oberflächenwert«.

Strafe in Form von Verweigerung, Druck oder Entzug von Vergünstigungen erweist sich nämlich bei genauem Hinsehen als ein schwierig zu handhabendes Werkzeug. Sie muss angemessen sein und unmittelbar erfolgen – sonst fehlt für das Kind der innere Zusammenhang zwischen eigenem Fehlverhalten und Sanktion.

Laut Thomas Gordon haben Strafen unerwünschte »Nebenwirkungen«.

Zu häufige und zu strenge Strafen sorgen dafür, dass das Kind sich innerlich entzieht und passiv oder ­aggressiv wird. Wo körperliche oder seelische Sanktion eingesetzt wird, lernen Kinder, dass es angemessen ist, bei denen, die wir lieben, Gewalt und Sanktionen anzuwenden. Harte Strafen rufen Aggressionen hervor. Untersuchungen belegen, Familien, in denen viel gestraft wird, erzeugen aggressive Kinder. Ständiges Strafen und die damit verbundene Kontrolle kann die Beziehung zwischen Kindern und Erwachsenen nachhaltig beeinträch­tigen.
Da erscheint der Vorschlag, mit Lob oder Belohnung statt mit Strafen zu erziehen, auf den ersten Blick sehr verlockend.

Doch so erstaunlich es klingen mag: Auch Lob und Belohnung können unerwünschte Nebenwirkungen haben. Eltern, die sehr viel mit Lob arbeiten, laufen Gefahr, Kinder zu erziehen, die wenig Aktivitäten und Leistungen an den Tag legen, wenn sie dafür kein Lob einheimsen.

Ständiges Lob oder Belohnung ist inflationär: Es verliert an Wirkung. Lob kann zudem Geschwisterrivalität und Konkurrenz verstärken. Es beeinträchtigt die eigene Entscheidungsfähigkeit und bringt Kinder um die wunderschöne Erfahrung, dass ein Tun auch ohne Anerkennung von außen in sich sinnvoll, schön und erfüllend sein kann.

Auf die Frage, ob es eine Erziehung jenseits von Strafe und Lob gibt, antwortet der amerikanische Pädagoge Marshall B. Rosenberg mit einem eindeutigen Ja.

Erziehung basiert bei ihm auf einer Beziehung zwischen Eltern und Kindern, die auf Vertrauen und Respekt gegründet ist. Eltern, die ihren Kindern Liebe, Geborgenheit, Vertrauen Wertschätzung, Respekt, Freiheit, Schutz und Sicherheit geben wollen und die ihren Kindern Wachstum und Lernen ermöglichen wollen, stehen vielmehr vor der Herausforderung, zunächst die eigenen Grenzen zu spüren. Sie müssen bei sich selbst wahrnehmen, was sie selbst wollen und was sie nicht wollen.

Es geht in einer Erziehung, die auf Vertrauen, Konsens und Respekt gründet, um eine Grundhaltung, die Rosenbergs Schüler Frank und Gundi Gaschler so beschreiben: »Ich möchte wissen, was du brauchst, und ich will dir sagen, was ich brauche, damit wir einen Weg finden, mit dem es allen möglichst gut geht.« Sie zeigen: Schon mit Kindern im Kindergartenalter können Lösungen gefunden werden, die die Bedürfnisse aller Beteiligten berücksichtigen.

Dazu gehört auch, Kompromisse zu verhandeln, sich am Ende einer Woche oder eines Tages gemeinsam über Gelungenes zu freuen oder Misslungenes auszusprechen und zu bedauern.

Voraussetzung für solch eine Erziehung ist allerdings eine positive Grundeinstellung gegenüber Kindern: Kinder sind nicht potenzielle Tyrannen – Kinder sind eine Gabe Gottes. Sie sind nicht von Natur aus »böse«, sondern sie sind mit der Fähigkeit und dem Willen zu Kooperation, Hilfe und Einfühlung ausgestattet.

Statt ein Kind zu strafen, dass viel später nach Hause kommt als verab­redet, kann es hilfreich sein zu fragen: Welche Bedürfnisse gibt es auf beiden Seiten?

Die Eltern haben womöglich das Bedürfnis, ihr Kind in Sicherheit zu wissen. Sie wollen sich keine Sorgen machen müssen, wenn das Kind nicht zur verabredeten Zeit im Haus ist. Das Kind hat dagegen das Bedürfnis nach Spiel und Kontakt zu anderen. Statt mit Hausarrest zu drohen, könnten Eltern zunächst ihr eigenes Gefühl und Bedürfnis benennen: »Ich möchte nicht im Ungewissen sein. Ich habe mich gesorgt. Ich möchte das nicht mehr so erleben.«

Kinder reagieren oft erstaunlich einfühlsam und sind in der Lage, gemeinsame Lösungen zu finden und Vorschläge zu machen, wie es beim nächsten Mal pünktlich ist oder die Eltern informiert.

Karin Vorländer

Literaturempfehlungen

  • Gordon, Thomas: Die neue Familienkonferenz. Kinder erziehen ohne zu strafen, Heyne Verlag, 320 S., ISBN 978-3-453-07861-1, 8,95 Euro
  • Gaschler, Frank und Gundi: Ich will verstehen, was du wirklich brauchst. Gewaltfreie Kommunikation mit Kindern, Kösel Verlag, 144 S., ISBN 978-3-466-30756-2, 14,95 Euro
  • Mol, Justine: Aufwachsen in Vertrauen. ­Erziehen ohne Strafe und Belohnungen. Gewaltfrei miteinander leben, Jungfermannsche Verlagsbuchhandlung, 112 S., ISBN 978-3-87387-689-7, 9,95 Euro

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