Lebendigkeit statt Perfektion

14. August 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Impulse nach innen: Auch den Kirchengemeinden im Norden machen Mitgliederschwund und Einsparungen zu schaffen. Trotzdem soll kirchliches Leben aufrechterhalten werden. Mit dem Regionalbischof des Sprengels Stendal-Magdeburg, Propst Christoph Hackbeil, sprach Angela Stoye.

Herr Hackbeil, stellen Sie sich vor, Sie wären Tourismusmanager. Wo würden Sie die Menschen in Ihrem großen Sprengel hinschicken?
Hackbeil:
Auf die »Straße der Romanik«, denn die ist wirklich eine gute Idee – mit einer Einschränkung: Die großen Kirchen wurden jüngst noch mehr hervorgehoben. Ich würde dazu noch ein paar wunderbare kleine Kirchen empfehlen wie Melkow und Wust bei Jerichow. Nördlich des Huy liegt zum Beispiel Deersheim mit zwei romanischen Kirchen. Auch ein Abstecher nach Calbe an der Saale mit der Kirche in Gottesgnaden lohnt sich.

Da haben Sie eine Vorlage geliefert: Kleine Dorfkirchen sind oft verschlossen. Das kommt bei Besuchern nicht gut an …
Hackbeil:
Auch ich wünsche mir, dass mehr Kirchen zuverlässig geöffnet werden. Und der Prozess hin zu mehr offenen Kirchentüren ist in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) in Gang. Die Gemeinden werden informiert und geschult. Da sind die Kirchenkreise dran. Aber das Kirchenöffnen geht – wie vieles – nicht von heute auf morgen.

Das Ziel, im 500. Jubiläumsjahr der Reformation alle 4 000 Kirchen der EKM zu öffnen, wird nicht erreicht …
Hackbeil:
Das ist leider so. Ich sehe das Problem von zwei Seiten: erstens von Seiten der Touristen. Für sie ist eine offene Kirche ein Zeichen von Gastfreundschaft, eine verschlossene nicht.

Zweitens: Eine Kirche, die kaum noch benutzt wird, wird auch im eigenen Ort kaum noch wahrgenommen. Sehr wichtig ist deshalb, dass die Kirche für die Menschen ihres Ortes offen ist.

Zum Beispiel: Eine kleine Dorfkirche, die von einem Friedhof umgeben ist, kann sonnabends aufgeschlossen werden, wenn viele Menschen zur Grabpflege kommen. Auch Andachten können in dieser Zeit gehalten werden. Das regelmäßige Aufschließen ist deshalb auch ein wichtiger Impuls nach innen. Im Übrigen produzieren wir mit dem Starren auf Zahlen unnötigen Verdruss. Dem Landeskirchenrat liegt etwas daran, dass Bewegung in die Sache kommt.

Für mich hat es den Anschein, als ob man mehr auf »Leuchttürme« setzt denn auf Angebote in der Fläche.
Hackbeil:
Wir haben auch »Leuchttürme« auf dem Lande, wie ehemalige Klöster – Arendsee, Drübeck oder Neuendorf bei Gardelegen –, von denen die Menschen heute noch sagen, dass sie beim Betreten eine besondere Atmosphäre spüren. Kloster Jerichow beispielsweise ist offen und es gibt den Sommer über tägliche Andachten. Aber auch kleinere Orte bieten Besonderes, etwa die Schlosskirche in Erxleben, wo sich ein rühriger Verein nicht nur um den Gebäudeerhalt kümmert, sondern auch die Geschichte hebt. Oder der Ort Gnadau, eine Gründung der Herrnhuter Brüdergemeine, in dem der Glaube Gestalt angenommen hat.

Die Zahl der Kirchenmitglieder sinkt, die Zahl der Mitarbeiter auch. Überall muss gespart werden. Wie sollen Haupt- und Ehrenamtliche alle Aufgaben in der Fläche bewältigen?
Hackbeil:
Die Pfarrer und die anderen kirchlichen Mitarbeiter stehen vor einer Riesenaufgabe. Dabei sind die Pfarrstellen in der Altmark mit teils 20 Dörfern und mehr noch einmal eine besondere Herausforderung. Wenn Pfarrer in einigen Jahren in den Ruhestand gehen, wissen sie, dass ihre Stelle nicht mehr besetzt wird. Auf diesen Abschied hin zu leben, ist nicht leicht.

Ich ziehe den Hut davor, wie viele Pfarrer, Gemeindepädagogen und Kirchenmusiker unverdrossen weiter ihren Dienst tun. Daher denke ich: Das kann nicht nur an den Zahlen liegen, sondern auch am Betriebsklima.

Woraus schließen Sie das?
Hackbeil:
Ich habe vor Kurzem die Ergebnisse einer Studie gelesen, die in zwei Landeskirchen zur gesundheitlichen Situation von Pfarrerinnen und Pfarrern gemacht wurden. Da zeigte sich: Die Sorge vor Burnout und Depressionen wurde auf dem Land weniger dort gesehen, wo alle Mitarbeiter gut zusammenarbeiteten. Ich sehe die Tendenz zu verbindlicher regionaler Zusammenarbeit als unumkehrbar an, sodass sich drei, vier, fünf Mitarbeiter als regionales Team verstehen und sich mit Mut den veränderten Verhältnissen stellen. Das schließt auch die Ehrenamtlichen mit ein.

Stichwort Ehrenamt: Werden die Aufgaben, die nicht mehr bezahlt werden können, vermehrt auf sie abgewälzt, also Ehrenamtliche als Lückenbüßer?
Hackbeil:
Das höre ich manchmal. Aber ich erlebe auch anderes. Immer dort, wo Ehrenamtliche das Gemeindeleben selber gestalten, sind sie ganz anders motiviert und halten auch die Leute zusammen. Mit großer Hochachtung erlebe ich Menschen im Prädikantendienst.

Umso ärgerlicher finde ich es, dass die Verwaltung oft noch immer so gestaltet ist, dass sie – trotz gegenteiliger Aussagen – ehrenamtliches Engagement oft erschwert statt erleichtert: lange Wege, mehrfache Wege, Wartezeiten und so weiter. Das entmutigt. Da hat die EKM ein selbstgemachtes Problem, das nur durch besseren Service zu lösen ist.

Um dann was in Zukunft besser zu können?
Hackbeil:
Sich auf die geistlichen Aufgaben zu konzentrieren. Denn eine Kirchengemeinde ist etwas anderes als ein Verein. Ich sehe das Öffnen der Kirchen nicht als technischen Vorgang an, sondern als geistlichen.

Dazu gehört auch, dass zum Beispiel der Altar mit Blumen geschmückt wird oder dass Gesangbücher gleich am Eingang bereitliegen. Kurz: ein Wachsein dafür, wie große theologische Fragen in kleinen praktischen Bezügen gedacht werden können.
So ein Beispiel habe ich nach Pfingsten in Hagenau, einer kleinen Kirche bei Osterburg erlebt. Da habe ich gespürt: Hier wirken Älteste, die alles im Blick haben. Obwohl es dort nur selten Gottesdienste gibt: Wenn, dann ist es ein richtiges Fest, ein Höhepunkt im Dorfleben.

Stichwort Regionalisierung. Wann werden die Gemeindeglieder wirklich selbstverständlich zum Gottesdienst in das Nachbardorf fahren?
Hackbeil:
Wenn die erste Frau zur katholischen Priesterin geweiht wird … – will sagen: Unter dem Sparzwang dürfen wir nicht den Eindruck erwecken, alle Probleme müssen mit dem neuen Stellenplan bis 2019 gelöst sein. In manchen Kirchenkreisen war das schon vor Jahrzehnten dran, zum Beispiel ab den 1970er-Jahren im damaligen Kirchenkreis Merseburg. Woanders kommt die Regionalisierung erst jetzt an die Reihe. Prozesse sind dran, wann sie dran sind.

Von seiner kleinen Wohnung im Plattenbauviertel Stendal-Süd aus sieht Christoph Hackbeil die Kirchen der Altstadt. In diesem Jahr ist das Panorama leider oft vom Regen getrübt. Der Propst hat seine Wohnung in Stendal absichtlich nicht in einem Pfarrhaus, sondern in einem Stadtviertel gewählt, das von Leerstand und Rückbau geprägt ist. Foto: Angela Stoye

Von seiner kleinen Wohnung im Plattenbauviertel Stendal-Süd aus sieht Christoph Hackbeil die Kirchen der Altstadt. In diesem Jahr ist das Panorama leider oft vom Regen getrübt. Der Propst hat seine Wohnung in Stendal absichtlich nicht in einem Pfarrhaus, sondern in einem Stadtviertel gewählt, das von Leerstand und Rückbau geprägt ist. Foto: Angela Stoye

Wichtig ist, das Miteinander von haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern zu fördern. Wichtig ist, den Menschen Mut zu machen, über den eigenen Tellerrand hinauszusehen. Geduld zu haben und sich nicht darüber zu beklagen, wo etwas nicht ist, sondern schauen, wo etwas wächst.

Bei den Menschen, die wollen, dass alles wieder so ist wie vor 50 Jahren, ist doch vor allem der Wunsch nach Gemeinschaft sehr groß. Wir sollten ihnen die Gelegenheit in neuen Formen der Gemeinschaft geben, verbunden mit einer spürbaren geistlichen Mitte.

Wie kann das geschehen?
Hackbeil:
Durch das Gebet – in traditioneller Form und in neuem Gewand. In der EKM gibt es seit Oktober 2015 den Gebetskalender. Etwa 80 Menschen bekommen – jede Woche aktualisiert – Mails mit Gebetsanliegen. Einzelpersonen machen hier genauso mit wie die Kommunitäten. Für diese gewachsene Gemeinschaft bin ich sehr dankbar. Aber an den Gebeten könnten sich noch mehr beteiligen.

Zweitens das Abendmahl: Ich finde, wenn in kleinen Kirchen nur noch wenige Male im Jahr Gottesdienst gefeiert wird, sollte immer auch ein Abendmahl dazugehören. Leider ist dem nicht so. Aber unter dem Gemeinschaftsaspekt gesehen, könnten sich Pfarrer und Gemeinden bei weniger Gottesdiensten sogar darauf verständigen, diese immer mit Abendmahl zu feiern. Denn wir sind nicht nur unter das Wort Gottes gerufen, sondern auch an den Tisch Jesu geladen!

Und wir können nicht ein gemeinsames Abendmahl von evangelischen und katholischen Christen fordern, wenn wir das Sakrament in unseren Kirchen nicht mehr als tragende Praxis erleben!

Heißt das, dass die weniger werdenden Mitarbeiter noch mehr tun sollen?
Hackbeil:
Nein. Die hohe Belastung der Mitarbeiter macht mir Sorgen. Viele laden sich schon jetzt zu viel auf. Ich habe große Achtung vor dieser Einstellung, aber wir müssen alle darüber nachdenken, wie es anders gehen kann. Leider habe ich kein Rezept, das hat keiner. Aber dass Zeit zur gemeinsamen Suche bleibt, gehört zur geistlichen Klärung. Ich finde es gut, dass die Landeskirche für Pfarrerinnen und Pfarrer Möglichkeiten des Ausgleichs und zum Auftanken schafft, etwa durch Studiensemester, Sabbatzeiten, Aufenthalte im Kloster und anderes.

Geht der Trend nicht doch hin zum Gottesdienst vom Fließband?
Hackbeil:
Ich habe als Dorfpfarrer auch drei Mal am Sonntag Gottesdienste halten müssen und war von Mal zu Mal müder. In meiner Anfangszeit als Propst habe ich gemeint, in meinen Predigten besonders viel Staatstragendes unterbringen zu müssen. Alle Themen, die unsere Kirche jetzt bewegen, in zehn Minuten! Dabei habe ich mich ziemlich verspannt. Erst eine Fortbildung, ein Predigt-Coaching, hat mir geholfen. Da habe ich das Gegenteil gelernt. Weniger ist oft mehr.

Das klingt nach noch mehr Arbeit statt Entlastung.
Hackbeil:
Nein. Denn es muss nicht alles perfekt sein. Alle streben nach Perfektion, aber die Lebendigkeit ist der wesentliche Aspekt, den man nicht über Bord werfen darf. Vier Mal oder öfter eine Predigt vorzulesen ist für mich keine Lösung. Ein bisschen Sicherheit durch das Manuskript ist gut. Aber ein Pfarrer, eine Pfarrerin sollte – im lutherischen Sinne – sich dessen fröhlich gewiss sein, was zu tun ist. Zeigen, wo mich das Wort der Schrift berührt hat.

Propst Hackbeil, der Sommerurlaub an der Ostsee und im Harz liegt hinter Ihnen. Was bringt die nächste Zeit für Sie persönlich?
Hackbeil:
Nach Fortbildungen in »Führen und Leiten« und in klinischer Seelsorge befinde ich mich in einer Ausbildung zum geistlichen Begleiter. Denn der Austausch über den geistlichen Kern unseres Tuns ist doch das Wichtigste überhaupt.

Christoph Hackbeil, Jahrgang 1956, ist seit Januar 2009 Propst des Sprengels Stendal-Magdeburg und Inhaber der ersten Pfarrstelle am Stendaler Dom. Seine Wahl war die erste Propstwahl in der EKM.

Propst Hackbeil stammt aus Leipzig, wo er die Thomasschule besuchte und im Thomanerchor sang. Nach dem Theologiestudium in Leipzig war er drei Jahre Studieninspektor am Reformierten Konvikt in Halle. Danach wechselten er und seine Frau Ulrike, ebenfalls Pfarrerin, in die Altmark nach Mieste und Gardelegen. Von 2000 bis zu seinem Amtsantritt als Regionalbischof war Christoph Hackbeil Superintendent des Kirchenkreises Halberstadt.

Das Ehepaar Hackbeil hat drei erwachsene Söhne und vier Enkel. (G+H)

Haushalten und Mund halten

10. Juli 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Gender: Die Reformation wurde wesentlich vom Engagement religiöser Laien getragen. Auch Frauen bekamen am Beginn des 16. Jahrhunderts neue Möglichkeiten. Leider nur für kurze Zeit.

Ein Zeitgenosse urteilte über Elisabeth von Sachsen (1502–1557): »Die hertzogin von Rochlitz treibt viel unnutz gewesch.« Der Satz kann exemplarisch dafür stehen, wie das Handeln der Frauen zu Beginn der Frühen Neuzeit gesehen wurde, die sich über das hinwegsetzten, was die Gesellschaft für sie vorsah: haushalten und Mund halten.

Die verwitwete Elisabeth erlaubte ab 1537 in ihrem Wittum Rochlitz Priesterehe und evangelisches Abendmahl, während im albertinischen Sachsen erst nach dem Tod des altgläubigen Herzogs Georg 1539 die Reformation eingeführt wurde. Lange Zeit sei Elisabeth fast vergessen worden, so der Dresdner Historiker und Theologe Jens Klinger. Zurzeit werde ihre über 2 000 Briefe zählende Korrespondenz ediert und ihr Leben weiter erforscht. In ihrem Wittum habe sie auf reformatorische Bestrebungen aufbauen können, die es dort ab 1523 gab, so Klinger. Zudem sei sie von ihrem Bruder, dem mächtigen Landgrafen Philipp von Hessen, unterstützt worden. Jedoch habe Elisabeth in Konfessionsfragen eine eigene Meinung besessen, die sie auch deutlich vertrat.

Das Frauenmuseum in Bonn widmet sich bis 31. Oktober der weiblichen Seite der Reformation. Die Ausstellung »Katharina von Bora – von der Pfarrfrau zur Bischöfin« zeichnet den Weg zur Gleichberechtigung in der evangelischen Kirche nach. – Foto: epd-bild

Das Frauenmuseum in Bonn widmet sich bis 31. Oktober der weiblichen Seite der Reformation. Die Ausstellung »Katharina von Bora – von der Pfarrfrau zur Bischöfin« zeichnet den Weg zur Gleichberechtigung in der evangelischen Kirche nach. – Foto: epd-bild

So wie Elisabeth ging es vielen Frauen. Sie wurden angefeindet und später vergessen. Trotz der starken gesellschaftlichen Veränderungen in der Frühen Neuzeit blieben die Möglichkeiten von Frauen begrenzt. Erst Jahrhunderte später sollte sich das ändern.

Je mehr aber die Reformation zur Institution wurde, desto mehr wurden Akteurinnen wieder an den Rand gedrängt, so die Historikerin und Geschlechterforscherin Eva Labouvie bei der Eröffnung einer Tagung unter dem Thema »Glaube und Geschlecht – Gender Reformation« an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Zudem sei die Aufwertung der Ehe durch Martin Luther mit der Abwertung anderer Lebensformen einhergegangen und mit einer Verhäuslichung des weiblichen Lebens mit ihren bis heute spürbaren Folgen. Auch die Auflösung der Klöster sei als ambivalent anzusehen.

Maria Jepsen, vor 25 Jahren zur ersten lutherischen Bischöfin der Welt gewählt, erinnerte daran, dass die Kirchenleitung und das Lehren über Jahrhunderte in Männerhand gelegen haben. »Frauen hatten zu schweigen und sich unterzuordnen«, so die Theologin. Nicht nur die Frauen der Reformationszeit, auch die der frühen Kirche seien vergessen worden. Aber man müsse »nur graben und dann wird man Schätze im Acker finden«. Die Reformation sei eben eine Reformation gewesen und keine Revolution. Veränderungen der patriarchalischen Ordnung habe es erst nach der Aufklärung gegeben. Die Frauenbewegung des 19. und 20. Jahrhunderts habe dann auch die Kirchen verändert. Heute müsse man aufpassen, dass nicht wieder der Pragmatismus siegt, dass offene und versteckte Diskriminierung nicht fortgesetzt würde, so die Theologin Jepsen.

Heide Wunder ist eine der ersten Historikerinnen in Deutschland, die die Geschlechtergeschichte erforschte. »Die Folgen der Reformation für die Geschlechtergeschichte sind gravierend, aber umstritten«, sagte sie, denn die Reformation habe die Rechtsperson des Ehemannes gestärkt. Aus der behaupteten Inferiorität des weiblichen Geschlechts folgte die Unterordnung unter den Mann. Für Luther sei die Ehe zwar nicht mehr heilig, sondern ein »weltlich Ding« gewesen, zugleich habe er aber die Ehe als Lebensform aufgewertet. Zwar hatte die Frau als Hausmutter eines christlichen Haushaltes auch Teil an der Macht, war aber trotzdem dem Mann zum Gehorsam verpflichtet und sollte auch Züchtigungen klaglos hinnehmen. In evangelischen wie katholischen Ehen wollten die Frauen jedoch Bildung und ein »tätiges Leben in der Welt«, so die Hochschullehrerin im Ruhestand.

Dorothee Kommer, Pfarrerin aus Haigerloch in Württemberg, stellte Frauen als Verfasserinnen reformatorischer Flugschriften vor. 19 Schriften sind bekannt. Viele davon schrieb die bayrische adelige Argula von Grumbach (um 1492–1568). Sie und Ursula Weyda (1504–1565) aus Altenburg seien die ersten namentlich bekannten Autorinnen von Flugschriften gewesen. Dafür seien sie Anfeindungen ausgesetzt gewesen. Dennoch: »Frauen traten in die Öffentlichkeit und durchbrachen damit die Rollenbilder ihrer Zeit«, so Dorothee Kommer.

Lyndal Roper, Historikerin aus Oxford, verwies auf die in den Tischreden Martin Luthers überlieferten Scherze, die oft auf Kosten von Frauen gingen. Diese würden ihren Leistungen nicht gerecht – auch nicht denen seiner Frau Katharina. Es bestehe ein krasser Widerspruch von Luthers Theologie, in der die prinzipielle Gleichheit zwischen Frau und Mann herrsche, sowie schriftlichen Zeugnissen der Reformatoren über Frauen.

Anne Conrad, Historikerin und katholische Theologin aus Saarbrücken, nahm die Folgen der Klosteraustritte von Frauen und Männern in den Blick. »Der Austritt aus dem Kloster war eine existenzielle Gewissensentscheidung«, so Conrad. »Kritik und gesellschaftliche Ausgrenzung waren oft die Folgen.« Ein Gewinn sei der Austritt aus dem Kloster wohl für solche Frauen und Männer gewesen, die dorthin gezwungen worden waren. Die reformierte Theologin Marie Dentière (1495–1561) schrieb, dass sie erst durch den Austritt aus dem Kloster »zum hellen Licht der Wahrheit gelangt« sei. Ob andere ehemalige Nonnen und Mönche das auch so gesehen haben, lässt es zumindest für einige fraglich erscheinen.

Angela Stoye

Wo war Gott in Buchenwald?

4. Juni 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

KZ-Überlebender: Der Serbe Ivan Ivanji war Gast beim Kirchentag in Weimar. Kann jemand nach Auschwitz und Buchenwald überhaupt noch an einen Gott glauben?

Heiter sitzt er auf der Bank vor der Jakobskirche in Weimar. Wie immer gediegen im Anzug, etwas gebeugt, gelassen, gut gelaunt im Gespräch. Schlohweißes Haar, die Wangen etwas eingefallen, der Blick ist wach. Ein klein wenig Aufregung ist dabei. Dennoch blitzt immer sein Witz durch. Er ist gesegnet mit viel Humor, auch rabenschwarzem: Ivan Ivanji. Serbischer Schriftsteller, Übersetzer, Diplomat.

Gleich hat er eine von vier Veranstaltungen auf dem Kirchentag in Weimar, für ihn die wichtigste: »Wo war Gott in Buchenwald?« Er hat sich vorbereitet. Will ehrlich sein – auch sich selbst gegenüber. Er hat die Konzentrationslager überlebt, ist einer der wenigen noch lebenden Zeugen.

Sein Deutsch ist perfekt. Nur an seinem kleinen Akzent hört man, dass es nicht seine Muttersprache ist. Wohl aber die seines »Kinderfräuleins«. Im Banat geboren, also im sprachlich-kulturellen Grenzgebiet zwischen Rumänien, Serbien und Ungarn, wächst er als Kind einer Arztfamilie auf. Erst mit den Nazis wird ihm seine jüdische Herkunft bewusst. Das Hebräische hört er erstmals im KZ und ahnt: Damit muss zu tun haben, dass er verhaftet wurde. Wegen seines Seins als Jude, das ihm nichts bedeutet hat, aber offensichtlich seinen Peinigern. Da ist er 15 Jahre alt. Verschleppt aus seiner Heimat über tausend Kilometer weit weg. Erst nach Auschwitz, dann nach Buchenwald, dann in zwei weitere Außenlager.

»Ich lebe und ihr sollt auch leben« ist das Vermächtnis von Ivan Ivanji (88). Foto: Maik Schuck

»Ich lebe und ihr sollt auch leben« ist das Vermächtnis von Ivan Ivanji (88). Foto: Maik Schuck

Die drei Stufen zur Kirche hoch stützt ihn sein Sohn Andrej. Alleine ginge es nicht mehr. Dann nimmt er im Podium der Kirche Platz. Nach seinem Glauben befragt, erzählt er, dass er schnell noch reformiert getauft wurde und der Taufschein ihm wohl drei Jahre KZ erspart habe, weil er – zumindest eine Zeit lang – als ungarischer Christ durchkam. Wie er eigentlich fromm gewesen sei, aber Gott ihn im Lager offensichtlich verlassen habe. Er zitiert aus dem Samuelbuch eine Passage, die er den ersten Aufruf zum Holocaust nennt. Eine grausame Geschichte, in der alle Bewohner einer Region abgeschlachtet werden. Mit so einem Gott wolle er nichts zu tun haben. Gespannte Stille im Auditorium.

Der stellvertretende Direktor der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Rikola-Gunnar Lüttgenau, der zusammen mit Ivanji im Podium sitzt, dreht die Frage um: »Wo war Gott bei den Christen in Weimar?« Und Ivan Ivanji ergänzt: Das sei auch nicht eine Frage der Geschichte, sondern der Gegenwart. Wo stehen wir jetzt? Und wo sollten wir stehen? »Jedes Kind, das heute im Mittelmeer ertrinkt, stirbt nicht besser als ein Kind, das in den Gaskammern Auschwitz’ umgekommen ist.«

Es ist eine der Szenen, bei denen man eine Stecknadel fallen hören könnte.

1945 wird Ivan Ivanji aus einem Lager nahe Magdeburg befreit bzw. befreit sich selbst. Kehrt in monatelanger Odyssee zurück nach Belgrad, studiert Architektur und Germanistik, wird Theaterintendant, schreibt Bücher auf Serbisch und Deutsch und wird unter anderem Übersetzer des jugoslawischen Staats­präsidenten Tito, später serbischer Kulturattaché in Bonn. Ein Mittler zwischen dem Balkan und Deutschland. Ein Handelsreisender der Verständigung. Gebildet, neugierig, sehr fein beobachtend, messerscharf im Urteil, immer respektvoll.

In welcher Liga er spielt, wird unter anderem deutlich, wenn er von den Kontakten zu Heinrich Böll und Günter Grass erzählt, deren Bücher er ins Serbische übersetzt hat. »Wissen Sie, warum mein Sohn so gut Deutsch spricht? Weil Grass einmal sein Babysitter war, als meine Frau zum Theater musste und ich noch nicht zu Hause war.«

Die Bibel sei Weltliteratur, sagt er in Weimar. Er habe sie studiert. Wie auch den Koran. Während die Bibel für ihn eher Lyrik sei, dürfe man den Koran als Prosa lesen. Heiterkeit im Auditorium. Müsste er sich entscheiden, er wäre vermutlich Buddhist, sagt Ivanji.

Warum setzt sich ein 88-jähriger Mann mit Sohn in Belgrad in den Flieger, um zu einem Kirchentag nach Weimar zu kommen? Vermutlich würde er schmunzelnd antworten: »Weil ich eingeladen wurde.« Tatsache ist aber auch, dass er Weimar seine zweite Heimat nennt. Denn durch den behutsamen und wertschätzenden Kontakt der Gedenkstätte Buchenwald, allen voran des Direktors Volkhard Knigge, ist er sehr oft an den Ort seiner Qual zurückgekehrt. Er ist ein gern gesehener Zeuge, ein vitaler Erzähler. Ein Mahner für unbedingte Menschlichkeit.

So auch auf dem Kirchentag auf dem Weg in Weimar, wo er unter anderem bei den Tischgesellschaften am Eröffnungsabend in einer intensiven Runde mit rund 40 Menschen bei der Literarischen Gesellschaft Thüringens Rede und Antwort stand.

Einen Tag später sprach er mit dem Schriftsteller Feridun Zaimoglu und dem Theologen Fulbert Steffensky über das große »Aber« der Weltgeschichte: »…aber die Liebe«, ein musisch-poetischer Abend. Ein Heimspiel für den Mann, der mühelos Rilke zitieren kann, zeitgleich aber einen bitter-realistischen Blick auf eine Menschheit hat, die immer neue Wege findet, sich selbst zu zerstören.

Wenig Hoffnung hat er für seine Region, das frühere Jugoslawien, speziell seine Heimat Serbien. Die demografische Entwicklung sei eindeutig negativ, das Land blute aus. Die Arbeitslosigkeit liege bei rund einem Viertel der erwerbsfähigen Bevölkerung. Die politische Kaste sei in Machtspiele verstrickt und Demokratie bleibe auf der Strecke. Der mögliche Anschluss an die Europäische Union sei immerhin eine Chance.

Sehr kritisch sieht er die serbisch-orthodoxe Kirche, der der weit überwiegende Teil der Bevölkerung angehört. Sie sei leider wenig hilfreich. Glaube in Serbien sei direkt gekoppelt mit Nationalismus. Dennoch und gerade deswegen ist sein Plädoyer: einmischen, mitreden, sich nicht abfinden.

Befragt nach einer Hoffnung für uns hier in Deutschland, antwortet der Buchenwald-Überlebende Ivanji, er halte es mit Jesus. So wie der wolle er uns auch sagen: »Ich lebe und ihr sollt auch leben.«

Ulrike Greim

Traditionen folgen und Neues wagen

10. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Alle Jahre wieder stellen sich die Verantwortlichen die Frage: Wie soll Konfirmationsunterricht heute aussehen? Muss er sich den Wünschen der Mädchen und Jungen und ihren veränderten (Er-)Lebensgewohnheiten anpassen oder sollte er als »Fels in der Brandung« vor allem traditionelle Glaubensunterweisung bieten? Zwei Stellungnahmen von Pfarrern, die ihre Sichtweise von zeitgemäßer Konfirmandenarbeit darlegen:

Blick-14-2017
Kurz nach der Jahrtausendwende ließen Verantwortliche für die Kinder- und Jugendarbeit aus dem Magdeburger Konsistorium verlauten: Die Auftraggeber für den Konfirmandenunterricht seien die Konfirmanden (also nicht etwa die Kirche oder letztlich Christus), an ihren Bedürfnissen sei die Beschäftigung mit ihnen auszurichten; vor allem dürfe man den Unterricht nicht als Maßnahme zur Nachwuchsgewinnung betrachten. Ist das eine angemessene Haltung in Sachen Glaubensunterweisung?

Es mag für manche verstaubt und altbacken klingen: In Wasungen findet Woche für Woche der Konfirmandenunterricht für die Siebt – und Achtklässler statt, in dem wir singen, beten, auch spielen, aber vor allem lernen: Glaubensinhalte, Liturgie, biblische Inhalte.

Auch wenn die meisten Jugendlichen den Religionsunterricht besuchen, haben sie doch weiter ein großes Interesse an »harten Fakten«, an Informationen über die Kirche, über innere und äußere Zusammenhänge unseres Glaubens. Sie spüren, dass Lernen, gerade kognitives Lernen, ihnen hilft, Sicherheit zu gewinnen in einer Zeit, in der zu oft »Kompetenzen« wichtiger als Inhalte geworden sind.

Bei aller Kritik, die seit Jahrzehnten berechtigt und unberechtigt am Konfirmandenunterricht geübt wird, so am Alter der Konfirmanden und an der oft gegebenen Verbindung mit der Vorbereitung auf das Abendmahl, erlebe ich die Zeit mit den Konfirmanden als segensreich. Und: In jedem Jahr können wir vor der Konfirmation, in der Osternacht, junge Menschen taufen, die aus eigenem Entschluss zu uns gestoßen und geblieben sind.

Stefan Kunze, Pfarrer in Wasungen

Die Frage, ob 14-Jährige reif für ein Bekenntnis wie die Konfirmation sind, diskutiert die Kirche seit Jahrzehnten. Gegenfrage: Warum lassen sich eigentlich so viele Erwachsene scheiden? Auch 30-Jährige treffen nicht all ihre Entscheidungen nach reiflicher Überlegung, oder kippen später um. Das ist für mich kein Argument. Jesus hat Kinder und Jugendliche sehr ernst genommen, sie Erwachsenen in ihrer Entschiedenheit sogar zum Vorbild gemacht.

Die eigentliche Frage lautet: Können wir jungen Menschen bewusst machen, was die Konfirmation bedeutet? Man mag in diesem Alter vieles infrage stellen, aber es ist auch eine Zeit, in der man sich voller Eifer auf etwas stürzt und mit Leib und Seele dabei ist. Dazu ermutige ich die Konfirmanden, indem ich ihnen etwas zutraue und sie zu Entscheidungen herausfordere.

Ja, die Persönlichkeit des Pfarrers oder Gemeindepädagogen spielt bei der Konfirmandenarbeit eine Rolle. Aber auch Strukturen und die ihnen innewohnende Haltung sind nicht zu vernachlässigen. Wir müssen weg vom Säulendenken, in dem es in der Gemeinde eine Säule für die Konfirmanden, eine für die Kinder und Familien und eine für junge Erwachsene gibt. Es ist anachronistisch, mit der Konfi-Arbeit erst im Konfi-Alter zu beginnen. Wir brauchen Angebote für alle Altersgruppen und wir müssen Brücken bauen zwischen den und innerhalb der Generationen. Vor allem müssen wir junge Menschen einbinden. Gewähren wir ihnen zwei Jahre Gastrecht in der Gemeinde oder trauen wir ihnen zu, Christ zu sein für den Rest ihres Lebens?

Ich habe in der DDR-Zeit zum Glauben gefunden. Glauben hat für mich sehr mit Freiheit zu tun. Ich mag aus diesem Grund auch z. B. die Stempelkarten nicht, mit denen sich Konfirmanden ihre Teilnahme am Gottesdienst bestätigen lassen müssen. Was ist der Subtext solcher Karten? Dass, wenn sie voll ist, genügend Gottesdienste besucht wurden?

Natürlich lernen unsere Konfirmanden das Vaterunser und das Glaubensbekenntnis, aber weniger auswendig, eher inwendig – durch Gottesdienste und Aktionen, die wir gemeinsam machen. Sind nicht Millionen von Menschen, die all das bimsen mussten, trotzdem aus der Kirche ausgetreten und haben dem Glauben den Rücken gekehrt?

Es geht darum, altersgerecht Glauben und Gottesbeziehung zu leben – praktisch, nicht nur mit dem Kopf. Wir stellen Glaubensinhalte, die persönliche Beziehung zu Gott in Jesus Christus, in den Mittelpunkt. Musik, gemeinsames Singen, Gebet spielen eine große Rolle. Andererseits machen wir viele herrliche Faxen, spielen und quatschen, trinken Tee, machen Ausflüge. Wer sich dann konfirmieren lassen will, nimmt an einer besonderen Konfi-Freizeit teil. Wir reden über Taufe, Abendmahl, über den Sinn der Konfirmation. Konfis müssen sich einbringen, sie gestalten Gottesdienste und Projekte mit, wir erwarten sie zum Abendmahl an Gründonnerstag. Die Konfirmation ist nicht irgendeine Segenshandlung, sie ist eine Taufbestätigung, sie ist ein »Ja, mit Gottes Hilfe«.

Ernst-U. Wachter, Pfarrer in Elbingerode

Beten und denken mit Gymnastik

5. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Zum Abschluss unserer diesjährigen Sommerinterview-Serie traf Angela Stoye Landesbischöfin Ilse Junkermann in ihrem Magdeburger Büro. Dabei ging es um offene Kirchen, das Reformationsjubiläum und Mission.

Am Elbufer lässt Landesbischöfin Ilse Junkermann gerne die Gedanken schweifen. Foto: Viktoria Kühne

Am Elbufer lässt Landesbischöfin Ilse Junkermann gerne die Gedanken schweifen. Foto: Viktoria Kühne

Frau Junkermann, wie war Ihr Urlaub?
Junkermann:
Wunderschön. Wir waren auf Langeoog. Ich hab mich sehr gefreut, im ersten Gottesdienst am Sonntag einen unserer Pfarrer aus der Altmark zu treffen, der als Kurpastor wunderbar gepredigt hat. Mein Mann und ich waren jeden Tag am und im Meer. Ich habe viel gelesen und mit meinem Mann gespielt: Malefiz und Rummikub.

Und jetzt hat der Alltag Sie wieder – zum Beispiel mit dem Echo auf Ihren Aufruf, 2017 alle 4 000 Kirchen in der EKM zu öffnen. Was überwiegt da?
Junkermann:
Es überwiegt die Grundbereitschaft, darüber nachzudenken. Das ist mir viel wichtiger als Lob oder Kritik. Der Aufruf hat eine sehr breite Resonanz. Denn hinter der praktischen Frage der Kirchenöffnung steht die geistliche: Was verkünden unsere verschlossenen Kirchentüren? Ich finde: Zur Kirchenöffnung gehört auch das Vertrauen darauf, dass Kirchenbesucher keine Aufsicht benötigen, sondern Ruhe wollen.

Eine Kritik ist mir sehr nahegegangen. Eine Pfarrerin sagte mir: Sie sagen, wir sollen das Risiko eingehen. Gleichzeitig geht es im größten Teil der Handreichung zu offenen Kirchen aber um Sicherungsmaßnahmen.

Für mich zeigt das die Spannung zwischen Vertrauen und Befürchtungen, zwischen Sicherheitsbedürfnissen und Risiko. Aber: Welches Risiko ist Gott mit uns Menschen eingegangen?! Und wie nehmen wir das als Beispiel und sagen: Das Risiko, das wir eingehen, ist vergleichsweise gering. Es gehört zum Evangelium, im Glauben nicht Sicherheit zu finden, sondern Vertrauen.

Es gibt Gemeinden, die nach Diebstählen Probleme haben, oder?
Junkermann:
Ja. Aber unser Ziel erreicht man in kleinen Schritten. Wenn Gemeinden Aufsicht oder andere Absicherungen haben wollen, sind das solche Schritte. Ich bitte noch einmal alle Gemeinden, Vertrauen zu wagen.

Themenwechsel: Das 500. Reformationsjubiläum – was bedeutet es für Sie?
Junkermann:
Noch einmal zurück zu den offenen Kirchen, denn sie hängen mit 2017 zusammen – mit der Frage, wo wir heute zur Umkehr gerufen sind in unserem praktischen Verhalten. Das ist der Grundruf Jesu, den Luther in seinen Thesen neu zur Sprache gebracht hat: Der Ruf zu wahrer Buße und Umkehr. 2017 können wir als Riesen-Event feiern oder als Umkehr, zum Beispiel von geschlossenen zu offenen Kirchentüren. Reformation heißt auch, dass auch wir uns heute neu vom Evangelium formen lassen. Sie bedeutet nicht Reform oder Veränderung um jeden Preis.

Was unterscheidet 2017 von 1917 oder 1817?
Junkermann:
Dass es 2017 keine Heldenverehrung gibt, sondern die differenzierte Beschäftigung mit dem Menschen Martin Luther, der seiner Einsicht über das, was er in der Bibel gefunden hat, vertraut hat. Und sich nicht durch äußeren Druck hat beirren lassen. Das fasziniert viele bis heute an ihm, wie er seinem Gewissen mehr verpflichtet war als dem Kaiser oder Papst. Gleichzeitig wusste Luther, dass es das Gespräch braucht. Seine Thesen waren ja eine Aufforderung zur Disputation. Auch das brauchen wir heute sehr.

Deutlich wird 2017 auch, dass Luther ein Mensch mit Fehlern und Schwächen war: sein aufbrausendes Wesen, seine Schimpftiraden oder die Tatsache, dass er sich an eigene Einsichten nicht gehalten hat. So ist er im Blick auf das Verhältnis zu Juden oder zu den Bauern eben nicht beim Diskurs geblieben, sondern hat Gewalt befürwortet und gefördert.

Haben Sie eine Lieblingsschrift?
Junkermann:
Ja, »Von der Freiheit eines Christenmenschen«. Weil darin sehr deutlich wird, dass zur Freiheit auch Verantwortung und Bindungen gehören – im Gegensatz zu einer Vorstellung von Freiheit als Schrankenlosigkeit.

Oder ein Lieblingswort?
Junkermann:
Das habe ich als Vikarin in Horb am Neckar im Lutherjahr 1983 am Anfang des Gottesdienstes zitiert: »Die Heilige Schrift ist wie ein Kräutlein. Je länger du daran reibst, desto mehr duftet es.« Das hilft mir bis heute bei der Arbeit an meinen Predigten.

Was erhoffen Sie sich von 2017 für Impulse?
Junkermann:
Dass die Menschen hier merken, wie stolz sie sein können, in dieser Region mit ihrer reichen Geschichte zu leben. Was hier geschah, hat weltweit Bedeutung gewonnen.
Andererseits ist 2017 eine Herausforderung für uns als Kirche und die Gemeinden. Die Kirchenkreise müssen Stellen abbauen, wir Christen werden immer weniger. Dass passt schlecht mit den großen Events zusammen.

Was folgt daraus?
Junkermann:
Die EKM will 2017 ein guter Gastgeber sein. Für die Zeit danach wünsche ich mir, dass unsere Glaubenszuversicht gestärkt wird, auch wenn der Weg unserer Kirche und unserer Gemeinden schwierig ist. Wir können darauf vertrauen, dass Gott uns führt. Wir beschäftigen uns ganz viel mit Defiziten. Das ist berechtigt; das tut weh. Aber wir sollten einen Blick dafür bekommen, was uns geschenkt ist, worin wir (stein-)reich sind. Damit bin ich wieder bei den offenen Kirchen.

Ihrem Lieblingsthema?
Junkermann:
Ja, denn es ist fast unglaublich, in welchem Maß in den vergangenen 25 Jahren die Kirchen wieder aufgebaut worden sind. Diese Schätze sollten wir mit anderen teilen! Vor allem die Menschen, die sich einbringen, sind Schätze. Ich hoffe sehr, dass wir als Kirche offener werden und dass Gottes Geschichte mit uns eine lebendige Geschichte für uns ist. Dass wir nicht an festen Bildern hängen, wie Kirche und Gemeinde sein sollen, vielmehr schauen, was Gott uns jetzt an Menschen und Ressourcen schenkt.

In »Luthers Land« leben die wenigsten Christen. Missionarische Aktionen haben kaum etwas gebracht. Wie kann der Schrumpfungsprozess aufgehalten werden?
Junkermann:
Den Glauben können wir nicht machen. Es gibt dazu ein Wort von Carl Friedrich von Weizsäcker: »Rede nicht über deinen Glauben, wenn du nicht gefragt wirst. Aber lebe so, dass du gefragt wirst.« Das ist die Herausforderung: Wie lebe ich selber so, dass Menschen mich fragen. Ob der Samen auf fruchtbare Erde fällt oder unter Dornen oder auf Felsen, haben wir nicht in der Hand. Wir sind Säe-Leute. Manchmal dürfen wir ernten. Aber wir wissen nicht, wann die Ernte kommt.

Sommerlogo GuHWie gelingt es Ihnen, Privatleben und Beruf unter einen Hut zu bringen?
Junkermann:
Mit meinem grünen Filzstift. Damit kennzeichne ich im Kalender die Verabredungen mit meinem Mann. Ich bin froh, dass er als Selbstständiger flexibel sein kann. Mir persönlich hilft es sehr, wenn ich morgens eine Stunde für mich habe für das Gebet, für das Nachdenken – auch das Denken an Menschen, die es schwer haben. Das gelingt mir am besten bei Gymnastik.

Was tun Sie, wenn Sie in Magdeburg frei haben?
Junkermann:
Im Sommer sitze ich gerne auf dem Balkon. Brauche ich Bewegung, bin ich in wenigen Schritten an der Elbe. Mein Mann und ich lieben die Weite der Landschaft, sitzen aber auch gerne in einem Lokal an der Elbe.

Und wenn es regnet?
Junkermann:
Dann lese ich.

Viele Pfarrer sollen ja Krimis lieben …
Junkermann:
Die liebe ich auch. Sehr gerne lese ich zudem Gedichte und Romane. Im Urlaub zum Beispiel »Unterleuten« von Juli Zeh. Es ist unglaublich, wie sie Menschen und die Atmosphäre erfasst.

Auch amerikanische Autoren liebe ich sehr, tauche in ihren Büchern – zum Beispiel denen von Paul Auster oder T. C. Boyle – in eine andere Gesellschaft, Geschichte und Lebensart ein.

Luther 2017: Schämen statt feiern?

10. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Streitpunkt: Der abgrundtiefe Antijudaismus liegt wie ein schwerer Schatten über dem Lebenswerk des Wittenberger Reformators

Seine Ausführungen über die Juden sind wirklich schwer zu ertragen. Die Synode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) wird sich in dieser Woche damit befassen. Denn ein Papier der Kreissynode von Erfurt fordert, dass sich die EKM öffentlich von judenfeindlichen Äußerungen Luthers distanziere. Die Kirchenzeitung bat zwei Theologen um ihre Meinung.

Ja – Teja Begrich ist Pfarrer in Mühlhausen und Beauftragter der EKM für den christlich-jüdischen Dialog.

eja Begrich

eja Begrich

Wir feiern: Unser Jubiläum. Unsere Kirche. Ein großes Fest. Und natürlich feiern wir den Primus inter Pares – den Ersten unter den gleich großen Reformatoren ganz besonders. Also Martin Luther!

Wir sind nicht nur die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland, wir sind auch eine lutherische Kirche. Theologisch und geografisch: von Möhra nach Eisleben über Mansfeld, Magdeburg und Eisenach, später nach Erfurt und Wittenberg und zum Lebensende wieder zurück nach Eisleben. Luthers Leben spielte sich fast ausschließlich auf dem Gebiet der heutigen Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland ab. Wir leben und glauben also am historischen Ort! Und natürlich sind wir ohne Zweifel darüber froh, dass Martin Luther, unser Reformator, die Bibel als frohe und heilmachende Botschaft wiederentdeckt hat.

Doch auch für Martin Luther gilt die Erfahrung der Natur: »Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten«, oder lutherisch gesprochen: Der Mensch ist immer Sünder und Gerechter zugleich. Und Luther mühte sich mächtig darum, dass sich diese Erkenntnis »fürchterlich praktisch« entfaltete. Deshalb müssen wir auf Luthers längsten Schatten und größte Sünde blicken: sein Verhältnis zu den Juden!

Gerne wurde zwischen einem jungen, judenfreundlichen, und einem alten, judenfeindlichen Luther unterschieden. Dies kann man jedoch höchstens als verzweifelten Versuch einer evangelischen »Heiligsprechung« Martin Luthers interpretieren. Seine Schriften sprechen eine andere und deutlichere Sprache: Nur der getaufte Jude ist ein guter Jude. Und wir müssen eingestehen, dass Luther an einem Gespräch mit Juden nie interessiert war. Für das, was er über und zu den Juden schrieb, können wir unseren Reformator nicht entschuldigen. Das ist und bleibt eklig auch mit jeder historischen Kontextualisierung. Seine Schrift »Von den Juden und ihren Lügen« von 1543 ist so ziemlich das Widerwärtigste, was wir uns vorstellen können. Dort wiederholt er gebetsmühlenartig, wie man mit Juden verfahren solle: »Erstlich, dass man ihre Synagoge oder Schule mit Feuer anstecke und, was nicht verbrennen will, mit Erde überhäufe, dass kein Mensch einen Stein davon sehe ewiglich … Zum anderen, dass man auch ihre Häuser zerbreche und zerstöre … Zum dritten, dass man ihnen nehme alle ihre Betbüchlein … Zum Vierten, dass man ihren Rabbinern bei Leib und Leben verbiete zu lehren …«, und endet: »Drum immer weg mit ihnen!«

Luthers Ablehnung der Juden ist jedoch nicht nur theologisch begründet. Als er am 28. Januar 1546 durch Rißdorf kurz vor Eisleben fuhr, machte er die dort lebenden Juden für seinen erlittenen Herzanfall verantwortlich. In seinem Judenhass schien er sich mit seiner Frau Katharina einig, so schrieb er über eben jenen Herzanfall: »Aber wenn Du wärest dagewesen, so hättest Du gesagt, es wäre der Juden oder ihres Gottes Schuld gewesen.« Wie so oft, verrät das Personalpronomen die Gesinnung! Ist »ihr« Gott nicht der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs und der Vater Jesu Christi?

Dennoch und auch angesichts des jüdischen Flüchtlingslagers vor den Toren Eislebens hat Luther beim Grafen Albrecht von Mansfeld darauf gedrungen und von der Kanzel gepredigt, dass auch diese geflohenen und vertriebenen Juden preisgegeben werden. Damit war auch die letzte Lutherstadt »judenfrei«. Und damit wird klar: Es ist nicht nur eine Freude, evangelisch und lutherisch zu sein. Auch nicht bei einem Fest!

Nein – Uwe Siemon-Netto ist Journalist und promovierter Theologe. Der gebürtige Leipziger lebt und arbeitet heute in Kalifornien.

Uwe Siemon-Netto

Uwe Siemon-Netto

Luthers Stimme schallt aus 80?000 Seiten der Weimarer Ausgabe seines Gesamtwerkes. »In dieser Stimme hören wir seltene Resonanzen der Stimme Gottes«, schrieb der amerikanische Historiker Mark A. Noll.

Luther war ein überdimensionaler, aber auch fehlbarer Mensch mit lichten und dunklen Seiten. Er sagte grandiose Wahrheiten, die wir in unserem, aus dem Leim geratenen Zeitalter dringend brauchen. Er gab aber im Alter auch Verwerfliches von sich. Das macht nur einen Bruchteil der 80?000 Seiten aus, soll aber heute ebenso wenig verschwiegen werden wie schon zu Luthers Lebzeiten, als sich selbst seine Freunde wie Andreas Osiander (1498–1552) von seinen ausschließlich theologisch motivierten Aussagen gegen die Juden distanzierten.
Statt nun am Vorabend des 500-jährigen Reformationsjubiläums das unersetzlich Wertvolle an Luthers Lehre zu betonen, suhlen sich Publizisten und Theologen fast nur im überdimensional Verwerflichen, wobei sie Luther oft geschichtsklitternd als den Wegbereiter Hitlers verleumden. Diese Leute müssen sich Fragen gefallen lassen:

Wenn der Holocaust in Luthers Lehre wurzelte, wieso wurde er dann nicht im einheitlich lutherischen Skandinavien verbrochen, sondern im gemischt katholisch-lutherisch-calvinistisch geprägten Deutschland?

Wie erklären sich Luthers Kritiker, dass sich im Zweiten Weltkrieg nicht nur deutsche Regimegegner wie die Lutheraner Dietrich Bonhoeffer und Hermann Sasse auf ihn beriefen, sondern vor allem auch skandinavische Widerstandsführer, darunter der mutige Bischof von Oslo, Eyvind Berggrav?

Überhaupt: Wieso ignorieren deutsche Theologen heute Luthers eiserne Lehre vom Widerstand gegen Despoten, eine Doktrin, die Männern wie Bonhoeffer und Berggrav Kraft gab?
Wieso übersehen sie, dass die ärgsten Bösewichte des Dritten Reiches ehemalige Katholiken waren, namentlich Hitler, Himmler, Goebbels und Julius Streicher, der den evangelischen Kirchen sogar vorwarf, Luthers judenfeindliche Schriften jahrhundertelang unterschlagen zu haben?

Warum verschweigen sie die Erkenntnis des Holocaust-Forschers Simon Wiesenthal, dass 75 Prozent der Kommandanten von Vernichtungslagern Österreicher waren, also mutmaßlich Ex-Katholiken?

Nicht dass jetzt die Schuld am Holocaust der katholischen Kirche untergeschoben werden sollte; auch das wäre ein schwachsinniges Klischee. Vielmehr war’s doch wohl so, wie der evangelische Theologe und NS-Gegner Helmut Thielicke 1945 schrieb, nämlich dass »ein Schuldverhältnis über der Welt brütet, über ihren Kontinenten und Meeren«. So ist es auch heute. Umso verwerflicher erscheint es mir, dass zum Reformationsjubiläum nicht nachdrücklich an den Schatz erinnert wird, den Luther unserer verwirrten Zeit hinterlassen hat und von dem der große britische Theologe Gordon Rupp bereits unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg schrieb, dass er uns von Hitler heilen könne.

Dieser Schatz besteht einmal aus Luthers Wegweiser zu einem gnädigen Gott, der uns von Sünde, Tod und Teufel befreit: Nur der Glauben an Christi Erlösungswerk am Kreuz kann dies bewirken. Zum anderen weist er uns den einzigen Ausweg aus der weltumspannenden Ichsucht, an der unsere Zivilisation zu zerbrechen droht. Und hier bietet sich nur Luthers Lehre an, wonach Gott jeden Einzelnen beruft, in allen Alltagswerken dem Nächsten zu dienen – dem Nächsten, dem Anderen, und nicht sich selbst.

Was nun das düstere Vermächtnis von Luthers judenfeindlichen Schriften anbelangt, sollten wir ganz einfach sein letztes geschriebenes Wort zitieren: »Wir sind Bettler, das ist wahr.«

Dokumentiert: Wie ein Bischof mit Martin Luther die Politik der Nazis unterstützte
Der Thüringer evangelisch-lutherische Landesbischof und vormalige Lauschaer Pfarrer Martin Sasse schrieb im Vorwort zu seiner Schrift »Martin Luther und die Juden – Weg mit ihnen!« im Jahre 1938: »Am 10. November 1938, an Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen. Vom deutschen Volk wird … die Macht der Juden auf wirtschaftlichem Gebiet im neuen Deutschland endgültig gebrochen und damit der gottgesegnete Kampf des Führers zur völligen Befreiung unseres Volkes gekrönt. In dieser Stunde muss die Stimme des Mannes gehört werden, der als der Deutschen Prophet im 16. Jahrhundert einst als Freund der Juden begann, der, getrieben von seinem Gewissen, getrieben von den Erfahrungen und der Wirklichkeit, der größte Antisemit seiner Zeit geworden ist, der Warner seines Volkes wider die Juden.«

Wenn Kirchen aufblühen

17. August 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Nachgefragt: Zur Halbzeit der Bundesgartenschau ziehen die Kirchen eine positivere Bilanz als die Veranstalter

In der Brandenburger Johanniskirche blühen gerade die Fuchsien. Große Töpfe mit prämierten Züchtungen bestimmen das Bild des Gotteshauses in der Havelstadt. Wo einst die Brandenburger zum Gottesdienst gingen, prägen nun die Besucher der Bundesgartenschau das Bild: Das Selfie mit der Fuchsie ist in diesen Tagen ein gefragtes Souvenir.

Rund 750 000 Menschen haben die Bundesgartenschau in Brandenburg (Havel), Rathenow, Havelberg, Premnitz und Stölln bereits besucht. Zum ersten Mal wird die Blumenschau an fünf verschiedenen Orten entlang des gemächlich dahinströmenden Flusses ausgetragen – und zum ersten Mal werden zwei Kirchengebäude als Blumenhalle genutzt.

»Im Großen und Ganzen gefällt das den Besuchern«, sagt der Koordinator der Kirchenangebote auf der Gartenschau, Pfarrer Thomas Zastrow. Kritische Nachfragen, warum denn aus der Kirche eine Ausstellungshalle geworden sei, gebe es kaum. Nur im sachsen-anhaltischen Havelberg, wo die Stadtkirche St. Laurentius ebenfalls zur Blumenhalle wurde, habe es einmal Probleme gegeben, als im Rahmen einer japanischen Blumenschau ein Buddha in der Kirche aufgestellt wurde. Was auch aus Sicht der zuständigen Berlin-Brandenburgischen Landeskirche nicht möglich war. »Aber es wird immer einzelne Besucher geben, denen irgendetwas nicht gefällt«, sagt Zastrow.

Die St.-Laurentius-Kirche im sachsen-anhaltischen Havelberg beherbergt wie auch die Johanniskirche in Brandenburg an der Havel wechselnde Blumenschauen im Rahmen der Bundesgartenschau 2015. Foto: picture alliance/Kitty Kleist-Heinrich

Die St.-Laurentius-Kirche im sachsen-anhaltischen Havelberg beherbergt wie auch die Johanniskirche in Brandenburg an der Havel wechselnde Blumenschauen im Rahmen der Bundesgartenschau 2015. Foto: picture alliance/Kitty Kleist-Heinrich

Im Unterschied zu den Veranstaltern der Bundesgartenschau, die mit den 750 000 bisher im Havelland angekommenen Besuchern hinter den Erwartungen zurückliegen, sind die Organisatoren der kirchlichen Programme auf der Gartenschau froh über den Stand der Dinge. Genaue Teilnehmerzahlen allerdings habe man nicht erhoben, sagt Zastrow. »Das ist schon vom Aufwand her für uns nicht möglich.« Doch an allen fünf Standorten der Gartenschau fänden regelmäßige Mittagsandachten statt, für die etwa in Premnitz oder Rathenow sogar eigene Kirchenpavillons auf dem Gelände errichtet wurden.

»Wir freuen uns auch darüber, dass die Veranstalter der Gartenschau an den Eingängen auf unsere Angebote hinweisen«, sagt Zastrow. Und es gebe auch immer wieder Reisegruppen, die ihren Buga-Besuch speziell auf die Angebote der Kirchen abstimmen würden, sodass die Besucher am Mittag tatsächlich an der Andacht teilnehmen könnten.

Doch von Katastrophen blieb auch die Buga im Havelland nicht verschont: Bei einem Unwetter im Juni wurde auf dem Gelände in Rathenow ein Besucher der Gartenschau von einem Ast erschlagen. Eine gute Woche lang war der dortige Park daraufhin für Gäste gesperrt. »Da ruhte auch bei uns alles«, sagt Zastrow. Eigene Gedenkveranstaltungen der Kirche habe es auf der Gartenschau anschließend trotzdem nicht gegeben. »Die Besucher der Gartenschau kommen ja oft aus der Ferne«, sagt Zastrow. »Viele von ihnen haben gar nicht mitbekommen, dass das Unglück geschehen ist.« Allerdings sei in mancher Kurzandacht unmittelbar nach dem Zwischenfall des Toten gedacht worden.

»Insgesamt jedenfalls sind wir mit der Resonanz auf unsere Angebote sehr zufrieden«, so der Koordinator. So werde der Dom von Havelberg mit seinem weit über das Land sichtbaren romanischen Westwerk an manchen Tagen von bis zu 1 000 Menschen besucht. Und auch der Brandenburger Dom, der in diesem Jahr sein 850-jähriges Jubiläum feiert, freut sich über zahlreiche Gäste – zu denen auch schon Bundespräsident Joachim Gauck zählte. Er gratulierte dem Dom und der Domgemeinde im Juni bei einem Festgottesdienst zum Jubiläum.

Benjamin Lassiwe

Hinweise zum kirchlichen Buga-Programm finden sich im Internet. Zu den besonderen Höhepunkten der nächsten Wochen gehören etwa zwei Gottesdienste im Havelberger Dom mit Landesbischöfin Ilse Junkermann aus Magdeburg am 23. August sowie mit Margot Käßmann am 6. September. Beginn ist jeweils 10 Uhr.


www.kirche-buga-2015.de

Maria in Grisaille

3. Dezember 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Maler Michael Triegel entwarf zum ersten Mal Fenster für eine katholische Kirche

Noch fällt das Licht ungefiltert durch die dreigeteilten Bogenfenster oben im Ost- und Westgiebel der katholischen Kirche in Köthen. Doch das wird die längste Zeit so gewesen sein. In knapp einem Jahr sollen die neuen Fenster eingeweiht werden, mit deren Entwürfen die Pfarrei den Maler Michael Triegel beauftragte. Große Beachtung fand er 2010 mit seinem Porträt von Papst Benedikt XVI. In den Jahren zuvor hatte der in Leipzig ausgebildete Künstler farbenprächtige Gemälde für Kirchen geschaffen, die sich überwiegend an der italienischen Renaissance und des Manierismus orientierten. Mit den Entwürfen für die Fenster betritt der »Papstmaler« nicht nur mit der künstlerischen Technik Neuland, sondern auch mit der Hinwendung zur Grisaille: Die in Grautönen gehaltenen Figuren agieren vor lichtblauem Hintergrund. Triegel geht damit auf den spätklassizistischen Kirchenbau ein, der 2009 restauriert und dabei auf die ursprüngliche Farbfassung zurückgeführt wurde.

Das große Mittelfenster auf der Ostseite zeigt eine Pietà von Michael Triegel. Foto: Heiko Rebsch

Das große Mittelfenster auf der Ostseite zeigt eine Pietà von Michael Triegel. Foto: Heiko Rebsch

Die Kirche ist ein Auftragswerk des herzoglichen Hofbaumeisters Christian Gottfried Heinrich Bandhauer (1790–1837) für das am 24. Oktober 1825 zum Katholizismus konvertierte Fürstenpaar Friedrich Ferdinand von Anhalt-Köthen und seine Frau Julie. Erbaut wurde die Pfarr- und Schlosskirche St. Maria von 1827 bis 1832. Die Schutzpatronin hat nicht nur Einfluss auf das Bildprogramm, sondern auch auf die Farbigkeit: Blau ist in der kirchlichen Überlieferung der Gottesmutter Maria zugeordnet und symbolisiert zudem den Himmel.

Das große Mittelfenster auf der Ostseite zeigt eine Pietà. Maria hält am Fuß des Kreuzes den Leichnam ihres Sohnes auf dem Schoß, mit ihrer linken Hand ergreift sie seinen linken Arm und hält ihn in einer zum Himmel weisenden Geste. Dornenkrone und Nägel liegen ihr zu Füßen. Die kleinen Seitenfenster stellen die Verkündigung – Maria mit dem Reinheitssymbol der Lilie – und die Empfängnis dar: Maria hält ein geschlossenes Buch in der Hand, Hinweis des Künstlers darauf, dass mit der Menschwerdung Christi ein neues Testament beginnt. Auf der Westseite, über der Orgel, ist die Aufnahme Marias in den Himmel dargestellt. Gottvater und Sohn, spiegelbildlich dargestellt und nur durch die Wundmale voneinander zu unterscheiden, krönen Maria mit zwölf Sternen zur Himmelskönigin, die als Symbol ihrer Herrschaft einen Granatapfel hält. Über allem schwebt der Heilige Geist in Gestalt einer Taube. In den Seitenfenstern sind, als Vertreter der der Erlösung bedürftigen Menschheit, Adam und Eva dargestellt. Adam dreht sich hoffend zum Licht. Eva hat den Apfel, das Symbol der menschlichen Schuld, abgelegt.

Die technische Umsetzung der Entwürfe übernimmt die renommierte Glasmalerei Peters aus Paderborn. Unter anderem stammt von ihr die Glasfassade des neuen Technologiezentrums in Halle und das Fensterprogramm in der Apostolischen Nuntiatur in Berlin. In Köthen wird die bisherige Fensterkonstruktion erhalten bleiben. Die Entwürfe Triegels werden auf je eine große, ungeteilte Scheibe übertragen und gebrannt. Kleine zusammengesetzte Glasscheiben wird es in St. Maria nicht geben.

Die Baubegleitung und Planung liegen in Händen des Köthener Ateliers für Architektur und Denkmalpflege (AADe), das unter anderem die Generalsanierung des Gymnasiums Philanthropinum in Dessau übertragen bekam. Den Hauptteil der Gesamtkosten in Höhe von 200 000 Euro tragen die Ostdeutsche Sparkassenstiftung und die Kreissparkasse Anhalt-Bitterfeld. Das Glaskunstprojekt hat die Pfarrei mit der Kunstkommission des Bistums Magdeburg abgestimmt. Eingeweiht werden die Fenster am 24. Oktober 2015.

Angela Stoye

Bilder von Gewalt im Namen Gottes

29. Oktober 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Sie steht verloren am Rand des Speicher B im Wissenschaftshafen Magdeburg: Die Installation der Künstlergruppe WUESTend, hinter der sich Gerrit Heber, Uli Wittstock und Henry Mertens verbergen und die im Rahmen des Kunstfestivals »Olo Bianco« ausstellt. Von der Decke hängen drei Objekte, die an Lampions erinnern. Darunter ein Fernseher und eine weiße Tafel, gebettet auf Holz. Unscheinbar und harmlos. Ein Blick auf den Fernseher aber, in dem in Endlosschleife kurze Videosequenzen abgespielt werden, offenbart Schreckliches: Terror, Krieg, Gewalt. Die Schlachtfelder gleichen sich – egal aus welcher Zeit und von welchem Ort die Bilder stammen.

»Fleischwerdung«. Foto: Stefan Körner

»Fleischwerdung«. Foto: Stefan Körner

Die weiße Tafel klärt auf: Es sind Akte der Gewalt, die im Namen der drei abrahamitischen Religionen verübt wurden. Gezeigt werden die brutalen Schattenseiten von Judentum, Christentum und Islam. Die Installation heißt »Fleischwerdung«. WUESTend wissen um die Zentralstellung des Gedankens der Fleischwerdung Gottes in Jesus Christus. Und sie wissen auch, dass es diese Vorstellung ist, die das Christentum von Islam und Judentum trennt. Sie gehen davon aus, dass alle drei Religionen sich auf einen Gott beziehen und im Namen dieses einen Gottes Waffen segnen und Gewalt verüben. Die Fernsehbilder führen es schmerzhaft und manchmal schwer erträglich vor Augen. Die Endlosschleife, in der sie gezeigt werden, kennt keinen Anfang und kein Ende: Der Kreislauf von Gewalt- und Gegengewalt. Das ist wahr, das tut weh und das wird zu oft verdrängt. Der Titel »Fleischwerdung« suggeriert dabei: So werden Religionen sichtbar, so wird aus religiösen Ideen Fleisch.

Durch die Videos wirken die weißen Objekte über dem Bildschirm plötzlich wie Körper, gehüllt in ein Leichentuch. Aber WUESTend machen es sich zu leicht. In ihrem Begleittext schreiben sie, die Antwort auf diese bedrohliche Lage sei der Atheismus, dem mit der Installation ein Altar erbaut werden soll. Damit bereitet sie einem Vulgäratheismus die Bühne, der alle Religionen auf ihre Schattenseiten reduziert und für alle Übel der Welt verantwortlich macht und dabei so tut, als hätte es nie Verbrechen im Namen des Atheismus gegeben. Die Antwort kann aber nur eine innertheologische sein: die Botschaft der Versöhnung, die alle drei Religionen kennen.

Bei aller Kritik lohnt der Blick auf die Installation, weil sie Fragen provoziert: Ist es die Aufgabe von Kunst, fertige Lösungen für komplexe Probleme anzubieten? Wie repräsentativ ist diese Sicht auf die Religionen, wie weit verbreitet ist sie in der Gesellschaft und wie kann man ihr als Christ begegnen? Und schließlich: Wie bereit sind die Religionen und ihre Anhänger, sich ihren eigenen Schattenseiten auszusetzen, sie auszuhalten. WUESTend machen das Verdrängte sichtbar, wecken damit hohe Erwartungen, an denen sie in der Konsequenz aber scheitern. Eines ist die Installation aber mit Sicherheit: Diskussionswürdig, streitbar und provokant.

Stefan Körner

Bis zum 4. November. Öffnungszeiten: Donnerstag 17.30 bis 23.30 Uhr, Freitag 17.30 bis 5.00 Uhr, Sonnabend 12.00 bis 5.00 Uhr, Sonntag: 12.00 bis 23.30 Uhr


www.kulturanker.de

Kraftvolle Striche

23. Juli 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Farbige Fenster gaben Anstoß zur Max-Uhlig-Retrospektive in Magdeburg


Die Wucht des Striches und der Farben nimmt gefangen. Die frühen Grafiken sind ein Kontrapunkt. Das Kunstmuseum Kloster Unser Lieben Frauen in Magdeburg präsentiert das Werk Max Uhligs mit 160 Gemälden und Zeichnungen.

Dass gerade Magdeburg die erste Retrospektive des 77-jährigen Dresdner Künstlers zeigt, hat mit einem Projekt zu tun, das Max Uhlig seit Jahren ganz und gar ausfüllt. Er entwarf farbige Fenster für die Südwand und monochrome für den Chor der Johanniskirche. Diese Kirche der Kaufleute, in der 1524 Martin Luther predigte und damit die Reformation in Magdeburg auf den Weg brachte, wurde im Lauf der Jahrhunderte mehrmals zerstört. Nach 1945 stand sie als mahnende Ruine und ist seit 15 Jahren als städtischer Konzert- und Festsaal wieder aufgebaut worden. Das Kuratorium zum Wiederaufbau der Johanniskirche hat sich als Abschluss des Vorhabens die künstlerische Gestaltung der gotischen Fenster vorgenommen und wirbt dafür um Spenden.

Die Einladung, Entwürfe für dieses Projekt beizusteuern, nahm Max Uhlig gern an und war gefangen. Nicht nur, weil es seine erste Arbeit auf Glas ist. Noch auf der Rückfahrt von der Besichtigung entstanden die ersten Skizzen – auf einem Briefumschlag. Er arbeite mit Begeisterung für diesen Raum, gestand er bei einer Präsentation im Dezember vorigen Jahres.

Die ersten neun Scheiben für die Fenster der Johanniskirche gehören zur Max-Uhlig-Retrospektive im Kunstmuseum Magdeburg. – Foto: Renate Wähnelt

Die ersten neun Scheiben für die Fenster der Johanniskirche gehören zur Max-Uhlig-Retrospektive im Kunstmuseum Magdeburg. – Foto: Renate Wähnelt

Überlegungen, mit der Gestaltung Bezug auf die Geschichte der Stadt zu nehmen oder auf die Kirche als Grablege Otto von Guerickes wichen schließlich dem Entwurf einer Landschaft. Ein zerschnittenes und neu zusammengesetztes Landschaftsbild sollen die sechs Fenster der Südwand sein. Doch es gibt auch andere Assoziationen, beispielsweise zu einem Feuersturm.

»Solche Assoziationen kommen. Den Feuersturm gab es«, sagte Max Uhlig am Rande der Ausstellungseröffnung im Magdeburger Kunstmuseum. In der Ausstellung sind die ersten neun Scheiben zu sehen, das untere Drittel eines Fensters. Dass Uhlig hier eine Landschaft darstellt, erschließt sich dem Kenner seines Werkes. Die Ausstellung in Magdeburg zeigt viele Landschaften in Uhligs unverkennbarem Stil, der eben keine Landschaftsbilder im herkömmlichen Sinn entstehen lässt. Kraftvoll wirken die Bilder mit ihren satten Farben, dominiert von den dicken dunklen Strichen. »Vor der Natur gewachsen«, so der Titel der Retrospektive. In ihr sind natürlich auch viele Porträts zu finden, das zweite große Thema Max Uhligs. Sie ebenfalls wie verborgen hinter den kraftvollen Strichen.

Spannend die Begegnung mit frühen Arbeiten. Sie sind gegenständlicher, zeugen jedoch schon von der Handschrift des Künstlers.

Max Uhlig, 1937 in Dresden geboren, blieb lange der große Erfolg im eigenen Land versagt, während er international anerkannt war. Nach einer Lehre als Schriftmaler und dem Studium an der Hochschule für Bildende Künste Dresden war er Meisterschüler an der Deutschen Akademie der Künste in Berlin bei Hans-Theo Richter. Seine Art zu malen fand im Ausland mehr Beachtung als daheim, trotz etlicher Ausstellungen. 1979 wurde er bei der 6. British International Print Biennale Bradford ausgezeichnet. 1987 folgte der Käthe-Kollwitz-Preis der Akademie der Künste Berlin, danach viele weitere Ehrungen. Max Uhlig schuf das Porträt des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder.

In den Fenstern für die Johanniskirche kulminiert Max Uhligs Lebenswerk, inhaltlich und auch zeitlich, denn daneben ist keine Tafelmalerei entstanden. Er wünscht sich, dass der Betrachter seiner Intention folgen kann: Von der Landschaft der Farbfenster zu den schwarz-weiß gehaltenen Weinstöcken in den Chorfenstern, die Lebenskraft und Wachstum symbolisieren sollen, zugleich einen Bogen von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft schlagend. »Zeitgenössische Kunst ist eine Herausforderung«, sagt der Maler.

Renate Wähnelt

Die Ausstellung ist bis zum 26. Oktober zu sehen. Ein Katalog erscheint im Juli.

www.kunstmuseum-magdeburg.de
www.kuratoriumjohanniskirche.wordpress.com

Von Beruf Pfarrer

15. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Beruf des Pfarrers steht im Mittelpunkt eines Dokumentarfilmes, der am 6. April in Halle seine Kinopremiere erlebte. Die Filmemacher Chris Wright und Stefan Kolbe haben ein Jahr lang eine Gruppe junger Frauen und Männer in der Endphase ihrer Ausbildung zum Pfarrer begleitet. Nach dem akademischen Studium ging es nun um die praktische Ausbildung im Vikariat. Der Ort des Geschehens ist das Predigerseminar in Wittenberg, direkt am Lutherhaus gelegen, sowie die Schlosskirche am anderen Ende der Innenstadt. Seit 10. April ist der Dokumentarfilm »Pfarrer« in den Kinos.

Filmszene. Foto: Salzgeber & Co. Medien GmbH

Filmszene. Foto: Salzgeber & Co. Medien GmbH

Das Einüben des liturgischen Singens, das Verfassen von Predigttexten und die Gestaltung der Gottesdienste sind die äußeren Handlungsfelder, die von den Filmemachern aus nächster Nähe erfasst werden. Noch größeren Raum nehmen die Gespräche der angehenden Pfarrer untereinander und das jeweils formulierte Selbstverständnis und Glaubensbekenntnis ein. Auch die zuweilen auftauchenden Selbstzweifel werden thematisiert.

Den für das Vikariat am Predigerseminar typischen Ordnungspunkten des Tages folgend, zeigt der Film besondere Momente wie das Morgenlob, die Andacht oder das Abendmahl, aber ebenso das Beisammensein am Grill oder den Spaziergang an der Elbe. Zwischendurch werden ästhetische Akzente gesetzt durch Nahaufnahmen von Blüten oder der Skulptur der Katharina von Bora, ein Blick aus dem Fenster die Collegienstraße herunter oder Details aus dem Inneren der Kirche geben Raum, das Gesehene und Gehörte zu reflektieren.

Ein einziges Mal kommt es zu einem kurzen Disput zwischen dem Filmemacher Chris Wright, der seine atheistische Position benennt, und einigen der Vikare, doch zu einer tiefer gehenden inhaltlichen Auseinandersetzung zweier Sichtweisen auf Gott und die Welt kommt es nicht. Dafür sind zum einen die Vikare als Gruppe viel zu stark, zum anderen sind sie deutlich besser in der Lage, ihren Glauben und ihre Überzeugungen in Worte zu fassen.

Die stärksten Momente hat der Film durch seine visuellen Stimmungen und wenn die Momente des gemeinsamen Singens mit viel Einfühlungsvermögen dargestellt werden.

Zu Beginn heißt es, Wittenberg hat nichts mit der Realität zu tun, womit der Alltag eines Pfarrers gemeint ist, und auch gegen Ende des Films werden die paradiesischen Zustände in Wittenberg angesprochen. Es ist ein Hinweis darauf, dass die wirklichen Bewährungsproben allen angehenden Pfarren noch bevorstehen und so endet der Film im Abspann mit den Terminen der jeweiligen Ordination, die in einem Fall offenbleibt.

Mathias Tietke

Offizieller Kinostart für »Pfarrer« war am 10. April. Der 90-Minuten-Film wird unter anderem in Berlin, Dresden, Düsseldorf, Halle, Magdeburg, Wittenberg, Bremen und Erfurt gezeigt.

Im Fernsehen ist die mit Unterstützung des MDR entstandene Produktion voraussichtlich nächstes Jahr zu Ostern bei arte zu sehen.

Kirche und Krieg

27. Januar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Ethik: Theologische Positionen zum Krieg im Laufe der Jahrhunderte standen im Mittelpunkt der Theologischen Tage in Halle

Der Beginn des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren war der Schwerpunkt der Theologischen Tage in Halle. Unter dem Thema »Kirche und Krieg« ging es dabei aber auch um Fragen der Gegenwart.

Selbst die Vertreter reformatorischer Bewegungen im 16. Jahrhundert waren sich in Fragen von Krieg und Frieden nicht einig. Das begann schon bei der Auslegung der Schrift. Während Erasmus von Rotterdam befand, dass sich das Schwerttragen für einen Christen nicht zieme, war Martin Luther für den standesgemäßen Gebrauch des Schwertes und den Gehorsam gegenüber legitimer Autorität. »Luther sah Zeichen des nahen Weltendes überall«, so der Theologe und Kirchenhistoriker Friedemann Stengel (Halle) in seinem Vortrag über »Reformation und Krieg«. »Er sah überall den Teufel mit seinen Dämonen am Werk.« Nach Ansicht von Erasmus und Nikolaus von Kues führe jedoch der Teufel nicht das Regiment. »Auch der Kriegsgegner ist Menschenkind, nicht Teufel.« Kriege seien nicht von Gott gemacht, sondern von Menschen. Die Protestanten hingegen hätten mit dem Artikel 16 der

Unerträgliche religiöse Überhöhung: Bildpostkartenserie zum Vaterunser aus dem Ersten Weltkrieg. Repro: picture alliance

Unerträgliche religiöse Überhöhung: Bildpostkartenserie zum Vaterunser aus dem Ersten Weltkrieg. Repro: picture alliance

Confessio Augustana – »Von der Polizei (Staatsordnung) und dem weltlichen Regiment« – Schuld auf sich geladen.
Ein Blick auf die deutsch-deutsche Friedensbewegung im Konflikt der Systeme warf die Theologin Angelika Dörfler-Dierken in ihrem Vortrag. Als Langzeitwirkung davon hat sie in Ost und West eine Delegitimation des militärischen Konfliktaustrags ausgemacht. Die Ablehnung von Kampfeinsätzen sei bis heute weit verbreitet; die Zustimmung zu ISAF sinke seit Jahren. In den Kirchen habe die Überzeugung geherrscht, dass die Abwesenheit von »heißem« Krieg nicht gleichbedeutend sei mit Frieden, so Dörfler-Dierken, die an der Universität der Bundeswehr lehrt. Sie entwickelte die These vom »Lustgewinn durch Partizipation an der Friedensbewegung«. Die Aktionen in Ost und West seien von »lebendiger Energie« getragen gewesen. Weil die Menschen Angst vor dem drohenden Atomkrieg hatten, beteiligten sie sich an symbolischen Aktionen zur Angstüberwindung. In der DDR seien alle, die die offizielle Politik nicht guthießen, in die randständige Gegenkultur verbannt gewesen. Mit der Einführung des Wehrkundeunterrichts habe sich der Widerstand intensiviert. Die Entspannungspolitik hatte der Veränderung der Mentalität der Menschen in Ost und West den Boden bereitet. In der DDR wurde der Graben zwischen offizieller Rhetorik und den eigenen Gefühlen der Menschen immer breiter. Insgesamt sei die deutsch-deutsche Friedensbewegung die »Geschichte ungleicher Brüder« gewesen, denen es gelungen sei, über die Systemgrenzen hinweg in Verbindung zu bleiben.

In den Mittelpunkt eines Workshops stellte der Theologe Jörg Ulrich (Halle) die Kriegspredigten in der evangelischen Kirche von 1914 bis 1918. Ein Thema, dem sich Wilhelm Pressel in seiner Dissertation von 1965 gewidmet hatte. Das Gros der Prediger habe Pressel zufolge dem Nationalprotestantismus angehangen. In den Predigten habe eine martiale, kriegslüsterne Sprache vorgeherrscht. Daneben gab es liberale Theologen und wenige, die, wie Christoph Friedrich Blumhardt, die klare Botschaft gepredigt hätten. Auch der hallesche Universitätsprediger Friedrich Loofs, dessen Predigten Ulrich untersucht hat, habe sich gegen Vereinnahmung gewahrt, die Schrecken des Krieges benannt und sich ein eigenständiges Urteil bewahrt.

Die fundamentale Kontroverse, die der Ersten Weltkrieg und seine Folgen unter Theologen ausgelöst hatte, beleuchtete Heinrich Assel (Greifswald) in seinem Vortrag über die »Lutherrenaissance im Krieg und Nachkrieg«. Während für Karl Barth der Krieg die »Offenbarung des Nicht-Göttlichen« gewesen sei, sah der Theologe Karl Holl das anders. »Man stellt überall mit Freude fest, dass der Krieg das beste aus uns herausgeholt hat«, schrieb er 1914. Und der Theologe Emanuel Hirsch (ein Wortführer der Deutschen Christen, Berater von Reichsbischof Ludwig Müller und Befürworter des Treueeides auf Hitler) habe 1934 dem Begriff »politische Theologie« einen souveränitätstheoretischen Sinn zu geben versucht: Politischer Theologe sei, »wer den politisch-völkischen Souverän auch als Souverän der Kirche anerkenne«.

Die ökumenische Friedensethik und die kirchliche Friedensarbeit im Spannungsfeld zwischen ziviler Konfliktbearbeitung, militärischen Interventionen und Kriegsgewöhnung nahm der katholische Theologe Joachim Garstecki (Magdeburg) in den Blick. Er beobachtet, dass die »Zurückhaltung gegenüber militärischen Lösungen« in den vergangenen 25 Jahren an Bedeutung verloren habe. Das Wort Friedenspolitik sei im öffentlichen Sprachgebrauch verschwunden, »sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit« sei vorrangiges Ziel und verwendetes Wort. Sicherheitslogik sei an die Stelle von Friedenslogik getreten, es gebe kein friedenspolitisches Gesamtkonzept. »Der Krieg erscheint heute wieder als Handlungsoption. Das ist eine gefährliche Entwicklung 100 Jahre nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges.«

Angela Stoye

»Ich habe erlebt, wie der Glaube Brücken baut«

29. Oktober 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Militärseelsorge: Vier Monate im Kosovo – Erfahrungen eines Militärseelsorgers aus Mitteldeutschland

Pfarrer Andreas Kölling aus Burg bei Magdeburg war von Mai bis September dieses Jahres mit der Bundeswehr im Kosovo. Harald Krille sprach mit ihm über seine Erfahrungen als Militärseelsorger.

Herr Kölling, wie haben Sie den Kosovo erlebt?
Kölling:
Sehr gegensätzlich. In dem Land – etwa so groß wie Sachsen-Anhalt – gibt es schöne Berge von 2000 Meter Höhe und mehr. Doch die Bäche werden als Kloaken benutzt. Die Menschen sind sehr freundlich, aber im Straßenverkehr gibt es außer dem Halten an roten Ampeln praktisch keine Regeln.

Höhepunkt zum Abschluss seines Einsatzes im Kosovo: Pfarrer Andreas Kölling tauft Stabsunteroffizier Alexander G. in der Feldlagerkapelle Prizren. Foto: privat

Höhepunkt zum Abschluss seines Einsatzes im Kosovo: Pfarrer Andreas Kölling tauft Stabsunteroffizier Alexander G. in der Feldlagerkapelle Prizren. Foto: privat

Wie schätzen Sie die Situation im Kosovo ein und welche Rolle spielt die Bundeswehr dort?
Kölling:
Ich kann mich dazu nur privat äußern. Die Kosovaren, die ich getroffen habe, sind sehr zufrieden mit dem, was die Bundeswehr erreicht hat. Die Zahl der Soldaten geht auch seit Jahren zurück. Das Ende von KFOR kommt wahrscheinlich in wenigen Jahren. Trotzdem ist das Land natürlich von deutschen Verhältnissen weit entfernt, was zum Beispiel die Wirtschaftsleistung oder den Sozialstaat betrifft.

Was gehörte zu Ihren Aufgaben als Militärseelsorger?
Kölling:
Ich habe die knapp 800 deutschen Soldaten betreut. Mein Dienstsitz war in Prizren im Süden des Landes, wo die Bundeswehr ein großes Lazarett betreibt. Außerdem habe ich als »Theatre Chaplain« die Arbeit aller Militärseelsorger bei der KFOR koordiniert und nach außen vertreten.

Gab es ein Ereignis, dass Sie besonders beeindruckte oder bewegte?
Kölling:
Ich traf einen Kosovo-Serben, dessen Sohn im Krieg 1999 erschossen wurde. Wir beide gingen zum Grab und haben dort gemeinsam gebetet und uns umarmt. Da habe ich erlebt, wie der Glaube Brücken baut über Kulturen, Generationen und Konfessionen hinweg.

Ein Militärpfarrer ist ein Armeeangehöriger, aber er ist kein Soldat?
Kölling:
Das ist richtig. Während für einen Soldaten im Einsatz an allen sieben Tagen der Woche während 24 Stunden die Befehle gelten, war bei mir der kirchliche Auftrag entscheidend. Aber ich habe erlebt, wie es den Soldaten geht, die vier Monate lang das Lager nicht ohne dienstlichen Grund verlassen dürfen, deren Alltag bis in private Dinge hinein reglementiert wird. Meine persönliche Einstellung zur Bundeswehr ist dadurch kritischer geworden.

Inwiefern?
Kölling:
Weil ich diese Probleme, die Soldaten in der Bundeswehr haben können, zwar schon kannte, aber im Einsatz viel unmittelbarer und authentischer damit konfrontiert war.

Haben Sie selbst früher Militärdienst geleistet?
Kölling:
Nein.

Wie hat sich die Situation im Einsatz auf Ihre Arbeit ausgewirkt?
Kölling:
Ich konnte die Soldaten besser erreichen als Zuhause, weil wir uns besser kennenlernen und vertrauen konnten. Neben Gottesdienst und Seelsorge habe ich einen Glaubenskurs durchgeführt, in dem wir uns zehn Wochen lang intensiv mit Glaubensfragen auseinandergesetzt haben. Außerdem habe ich einige ­Betreuungsfahrten organisiert. Dabei ging es darum, nicht nur etwas vom Land kennenzulernen, sondern auch mit Einwohnern ins Gespräch zu kommen, vorzugsweise zu religiösen Fragestellungen.

Sie haben viel mit Soldaten aus den neuen Bundesländern zu tun, denen man allgemein religiöse Ignoranz nachsagt. Was sind Ihre Erfahrungen?
Kölling:
Es gibt die ganze Bandbreite, auch Ignoranz. Oft liegt das daran, dass keine eigenen Erfahrungen mit Kirche vorliegen. Bei einer Runde mit 20 Soldaten fragte ich einmal, wer denn außerhalb der Bundeswehr schon mal einen Pfarrer getroffen habe. Vier meldeten sich.

Ihren Worten kann man entnehmen, dass die Arbeit der Militärseelsorge in der Bundeswehr große Freiheit ­genießt?
Kölling:
Das stimmt. Ich treffe aber auch auf Vorgesetzte, die nicht recht wissen, wie sie mit der Militärseelsorge umgehen sollen. Da wird dann beispielsweise ein Antreten auf die Gottesdienstzeit gelegt.

Und wie reagieren Sie darauf?
Kölling:
Ich muss dann sehr deutlich und selbstbewusst für meinen Auftrag eintreten. Auch einen Konflikt darf ich nicht scheuen. Aber mir ist es wichtig, dass mein Handeln nachvollziehbar ist, dass klar wird, warum ich mich so verhalte.

Von Gegnern der Militärseelsorge ist gelegentlich der Vorwurf zu hören, Militärpfarrer sollen ja nur den Soldaten die moralischen Skrupel zum Töten nehmen – was sagen Sie darauf?
Kölling:
Schaut euch eure Pfarrer an! Wir sind berufen zum Dienst unter den Kindern Gottes. Bei Bestattungen werden wir unmittelbar mit der Trauer konfrontiert. Wie sollen wir es dann fertigbringen, Menschen das Töten zu erleichtern?

Die KFOR-Truppe ist International – welche Rolle spielt die Ökumene?
Kölling:
Als Gemeindepfarrer habe ich nie so viel Ökumene erlebt, wie in der Militärseelsorge. Und jetzt im Einsatz war es noch intensiver: Da war täglich die Zusammenarbeit mit dem deutschen katholischen Militärseelsorger. Wir wurden bei den Soldaten als ein Team wahrgenommen. Dann waren da die anderen Militärseelsorger aus zehn verschiedenen Nationen, darunter ein orthodoxer Priester. Am stärksten haben mich unsere gemeinsamen Gottesdienste beeindruckt.

Wie ging es Ihnen persönlich im Einsatz?
Kölling:
Vier Monate weg von der ­Familie waren nicht schön, und für meine Frau mit den zwei Kindern schwerer als für mich. Ich selber wurde durch mein Kirchenamt bei der Bundeswehr hervorragend betreut und sogar im Einsatz besucht. Der Glaubenskurs, den ich den Soldaten anbot, war auch für mich selbst gut, um mir immer wieder deutlich zu machen, aus welchen Quellen ich lebe und glaube. Insgesamt war es für mich eine gute Zeit, weil ich als Seelsorger dicht an den Menschen dran sein konnte. Und mit einer Soldatentaufe beim letzten Gottesdienst hatte ich noch ein richtiges Highlight zum Schluss.

Hintergrund: Die KFOR im Kosovo

Blick-2-Logo-43-2013Die Kosovo-Truppe (englisch Kosovo Force oder kurz KFOR) ist die 1999 nach Ende des Kosovokrieges aufgestellte internationale militärische Schutztruppe unter ­Führung der NATO. Sie hat die Aufgabe, im Namen des UN-Sicherheitsrates Recht und Ordnung, insbesondere den Schutz der Zivilbevölkerung und die Rückkehr der Flüchtlinge in der ehemaligen serbischen Provinz sicherzustellen. Daneben soll sie für die Demilitarisierung der Region sorgen. In diesem Zusammenhang wurden bereits viele Tonnen an Waffen und Munition in der Region aufgespürt und eingezogen. Das KFOR-Hauptquartier befindet sich in der Hauptstadt Priština. Derzeit umfasst die KFOR Soldaten aus 31 Nationen, Deutschland stellt mit 741 Soldaten das größte Kontingent.
(mkz)

Blühende Alltagsfrömmigkeit des Mittelalters

8. Oktober 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Faszinierende Einblicke in den Vorabend der Reformation: die Ausstellung »Umsonst ist der Tod« in Mühlhausen

Mit einem Hieb wurde die Hand vom Körper getrennt. Bleiche Knochen, stellenweise mumifiziert, fordern noch heute, Jahrhunderte später, die Bestrafung einer Untat, die sich wohl einst bei Wippra (Kirchenkreis Eisleben-Sömmerda) ereignete.

»Das ist die Hand eines Getöteten, ein Leibzeichen.« Hartmut Kühne zeigt auf das ausgestellte Kästchen: »Vom Opfer abgenommen, war es vor einem mittelalterlichen Gericht der Beweis für den Rechtsanspruch. In ihm war der Tote sozusagen selbst vertreten.« Wurde ein Schuldspruch gefällt, habe der Mörder das Leibzeichen auch standesgemäß beerdigen müssen. Das geschah bei dieser Hand aber nicht. »Da hat man vor 500 Jahren den Täter wohl nicht gefunden«, stellt der Kirchenhistoriker fest.

Votivgabe nach Befreiung: Kurator Hartmut Kühne erläutert die Bedeutung der Ketten aus Bad Wilsnack. Foto: Matthias Hemmann

Votivgabe nach Befreiung: Kurator Hartmut Kühne erläutert die Bedeutung der Ketten aus Bad Wilsnack. Foto: Matthias Hemmann

Kühne hat als Kurator das Forschungsprojekt der drei mitteldeutschen Länder »Alltag und Frömmigkeit am Vorabend der Reformation« verantwortet. Bei Fahrten in die ländlichen Regionen Thüringens, Sachsens und Sachsen-Anhalts trug er viele Exponate zusammen, die über ein halbes Jahrtausend in den Archiven und Pfarrämtern, auch auf manchem Kirchenboden unbeachtet überdauerten. In Mühlhausen werden sie erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Sie geben der am 29. September eröffneten Ausstellung »Umsonst ist der Tod« ihren Charakter, will diese die Blicke doch nicht so sehr auf herausragende Funde lenken. Stattdessen präsentiert Hartmut Kühne eher Dinge des Alltags, wie etwa eiserne Ketten aus Bad Wilsnack. In Ketten gelegt, sah sich mancher einem ungewissen Schicksal entgegen – und erbat Hilfe an wundertätigen Orten. Wurde er befreit, suchte er den Wallfahrtsort wieder auf, um dort voller Dankbarkeit seine Ketten abzulegen.

Interessant ist auch ein sogenannter Auffahrts-Christus mit beweglichen Armen. Während der Messe am Himmelfahrtstag zur Kirchendecke hinaufgezogen, verschwand die Figur dort durch eine Öffnung, womit der versammelten Gemeinde die Himmelfahrt Jesu verdeutlich wurde.

Insgesamt basiert die Schau auf der Grundthese der neuesten Geschichtswissenschaft, dass es falsch sei, die Reformation als Folge eines Niedergangs von Kirche und Frömmigkeit anzusehen. »Den gab es nicht«, betont Thomas T. Müller, Direktor des Mühlhäuser Museums am Lindenbühl: »Leider ist bei uns im Mutterland der Reformation diese Meinung noch weit verbreitet.« Er verweist auf die Ergebnisse des Forschungsprojektes zur religiösen Praxis, zu Prozessionen, kirchlichem Alltag und Ablasswesen in den Jahren um 1500: »Man geht heute davon aus, dass es damals eine blühende Alltagsfrömmigkeit gab, aus der heraus sich die Reformation entwickeln konnte.«

Matthias Hemmann

Die Ausstellung steht unter der Schirmherrschaft der evangelischen und katholischen Bischöfe der beteiligten Länder und ist bis zum 13. April 2014 im Mühlhäuser Museum am Lindenbühl zu sehen, danach in Leipzig und Magdeburg.
Öffnungszeiten: Di–So, 10–17 Uhr

www.umsonstistdertod.de

Zeitreise ins Mittelalter

28. Mai 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Straße der Romanik in Sachsen-Anhalt feiert ihr 20-jähriges Bestehen

Sachsen-Anhalt feiert in diesem Jahr seine Geschichte. Und das von Mai bis Oktober an 80 Orten mit einer Zeitreise zurück in das Mittelalter. »80 Tage an der Straße der Romanik«, heißt eine Veranstaltungsreihe, mit der die Tourismusroute ihr 20-jähriges Bestehen begeht und ihre einzigartigen Baudenkmäler verstärkt in das Blickfeld rückt. An jedem der 80 Tage steht ein Ort der insgesamt 80 Stätten im Mittelpunkt. So viele sind es genau, die mittlerweile die Route zwischen dem Benediktiner-Nonnenkloster in Arendsee im Norden und der Moritzburg in Zeitz im Süden, zwischen der Klosterkirche Ilsenburg im Westen und dem Figurengrabstein in Genthin-Altenplathow im Osten umfasst.

»Die Straße der Romanik ist eine Erfolgsgeschichte«, sagt Andrea Meyer, Geschäftsführerin des Saale-Unstrut-Tourismusvereins. Sie zähle nicht nur zu den vier touristischen Marken im Land, sie gehöre auch zu den Top zehn der Tourismusstraßen in Deutschland. Der Anteil der Gäste, die sich bei einem Besuch den historischen Baudenkmälern widmen, sei in den vergangenen Jahr gestiegen, zog die Vereinschefin weiter Bilanz. Von 29 Prozent und rund 468000 Besuchern im Jahr 2007 auf 34 Prozent und 554000 Besuchern im Jahr 2012. 1993 auf Initiative des Wirtschaftsministe­riums gegründet, eröffnete der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker am 7. Mai 1993, am Todestag von Kaiser Otto des Großen, im Kloster Unser Lieben Frauen in Magdeburg die Straße der Romanik. Die Route verbindet Dome, Burgen, Klöster und Kirchen, die zwischen dem 10. und der Mitte des 13. Jahrhunderts entstanden sind. Die Straße der Romanik markiert auf 1200 Kilometern mit einer Nord- und einer Südroute und Magdeburg als Schnittpunkt die Form einer Acht.

Schloss Neuenburg lädt am 2. Juni gemeinsam mit der Freyburger Stadtkirche St. Marien zu einer Entdeckungsreise in die Romanik mit dem Titel »Wasserspeier, Kreuz und Lilie« ein. Foto: picture-alliance/dpa

Schloss Neuenburg lädt am 2. Juni gemeinsam mit der Freyburger Stadtkirche St. Marien zu einer Entdeckungsreise in die Romanik mit dem Titel »Wasserspeier, Kreuz und Lilie« ein. Foto: picture-alliance/dpa

Die Veranstaltungsreihe als Initiative des Landes wird unter anderem in der Saale-Unstrut-Region mit insgesamt 17 Angeboten gefüllt, koordiniert von der Arbeitsgruppe Romanik. »Als das Konzept erarbeitet wurde, haben wir überlegt, welche Veranstaltungen in die Reihe passen. Ein runder Geburtstag soll besonders gewürdigt werden«, betont Kerstin Wille, Sprecherin der Domstifter. Dabei stehen nicht nur Führungen auf dem Programm. Eine ganze Bandbreite an Veranstaltungen wird aufgefahren – mit zum Teil besonderen Gästen und speziellen Angeboten. Im Merseburger Dom und in der Ägidienkurie am Naumburger Dom wird die Klangvielfalt des Mittelalters und die Akustik der romanischen Räume erlebbar. Mit kulinarischen Raffinessen warten die Eckartsburg und die Rudelsburg auf. Während im Kloster Memleben an der Grenze zu Thüringen Pater Anselm Grün am 18. September zu einem Vortrag mit dem Titel »Leben im Angesichts des Todes« erwartet wird, gastieren die Neue Elbland Philharmonie und der Meißner Domchor am 7. September im Naumburger Dom. Auf Schloss Goseck findet am 5. Oktober die fünfte Novalisnacht statt. Zudem heißt es mit mehreren Ausstellungen »Neue Kunst in alten Mauern«. »Diese Vielfalt sollte rege genutzt werden«, meint Kerstin Wille und bemerkt: »Hinter jedem Ort steht nicht nur Geschichte, sondern auch Geschichten von engagierten Menschen.«

Wer die Saale-Unstrut-Region besucht – der kann in diesem Jahr noch weitere besondere Angebote wahrnehmen. Innerhalb der Bewerbung zum Titel Weltkulturerbe der UNESCO wurde ein Programm mit ­Erlebnisführungen gestrickt. Und mit der Weinstraße an Saale und Unstrut begeht eine weitere Tourismusroute ihr 20-jähriges Bestehen.

Constanze Matthes

www.sachsen-anhalt-tourismus.de

Ausgezeichneter Kirchenraum

23. April 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Das Taufzentrum in der Lutherstadt Eisleben erhielt den Architekturpreis

Macht Luther innovativ? Es scheint so. Die Umgestaltung der St.-Petri-Pauli-Kirche in Eisleben zum Zentrum Taufe war ein Experiment. Und wie es scheint ein gelungenes. Längst sind fast alle kritischen Stimmen verstummt. Ein Jahr nach der Fertigstellung dominiert der Optimismus. Jetzt eine zusätzliche Aufwertung. Der Architekturpreis des Landes Sachsen-Anhalt 2013 ging nun an den Sakralbau. Das Projekt behauptete sich unter 60 Bewerbungen.

Am 12. April wurde der Preis in Magdeburg überreicht.

Blick in die St.-Petri-Pauli-Kirche in der Lutherstadt Eisleben. Foto: Klaus-Peter Voigt

Blick in die St.-Petri-Pauli-Kirche in der Lutherstadt Eisleben. Foto: Klaus-Peter Voigt

Zum zweiten Mal bei einer solchen Ehrung, die alle drei Jahre vergeben wird, ist der Reformator mit im Spiel. 2007 war es das Luthergeburtshausensemble, dass von der Jury ausgewählt wurde. Nun hat die Umgestaltung seiner Taufkirche nach dem Entwurf des Berliner Architekturbüros AFF überzeugt. »Es fällt nicht leicht, einen auratischen Raum wie die ­Hallenkirche St.-Petri-Pauli in seiner räumlichen Wirkung noch zu steigern«, heißt es in der Begründung der Jury. Den Architekten gelinge dies mit vergleichsweise einfachen, jedoch weitreichenden Eingriffen. So prägt das in seiner Dimension bescheidene Taufbecken den kompletten Kirchenraum. Konzentrische Kreise gehen von dort aus, setzen den Eindruck vom sich leicht bewegenden Wasser fort. Der symbolhafte Eindruck schafft Effekte. Selbst die fast experimentelle Ausstattung des Fußbodens der ­Kirche mit Beton ordnet sich diesen Gedanken unter. Eine opulente Beleuchtung, eine Bestuhlung mit modernen Kirchenbänken und das in sich geschlossene Gesamtkonzept schaffen einen eindrücklichen Sakralraum.

Für die Architekten ist dieser Fußboden ein zentrales Element. Die ­Fläche aus oberflächenbehandeltem Beton schlägt zeitlich eine Brücke in die Gegenwart und stellt räumlich eine Verbindung der wichtigsten Raumteile dar. Chor und Kirchenhalle werden stufenlos zusammengeführt.

Pfarrerin Simone Carstens-Kant weist besonders auf den einzigen Taufbrunnen in einer evangelischen Kirche in Deutschland hin. Er wurde während der Sanierungsarbeiten in den Boden eingelassen und bildet mit seiner modernen Form einen reizvollen Kontrast zur dreischiffigen Hallenkirche aus dem Mittelalter. 14 Taufen gab es im ersten Jahr im neuen Zentrum, davon zwei im Brunnen, berichtet sie. Das widerlege die beim Projektstart geäußerten Befürchtungen, es entstehe möglicherweise so etwas wie ein Tauftourismus. Wer sich für den Schritt entschließt, der soll das nicht losgelöst von seinem Lebensumfeld machen. »Wir wünschen uns, dass potenzielle Täuflinge Gläubige aus ihrer Gemeinde und natürlich ihre Familie mitbringen, um das Gemeinschaftsgefühl zu betonen«, sagt die Pfarrerin.

Zunehmend kommen »ganz normale« Besucher in die verlässlich geöffnete Kirche. Seit April 2012 waren es schätzungsweise 26000, im Jahr vor der Umgestaltung etwa 15000. Im Moment erleben sie noch eine Baustelle. Im Blick auf das ­Reformationsjubiläum 2017 sollen bis zum kommenden Jahr das Dach und die Fassade grundlegend saniert werden.

Im Vorgängerbau der St.-Petri-Pauli-Kirche wurde Luther 1483 getauft. Der mächtige Turm blieb bei den späteren Veränderungen erhalten, das Schiff wurde deutlich vergrößert. Unter anderem findet sich heute wieder der Taufstein des Reformators in dem Gotteshaus. Viele Jahrzehnte stand er in einem Garten, war Wind und Wetter ausgesetzt. Die ­erhaltenen Rudimente bilden heute den Kern einer schlichten Rekonstruktion.

Klaus-Peter Voigt

»Die entweihte Kirche«

9. April 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung in der Quedlinburger Stiftskirche erinnert an Vertreibung der Kirchengemeinde

Mit einem Gottesdienst wurde in der Quedlinburger Stiftskirche die Ausstellung eröffnet. Foto: Chris Wohlfeld

Mit einem Gottesdienst wurde in der Quedlinburger Stiftskirche die Ausstellung eröffnet. Foto: Chris Wohlfeld

Die entweihte Kirche«, heißt eine Ausstellung in Quedlinburg, die am Ostermontag in der Stiftskirche St. Servatius eröffnet wurde. Sie erinnert an die Vertreibung der Kirchengemeinde St. Servatii aus ihrem Gotteshaus durch die SS. Ostermontag 1938 feierte die Gemeinde dort ihren letzten Gottesdienst. Dann übernahm die SS die Schlüsselgewalt. SS-Führer Heinrich Himmler wollte die Stiftskirche zu einer Kult- und Wallfahrtsstätte für das ganze deutsche Volk machen. Ohne Wissen und Mitwirkung der Gemeinde sei der Vertrag über die künftige Nutzung der Kirche geschlossen worden, erläutert Ekkehard Steinhäuser, der heutige Pfarrer. Die Kirchenführung sei der Gemeinde in den ­Rücken gefallen, die Denkmalpfleger hätten mit den braunen Machthabern paktiert. »Das Kreuz wurde abgehängt, die Bibeln verschwanden, vom Turm der Kirche wehten die Fahnen der SS«, umreißt er die Situation vor einem Dreivierteljahrhundert.

Nach acht schrecklichen Jahren feierte man erst am 3. Juni 1945 wieder einen Gottesdienst. Die Schau in der Kirche schlägt den Bogen von Heinrich I. über den Staatsakt der NS-Prominenz am 2. Juli 1936 zu dessen 1000. Todestag, über Entweihung und Vertreibung bis zum Aufbau eines Kulttempels brauner Ideologie. Neben Text- und Fotomaterial werden in Vitrinen die Rede Himmlers, das Programm zur 1000-Jahr-Feier und Briefe gezeigt. Dazu kommen die Originaltagebücher des damaligen Pfarrers der Stiftskirche, Rudolf Hein.

Pfarrer Steinhäuser, Theologischer Vorstand der Domschätze Halberstadt und Quedlinburg, publiziert zur Ausstellung ein gleichnamiges Buch, das anhand bisher unerschlossenen Archivgutes die gesamte Verstrickung bei der »feindlichen Übernahme des Gotteshauses« dokumentiert.

In den Archiven fand Steinhäuser die Schriftwechsel des damaligen ­Superintendenten Johannes Schmidt, des Konsistoriums in Magdeburg und des Oberkirchenrats in Berlin mit den Reichsbehörden, insbesondere der SS. In diesen Akten werde deutlich, was sich zwischen Juli 1936, der Heinrichsfeier der SS, und Ostern 1938, der Vertreibung der Kirchengemeinde aus der Stiftskirche in Quedlinburg, abspielte.

Die Ausstellung konzipierte der Historiker Steffen Jindra. Das Thema Heinrich I., das Treiben der SS und Heinrich Himmlers beschäftigten ihn seit 15 Jahren immer stärker. Kritisch merkt der Filmemacher an, dass »keine dunkle Macht plötzlich auf Quedlinburgs Stiftskirche hinunterstürzte, niemand wurde mit Peitschen getrieben. Es war kein Alleingang Himmlers. All das gelang nur, weil alle an einem Strang zogen.« Der Großteil der Quedlinburger standen den Tätern zur Seite oder »ließen es lethargisch geschehen«. Jindra fügt an: »Widerstand war in Quedlinburg die absolute Ausnahme.«

Was damals an der Stiftskirche geschah, sei »ein Drama ohne Helden« gewesen. »Hier mischten sich Täter, Opportunisten, Mitläufer und Gleichgültige.«

Uwe Kraus

Das Prinzip Nachhaltigkeit

7. April 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Erinnert: Vor 300 Jahren entstand in Mitteldeutschland die moderne Waldwirtschaft

Auf der Ostermesse 1713 in Leipzig erschien ein Buch mit dem Titel »Von der wilden Waldaufzucht«. Es legte den Grundstein zu dem, was wir heute Nachhaltigkeit nennen. Sein Autor: Hans Carl von Carlowitz.

Hans Carl von Carlowitz, aus uraltem Adel, wird 1645 auf der Burg Rabenstein am westlichen Rand von Chemnitz geboren. Noch ist der 30-jährige Krieg nicht beendet. Sein Vater ist kurfürstlicher Oberaufseher des Floßwesens im Erzgebirge, Oberforst- und Landjägermeister. Der junge Hans von Carlowitz erhält sein Rüstzeug auf dem Gymnasium zu Halle an der Saale, auf  der Universität Jena und während einer »grand tour« quer durch Europa. Hans Carlowitz – ein mitteldeutscher Weltbürger.

Der »Vater« der Nachhaltigkeit: Hans Carl von Carlowitz (1645–1714)

Der »Vater« der Nachhaltigkeit: Hans Carl von Carlowitz (1645–1714)

Ein besonderes Problem drückte damals europaweit die Wirtschaft: Holzmangel. Die leidige Energiefrage, uns gut bekannt. Die Holznot bedrohte um 1700 auch den sächsischen Silberbergbau mit den zugehörigen Schmelzhütten in seiner Existenz. Die Umgebung der Bergstädte war entwaldet. Die Holzpreise stiegen unaufhörlich. Das Silber aus dem Erzgebirge aber war der Treibstoff der unstillbaren Baulust wie Prunksucht August des Starken. Der Edle von Carlowitz, als Oberberghauptmann und damit Rohstoffminister, dachte staatstragend aber auch sozial: Handel und Wandel, die »florirenden Commercia« müssten »zum Besten des gemeinen Wesens« dienen. Auch die »armen Untertanen« hätten ein Recht auf »sattsam Nahrung und Unterhalt«. Aber dasselbe Recht stehe »der lieben Posterität«, den Nachkommen in Generationen ebenfalls zu.

In klaren Umrissen wird schon das Dreieck der modernen Nachhaltigkeit sichtbar: Die Ökonomie hat der »Wohlfahrt« des Gemeinwesens zu dienen. Sie ist zu einem schonenden Umgang mit der »gütigen Natur« verpflichtet und an die Verantwortung für künftige Generationen gebunden. Von Carlowitz kritisiert das auf kurzfristigen Gewinn, auf »Geld lösen«, ausgerichtete Denken. Gegen den Raubbau am Wald setzt von Carlowitz die ­eiserne Regel: »Daß man mit dem Holtz pfleglich umgehe.«

Dabei ist für den frommen Lutheraner die Natur kein bloßes Ressourcenlager, sondern zunächst das Werk göttlicher Allmacht und Vorsorge (»Providentia«): Der Mensch müsse in dem »grossen Welt-Buche der Natur studiren«. Er müsse erforschen, wie »die Natur spielet«, und dann »mit ihr agiren« und nicht wider sie und gegen Gott.

In seinem Buch plädiert von Carlowitz für ein Bündel von Maßnahmen: Eine – modern ausgedrückt – Effizienzrevolution schwebt ihm vor. Zum Beispiel durch die Verbesserung der Wärmedämmung beim Hausbau und die Verwendung von energiesparenden Schmelzöfen und Küchenherden, die planmäßige Aufforstung durch das Säen und Pflanzen von Bäumen, die Suche nach »Surrogata« (Ersatz) für das Holz. Bei der Erörterung, »wie eine sothane Conservation und Anbau des Holtzes anzustellen, daß es eine continuirliche, beständige und nachhaltende Nutzung gebe«, taucht dann zum ersten Mal der uns heute so geläufige Begriff auf.

Das Buch entfaltete eine beachtliche Tiefenwirkung. Für die Kameralisten der deutschen Kleinstaaten wird es Pflichtlektüre. In den Harzforsten der Grafen Stolberg-Wernigerode tauchte der Carlowitzsche Begriff 1757 in den »Grundsätzen der Forst-Oeconomie« auf. Und nur drei Jahre später unterzeichnet in Weimar die blutjunge wie bildschöne herzogliche Witwe Anna Amalia eine sanfte »Taxation« der herrschaftlichen Wälder und damit Finanzpfründe. »… diese sollten geometrisch gemessen und forstmäßig beschrieben werden und eine auf richtigen Grundsätzen der Forstwissenschaft festgesetzte neue und nachhaltige Forsteinrichtung erhalten.«

Diese Unterschrift gilt als Start der ­ersten flächendeckenden Forstreform, die sich ausdrücklich auf das Prinzip Nachhaltigkeit beruft. Wenig später beginnt Minister Goethe mit der systematischen Umsetzung. Nachhaltigkeit erlangte im Laufe des 19. Jahrhunderts weltweite Geltung. Absolventen deutscher Forsthochschulen wirkten in Russland, in Frankreich, selbst in Indien und in den USA. Sie machten »sustained yield forestry«, »nachhaltige Forstwirtschaft« zu einem Schlüsselbegriff.

Bis zu »sustainable development«, der »nachhaltigen Entwicklung«, des globalen Diskurses an der Schwelle zum 21. Jahrhundert war es zumindest begrifflich dann nur noch ein kleiner Schritt. Der für die aktuelle Diskussion maßgebliche Brundtland-Bericht der Kommission der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung aus dem Jahre 1987, benannt nach der taffen Protestantin und damaligen norwegischen Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland, die ihre Sozialethik beim Ökumenischen Rat der Kirchen gelernt hatte, beschrieb »nachhaltige Entwicklung« in Anlehnung an Carlowitz: »Im wesentlichen ist dauerhafte bzw. nachhaltige Entwicklung ein Wandlungsprozess, in dem die Nutzung von Ressourcen, das Ziel von Investitionen, die Richtung technologischer Entwicklung und institutioneller Wandel miteinander harmonieren und das derzeitige und künftige Potenzial vergrößern, menschliche Bedürfnisse und Wünsche zu erfüllen.«

Freilich: Guter Umgang mit lebenserhaltenden Ressourcen und Rücksichtnahme auf Nachkommende gab es schon vor Carlowitz und in vielen Kulturen. Eine sehr frühe Nachhaltigkeitsregel ist in der Heiligen Schrift enthalten. Sie steht im 5. Buch Mose, Kapitel 22, Verse 6-7, und beschreibt ganz unromantisch, wie tragfähige Ressourcenschonung praktiziert werden sollte, damit Segen bleibt. »Wenn du unterwegs ein Vogelnest findest auf ­einem Baum oder auf der Erde mit Jungen oder mit Eiern und die Mutter sitzt auf den Jungen oder auf den Eiern, so sollst du nicht die Mutter mit den Jungen ­nehmen, sondern du darfst die Jungen ­nehmen, aber die Mutter sollst du fliegen lassen, auf dass dir’s wohlgehe und du lange lebest.«

Hans-Joachim Döring

Der Autor ist Umweltbeauftragter der EKM und Leiter des Lothar-Kreyssig-Ökumenezen­trums in Magdeburg.

www.carlowitz-gesellschaft.de

Literaturtipp: Grober, Ulrich: Die Entdeckung der Nachhaltigkeit. Kulturgeschichte eines Begriffs, Kunstmann Verlag, 300 Seiten, ISBN 978-3-88897-824-1, 14,95 Euro

Traumjob im zweiten Anlauf

15. Januar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Dorothea Schulz-Ngomane arbeitet als Pfarrerin der Evangelischen Gemeinde deutscher Sprache in Kenia

Von Magdeburg nach ­Ostafrika: Seit drei Jahren lebt und arbeitet Dorothea Schulz-Ngomane als ­Pfarrerin in Nairobi.

Zwischen Magdeburg und Nairobi ist eigentlich alles anders«, meint Dorothea Schulz-Ngomane, von der Evangelischen Gemeinde Deutscher Sprache in Kenia. Mit Rückblick auf acht Jahre Dienst in verschiedenen Stadtgemeinden in der Hauptstadt von Sachsen-Anhalt und inzwischen drei Jahren Erfahrung in der ostafrikanischen Metropole Nairobi kann sie sich in dieser Einschätzung ziemlich sicher sein. Natürlich seien sich Gemeinden im Allgemeinen auch ähnlich. Sie nennt das Kirchenjahr mit seinen Festen, das Gotteshaus als Ort der inneren Einkehr, aber auch als Platz für gezeigte Freude oder Heilung von Konflikten. Das Besondere in Kenia aber sei das gesamte Drumherum.

Wohnen und arbeiten in tropischer Blütenpracht: Dorothea Schulz-Ngomane auf der Terrasse ihres Pfarrhauses. Foto: Andreas Herrmann

Wohnen und arbeiten in tropischer Blütenpracht: Dorothea Schulz-Ngomane auf der Terrasse ihres Pfarrhauses. Foto: Andreas Herrmann

Zur Gemeinde von Dorothea Schulz-Ngomane gehören viele Familien, deren Leben vom Entwicklungsdienst bestimmt ist. Andere sind in Kenia politisch aktiv, zum Beispiel bei Stiftungen. Sehr viele aber auch wirtschaftlich, denn Kenia hat bei allen Entwicklungsproblemen ein gutes Investitionsklima. Das zieht auch deutsche Firmen an. Den Gottesdienst besuchen Diplomaten und andere, die nach wenigen Jahren wieder das Land wechseln und in neue Kulturkreise gehen oder eben von dort her nach Kenia kommen. Die Mehrzahl der Gemeindeglieder liegt im Alter zwischen 30 und 50 Jahren. Darauf und auf die hohe Fluktuation der Gemeindemitglieder muss sich die Pfarrerin einstellen.

Auf der anderen Seite gibt es auch Familien, die schon seit Jahrzehnten hier wohnen, mit Ehepartnern aus Kenia. Das bringt wiederum Kontinuität in die Gemeinde, die immerhin schon seit 45 Jahren besteht und mit etwa 150 Mitgliedern wie ein Verein organisiert ist. Der Gemeindesaal befindet sich gleich neben der Deutschen Botschaft in Nairobi.

Dorothea Schulz-Ngomane ist in Halle geboren und in einem Dorf im Saalkreis aufgewachsen. Ihre Schulzeit verbrachte sie in Potsdam, studierte in Berlin und Rostock Theologie und lernte Portugiesisch. Letzteres brachte sie in Kontakt zu ihrem heutigen Mann Salomon, der als DDR-Vertragsarbeitnehmer aus Mosambik nach Berlin gekommen war. Im Ostteil der Stadt entstand mit der »Cabana« 1986 die erste kirchliche Begegnungsstätte für In- und Ausländer, in der die junge Studentin aktiv mitarbeitete. Salomon konnte nach der Wende in der neuen Bundesrepublik bleiben und Sozialpädagogik studieren. Stolz sind beide auf ihre kleine Familie mit drei Jungs im Alter von 20, 15 und acht ­Jahren.

»Wir wollten immer hier in Afrika leben und arbeiten«, meint Dorothea Schulz-Ngomane. Der Sprung nach Kenia klappte dennoch erst im zweiten Anlauf: Beim ersten Versuch waren die Kinder noch zu klein und es gab Unruhen im Land. Dann – mitten in der Adventszeit 2009 – sei plötzlich alles sehr schnell gegangen, erzählt sie. Drei Kandidaten reisten nach Nairobi zum Probegottesdienst und Dorothea Schulz-Ngomane wurde von der Gemeinde, die mit der Kenya Evangelical Lutheran Church (KELC) verbunden ist, für gut befunden und gewählt. Die Hälfte ihrer sechsjährigen Dienstzeit hat sie mittlerweile absolviert. Eine Verlängerung ist möglich, aber, so schränkt die Pfarrerin ein, da müsse sie noch schauen, wie das mit den Kindern gehe.

Andreas Herrmann

Geschichte einer großen Liebe

14. September 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Theaterstück »Editha my Love« in Magdeburg zu sehen

Sie wurde nur 36 Jahre alt und aus ihrem Leben ist wenig überliefert. Dennoch ist Editha, Tochter aus angelsächsischem Königshaus und erste Gemahlin Otto I., bis heute in Erinnerung geblieben: Als Frau von ausgesprochen gutem Ruf, die gewissenhaft ihre Pflichten als Erste Frau des ostfränkischen Königreiches erfüllte und ihrem Mann zwei Kinder gebar. Otto, vor die Wahl gestellt, sie oder ihre Schwester zu heiraten, entschied sich für Editha. Und er soll sehr getrauert haben, als sie am 26. Januar 946 unerwartet starb.

"Compagnie Magdeburg 09"

"Compagnie Magdeburg 09"

Wo es an gesicherten Überlieferungen fehlt, erhält die Phantasie Raum. Aus beidem webt die »Compagnie Magdeburg 09« ein Stück, welches ­unter dem Titel »Editha my Love« am 14. September in Magdeburg seine Uraufführung erlebt. Bernd Kurt Goetz (Regie gemeinsam mit Gisela Begrich) und Christoph Deckbar (Musik) entschieden sich, die Königin als eine selbstbewusste Frau darzustellen, »deren Mildtätigkeit Ausdruck einer Lebenshaltung ist«, die sie auch gegenüber ihrem Mann verteidigt. Mit dem Stück will »ich das überlieferte Bild von Editha bestätigen, nicht hinterfragen«, so Götz.
Edithas Geschichte erzählt die »Compagnie Magdeburg 09« mit einer Fülle von Szenen und eingebettet in die Geschichte der Zeit. Das Stück solle »auch die zwei Seiten Ottos« deutlich machen, so Gisela Begrich, den liebenden Mann und den König, der um Machterhalt und Machterweiterung kämpft.

Außer dem Königspaar treten auf: Ottos Parteigänger, Markgraf Gero, König Heinrich und Königin Mathilde, Ottos Halbbruder Thankmar und viele andere. Die Hauptrolle der Editha hat Franziska van der Heide (Berlin) übernommen, als junger Otto ist Thomas Streipert (Leipzig) zu sehen.
Die Compagnie will sich einklinken in die Geschichte der Ottonen und zugleich mit ihrem Stück unterhalten. Wie das gelingt, können Theaterfreunde ab 14. September in Magdeburg erleben.

Angela Stoye

Aufführungen am 14., 15., 28. und 29. September, 2., 3., 5., 6., 19., 20. 23. und 24. Oktober sowie am 16., 17., 20. und 21. November, immer um 19.30 Uhr im Kaiser-Otto-Saal des Kulturhistorischen Museums.

www.CMD-09.de

Ein machtbewusster Herrscher

5. September 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: »Otto der Große und das Römische Reich« zeigt 1000 Jahre Geschichte


Magdeburg lädt zum dritten Mal zu einer großen Ausstellung über den Sachsenkönig ein, der Grundlagen für das Europa von heute schuf.

Die Schatzkammer ist geöffnet. In der Landesausstellung »Otto der Große und das Römische Reich. Kaisertum von der Antike zum Mittelalter« im Kulturhistorischen Museum in Magdeburg dokumentieren 350 wertvolle Originale 1000 Jahre europäische Geschichte. Sachsen-Anhalts Landeshauptstadt lädt damit zum dritten Mal zu einer großen Ausstellung über den Sachsenkönig ein, der sich in Rom vom Papst zum Kaiser krönen ließ. Er schuf Grundlagen für das Europa von heute. Magdeburg brachte er einst als Morgengabe seiner ersten Frau Editha dar; hier gründete er 968 ein Erzbistum. Und hier im Dom ist er, ebenso wie seine Gemahlin, begraben. Folgerichtig wurde die Ausstellung am 26. August mit einem Festakt im Dom eröffnet.

Landesbischöfin Ilse Junkermann begrüßte die Gäste und würdigte Otto den I. als Begründer des modernen Europa. Er habe große Macht errungen und diese vermehrt. Aber er sei sich auch der Grenzen seiner Macht bewusst gewesen und ruhe nun in Demut zu Füßen des Altars. Kaiser Otto solle uns dazu anhalten, »heute bewusst über die Grenzen unseres Handelns nachzudenken und Grenzen als Hilfen anzuerkennen«, mahnte sie. Und Gerhard Feige, Bischof des Bistums Magdeburg, blickte in seinem Grußwort zurück auf die Rolle der Kirche. Sie habe bereits im Römischen Reich zum Erhalt der Macht beigetragen und verlor so einen beträchtlichen Teil ihrer Freiheit. »Alle religiösen Streitigkeiten hatten zugleich politische Dimension«, stellte er fest.

Mit dem Kaisertum sei ein universeller Herrschaftsanspruch verbunden; die Ausstellung führe zu den historischen Wurzeln dieser Idee, stellte ihr Schirmherr, Bundestagspräsident Norbert Lammert, fest. Die Pflege historischer Zusammenhänge sei eine staatliche Aufgabe, begründete er, dass er gern die Schirmherrschaft übernommen habe.

Wer angesichts der Büsten, Reliefs, Schmuckstücke, Münzen von 138 Leihgebern aus 17 Ländern in ganz Europa die Zusammenhänge zwischen dem römischen Kaisertum und Ottos Herrschaftsanspruch erfassen möchte, muss vor allem eines mitbringen: Zeit.

Intensives Betrachten haben die Exponate verdient. Wertvolle Goldschmiedearbeiten, feine Elfenbeinschnitzereien, prächtige Bücher, kunstvolle Steinmetzarbeiten und beeindruckende Textilien sind versammelt. Die 2005 auf dem Palatin gefundenen Insignien des Kaisers Maxentius – die einzigen erhaltenen römischen Insignien – sind erstmals in Deutschland zu sehen und auch nicht während der gesamten Ausstellungszeit, da ein Teil im Oktober nach Mailand geht. Die bereits in der ersten Otto-Schau 2001 zu bewundernde Heiratsurkunde der byzantinischen Prinzessin Theophanu, die Ottos Schwiegertochter wurde, gehört erneut zu den Höhepunkten der Ausstellung. Die Eheschließung bescherte Otto I. die ersehnte Anerkennung durch Byzanz. Mit dem Chludow-Psalter aus dem Staatlichen Historischen Museum Moskau ist eine der ältesten byzantinischen Handschriften vertreten. Zu den Leihgebern gehören die Vatikanischen Museen und die Kapitolinischen Museen in Rom, die französische Nationalbibliothek in Paris und das Kunsthistorische Museum Wien.

In fünf Abschnitten zeichnet die Ausstellung chronologisch 1000 Jahre Kaisertum nach, von Augustus über Konstantin und das christliche Kaisertum zu Byzanz, wo das Kaisertum kontinuierlich bis ins 15. Jahrhundert fortbestand. Karl der Große knüpfte im 9. Jahrhundert bereits bewusst an die antiken Vorbilder an. Nach seinem Tod erlosch das Kaisertum nördlich der Alpen infolge der Reichsteilungen durch Erbschaft, bis es 962 mit der Krönung Ottos in Rom für 900 Jahre etabliert wurde. Wer all das anhand der Exponate nachverfolgen möchte, ist mit einem Audioguide am besten unterwegs.

Renate Wähnelt

Ausstellung bis 9. Dezember im Kulturhistorischen Museum Magdeburg, Otto-von-Guericke-Straße 68–73
Öffnungszeiten: täglich 10 bis 18 Uhr
Eintrittspreise: 12 Euro, ermäßigt 9 Euro; Gruppen ab 12 Personen 9 Euro pro Person
Rahmenprogramm mit Vorträgen, Langen Nächten, Führungen; Museumspädagogische Angebote; Kinderbetreuung
Domgemeinde: spezielle Führungen im Dom, Buchung unter Telefon (0391) 5432414 und am Kartentisch im Dom
Korrespondenzausstellungen zu Otto dem Großen in Wallhausen, Halberstadt, Merseburg, Memleben, Quedlinburg, Tilleda und Gernrode bis zum 9. Dezember
Kultur-Ticket-Spezial der Deutschen Bahn (www.bahn.de/kultur)

www.otto2012.de

»Jauchze, singe, jubiliere«

24. März 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Telemann-Festtage präsentierten den Komponisten als lutherischen Kirchenmusiker

Es war ausgerechnet der diesjährige Telemann-Preisträger, der Leipziger Cellist Siegfried Pank, der Oberbürgermeister Lutz Trümper in Erklärungsnot brachte. Obwohl Magdeburg gerade mitten in einer Ottostadt-Kampagne steckt, konnte sich der geehrte Interpret und Hochschullehrer einen Vorschlag nicht verkneifen. »Wie wäre es«, fragte er bei seiner Dankesrede nach der Verleihung des Preises, »mit der Telemann-Stadt Magdeburg.«

Abschlusskonzert der Magdeburger Telemann-Festtage mit dem Barockorchester B’Rock aus Gent. – Foto: Engelbert Dudek

Abschlusskonzert der Magdeburger Telemann-Festtage mit dem Barockorchester B’Rock aus Gent. – Foto: Engelbert Dudek

Doch es brauchte in den vergangenen Tagen gar nicht dieses offiziellen Titels. Auch sonst stand Magdeburg vom 9. bis zum 18. März ganz im Zeichen von Georg Philipp Telemann (1681–1767), des zumindest musikalisch berühmtesten Sohnes der Stadt. Unter dem Motto »Betont! 50 Jahre Telemann aus Magdeburg« lockten gut 50 Veranstaltungen am Ende rund 7500 Besucher an.

»Die Vielfalt war noch nie so groß«, zeigte sich der wissenschaftliche Leiter des Zentrums für Telemann-Pflege und -Forschung, Carsten Lange, überzeugt. So standen unter anderem Telemanns Passionsoratorium »Der Tod Jesu«, geistliche Kantaten und Orgelmusik, die moderne Wiederaufnahme der Oper »Miriways« sowie das Oratorium »Der Tag des Gerichts« auf dem Festivalprogramm.

Dagegen nahmen sich die Anfänge vor 50 Jahren überaus bescheiden aus. Damals habe es an drei Tagen fünf Konzerte gegeben, blickte der Oberbürgermeister zurück. Im Jubiläumsjahrgang erstreckte sich das Festival nun erneut über zehn Tage. Und zur guten Resonanz trugen nicht zuletzt die hervorragenden Musiker bei: von den Dirigenten David Stern und Reinhard Goebel über die Virtuosi Saxoniae unter Leitung von Ludwig Güttler bis zu den Solisten Hille Perl und Patrick van Goethem.

Doch es war auch aus anderer Sicht ein bedeutsames Musikfestival. Seit 1962 sind die Festtage aufs engste mit der internationalen Telemann-Rezeption und modernen Erstaufführungen verbunden. In diesem Jahr lag ein Hauptaugenmerk – passend zur Lutherdekade – zudem auf der Kirchenmusik des Komponisten, die ganz in lutherischer Tradition steht.

Programmatisch wurde es beim Konzert »Telemann und Luther«, das sich bewusst am Themenjahr »Reformation und Musik« orientierte und den Blick auf das von Luther geprägte und eingeführte Liedgut der Reformation lenkte. Telemann verwendete Lieder in vielfältiger Weise in seinen Werken. In den fünf erstmals wieder erklingenden Kompositionen verarbeitete er Texte und Melodien Luthers. Dazu gehören das schon 1524 in Magdeburg in Umlauf gebrachte »Es woll uns Gott genädig sein«, »Es spricht der Unweisen Mund wohl«, »Vater unser im Himmelreich«, »Mitten wir im Leben sind«, »O Herre Gott, dein göttlich Wort« und »Ein feste Burg ist unser Gott«.

Ergänzt wurde das Programm durch Choralbearbeitungen Telemanns über Melodien von Luther-Liedern für Orgel. Auch hier habe sich Telemann dem Kernbestand des protestantischen Liedgutes zugewandt, hieß es.

Aber auch an anderer Stelle war das kirchenmusikalische Werk Telemanns präsent, was bei mehr als 1700 Kirchenkantaten nicht weiter verwundert. Das spiegelte sich etwa im Konzert »Jauchze, singe, jubiliere« wieder, bei der in Magdeburg neben der Kapitänsmusik 1730 auch zwei Kantaten zur Zweihundertjahrfeier der Augsburgischen Konfession von der Merseburger Hofmusik unter der Leitung von Michael Schönheit aufgeführt wurden. Hier, so Ralph-Jürgen Reipsch, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Telemann-Zentrum, zeige sich letztlich auch sein Standpunkt als Christ und lutherischer Kirchenmusiker, dem das Gotteslob ein zentrales Anliegen war.

Martin Hanusch

Das Passionsoratorium »Der Tod Jesu« wurde von MDR-Figaro mitgeschnitten und soll am Karfreitag (6. April) um 13.05 Uhr ausgestrahlt werden.

Faszinierende Epoche

3. September 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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800. Domjubiläum: Das Kulturhistorische Museum Magdeburg zeigt Sonderausstellung »Aufbruch in die Gotik«

Die Ausstellung vermittelt Einblicke in eine Epoche, in der neben der Architektur auch die Kunst, Kultur und die Lebenswelt der Menschen einen Umbruch erfuhr.

Die sogenannte Kleine Ecclesia aus dem Straßburger Münster wurde um 1230 aus rötlichem Sandstein gearbeitet. Kunsthistoriker sehen in ihr aber eine Darstellung, die im 13. Jahrhundert sehr oft zu finden ist: die Königin von Saba. Nach alttestamentlicher Überlieferung trat sie vor König Salomo, um seine Weisheit zu prüfen. (Foto: Kulturhistorisches Museum Magdeburg)

Die sogenannte Kleine Ecclesia aus dem Straßburger Münster wurde um 1230 aus rötlichem Sandstein gearbeitet. Kunsthistoriker sehen in ihr aber eine Darstellung, die im 13. Jahrhundert sehr oft zu finden ist: die Königin von Saba. Nach alttestamentlicher Überlieferung trat sie vor König Salomo, um seine Weisheit zu prüfen. (Foto: Kulturhistorisches Museum Magdeburg)

Zwei mit brauner Tinte eng beschriebne Papierseiten erzählen die Geschichte zum Jubiläum: Am Palmsonntag 1207 zog der neue Erzbischof Albrecht II. von Käfernburg, aus Rom kommend, in Magdeburg ein. Am Karfreitag brach im Breiten Weg ein Feuer aus, das nicht nur die Stadt, sondern auch den Dom Kaiser Ottos vernichtete. Noch im selben Jahr ließ der Domkustos die stehen gebliebenen Mauern abreißen.

Die Magdeburger Schöppenchronik zählt nicht nur zu den wichtigsten Stadtchroniken des deutschen ­Spätmittelalters. Ihr erster Verfasser, ­Heinrich von Lamspringe, schrieb im 14. Jahrhundert die Ereignisse auf, die zur Grundsteinlegung für den Neubau des Magdeburger Domes im Jahr 1209 führten. Es ist die ausführlichste Quel­le zum damaligen Geschehen, in der sich auch das rege Interesse des Magdeburger Stadtrates widerspiegelt.

Für die sachsen-anhaltische Landesausstellung »Aufbruch in die Gotik«, die am 30. August zum 800-jährigen Domjubiläum im Kulturhistorischen Museum eröffnet wurde, ist die Chronik als Leihgabe der Staatsbibliothek Berlin nach Magdeburg zurückgekehrt. Weitere Leihgaben aus zehn europäischen Ländern und den USA, insgesamt rund 400 Exponate, berichten in acht Abteilungen über einen faszinierenden Abschnitt des Mittel-
alters. Der Magdeburger Dom, erste gotische Kathedrale auf deutschem Boden und das zweitgrößte gotische Bauwerk nach dem Kölner Dom, steht auch für einen Wandel auf anderen Gebieten.

Denn im Aufbruch waren nicht nur Baumeister, die die neuen Formen aus Frankreich nach Deutschland brachten und die Romanik als Baustil ablösten. Über den Kaiserdom Ottos des Großen, Neuerungen beim Bau des gotischen Domes und seine Vorbilder, die gotische Architektur insgesamt ­sowie Kirchenschätze informieren die Abteilungen eins bis vier der Schau. Der Sarkophag der Königin Editha, die Skulptur der heiligen Kunigunde vom Bamberger Dom sowie Goldschmiedekunst aus dem 13. Jahrhundert sind herausragende Exponate.

Geistliche, die an den neu gegründeten Universitäten in Italien und Frankreich ausgebildet worden waren, sorgten ab 1200 für einen Kultur- und Wissenstransfer, dem sich die fünfte Abteilung der Schau widmet. Im Abschnitt »Herrschaft und Gesellschaft« geht es um die Tatsache, dass sich unter dem Stauferkaiser Friedrich II. das politische Gewicht im Heiligen Römischen Reich auf weltliche und geistliche Landesherren verlagerte. In dieser Zeit schrieb Eike von Repgow das bedeutendste deutsche Rechtsbuch des Mittelalters, den »Sachsenspiegel«. In der Ausstellung ist hierzu die prachtvolle, um 1300 entstandene Heidelberger Bilderhandschrift vertreten. Kapitel sieben widmet sich dem »Bild von der Welt«, das um 1200 weit gereiste Kaufleute, Pilger und Kreuzfahrer in Bewegung brachten. Auch die Städte erlebten in dieser Zeit einen Aufschwung. Einblicke in das Leben wohlhabender Bürger bietet der letzte Teil der sehenswerten Schau.

Ergänzt wird sie um Begleitausstellungen, die sich ebenfalls unterm Dach des Kulturhistorischen Museums befinden. In »Der Dom und die Steine« ist zusehen, woher das Material für den Magdeburger Dom kam. Die Wanderausstellung »Von der Kunst, mit Vögeln zu jagen. Das Falkenbuch Friedrichs II.« informiert über eine der berühmtesten Handschriften aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Dem »Klang der Gotik« schließlich können Besucher in einem Musikerlebnisraum lauschen, den Fachleute für historische Musikinstrumente und Aufführungspraxis vom Schloss Wernsdorf bei Bamberg gestaltet haben.

Die Ausstellung »Aufbruch in die Gotik – Magdeburg und die späte Stauferzeit« im Kulturhistorischen Museum Magdeburg ist bis 6. Dezember zu sehen.

Angela Stoye


www.gotik2009.de