Selig sind, die anders handeln
3. September 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Glaube und Alltag
Hoffnung für eine veränderbare Welt im Hier und Jetzt
Margot Käßmann zu den Seligpreisungen
(Fortsetzung von Eine Vision in Worte gefasst)

Margot Käßmann ist Pfarrerin der hannoverschen Landeskirche und ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland.
Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden: All zu viele finden sich ab. Wen interessiert in den reichen Industrienationen, dass fast eine Milliarde Menschen hungern. Das Elend der zwangsprostituierten Kinder? Die geschlagenen Frauen? Die gefolterten Menschenrechtsaktivisten?
Einen Hunger nach Gerechtigkeit für sie brauchen wir, damit sich etwas ändert. Einen Hunger, der etwas wagt, um satt zu werden. Eine Sehnsucht nach Gerechtigkeit, die es wagt, die Stimme zu erheben für die stumm Gemachten dieser Erde.
Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen: Bei der Geschichte vom barmherzigen Samariter stöhnen viele – alles bekannt. Aber wie sehr brauchen wir alle Barmherzigkeit! Wir sind doch keine Glamourwesen, die alles perfekt hinbekommen, so sehr manche Lebensfassade das auch vermitteln will. Barmherzig mit Fehlern und Verfehlungen der anderen, mit Schuld, die Menschen im Leben auf sich laden. Solche Barmherzigkeit zu erfahren macht frei, selbst barmherzig zu sein.
Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen. Was ist eigentlich das Gegenteil eines reinen Herzens? Verschlagen sein? Berechnend? Zynisch? Ein reines Herz ist wohl ein naives, das alles zum Besten kehren will. Es berechnet nicht, was das Beste wäre, sondern lebt frei und liebt unbefangen, vertraut ohne Vorbehalte. Ein Segen für die, denen ein solches Herz geschenkt ist, sie sind Gott nahe.
Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen: Was für eine Zumutung in der Welt der Waffenlobbyisten. Deutschland exportiert wieder vermehrt Waffen, auch in Krisengebiete. In kriegerische Auseinandersetzungen ist die Bundeswehr verwickelt. Wenn mir dann der Bundeswehrbeauftragte der Bundesregierung sagt, ich solle mich doch mit den Taliban in ein Zelt setzen und bei Kerzenlicht beten, dann denke ich, das ist sicher weitreichender, als Tanklastzüge zu bombardieren. Mir fehlt weiterhin Fantasie für den Frieden in unserem Land.
Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich: Erinnern will ich an die Gefolterten im Iran, in den Gefängnissen dort, die für Freiheit und Gerechtigkeit eingetreten sind. Frauen wurden brutal vergewaltigt, weil sie für ihre Rechte eintraten. Und Deutschland will kaum einen der Flüchtlinge aufnehmen, die in der Türkei auf Visum und Ausreise so dringend warten. Selig sind sie, weil sie Mut haben! Selig sind sie, die Geschundenen und Gefolterten und Vergewaltigten und Verängstigten dieser Erde! Was für ein Kontrastprogramm zu all der Macht, Gewalt, zu all dem Auftrumpfen der Gewehre und der Furchteinflößung.
Selig sind, die anders handeln. Widerständig, mit einer unbändigen Hoffnung treten sie an gegen alles Unrecht, das die Erde beherrscht. Alle sind dabei offenbar gemeint, nicht nur die Gläubigen, die Rechtschaffenen, die Angehörigen einer bestimmten Klasse oder Religion. Eine inklusive Hoffnungsgemeinschaft, die Grenzen überwindet – das macht die Seligpreisungen so anstößig und so bewegend. Sie werden Christinnen und Christen immer wieder aufrütteln, sich nicht anzupassen, auch wenn das für eine Kirche manches Mal angemessen scheint. Die Kirchen tun gut daran, diese Gedanken des Jesus von Nazareth wachzuhalten, auch als selbstkritischen Faktor, wenn sie allzu ruhig werden angesichts der Lage der Welt. Die Seligpreisungen sind nicht eine Vertröstung auf eine bessere Welt, sondern eine Aufforderung zur Einmischung in unserer Zeit und Welt. Ihr Kraftpotenzial hat sich durch die Jahrhunderte immer wieder erwiesen.
Margot Käßmann
Eine Vision in Worte gefasst
26. August 2010 von Gemeinsame Redaktion
Abgelegt unter Glaube und Alltag
Hoffnung für eine veränderbare Welt im Hier und Jetzt
– Margot Käßmann zu den Seligpreisungen (Teil 1) –
Es gibt Texte, die die Menschheit über Jahrhunderte begleiten und bewegen. Die Seligpreisungen aus Matthäus 5 (und Lukas 6) haben ein solches Potenzial erwiesen. Sie stellen die Welt, wie wir sie vorfinden, auf den Kopf, sie überschreiten Grenzen, sind also revolutionär im besten Sinne. Jesus zeichnet mit ihnen eine Kontrastgesellschaft. Eine Vision ist in Worte gefasst, die Menschen hat aufstehen lassen, wo immer ihre Rechte gebrochen, wo sie gefoltert, erniedrigt, vernachlässigt wurden.
Nein, eine Vertröstung auf das Jenseits, Opium des Volkes, sind die Seligpreisungen nicht. Sie sind Hoffnung für eine veränderbare, verbesserliche Welt im Hier und Jetzt, in dieser Welt. Sie speist sich dabei aus der Hoffnung auf Gottes Zukunft, die über unsere Zeit und Welt hinausgeht. O ja, belächelt wurden jene Worte immer wieder, wie alle Träumer und Weltverbesserer belächelt werden.
Altbundeskanzler Helmut Schmidt hat einmal gesagt, mit den Seligpreisungen könne man keine Politik machen. Aber vielleicht wäre gerade das ein überzeugender Ansatz, weil es dann nicht um eine Politik des puren Pragmatismus, des ökonomischen Rechnens und des Machterhaltes ginge, sondern um eine Politik, die noch Visionen kennt, die sieht, was die Bibel sagt: Gerechtigkeit im Land misst sich immer daran, wie es den Schwächsten in der Gesellschaft geht.
Exegetisch gesehen sind die Seligpreisungen besonders interessant, weil sie offenbar auf originale Rede Jesu zurückgreifen. Trotz unterschiedlicher Akzente bei Matthäus und Lukas sind Bibelforschende überzeugt, dass beide Evangelisten aus derselben Quelle schöpften, in der mündlich überlieferte Worte Jesu sehr bald nach seinem Tod zusammengefügt wurden. Beide Evangelienschreiber haben diese einzeln überlieferten Worte dann auf je eigene Weise in ihr Evangelium eingefügt. So können wir sagen, dass wir heute mit den Seligpreisungen am Beginn der Bergpredigt Worte vorfinden, die den originalen Aussagen des Jesus von Nazareth sehr nah sind. Und bis heute übermitteln sie etwas von der Faszination, die von ihm ausging, wenn er redete. Er malt eine Welt, die anders sein könnte, die Welt, wie Gott sie sich erhoffte bei der Schöpfung, die »sehr gut war«. Aber seine Bilder sind für die vorfindliche Welt der Durchsetzungskraft und Stärke, der militärischen Mächte und Gewalten eine Provokation, damals wie heute. Er selbst starb am Ende für diese Provokation.
Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich: Du lieber Himmel, die geistlich Armen, die werden bei uns zur Therapie geschickt! Wir haben Förderschulen für sie oder Behinderteneinrichtungen. Wir sind eine Leistungsgesellschaft, wir brauchen Eliten. Da können wir nicht auf jeden warten, alle mit durchziehen. Als wir in Fulda wohnten, war nebenan eine Schule für geistig Behinderte. Jeden Morgen konnte ich von der Küche aus sehen, wie sie zur Schule gingen. Fröhliche Kinder. Anders, ja. Aber wer wollte sagen, ob sie weniger glücklich sind als die »Gesunden«? Wer definiert Behinderung?
Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden: Es ist schwer, Trauer und Leid zu ertragen. Viele Menschen zweifeln an Gott, wenn sie mit Leid konfrontiert sind. Aber Leiderfahrungen vertiefen auch das Leben. Gerade, wenn wir Leid erleben, sind wir näher an der eigenen Existenz, an den Fragen, die wirklich zählen. Getröstet werden – das ist eine wunderbare Erfahrung für alle, die Schmerz und Kummer tragen müssen. Und es ist eine Hoffnung auf Gottes Zukunft, in der alle Tränen abgetrocknet sein werden.
Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen: Sanftmütig ist keine sinnvolle Eigenschaft in der Leistungsgesellschaft. Durchsetzungskraft und Ehrgeiz, Ellenbogen und Cleverness zählen. Wer sanftmütig ist, wird kaum aufsteigen in einer Firma. Und politisch wäre er im Abseits. Aber wie wäre es, wenn wir auf die Sanftmütigkeit einiger zählen könnten in Konflikten und Krisen? Wenn einer nachgeben würde, und »Fünfe gerade sein« lässt? Liebenswerter, leichter, weniger angstbesetzt wären Beziehungen sicher.
An die Xukuru Indianer denke ich dabei. Ich habe sie im Norden Brasiliens einmal besucht auf Land, das sie besetzt hatten. Ihr größter Stolz war ein Säugling – das erste Xukurukind, das auf Xukuruland geboren wurde nach zwei Jahrhunderten Vertreibung. Aber sie durften das Erdreich nicht besitzen, die Waffengewalt des Großgrundbesitzers hat sie schnell wieder vertrieben …
Margot Käßmann ist Pfarrerin der hannoverschen Landeskirche und ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland.
Anmerkung: Die Seligpreisungen stehen im Zentrum der sogenannten Bergpredigt Jesu – im Text Ausschnitte einer Darstellung des dänischen Malers Carl Heinrich Bloch (1834 bis 1890). Repro: wikipedia
Die Freiheit eines Christenmenschen
5. März 2010 von Gemeinsame Redaktion
Abgelegt unter Im Blickpunkt
Öffentliche Ämter: Zum Rücktritt von Margot Käßmann und zum Anspruch an Menschen in Spitzenpositionen
Sollten Menschen in herausgehobenen Positionen Vorbild sein? Oder sind die Maßstäbe, die an sie angelegt werden, zu hoch? Margot Käßmanns Rücktritt hat über diese Fragen eine lebhafte Diskussion ausgelöst.
Zunächst eine einfache Beobachtung: Im öffentlichen Amt, in herausgehobener Position sind Siege, sind Erfolge strahlender, erscheinen schöner und größer, weil öffentlich – das macht das öffentliche Amt verführerisch. Zugleich aber sind Niederlagen, Fehler, Misserfolge schlimmer und schmerzlicher, weil eben öffentlich – das macht das öffentliche Amt riskant. Mit einem öffentlichen Amt wächst nicht nur die Verantwortung, sondern auch der Zwang, Vorbild, gar vollkommen sein zu müssen oder jedenfalls besser als die (beobachtende) Mehrheit – die zugleich argwöhnisch verfolgt, ob die öffentliche Person diese Erwartung auch erfüllt. Wehe, wenn nicht.
Aber die Person im öffentlichen Amt bleibt doch ein Mensch, also fehlbar, unvollständig, des Erbarmens würdig! Sie wird (fast) nie identisch sein können mit dem erwünschten Idealbild, mit der von vieler Leute Wünsche und Hoffnungen gemalten Ikone von diesem Menschen. Eine Ikone aber ist ein ohne Tiefe gemaltes Bild. Selbst im Amte sind wir individuelle Person, nie ganz identisch mit einem Amt, das Amt bleibt mehr als dessen Inhaber.
In einem Kommentar der »Berliner Zeitung« war zu lesen: Bischöfin Käßmann »sei über ihren moralischen Hochmut gestolpert – rufen ihr diejenigen hinterher, die jegliche Moral zum Hochmut erklären, die über ihre Begriffe geht.« Und tatsächlich: »Moralist«, »Gutmensch« sind zu Schimpfworten in der medialen Öffentlichkeit geworden. Allzu hohe moralische Ansprüche erwecken Misstrauen und Spott. Willkommen in unserer Gosse, wenn einer scheitert.
Sollten wir also die Maßstäbe absenken, weil wir doch allzu oft unter ihnen bleiben? Was ist wirklich zu verlangen von Menschen in »öffentlichen Ämtern«? Gewiss nicht, dass sie Heilige sind oder werden. Aber doch, dass sie Vorbilder sind in einem ganz bestimmten Sinn: Politiker sollten Vorbilder sein für die Einhaltung der Regeln, die für unser demokratisches Gemeinwesen konstitutiv sind, sie sollten erkennbar für das Gemeinwohl engagiert arbeiten und nicht nur fürs eigene materielle Wohl. (Wo das nicht geschieht, haben die Bürger die demokratische Möglichkeit, den betreffenden Politiker abzuwählen.) Wirtschaftsmanager sollten nachvollziehbar für das Wohl des Unternehmens tätig sein, also nicht nur für die Eigentümer, sondern ebenso auch für die Arbeitnehmer. (Von Rücktritten nach folgenreichen Fehlentscheidungen ist in diesem Milieu wenig bekannt.) Bischöfe und Pfarrer sollten das Evangelium mit Überzeugung und glaubwürdig vermitteln und vertreten. Müssen wenigstens sie dafür Heilige sein? Nein. Auch die Jünger Jesu waren es nicht, sie waren vielmehr gewöhnliche Menschen, Petrus hat sogar gelogen. Trotzdem wurden sie Zeugen Jesu und seiner Lehre – weil sie durch ihr Leben und Sterben für die Frohe Botschaft einstanden.
Margot Käßmann sei an ihren eigenen Maßstäben gescheitert, heißt es. Aus einer falschen Augenblicksentscheidung wurde ein schwerwiegender Fehler: Die Bischöfin hat daraus Konsequenzen gezogen. Mit ihrem Rücktritt bestätigt sie jene moralischen Maßstäbe, an deren Geltung sich so viele stören! Musste sie unbedingt zurücktreten, war ihre Entscheidung alternativlos? Nein, gewiss nicht, aber sie hat sich in Freiheit und Demut so entschieden. Das verdient dankbaren Respekt, auch wenn ich traurig bin über den Verlust. Margot Käßmann hat ein Beispiel gegeben für die Freiheit eines Christenmenschen.
Der Autor Wolfgang Thierse ist Vizepräsident des Deutschen Bundestages.
Wolfgang Thierse
Käßmann-Rücktritt: »Schwerer Verlust für den deutschen Protestantismus«
25. Februar 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Im Blickpunkt
Margot Käßmann hat auf die Stimme ihres Herzens gehört. Obwohl ihr der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) als höchstes Leitungsorgan nach einer Telefonkonferenz in der Nacht zum Mittwoch einmütig das Vertrauen aussprach, zog die Ratsvorsitzende und Bischöfin der hannoverschen Landeskirche am 24. Februar die Konsequenzen: „Hiermit erkläre ich, dass ich mit sofortiger Wirkung von allen meinen kirchlichen Ämtern zurücktrete“, sagte sie in einer Pressekonferenz.

Geradlinig bis zum Ende: Margot Käßmann verkündet am Mittwoch, 24. Februar, ihren Rücktritt. (Foto: epd-bild)
Mit der ihr eigenen und von vielen so geschätzten Geradlinigkeit zog sie damit einen Schlussstrich unter die verhängnisvolle Alkoholfahrt vom vergangenen Wochenende. Sie bereue zutiefst den begangenen Fehler und sei mit Leib uns Seele Bischöfin gewesen. Doch: „Ich kann nicht mit der notwendigen Autorität im Amt bleiben“, fügte die 51-Jährige sichtlich bewegt hinzu. Neben der Würde des Amtes gehe es ihr dabei auch um den Respekt und die Achtung vor sich selbst. Ihr Schlusssatz lautete: „Ich weiß aus vorangegangenen Krisen: Du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand. Für diese Glaubensüberzeugung bin ich auch heute dankbar.“
Ihre Funktion in der EKD nimmt ab sofort ihr bisheriger Stellvertreter Nikolaus Schneider war. Schneider ist Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland. Über das weitere Vorgehen zur Wahl eines neuen Ratsvorsitzenden wird der Rat der EKD bei seiner turnusmäßigen Sitzung an diesem Freitag und Sonnabend (26. und 27. Februar) beraten.
Der Rücktritt sei „ein schwerer Verlust für den deutschen Protestantismus“, der auch persönlich schmerze, erklärten Schneider und die Präses der EKD-Synode, die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckart. In einer gemeinsamen Presseerklärung verwiesen sie darauf, dass Margot Käßmann ihren Fehler sofort eingestanden habe, und so für viele Menschen zu einem Vorbild an Glaubwürdigkeit wurde.
Auch der sächsische Landesbischof Jochen Bohl, der zugleich Mitglied im Rat der EKD ist, bezeichnete ihren Rücktritt als einen „großen Verlust“. Unausweichlich sei ihr Rücktritt nicht gewesen. Der Rat der EKD habe ihr das Vertrauen ausgesprochen. Bohl räumte aber auch ein, dass er ihren Schritt nachvollziehen könne. „Er verdienst hohen Respekt. Er ist auch darin begründet, dass Margot Käßmann Schaden von ihrem Amt als Bischöfin und EKD-Ratspräsidentin fern halten wollte“, so Bohl.
Ebenso bedauert Ilse Junkermann, Bischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), „in höchstem Maße“ den Rücktritt ihrer Amtskollegin. „Den Menschen in unserem Land wird ihre Stimme fehlen“, so Junkermann wörtlich. So habe Käßmann in kritischen Diskussionen ohne Umschweife klar gemacht, dass das Evangelium und der Auftrag der Kirche auch eine politische Dimension habe. „Ich werde den Mut von Margot Käßmann, ihre theologische Klarheit und ihren Humor als Schwester im Amt sehr vermissen“, fügte die Kirchenleiterin hinzu.
Auch der anhaltische Kirchenpräsident Joachim Liebig reagierte “mit großem Bedauern und Respekt”. Die evangelische Kirche verliere mit Käßmann “ihre prominenteste Repräsentantin”, erklärte er in Dessau-Roßlau. Die Entscheidung über die Nachfolge werde “nicht einfach”.
(GKZ)
Verhältnis der EKD zur Russisch-Orthodoxen Kirche
30. Dezember 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Martin Schindehütte, Vizepräsident des Kirchenamtes der EKD, ist als Leiter der Hauptabteilung »Ökumene und Auslandsarbeit« seit September 2006 Auslandsbischof der EKD. (Foto: EKD)
Zwischen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Russisch-Orthodoxen Kirche (ROK) kriselt es. Was die EKD darüber denkt, erklärt Auslandsbischof Martin Schindehütte im Gespräch mit Benjamin Lassiwe.
Herr Bischof Schindehütte, nach der Wahl der geschiedenen Frau Margot Käßmann zur EKD-Ratsvorsitzenden kündigte der Leiter des Außenamtes der ROK, Erzbischof Hilarion Alfeyev, an, die Kontakte zur EKD abzubrechen. Wie sieht die EKD zurzeit ihr Verhältnis zur Russisch-Orthodoxen Kirche?
Schindehütte: Unser Verhältnis zur Russisch-Orthodoxen Kirche darf man nicht eindimensional sehen. Wir haben derzeit einen offenkundigen Konflikt mit Erzbischof Hilarion und dem Außenamt der ROK, aus dem ein Problem für die Beziehungen mit der ROK insgesamt entstehen kann, aber nicht muss, denn wir hören auch Stimmen aus der Russisch-Orthodoxen Kirche, die an einer Fortsetzung des Dialogs interessiert sind. Dabei ist uns klar, dass wir keinen Dialog an unserer Ratsvorsitzenden Margot Käßmann vorbeiführen werden. Wenn Hilarion zur Bedingung macht, den Dialog nur mit mir als Auslandsbischof fortzusetzen, um Margot Käßmann zu umgehen, dann geht das nicht.
Was hat denn der Dialog der letzten 50 Jahre eigentlich gebracht, wenn man jetzt in so eine Situation gerät?
Schindehütte: Was wir jetzt erleben, ist eigentlich nichts Neues. Der Dialog mit der Russisch-Orthodoxen Kirche war immer auch schwierig. Meine Vorgänger Rolf Koppe und Heinz-Joachim Held standen als Auslandsbischöfe der EKD mehrfach vor Situationen, in denen die ROK damit drohte, den Dialog abzubrechen. Aber es ist immer weitergegangen – gerade zuzeiten des Eisernen Vorhangs waren die Gespräche mit der Russisch-Orthodoxen Kirche wichtige Brücken zwischen Ost und West.
Worum geht es denn bei den Dialogen mit der Russisch-Orthodoxen Kirche überhaupt?
Schindehütte: Ich will mal Beispiele nennen: 2008 haben wir über die Menschenrechte als christliche Verpflichtung gesprochen. Auch die Themen Säkularisierung und Globalisierung waren von Bedeutung. Russland befindet sich zurzeit in einem gewaltigen Säkularisierungsprozess. Wir in Deutschland haben bereits Erfahrungen damit, wie wir unter diesen Bedingungen unseren Glauben bezeugen können. Wir behandeln auch aktuelle Themen, von denen wir denken, dass wir voneinander lernen können.
Wie stellt sich die EKD eine Fortsetzung dieser Gespräche vor?
Schindehütte: Wir hoffen, dass die Russisch-Orthodoxe Kirche zur ökumenischen Grundhaltung zurückkehrt, wonach wir als Kirchen trotz aller Unterschiede miteinander reden, und akzeptieren, dass der ökumenische Partner manches anders macht als wir selbst. Dass russisch-orthodoxe Bischöfe im Dialog auf Margot Käßmann treffen, heißt ja nicht, dass sie deswegen in der eigenen Kirche Priesterinnen einführen müssen. Aber wir erwarten von ihnen, dass sie akzeptieren, dass wir uns für eine Bischöfin als Ratsvorsitzende entschieden haben – so wie wir es nicht zur Vorbedingung für einen Dialog machen, dass die Russisch-Orthodoxe Kirche Frauen im Priesterinnenamt zulässt.
Ende Januar findet vielerorts die Gebetswoche für die Einheit der Christen statt. Wie sollen evangelische Kirchengemeinden reagieren, wenn russisch-orthodoxe Geistliche und Gemeinden teilnehmen?
Schindehütte: Von evangelischer Seite gilt: Wir bleiben einladend und offen und freuen uns über jedes gemeinsame Gebet, das bei dieser Gelegenheit gesprochen wird. Wenn Geistliche der Russisch-Orthodoxen Kirche an der Gebetswoche teilnehmen wollen, sind sie dazu herzlich eingeladen. Wir werden definitiv niemanden in die Ecke stellen – denn wir sind ökumenisch offen, und wollen das auch bleiben, trotz aller Spannungen, die wir zurzeit mit Moskau haben.

