Der stille Revolutionär

23. Dezember 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Karl Schmidt-Rottluff – einer der wichtigsten Künstler des 20. Jahrhunderts

In einer fulminanten Werkschau feiern die Chemnitzer Kunstsammlungen mit Karl Schmidt-Rottluff einen der bedeutendsten Künstler der klassischen Moderne in Deutschland.

Pamphlete und programmatische Schriften waren nicht sein Metier. Ebenso wenig das Herumtollen mit nackten halbwüchsigen Modellen an den Moritzburger Teichen oder der so manchen seiner expressionistischen Künstlerkollegen eigene Hang zur selbstzerstörerischen Existenz. Dennoch – oder vielleicht gerade deswegen – schuf Karl Schmidt-Rottluff in seinem fast 92 Jahre währenden Leben ein Werk, das ihn nicht nur zum bedeutendsten Maler des deutschen Expressionismus, sondern zu einem der wichtigsten deutschen Künstler des 20. Jahrhunderts überhaupt macht.

Geboren wurde Karl Schmidt am 1. Dezember 1884 in Rottluff bei Chemnitz. Nach Besuch des heute nach ihm benannten Gymnasiums der Indus­triestadt und erster künstlerischer Beschäftigung begann er 1905 in Dresden ein Studium der Architektur. Doch die Freundschaft zu Erich Heckel, die Begegnung mit Ernst Ludwig Kirchner und Fritz Bleyl führten zum Richtungswechsel: Zur künftigen Suche nach einer neuen und unverfälschten Ausdrucksweise in der Malerei.

Dynamische und farbwuchtige Landschaften begleiteten zeitlebens das Schaffen von Karl Schmidt-Rottluff. Das Gemälde »Seehofallee« entstand 1956.Repro: VG Bild-Kunst/Kunstsammlungen Chemnitz

Dynamische und farbwuchtige Landschaften begleiteten zeitlebens das Schaffen von Karl Schmidt-Rottluff. Das Gemälde »Seehofallee« entstand 1956. Repro: VG Bild-Kunst/Kunstsammlungen Chemnitz

»Und als Jugend, die die Zukunft trägt, wollen wir uns Arm- und Lebensfreiheit verschaffen gegenüber den wohlangesessenen, älteren Kräften. Jeder gehört zu uns, der unmittelbar und unverfälscht wiedergibt, was ihn zum Schaffen drängt«, heißt es im Aufruf der 1905 gegründeten Künstlergruppe »Brücke«. Deren Name geht auf Karl Schmidt zurück, welcher nunmehr seinem eigenen Namen auch den seines Geburtsortes hinzufügt. Während der Name der Künstlergruppe oft als Reminiszenz an das brückenreiche Dresden gedeutet wird, sieht der Weimarer Kunstwissenschaftler Christoph Stölzl darin eher einen Ausdruck Schmidt-Rottluffscher Eigenart: Revolutionärer Aufbruch, ohne alle Brücken hinter sich abzubrechen.

Rund 500 Werke aller Schaffensepochen umfasst die Chemnitzer Schau. Von den ersten Werken des Schülers, bis zum Alterswerk des Künstlers, der aus Gesundheitsgründen zuletzt nur noch Aquarellmalerei betrieb. Neben den farbenfrohen großen Landschaften der Jahre zwischen den beiden Weltkriegen und den reifen Gemälden der Nachkriegszeit ist es vor allem das umfangreiche und ausdrucksstarke grafische Werk, mit dem die Chemnitzer Schau überrascht. Besonders eindrücklich die ungemein kraftvollen Holzschnitte, etwa aus der 1918 entstandenen Mappe mit dem Titel »Ist euch nicht Kristus erschienen?«.

Wie jede aufrichtige künstlerische Existenz geriet auch Schmidt-Rottluff zwischen die Mahlsteine der politischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts. Seinen 1933 erzwungenen Austritt aus der Preußischen Akademie der Künste nahm er mit Würde an. Ohne jeglichen Versuch, sich etwa wie sein Malerkollege Emil Nolde noch jahrelang den Nationalsozialisten anzudienen. Seine Werke wurden aus den Museen verbannt, in der Schandausstellung »Entartete Kunst« gezeigt, er selbst ab 1941 mit absolutem Malverbot belegt.

Und auch der erhoffte Neuanfang in seiner Heimatstadt Chemnitz endete 1946 schnell in der Erkenntnis, dass seine Kunst für die neuen Machthaber zwar nicht »entartet«, wohl aber »zu wenig volksverbunden« und »formalistisch« sei. So führte ihn sein Weg als Lehrer an die (West-)Berliner Hochschule für bildende Künste.

Christoph Stölzl sinnierte in seiner Eröffnungsrede der Chemnitzer Schau am vergangenen Sonnabend über die »armen Kunsthistoriker«, die immer beschreiben müssten, »was man eigentlich sehen kann«. In diesem Sinne bleibt nur eine Empfehlung: Auf nach Chemnitz! Bis 10. April kommenden Jahres ist die Ausstellung geöffnet, zu der ein opulenter Begleitkatalog erschienen ist.

Harald Krille

Ausstellung: Karl Schmidt-Rottluff. 490 Werke in den Kunstsammlungen Chemnitz
Öffnungszeiten: dienstags, donnerstags bis sonntags und feiertags 11 bis 18 Uhr, mittwochs 11 bis 20 Uhr

www.kunstsammlungen-chemnitz.de

Die gelben Stiefel des reichen Mannes

8. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Botschaft: Wie ein Diener des Mammon doch noch die Kurve kriegen kann

Sie sind ein Blickfang. Irgendwie landen die Augen des Betrachters recht bald auf Cranachs gelben Stiefeln. Sie sind aus feinem Leder, umschließen den Fuß, mehr noch die Waden und auch das Knie, fest wie eine zweite Haut.

Sie sind auch deshalb ein Blickfang, weil zwei Käfer oder dicke Fliegen vor Knöchel und Wade zu sehen sind. Bei näherer Betrachtung stellen sich diese allerdings als Blüten heraus. Es sind die Köpfchen der Akelei, die in Südmähren auch Tauberln genannt werden. Weil das Honigblatt dieser Blüte einer Taube ähnelt, steht die Pflanze, wenn sie sieben Blüten hat, für die Gaben des Heiligen Geistes. Doch dazu später mehr.

Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar

Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar

Das gelbe Leder ist Saffianleder, erkannten Zeitgenossen. Der Mann ist reich. Und über den Stiefeln endet ein mit feinem Pelz behangener schwarzer Mantel. Ein Mann im Ornat eines Bürgermeisters steht da, breitbeinig und selbstbewusst, nicht nur reich, sondern auch mächtig.

Die edlen Stiefel aus gelbem Leder des wohlhabenden Cranachs stehen in scharfem Kontrast zu dem barfüßigen Johannes. Dennoch steht der reiche Mann auf dem Altarbild für die erlöste Menschheit. Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar

Die edlen Stiefel aus gelbem Leder des wohlhabenden Cranachs stehen in scharfem Kontrast zu dem barfüßigen Johannes. Dennoch steht der reiche Mann auf dem Altarbild für die erlöste Menschheit. Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar

Cranach war außerordentlich wohlhabend. Bei einer Volkszählung war der langjährige Bürgermeister von Wittenberg der zweitreichste Mann der Stadt. Auch als Apotheker war Cranach in der Stadt zugelassen. Er verkaufte dort neben Heilmitteln Pigmente für die Farbherstellung, die er selbst nutzte. Pictor celerrimus, der aller schnellste Maler, steht auf seinem Grabstein. Bereits damals galt in der Malwerkstatt: Zeit ist Geld.

Der feine Pelz und das edle Leder bilden einen scharfen Kontrast zum Täuferpropheten Johannes. Der steht neben ihm, und seine Füße sind ebenso nackt wie seine Waden und Knie. Bloße Haut ist da, wo Cranach von seinen Lederstiefeln geschützt und geschmückt wird. Auch Johannes trägt ein pelziges Gewand. Im Evangelium steht, es sei aus Kamelhaaren gewesen. Gleich neben der rosigen Nase des Lammes rollt sich das rohe Gewand unordentlich auf. Es hat nicht die edle Form, den gepflegten Schnitt des cranachschen Schmuckpelzes. Sagte Jesus nicht: »Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in den Himmel?«

Dennoch spielt Cranach hier die Rolle des neuen Adam. Er steht für die erlöste Menschheit.

Links im Hintergrund unseres Altarbildes wird der alte Adam von Tod und Teufel gehetzt. Auf den Vorgängerbildern unseres Altars steht auf der rechten Seite derselbe Mensch unter dem Kreuz. In schöner Ruhe hat er die Hände gefaltet und wird vom Blut benetzt. Er ist erlöst.

Genau diese Figur ist auf dem Weimarer Altarbild der Maler Cranach. Auf seinem Haupt endet der Blutstrahl der Gnade. Seine Füße stehen noch in Schritthaltung. Eben hat er zum Kreuz emporgeblickt, jetzt hat er den Kopf gedreht und sieht zu uns, der reiche gerettete Mann.

Der reiche Mann ist ein schwerer Fall für die Erlösung. Nachdem die Jünger gehört haben, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als ein Reicher in den Himmel, fragen sie Jesus entsetzt: Aber wie kann er gerettet werden? Und der antwortet, bei den Menschen ist es nicht möglich. Aber alles ist möglich bei Gott.

Dieser Fall steht vor unseren Augen. Wenn ein reicher Mann erlöst werden kann, dann fallen alle Schranken. Wenn der, der dem Mammon diente, die Kurve kriegen kann, dann gilt die Erlösung selbst für uns. Der reiche Cranach blickt uns an. Wer das bemerkt hat, schaut sich in der Regel auch die anderen Figuren an. Wohin blicken die?

Da ist noch einer, der uns ansieht, nämlich der Auferstandene mit seinem wehenden roten Gewand, dessen Saum mit goldenem Garn verziert ist. Er hat Tod und Teufel unterworfen. Sie liegen unter seinen Füßen. Sie jagen uns nicht mehr.

Frank Hiddemann

In der Reihe »Bild und Botschaft« geht Dr. Frank Hiddemann den Details und ihrer Botschaft eines Meisterwerkes reformatorischer Kunst nach: des Weimarer Altarbildes von Lukas Cranach dem Jüngeren.

Folterinstrument oder Lebensbaum?

17. August 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Botschaft: Ein Zweiglein fordert eine Entscheidung

Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. (Jesaja 11, 1)

Dies ist eine Weissagung aus dem Buch des Propheten Jesaja. Sie kündet den neuen Daviden an, den Friedenskönig, den Mann, auf dem der Geist des Verstandes und der Weisheit ruhen wird und der mit dem Stabe seines Mundes – also mit Worten – den Gottlosen schlagen wird.

Isai ist der Vater Davids. Der Stumpf Isais ist die Königsdynastie Davids, die zur Zeit des Jesaja abgehauen ist, nicht mehr existiert. Ein Reis wird aus dem Stumpf hervorgehen. Das spielt auf die Fähigkeit mancher Bäume an, aus dem Stumpf neue Triebe hervorzubringen. Eine Weide oder einer Linde können sich auf diese Weise erneuern. Die meisten anderen Bäume bilden lediglich Stocktriebe. Die sehen aus wie Reisig, und daraus wird kein neuer Baum, sondern nur eine Art Busch, was man über die Nachfolger großer Dynastien öfter sagen kann.

Direkt über dem Rücken des Lammes wächst nach links das Zweiglein. Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar/Constantin Beyer

Direkt über dem Rücken des Lammes wächst nach links das Zweiglein. Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar/Constantin Beyer

Für die Christen ist Jesus Christus das Reis Isais, der neue Friedenskönig, der nicht mit Gewalt, sondern mit Weisheit und der Kraft seines Wortes regiert. Der Weimarer Cranachaltar spielt mit einem kleinen Detail auf diese messianische Weissagung an. Das Kreuz, an dem der tote Jesus hängt, ist kein säuberlich geputztes Zimmermannskreuz, kein Balkenkreuz, sondern ein Baum. Die Rinde ist nicht abgeschält. Nur dort, wo Jesus hängt und wo die Balken aufeinandergefügt werden mussten, ist das Holz glatt geschnitten.

Cranach hat sein Signet, die geflügelte Schlange auf diese glatte Holzfläche gezeichnet, gleich unterhalb der Füße Jesu, gleichsam auf die Wunde des Holzes. Weiter unten, wo die Rinde den Stamm glatt umschließt, ist tatsächlich ein Trieb zu sehen, zwischen dem Lamm und seiner transparenten Siegesfahne schlägt der Stamm aus, lugt ein kleiner Trieb hervor. Ganz dezent setzt Cranach dieses Zweiglein. Er ist verwechselbar mit einem beim Säubern des Stammes übersehenen kleinen Ast. Wer es wahrnimmt, kann verstehen: Das Kreuz ist ein Lebensbaum. Es gibt andere Bilder, die das Kreuz als Lebensbaum zeigen wollen, bei denen der Querbalken des Kreuzes bereits dicke Knospen getrieben hat.

Das Kreuz in der Mitte ist entweder ein schlecht geputzter Baum oder ein Kreuz, das sich an seinen Baumcharakter zurückerinnert, das einen neuen Trieb hervorbringt. Hier ist eine Entscheidung erforderlich. Eben dieselbe Entscheidung, zu der der Altar auch in seinen anderen Stücken auffordert. Der Maler Lukas Cranach hat eben zum Kreuz emporgeblickt und wurde erlöst, wie die Kinder Israels in der Wüste bei den Zelten, die zur Schlange aufgesehen haben. Seine Füße stehen noch im Gestus des Schrittes, aber er wendet uns den Kopf zu und blickt uns an.

Wie wollt ihr es halten mit dem Emporblicken zum Kreuz? Ist es ein Folterinstrument oder ist es ein Lebensbaum?

Das kleine Reis, das aus dem Stamm des Kreuzes hervorgeht, stellt dieselbe Frage. In prägnanter Nähe zum Deutungstier Lamm – auch eine Anspielung auf ein Wort aus dem Jesajabuch – macht es den Balken zum Lebensbaum. Ein Zweiglein, das übrig bleibt, ein Zweiglein, das ausschlägt, oder um es mit einem Adventslied zu sagen: ein Zweiglein der Glückseligkeit.

Frank Hiddemann

In der Reihe »Bild und Botschaft« geht Dr. Frank Hiddemann den Details und ihrer Botschaft eines Meisterwerkes reformatorischer Kunst nach: des Weimarer Altarbildes von Lukas Cranach dem Jüngeren.

Der Cranach unter dem Cranach

12. August 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Bibel: Im Sommer 1512 kam der bis heute am selben Platz stehende Cranach-Altar nach Neustadt/Orla

In diesem Jahr würdigt die Lutherdekade unter dem Motto »Bild und Bibel« den 500. Geburtstag von Lucas Cranach d. J. Die Kirchenzeitung nimmt das Cranachjahr zum Anlass, in einer Beitragsserie mit der Malerdynastie verbundene Orte vorzustellen.

Am Montag, dem 14. Juni 1512, trafen von Wittenberg kommend, in Neustadt an der Orla drei Fuhrwerke mit einer kostbaren Fracht ein. Die Neustädter Bürger Nicolaus Clingenstein und Hans Dornberg hatten in Begleitung von zwei Knechten die »nawe taffeln« aus der Werkstatt von Lucas Cranach abgeholt. In einem weiteren Wagen saßen Matthes, der Bruder von Lucas Cranach d. Ä., ein Geselle und dessen Frau. Gut eine Woche später war das von den Neustädtern während einer Messe in Leipzig in Auftrag gegebene Werk vollbracht, der neue Altar wurde geweiht. In den Kirchenbüchern zu findende Rechnungen lassen nicht nur den Weg des Altars vom Auftrag bis zur Weihe durch den Bischof verfolgen, sondern auch die Kosten. So wurden zum Beispiel »105 alt Schock dem Maler Meister Lucas Bruder gegeben Als er die taffel gesatzt hat am Abend Johannis Baptiste.« Fünf Schock Fuhrlohn erhielt demnach Clingenstein, über neun Schock »hat vertzert Hans Dornberg mit 2 Knechten, mit 4 der stat pferden … mit den malern vff 6 person vnd 6 pferden«.

Darstellung des Jüngsten Gerichts auf der Predella des Cranach-Altars in der St.-Johannis-Kirche in Neustadt/Orla. Fotos: Torsten Kopp

Darstellung des Jüngsten Gerichts auf der Predella des Cranach-Altars in der St.-Johannis-Kirche in Neustadt/Orla. Fotos: Torsten Kopp

Von den Sehenswürdigkeiten der ostthüringischen Kleinstadt sind drei auch mit mehrmaligen Aufenthalten Martin Luthers als Visitator des Augustiner-Konvents und als Prediger im thüringischen Umfeld des »Schwärmers« Karlstadt verbunden: das nur in Resten erhaltene ehemalige Augustinerkloster, das direkt am Markt stehende viergeschossige »Lutherhaus« und die Stadtkirche St. Johannis. In der Hallenkirche predigte Martin Luther während seiner Reise in das Gebiet der thüringischen Aufständischen im August 1524.

Absoluter Höhepunkt der Ausstattung des Gotteshauses ist der seit 500 Jahren an ein und derselben Stelle stehende Cranach-Altar. Die sich aufeinander beziehenden Teile zeigen Szenen aus der Bibel und aus mittelalterlichen Legenden. Das Werk hat eine Spannweite von fünf und eine Höhe von sieben Metern. Dank dem Eingreifen Martin Luthers ist der Altar vor der Zerstörung durch die Bilderstürmer bewahrt worden, mehrfach beschädigt wurde er jedoch im Dreißigjährigen Krieg. Erstmals restauriert wurde er in den Jahren 1948–51 in Weimar.

In den Jahren 2010 bis 2013 hat das in Erfurt lebende Wissenschaftler-Ehepaar Sabine und Rüdiger Maier den Altar mit dem sogenannten Bildwandlungsverfahren MIRR untersucht. Die Abkürzung MIRR steht für Macro-Infrarot-Reflektographie – ein seit den 1980er-Jahren bekanntes Verfahren der Bildwandlung. Eine spezielle Kameratechnik entdeckt dabei auf dem Bildträger eines Gemäldes Unterzeichnungen, die dem menschlichen Auge verborgen bleiben. Die Bildtafeln des Neustädter Cranach-Altars hat das Ehepaar Maier mittels Kamera in zirka 10 000 Fotos der Größe vier mal fünf Zentimeter »aufgelöst«, montiert und dann ausgewertet. Sichtbar wurde so – salopp gesagt – der Cranach unter dem Cranach. Die Untersuchung zeigte nicht nur die – vielfach vom Meister – mit graphischen Mitteln vorgegebene Bildkomposition auf dem Malgrund. Dank der sichtbar gewordenen Unterzeichnung wurden auch Abweichungen im weiteren Malprozess nachweisbar, die aus kunsthistorischer und restauratorischer Sicht von besonderem Interesse sind. Ablesbar wird, dass das Bild nicht »in einem Zug« entstand, sondern Resultat eines Arbeitsprozesses ist. Identifizierbar sind rezeptionsgeschichtliche Eingriffe, Bildveränderungen oder -korrekturen, die von der Anpassung an veränderte künstlerische Darstellungsformen der Renaissance zeugen.

Die Untersuchungsmethode ermöglichte zugleich neue Erkenntnisse zur Arbeitsweise in der frühen Cranach-Werkstatt. Der schon zu Lebzeiten als »Schnellmaler« bezeichnete Lucas Cranach d. Ä. hat also mit Schablonen gearbeitet. Sabine Meier nennt derlei Vorlagen etwa für die später in den Bildern fixierte Haltung von Armen oder Beinen gern »Detailkartons«, die Italiener nutzen dafür das klangvolle »Cartocino« (kleine Kartons).

Heinz Stade

Der Garten kann predigen

12. Juli 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Was Pflanzenpflege für das Leben und den Glauben lehrt

Gärtnern ist in. Wie sonst ließe sich die bunte Palette der Gartenzeitschriften und neuen Gartenbücher, die Erfolgsgeschichte der Offenen Gärten oder der hartnäckige Traum vom Eigenheim mit Garten erklären? Selbst Schrebergärten sind wieder angesagt, und junge Leute haben das Gärtnern zu einem hippen Großstadttrend gemacht. Die Umsatzzahlen der Gartenmärkte steigen ständig. Ob Topfgärtner oder Landschaftsarchitekt – die Freude am Gestalten, Pflegen und Ernten ist unübersehbar. Und wer keine Gelegenheit dazu hat, schaut über den Gartenzaun.

Foto: privat

Foto: privat

Für Dichter und Maler ist die Natur von jeher ein Lieblingsthema gewesen. Für Theologen auch? Die Zeit der erbaulichen Gartenpredigten wie im 19. Jahrhundert ist zwar vorbei, und die Pfarrgärten sind als Vorzeige­gärten nur noch teilweise geeignet. Aber wenn die ehemalige Hamburger Bischöfin Maria Jepsen ausführlich über Religion und Garten referiert und der hannoversche Bischof Ralf Meister kürzlich in einer Predigt dazu ermuntert, den Glauben zu pflegen wie einen Garten, wenn die christliche Pflanzensymbolik des Mittelalters wieder in den Blick kommt, immer mehr Bibelgärten entstehen und es auf jeder Bundesgartenschau einen Kirchenpavillon gibt, wenn erstaunlich viele prominente Protestanten 2015 nach ihrem Hobby gefragt die Gartenarbeit nennen – dann wird deutlich, wie eng Kirche und Garten verbunden sind. Was Wunder! Das fängt ja schon bei Adam und Eva im Garten Eden an, wo sie Gott begegnen, wo sich Himmel und Erde berühren. Es zieht sich durch das Alte Testament, wo das Lob der Schöpfung gesungen und der Garten zum Synonym für friedliche Zeiten wird, wo Gottvertrauen und Wohltun mit einem bewässerten Garten verglichen werden und Liebende durch die Blume sprechen. Jesus redet häufig von Pflanzen, um die Sache mit Gott sinnfällig zu machen. Das Unkraut unter dem Weizen etwa, das Senfkorn, der Baum mit seinen guten und schlechten Früchten, der viererlei Acker, die Lilie auf dem Felde, Feigenbaum und Weinstock werden zum Gleichnis für das Reich Gottes.

»Ein Garten ist der ideale Ort, sich um seine Seele zu kümmern.« (Cosimo de Medici) Das betrifft nicht nur die meditative Ruhe im Liegestuhl, sondern die Erkenntnisse, die einem Gärtner zuwachsen im Laufe der Zeit, und natürlich auch einer Gärtnerin. Man lernt Geduld. Bis die Pflanze zum Blühen kommt, dauert es seine Zeit. Bis der Baum Früchte trägt erst recht. Gute Pflege kann das nur wenig beeinflussen. Und es bedarf der unverdrossenen Hoffnung, dass im kommenden Jahr manches schöner blüht, besser fruchtet und von Schädlingen verschont bleibt. Demut lernt man, weil nie alles so wird wie geplant. Das Wetter hat man nicht im Griff und das Unkraut meist auch nicht. Fleiß ist gefordert, denn ohne Schweiß kein Preis. Selbst wenn die Gartenarbeit weniger aus reiner Freude, sondern eher aus Einsicht in die Notwendigkeit geschieht, bringt der Erfolg einen Erkenntnisgewinn: Ausdauer wird belohnt. Und Umsicht auch. Die Dahlien, die im Frühjahr nicht gesteckt wurden, blühen jetzt nicht. Man muss Vorsorge treffen für trockene Zeiten und das Vertrauen haben, dass Saat und Ernte nicht aufhören.

Lehrmeister für Geduld, Hoffnung und Demut

Der Garten ist ein Lehrmeister auch für das Leben vor dem Gartenzaun. Geduld, Hoffnung, Demut, Fleiß, Ausdauer, Umsicht und Vertrauen sind Eigenschaften, die in jeder Lebenslage weiterhelfen. Ob sie dort genauso wichtig genommen werden, ist nicht von vornherein gesagt, aber gut wär’s schon. Auch in Glaubensdingen. Den Glauben pflegen wie einen Garten, ist ein schönes Motto. Denn mit der Taufe und einem Weihnachtsgottesdienst ist es kaum getan. Da sind immer wieder christliche Impulse nötig, der Austausch mit anderen Brüdern und Schwestern, die Rückbesinnung auf Geschichten der Bibel. Es braucht das geduldige Warten, dass der Stein im Wasser Kreise zieht, die Hoffnung und das Vertrauen darauf, dass Gott aus Stückwerk ein Ganzes macht, die demütige Erkenntnis, dass wir unser Leben nicht im Griff haben und den Willen, das Nötige mit Umsicht in Angriff zu nehmen. Der Garten kann predigen.

Christine Lässig

Die Reformation im Bild

15. April 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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»Bild und Botschaft«: Ausstellung in Weimar beleuchtet das Wirken von Lucas Cranach dem Älteren und seinem Sohn

Mit der in Weimar eröffneten Schau sind die Ausstellungen im Thüringer Themenjahr »Bild und Botschaft« vollständig.

Gotha, Eisenach und Weimar. Die Stiftung Schloss Friedenstein in Gotha bildete den Auftakt einer Reihe hochkarätiger Ausstellungen mit Werken des Malers Lucas Cranach des Älteren (1472–1553). Die Wartburg in Eisenach setzte fort. Mit der am 3. April im Weimarer Schillermuseum eröffneten Präsentation »Cranach in Weimar« sind die Ausstellungen im Thüringer Themenjahr »Bild und Botschaft« vollständig. Sie alle drei lenken den Blick auf den Zusammenhang zwischen der Cranach-Werkstatt und der Reformation. Die Schau in Weimar zeichnet Biografie, Werk und Wirkung von Lucas Cranach dem Älteren und dessen Sohn Lucas Cranach des Jüngeren (1515–1586) nach. In Weimar verbrachte Lukas Cranach der Ältere sein letztes Lebensjahr. Er starb 1553, sieben Jahre nach dem Tod Martin Luthers. Das bekannteste Meisterwerk aus der Cranach-Werkstatt ist der 1555 vollendete Flügelaltar in der Weimarer Stadtkirche St. Peter und Paul. Dieses Hauptwerk reformatorischer Bildkunst ist das wichtigste Exponat der Ausstellung. Es ist eigentlich außerhalb des Museums in der Stadtkirche zu besichtigen und – eine besondere Attraktion – digital in die Ausstellung einbezogen. Denn während der Flügelaltar in der Kirche eher aus der Ferne zu betrachten ist, bringt ihn eine Medieninstallation dem Auge ganz nah. Per Fingerdruck auf dem Computer kann jedes einzelne Bilddetail vergrößert und genauestens betrachtet werden. Ein museumspädagogisches Element, das eine Art der Begegnung mit dem Kunstwerk gestattet, wie sie vor dem Original in der Kirche nicht möglich ist.

Cranach der Ältere: Ausschnitt aus der Allegorie von Gesetz und Gnade. Foto: Klassik Stiftung Weimar

Cranach der Ältere: Ausschnitt aus der Allegorie von Gesetz und Gnade. Foto: Klassik Stiftung Weimar

Die Schau präsentiert 150 Werke der Cranachs sowie zahlreicher Zeitgenossen, darunter Gemälde, Zeichnungen, Grafiken, illustrierte Bücher, Archivalien und Medaillen. Die Exponate vermitteln einen Eindruck von dem umfangreichen Cranachschen Œuvre an der Zeitenwende zwischen Mittelalter und Neuzeit sowie von dessen Wirkungsgeschichte bis in die Moderne. Weltweit soll es etwa 5 000 Arbeiten des Hofmalers geben, eine Zahl, die auf die immense Produktivität der Cranach-Werkstatt schließen lässt. Neben den Beständen der Klassik Stiftung Weimar bereichern Leihgaben aus internationalen Museen die Ausstellung. Zu ihnen zählen die Bildnisse Tizians von Kurfürst Johann Friedrich dem Großmütigen aus dem Kunsthistorischen Museum in Wien und dem Museo Nacional del Padro Madrid ebenso wie das Porträt, das Lucas Cranach der Jüngere von seinem Vater schuf und das heute in den Uffizien in Florenz hängt.

Der Rundgang im Schillermuseum beginnt mit dem Kapitel »Werk und Künstler«, es vereint Arbeiten von Vater und Sohn am letzten gemeinsamen Wirkungsort Weimar. Gezeigt wird beispielsweise ein Gemälde, das ein zentrales reformatorisches Thema aufgreift: »Gesetz und Gnade«. Die Darstellung verbildlicht die lutherische Rechtfertigungslehre, nach welcher der Mensch nur durch Gottes Gnade Erlösung findet. Im zweiten Kapitel »Glaube und Reformator« wird die Cranach-Werkstatt im Dienst der Reformation und ihrer Protagonisten beleuchtet. Bildmotive wie »Christus und die Ehebrecherin« oder die Segnung von Kindern weisen darauf hin, dass Bilder dazu dienten, theologische Inhalte anschaulich und einprägsam darzustellen.

Das große Thema »Botschaft und Auftraggeber«, welches sich dem Wirken der Cranachs am Hof Johann Friedrichs des Großmütigen widmet, korrespondiert mit der Ausstellung in Gotha zu Cranach im Dienst von Hof und Reformation. Dargestellt werden Hof und Hofhaltung Johann Friedrichs, dessen Kampf auf der Seite des Schmal­kaldischen Bundes 1547 mit einer Niederlage und mit der Gefangenschaft einherging und den Verlust der Kurwürde sowie großer Teile seiner Territorien zur Folge hatte.

Das letzte Kapitel »Rezeption und Betrachter« widmet sich der Wirkungsgeschichte der Cranach-Werkstatt. Erstmals werden die Wiederentdeckung Cranachs im Umfeld Goethes, die sich anschließende Rezeptionsgeschichte bis hin zum 1919 in Weimar gegründeten Bauhaus beleuchtet.

Kunst und Theologie, Bild und Wort – sie korrespondieren miteinander. Der Rundgang vermittelt, wie das Zusammenspiel im Zeitalter der Reformation geklappt hat und bis heute Wirkung zeigt. Eindrucksvoll.

Sabine Kuschel

Die Ausstellung »Cranach in Weimar« im Schillermuseum ist bis 14. Juli dienstags bis sonntag 9.30 bis 18 Uhr geöffnet.

Der »Cranach-Altar« in der Stadtkirche St. Peter und Paul – offene Kirche: montags bis sonnabends 10 bis 18 Uhr und sonntags von 11 bis 18 Uhr.

»Meine Passion ist der Mensch«

24. März 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Bibel: Der Maler Gert Weber erlebte, zur Kirche kommt man über die Kunst

Im Themenjahr »Bild und Bibel« stellen wir zeitgenössische bildende Künstler dar, die sich mit dem christlichen Glauben auseinandersetzen. Ein Besuch im Atelier des Gräfenhainer Malers und Grafikers Gert Weber

Zunächst wirkt die Kraft der brillanten Farben: Violett, Türkis, Rot, Gold. Auf den zweiten Blick ist ein Gesicht zu erkennen – mit einer Dornenkrone – goldfarben. Sie identifiziert die Gestalt als Christus. Dornen! Menschen bilden das Dornengeflecht. »Wir sind es, die den Christus gekreuzigt haben«, sagt der Schöpfer dieses Bildes, der Maler und Grafiker Gert Weber, 1951 in Gräfenhain am Fuße des Thüringer Waldes geboren, wo er heute lebt. Die vielschichtige Botschaft dieser Christusdarstellung, für die Paul Gerhardts Passionslied »O Haupt voll Blut und Wunden« Pate stand, offenbart sich erst beim intensiven Hinschauen. Ein solches Bild, hinter dem viele Gedanken zu lesen sind, entsteht zuerst im Kopf des Künstlers. »Das ist ein ganz langer Prozess.« Er dauert über Jahre. »Und dann kommt es geflossen.«

Eine Affinität zu religiösen Themen hat Weber schon immer. »Zur Kirche kommt man über die Kunst.« Als Kind sieht er eine Reproduktion des Isenheimer Altars und ist nachhaltig von dem Werk Matthias Grünewalds, einer seiner »Lehrmeister«, beeindruckt. Als 12-Jähriger fängt er an zu malen, sodass automatisch der Wunsch entsteht, Künstler zu werden, ein Beruf, von dem er sich verspricht, in Freiheit arbeiten zu können. Mit dem »verlogenen« DDR-System will er nichts zu tun haben. Wenn er nicht hätte Kunst studieren können, wäre Theologie für ihn eine Alternative gewesen. Als Maler findet er sein Wirkungsfeld in der Kirche. Hier erhält er Aufträge und Präsentationsmöglichkeiten.

Gert Weber, 1951 in Gräfenhain geboren, in seinem Atelier vor einem seiner Gemälde. Foto: Sabine Kuschel

Gert Weber, 1951 in Gräfenhain geboren, in seinem Atelier vor einem seiner Gemälde. Foto: Sabine Kuschel

Sein Werdegang verläuft nicht geradlinig. Die Aufnahmeprüfung an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden besteht er ad hoc. Als er 1974 – nach der Armee – das Studium in Dresden aufnimmt, hat er die Nase vom Militär voll. Doch an jeder sozialistischen Hochschule der DDR gehört zum Studium eine militärische Ausbildung, drei Monate Feldlager. Als ihm das klar wird, gehen bei ihm die Alarmglocken an. Bloß das nicht! Was tun? Hinzu kommt, das Konzept der Dresdner Einrichtung sagt ihm überhaupt nicht zu. »Rot verseucht«, die künstlerische Ausbildung nur an der alten Schule orientiert, europäische Moderne wurde nicht gelehrt. »Wenn du hier bleibst, wirst du verbogen«, denkt er. Eine Nacht sitzt der junge Mann am Dresdner Elbufer. Heute vergleicht Weber die Situation mit der biblischen Szene im Garten Gethsemane. Er schaut auf den Fluss und trifft eine Entscheidung. Die Elbe fließt. Diese Riesenchance, von 150 Bewerbern an der Kunsthochschule angenommen zu sein, er wirft sie ins Wasser, schmeißt das Studium und macht sich auf den Weg nach Friedrichroda, zu Werner Schubert-Deister, Maler, Grafiker, Bildhauer und Musiker, gefördert von Elisabeth Voigt, einer Meisterschülerin von Käthe Kollwitz. »Ein Außenseiter und universeller Geist, der mehr zu geben hatte als die meisten bestellten Lehrkräfte an den Kunsthochschulen«, so beschreibt Weber den Künstler, der in der DDR keine Chance hatte. Er schuf viel für die katholische Kirche. Zwei Jahre ist Weber bei ihm Schüler und Mitarbeiter. Danach empfiehlt ihm Schubert-Deister, er solle als freischaffender Maler dem Verband Bildender Künstler (VBK) beitreten. Ohne Studienabschluss aussichtslos. Also studiert Weber von 1976 bis 1980 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig.

Nach dem Studium gilt es, den eigenen Weg zu finden. Er schwankt zunächst, wie er sagt, zwischen der Leipziger Schule und der von Schubert-Deister, also zwischen der altmeisterlichen figürlichen Arbeit und der abstrakten Kunst. »Bis ich gemerkt habe, meine Passion ist der Mensch.«

»Kreuzabnahme« von Gert Weber, Tuschezeichnung über Holzschnitt. Fotos: Gert Weber

»Kreuzabnahme« von Gert Weber, Tuschezeichnung über Holzschnitt. Foto: Gert Weber

In seinem Werk finden sich Häftlinge, Menschen auf dem Todesmarsch, Köpfe, Gesichter, in denen Angst, Erschrecken und Leid erkennbar sind. Was zieht den Maler, der den Krieg nur aus Erzählungen kennt, zu diesen schweren Themen? Seine Sensibilität hierfür erklärt sich Weber mit der Geschichte seiner Familie. »Die hat mich geprägt.« Seine Mutter und deren Eltern sind aus Ostpreußen geflohen und in russische Gefangenschaft geraten. Die Mutter war drei Jahre in Sibirien. Nachdem sie freikommt, bleibt die Zeit unter einem dicken Mantel des Schweigens verborgen. Ein Tabuthema, gleichwohl immer präsent. Allerdings hält der Künstler in seinen Todesmärschen nicht nur Vergangenes fest, sondern auch das aktuelle Geschehen: Menschen, die vor Elend und Krieg in ihrer Heimat nach Deutschland fliehen.

Persönliche Erfahrungen eines Ausgestoßenen, Geächteten sind dem Maler nicht fremd. Er ist in der DDR zwar Mitglied im VBK, Aufträge bekommt er jedoch nicht. Er wird geschnitten. Dass das mit seiner Beziehung zu Schubert-Deister zusammenhängt, der gedemütigt und drangsaliert wurde und daher zu jener Zeit einen Ausreiseantrag gestellt hatte, wird ihm erst später deutlich. Auch Weber wird aus dem Verband Bildender Künstler ausgeschlossen. Bemerkenswerterweise, oder wie er kommentiert »kurioserweise« in der Phase, in der er sich als Künstler gefunden hatte. Die Bilder, die damals auf Ablehnung stießen, hängen heute nach seinen Worten in den großen Galerien, wie zum Beispiel im Deutschen Historischen Museum in Berlin. Nach dem Rausschmiss aus dem Verband muss sich die Familie, er, Frau und Kind, zwei Jahre über Wasser halten. Eine harte Zeit. 1986 steigt er wieder ein. In seine Ausstellung in der Jenaer Michaeliskirche kommen mehr Besucher als in jede andere Schau. Unter den Einträgen ins Gästebuch findet sich sogar ein Besucher aus New York.

»Kreuzigung – immer wieder« – Pastell und Tuschezeichnung von Gert Weber.

»Kreuzigung – immer wieder« – Pastell und Tuschezeichnung von Gert Weber. Foto: Gert Weber

Einige Beispiele seines umfangreichen Werkes. 2002 gewinnt er den Wettbewerb um die Gestaltung des Raumes der Stille im Thüringer Landtag Erfurt. Ebenso konzipiert er nach der Wende den Raum der Stille in der Evangelischen Grundschule Gotha. Er schuf das Deckengemälde in der Kirche im hessischen Reichensachsen. Zu seinen Aufträgen gehörte die Gestaltung von Glocken für verschiedene Kirchen. Derzeit beschäftigt sich der Künstler mit den Fenstern der Kirche in Stotternheim. Pfingsten sollen sie fertig zu sein.

Auf der Suche nach der eigenen künstlerischen Form erhält er den Rat: »Lies die Bibel und Dostojewski. Daran habe ich mich gehalten.« Die Beschäftigung mit dieser Art Literatur hat offenbar seine künstlerische Entwicklung beflügelt – und sein Schaffen trägt Früchte. Wie Dostojewski in seinen Romanen ein Spiegelbild der menschlichen Seele darstellt, so geht es Weber darum, seine Bilder zu beseelen. Ihnen einen Funken einzuverleiben, der es vermag, die Menschen zu berühren.

Sabine Kuschel

www.webbs-online.de

Hofjagd vor Schloss Hartenfels

17. März 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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In Torgau stattete Cranach mit Gehilfen ein spektakuläres Hochzeitsfest aus


In diesem Jahr würdigt die Lutherdekade unter dem Motto »Bild und Bibel« den 500. Geburtstag von Lucas Cranach dem Jüngeren. Die Kirchenzeitung nimmt das Cranachjahr zum Anlass, in einer Beitragsserie mit der Malerdynastie verbundene Orte vorzustellen. Diesmal Torgau.

Im November 1513 erlebte die Stadt an der Elbe ein Familien-Spektakel von einzigartigem Ausmaß: Die Hochzeit des späteren Kurfürsten Herzog Johann mit Margarete von Anhalt. Dass von den Gastgebern in jenen Tagen allein 3 265 fremde Pferde versorgt werden mussten, lässt die Dimension des Zeremoniells erkennen. Und natürlich wurde der Hauptort des Geschehens, das Torgauer Schloss Hartenfels, für diesen Anlass besonders ausstaffiert. Hauptauftragnehmer für diese Leistungen war Hofmaler Lucas Cranach mit seiner Wittenberger Werkstatt. Rechnungen und andere Belege gewähren Einblicke in das aufwendige, aber auch besonders einträgliche Geschäft. Um das »furstlich eheliche Beilager zu Torgaw« und dessen Rahmenprogramm, wie wir heute sagen würden, in punkto Zeit und Qualität realisieren zu können, hatte sich Werkstattchef Lucas sieben Gesellen und einige Lehrlinge zur Verstärkung geholt. In das im engeren Sinne Künstlerische reichten vermutlich die in Rechnungen als »tebicht« bezeichneten Werke.

»Hofjagd in Torgau zu Ehren Karls V.«, Gemälde von Lucas Cranach dem Jüngeren. Foto: Archiv für Kunst und Geschichte

»Hofjagd in Torgau zu Ehren Karls V.«, Gemälde von Lucas Cranach dem Jüngeren. Foto: Archiv für Kunst und Geschichte

Anstelle von raumschmückenden gewirkten Teppichen waren dies auf Tuch gemalte Bilder für die Wände der »stuben do die fursten an der Hochzceyt gesessen«. In Rechnung stellte er auch »gemelde … in den gemachen und kirchen«, die nicht näher bezeichnet werden. Überkommen ist von alledem nichts. Auch nicht das von Cranach bemalte Brautbett, von dem in dem offiziellen Hochzeitslied zu hören war.

Aufstieg Torgaus zur bevorzugten Residenz

Mit der zwischen den Brüdern Ernst und Albrecht auf dem Landtag zu Leipzig am 17. Juni 1485 verabredeten Trennung des Hauses Wettin in die Linien der Ernestiner und der Albertiner waren auf der Landkarte des Deutschen Reiches zwei neue Territorialstaaten einzuzeichnen. Torgau, die kursächsische Hauptresidenz der ernestinischen Linie der Wettiner, erlebte eine politische, wirtschaftliche und kulturelle Hoch-Zeit. Die Stadt wurde zum wohl wichtigsten politischen Zentrum der evangelischen Bewegung.

Eine erneute grundlegende Änderung der Machtkonstellation im Reich brachte der mit der Schlacht von Mühlberg an der Elbe (bei Torgau) im April 1547 beendete Schmalkaldische Krieg. Einen Monat danach besiegelte die Wittenberger Kapitulation, dass der vom Kaiser gefangen genommene Johann Friedrich, Kurkreis und Kurwürde an seinen Vetter Moritz von Sachsen abgeben musste, der sich in der Schlacht mit den Kaiserlichen verbündet hatte.

Der Aufstieg Torgaus zu einer bevorzugten Residenz spiegelt sich in der großzügigen, bis in die Gegenwart fast vollständig erhaltenen Renaissancebebauung der Altstadt wider. Einen der interessantesten Blicke auf die Stadt gewährt ein Standort von Norden über die Elbe. Die von hier zu betrachtende Silhouette war so schon im 16. Jahrhundert erlebbar: Wie auf einer Perlenschnur reihen sich zwischen Marienkirche und Schloss zahlreiche repräsentative Bauwerke aneinander. Das hat offenbar auch den alten Lucas Cranach beeindruckt. Ganz im Sinne fürstlichen Repräsentationsbedürfnisses wird das von ihm 1544 geschaffene Gemälde »Hofjagd zu Ehren Kaiser Karls V. vor Schloss Hartenfels« im Bildhorizont vom Schloss Hartenfels gekrönt.

Heinz Stade

Auf Cranachs Spuren

21. Januar 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Bibel: Kronach, die Geburtsstadt von Lucas Cranach dem Älteren

In diesem Jahr würdigt die Lutherdekade unter dem Motto »Bild und Bibel« den 500. Geburtstag von Lucas Cranach dem Jüngeren. Die Kirchenzeitung nimmt das Cranachjahr zum Anlass, in einer Beitragsserie mit der Malerdynastie verbundene Orte vorzustellen.

An einem Oktobertag des Jahres 1472 kommt in dem damals Crana oder Cranach genannten Ort ein Junge zur Welt. Er ist das Kind von einem ortsansässigen Maler mit Vornamen Hans und dessen Ehefrau Barbara – sechs weitere Brüder und Schwestern werden folgen. Der in Kronach tätige Maler Hans war offenbar selbstbewusst genug, seinem Sohn per Vornamen die berufliche Zukunft vorzugeben, galt Apostel Lukas doch in dieser Zeit schon als Patron der Maler.

Gemälde »Christus und die Ehebrecherin« von Lucas Cranach d. Ä. in der Ausstellung in Kronach. Foto: Artothek

Gemälde »Christus und die Ehebrecherin« von Lucas Cranach d. Ä. in der Ausstellung in Kronach. Foto: Artothek

Vom Weg des Kindes und Jugendlichen Lucas berichten die Quellen kaum etwas. Verbindlich ist wohl, dass er in der Werkstatt des Vaters eine Ausbildung zum Maler erhielt. Alsbald hatte sich der Junge statt nach dem damals üblicherweise vom Beruf her abgeleiteten Nachnamen Maler, den seiner Geburtsstadt gegeben. Kronach war eine fürstbischöfliche Stadt und Festung, die wichtigsten Auftraggeber für einen Maler jener Zeit dürften daher vor allem die Landesherren, die Bamberger Bischöfe gewesen sein. So ist es gut möglich, dass manches bis jetzt noch anonyme Altarbild oder Gemälde in dieser Region auch ein echter Cranach ist.
Künstlerisch wahrnehmbar wird der Maler Lucas aus Cranach, den wir heute als Lucas Cranach der Ältere kennen, erstmals 1502 in Wien. Im dortigen Milieu von Humanisten, Gelehrten und Künstlern fasst er offenbar rasch Fuß. Drei Jahre später beruft ihn Kursachsen als Hofmaler nach Wittenberg. Gemessen jedoch an den Zeitgenossen Dürer, Michelangelo oder Raffael, kann Cranach zu dieser Zeit nur ein schmales künstlerisches Oeuvre vorweisen.

Ein Besuch in der von der Festung Rosenberg überragten Drei-Flüsse-Stadt Kronach heute ist beeindruckend und lohnenswert – auch wenn die Suche nach unmittelbaren Spuren der Malerfamilie im Altstadtkern wenig Vorzeigbares ergibt. Lange Zeit nahm man an, dass Lucas Cranach in dem als Gasthaus »Zum scharfen Eck« firmierenden Gebäude zur Welt gekommen sei. Inzwischen weiß man es genauer, kann jedoch nicht das tatsächliche Geburtshaus zeigen. Es stand am Marktplatz und musste im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts einem neuen Rathaus weichen. Die Fassadenmalerei an einem Haus am Martinsplatz aber lässt die historische Situation lebendig werden. In der Fränkischen Galerie ist ein großer Ausschnitt aus dem künstlerischen Schaffen von Lucas Cranach zu betrachten, faszinierende Gemälde wie »Christus und die Ehebrecherin«, »Lot und seine Töchter«, »Schmerzensmann« sowie »Venus und Amor als Honigdieb«.

Heinz Stade

Die Ausstellung »Fränkische Meister von Spätgotik bis Renaissance und der Weg zu Cranachs Kunst – Ein neuer Weg durch die Sammlung in der Fränkischen Galerie« auf der Festung Rosenberg in Kronach ist vom 1. März bis 31. Oktober zu sehen.

Das biblische Wort wird Bild

5. November 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Der Künstler Moritz Götze gestaltet die Schlosskirche St. Aegidien in Bernburg um

Am Reformationstag wird das Themenjahr »Reformation – Bild und Bibel« eröffnet. Einer, der das biblische Wort in der Schlosskirche in Bernburg Bild werden lässt, ist der Hallenser Maler und Grafiker Moritz Götze.

Am Anfang steht das Wort. Und wenn es nach manchen Theologen ginge, wäre es dabei geblieben. Doch das Wort ist Fleisch geworden und wir konnten seine Herrlichkeit sehen und es sogar anfassen. Genau das legitimiert christliche Kunst.

Am Anfang der Kunst stehen die leere Leinwand, der leere Raum, die leere Kirchenwand und die Frage, womit diese Leere zu füllen ist. Mit Darstellungen des biblischen Wortes natürlich! Doch so selbstverständlich ist dies schon lange nicht mehr. Was ist wirklich wichtig? Heute! Was lenkt die Gedanken richtig? Was lenkt nur ab? Haben wir überhaupt noch Bilder für unseren Glauben oder flüchten wir lieber ins Abstrakte, inszenieren unsere Bildlosigkeit in Beton, Glas und Stahl – wie in den meisten neueren Gotteshäusern?

Moritz Götze. Foto: Sven Baier

Moritz Götze. Foto: Sven Baier

Was muss ein Künstler mitbringen, um einen Kirchenraum zu gestalten? Muss er gläubig sein? Soll er vor allem sein Handwerk verstehen?

Ich glaube, er braucht neben seinem Können vor allem einen ungeahnten Mut. Den Mut nämlich, unsere selbst auferlegte Bildlosigkeit zu überwinden. Denn es ist ein großer Unterschied, ein einzelnes Bild in einen bebilderten Raum einzufügen, ein einzelnes Bild in einen leeren Raum zu stellen oder einen ganzen Raum zu bebildern.

Moritz Götze (Jahrgang 1964) hat diesen Mut – nicht immer, aber im Grunde schon. Nicht um seiner selbst, sondern um der Kunst willen. Er spricht von seinem »Wankelmut« wie von einem gehasst-geliebten Gefährten, der ihn oft plagt und Entscheidungen belastet. Er attestiert sich »bescheidenen Größenwahn« und wer ihn kennt, weiß, dass dies keine bloße Attitude ist.

Moritz liebt Geschichten. Er lebt von Geschichten. Den Geschichten seiner Kindheit. Lebensgeschichten. Gelesenen Geschichten. Erlebten Geschichten. Unglaublichen Geschichten. Guten Geschichten. Moritz sucht Geschichten – und Geschichte. Die Geschichte seiner Stadt: Halle. Und die seiner Landschaft: Mitteldeutschland. Er gibt sogar eine eigene Schriftenreihe heraus, im eigenen Verlag.

Es gibt Geschichten, die sperren sich der Lektüre. Uwe Johnsons »Jahrestage« zum Beispiel – oder die Bibel. Moritz lässt sie sich erzählen. Die Wirkung ist offen. Immer wird man überrascht sein, egal, wie viele seiner Bilder man schon kennt. Alles übersetzt er in »seine Sprache«. Eine verstehbare Sprache. Eine Sprache, die – unerschöpflich – für alles einen Ausdruck findet, selbst für das Nicht-Sagbare.

Mose, gestaltet von Moritz Götze. Foto: Sven Baier

Mose, gestaltet von Moritz Götze. Foto: Sven Baier

Moritz ist ein Sammler, ein Dingsammler. Es gibt kaum ein Ding, das es nicht wert wäre, aufgehoben zu werden. Auch ein Ding hat eine Geschichte, eine Geschichte mit Menschen. Das Aufheben eines Dinges verleiht ihm Würde. Es wird vom Relikt zur Reliquie. Ein Museum wird so zur »Reliquiensammlung«, ist nichts Totes, sondern etwas sehr Lebendiges. Ganz ähnlich der Kirchenraum. Hier werden Dinge inszeniert, Geschichten erinnert, Vergangenes und Gegenwärtiges verbunden, Lebende und Tote. So verbindet der Kirchenraum und das, was hier geschieht, in einzigartiger Weise Sichtbares und Unsichtbares, ist »Bühne« für die Darstellung einer neuen Geschichte. Dies entspricht dem Aufbau seiner Bilder, die er selbst gern als »Bühnenbilder« bezeichnet – und der mitteldeutschen Landschaft: von einer Anhöhe auf einen nur mäßig bewegten Horizont blickend, darüber sehr viel Blau für das Mitgedachte …

Seit vielen Jahren arbeitet Moritz Götze mit Emaille. Er hat diese Technik ständig weiterentwickelt. Emaille ist ein sehr dauerhafter Werkstoff: Auf eine grundierte Stahlplatte wird in mehreren Schichten Farbe aufgetragen, die dann in einem Ofen schmilzt, sich mit dem Stahl verbindet. Sie ist absolut lichtecht und reicht von monochromer Schwere bis zu aquarellhafter Leichtigkeit. Emaille verleiht eine Aura des Kostbaren. Da die einzelnen Platten nur mit dem Untergrund verschraubt werden, bleibt der Baukörper relativ unberührt, die Kirchenwand kann »atmen«. Außerdem kann man es auch einfach wieder »abschrauben, wenn es nicht mehr zeitgemäß ist«, sagt der Künstler mit seinem unvergleichlich freundlichen Au­genaufschlag. Ja, er ist auch ein Menschensammler – beinahe hätte ich »Menschen­fischer« geschrieben.

Sven Baier