Auf den Pfaden des Wunders

27. Dezember 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Weihnachten lädt ein, darüber zu meditieren, wie wir Gott begegnen können. Die Evangelisten Lukas und Matthäus helfen dabei mit ihren wunderbar komponierten Weihnachtsgeschichten.

Lukas und Matthäus berichten – symbolisch fein verdichtet – von vier Gruppen, die alle das Weihnachtswunder erleben, auch wenn sie auf ganz unterschiedlichen Pfaden zu Gott unterwegs sind.

Heilige Familie, Gemälde von Lorenzo Costa (1460–1535). Foto: The Yorck Project

Heilige Familie, Gemälde von Lorenzo Costa (1460–1535). Foto: The Yorck Project

Maria und Josef: Die erste Gruppe ist klein, ein junges Paar. Beide tun sich anfangs schwer miteinander. Was weiß schon der eine vom anderen? Maria macht eine überwältigende Gotteserfahrung, erlebt »große Dinge« (Lukas 1,49), die sie weit über ihr Alltagsbewusstsein hinausheben in die namenlose Freude Gottes. Sie kann nicht darüber sprechen, bewegt alles in ihrem Herzen und läuft vor Josef weg zu einer Verwandten. Er schlägt sich mit Zweifeln herum, weiß lange nicht, was er tun soll, folgt schließlich aber mutig dem Engel seiner Intuition (Matthäus 1,20). Aus seinem Ja zu Maria wird ein Ja zum Göttlichen, das ungewöhnliche Anfänge setzt: »Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich.« (Lukas 1,37)

Für das Neue, das durch zwei Liebende in die Welt kommen will, gibt es kein Vorbild. Wie jedes Paar müssen Maria und Josef ihren einmaligen Pfad zu Gott selbst entdecken – indem sie gemeinsam dem immer werdenden, schöpferischen Gott entgegengehen. Josef nennt das Kind »Gott mit uns«, Maria nennt es »Retter«. Sie entdecken zusammen die rettende Liebe in ihrem Ja zu dem, was ihnen Gott, der Lebendige, zutraut. Das ist der Pfad der Beziehung von Mann und Frau. Der Pfad des Vertrauens hin zur himmelweiten Herberge der Liebe, die größer ist als beide zusammen.

Die Hirten auf den Feldern repräsentieren die zweite Gruppe. Sie stehen gesellschaftlich eher am Rand. Sie besitzen fast gar nichts. Sie haben nichts zu verlieren. Die Hürden, in deren Nähe sie ihre Schafe hüten müssen, setzen ihnen deutliche Grenzen. Ihr Spielraum ist klein, ihr Leben karg, ihre Wirklichkeit hart. Ihre Erfahrung ist in und mit der Natur gereift. Von Berufs wegen müssen sie immer eines sein: aufmerksam und wachsam. Ihre Sorge um die Schafe und die Angst vor wilden Tieren trainiert die Sinne, schult die Achtsamkeit. Hirten sind gewohnt zu wachen. Sie wissen, wie wichtig es ist, sofort reagieren zu können, wenn etwas Ungewöhnliches passiert. Diese Wachsamkeit ist der spirituelle Schlüssel, um den Gesang der Engel zu hören. Nur wer wach ist, erlebt das »Sakrament des Augenblicks«. Die Hirten reagieren spontan wie Kinder: staunen, hinlaufen, schauen, davon erzählen. Alles ist so simpel wie die Zeichen »Windeln« und »Krippe«. Ihr Herz ist sofort offen für das Wunder. Ihre Augen leuchten. Ihnen reicht es, dass sie sich nicht fürchten müssen. Sie sind befreit, fern von den Hürden ihres armseligen Alltagslebens. Sie kommen mit leeren Händen und empfangen alles: »Und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie.« (Lukas 2,9) Das ist der Pfad der Achtsamkeit für das offene Geheimnis Gottes, das man nur mit dem Herzen erfassen kann.

Die Magier aus dem Morgenland sind die dritte Reisegruppe. Sie verkörpern den höchsten astronomisch-astrologischen Wissensstand der damaligen Zeit. Sie sind gebildet und in der Lage, aus Langzeitbeobachtungen bestimmter Sternenkonstellationen Prognosen zu entwickeln. Dank ihrer Analysen können sie aus ihren Sternenkarten Schlüsse ziehen auf sich ankündigende historische Veränderungen: auf große Verschiebungen im Weltgeschehen und in Glaubensdingen. Früher als alle anderen sind sie aufgebrochen, in die Fremde, dem Kommenden entgegen, nur geführt vom Sternenlicht ihres kosmischen Bewusstseins. Ihr Erkenntnisinteresse und Forschergeist führt sie auf unbekannten Wegen in spirituelles Neuland. Ihr Exodus erspart ihnen aber keine Umwege und Irrtümer.

Auch kluge Köpfe können unversehens erst einmal bei den alten Machtstrukturen landen, wie die Magier bei Herodes. Damit die spirituelle Reise glücklich ans Ziel kommt, braucht es einen klaren Verstand, Unterscheidungsfähigkeit und nüchterne Selbstkritik zur mutigen Korrektur herkömmlicher religiöser Positionen. So entdecken die Magier Gott ganz neu – durch Loslassen.

Alles Kostbare, das sie aus ihrer alten Tradition mitgebracht haben, machen sie dem göttlichen Neubeginn zum Geschenk: ihr reiches Wissen, ihren Erfahrungsschatz, ihre interreligiösen Bewusstseinsfortschritte. Das ist der Pfad des Forschergeists, der die weit gereisten spirituellen Sucher in großzügig-heilige Könige verwandelt.

Simeon und Hannah, die Alten im Tempel. Wieder zwei, die nach Gott Ausschau halten. Sie gehen den unspektakulären, verlässlichen Pfad der Tradition. Den Weg, den ihre

Eltern und Großeltern kannten und unzählige Generationen davor. Sie haben sich ihr Leben lang »beim Tempel gehalten«, um hier Gott zu begegnen. Sie verkörpern die Treue zum Weg des Glaubens, wie er überliefert ist. Durch ihre Präsenz und ihr Gebet halten sie im Tempel den Raum offen, wo Gott geschehen kann. Darum stehen sie gar nicht an der Krippe. Sie bekommen das wunderbare Geschehen der Heiligen Nacht gar nicht unmittelbar mit.

Ausgerechnet sie, die beiden Frommen, sehen das neugeborene Gotteskind als Letzte. Aber sie erfahren nicht weniger als die anderen. Durch ihr verbindliches Gebetsleben sind sie alt und weise geworden. Als sie das Kind endlich sehen, wissen die beiden sofort, dass Gott sie in seine Zukunft schauen lässt. Ihre Geduld hat sie für die Klarsicht des Heiligen Geistes geöffnet, mit der sie erkennen können, dass Gott Mensch geworden ist.

Sie bezeugen, dass wir Gott in diesem Kind und – oh Wunder! – in jedem anderen Menschen erkennen können. Das ist der Pfad der gereiften Kontemplativen, deren innere Reise vom Bewusstsein für das Heilige in uns allen geleitet wurde. Es ist ihre Würde, die der etablierten Religion hilft, die eigene Tradition mit einem mutigen und allumfassenden Segen für das »Werdenkönnen« Gottes in allem Neuen zu verbinden.

Vier Pfade unter dem besonderen Segen Gottes: die gemeinsame Kreativität der Liebenden, die am Schöpferprozess Gottes teilhaben. Die Freude der Menschen, die wenig haben, vom Rand der Gesellschaft, die die gute Nachricht beglückt weitergeben. Die Klugheit der Forscher, deren kosmisches Bewusstsein den Schatz unserer Gotteserkenntnis mehrt. Und die Allgüte der Betenden, die das göttliche Kind in uns allen segnen. Vier wechselnde Pfade, Schatten und Licht – alles ist Gnade. Fürchte dich nicht!

Marion Küstenmacher

Die Autorin ist zusammen mit ihrem Mann Werner Tiki Küstenmacher Chefredakteurin des monatlichen Newsletters »Simplify your life«.

Männermordende Jungfrau Maria?

21. Dezember 2015 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Theologie: Maria als Symbol für die Gleichwertigkeit der Geschlechter – ein Plädoyer für die Beibehaltung der Lehre von der Jungfrauengeburt

»Geboren von der Jungfrau Maria« ist wohl der umstrittenste und am meisten lächerlich gemachte Satz des Glaubensbekenntnisses. Ein evangelischer Theologe hält dagegen.

Wie stellen Sie sich Maria vor? Wie kommt Sie Ihnen ins Bild? Vor dem inneren Auge? Auf den allermeisten Bildern wird sie dargestellt als junge, gleichwohl gereifte Frau, die um ihre Verantwortung weiß. Mein Vater sagte immer, wenn er mit Respekt von einer Frauenpersönlichkeit sprach – zum Beispiel von der Mutter eines meiner besten Freunde, die neben diesem Freund noch zehn andere Kinder geboren hatte: »Frau N. N. kann für Mutter Maria Bild stehen!« Das hat meine Vorstellung von Maria geprägt. Aber genau darin haben Vater und Sohn geirrt.

Und wie: Denn wenn man der Weihnachtsgeschichte folgt, dann ist durch die Bezeichnung, die Maria bekommt und die Luther mit der Wendung »mit Maria seinem vertrauten Weibe« (Lukas 2,5) übersetzt, eins klar: »Vertraut« heißt »rechtsverbindlich verlobt«. Aber noch nicht »heimgeholt« ins Haus des Bräutigams. Maria war »verlobt« mit Josef. Das bedeutet: Er lebte mit ihr noch nicht in ehelicher Gemeinschaft von Tisch und Bett. Aber seine Verehelichung stand verbindlich an.

Nun war in der damaligen Zeit das Verlobungsalter, in dem Eltern die jeweilige Verlobung anzettelten und justiziabel machten, zehn bis dreizehn Jahre. Maria also war keine »reife Frau«. Sondern blutjung. Ein just herangewachsener weiblicher Mensch. In der Pubertät. Gerade entwickelt. Dem Alter nach etwas jünger als unsere Mädchen, die zur Konfirmation gehen. Jedenfalls noch am Anfang eines geschlechtsbewussten Lebens. »… und sie war schwanger.« Eine Katastrophe! Das war – so ein syrisches Sprichwort – »wie barfuß über Feuer, Dornen und Steine gehen«.

Und die Weihnachtsgeschichten bei Lukas und Matthäus sind darin geradezu überschwänglich, dass sie Maria als Jungfrau darstellen. Sie war also – sprechen wir es aus – eine sehr junge Frau, die noch nie mit einem Mann Geschlechtsverkehr hatte. Auch nicht mit Josef. Aber: »… sie war schwanger.«

Jung, zart und gebrechlich, statt reif, erwachsen und mütterlich:  Die Darstellung Mariens von Leonardo da Vinci kommt wohl der biblischen Realität sehr nahe. Ausschnitt aus dem oben abgebildeten Gemälde von Leonardo da Vinci. Das Original hängt in den Uffizien von Florenz. Repro: wikipedia

Jung, zart und gebrechlich, statt reif, erwachsen und mütterlich: Die Darstellung Mariens von Leonardo da Vinci kommt wohl der biblischen Realität sehr nahe. Ausschnitt aus dem unten abgebildeten Gemälde von Leonardo da Vinci. Das Original hängt in den Uffizien von Florenz. Repro: wikipedia

Repro: wikipedia

Repro: wikipedia

Also: Jungfrauengeburt. Und das ist nun ein Glaubenssatz, zu dem in der Theologiegeschichte Reichliches gesagt, gezetert und dogmatisiert worden ist. Darüber liegt ein ganzer Theologenschutt. Lässt sich das »Glaubenssymbol« von der »Jungfrauengeburt« freilegen? Es bringt etwas Elementares zum Ausdruck: Gott selber ist in das Leben Marias eingezogen. Gott hat sie einzigartig einbezogen in die Geschichte seiner Zuwendung zur Welt und seiner Liebe zu den Menschen.

Der ewige Gott höchstselbst wird im Leib der Maria Mensch. Der Ewige zieht ein in Marias Körper, um geboren zu werden als Mensch in der Zeit. Als jemand von uns. Als Mitmensch. Und wie am Anfang aller Zeit, wie in der Schöpfung, geschieht hier die Erschaffung des Menschensohns ganz von Gott aus: »… geboren von der Jungfrau Maria.«

Und nun gibt es brisante Schlussfolgerungen aus der Lehre, dass in der Weihnacht, bei dieser Geburt am Anfang eines menschlichen Lebens, nicht der Mensch steht, sondern der ewige Gott: Hier, bei Maria, der Jungfrau, stehen nicht Klugheit, Frömmigkeit, schneidige Tüchtigkeit oder unwiderstehliches Begehren eines Mannes als auslösende Faktoren. Nicht der Mann ist die »Krone der Schöpfung«. Der verführerische Mann – hier spielt er nicht wie sonst bei so vielen gewollten und ungewollten Zeugungen die erste Geige. Er ist ausgeschaltet.
Das eher konservative Wochenmagazin »Focus« bringt es auf den Punkt, wenn es vor einiger Zeit eine Titelgeschichte über Maria so beschließt: »Maria mit dem Ei des Erlösers, das nach christlichem Glauben vom Heiligen Geist befruchtet wurde, birgt eine geradezu männermordende Botschaft: Man braucht die Kerle gar nicht. Das ganze Machogehabe ist aufgeplusterte Wichtigtuerei. Die Menschheit braucht die Männer nicht, um erlöst zu werden. Theologisch gesprochen: Die Kirche braucht nur Gott – und nichts dazwischen. Eine gefährliche These für den Bestand der Machos und ihres Klerus.« Im Ernst: Das Dogma von der Jungfrauengeburt ist wohl nicht gerade »männermordend«. Es ist aber Demütigung: die Demütigung des Mannes und all seiner Mächtigkeiten.

Und es ist Antwort auf die Frage nach der Gleichberechtigung der Geschlechter: Am Anfang (nach der alten biblischen Schöpfungsgeschichte) war der Mann das erste Werk des Schöpfers vor der Frau. Nun hat hier in der Zeitenwende, bei der Erschaffung des einen neuen Adam, zur Erlösung der Welt, die Frau das Primat: Vorrang und Vorrecht vor dem Mann. Hier steht sie im Vordergrund. In der Gestalt einer blutjungen Frau, in Maria, der Jungfrau. Also in einer Gestalt, die nicht wenige Männer so aufreizend finden, dass sie Frauen und dabei sich selber in ihrer Würde verletzen, schwer verletzen.

Maria jedoch steht dafür als Zeichen, dass es in der Schöpfung Gottes keine unterjochenden, demütigenden und verletzenden Begehrlichkeiten des Mannes geben darf. In diesem jungen Mädchen würde sich der Mann ja an Gott selber vergreifen. Sie steht aber auch dafür, dass es keine Unterwerfung und Unterordnung der Frau gegenüber dem Mann geben darf, sondern nur – wirklich: nur! – Partnerschaft!

Der christliche Glaube geht nicht auf in Tatsachenspekulationen. Das Dogma von der jungfräulichen Zeugung ist ein wirkmächtiges Glaubenssymbol. Es hat in erster Linie und vor allem den Sinn, den souveränen Entschluss Gottes und das Einverständnis der einen Jungfrau zu bezeugen.Gott kommt nicht ohne uns zum Heil. In der Menschwerdung seines Sohnes rettet er die Welt und die Menschen aus ihrem Sumpf. Aber er sucht auch die Antwort, das verantwortliche Ja des Menschen, das Einverständnis, für das Maria als Vorbild gelten darf.

Wer sich nunmehr in dieser Sache in biologische Spekulationen über die Beschaffenheit des Unterleibs der Maria verliert, wer eine mögliche Vergewaltigung der Maria konstruiert oder sich in Annahmen hinsichtlich der Zeugungsfähigkeit des heiligen Josef ergeht, ist ein theologischer Einfaltspinsel.Was musste sich der arme Josef in der christlichen Bildergeschichte gefallen lassen! Wurde er doch oft als Greis gepinselt, damit auch niemand auf falsche Gedanken kommt.

Ich plädiere für die Beibehaltung und Ehre des Dogmas von der Jungfrauengeburt. Im Nizänischen Glaubensbekenntnis – formuliert 325 nach Christi Geburt beim Konzil von Nizäa – heißt es feierlich: »Für uns Menschen und zu unserem Heil ist er« – nämlich der wahre Gott in seinem Sohn Jesus Christus – »vom Himmel gekommen, hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden.« Es ist dies die Substanz des hohen Symbols, des Dogmas von der Dreifaltigkeit Gottes – Vater, Sohn und Heiliger Geist –, von der Menschwerdung Gottes durch die Kraft des Geistes im Kind von Bethlehem. Weihnachten ist auch die Feier des Dogmas von der Jungfrauengeburt. Es ruft uns, Männern wie Frauen, mit Tiefsinn und Feierlichkeit zu: Wegen dieses einen Menschen bist du Gottes geliebtes Kind; eben um des Kindes willen, das die Jungfrau Maria zu Bethlehem in der Kraft des Geistes geboren hat – »wohl zu der halben Nacht«.

Rolf Wischnath

Prof. Dr. Rolf Wischnath (67) war Generalsuperintendent der Ev. Kirche in Berlin-Brandenburg. Er lehrt an der Universität Bielefeld Dogmatik.

Das Bild des »ersten neuen Mannes«

22. März 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Mehr als ein Statist an der Krippe von Bethlehem: Zum Fest des heiligen Josef am 19. März

Innerhalb der »Heiligen Familie« hält er die undankbarste Rolle besetzt, in der Bibel führt er ein Schattendasein und in der Kirche wurde er erst im neunten Jahrhundert einigermaßen populär: Josef. In künstlerischen wie bäuerlichen Krippendarstellungen wirkt er oft wie ein Statist. Lukas Cranach etwa malte ihn auf seinem 1509 entstandenen Fürstenaltar (Torgauer Altar) neben der heiligen Anna mit ihrer Tochter Maria und dem Jesusknaben als Beiwerk im Hintergrund – schlafend.

Familienbild: Großmutter, Mutter und Kind – »Anna selbdritt« nennt man in der christlichen Kunst das Motiv, welches die heilige Anna (rechts im Bild) mit ihrer Tochter Maria und dem Jesusknaben zeigt. Im Hintergrund der ­schlafende Josef. Repro: Archiv

Familienbild: Großmutter, Mutter und Kind – »Anna selbdritt« nennt man in der christlichen Kunst das Motiv, welches die heilige Anna (rechts im Bild) mit ihrer Tochter Maria und dem Jesusknaben zeigt. Im Hintergrund der ­schlafende Josef. Repro: Archiv

Die Zurückhaltung vieler Künstler und Krippenbauer entspricht allerdings exakt der sparsamen biblischen Überlieferung. Josef ist keine interessante Gestalt für die Evangelien. Wir finden nichts über die Familienstrukturen im Haus zu Nazaret, kein Psychogramm seiner Beziehung zu Maria, zum Sohn. Nur die knappe – wiewohl tiefsinnige – Auskunft, er sei »fromm« gewesen (Matthaus 1,19). Kein Wort darüber, was er bei der gefährlichen Wanderung mit der hochschwangeren Maria nach Bethlehem empfand und bei der Geburt seines Sohnes im elenden Stall. Kein Wort über seine Gefühle, als die Familie im Schutz der Dunkelheit nach Ägypten fliehen musste.

Eine leise Andeutung allenfalls zwölf Jahre später, als der kleine Jesus im Jerusalemer Festtrubel verloren ging und im Tempel wieder auftauchte, altklug mit den Schriftgelehrten diskutierend. »Dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht«, hielt ihm Maria vor (Lukas 2,48). Es ist das letzte Mal, dass Josef in den Evangelien erwähnt wird. Bei der Hochzeit zu Kana, als Jesus ins Licht der Öffentlichkeit tritt, ist er offenbar bereits Halbwaise.

Der schlafende Held im Hintergrund

Josef, der Mann im Hintergrund. Stets verfügbar, schweigend, klaglos seine Pflicht erfüllend. Josef, der typische gläubige Jude, der auf den Messias wartet und auf Gott horcht. Nie lesen wir davon, dass er seine Abstammung aus dem Geschlecht des Königs David hervorkehrte, aus dem einst der Messias kommen sollte. Dabei hätte ihn sein armseliges Handwerkerleben leicht verführen können, sich in die verflossene Herrlichkeit des Davidsreiches wegzuträumen und die triste Wirklichkeit hinter der Fassade eitler Selbstüberschätzung verschwinden zu lassen.

Josef war ja bestimmt kein ehrengeachteter Schreinermeister oder Kleinunternehmer, wie wir uns das gern vorstellen. Zum einen hatte das Zimmererhandwerk im Orient ein sehr schlechtes Prestige, zum andern konnte im kleinen Nazaret wohl kaum ein spezialisierter Schreiner existieren. Josef wird sich mit einer Reihe handwerklicher Arbeiten und ein paar Schafen oder Rindern mühsam fortgebracht haben. Vermutlich hat er Wiegen und Särge gezimmert, Hacken, Rechen und Milchkübel zurechtgehämmert, Türen eingehängt und wurmstichige Pflüge gerichtet.

In der Geschichte Gottes mit den Menschen kommt dem kleinen Sargtischler und Gerätereparateur freilich eine überragende Bedeutung zu. ­Gemeinsam mit Maria geht er den ­Menschen auf dem Pilgerweg des Glaubens voran. Weil er aber aus seiner Rolle kein Drama macht, darum spricht sein stilles Leben eine unüberhörbare Sprache. Er tut, was notwendig ist, ohne viel zu reden und sich selbst zu bespiegeln. Er ist stark im Glauben, weil er ein waches Ohr für Gott hat und zupackt, wenn von ihm verlangt wird, zu handeln.

Respekt vor dem schlichten Alltag lässt sich von Josef lernen und der Mut, einfach seine Pflicht zu erfüllen und sich nicht in fruchtlose Träume von jenem »eigentlichen« Leben zu flüchten, das erst richtig Sinn machen würde – und natürlich unerreichbar ist.

Und noch eine zeitlose Botschaft enthält dieses scheinbar spurlos vorübergegangene Leben: Worauf es in der Partnerschaft zwischen Frau und Mann wirklich ankommt, ist die »Einheit der Herzen« (Augustinus). Oberflächlichen Betrachtern mag die Beziehung zwischen Maria und Josef als unglückliche Konstruktion erschienen sein. Wie peinlich für den vom Schicksal nicht gerade verwöhnten Davidsspross, als publik wurde, dass seine Verlobte schwanger war, ohne dass er eine Ahnung davon hatte!

Aber Josef war ein »Gerechter«, und die sind immer auch barmherzig. Statt also groß empört zu tun, beschloss er sich in aller Stille von Maria zu trennen (zwei Zeugen mussten ­dabei sein, denn die Verlobung galt nach damaligem Recht schon als ­Eheschließung), um sie nicht bloßzustellen. Wenn die Bibel Recht hat, kam es dann anders. Der Engel Gottes veranlasste Josef, Maria als seine Frau zu sich zu nehmen und ihrem Kind Vater zu sein.

Bereits am Anfang also schonende, behutsame Liebe statt des gekränkten Stolzes, den man eigentlich erwartet hätte. Es ist ein anderes Verhältnis zur Frau, als es die Geschichte der patriarchalischen Welt bis heute bestimmt: partnerschaftlich, respektvoll, lernfähig. Josef will nicht besitzen, sondern beschützen (was unter heutigen Bedingungen freilich als Anmaßung und schlecht bemänteltes Beherrschenwollen verdächtigt würde). Er will sich nicht bedienen lassen, sondern ein Leben begleiten.

Vor diesem Hintergrund gab ein unangepasster Pionier wie der Breslauer katholische Theologieprofessor und Volksschriftsteller Joseph Wittig (1926 wurde er exkommuniziert) Josef den Ehrennamen des »ersten neuen Mannes«. Wittig über das »Ehe-Elend unserer Tage«: Nur der Geist Gottes habe das Recht auf einen Menschen, »kein Mensch kann einen anderen Menschen zu Eigen und Besitz machen«.

Breitenwirkung musste solchen Einsichten allerdings versagt bleiben. Zumindest solange das blasse Ideal einer »Josefsehe«, das ­Zusammenleben unter Verzicht auf jeden sexuellen Kontakt, wie es die ­katholische Lehre im Blick auf das Verhältnis von Maria und Josef festschreibt, als Voraussetzung dafür angesehen wurde.

Vom Tollpatsch zum Beschützer der Kirche

In der Ostkirche, vor allem in Ägypten, wurde Josef schon früh verehrt und besungen: »Freue dich, du gerechter Josef, und lobe den Herrn. Freue dich, denn das Leben liegt an deiner Brust!« Im Westen hingegen wird er anfangs an den Rand gedrängt; er erscheint als unbequeme Figur, als Bedrohung für den Gottessohnmythos. Erst um 850 wird er im Martyrologium des Inselklosters Reichenau erwähnt, und von da ab fördern die Franziskaner und charismatische Reformer wie Bernhard von Clairvaux oder Teresa von Avila kräftig seinen Kult.

Bezeichnend, wie sich das Image des heiligen Josef in der bildenden Kunst und in den mittelalterlichen Weihnachtsspielen wandelt. Dort tritt er anfangs als tollpatschiger, seniler Hahnrei auf, zum Gaudium des Publikums: Im Stall von Bethlehem niest er so ungeschickt, dass er das Licht auslöscht, er lässt den Brei für das ­Jesuskind anbrennen und will ihm aus ­seinen durchlöcherten Hosen eine Windel machen.

Was allerdings schon die Vorstufe für eine erheblich sympathischere Rolle auf Altarbildern und Buchillustrationen des Spätmittelalters ist: Hier gibt Josef den fürsorglichen Familienvater, der Feuer macht, ein Süpplein kocht und das Badewasser für das Knäblein vorbereitet. Später, zur Zeit der Gegenreformation, sind es unter anderem die Habsburgerkaiser, die Josef zu ihrem Hausheiligen machen und zu einem himmlischen Vorbild für ihr leutselig-patriarchalisches Herrschaftsverständnis.

Der Tag des heiligen Josefs am 19. März wird in der katholischen Kirche als Hochfest »des Beschützers der ganzen Kirche« gefeiert. Auch in der evangelischen wie anglikanischen Kirche gilt der 19. März als Gedenktag an Josef.

Christian Feldmann